Der kleine Erziehungsratgeber

Zwei Kinder stehen einander gegenüber in einem Garten, ihre Gesichter sind nicht zu sehen. Das linke Kind hält eine elektrische Heckenschere, das rechte eine rote Kettensäge. Zwischen ihnen ragt eine Axt mit blauem Kopf und gelbem Stiel vom Boden in die Luft. Das Kind, das die Axt hält, liegt hinter dem Grünzeug am Boden und ist nicht zu sehen. Die drei Werkzeuge kreuzen sich über einem üppig bewachsenen Blumenbeet mit grünen Blättern, Tulpen und gelben Narzissen. Im Hintergrund steht ein Holzzaun aus senkrechten Brettern. Das Bild ist aus niedriger Perspektive aufgenommen, beinahe auf Höhe der Blumen.

Zur neurodivergenzsensiblen naturnahen Werkzeugsozialisation unter besonderer Berücksichtigung unterschiedlicher Begabungsprofile im geschwisterlichen Arbeitsverbund

Eine der bedenklichsten Entwicklungen gegenwärtiger Erziehung besteht in der zunehmenden Entfremdnung des Kindes von produktiver körperlicher Arbeit.

Während frühere Generationen ab dem Kindergartenalter eigenständig Brennholz sammelten, Nutztiere versorgten und gelegentlich den elterlichen Hof gegen einfallende Soldaten verteidigten, beschränkt sich die moderne Entwicklungsförderung auf das Sortieren bunter Holzklötze, das Erschaffen von jahreszeitlich passender Fensterdekoration und der zentralen Frage, ob sich das Kind bei alledem auch ausreichend gesehen fühlt.

Die Folgen sind verheerend.

Immer mehr Heranwachsende erreichen die Pubertät, ohne jemals schweres Arbeitsgerät in der Hand gehalten zu haben.

Das vorliegende Bild dokumentiert daher ein erfrischend konsequentes Gegenmodel im Versuchsaufbau neurodivergenzsensibler altersheterogener Werkzeugexposition im Rahmen familiärer Sebstwirksamkeitsförderung.

Wir sehen drei Kinder, die mit unterschiedlichen Schneidwerkzeugen ausgerüstet und anschließend weitestgehend sich selbst überlassen wurden. Die Arbeitsgeräte korrelieren hier in geradezu mustergültiger Weise mit individuellen kognitiven Voraussetzungen.

Links im Bild sehen wir den ältesten Sohn. Er hält eine Heckenschere. Eine pädagogisch nahezu geniale Entscheidung. Die Heckenschere besitzt die Eigenschaft, innerhalb kürzester Zeit eine außerordentlich hohe Anzahl mechanischer Schneidbewegungen auszuführen, die jedoch seitens des arbeitenden Kindes keinerlei feinmotorische Einzelentscheidung über jeden Schnitt erfordern.

Sie überträgt gewissermaßen die motorische Unruhe ihres Bedieners auf ein technisches System und transformiert diese in eine gesellschaftlich akzeptierte Form produktiver Aktivität. Besonders bei Aufmerksamkeitsdefizitstörungen versuchen herkömmliche Förderkonzepte immer noch, das Kind zum Stillsitzen anzuhalten, hier eröffnet die Heckenschere einen revolutionären Perspektivwechsel:
Nicht das Kind muss still werden – die Umwelt muss sich mitbewegen!

Für den Kobold ergibt sich daraus zugleich eine klare soziale Funktion: Er übernimmt die Regulierung des familiären Außenraums. Was übersteht, wird korrigiert, unerwünschtes Wachstum wird zuverlässig unterbunden – hier ist naheliegend, eine frühe Vorbereitung auf leitende Verwaltungsfunktionen zu vermuten.

Rechts im Bild befindet sich die Kriegerin, das in dieser Geschwisterkonstellation mittlere Kind. Ihr wurde eine Kettensäge zugewiesen.

Während die Heckenschere lediglich korrigiert, trifft die Kettensäge Grundsatzentscheidungen. Hier geht es nicht länger um kosmetische Anpassungen bestehender Strukturen, sondern um deren vollständige Beseitigung. Die Bedienung verlangt antizipatorisches Denken, räumliche Vorstellungskraft und die Fähigkeit, irreversible Entscheidungen unter Bedingungen unmittelbarer Konsequenz zu treffen.

Wir sprechen hier von exekutiver Hochleistungsplanung unter Bedingungen potenzieller Strukturauflösung.

Gerade für mittlere Geschwisterkinder ist diese Erfahrung entwicklungspsychologisch bedeutsam. Zwischen dem Autoritätsanspruch der älteren Geschwister und der vermeintlichen Schutzbedürftigkeit des jüngsten Kindes geraten ihre Bedürfnisse häufig ins Hintertreffen.

Die Übergabe einer Kettensäge beendet derartige Hierarchiediskussionen auf bemerkenswert effiziente Weise. Wer über das leistungsstärkste motorisierte Schneidgerät verfügt, muss seine Bedeutung innerhalb des Familiensystems nur noch selten verbal erläutern.

Von herausragendem wissenschaftlichem Interesse ist jedoch der am Boden liegende Butz, das neurodiverse und hochbegabte jüngste Kind.

Während seine älteren Geschwister aufrecht stehen und hochentwickelte technische Geräte bedienen, liegt er am Boden und hält eine geradezu archaisch anmutende Axt empor.

Die Axt repräsentiert das kulturhistorische Fundament menschlicher Werkzeugnutzung. Während seine älteren Geschwister auf komplexe technische Systeme angewiesen sind, genügt dem intellektuell überlegenen Jüngsten ein Stiel mit einer Metallklinge, um vollkommen neue Anwendungsmöglichkeiten zu erschließen.

Seine horizontale Position dokumentiert dabei die charakteristische Bereitschaft, gesellschaftlich etablierte Grundannahmen kritisch zu hinterfragen. Es handelt sich hier keinesfalls um Faulheit oder Bequemlichkeit, wie der unwissende Beobachter vielleicht zunächst fälschlicherweise mutmaßen könnte. Wir begegnen hier einer kognitiven Entkopplung von konventionellen Arbeitspositionen, die in der Begabungsforschung bislang sträflich vernachlässigt wurde.

Seine Positionierung am Boden liegend schafft gleichzeitig ein anspruchsvolles Lernfeld für seine Geschwister. Hier wird Rücksichtnahme unter erhöhter Konsequenzdichte geschult.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass dieses Erziehungsmodell den herkömmlichen Ansätzen deutlich überlegen ist.

Es berücksichtigt Alter, Neurodivergenz, Hochintelligenz, Geschwisterhierarchie, handwerkliche Kompetenz und autonome Entscheidungsfindung in einem einzigen, bemerkenswert materialeffizienten Lernsetting.

Der Älteste reguliert – die Heckenschere kanalisiert.
Die Mittlere analysiert – die Kettensäge strukturiert.
Der Jüngste revolutioniert – die Axt dekonstruiert.

Eine eindrucksvollere Demonstration von Selbstwirksamkeit, Geschwistervertrauen und begabungsgerechter Verantwortungsübertragung ist wissenschaftlich kaum vorstellbar.

Morpheus vs. Merowinger

Es ist meine absolute Lieblingsszene aus allen Matrixfilmen.

Der Merowinger, pure Laszivität, Lust an Sprache, Inhalt und Form. Er spricht mit einer an Anstößigkeit grenzenden Lebendigkeit, bleibt dabei außerhalb jeder Berechnung, er ist das Spiel.
Das macht ihn so verführerisch.

Morpheus. Morpheus ist zu Fels gewordene Überzeugung.
Es gibt nur falsch und richtig.
Das macht ihn so verführerisch.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass Morpheus ohne jede Regung, ohne Grautöne, ohne jeglichen Zweifel mehr verkündet als behauptet:

Everything begins with choice.

Der Merowinger zögert ebenfalls nicht in seinem Widerspruch:

No, wrong. Choice is an illusion created between those with power and those without.

Und beide haben Recht.

Würgen

Ungeschützt.

Einmal mehr.

Ich hänge über dem Klo und würge mir die Verletzlichkeit aus der Seele, Närrin, ich. Eiskalte Schauer über meinen Rücken. Die Bedrohung, die keine ist, ich weiß es ja. Und doch kommt die Ohnmacht wieder. Aushalten. Ausharren. Was hat man alles preisgegeben? Was werden sie gegen mich verwenden? Vergangenheit und Gegenwart diffundieren, bis sie sich nicht mehr voneinander trennen lassen. Die Amygdala würgt weiter, bis der Magen leer ist. Lauf! Flieh! Kämpfe! Ertrage! In meinem Kopf dreht sich alles, bis ich erschöpft zur Seite kippe. Da war.. Hoffnung. Da ist… Erkenntnis, nicht gesehen zu werden. Nicht von ihm. Nicht von dem, der all die Wunden geschlagen hat. Der den Weg noch schwerer gemacht hat. Und leichter. Wir dürfen nicht vergessen, dass es Gutes gab. Natürlich gab es Gutes! Aber die Amygdala kann keine Dankbarkeit. Keine Demut. Das kann nur der Neocortex. Und der hat mich zu oft verraten. Einmal noch vertrauen, diesmal ist es anders, vielleicht hat er sich geändert, vielleicht noch eine Chance, noch eine Chance, noch zwei Chancen, noch hundert Chancen, noch ein Jahr, noch 10 Jahre, noch einmal…

Vom Glück

Glück – das ist auch, während man in den Herbstferien ausschlafen darf, von einer WhatsApp der Kriegerin geweckt zu werden, die mit einem „Mamiiiiii, guck mal!“ ein Foto einer abgrundtief entzückenden, wenngleich etwas verwirrten Weinbergschnecke. die sich an diesem Herbsttag vermutlich auf einen ungestörten Spaziergang gefreut hat, während sie von einem 18jährigen Papparazzo mit Handy unter Freudensbekundungen abgelichtet wird, schickt.

Es ist so ein Geschenk, dass dieses Kind mit Freude zu mir kommt. ♥

Ordnung

Ausmisten. Sortieren. Ordnen.

Ich habe heute mehrere Stunden meines Tages damit verbracht, die gefühlt 4.237 Ordner meines Computers systematisch umzubenennen, zu sortieren und farblich und thematisch aneinander anzupassen.

Dabei habe ich mich der Mammutaufgabe gestellt, mal einen gigantischen Ordner mit dem grausamen Titel „Handy 2011-2025“ zu öffnen, um mit zusammengekniffenen Augen festzustellen, dass ich die Hälfte sowieso löschen kann, weil weder Screenshots von jahrealten Unterhaltungen brauche und garantiert nicht mehr Fotos fremder Hunde und Kinder als ich von meinen eigenen besitze und den Rest konnte ich in meine Jahresordner sortieren, wo sie nun richtig sind.

Ein bisschen in schönen Erinnerungen geschwelgt.

Hässliche Dinge gelesen, die fast vergessen waren.

Aber fürs Arbeiten nun deutlich besser aufgestellt als jemals zuvor.

Mürbe

Wie soll man denn mit jemandem kommunizieren, der einem nicht mehr zuhören kann? Der alles, was aus meinem Mund kommt, seiner eigenen Interpretation unterzieht, aus eigener Unsicherheit Dinge hinzuphantasiert und Aussagen zwischen meine Zeilen legt, die dort nie standen, gedacht wurden, geschweige denn ausgesprochen?

Und wie soll man noch den Mut und die Kraft aufbringen, immer wieder dagegen anzulaufen, wenn man doch inzwischen weiß, dass man ohne diese Begegnungen friedvoller leben könnte?

Wie soll man sich denn noch sicher fühlen, wenn jede Berechenbarkeit verschwunden ist und man im Sekundentakt einem wahlweise ängstlichen, wütenden, beleidigten, verständnisvollen, lieblosen, zärtlichen, respektlosen, freundlichen Gegenüber begegnet?

Mit jedem Vorfall lösen sich meine Versprechen ein Stück weiter aus ihren Verankerungen.

So mürbe.

Kollateralschaden

Das krankhafte Bestreben, alles im Leben sichtbar, diskutierbar und begreifbar machen zu müssen, dient weniger dem Zweck als solchen, sondern vielmehr der eigenen Unfähigkeit, Dinge in Schwebezuständen ertragen zu können.

Was bei Projekten, Strategien und Lebensplanung ein durchaus wünschenswertes Vorgehen ist, verliert in den zarten Zwischenräumen menschlicher Intimität nicht nur seine Wirkung, sondern zerstört genau den Zauber, der sich nur im Vagen halten kann.

Und so zerrt man den ersten zerbrechlichen Spross einer wertvollen Pflanze mit einer Vehemenz aus dem schützenden Boden ans grelle Sonnenlicht, um ihn genau betrachten, intellektuell sezieren zu können, um sich selbst nicht der Unsicherheit preisgeben zu müssen, bis er in gleißender Hitze einen qualvollen Tod stirbt.

Geopfert auf dem Altar der Angst, die nur dann ertragen werden kann, wenn restlos alles seine Unberechenbarkeit verloren hat.

Der kleine Erziehungsratgeber

Ein braungeflecktes Kaninchen sitzt auf einem schwarzen Kugelgrill. Im Vordergrund ein cremefarbener Labrador, der ihm die Schnauze entgegenstreckt. Links von ihm ein weiterer, brauner Labrador, der interessiert das Kaninchen ansieht. Drei Kinder sind im Bild, ihre Gesichter nicht zu sehen. Von links ragen zwei Arme Richtung Kaninchen, in einer Hand eine Grillzange, in der anderen Hand ein Gewürzsstreuer. Im Hintergrund ist ein Kind an einen Baum gebunden. Ein weiteres Kind bedroht es mit einem Stock.

Zur präzivilisatorischen Kompetenzrekonstruktion im Rahmen kindlicher Überlebensbildung

Die moderne Kindheit leidet unter einem bislang nur unzureichend erforschten Problem: Sie funktioniert zu zuverlässig.

Eine der folgenreichsten Fehlannahmen spätmoderner Erziehung besteht in der Überzeugung, Kinder müssten vor allem sicher, behütet und emotional validiert aufwachsen. Diese Vorstellung mag auf den ersten Blick menschlich erscheinen, verkennt jedoch in bemerkenswerter Weise die anthropologische Grundtatsache, dass das Überleben unserer Spezies über Jahrtausende hinweg gerade nicht dadurch gesichert wurde, dass man vor dem Verzehr von Pilzen deren Rezensionen im Internet nachlesen konnte.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Vermittlung sogenannter Survivalskills eine kaum zu überschätzende Bedeutung. Gemeint sind damit nicht jene weichgespülten Varianten gegenwärtiger Erlebnispädagogik, bei denen ein Kind unter Aufsicht ein Stockbrot über ein pädagogisch abgesichertes Feuer hält und anschließend eine Urkunde mit der Aufschrift „Waldentdecker“ erhält. Gemeint ist vielmehr die ernsthafte Heranführung an präzivilisatorische Kernkompetenzen: Ressourcenbewertung, Nahrungsbeschaffung, Dominanzklärung, Gruppenorganisation und improvisiertes Krisenmanagement.

Das vorliegende Setting darf insofern als mustergültig gelten.

Im Zentrum des Geschehens befindet sich ein Kaninchen auf einem Grill, flankiert von zwei Hunden, die dem Vorgang in einer Mischung aus professionellem Interesse und existenzieller Anteilnahme beiwohnen. Zugleich wird das Tier von einer Person gewürzt, während eine weitere Person im Hintergrund an einen Baum gebunden ist und offenbar von einer kleineren Person mit einem Stock sozialpädagogisch adressiert wird. Bereits diese simultane Anordnung zeigt, dass hier nicht in isolierten Kompetenzinseln gearbeitet wird, sondern in einem hochkomplexen interdisziplinären Überlebensarrangement.

Zunächst zum Kaninchen: Die moderne Konsumgesellschaft hat es geschafft, Kindern die Herkunft ihrer Nahrung in einem Ausmaß zu verschleiern, das kulturgeschichtlich fast schon als Kunstform gelten kann. Fleisch erscheint in hygienisch neutralisierter Form als geometrische Portion in Kunststoffschalen. Das Kind soll essen, aber bitte nicht denken. Genau an diesem Punkt setzt die hier erkennbare re-animalisierende Ernährungspädagogik an. Das Kaninchen ist nicht bereits transformiertes Produkt, sondern noch deutlich als Lebewesen zu erkennen. Besonders pädagogisch ist, dass das Kaninchen augenscheinlich noch lebt.

Dadurch bleibt die Situation ergebnisoffen. Ergebnisoffenheit wiederum gilt als wesentliche Voraussetzung selbstbestimmten Lernens.

Das Würzen des Tieres erweitert diesen Lernprozess um eine weitere Dimension. Überleben bedeutet schließlich nicht nur, etwas Essbares zu identifizieren, sondern auch, es kulturell anschlussfähig zu machen. Zwischen bloßer Kalorienaufnahme und zivilisationsfähiger Mahlzeit liegt bekanntlich das Gewürz. Die kleine Geste des Würzens steht somit exemplarisch für den Übergang von bloßem Existieren zu menschlicher Kultur.

Von erheblichem entwicklungspsychologischem Interesse sind außerdem die Hunde. Sie fungieren in dieser Konstellation als ko-präsente Beobachtungsinstanzen mit opportunistischer Handlungsbereitschaft. Für das Kind entsteht dadurch ein wertvoller sozialökologischer Lernraum: Es muss nicht nur das Kaninchen und die gruppendynamische Lage erfassen, sondern zugleich die stillschweigende Frage mitdenken, wer im Ernstfall welche Ressource beansprucht. Dies fördert Perspektivübernahme, antizipatorisches Denken und eine realistische Einschätzung von Nahrungskonkurrenz.

Besonders hervorzuheben ist jedoch die Person am Baum.

Hier wird die Überlebensbildung um einen oft vernachlässigten Bereich ergänzt: die Regulation innergruppaler Ordnung unter Krisenbedingungen. In stabilen Gesellschaften wird Kontrolle gewöhnlich an Institutionen delegiert. In einer archaischen Mikrolage hingegen muss eine Gruppe ihre Strukturen unmittelbar selbst hervorbringen. Dass eine Person fixiert wurde, weist auf eine bereits erfolgte Rollenzuweisung hin. Dass eine kleinere Person diese Situation mit einem Stock flankiert, verdeutlicht die frühe Einübung von Autorität, Abschreckung und symbolischer Sanktionskompetenz.

Pädagogisch betrachtet handelt es sich vielmehr um ein Laboratorium der Macht. Das Kind lernt, dass soziale Ordnung nicht naturgegeben ist, sondern hergestellt, behauptet und gelegentlich mit einem Werkzeug unterstrichen werden muss. Wer diesen Vorgang moralisch vorschnell problematisiert, verkennt, dass nahezu jede menschliche Gemeinschaft auf mehr oder minder sublimierten Formen von Regelsetzung, Grenzmarkierung und Gehorsamserwartung beruht. Hier geschieht dasselbe – nur erfreulich transparent.

Echte Kompetenzorientierung verlangt, dass ein Kind zumindest theoretisch darauf vorbereitet ist, nach dem Zusammenbruch sämtlicher Versorgungssysteme mit einem Kaninchen, mehreren Geschwistern, Hunden und einer fragwürdig fixierten Person eine funktionsfähige Mikrogesellschaft zu errichten. Dabei werden sämtliche Zukunftskompetenzen gleichzeitig gefördert: Problemlösen, Improvisation, Kooperation, Ressourcenmanagement, Frustrationstoleranz und die Fähigkeit, angesichts einer völlig entgleisten Gesamtsituation zunächst einmal sachlich zu prüfen, was noch verwendbar ist.

Das nennt man adaptives Krisenmanagement.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass moderne Kinder keineswegs zu wenig lernen. Sie lernen lediglich auffällig viele Dinge unter Bedingungen, in denen Strom vorhanden ist und niemand an einen Baum gebunden wurde. Eine verantwortungsbewusste Erziehung sollte diesen blinden Fleck schließen.

Denn man weiß nie, wann Zivilisation endet.

Und wenn es so weit ist, wird sich sehr schnell zeigen, welche Eltern ihre Kinder wirklich auf das Leben vorbereitet haben.

Die anderen stehen dann nämlich vermutlich am Baum.

Auf Stand [1.678]

Geschafft.

Ich bin leer. Emotional, kreativ, intellektuell.

Seit dem 9. September schaufel ich meine Offline-Archive hier rein. Ich habe jeden Text, den ich jemals geschrieben und noch nicht gelöscht hatte, geöffnet, durchgelesen, mich hineinfallen lassen, psychologisch analysiert und hierher übertragen. Umschreiben habe ich mir verboten (und ich war in Versuchung), denn ich darf aushalten, mich so zu sehen, wie ich damals war. Gekürzt habe ich einiges. Weggeworfen wenig.

Ein paar Texte gerade aus den Nachtgedanken liegen noch auf meinem Computer und warten auf meine Entscheidungen.

Noch einige Mails an und von meinem Vater. Die sind emotional gerade zu hart für mich, sie anzufassen.

Mit jedem Text habe ich mich der Begegnung mit mir selber gestellt. Mit dem dummen, dem intelligenten, dem naiven, dem erfahrenen, dem idealistischen, dem resignierenden Menschenkind, das ich zum jeweiligen Zeitpunkt war. Was habe ich gelacht, wenn ich in meiner eigenen Küche saß, den Blick auf meine Chaoten, die damals noch so klein, so katastrophal, so verschlingend waren. Ich saß weinend mit mir selber in den dunkelsten Stunden meiner Beziehung. Ich war frei mit mir am Meer, in den Abgründen meiner Seele in Kreißsäälen, glücklich in der kuscheligen Zweisamkeit mit einem Neugeborenen, hoffnungslos in schwarzer Depression, himmelhochjauchzend in rosa Zuckerwatteglück.

Einiges davon war leicht.
Vieles davon war schwer.
Alles hat mich berührt.

Und so sitze ich hier, 31 Tage später. 1.678 Beiträge weiter.
Wenn wir für jeden Vorgang aus Öffnen, Lesen, Betrachtung, Reflexion und Übertrag nur 7 Minuten im Mittel veranschlagen, dann waren das 11.746 Minuten.

Ich habe in den vergangenen 31 Tagen jeden einzelnen Tag durchschnittlich gut 6 Stunden die Konfrontation mit meiner eigenen Biografie gewagt. Und die Realität hat durchaus sowohl tageweise Pausen als auch viele allein durchwachte Nächte gehabt, in denen ich mit Musik auf den Ohren und Tränen im Gesicht meine Vergangenheit bearbeitet habe.

Heute bin ich für den Moment fertig. Das Jadekompendium fehlt noch, sofern der Support mir antwortet. Es wurde nach 3 Jahren wegen Inaktivität gelöscht und ich warte noch auf Antworten. Vielleicht lässt sich noch etwas retten. Besonders die dunklen Phasen mit der Kriegerin habe ich hauptsächlich dort verarbeitet, das wäre mir wichtig, ein paar Texte von dort zu retten.

Aber es ist wie es ist.

Es wird, wie es sein soll.

Regen

Es regnet.

Endlich wieder.

Monatelange Trockenheit und nur ab und zu ein kleiner, perfekt terminierter Nieselregen als Totschlagargument der Klimawandelgegner haben aus dem Boden ein durchlässiges verdorrtes, wasserabweisendes Konstruktgemacht, dass weder Nährstoffe, Wasser noch Lebewesen halten konnte.

Und nun regnet es. Mein Wetter. Mein Element. Leben.

Schon als ich heute Nacht von Wind und Regen geweckt wurde, die in mein Gesicht peitschten, stellte sich endlich wieder die Art von Frieden ein, die ich benötige, um mich auch im Außen lebendig fühlen zu können. Der durch das jede Nacht weit geöffnete Fenster, direkt neben dem ich schlafe, fallende Regen bescherte mir tiefen und traumlosen, aber erholsamen Schlaf. Irgendwann um 5 Uhr morgens habe ich die Handtücher auf den Fensterbänken ausgetauscht und die Decken höher gezogen, aber ich wachte zufrieden mit roter Nase, nassem Gesicht und frei atmen könnend auf.

Wie gerne hätte ich diesen Moment geteilt.

Mein wunderbarer geliebter kleiner Butz,

klein bist du schon lange nicht mehr, hast du mich doch schon längst an Körpergröße eingeholt. Aber mein Nesthäkchen, mein Baby, mein letztes Kind – das bist du.

Ich will gar nicht so sehr in Erinnerungen schwelgen, stehe ich doch in Ehrfurcht vor dem jungen Mann, der du heute schon bist.

Dein Name kommt nicht von ungefähr. Du bist mein Weltenwanderer, der, dem so vieles fremd ist. Ein wacher Geist mit einem schier unermesslichen Verstand und so viel Potential, das du nur zu gerne nutzt, um dich in Schwierigkeiten zu bringen oder aus ihnen herauszureden. Du wurdest nach einer gigantischen Superintelligenz aus den Büchern deines Vaters benannt, die auf ihrem Wahlheimatplaneten Wanderer den Kosmos durchstreift, immer bemüht, das Mysterium Menschheit zu verstehen und zu prüfen.

Und vielleicht passt das erschreckend gut zu dem Menschen, den ich heute so sehr liebe und der mich fasziniert wie kaum ein anderer: Du bewegst dich durch diese Welt, ohne vollends zu ihr zu gehören. Als gäbe es die Menschheit, das Universum, den Kosmos an sich und auf der anderen Seite dich, der du versuchst, sie zu verstehen.

Du kannst aus dem Stehgreif lateinische Gedichte erschaffen, du scheinst Zugriff auf jegliches Wissen zu besitzen, mit dem du jemals in Berührung gekommen bist und du hast keine Ahnung, wo in diesem Haus das Tesafilm ist. Die Leichtigkeit, mit der du dich durch die Sphären von Wissenschaft, Philosophie und Fakten bewegst, endet dort, wo du mit etwas so profanem wie Alltag konfrontiert wirst.

Du bist mein zerstreuter Professor, mein Butzemann, mein Baby, mein närrischer kleiner Tuk, mein Herz und meine Seele gleichzeitig.

Ich liebe dich.

Die Lückenbüßer

Lidl

Parmesan
Pommes
Äpfel
Bresaola 2,99 2x
Wasser klein
Mandarinen 1,5kg 1,99

Golden Sun
Langkornspitzenreis
im Kochbeutel
8x125g

Warum Parmesan und Bresaola nicht direkt untereinander stehen, weiß wohl nur der Autor. Es ist nicht mal nach Laufwegen sortiert.
Völlig ziellos scheint der Geist hier umherzuirren, auf der Suche nach fehlenden Kleinigkeiten, die man entweder nachkaufen muss oder auf absurdeste Art und Weise miteinander kombinieren möchte.
Wer so ruchlos Parmesan und Tiefkühlpommes untereinander schreibt, während er zwei Zeilen weiter bereit ist, 6 Euro für ein paar Scheiben hauchdünnen Bresaola auszugeben, dem sollte man die Küchenlizenz entziehen.

Langkornspitzenreis. Aber im Kochbeutel.
Noch einmal so verzweifelt sein.
Immerhin Obst und Wasser. Aber das nur klein.

Ich sage Single. Maximal junges Pärchen.

Frei

Ich bitte Butz um Mithilfe bei einer sehr unschönen Aufgabe, die mit ziemlich viel Muskelkraft und Schweiß verbunden ist.

Er blickt mich nachdenklich an. „Das klingt nicht gut. Kann ich Nein sagen?“

Ich denke an Uroma und antworte, was sie mir in solchen Situationen halb summend, halb lächelnd in den Raum gestellt hat:

„Natürlich, Kind. Du bist zu jeder Zeit Herr deines Schicksals und deines Glückes Schmied.“

Der kleine Sohn überlegt. „Aber das hat Konsequenzen, oder? Dann musst du es machen? Und dir geht es nicht gut. Außerdem backst du ja meinen Kuchen, weil ich morgen Geburtstag habe… Ich mach es!“

[Ich vermisse dich, Oma.]

leer

Ich schleppe mich durch die Tage.

Natürlich weiß ich, warum ich seit Wochen krank bin und mich nicht auskurieren kann. Natürlich weiß ich, wo der Schwindel herkommt. Natürlich weiß ich, warum ich so viel schlafen muss. Natürlich weiß ich, wo die Schmerzen herkommen. Natürlich…

Ich habe mich die letzten Monate leer geredet, leer gehört, leer geschrieben, leer geweint. Viel Substanz bleibt nicht mehr, also schleppe ich diese Hülle, die mal so voller Leben, Liebe und Hoffnung war, mit aller Kraft zusammengehalten durch die Tage, um den Anschein zu wahren, dass ich weitergehen … kann? Will?

Ich weiß es nicht.

Ich habe bald alle Jahre aus meinen offline-Archiven herausgeschaufelt. Alles noch mal durchgelesen, angesehen, durchlitten, durchwütet. Ertragen, mit all der Wut und Frustration, die ich als Zukunft bereits kenne und mir als Vergangenheit doch nicht vermitteln kann. Werde ich das in 10 Jahren ebenfalls denken, wenn ich dies hier nachlese? Bin ich dann überhaupt noch da?

Ich weiß es nicht.

Ich kann meine Einträge nicht korrigieren, nicht mal anfassen, weil es in der Vergangenheit die Gegenwart spiegelt, in seligem Unwissen dessen, wieviel Leid und Ernüchterung die Zukunft bringen würde.
Ich bin so wütend auf dieses naive Menschenkind, das so fest an die Macht der Liebe geglaubt hat.

Heute weiß ich, dass Liebe ewig, aber nicht allmächtig sein kann.
Es war ein harter Fall.

Ich kann aber wählen, was ich behalte. Das ist erstaunlich viel. Ich habe mich nur bei sehr wenigem entschieden, es zu löschen oder nicht hierher zu übertragen. Einiges war zu intim, einiges zu heiß, einiges so kalt, dass es in Vergessenheit geraten darf. Ich schreibe hier zwar nicht nur für mich, ich schreibe auch für jene, die später wissen wollen, wer ich war und warum ich so geworden bin, aber es gibt einige klare und harte Entscheidungen, was jetzt im Nebel meiner Erinnerung verschwinden darf.

Ich bin die Letzte, die all diese Geheimnisse trägt und die meisten davon werde ich mit ins Grab nehmen. Die Geschichte von Gewalt und Missbrauch endet bei mir.

Das ist meine Superkraft.