Ausgewählter Beitrag

05.03.2026

Ich trete nicht gegen Mechanismen an. Ich bin ein Mensch, dessen Traumaarbeit ihn gelehrt hat, dass er alles schafft. Es ist die Grundüberzeugung meines Lebens und sie wackelt nicht, egal, was andere sagen.
Ein Mensch, der mit derselben Vehemenz die Überzeugung vertritt, dass er eben nicht kann, eben nicht weiß, seinen Mechanismen hilflos ausgeliefert ist, wird sich von nichts und niemandem auf dieser Welt vom Gegenteil überzeugen lassen. Und ich weiß inzwischen, dass ich verliere, wenn ich es auch nur wage, dieses heilige Bündnis aus Trauma und Angst zu benennen. Ich kämpfe gegen eine gut eingespielte Einheit, die alles tun würde, um den StatusQuo nicht zu verlieren.
Also schweige ich. Halte aus. Halte durch. Und gehe irgendwann weiter. 

Morgen Kennenlerngespräch im Hospiz. Schauen, ob ich mich wohlfühlen kann, ob ich auch beruflich in eine Umgebung passe, in der sich Tod und Leben dauerhaft berühren. 
Alles im Umbruch. 

Das große Kind und ich reden viel, lange. Ich sagte vorgestern Nacht zu ihr: Mutterwerden ist kein sanfter Prozess. Es ist brutal, umwälzend und zeigt dir all deine Grenzen. Du fühlst dich innen wie außen roh und wund und deine Welt bleibt stehen, während alle anderen Menschen lächelnd ihr Leben weiterführen, als wäre nichts passiert. 
Ich bin demütig und dankbar, dass es diese Stunden zwischen uns gibt, in denen ich trotz meines Alltags hier in ihre Welt eintauchen darf und einen Moment mit ihr im Stillstand ausharre. Da, wo Körper und Seele wund sein dürfen. Im Schlafmangel, in den Zweifeln, in der Überforderung. Ich bin so stolz auf sie und höre, wie erschöpft sie ist. Weiß, ich kann, darf ihr nichts davon abnehmen, weil es der Beginn ihrer eigenen Geschichte ist. Aber ich kann da sein. Anerkennen. Die Tränen aushalten. 

Vielleicht ist das das, was ich mir immer für mich gewünscht hätte. Dass jemand da ist, der aushält. Ohne Problemlösung. Ohne Trösten, ohne Aktionismus, ohne Angst, ohne Selbstzentrierung - jemand, der einfach die ganze Wut, den Schmerz und die Tränen aushält. Jemand, der mitfühlt, aber nicht mitleidet. Der sich an meine Seite begibt, aber weder an mir festklammert noch an mir zieht, noch von meiner Wucht davongetragen wird, weil er sich nicht selbst halten kann. 

Der Konflikt zwischen dem großen Sohn und der großen Tochter ist für mich schwer auszuhalten. Ich kann beide Seiten in ihren Gefühlen anerkennen, aber es ist nicht an mir, das aufzuarbeiten. Ich spüre, wie groß die Verlustängste beim Kobold sind, wie nah die Erinnerungen, als die große Schwester damals einfach so gegangen ist. "Sie hat mich einfach so zurückgelassen" Mein Herz zieht sich zusammen, wenn ich diese Worte höre. Ich fühle den Schmerz noch so lebendig in mir wie kaum etwas anderes. Ich habe das in den letzten Jahren mit ihr aufgearbeitet, die beiden müssen diesen Schritt noch gehen. Und es obliegt nicht mir, das zu steuern. Es sind zwei erwachsene Menschen, die ihre eigenen Konflikte austragen müssen. Übungsfeld. Sehr großes Übungsfeld.

Dazu kommt seine Sehnsucht nach dem Auszug. Ich verstehe ihn so gut und spüre, wie er kämpft, nach Möglichkeiten sucht und viel zu oft noch an seine eigene Limitierung glaubt. Ich habe Vertrauen, dass er seinen Weg finden wird, so wie er ihn bislang immer gefunden hat, auch wenn es einfach mehr Zeit braucht und oftmals verschlungene Pfade nimmt. Er ist mein Baby und  wenngleich genau das immer mein oberstes Ziel war, ist es hart, sie gehen zu lassen. 

Wo ein paar hundert Kilometer weiter Mutterschaft gerade erst beginnt, endet hier einmal mehr meine unmittelbare Zuständigkeit und das ist herausfordernder als ich es mir jemals hätte ausmalen können. Ich sehne mich so sehr nach Beständigkeit in meinem Leben. Nach jemandem, der mich sehen kann.

Kati 05.03.2026, 10.00

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Das Tragische an diesem Leben ist nur, dass es auf einer wahren Geschichte beruht.

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