
Bei Sonnenaufgang wecke ich das Tochterkind und frage, ob sie zum Meer möchte. Ich weiß, sie hat in fremder Umgebung nicht gut geschlafen und ihr fehlt ihr Schutzraum. Aber als ich frage, überzieht ein vorfreudiges Lächeln ihr Gesicht. Es ist manchmal schwer einzuschätzen, was ihre Dunkelheit erhellt, aber ich weiß, wir sind hier richtig. Also schnappen wir uns Henriette, fahren die paar Kilometer zum Deich und genießen Wind und Wetter und Nordseeluft. Im Laufen sehe ich, wie sich so viel Härte in der Kriegerin löst, sie innerlich weich wird. Es war eine gute Entscheidung, dass wir hierher gefahren sind.
Als wir uns auf den Rückweg machen, bittet sie mich, kurz stehen zu bleiben, im ersten Licht des Tages, in den ersten Sonnenstrahlen. Und sie stellt sich etwa zehn Meter entfernt hin und macht ein Bild von mir. Ungeachtet aller Vorbelastung bezüglich dieses Themas weiß ich, dass hier etwas Bedeutendes geschieht, dass eine Erinnerung festgehalten wird, die wir beide weitertragen, sie naturgemäß deutlich länger als ich. Es ist mir gar nicht wichtig, wie ich auf diesem Foto aussehe und auch das ist neu für mich.
Wir steigen ins Auto und holen noch Verpflegung vom Bäcker, bevor wir wieder zu Maike fahren. Ich mache mich fertig. während Maike, Amy, die Kriegerin und Henriette noch eine Hunderunde drehen, bevor wir dann frühstücken und zusammenpacken.

Ich hatte so sehr gehofft, dass wir als gemeinsames Abenteuer alle zusammen über die Elbfähre fahren, aber Maike entscheidet sich, über Hamburg und durch den Elbtunnel zu fahren. Und wir treffen uns dann an der Ostsee wieder. Die Tochter und ich haben es nicht eilig. Wir halten an so gut wie jeder interessanten Stelle an. Wir sammeln kleine keimende Eichen am Straßenrand. Wir sehen die ganzen Garagenflohmärkte, so viele interessante Dinge. Und wir kommen nach einer Stunde an der Elbfähre an, müssen auch nicht lange warten. sondern dürfen schon auf das zweite Schiff, das anlegt, rauffahren.
Als wir an an Bord aussteigen, kommt das Kindheitsgefühl von den großen Fähren wieder hoch. Ich bin auf unzähligen dieser Schiffe in meiner Kindheit gewesen und Geruch und ausgelöstes Gefühl sind immer noch gleich. Ich bin hier zu Hause, egal wie ich es drehe und wende. Die Überfahrt ist schön, dauert aber leider nur 20 Minuten. Wir haben noch ein gutes Stück Strecke bis zur Ostsee vor uns und müssen das meiste davon über die Dörfer fahren. Aber das ist gar nicht so schlimm.

Irgendwann am frühen Nachmittag kommen wir in Laboe an, parken erstmal irgendwo, schnappen uns Henriette und setzen uns an den Strand. Durch die frühe Jahreszeit sind auch gar nicht so viele Leute unterwegs.
Dafür haben wir die freie Auswahl an Leckereien entlang der Promenade. Henriette frisst einen ziemlich teuren Crepes und wir genießen unsere etwas langsamer. Einfach nur dort gemeinsam auf einer Bank sitzend, schweigend aufs Meer schauend. Ich merke, wie so viel Last der letzten Wochen und Monate von mir abfällt.
Wir haben den Rest des Tages für uns. Um 16 Uhr holen wir die Schlüssel zu unserer Ferienwohnung ab, kämpfen mit einigen Schwierigkeiten einer wirklich verhexten Tiefgarage und machen es uns in der Wohnung gemütlich. Zum Glück mit Terrasse und direktem Blick von der Terrasse aufs Meer. Es ist schon ganz prima, so wie es ist.
Abends verbringen wir eine lange Zeit mit Hetty am Hundestrand, sammeln Muscheln, bewundern Wattwurmhaufen und existieren einfach.
Danach holen wir chinesisches Essen für alle und Maike und Amy kommen aus dem Nachbardorf noch mal für eine Stunde zu uns.