
Irgendjemand [Ich] kommt auf die absolut hirnrissige Idee, den Sonnenaufgang an der Ostsee live miterleben zu wollen. Das Kind hat mit Henriette auf unserem mitgebrachten aufblasbaren Gästebett geschlafen und als ich einen guten Morgen wünsche, brummeln ein Teenager und ein Hund gleichzeitg von unter der Decke hervor. Dass sie sich ohne große Widerworte trotzdem aus dem Bett quälen, zeigt mir, dass ich mit meiner Idee so falsch nicht liege.
Und so stehen wir um kurz nach fünf Uhr morgens auf, packen uns dick ein, stapfen los und sind um halb sechs an der Ostsee. Wir sind leider nicht mit gutem Wetter gesegnet, so dass es einfach nur immer heller trüb wird, von Sonne keine Spur. Aber das ist egal. Wir sind bis auf einen zufällig aus dem Nebel gefallenen Jogger alleine am Strand. Wir schauen aufs Meer, Henriette tobt herum und die Welt ist einfach für einen Moment perfekt so, wie sie ist. Es fängt leicht an zu nieseln. Ich könnte geerdeter nicht sein.
Als wir nach anderthalb Stunden völlig durchgefroren den Rückweg zur Wohnung antreten, sehnt sich jeder von uns nach einer heißen Dusche. Na gut, Henriette vielleicht nicht, aber auch die steht inzwischen mit etwas zittrigen Beinen im kalten Meer und muss einsehen, dass Möwen weder dusselig noch langsam sind.
Wir machen noch einen kurzen Zwischenstopp beim Bäcker, damit wir nicht hungrig in den Tag starten und wärmen uns erstmal wieder auf.
Von 10 bis 15 Uhr sind wir auf einer Konfirmation zu Gast und danach geht es dann los. Zum Treffen mit all den Lieblingsmenschen, die gerade hier sind. Wir treffen uns am Nachmittag an der Promenade von Laboe und ziehen zu acht mit zwei Hunden durch die Gegend. Und es ist ein so schöner und dichter Nachmittag, dass ich noch lange davon zehren werde. Das sind genau die Menschen, mit denen ich meine Abende verbringe und die ich so gerne um mich habe. Unsere kleine WhatsApp-Gruppe, die mir den Alltag erhellt und erleichtert. Nur unterbrochen von ein bisschen Eis und Kaffee spazieren wir kilometerweit am Strand entlang, immer in wechselnden Konstellationen und es ist einfach nur schön. Die Stunden vergehen für meinen Geschmack viel zu schnell.

Wir sind alle erschöpft vom langen Tag, aber so richtig trennen möchte ich mich von diesen Menschen eigentlich nicht. Wir versprechen uns, uns bald wiederzusehen und nicht erst wieder zwei Jahre vergehen zu lassen. Und abends, als es schon dämmert und wir uns alle zum letzten Mal umarmen und zuwinken, da fühlt sich mein Herz an, als müsse es platzen vor lauter Glück und Frieden.
Ich bin so froh, dass ich hier bin. Das Tochterkind und ich gehen noch in einen Dönerladen, der eigentlich schon zu hat, aber der Besitzer ist so nett und bittet uns herein. Und so verbringen wir dort mit warmem Essen noch ein paar schöne Momente, bevor wir nach einem letzten Gang über den Strand wieder in die Ferienwohnung zurückkehren. Die Tochter sortiert mit Henriette ihre Pflanzen, die sie von Mandy geschenkt bekommen hat und denkt laut über die Leute nach, die wir heute getroffen haben. Für einen Sozialphobiker wie sie war das die Hölle und umso schöner finde ich es, welch warme und zugewandte Worte sie für die Menschen findet, die ich Freunde nenne.
Mir tut jedes einzelne Körperteil zum Schreien weh und ich habe keine Ahnung, wie ich am nächsten Tag den Heimweg schaffen soll, aber für den Augenblick ist das alles egal.
Um 21 Uhr blicke ich rüber auf das Gästebett, sehe ein noch komplett angezogenes Tochterkind darauf liegen, Henriette, die friedlich vor sich hinschnarcht, als Kissen unter ihrem Kopf. Um sie herum stehen Zimmerpflanzen, das Handy ist ihr aus der Hand gefallen und ich lösche lächelnd das Licht.
Ja, es ist gut.