Viele ängstlich-vermeidend gebundene Menschen haben gelernt, dass Autonomie vor allem Schutz bedeutet. Wenn Bedürfnisse von Kindern nicht zuverlässig beantwortet werden, emotionale Abhängikeit zu Scham, Gefahr und Enttäuschung wird, dann entsteht daraus fast zwangsläufig eine innere Strategie, möglichst wenig zu brauchen, wenig zu erwarten, die eigenen Gefühle zu kontrollieren, Konflikte zu begrenzen und Emotionalität schnell auf eine akademische Ebene zu verlagern. Beziehung funktioniert dann am besten, wenn sie emotional überschaubar bleibt.
Ein leidenschaftlicher Partner bringt dieses System schnell an seine Grenzen. Leidenschaft bittet nicht, sie will. Sie will nicht nur Nähe, sie erwartet Beteiligung. Sie formuliert Erwartung: Sei ansprechbar. Zeig dich. Reagier auf mich. Übernimm Verantwortung für das, was zwischen uns geschieht. Und diese Erwartung mündet nicht selten in Besitzanspruch, etwas, das ein sicher gebundenes Nervensystem durchaus genießen kann, für ein vermeidendes Bindunssystem jedoch schnell zur Dauerprüfsituation wird.
Wenn Forderung zu Überforderung wird, versinkt jedes Gespräch in einem Sumpf aus Angst, Rechtfertigung, Erklärung und dem Gefühl, nicht gut genug zu sein.
Besonders auf Scham reagiert das Nervensystem mit Deaktivierung. Gefühle werden relativiert, Bedürfnisse des Partner als überzogen gebrandmarkt, Konflikte werden vertagt, Verantwortung ausgelagert und aus Emotion wird Sachverhalt. Wer keinen oder nur wenig Zugang zu den eigenen emotionalen Prozessen besitzt, versucht Beziehung kognitiv zu lösen. Damit vermeidet man auch, sich mit der eigentlichen Botschaft des Partners beschäftigen zu müssen.
Für den leidenschaftlichen Partner ist das auf Dauer schwer auszuhalten. Je weniger Resonanz er erhält, desto deutlicher formuliert er seine Bedürfnisse. Er erklärt genauer, fordert verbindlicher, versucht mit mehr Intensität zum Partner durchzudringen. Damit eskaliert es vollends. Was für Leidenschaft notwendige Beziehungsklärung ist, erhöht für Angst genau jene innere Überforderung, die dessen Rückzug verursacht. Und dieser Rückzug sorgt auf der anderen Seite dafür, dass noch deutlicher gesprochen werden muss. Es ist ein endloser Strudel in den Abgrund.
Problematisch wird es dort, wo geschlussfolgert wird, der leidenschaftliche Partner müsste lediglich anspruchsloser, geduldiger, weniger leidenschaftlich, weniger fordernd werden. Zu verführerisch erscheint es, das Laute leiser machen zu wollen, nur weil es hörbarer ist.
Denn im Grunde stellt Vermeidung die egoistischeren Bedinungen an eine Beziehung: Wenig Konfrontation, keinen Erwartungsdruck, hohe Toleranz für Distanz, Fähigkeit zur Selbstregulation, wenn man von einem emotional nicht verfügbaren Partner im Stich gelassen wird.
Vermeidung erscheint auf den ersten Blick nur deshalb weniger fordernd, weil ihrer Forderung vor allem im Unterlassen besteht.