Ausgewählter Beitrag

Die falsche Selbstverständlichkeit

Es gibt Erkenntnisse, die lassen sich Zeit. Eine davon ist die für mich bislang unsichtbare Differenz zu anderen Menschen, die in der Annahme liegt, andere Menschen verfügten grundsätzlich über dieselben inneren geistigen Operationen wie ich selber - vielleicht unterschiedlich ausgeprägt oder unterschiedlich konsequent genutzt, aber prinzipiell vorhanden. Und was mir heute wie ein Brett vor dem Kopf erscheint, das ich jahrelang ostentativ vor mir hergetragen habe, zerbrach gestern splitternd in der Erkenntnis, dass zwei Menschen mit denselben Begriffen völlig unterschiedliche innere Vorgänge meinen können.

Für mich war Veränderung nie etwas, das geschieht. Worauf man wartet. Veränderung ist etwas, das ich tue. Reflexion bedeutet nicht nur, Vergangenes zu verstehen, sondern aus Verstandenem auch zukünftige Handlung abzuleiten. Ich beobachte mich, ich zerlege Situationen, suche den Moment, in dem mein Mechanismus übernommen hat, entwerfe Alternativszenarien, spiele alle nur denkbaren Begegnungen und Handlungsoptionen im Voraus geistig duch, bereite mich auf schwierige Situationen vor. Jeden Abend vorm Einschlafen, jeden Morgen beim Aufwachen. Ich scheitere, ich analysiere mein Scheitern, ich gehe erneut los. Nicht erst, wenn ich etwas kann, sondern gerade dann, wenn ich es noch nciht kann. Übung ist die einzige Brücke zwischen Nichtkönnen und Können. 

Wenn diese Form aktiver Selbstmodifikation über Jahrzehnte zur selbstverständlichen geistigen Grundhaltung geworden ist, erscheint sie nicht mehr als besondere Fähigkeit. Sie erscheint mir inzwischen als Normalität, wenngleich ich mir durchaus bewusst bin, wie schwierig es ist, meinen tiefsitzendsten Mechanismen zu begegnen. Aber kneife ich? Nein. Deshalb löst der Satz "Ich kann nicht" in mir so oft kein Mitgefühl aus, sondern Widerstand. Denn in meiner inneren Übersetzung gibt es diese Variante nicht. Es gibt ein "Ich kann das noch nicht gut" und darauf folgt automatisch: Beobachten, denken, suchen, probieren, scheitern, anpassen, versuchen, usw. 

Ein "Ich kann nicht", das sich selbst zum Endpunkt erklärt, ist meinem Denken fremd. 

Ich habe viel darüber nachgedacht. Vielleicht fasst es mich deswegen so hart an, weil es an einer meiner elementarsten Überlebensleistungen rüttelt. Ich konnte mir meine Ausgangsbedingungen nicht aussuchen. Ich habe Mechanismen, Verletzungen, Angst und automatisierte Reaktionen, die aus einer lieblosen Kindheit mit sexuellem Missbrauch durch meine Mutter und ihren Vater, aus systematischer Folter durch meinen eigenen Vater, Hunger, Durst, Gewalt, Vernachlässigung, und absolute Unvorhersehbarkeit in dem, was als nächstes passiert, Tag oder Nacht, resultiert. Ich habe nie Urvertrauen entwickelt, ich habe von meinen Eltern weder Liebe noch Zärtlichkeit noch Schutz erfahren, ich wurde die ersten 15 Jahre meines Lebens so behandelt und körperlich, seelisch und geistig terrorisiert und misshandelt. Ich bin dabei in tausend Stücke zersplittert und ich bin in meinem Innersten die Quintessenz eines weinenden kleinen Mädchens, das panisch in einer Ecke kauert und nur für einen kleinen Moment in Sicherheit liebgehabt werden will. Ich wollte nie irgendetwas anderes. 

So kann man aber kein glückliches Leben führen. So kann man kein Erwachsener werden. So kann man nicht selbstwirksam sein. 
Mein Leben besteht also seit Jahrzehnten aus der täglichen harten Scheißarbeit, meiner Vergangenheit und meinen Mechanismen keine Deutungshoheit darüber zu überlassen, wer ich bin und sein werde. Selbstwirksamkeit war nie eine abstrakte philosophische Betrachtung, sondern existenzielle Notwendigkeit. "Ich kann das noch nicht" bedeutete deswegen auch niemals: "Dann geschieht es jetzt wohl auch nicht". Es bedeutete immer: "Hier ist deine Arbeit."

Einem Menschen gegenüberzustehen, der tatsächlich anders agiert, erschüttert vermutlich deshalb mehr als nur mein Bild von ihm. Es erschüttert meine bislang unausgesprochene Überzeugung: Das Werkzeug, mit dem ich mein Leben bearbeite, liegt auch in seinem Werkzeugkasten, er muss nur hingreifen.

Und wenn ich zulasse, dass diese Grundannahme erschüttert wird und auf dem Prüfstand steht, dann muss ich zulassen, dass denkbar wird, dass sein "Ich kann nicht" subjektiv wesentlich wahrer ist, als ich ihm zugestanden habe. 

Wenn jemand reflektieren, analysieren und erkennen kann, daraus aber nicht die nächste Aktion ableiten kann, dann fehlt zwischen Einsicht und Veränderung genau die Brücke, deren Existenz ich bislang als vorhanden vorausgesetzt habe. Aber mein Gegenüber steht möglichgerweise tatsächlich vor seinem eigenen Verhalten und erlebt Hilflosigkeit. Nicht zwingend, weil Veränderung unmöglich wäre (denn das ist sie, das ist etwas, das ich bis zuletzt verteidigen werde), sondern weil ihm genau jene inneren Prozesse fehlen, mit denen man weitergehen kann.

Ich muss also anerkennen, dass jemand in diesem Augenblick tatsächlich nicht über dieselben Möglichkeiten der Selbststeuerung verfügt wie ich (und das stachelt auch beim Schreiben noch stark in mir hoch). Dass mein scheinbar selbstverständliches "Dann üb es!" für mein Gegenüber bereits eine Kompetenz voraussetzt, die erst erworben werden müsste. Und noch weitergedacht: Menschen können erkennen und trotzdem nicht handeln. Sie können leiden und trotzdem verharren. Sie können Veränderung wollen und dennoch nicht wissen, wie man aus Wollen Praxis macht. Sie können sogar auf Veränderung warten und nicht begreifen, dass sie aus ihnen selbst entstehen muss.

Vielleicht liegt darin die schmerzhafte Härte dieser Erkenntnis. Solange ich noch davon überzeugt war, der andere verfüge über dieselben inneren Möglichkeiten wie ich, konnte ich wütend bleiben. Wut macht handlungsfähig. Sie sagt: Mach. Du kannst. Du musst es nur wollen. Darin steckt vor allem Hoffnung: Wer sich nur endlich genug anstrengt, kann alles verändern. 
Die Anerkennung dessen, dass in anderen Menschen dort eine Begrenzung ihrer Möglichkeiten existiert, nimmt dieser Hoffnung alle Illusion. Denn dann steht dort kein Mensch mehr, der nur durch die richtige Form von Motivation zum Handeln gebracht werden muss. Dann steht dort ein Mensch, der diese Fähigkeiten erst entwickeln müsste, aber ob er sie entwickeln wird, wie lange das dauert, wie weit er damit kommt und ob er das überhaupt durchhält, entzieht sich völlig meiner Kontrolle. 

Das erzeugt schlussendlich dann doch Mitgefühl, aber anders als früher. Ich verliere die Gewissheit, dass Entwicklung zwangsläufig stattfinden müsse, wenn Einsicht, Leidensdruck oder Liebe nur groß genug sind. Aber das muss sie wohl nicht.
Und daraus resultiert auch folgende Selbsterkenntnis: Ich muss dein Nichtkönnen moralisch nicht länger in Nichtwollen übersetzen, um meine eigenen Grenzen legitimieren zu dürfen.  

Kati 18.08.2026, 12.00

Kommentare hinzufügen


Kein Kommentar zu diesem Beitrag vorhanden



Das Tragische an diesem Leben ist nur, dass es auf einer wahren Geschichte beruht.

woanders:







Einträge ges.: 512
ø pro Tag: 0,1
Kommentare: 518
ø pro Eintrag: 1
Online seit dem: 21.04.2016
in Tagen: 3771

Do what is right. Not what is easy.
you want. It doesn't matter anyway.