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Die Filmspulen

Meine gesamte Kindheit ist auf Film, Dias, entwickelten Bildern und in Tabellenform festgehalten. Minutiös. Ich habe Dokumente, die besagen, wann ich wieviel Milch getrunken habe, wann welches Kindermädchen für mich zuständig war, selbst bei meiner Geburt gab es eine Tabelle zum Ankreuzen, wieviel Zentimeter, wieviel Gewicht und welcher der zwei männlichen und zwei weiblichen Namen nun gewählt wurde. Hinter der Geburtskarteikarte findet man ein gedrucktes Blatt, das mir die Wochentage meines Geburtstags auf 100 Jahre voraussagt. In den Jahren danach häufen sich Gewichts- und Messtabellen, Fähigkeiten, Auffälligkeiten, körperliche Eigenschaften, durchgemachte Kinderkrankheiten mit Fotos vom Krankheitsverlauf, alles immer Ganzkörperfotos, nackt, schreiend, weinend, behandelt werdend. Irgendwann wird diese Dokumentenreihe abgelöst durch IQ-Testergebnisse, Fotos, Zeitungsartikel, Haufenweise Notizbücher mit Tabellen zu Versuchsreihen und Inhalten, die sich mir nicht erschlossen haben.

Eine Besonderheit hierbei sind die Filmspulen. Wir hatten so viele davon. Die Filme haben wir uns bei Dia-Abenden manchmal noch angesehen. Meistens zeigten sie mich in Urlauben, beim Bootfahren, beim Wasserski, beim Angeln, beim Jagen, im Schwimmtraining, im Wald, beim Ausweiden von Tieren, beim Überlebenstraining. Einmal sogar auf einem Spielplatz in Frankreich mit ganz vielen Menschen, die mich offensichtlich kannten und vertraut mit mir umgingen, die ich aber nicht zuordnen konnte.

Als wir ins große Haus zogen, war ich noch deutlich länger alleine als vorher schon und wenn ich mittags aus der Schule kam, dann hatte ich noch 5 Stunden vor mir, bis jemand kam.

Ich durchsuchte vor Langeweile im Laufe der Monate also neugierig unseren gesamten Besitz.
Das meiste davon war nur minder interessant. Die Pornosammlung meiner Mutter, die meines Vaters, die Sexspielzeuge, die Untiefen der Charaktere meiner Eltern.

Irgendwann kruschte ich auf dem Mini-Dachboden des Hausvorbaus herum, ganz hinten, wo die verschlossenen und zugeklebten Kisten standen. Und da waren sie. Kisten voll mit Fotos, mit Dias, mit Büchern, mit Filmspulen. Unbeschriftet. Was in unserem Haushalt ganz und gar ungewöhnlich war. 
Ich fand Bücher über die Entwicklung des Gehirns bei Babys und Kleinkindern, psychologische Abhandlungen über psychische Störungen und Strukturen, für mich damals noch kein Puzzleteil, nur unbedeutendes Zeug.

Aber die Filmspulen. Die musste ich mir ansehen. Zu meinem Erstaunen waren es Filme mit dem Mädchen, mit dem ich aufgewachsen war. „Katinka, Katinka!“, konnte ich ihre Stimme förmlich hören, als die Bilder zu laufen begannen, selbst ohne Ton. Wir waren die ersten Jahre unseres Lebens jeden Tag zusammen gewesen, in jedem Urlaub, mehr als beste Freundinnen, mehr als Schwestern, mehr als Gefährten. Sie war ich, ich war sie.

Und es war noch jemand auf den Spulen zu sehen. Jemand, der aussah wie ich.

Ein Mensch, der exakt mein Aussehen besaß und fremder nicht hätte wirken können.
Nach dem ersten Ansehen legte ich alles ordentlich weg, baute die Apparatur zurück, nahm die Leinwand ab, verschloss die Kisten sorgfältig wieder und verdrängte, was ich gesehen hatte.

Einige Jahre später habe ich die Kisten wieder geöffnet. Aber es wurde nicht vertrauter. Dieser Mensch sah aus wie ich.
Aber er war nicht ich. Er hatte Spaß am Quälen. Er hatte Spaß am Leid anderer. Er zuckte nicht zusammen, als die Peitsche kam. Nicht, als der Stock kam. Nicht, als die anderen gequält wurden. Das Gesicht, das ich jeden Tag im Spiegel sah, flimmerte dort völlig ausdruckslos über die Leinwand. Ich konnte weder so schnell rennen noch konnte ich so präzise schießen. Ich wäre beim unter Wasser drücken schon längst in Panik geraten, ich hätte schon geweint, als ich das kleine Tier gesehen hätte, das war definitiv nicht ich.

Das war ein Monster.

Aber es war in meinem Körper.

Kati 01.02.2023, 17.38

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Das Tragische an diesem Leben ist nur, dass es auf einer wahren Geschichte beruht.


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