Vielleicht gehört es zu den schmerzhaftesten Formen von Einsamkeit, einem Menschen so nahe zu sein, dass man emotional nicht mehr an ihn herankommt. Nicht weil Liebe oder Sehnsucht verloren gingen, sondern weil die eigene Nähe im anderen etwas aktiviert, das stärker ist, als sich dieser Nähe hinzugeben: Angst.
Angst ist nicht gleich Angst. Diese Angst entsteht nicht aus Verhalten, sie entsteht aus Bedeutung. Je elementarer die Bindung, desto größer die Gefahr, die damit verbunden ist, sich auf einen anderen Menschen einzulassen: Zurückweisung, Versagen, Beschämung, Konflikt, Abhängigkeit, Kontrollverlust. Ein ängstlich vermeindendes Bindungssystem sucht Nähe und gleichzeitig Schutz vor ihr. Wo am meisten auf dem Spiel steht, wird Rückzug plötzlich die sicherste Strategie.
Für den Menschen, der all das ertragen muss, macht die intellektuelle Fähigkeit, diese Dinge zu reflektieren, zu analysieren und zu erkennen, emotional nur begrenzt einen Unterschied. Ich lebe nicht mit der psychologischen Analyse eines Verhaltens, sondern mit seinen Folgen.
Ich erlebe einen Menschen, der mit anderen lachen kann. Der sprechen kann. Sich ausdrücken. Der reagieren, scherzen, herumalbern kann. Komplimente machen, zugewandt sein. Ich sehe seine Leichtigkeit und weiß darum, dass sie noch existiert. Nur nicht mehr zwischen uns.
Sobald es um mich geht, scheint jedes Wort Gewicht zu bekommen. Gespräche werden zum Eiertanz, Spontaneität wird unmöglich, meine Nähe wird zur höchsten Zumutung für das Nervensystem meines Gegenübers.
Vielleicht ist das tatsächlich der Kern der Wunde. Ich vermisse nicht etwas, das mein Gegenüber grundsätzlich verloren hat. Ich sehe, dass er es anderen noch geben kann. Nur mir nicht.
Und so sehr ich mich bemühe, mir immer wieder die Gründe hierfür vor Augen zu führen, beginnt meine Psyche schon lange, daraus Bedeutung zu konstruieren. Wenn jemand bei allen anderen unbefangen und nur bei mir befangen ist, liegt die Schlussfolgerung erschreckend nahe, dass ich das Problem bin. Also werde ich vorsichtiger. Überprüfe meine Worte, dämpfe meine Reaktion, frage mich, ob meine Bedürfnisse unangemessen sind, mein Wollen zu groß, meine Verletzungen zu sichtbar, meine Erwartungen zu schwer geworden sind. Ich versuche, möglichst ungefährlich zu sein. Geduldiger, verständnisvoller, anspruchsloser, wie die Mutter, die ihrem Kind die Angst nehmen will. Ich relativiere mich, ich halte, ich führe, ich entscheide, ich warte, dass aus der Sicherheit heraus, die ich geben kann, die Angst verschwindet und endlich Weiterentwicklung stattfindet.
Ich habe erst spät erkannt, dass ich zwar das Nervensystem, nicht aber das Bindungssystem eines anderen Menschen regulieren kann. Wenn Angst aus alten und ersten existenziellen Beziehungserfahrungen, inneren Erwartungen und eingeübten Schutzmechanismen stammt, kann ich mich immer weiter verkleinern, ohne jemals so klein werden zu können, dass ich keine Angst mehr auslöse.
Ich vernichte dabei nicht seine Angst, sondern nur mich selbst.
Grundsätzlich gilt für Beziehungen aller Art: Intimität braucht ein gewisses Maß an Unbefangenheit. Keine Konfliktfreiheit, aber die Erfahrung, sich zeigen zu dürfen, ohne dass jede Bewegung Gefahr bedeutet. Lachen braucht Spontaneität. Zärtlichkeit braucht ein Mindestmaß an innerer Sicherheit. Sexualität braucht die Möglichkeit, sich hingeben zu können. Gespräch braucht das Vertrauen, dass der andere zuhört und nicht bloß antworten will.
Wo einer Angst hat und der andere in sein Selbstbild integrieren muss, dass er diese Angst auslöst, wird Beziehung zum Minenfeld. Dann ist es egal, wieviel Liebe noch vorhanden ist, sie wird nicht mehr erlebt.
Normalerweise bedeutet Bindung, dass der wichtigste und nahestehendste Mensch einen privilegierten Zugang erhält: Zu Gedanken, Verletzlichkeit, Freude, Körperlichkeit, Albernheit, Trost, Zugewandheit, emotionaler Verfügbarkeit.
Hier entsteht das Gegenteil: Die anderen Menschen bekommen das Lachen, die Präsenz, die Aufmerksamkeit, Geschenke, die Fragen, das Interesse. Ich bekomme nur die höchste innere Alarmstufe, gerade weil ich am nächsten bin.
Als nahestehendste Person sitze ich auf dem Platz, der emotional am weitesten von ihm entfernt ist.
Und irgendwann, nach Jahren, Jahrzehnten, verändert das den Blick auf Beziehung unumkehrbar. Ich möchte nicht mehr ausschließlich verstehen müssen, warum der andere Angst hat. Ich möchte einfach nciht mehr.
Ich muss fragen dürfen, was es mit mir macht, dauerhaft Gegenstand dieser Angst zu sein. Erklärungen erzeugen keine Nähe. Mitgefühl erzeugt keine Intimität. Und irgendwann wird man müde. Werde ich müde. Nicht von einem einzelnen Streit, nicht von einer schwierigen Phase, sondern von der schieren Dauer. Vom Warten auf einen Menschen, der körperlich anwesend ist, emotional aber nicht näherkommt. Vom immer neuen Hoffen auf den nächsten Versuch, den nächsten Schritt, dass vielleicht irgendetwas von dem auftaucht, was in ihm vorhanden, aber nur mir nicht mehr zugänglich ist.
Müdigkeit ist keine Gleichgültigkeit. Im Grunde ist sie das Gegenteil. Sie resultiert daraus, dass man so lange eben nicht gleichgültig war. Dass man verstehen, einordnen, aushalten, warten wollte. Aber nichts kostet so viel Kraft wie Hoffnung, die über einen sehr langen Zeitraum keine Erfahrung erhält, an der sie sich erneuern kann.
Und dann taucht irgendwann eine Frage auf, die so erschreckend wie schlicht ist: Wie lange schaffe ich das noch?