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Für mehr Grau

Ich mache das gut.
Ich bin hier.
Ich laufe nicht weg.

Der Drang nach dem Abschluss meines momentanen Lebens und einem Neubeginn in absoluter Anonymität ist aktuell stärker denn je. Ich habe gestern nicht meine Koffer gepackt, unsere Konten leergeräumt, die Hunde und Tourbus genommen und bin nicht einfach weit weg gefahren. Ich habe nicht meine gesamte Internetpräsenz gelöscht, habe nicht die Gilde aufgelöst und meine Notfall-Sicherheitsalternativen aktiviert.

Ich bin noch da.
Der Drang nach dem Schwarz und dem Weiß ist so stark. Es frisst mich auf. Ich muss unterscheiden können, was richtig und was falsch ist, es darf keine Zweifel, keine Zwischentöne, keine Abstufungen, nur diese beiden Extreme geben. Extreme bieten innere Sicherheit, immer. Ist etwas nicht ganz richtig, ist es automatisch falsch. Hat etwas Gutes einen Makel, ist es schlecht.

Ich kenne meine Mechanismen, natürlich. Habe in den vergangenen Wochen erstmals wieder über Medikation nachgedacht, die mich in der verhassten mittelmäßigen Tristesse der tablettenförmigen Gehirnregulierung hält und alles nur noch als mittelschlimm, mittelgut, mittelschlecht empfinden lässt und verglichen mit meinem strukturellen Gefühlsempfinden mein Leben etwa so aufregend wie eine Scheibe Toastbrot erscheinen lässt. Ich weiß aus bitterer Erfahrung, dass gerade diese Regulation mich hoffnungslos macht, weil mein Leben in seiner gefühlt gleichförmigen Glückseligkeit sinnlos erscheint. Ich verschwinde, jeden Tag ein bisschen mehr, bis irgendwann die Teile übernehmen, die darauf nicht ansprechen.

Das Wissen darum, dass ich Ärzte habe, die mir jederzeit alles Vertretbare möglich machen, schafft etwas Erleichterung, immer einen Tag weiter ohne sie zu schaffen. Ohne Schlafmittel, ohne Beruhigungsmittel, ohne Betäubung, ohne Beeinflussung meiner Gehirnchemie.

Fünf Jahre ist es her, dass ich diese Instanz zum letzten Mal betreten habe und es war ein harter Weg, da wieder rauszukommen. Ich fühle mich noch nicht verzweifelt genug dafür.

Aber ich brauche mehr Grau.
Es ist das, was ich am wenigsten will und das, von dem ich weiß, dass ich es am nötigsten brauche.
Es ist okay, wenn es sich gerade alles nicht gut anfühlt.
Es ist okay, wenn ich weglaufen will. Ich muss es nicht tun.
Es ist okay, wenn die schwarzweißen Gedanken kommen, ich muss mich nicht für eine Seite entscheiden.

Ich darf im Grau bleiben.

Kati 14.03.2023, 08.00

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Das Tragische an diesem Leben ist nur, dass es auf einer wahren Geschichte beruht.

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