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Hello, my name is Doris

Der Film Hello, my name is Doris (2015) erzählt die unerwiderte Liebesgeschichte einer älteren Frau, die sich in einen Arbeitskollegen verliebt. Der Film braucht nicht lange, um auf den Punkt eines etablierten Tabus zu kommen: Die Sexualität älterer Frauen, insbesondere dann, wenn sie so vermessen ist, sich auf einen deutlich jüngeren Mann zu fokussieren. Und noch einen Schritt weiter zu gehen: Nicht nur selber begehrt sein zu wollen, sondern aktiv begehrend durch die Welt zu gehen. 

Männliche Sexualität im Alter gilt als selbstverständlich. Der ältere und erfahrene Mann mit junger Partnerin wird in Filmen, Werbung und auch im Alltag normalisiert.

Unsere Gesellschaft erlaubt Frauen hingegen nur für einen sehr begrenzten Zeitraum, sichtbar sexuell begehrenswert zu sein. Weibliche Attraktivität war immer schon an Jugend gekoppelt, das sexuelle Interesse von Männern an jungen Frauen überschreitet hierbei nur allzuoft die Grenze zur Parthenophilie - die beliebteste Pornokategorie heterosexueller Männer sind Teenager.

Mit zunehmendem Alter wird erwartet, dass eine Frau verständnisvoll, mütterlich, weise und selbstlos wird - aber um Himmels willen nicht mehr erotisch. Der Film kratzt an der dünnen Linie, Doris weder als groteske Peinlichkeit noch als moralische Warninstanz darzustellen - der Zuschauer selbst muss sich die unangenehme Frage stellen, warum der Film trotzdem ein gewisses Unbehagen in manchen Szenen hervorruft, konfrontiert er uns doch sehr wohl mit der Verinnerlichung des Grundsatzes, dass ältere Menschen zwar Nähe brauchen, aber insbesondere weibliches Begehren mit Falten und grauen Haaren eher Mitleid denn Mitgefühl hervorruft. Und hier muss man das Erlernte hinterfragen, wenngleich eigentlich jedem klar sein sollte, dass Menschen nicht aufhören, sich nach Berührung, Aufregung, Abenteuer, Sexualität und Bestätigung zu sehnen, nur weil ihre Körper altern. 

Doris Sehnsucht prallt nicht nur auf gesellschaftliche Grenzen sondern spielt auch mit der Angst vor dem Alter selbst. Wer bin ich, wenn ich alt werde? Was gibt meinem Leben Sinn? Was erfüllt mich? Besonders gelungen wirkt es, dass der Film nicht in die Falle tappt, Doris als aktive Kümmerin zu brandmarken, die ihren Sinn darin findet, sich um die nächsten Generationen zu kümmen und sich selbst hintenanstellt. Sie kommt aus einer Lebenssituation, in der sie sich bis zu deren Tod um ihre Mutter gekümmert hat, aber wir sehen sie zu dem Zeitpunkt, an dem sie niemandem mehr verpflichtet ist. Doris hat keine von außen zugeschriebene Aufgabe als Mutter oder Großmutter, sie ist Mensch und Frau. Und eine ältere begehrende Frau konfrontiert uns damit, dass Sexualität und Identität nicht einfach irgendwann sauber in der beliebten "Frau, alt, unsichtbar"-Schublade verschwinden. 

Das irritiert eine Kultur, die Frauen nur in zwei Zustände kategorisiert: Jung und begehrenswert vs. Alt und emotional zuständig für andere.

Der Film spielt durch die Fantasiesequenzen, bei denen man sich nicht sicher sein kann, ob sie nun im Kopf von Doris stattfinden oder tatsächlich passieren, mit den Wertvorstellungen des Zuschauers. Man ist hin und hergerissen, ob ER sie nun tatsächlich attraktiv findet (und unsere Erziehung fragt als leise Stimme im Hinterkopf: Darf er das? Kann das wirklich sein?) oder ob wir Doris` Wunschdenken sehen. Es ist unangenehm, während dieser Momente mit den eigenen Vorurteilen konfrontiert zu werden. Die Vorstellung, ein junger Mann könnte eine um ein Vielfaches ältere Frau ernsthaft attraktiv finden, widerspricht allem, was wir verinnerlicht haben. 

Sally Field spielt Doris mit einer hingebungsvollen Zärtlichkeit für die Sehnsucht und das Leben an sich und wirkt zu keinem Zeitpunkt lächerlich oder provokant. Im Gegenteil. An den Stellen, an denen es nur zu leicht gewesen wäre, Doris in eine peinliche Karikatur einer verzweifelten alten Frau zu verwandeln, überzeugt sie mit der warmen Darstellung einer traurigen, liebevollen und etwas unbeholfenen Frau, die sich erlaubt, sexuelle Bedürfnisse, Fantasien und Hoffnung auf echte Begegnung zu fühlen. 

Der Film erinnert daran, dass Sehnsucht keine Altersgrenze kennt. 
Dass Intimität, alberne Verliebtheit, sexuelles Interesse und Begehren keine Priviliegien der Jugend sind. 
Vielleicht liegt darin die unausgesprochene Zumutung: Älteren Frauen muss dieselbe emotionale und erotische Komplexität zugestanden werden, wie sie Männern ganz selbstverständlich eingeräumt wird.

Die beiden sich wiederholenden Endszenen, die es der Fantasie des Zuschauers überlassen, ob das Filmende Abschied ist oder Anfang wird, zeigen uns durch das, was wir für wahrscheinlich oder unmöglich halten, deutlich unsere eigene Prägung.

Kati 08.05.2026, 10.00

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Das Tragische an diesem Leben ist nur, dass es auf einer wahren Geschichte beruht.

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