Zeit meines Lebens wurde durchgehend meine Privatsphäre missachtet.
Ich hatte schon früh das verstörende Gefühl, dass das Schlimmste, was insbesondere meine Mutter mir antat, gar nicht der Missbrauch und die körperliche Gewalt an sich war, sondern die Momente, in denen ich völlig schutzlos aus dem Schlaf gerissen wurde, in denen Türen zum Badezimmer aufgestoßen wurden, in denen ich nackt unter der Dusche stand und plötzlich von gierigen Augen begutachtet und von schmierigen Fingern betastet wurde, in denen ich krank und mit Schmerzen im Bett oder im Krankenhaus lag und mich gegen ihre Übergriffe innerlich nicht wappnen konnte.
Es war immer der verletzliche Moment, in dem ich nicht vorbereitet war.
Ich lernte im Laufe der Zeit, wann sie am tiefsten schlafen, am unaufmerksamsten sind, am wenigsten Interesse an mir haben. Bin über Jahre hinweg zwischen 3 und 4 Uhr nachts aufgestanden, um heimlich duschen zu können, heimlich in Ruhe zu essen, heimlich einen Moment durchatmen zu können. Nur einen Moment Privatsphäre, nur einen Moment Ruhe, nur einen winzigen Moment Sicherheit. In einem Zuhause, das mich hätte schützen sollen und müssen, an einem Ort, der mir Zuflucht hätte sein sollen. Ich zog Dinge an, die sich möglichst mühsam ausziehen ließen, quetschte mich in Hosen, die nur schwer über meine Hüften rutschten, schlief komplett angezogen, lief so oft es ging nach draußen in den Wald, um auf Toilette zu gehen, damit sie mich nicht wieder im Bad überfallen konnte, um "die Zeit zu nutzen", mich anzustarren, zu untersuchen oder einfach nur zu demütigen.
Ich konnte immer spüren, wie sie hinter mir stand und mich schweigend beobachtete. Meinen Körper musterte. Noch heute bekomme ich kalte Schweißausbrüche, wenn jemand schweigend in meinem Rücken steht und mich beobachtet. Türen versperrt oder schlimmer, einfach in Räume kommt und sich nicht vorher bemerkbar macht.
Ich musste schlafen erst lernen. Nicht mehr in der Sekunde, in der ich wach wurde, sofort alle Sinne beisammen haben zu müssen, weil man entweder schon angefasst wird oder eine Übung anstand oder jemand in einer Zimmerecke sitzt und mich beobachtet. Auch heute ist mein Schlaf noch das Intimste, das ich jemandem anvertrauen kann.
Wir haben im Hier und Heute strikte Regeln. Niemand betritt ein Zimmer, ohne anzuklopfen und darauf zu warten, dass geantwortet wird. Das war mit so vielen Kindern, die Privatsphäre von Eltern erstmal als quasi nicht existent betrachten, ein harter und schlafloser Weg.
Ich kann meine Traumaantwort nicht ändern, ich weiß, dass das nicht möglich sein wird. Der Mechanismus wird immer anspringen. Aber ich habe mir ein Leben geschaffen, in dem ich damit über weite Strecken gut umgehen kann.
An Tagen wie diesen, wo ich weiß, ein fremder Mensch wird mein Grundstück, meine Grundfeste, mein Haus, meine Zuflucht betreten, kreischt die Programmierung wieder laut im Gehirn. Auch das ist okay. Es ist wie es ist. Ich habe nur dieses eine Leben und ich werde mich wohl nie wirklich sicher fühlen.
Aber hier, mit einem Bären an der Seite, der mich vehement anbrummelt, wenn ich mich in Erinnerungen zu verlieren drohe und mich zurückholt, wenn ich innerlich zersplittere, kann ich ein Stück Verletzlichkeit zulassen und weine nicht mehr aus Panik, sondern um das Kind, das ich nie sein durfte.