Blogeinträge (themensortiert)

Thema: Vier gewinnt!

Dunkle Aussichten

Die Kriegerprinzessin wird dieses Jahr der großen Schwester aufs Gymnasium folgen.
Der jungen und ambitionierten Lehrerin ist das eher nicht recht - und das kommuniziert sie uns gegenüber auch so, weil das Kind in einem für sie äußerst wichtigen Punkt das Kreuzchen nicht auf "herausragend" hat. Sie kann keine Kritik annehmen und damit trifft sie sogar voll ins Schwarze.
Warum sie das bei überdurchschnittlichen Noten als eine der Besten in ihrer Stufe und bei herausragender Intelligenz für das Gymnasium disqualifiziert, weiß wohl nur der liebe Gott.

Gegen die Gymnasialempfehlung kann aber auch die Lehrerin nichts machen und so versucht sie zumindest, der Kriegerprinzessin den Besuch des Gymnasiums so madig wie möglich zu machen.

Nachdem wir nun einige Wochen mit "auf dem Gymnasium habt ihr kaum noch Freizeit" und "da bringt das Lernen keinen Spaß mehr" und "da sind alle Lehrer sehr streng" verbracht haben, gab es nun diese Woche eine Zugabe. Die zukünftigen Gymnasialschüler bekommen nun Hausaufgaben in einem Umfang, dass sie jeden Tag mehrere Stunden beschäftigt sind.

Einige Tage vor der verbindlichen Anmeldung. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die Kriegerprinzessin sitzt mit zusammengebissenen Zähnen hier und arbeitet sich durch seitenweise Aufgaben.
"Damit ihr schon mal sehen könnt, wie das am Gymnasium wird", sagte die Lehrerin heute.

Ich mustere meine kleine Tochter und sage nichts. Hat im Moment ohnehin keinen Sinn.
Ich spüre ihren Jähzorn. Heiß und brodelnd direkt unter der Oberfläche.

Am Abend steht sie neben der großen Schwester und schweigt lange.
"Was ist los?", fragt das große Tochterkind.
Sie wartet.
Langsam fließen die Gedanken der kleinen Tochter in Worte. "Sag mal... warum machst du eigentlich so gut wie nie Hausaufgaben, wenn du hier zuhause bist?"

Das große Tochterkind ist etwas verdutzt. "Unsere Lehrer legen alle Wert darauf, dass wir im Unterricht fokussiert sind und mitarbeiten. Wir bekommen eigentlich kaum Hausaufgaben."

Ich lächle still in mich hinein, als die Kriegerprinzessin triumphierend "Ha!" macht. "Ich wusste doch, dass da irgendwas dran nicht stimmen kann!"

Heute dürfen wir sie in der nächsten Schule anmelden und ich bin froh, wenn wir auch mit diesem Kind die Grundschule hinter uns haben.

Nur noch ein weiteres Kind, dann haben wir es geschafft.

Kati 02.02.2018, 15.00 | (0/0) Kommentare | PL

Vom Lieben

Es ist nicht meine Gefühlswelt, die diese Gedanken hervorbringt und doch betrifft sie mein innerstes Empfinden und Erleben.
Wenn ein Kind zum ersten Mal in die aufregende und unschuldige Achterbahnfahrt der Gefühle einsteigt, dann betrifft das nicht nur dieses Kind, sondern die ganze Familie.

Wir müssen uns als Eltern erst einmal damit auseinandersetzen, was das für uns heißt.
Wie das unser Bild verändert, wenn das gerade erst geborene Kind plötzlich auf Wolke 7 an kleinen Geschwistern vorbeischwebt und nichts im Leben mehr Relevanz besitzt außer der nächsten Nachricht, dem nächsten Treffen, dem nächsten Körperkontakt.

Und das ist zumindest für mich sehr schwer.

Ich möchte ihr all diese Glücksgefühle lassen und gleichzeitig mit dem Schwert hinter ihr stehen, sollte er auch nur eine falsche Bemerkung machen, eine falsche Bewegung, einen falschen Zug tun.
Und ich will nicht, dass sie fällt.
Hier weniger als jemals zuvor in ihrem Leben.

Nun weiß ich aber auch, dass gerade der Fall elementarer Bestandteil ihres inneren Wachstums sein wird. Und dass Schmerz dazugehört.

Noch können wir sie trösten, noch können der Mann und ich heimlich die Augen verdrehen, wenn sie völlig überdreht nach Hause kommt und jeder Satz mit seinem Namen anfängt.
Noch ist sie hier und noch dürfen wir direkt Anteil nehmen.

Es ist ein Geschenk, das wehmütig macht.

Ich bin noch nicht bereit für diesen Schritt.
Aber sie ist es.
Also gehen wir ihn.

Kati 28.10.2017, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

Brandschutzerziehung

Heute ist das große Finale der Brandschutzwoche in der Grundschule.

Seit vier Tagen wird gezündelt, geprobt, werden Fluchtwege abgegangen, wird auf dem Boden gerobbt, die Feuerwehr mit verschiedenen Telefonen (Taste, Wählscheibe, Spracheingabe) angerufen und Brandmeldungen abgesetzt.
Jedes.einzelne.Kind.

Was im Kindergarten schon sehr gut angefangen hat mit halbjährlichen Besuchen bei der Feuerwehr mit in-Brand-setzen und Löschen von verschiedenen Dingen, Fahren mit Feuerwehrautos und Rettungen von Dächern in 8 Meter Höhe und Fahren mit ausziehbaren Leitern und Ähnlichem, wird hier in aller Konsequenz fortgesetzt.

Seit vier Tagen sind es nicht die Lehrer und Lehrerinnen, die die Hauptrolle spielen, sondern Feuerwehrleute.
Alles dreht sich rund um einen Ernstfall, der auch als genau das dargestellt wird, was er ist, allerdings nicht in grauer Theorie.
Es geht um Erfahrung, ums Begreifen, ums Anfassen, um Erleben, um alles, was man Kindern nicht an einer Tafel mitteilen kann.

Und so wurde ich heute Morgen Zeuge eines spektakulären Schauspiels, auf das alle Grundschüler seit Montag hinfiebern.

Es ist 7:50 Uhr - alle Kinder spielen bereits auf dem Schulhof und warten auf das erste Klingeln - da wird der ganze Schulhof plötzlich in grell blinkendes Blaulicht gehüllt.

150 Kinder kreischen unisono auf und fangen an, Richtung Auffahrt zu rennen.

Es ist kein Chaos, aber die Luft vibriert förmlich vor Aufregung.

Ich sehe den ersten von drei Feuerwehrwagen.
Der Fahrer winkt aus dem geöffneten Fenster und mehrere Feuerwehrmänner hängen wie Popstars aus den hinteren Türen.

Die nächsten beiden Wagen kommen um die Ecke und rollen langsam auf den Schulhof.
Einige Kinder werden auf die Wagen gehoben und dürfen mitfahren.
Die Auserwählten kreischen begeistert.

Man sieht ganz gut, welche Kinder das Spektakel schon kennen - die Viertklässler ganz vorne, die Erstklässler stehen mit offenem Mund weiter hinten und können gar nicht so recht fassen, was dort geschieht.

Die drei Feuerwehrwagen sind inzwischen auf dem Schulhof aufgestellt und voll uniformierte Feuerwehrmänner heben die Kinder wieder aus den Wagen und andere hinein.
Sie baden förmlich in der Menge und man sieht, dass sie Spaß haben.

Die Kinder kennen die Männer schon aus der vergangenen Brandschutzwoche und haben keine Berührungsängste.

Ich sehe den närrischen kleinen Tuk, der mit riesengroßen Augen zwei Feuerwehrleute anhimmelt und lächle leise, als ich mich auf den Weg nach Hause mache.

Ja, so ist das gut und so sollte es sein.

Kati 20.10.2017, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

Aus der Art geschlagen

In einigen Tagen wird der närrische kleine Tuk sechs Jahre alt.
Unser Nesthäkchen, unser letztes Kind, unser Sonnenschein.
Und unser besonderes Kind mit all seinen speziellen Bedürfnissen, mit dem wir so viel durch haben.
Einschließlich Ärzte-Odyssee und Operationen.

Er ist wunschlos glücklich.
Er will nichts, er will keine Party, kein Fest, keine Gäste, keine Geschenke.

"Einen Schokokuchen, Mami. Aber bitte ohne Sahne."

Alle Kinder hier wissen, dass ich an ihren Geburtstagen die Welt für sie anhalte.
Weil mir das wichtig ist.
Das gesamte Haus mutiert auf über 200 Quadratmetern zu Spinnenhöhlen, Vampirgruften, zu Unterwasserwelten oder wird mit 5000 Luftballons gefüllt.
1000 Quadratmeter Garten verwandeln sich in die Welt von Minecraft, ich hebe Gräben aus und baue Weltraumkioske, hole Pferde, baue gigantische Drachen oder wir kämpfen als Pflanzen gegen Zombies.
Nichts ist unmöglich.
Wir verköstigen auf Geburtstagen ganze Heerscharen von Kindern, zu unseren eigenen sechs Kindern kommen normalerweise noch 2-4 Freunde von Geschwisterkindern (oft als Helfer in besonderen Rollen) und geladene Partygäste, von mindestens 6 bis hoch zu 16 weiteren Leuten.
Die Kinder haben schließlich alle unterschiedlich große Freundeskreise.

Und das kleinste Familienmitglied will ... nichts von alledem.

Das ließ mich erst einmal ratlos zurück.
Er liebt Partys und den Trubel darum, er hat Freunde und im Vergleich zu seinen Geschwistern nur wenig Spielzeug für sein Alter.

Bei genauerem Nachdenken hätte ich drauf kommen können.
Er ist hier als Kleinster mit seinen Besonderheiten so eingebettet in unsere Familie wie sonst kein Kind vor ihm.
Alle Geschwister lesen ihm jeden Wunsch von den Augen ab, er ist durch seine jahrelange Taubheit immer im Fokus gewesen.

Immer der Mittelpunkt, immer waren alle bemüht, ihn und seine Anliegen zu verstehen.

Er war der einzige, mit dem in Zeichensprache kommuniziert werden musste, alle großen Geschwister haben sich bei Problemen immer wie Löwenmütter vor ihn gestellt.

Egal, ob er auf dem Spielplatz von anderen Müttern oder Kindern doof angesprochen wurde oder ob die blöde Bäckereiverkäuferin meinte, bemerken zu müssen, dass er so komisch lallen würde.
Er bewohnte jahrelang nicht sein eigenes Zimmer, weil er nachts bei uns schlief und tagsüber immer in den Zimmern seiner Geschwister willkommen war.
Er braucht selber kaum Spielzeug, weil er Zugriff auf 3 weitere Kinderzimmer samt Spielzeug hat.

Er ist das Kind, das hier am meisten in sich ruht.
Das, das inzwischen auch einfach mal für Stunden im eigenen Zimmer verschwindet und die Ruhe genießt.
Das, das immer gut gelaunt ist, immer in seiner Mitte schwebt, großzügig und empathisch ist und so unglaublich viel Charisma besitzt.

Mein Baby.

Und wenn genau das sein Wunsch ist, dann werde ich den schönsten Schokokuchen ohne Sahne für ihn machen, den er sich nur vorstellen kann.

Und den Rest einfach loslassen.

Kati 05.10.2017, 15.00 | (1/0) Kommentare (RSS) | PL

Chaotenkinder

Die beiden chaotischen Mittelkinder prügeln sich durch den Garten.

Natürlich erst, nachdem sie die letzten 10 Minuten damit verbracht haben, sich über die Regeln zu streiten.

Soweit ich erkennen kann, haben sie sich geeinigt und gehen nun mit vollem Körpereinsatz aufeinander los.
Ich sitze mit dem großen Tochterkind auf der Terrasse und betrachte das Schauspiel.

Der kleine Braunbär, der mal ein Hund werden wollte, liegt neben mir und fiept aufgeregt, wird aber von mir angeranzt, dass er liegenbleiben muss.
Ich weiß nur zu gut, wohin es führen würde, wenn jetzt auch noch 40 Kilogramm Muskeln mit Reißzähnen in das Geschehen eingreifen würden.

Der Kobold hat einen enormen Reichweitenvorteil durch seine langen Gliedmaßen.
Er ist untergewichtig, besteht aber nur aus Muskelmasse.
An Schnelligkeit und Wendigkeit ist er ihr weit überlegen.

Die Kriegerprinzessin ist fast so groß wie er, wiegt aber über 10 Kilogramm mehr.
Sie hat Masse und kann sie einsetzen.

An Kraft sind die beiden sich ebenbürtig.

Er kann Seine zwar besser und gezielter einsetzen, nimmt aber auch immer noch Rücksicht auf die vermeintlich kleine Schwester.
Ich habe selber schon mit ihm gerungen und weiß, wie es sich anfühlt, wenn er mit voller Kraft dabei ist.
Er ist im Moment zwar noch etwas kleiner als ich, aber da muss ich langsam an den Mann abgeben, weil ich ihm kein guter Trainingspartner mehr bin.

Die Kriegerprinzessin nutzt den Vorteil, den sie durch seine Rücksicht hat, hemmungslos aus.
Ich sehe, wie sie ihn zu Boden gedrückt, ihm die Arme auf den Rücken gedreht hat und verschwitzt und mit völlig zerzausten hüftlangen Haaren lautes Triumphgeheul anstimmt.
Der Hund winselt leise vor sich hin.

Der Kobold keucht und flucht und dreht sich aus ihrer Umklammerung.
Kaum, dass er seine Arme befreit hat, stemmt er sich hoch und steht langsam auf.
Mit ihr auf dem Rücken.
Sie kreischt empört und schlägt von oben auf ihn ein.

"Motte!"
, ermahnt er sie sachte. "Keine Schläge auf Kopf oder Hals!"

Ich grinse.
Regeln sind nun mal Regeln.

Sie schäumt vor Wut, umklammert ihn und lässt sich mit ganzem Gewicht nach hinten fallen.
Beide stürzen zu Boden, beide keuchen auf.
Ein Knäuel aus Gliedmaßen und Haaren rollt über den Rasen und ab und an jault einer der beiden schmerzerfüllt.
Wir haben mal wieder einen Punkt erreicht, an dem keiner der beiden Sturköpfe nachgeben kann.

Das große Tochterkind und ich sind mit unserem Frühstück auf der Terrasse fast fertig und unterhalten uns leise.
"Da heult gleich einer!", stellt sie fachmännisch fest.
Ich nicke.

"So!", rufe ich laut, "Wer räumt mir denn jetzt mal die Geschirrspüle aus?"

Beide drehen den Kopf in meine Richtung.
Sehen sich kurz an und verdrehen die Augen.
"Muss das sein?"

Ich nicke bestimmt.

Beide humpeln murrend ins Badezimmer um sich zu waschen.
Als sie wiederkommen, haben sie sich geeinigt, dass Einer die Unter- und Einer die Oberetage ausräumt.

Die Kriegerprinzessin verkündet lautstark, wieviel Glück der Kobold hätte, dass sie jetzt die Geschirrspüle ausräumen müssten.
Sie hätte sonst bestimmt gewonnen.
Ich lächle milde.
Als sie fertig sind, schmust der Kobold kurz an mir vorbei und flüstert in mein Ohr: "Danke, dass du die Motte gerettet hast. Ich hätte sie ja sonst besiegt. Und dann hätte sie wieder geweint."
Ich muss mir mein Schmunzeln verkneifen und nicke ernsthaft.

Als die beiden lautstark zwei Etagen nach oben turnen, um irgendein neues Projekt zu starten, sieht das große Tochterkind mich grinsend an.

"Du Fuchs!"

Kati 08.08.2017, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

Mein freier Tag

Die drei Chaoskinder sind momentan über Tag alleine mit mir und Uroma zuhause und haben sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen.

Meinen freien Tag.

Nach 15 Jahren Mutterschaft gibt es nur zwei Sachen, die alle meine Alarmglocken gleichzeitig klingeln lassen: Wenn "nichts passiert!!!" ist und wenn ich "nichts machen muss".

Ich bekomme also von dem 11jährigen Kobold, der 9jährigen Kriegerprinzessin und vom 5jährigen närrischen kleinen Tuk eine Liste mit Fragen vorgelegt, in der ich alles eintragen soll, was ich essen und trinken möchte und was getan werden muss.

"Abba nicht Uroma den Popo saubermachen!", kräht das kleinste Chaoskind und ich nicke ernst. "Abba sonst alles!"

Alle 10 Tiere versorgen, Frühstück, Mittagessen und Abendbrot machen, saugen und aufräumen und die Geschirrspüle aus- und einräumen.
Donnerwetter.
Die Drei hatten einen Plan.

Bislang kannte ich nur halbherzige Bekenntnisse und verschmierte Dinge, die in meinem Bett ausgekippt wurden, weil "alle Mamis lieben Frühstück im Bett, Mami!".
Aber sie hatten sich wirklich Gedanken gemacht.
Einschließlich des Punktes: Mama darf in Ruhe frühstücken wo sie will.

Ich greife mir einen Kugelschreiber und grinse. Das könnte gut werden.

"Und ich darf den ganzen Tag machen, was ich will?"

Drei Köpfe nicken.

"Also - außer, es ist was mit Uroma. Dann kannst du natürlich nicht im Bett liegen oder so."

"Na klar.", sage ich.

Ich fülle das Formular gewissenhaft aus und freue mich ein wenig.

Der freie Tag bricht an und ich falle in der Morgendämmerung erst einmal von Omas Notrufklingel aus dem Bett.

Aber gut, dann ist der freie Tag ja umso länger. Auch nicht schlecht.

Die drei Chaoskinder stehen fertig angezogen und gewaschen mit Leergut und Einkaufstüten und einem Portemonnaie vor mir, als wir aufbrechen wollen.
Der Kobold hakt die Checkliste ab und fragt mit strenger Stimme seine kleinen Geschwister ab:
Leergut? Check.
Tüten? Check.
Geld? Ich reiche lächelnd einen großen Schein in die Runde. Check.
Einkaufszettel? Check.

Wir fahren in unseren Lieblingssupermarkt und ich übe mich in Vertrauen, als ich die Drei völlig planlos durch die Gänge schliddern sehe.
Wir sind dort natürlich sehr bekannt und mir geht das Herz auf, als ich sehe, dass sie sich ordentlich an die Mitarbeiter wenden, wenn sie Hilfe brauchen.

Ich beschließe, noch ein Stück weiter loszulassen.
Ich kaufe mir ein paar Pflanzen, die es heute im Angebot gibt, lasse an der Kasse noch kurz die Information zurück, dass ich heute einen freien Tag hätte und die drei Kleinen gleich allein an die Kasse kommen würden und ich draußen im Auto warten würde, wenn was wäre. Gluckengefühle.

Die Kassiererin lächelt warm und winkt dem kleinsten Kind zu, das gerade mit einer großen Packung Eiscreme an der Kasse vorbeieilt und den Namen des großen Bruders ruft.
"Ihre Kinder sind so wunderbar."
Ich nicke. Ja, das sind sie.

20 Minuten später kommen die Drei endlich aus der Tür und schieben stolz ihren Einkaufswagen zum Kofferraum.
"Wir haben alles bekommen!"

Mir wird ein Berliner und ein heißer Kakao gereicht und bedeutet, ich könne ruhig auf dem Fahrersitz sitzenbleiben und mein Hörbuch weiterhören, während sie einpacken.

Große Liebe.

[geschrieben beim Brunch am Computer mit einem Laugenbrötchen mit Mayonnaise (sehr viel) und Käse (zu wenig), einer Flasche Wasser, weil sie das falsche Getränk gekauft haben und einem weiteren Berliner. Mit Musik und fast ungestört bis auf einen Notfall, als der Hund fast einen halben Liter Cola getrunken hätte und viermal Notfallklingel zwischendurch von Uroma, weil sie immer noch nicht gestorben ist. Läuft.]

Kati 28.07.2017, 18.00 | (2/0) Kommentare (RSS) | PL

Zeugnistag

Letzter Schultag, Zeugnistag.

Die Zeugnisgeschenke sind verpackt und liegen hier.
Nicht für gute Noten, sondern für die täglich absolvierte Arbeit.

Für Pflichtbewusstsein und die Fähigkeit, auch mal an bescheuerten Tagen und ohne viel Lust den Schulalltag absolviert zu haben.

Kind6 mault ununterbrochen, dass es ja nun eigentlich schon ein Schulkind sei und mokiert, noch kein Zeugnis bekommen zu haben.
Dabei fällt mir ein, dass ich ihn mal dazu zwingen sollte, mit mir endlich mal Schulranzen begutachten zu fahren...

Das Zeugnis von Kind5 habe ich schon vor einigen Tagen gesehen, es ist und bleibt wie erwartet ein absoluter Überflieger.
Kann alles, weiß alles, ist beliebt, hat Freunde, hilft und lebt den jähzornigen Dickkopf anscheinend nur hier zuhause in schöner Regelmäßigkeit aus.
Genie und Wahnsinn und so.
Sie ist ein Kind, das sich gerade in Tiere so gut einfühlen kann, dass mir manchmal vor Ehrfurcht die Luft wegbleibt. Das bezieht sich zwar weniger auf den Chaosbruder, aber auf alle anderen Wesen. Sie kann mit bissigen Pferden so gut umgehen wie mit Hasen, Hunden, Katzen, sammelt grundsätzlich jedes noch so zerfledderte Tier ein und hat große Fortschritte darin gemacht, den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren.

Kind4 hat sein erstes Jahr auf der weiterführenden Schule gut überstanden und mein Sorgenbaby hat es geschafft, vom schulehassenden MotzKobold zu einem in sich ruhenden sensiblen Fast-Teenager zu reifen, der viele gute Freunde hat (die hier mitunter fast wohnen) und der auch in der Schule gut mitkommt. Mal gibt es eine Fünf, mal gibt es Einsen, im Normalfall pendelt er zwischen guter und befriedigender Leistung.
Er behauptet sich auf dem Schulhof auch gegen große Fieslinge und stellt sich aufgrund seiner körperlichen Überlegenheit auch vor seine Freunde.
Er ist großartig. Hochsensibel und endlich in seiner Mitte.

Kind3 - Zusatzkind2 - wird auch hier wieder versuchen, nicht aus der Masse hevorzustechen.
Ich erwarte viele Dreien und Vieren und keine besonderen Bemerkungen.
Er ist einer von Vielen und möchte auch nichts Besonderes sein.
Darauf wurde er in seinem früheren Leben programmiert und daran arbeiten wir mit der Familientherapeutin.
An Interesse, Gefühl und dem Gespür für das eigene Ich. Der Weg ist noch lang.

Kind2 - meine strahlende Erstgeborene und Dramaqueen, Giftbeere und Kronprinzessin - ihr Zeugnis wird sie wiederspiegeln.
Einsen, wo ihr Interesse brennt, Dreien, wo sie keine Lust hat.
Und endlich eine Oberstufenschülerin.
Sie besucht eine Schule, deren Anspruch hoch ist und ich bin sehr zuversichtlich, dass sie die letzte Strecke zum Abitur mit Bravour absolviert.
Ihr Freundeskreis ist über die Jahre gewachsen und gefestigt, ich liebe und schätze alle ihre guten Freunde sehr.
Sie kann ihre Bedürfnisse kommunizieren, ist ein absoluter Kopfmensch mit viel Herz.
Sie treibt mich zur Verweiflung und in den Wahnsinn und ihr 10-Jahresplan mit Auszug nach dem Abitur und Studium und Wohnungseinrichtung und Nebenjobs erfüllt mich mit Stolz und Wehmut gleichermaßen. Sie ist doch noch so klein...

Kind1 - Zusatzkind1 - hat einen ähnlich schweren Rucksack zu tragen wie Zusatzkind2.
Sie wird ein absolutes Vorzeigezeugnis mit nach Hause bringen.
Nur Einsen und vielleicht in Sport eine Zwei oder Drei, für die sie sich innerlich zerfleischen wird.
Sie hat die Gabe, schreiben zu können, hoffentlich endlich für sich angenommen und kommt langsam aus sich heraus. Ihr Fokus liegt auf Träumereien und allen Dingen, die nicht Gefahr laufen, Realität werden zu können. Sie ist in der Lage, komplexe Zusammenhänge aus jedem Wissensgebiet schriftlich darzulegen, aber sobald man sie etwas fragt, das auch nur im Entferntesten die Gefühlsebene streifen könnte, verwandelt sie sich in ein kleines schwarzes Mäuschen, das man unter Androhung von Schlägen in einer Fremdsprache nach dem Weg gefragt hat.
Auch hier bin ich dankbar für die Frau, die uns inzwischen schon ein Jahr als Therapeutin begleitet.
Ihr Weg wird deutlich länger werden, auch darum bin ich glücklich über das zusätzliche Jahr, das ihr nächsten Sommer durch den Schulwechsel auf die höhere Schule zu Kind2 geschenkt werden wird.
Es wird sicher nicht immer einfach sein, eine Klasse unter der eigentlich jüngeren Stiefschwester zu sein, aber ich bin zuversichtlich, dass wir das gut begleiten können.

Ich bin heute sehr dankbar für diesen letzten Schultag.

Ich freue mich darauf, 6 Wochen lang NICHT jeden Tag morgens bis zu 11 Frühstücks- und Mittagsdosen herrichten zu müssen und auch einfach mal bis 7 Uhr morgens liegen bleiben zu können.

Ich war noch nie so urlaubsreif wie dieses Jahr.

Kati 14.07.2017, 06.00 | (3/3) Kommentare (RSS) | PL

Glaubensfrage

"Mamaaaa, wo wohnt Gott noch mal?"

Das kleinste Kind kräht mich noch halb verschlafen beim Frühstück an, weil es gerade über Weltall und Himmel und Wolken und Luft und Sonne und überhaupt sinniert hat.
Dabei kam ihm irgendwie in den Sinn, dass es den Platz für Gott wohl vergessen haben muss.

Bevor ich noch irgendetwas sagen kann, keift ihn Zusatzkind1 mal wieder reflexhaft an und belehrt ihn überheblich: "Es gibt keinen Gott!"

Ich seufze müde. Was hat man diesen Kindern nur angetan, dass sie anderen nicht ihre eigene Sicht der Dinge lassen können?

Das kleinste Kind zieht unbeeindruckt eine Augenbraue hoch.
Überartikuliert wendet es sich an die große Stiefschwester:
"Darum habe ich auch nicht dich gefragt,", erklärt es langsam, als würde es es mit einer äußerst ärgerlichen Form von Begriffstutzigkeit zu tun haben, "sondern Mama."

Ich entscheide mich, ihr abfälliges Seufzen und Augenrollen so früh am Morgen zu ignorieren.

"Gott ist überall, Butzemann. In mir, in dir, in allen Menschen, in jeder Blume, in jedem Tier, an jedem Ort. Im Weltall genauso wie hier auf der Erde."


"Das ist so schön, Mami!", freut sich der kleine Sohn und springt auf.

Ja. Das ist es.

Kati 06.07.2017, 06.00 | (1/0) Kommentare (RSS) | PL

Sieben

Noch sieben Mal.

Noch sieben Mal das kleinste Kind morgens in den Kindergarten fahren.

Nur noch sieben Mal.
Im Sommer wird es vorzeitig eingeschult und ich darf, kann.. endlich... nach 12 unendlich langen Jahren mit Kindergartenkindern morgens eine neue Routine anfangen.

Ich bin müde. Und sehnsüchtig.
Die Entscheidung für kein weiteres Kind ist unumstößlich.
So richtig.
Und doch sind sie da, die Momente, in denen ich von dem Mann, der der Mann heute ist, so unglaublich gerne noch einmal schwanger wäre.
Noch einmal in meinem Alter mit der heutigen Erfahrung ein Kind austragen würde.

Obsolet sind sie, diese Gedanken.
Zu viele Argumente sprechen dagegen, zu hart haben wir gekämpft und zu viele Kinder haben wir verloren.
Die Zeit des Kindergebärens ist vorbei.

Sieben Male noch.
Dann habe ich sechs Schulkinder.

Ich fühle mich alt.

Kati 27.06.2017, 06.00 | (2/0) Kommentare (RSS) | PL

Das taube Kind [Butzi]

Es ist jetzt bald vier Jahre her, dass der schrecklichste HNO-Arzt der Welt mit gleichgültiger Stimme verkündete: "Das Kind ist taub. Operiere ich selber, nächste Woche, mal sehen, ob er dann hören kann oder blöde bleibt. Ist halt keine schöne Sache."

Es ist auch bald vier Jahre her, dass wir statt im Hinterhof des HNO-Arztes in einem großen Zentrum für HNO/Pädaudiologie alle zusammen um 6 Uhr morgens auf den Chirurgen warteten, der den närrischen kleinen Tuk zur ersten Operation seines Lebens abholen würde.

Erst ein Jahr ist es her, seit die letzte Operation vorgenommen wurde und das dumme taube Kind endlich ein einem gesunden Kind fast gleichgestelltes Hörvermögen bekam.

Wo die meisten Menschen abschalteten, weil sie sein Gelalle nicht verstanden haben, hatten wir an den richtigen Stellen Menschen, die gelernt haben, sein Gelalle zu deuten und ihn zu verstehen.

Eine beste Kindergartenfreundin, die über ein Jahr lang jedes Lallen in vollständige Sätze für die anderen Kindergartenkinder verwandelt hat. Weil sie ihn verstand.

Erzieherinnen, die Zeichensprache nutzten, Fortbildungen auf Gehörlosenschulen besuchten und geduldig jede Äußerung seinerseits interpretierten, bis sie wussten, was er meinte. Inklusive regelmäßiger Anrufe, dass er sich gerade "sehr doof fühlen würde", weil ihn niemand verstünde und bei denen ich kurz mit ihm sprechen konnte, bis es wieder ging.
Seit einem Jahr eine Logopädin, die in den ersten beiden Stunden so ratlos war wie selten in ihrer Laufbahn, wie sie mir versicherte.
Die heute Morgen, nach insgesamt nur 38 Stunden Logopädie sagen musste: "Unsere Wege trennen sich jetzt."

Auf unserem Weg lagen auch sehr sehr viele wohlmeinende Menschen mit sehr viel Meinung für sehr wenig Wissen.
Aber die zählen nicht.

Aktuell liegen all seine Testergebnisse über 90 %.
Er wird in diesem Jahr vorzeitig eingeschult.
Hat ein extrem großes Faible für Buchstaben und Zahlen.
Zählt im 10.000er Raum, rechnet im Hunderterraum, buchstabiert, liest und schreibt.
Und das ist nicht im letzten Jahr passiert, seit er hören und sprechen kann.
Das war schon immer in ihm.

Und dass wir seinen Weg mit Menschen gegangen sind, die ihm geholfen haben, diese Fähigkeiten auch ausdrücken zu können - lange, bevor er sprechen konnte - dafür sind wir jeden Tag so unglaublich dankbar. Und voller Demut.

Kati 28.03.2017, 06.00 | (0/0) Kommentare | PL



Das Tragische an diesem Leben ist nur, dass es auf einer wahren Geschichte beruht.

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