Blogeinträge (themensortiert)

Thema: Vier gewinnt!

KinderKinder und KindesKinder

Was als kurzweiliger Besuch bei der großen Tochter mit der kleinen Tochter und dem kleinen Sohn geplant war, entwickelte sich für mich schnell zu einem ausgewachsenen Dilemma. 
Ich war dort als Mutter meiner erwachsenen Tochter und als Oma ihres Kindes. 
Gleichzeitig hatte ich meine eigenen Kinder dabei und plötzlich jonglierte ich Bedürfnisse auf drei verschiedenen Beziehungsebenen (vier, wenn man den Schwiegersohn mit einrechnet), die jeweils etwas anderes von mir verlangten. 
Ich will meine große Tochter besuchen, sie hören, sehen und unterstützen, ohne mich gleichzeitig in ihr Muttersein einzumischen. 
Ich will Zeit mit meinem Enkel verbringen und mich auf unser Kennenlernen einlassen. 
Gleichzeitig blieb ich Mutter meiner eigenen Kinder, die in dieser speziellen Situation einen großen Berg eigener Bedürfnisse hatten und Probleme, sich an die Gegebenheiten ohne wirklichen Rückzugsort bei furchtbarer Hitze und in einer Umgebung mit ausschließlichem Fokus auf ein Baby anzupassen. 

Meine kleine Tochter fuhr ihre erste lange Autobahnstrecke und saß freiwillig fast 5 Stunden hinterm Steuer ihres Autos, eine wahre Meisterleistung an Konzentration und Fokus und wurde dann in eine Umgebung geworfen, die auch noch ein hohes Maß an Sozialkompetenz erfordert. 
Mein kleiner Sohn war zu Tode gelangweilt, hatte Hunger, Durst, müde, Pipi, kalt (bzw. zu heiß) und konnte weder auf bekannte Regulationsstrategien noch Komfortessen zurückgreifen und hing ebenfalls in der Luft, denn eigentlich wollte er die große Schwester besuchen, die er so sehr vermisst und nicht das Baby, das nun ihre ungeteilte Aufmerksamkeit forderte. 
Wir kamen an und alles, was er wollte, war: Nach Hause. 

Mir war zu heiß, ich hatte keine Rückzugsmöglichkeit, ich hatte extreme Schmerzen und Kreislaufprobleme, war völlig übermüdet und voller Adrenalin, eine lange anspruchsvolle Autobahnfahrt als Beifahrer begleitet zu haben. 
Ich war froh, als wir am Montagabend alle im Bett waren bzw. die Tochter auf der Terrasse schlafen wollte, unter freiem Himmel geht es ihr gut. 

Auch der zweite Tag war ziemlich anstrengend - ich hatte allen Beteiligten zur Wahl gestellt, wieder nach Hause fahren zu können, aber sie wollten ‘durchhalten‘ und ich verstehe das so gut. Wenn da etwas ist, man man liebt, die Umstände aber einfach schwer zu ertragen sind, dann hat es manchmal mehr von aushalten als von genießen. 
Der Tag war schwierig. Richtig schwierig. Bis spät abends. 
Es hat mich dabei fast verrückt gemacht, diese unterschiedlichen Anforderungen an mich nicht miteinander vereinbaren zu können. 
Ich kann nicht einfach aufhören, Mutter zu sein, während ich Oma bin und andersherum. Und ich kann die Begegnung mit meinem Enkel nicht vollständig erleben, wenn ein großer Teil meiner Aufmerksamkeit bei meinen eigenen Kindern liegt. 

Keines dieser ganzen Bedürfnisse, die an mich herangetragen wurden, war falsch, das Problem war vielmehr, dass Bindung Aufmerksamkeit braucht und Aufmerksamkeit eine sehr begrenzte Ressource ist.

Wir sind heute Nachmittag zurückgefahren und die Tochter hat einen Unfall auf der Autobahn verursacht. Niemand kam zu Schaden, nur das Auto ist lädiert, aber mir sitzt der Schock tief in den Knochen. Ich habe sie reguliert, so dass sie das Lenkrad vernünftig festgehalten hat und nicht in den Parallelverkehr lenkte, ich hab sie ruhig durch die Situation gebracht, hab Butz durch die Panik begleitet und das für uns alle gut gelöst. Wir konnten nach einer Stunde weiterfahren, sie hat sich wieder hinters Lenkrad gesetzt und auch wenn wir lange gebraucht haben, hat sie die verbleibende Zeit genutzt, um sich selber davon zu überzeugen, dass nichts passiert und dass ein Fahrfehler nicht bedeutet, dass sie kein Auto fahren kann. 

In all dieser Zeit habe ich gegen meine eigene Panik gekämpft, gegen die gefühlte Hilflosigkeit, gegen den Impuls, sie nicht mehr fahren zu lassen und alles was ich wollte, war einfach nur, nach Hause zu kommen und selber endlich einmal gesehen und aufgefangen zu werden.
Ich möchte in irgendeiner Beziehung meines Lebens mal nicht gebraucht werden, sondern einfach nur gemeint sein. 

Und als Fazit dieses Besuchs bleibt mir nur die Erkenntnis, dass Liebe sich vermehren kann, ungeteilte Aufmerksamkeit jedoch nicht. 
Und manchmal bedeutet das Finden einer neuen Rolle vielleicht auch, sich bewusst Räume zu schaffen, in denen man sie überhaupt ungestört erleben kann. Dass das so nicht möglich ist, sehe ich inzwischen deutlich.

Kati 12.08.2026, 18.00 | (0/0) Kommentare | PL

Sommerferien

Endlich Sommerferien. Es war bis zuletzt tatsächlich eine Überraschung, ob das kleine Kind versetzt wird. Nach Elterngesprächen mit Lehrern war klar, dass der Ausgang des Schuljahres nun in seinen Händen liegt und seine unvergleichliche Art, mit diesen Dingen umzugehen und so vage wie nur irgend möglich zu bleiben, ließ mich in den letzten Wochen daran zweifeln, ob er es geschafft hat, das durchzuziehen, was er sich vorgenommen hatte. Die eher nachlässige Art, Noten vorzuzeigen bzw. die in seinem Alter kaum noch vorliegende Notwendigkeit seitens der Lehrer, Arbeiten unterschreiben zu lassen, ließ mich im Dunkeln tappen, auch wenn ich mal ab und an ein "Ich hab da eine Eins." oder "Ach, da hab ich eine Fünf, aber das ist unwichtig." zugeworfen bekam.

Prinzipiell müssen unsere Kinder selber wissen, wie sie mit dem Format Schule umgehen. Es ist nicht mein Weg. Es ist ihrer und er ist eine aktive Entscheidung. Ich lobe nicht für Einsen, ich tadle nicht für Sechsen. Ich habe meine Abschlüsse, ich habe meine Zeit abgesessen und Verständnis für jede nur denkbare Variation, einen eigenen Lebensweg gestalten zu wollen. Aber auch bei diesem Kind erleben zu müssen, dass es sich bequem durchlaviert nur um dann auf Abruf, wenn es auf der Kippe steht, eben ohne Mühe, Lernen oder Aufwand ein paar Einser zu schreiben, damit es weitergeht, ist aus Elternsicht stressig. Bis in letzte Konsequenz habe ich es wohl doch nicht losgelassen, wenngleich ich diese Dinge sehr viel gelassener begleite als beim ersten Kind.

Aber nun haben wir es schwarz auf weiß: Der Butz ist offiziell in Klasse 10 angekommen und jetzt packen wir auch gedanklich sechseinhalb Wochen alles weg, was nur irgendwie mit Schule zu tun hat.

Kati 17.07.2026, 18.00 | (0/0) Kommentare | PL

geschmiedet [Kriegerin]

Es gibt ein Schmuckstück, das kurz vor meiner Geburt aus dem Gold unserer Vorfahren für mich neu geschmiedet wurde, damit ich es an meinem 18. Geburtstag erhalte. Traditionell wird dieses Gold an das Kind weitergegeben, das die Linie fortführt. In meinem Fall gab es keine große Wahl, denn ich bin die Letzte; die Blutlinien so vieler Menschen enden bei mir. Alle Geschwister meiner Eltern und Großeltern sind unfruchtbar, früh gestorben oder haben ihre Kinder an Kriege, Krankheiten, Unfälle oder Zwischenfälle verloren. 

Als ich zum ersten Mal schwanger wurde, habe ich es in seinem Versteck gelassen. Ich wollte es nicht neu schmieden lassen, es passte nicht. Auch in der darauffolgenden Schwangerschaft passte es nicht. In der Schwangerschaft mit der Kriegerin, viele Jahre später, als ich meinen Traum von ihr träumte, wie sie heute tatsächlich aussieht und ich ihren Namen wusste, da habe ich es an ihrem Hals gesehen. Ich hab es trotzdem in der Form gelassen, die für mich gemacht wurde. Mich berührt es. Die Gravur, die meinen 18. Geburtstag nennt. Ich wollte es nicht einschmelzen lassen. Es liegt seit so vielen Jahren an seinem Platz. In drei Monaten wird die Kriegerin 18 Jahre alt. Und etwas, das fast zwei Jahrzehnte keinen einzigen Gedanken wert war, erscheint plötzlich wieder in meinen Träumen. Ich weiß, dass sie es bekommen muss. Das war mir erst umso unverständlicher, weil bereits zwei meiner Kinder schon seit Jahren volljährig sind. Eines hat bereits die nächste Generation geboren und der Gedanke, dass es dort landet, ist eine romantische Vorstellung. Sie ist aber falsch. Ich denke an all die Geschichten, die meine Kindheit durchzogen, an all die Legenden, an die Namen unserer Vorfahren und dass es nie einfach dem erstgeborenen Kind übergeben wurde, sondern immer dem, das den Erzählungen am engsten verbunden war. 

Meine große Tochter ist mein heller Spiegel. Alles Gute in mir findet sich um ein Vielfaches multipliziert in ihr wieder. So zielstrebig, emotional, in sich ruhend, der Welt verbunden. Wach und aufmerksam, aber nie der dunklen Seite zugewandt. 
Mein großer Sohn ist etwas ganz Eigenes. Er wendet sich von Tradition und Überlieferungen ab und findet in seinem Tempo seinen ganz eigenen Weg. 
Mein kleiner Sohn lebt in einer wiederum völlig anderen Welt aus Wissenschaft und Erkenntnis und Vernunft und Pragmatismus. 

Die Kriegerin ist mein dunkler Spiegel. Sie trägt all das Potential in sich, mit dem ich mein Leben lang kämpfen musste. Segen und Fluch von Hochbegabung. Sie war seelisch bereits an den dunkelsten Orten und wir haben lange Jahre nicht gewusst, ob sie wieder ans Licht kommen würde. Sie ist das Dunkle. Rote Wut, schwarzer Hass. Sie ist die Verzweiflung, an eine Welt gekettet, in der ihre Fähigkeiten, ihr Potential, ihre Moral- und Wertvorstellungen nichts wert sind, weil die Menschheit schlecht ist. Weil das Gute immer verraten wird und Menschen schwach sind. 

So dunkel ihre Seele ist, so hell wird ihre Flamme lodern, wenn sie sie entdeckt. Denn sie ist auch die Liebe. Sie ist die Leidenschaft. Das Feuer. Sie ist der Sturm, der alles hinwegfegt, was sich ihm in den Weg stellt. Bereit, für all jene einzustehen und zu kämpfen, die unter ihrem Schutz stehen. Sie sieht das noch nicht, aber ich kann es sehen. Konnte es immer schon. 

Und darum weiß ich mit absoluter Sicherheit, dass unter meine Gravur die ihre gehört. 
Nicht als Erstgeborene, nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil dieses Schmuckstück, seine Geschichte, seine Kraft - und dieser Teil meines Herzens - nur ihr gehören.

Kati 19.03.2026, 06.00 | (2/0) Kommentare (RSS) | PL

18.03.2026 [Alles, was ich jemals wollte]

Die Worte, die da per WhatsApp so erschreckend leicht den Besitzer wechseln, könnten größer nicht sein. 
Und ich fühle mich so geehrt, so geliebt, so gesehen, erkannt und wertgeschätzt, dass ich beim Lesen die Engelstrompeten vermisse, die mir diese Botschaft - von einem ausgerollten Pergament verlesen - verkünden. 
Sie sind wie ein Schatz, den ich mein Leben lang hüten werde. 
Vielleicht die ultimative Liebeserklärung eines Kindes an seine Mutter. 

Und wenn ich sie so in mir klingen lasse, dann schließt sich in mir ein weiterer Kreis. 
Ein weiteres Generationentrauma, das ich durchbrechen konnte. 
Ich habe das gemacht. 
Ich habe es geschafft. 
Die Letzte, die all das ertragen und erdulden musste. 

In den Worten, in denen meine Tochter mir jetzt so beiläufig zurückspiegelt, auf was ich Zeit ihres Lebens gehofft habe, aber nie in letzter Konsequenz glauben konnte, schwingt die elementarste Feststellung von allen mit: 

Du hattest Bedeutung. 
Du hast einen Unterschied gemacht. 
Und ich trage diese deine Liebe nun weiter zu meinem Sohn.

Es ist, wie es ist. 
Es wird, wie es sein soll.

Kati 18.03.2026, 06.00 | (2/0) Kommentare (RSS) | PL

Tiefpunkt

Dachte ich doch die gesamte vergangene Woche, der Tiefpunkt wäre erreicht, setzt das Wochenede noch mal mühelos einen drauf. Oder besser - drunter. Egaler als jetzt kann mein Leben wohl nicht werden.

Kati 19.01.2026, 08.07 | PL

Entspannung

Das Baby liegt flach. Was sich gestern im Laufe des Tages schon angekündigt hat, gipfelte spätabends in hohem Fieber und völliger Erschöpfung. Mein Geruchssinn, der mir so zuverlässig meldet, wenn eins der Kinder einen Infekt in sich trägt, schweigt. 

Also gebe ich meiner Intuition nach und sehe die Symptome als das, was es vermutlich ist: Völlige Entspannung von Körper, Geist und Seele nach so vielen Tagen ohne Privatsphäre, ohne das eigentlich nötige Kuscheltier, ohne Raum oder Ruhe für sich selbst, immer getrieben von einem Tagesprogramm, auf das man keinen Einfluss hatte, umgeben auch von Menschen, die man nicht ständig alle um sich haben möchte, genährt von Nahrungsmitteln, die keine Sicherheit vermitteln. 
Was ich sonst mittags schon massiv auffangen muss, wenn die 6-8 Stunden Höchstfunktionalität in der Schule ihren Tribut fordern, macht sich nach über einer Woche um ein Mehrfaches potenziert bemerkbar.
Also bleibt er zuhause, ich schweige still, wenn er sich an mich kuschelt, halte ihn, wenn er völlig zerstreut in meinem Arm zu vergessen scheint, wo er gerade ist oder was er tun wollte. Er bekommt Wohlfühlessen, Wohlfühltrinken, Wohlfühlatmosphäre, Schlaf, was immer er braucht, damit sein innerstes Selbst wieder in seine Mitte findet. 
Es ist unglaublich, was er da in den vergangenen Tagen geleistet hat. Ich bin so unendlich stolz, dass er voll freudiger Erinnerung auf diese Skifahrt zurückblickt und auch in der Kommunikation mit mir ganz klar trennen kann: Das war ein Riesenspaß mit besten Freunden und es war anstrengend bis überfordernd für mich.

Die Ambiguitätstoleranz, beides nebeneinander ohne Abwertung des jeweils anderen stehen lassen zu können, ist neu. 

Kati 15.01.2026, 13.01 | (3/0) Kommentare (RSS) | PL

Küche, Kinder, Katastrophen

"Der nervige kleine Mensch aus diesem Haus fehlt ja doch irgendwie." 
Das ist wohl schon die ultimative Liebeserklärung, die man als große Schwester machen kann. 
Der große Sohn überträgt seine eigenen Gefühle gnadenlos auf mich: "Da bist du aber froh, wenn er diese Woche wiederkommt, hm? Das ist ja doch schon sehr ruhig hier ohne ihn. Jajaja, ich weiß, ich beschwer mich immer, aber das ist ja wirklich sehr still hier. Das muss dir ja fehlen." 
Ich rolle also einigermaßen liebevoll die Augen und wende mich wieder meinen eigenen Problemem zu, denn nachdem wir gestern das Esszimmer zum Renovieren ausgeräumt haben, kamen uns Teile von zwei Wänden entgegen, die im Winter ausgeblüht sind. 
Mal wieder die fatale Kombination von zu viel Nässe und falschem Putz. Ich habe also alles runtergerissen, was lose und bröselig war und nun schiebt sich die Renovierung um Abtrocknen der Wände und Verputzen und Abtrocknen des Putzes nach hinten, während wir kein Esszimmer mehr haben, dann eben die nächsten zwei Wochen stehend in der Küche essen, alle Schränke im Wohnzimmer stehen, aller Inhalt der Schränke in der Gartenküche untergebracht wurde und Ludwig vor lauter Stress 240 Liter Schaumstoffschnipsel aus einem großen Sitzkissen im Wohnzimmer verteilt hat und wir knietief durch das statisch aufgeladene Zeug waten mussten, um es in mühevoller Handarbeit in Müllsäcke zu stopfen. Schönschön. 
Die Woche wird ja vielleicht besser als das Wochenende.

Kati 12.01.2026, 12.39 | (1/0) Kommentare (RSS) | PL

1 Jahr

Es ist jetzt fast ein Jahr her, dass hier thematisch ein Tor zur Hölle geöffnet wurde. Und wenn ich mir die Trag- und Reichweite dieser erst als Arbeitshypothese in den Raum gestellten Diagnose eines anderen Menschen ansehe, dann ist es doch wirklich erstaunlich, dass meine Bruchlandung erst nun kommt. Wie lange habe ich diesen Scheißvogel in der Luft gehalten, trotz aller fatalen Auswirkungen, die dieses Thema an Erkenntnissen für mich mit sich brachte? Mein gesamtes Selbstverständnis, meine Rolle und nicht zuletzt Entscheidungen, die ich vor Jahrzehnten getroffen habe, basieren allesamt auf falschen Annahmen. Das ist ein verdammt großer Frosch zu schlucken. Und trotzdem habe ich Monate damit verbracht, selber ungesehen meine gesamte Energie zu jemand anderem fließen zu lassen. Und selbst als sich das als kontraproduktiv herausstellte und ich völlig alleine war, habe ich es bis auf wenige Ausnahmen geschafft, meine Struktur aufrechtzuerhalten, die mir die Selbstwirksamkeit schenkt, die ich benötige, um weiterzumachen. Eine Freundin framte das mal als "so tun, als wäre alles in Ordnung" und das hat mich zutiefst verletzt. Denn das Umschalten aus der Trauer und der Verzweiflung und dem Schmerz heraus ist eine meiner absoluten Meisterfähigkeiten. Ich kann das in Perfektion und es ist vielleicht der Skill meines Lebens. All diese Gefühle und Ohnmacht zur Seite schieben zu können, damit sie mich nicht übermannen und sie zu einem Zeitpunkt meiner Wahl herausfließen zu lassen, um sie zu verarbeiten. Ich will kein Befehlsempfänger meiner Hilflosigkeit sein. Mein Wissen, dass ich in meinem Leben immer auf die Füße fallen werde, ist untrennbar damit verbunden und nichts davon ist gespielt. Nichts in mir "tut so", als wäre alles in Ordnung. Ich habe mein Gehirn in diesen Momenten aber so weit im Griff, dass ich mich für Stunden, Momente, Situationen aus der Trauer lösen kann und das ist das,was mir die Kraft gibt, ihr in anderen Momenten erneut zu begegnen. Was Menschen in dieses Verhalten hineininterpretieren oder daraus ableiten, ist nicht mein Problem.

Kati 10.01.2026, 12.08 | PL

Durchlässigkeit

Meine engsten Vertrauten sind Menschen, die - Überraschung! - sich hervorragend zusammenreißen können. Sie nutzen dafür ähnliche Methoden wie ich - selbstverletzendes Verhalten, Betäubung durch Essen/Alkohol/Rauchen/anderes, Sarkasmus, Ironie, Bissigkeit, schwarzer Humor - und bleiben dabei stets für sich, weil sie schon als Kinder gelernt haben, dass in diesem Leben niemand kommt und einen rettet. Die Grenzen, die sie dabei verteidigen, um nicht echte Gefühle zulassen oder gar zeigen zu müssen, sind absolut.
Auch das erinnert mich an mich selber.

Wenn ja doch niemand kommt und dir hilft, warum sollte man dann das Risiko eingehen, und auch noch Verletzlichkeit zeigen? Sie macht einen doch nur schwächer. Noch hilfloser, als man ohnehin schon war? War in den Händen der Menschen, deren Aufgabe es war, einen zu lieben und sich um einen zu kümmern doch nur eine weitere Waffe, mit der sie dir Schmerz zufügen konnten, wenn du deinen Schutzwall aus Unaufmerksamkeit oder im irrtümlichen Glauben, es sei jemand für dich da, sinken lässt. Natürlich lernt man aus diesen Fehlern, die nie welche waren, die dich aber dazu verdammt haben, ein Leben im Überlebensmodus führen zu müssen, selbst heute, wo diese Menschen so fern in der Vergangenheit liegen und du all das nicht mehr brauchst. 
Aber so funktioniert Trauma.
So funktionieren Mechanismen.
Die Traumaantwort sichert heute nicht mehr dein Überleben, sie ist sinnloses Überbleibsel aus einer Zeit, in der sie dir gut diente und inzwischen ohne echte Funktion über dich herrscht. 
Und was ist das für eine Schreckensherrschaft, wenn sie alle deine Gedanken kontrolliert?

Ich habe erst in den letzten Jahren mühsam gelernt, dass Zusammenreißen nicht dasselbe ist wie echte emotionale Regulation. 
Emotionale Regulation ist durchlässig, mauert nicht. 
Steht auch in Verletzlichkeit und Schmerz ruhig für sich, ohne in eine dieser Verhaltensweisen zu kippen.
Ich habe von all diesen Verteidigungsmechanismen endgültig die Schnauze voll. Will in einem sicheren Umfeld das, was ich mein Leben lang als Schwäche empfunden habe, kommunizieren und leben, um mich nicht weiter selbst zu verleugnen.
Ich will keine Wirdschons, keine Alleswirdguts, keine Mussjas, keine Witzchen, keine Hilftjanix' mehr, ich will Begegnung.

Im Zusammenspiel und in Beziehung zu Menschen, die das anders leben, muss ich mich zunächst nur um mich selbst kümmern, ich bin der einzige Mensch auf dieser Welt, den ich ändern kann.
Die Liebe zu ihnen berührt das alles nicht, wohl aber meinen Umgang mit mir in solchen Situationen, in denen ich mich davor schützen will und muss, wieder in meinen eigenen Mechanismus zu kippen. 

Kati 09.01.2026, 10.47 | PL

Begegnung

Ich trage so viel Schmerz in mir. 
Übergangsschmerz zwischen dem gewesenSein und dem Werden, das noch so wenig Form hat. 
Ich sehe meine Tochter, die so fruchtbar und wunderschön hell leuchtend in eine Zukunft startet, in der ihr ganzes Universum auf ein Wesen ausgerichtet sein wird, das sie lehren wird, was Liebe wirklich bedeutet. 

In mir ist nur Traurigkeit, Erschöpfung, Rückzug und Verletzlichkeit. Ich bin das Ende von etwas, das mir lange selbstverständlich war. In der Begegnung mit ihr reiben diese zwei Lebensphasen so schmerzhaft aneinander, dass ich mutlos zurückbleibe. Meine Identität als Mutter endet. Ich war fast zweieinhalb Jahrzehnte lang ausschließlich die Mama. Die Starke, die, die trägt, die eine existentielle Aufgabe hat, die niemand in Frage stellt. 
Ich habe Mutterschaft gelebt, vollständig, intensiv, mit jeder Faser meines Seins. Eine Identität, die mir Sinn gegeben hat. Ich verlasse also nicht nur eine Phase meines Lebens, ich verlasse eine jahrzehntealte Daueraufgabe, die mein Nevensystem strukturiert und alles um mich herum gehalten und getragen hat. 
Ich habe reguliert, erzogen, gehalten, getragen, ausgeglichen, geführt, geleitet, ermutigt, habe zugehört, war emotional ununterbrochen für alle in meiner Umgebung verfügbar. Und obwohl ich davon so müde bin, trauere ich. Ich trauere um die Version von mir, die sich so lange so sicher war, was ihre Berufung ist. 

Das, was jetzt folgt, hat keinen gesellschaftlich akzeptierten Namen außer alt
Im Patriarchat verliert eine Frau nicht nur Jugend, Schönheit und Fruchtbarkeit, sondern vor allem an Wert. 
Und ich merke das. Jeden Tag.

Kati 07.01.2026, 10.59 | PL



Das Tragische an diesem Leben ist nur, dass es auf einer wahren Geschichte beruht.

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