Blogeinträge (themensortiert)

Thema: Briefe

Mein geliebter dunkler Engel.

Wir befinden uns zwischen den Jahren und leben und lieben uns intensiv durch diese Tage.

Volljährig, habe ich im Mai geschrieben und das damals noch so naiv anders gemeint als ich es heute fühle. Wer hätte gedacht, dass wir uns schon jetzt auf diese schwindelerregende Fahrt begeben würden?

Ich nicht. Ich habe wenn überhaupt, erst sehr viel später damit gerechnet.
Wir sind hart aneinander geprallt die letzten Monate. Ich streife gerade die letzten Reste des Harmoniebedürfnisses meiner fruchtbaren Jahre ab und wandle mich nicht nur äußerlich, sondern vor allem innerlich zum Kern dessen, was mich ausmacht.

Wir sind längst nicht mehr so sehr daran gebunden, dass nur mein Operating System im Alltag oben ist. Die Kinder sind selbständig und schon verdammt groß und das erlaubt mir mehr Freiheiten, mich in Gänze entfalten zu können. Ich weiß, wie schwierig das für dich mitunter ist. Ich weiß, wie hart ich dich mit dir selber konfrontiere. Der Spiegel, den du mir in aller Liebe in den letzten Jahren so oft vorgehalten hast, damit ich mich weiterentwickeln und finden kann, ruht nun in meinen Händen.

Wann immer ich dieser Tage auf deinen Rücken sehe - den schwarzen gefallenen Engel betrachtend, der demütig und trotzdem unbeugsam dort kniet - verschwimmt das Motiv mit dem Träger. Du hast wieder begonnen zu schreiben. Du hast dein Mitleid für dich selber überwunden. Du stellst dich mir, jeder Konfrontation, jedem Gespräch, jedem Schmerz.
Vor allem dem Schmerz. Ich kenne keinen Menschen, der weniger zurückweichen würde als du es tust, wenn es unangenehm wird.
Du hältst die Wahrheit aus, die wir uns geschworen haben. Immer.

Ich weiß, dass du nicht gut schläfst. Ich kenne die Gedanken, die dich umtreiben. Ich kenne die Zweifel. Und ich weiß, dass ich oft grausam bin. Du willst nicht geschont werden. Und das tue ich nicht.

Ich bete dafür, dass wir eine Balance finden. Seit wir aus der Schwärze unserer Beziehung wieder ans Licht geschwommen sind, arbeiten wir Tag um Tag daran, ein besseres Ganzes zu sein als nur zwei Hälften, die zusammengefügt wurden. 10 Jahre sind es nächstes Jahr und wir sind in diesem Prozess weiter gelaufen als ich jemals für möglich hielt. Du hast mich so oft getragen, wenn ich nicht mehr weiterwollte. Wenn ich keinen Sinn mehr gesehen habe in all dem Kampf gegen mich selbst, die Schuldgefühle, die Last, die auf uns und unserer Erinnerung liegt.

Unsere Beziehung war nie leicht.
Nie unbeschwert, nie frei von großer und schwerer Verantwortung.
Der Wandel, den wir die letzten Monate erlebt haben, wäre vor 5, 10, 15 Jahren nie möglich gewesen.

Es ist wie es ist.
Es bringt nichts, das Was wäre gewesen wenn Spiel zu spielen.
Wir sind jetzt an dem Punkt, an den uns die gesamte Beziehungsarbeit der letzten 18 Jahre getragen hat. Jedes Gespräch, jeder Streit, jede Zärtlichkeit, jede Berührung, alle Liebe hat uns hierhin geführt. Und wir sind bereit für den nächsten Schritt. Ich weiß das und ich glaube an uns, mehr denn je.
Ich liebe dich jeden Tag ein bisschen mehr als gestern und ich würde jeden Tag schwören, dass ich dich nicht mehr lieben könnte als genau heute.

Die große Diagnose, die für dich im Raum steht, treibt dich um. Mir schenkt sie Frieden. Die Jahre, die seit dem ersten Verdacht vergangen sind, haben in mir einen Prozess in Gang gesetzt, der mich mit vielem versöhnt. Ich sehe dich in unseren Kindern, die ich anders auf ein Leben vorbereiten kann, in dem der Großteil der Menschheit nicht ihre Sprache spricht. Ich versuche ihnen mehr Werkzeug in die Hände zu legen als es deinen Eltern für dich möglich war. Ich möchte nicht, dass sie das Potential ihres ebenfalls überragenden Intellekts nur dafür nutzen müssen, zu funktionieren wie ihre Umgebung das von ihnen erwartet. Dir wurde so viel Unrecht getan. Auch von mir. Gerade von mir. Das tut mir unendlich leid, ohne dass ich wüsste, wie ich es hätte anders machen können.

Es ist wie es ist.

Es wird wie es sein soll.

Kati 27.12.2023, 12.00 | (0/0) Kommentare | PL

Staub zu Staub



Staub zu Staub

Ein Jahr ist vergangen seit meinem Mitternachtsbad und noch ein paar Tage mehr, seit du meine letzte lange WhatsApp Nachricht gelesen und mir nicht mehr geantwortet hast. Ich habe dieser Tage in unserem WhatsAppChat gestöbert, weil ich mich ein Jahr nicht entscheiden konnte, was ich damit mache, aber diese letzten blauen Haken bleiben im Fleisch stecken.

Es war ein Zukunftsausblick - für uns, für die Kinder - direkt vor der großen Operation des Sohnes, ein Einblick in meine Gefühlslage und du hast dich entschieden, mir nicht mehr zu antworten. 

Mir nichts mehr mit auf den Weg zu geben, kein Revue passieren, keine Wünsche, nichts.
Du hast dich verabschiedet, du hast dich entschuldigt, aber nicht bei mir.
Für mich bleibt als letzte Amtshandlung für dich eine ungewollte Schnitzeljagd, die auch nach einem Jahr noch nicht vollkommen abgeschlossen ist.

Als letzter Gedanke an dich bleibt mir die Gewissheit, dass Worte der Zugewandtheit, des Abschieds, der guten Wünsche auch dann nicht mir galten, wo du deine letzte Wahl zu treffen hattest.

Das ist kein emotionaler Abschiedsbrief. In meinen Gedanken war der letzte Brief an dich ein Paukenschlag der Emotionen, ein letztes Aufbäumen meiner enttäuschten kindlichen Gefühle, eine Liebeserklärung vielleicht, mit geringer Wahrscheinlichkeit ein Akt des Vergebens vor mir selber.

Und nun sitze ich hier und bin nicht wütend. Nicht traurig. Nicht bewegt.
Überlege, wofür ich dankbar bin, dir im Speziellen.
Für Härte, vielleicht. 
Für die Erkenntnis, dass jeder Mensch einen Preis hat. 
Dass es nicht viel braucht, seine Menschlichkeit zu verlieren. 
Für das Wissen, dass alle Menschen im Grunde ihres Herzens bösartig sind.

Ich lehne es aber auch nach 44 Jahren noch ab, dies zur Maxime meines Lebens zu machen. Mein Universum ist zum Bersten gefüllt mit Begriffen, mit denen du nie etwas anfangen konntest. Liebe. Vertrauen. Zuversicht. Hoffnung. Glaube.

Und jetzt löse ich die letzte Verbindung zwischen uns Beiden.

Ich wünschte, ich hätte andere Worte, irgendetwas Bedeutsames zu sagen, eine Essenz aus deinem Dasein und Wirken, die ich mit in meine Zukunft nehmen werde…

Es ist wie es ist.

Ruhe in Frieden.

Kati 20.07.2023, 06.00 | (4/0) Kommentare (RSS) | PL

Mein geliebter dunkler Engel,

heute wird unsere Liebe volljährig.
Vor 18 Jahren haben wir uns das erste Mal gesehen, das erste Mal berührt, das erste Mal geküsst.

Wir sind uns nicht frei begegnet. Das Privileg, sich ungebunden kennenlernen zu dürfen, hatten wir nie. Wir haben uns getroffen, als wir beide in festgefahrenen Bahnen und zutiefst verpflichtet vor der Entscheidung standen, jede Sicherheit zu verlieren, wenn wir unser persönliches Glück wählen.
Wir haben gewählt.
Ich habe diese Entscheidung nie bereut. Nie. Keine einzige Sekunde. Du bist mehr, als ich mir jemals zu erträumen gewagt hätte, du bist der Inbegriff all meiner Sehnsüchte und Fantasien und erdest mich so sehr wie du mich fliegen lässt.
Es gibt keine Worte, um das zu beschreiben, was wir haben und trotzdem versuche ich es Jahr um Jahr wieder.

Als du 30 warst, habe ich mich in deine Kraft, deine Beherrschung, deine Zärtlichkeit, deinen Sanftmut, deine Intelligenz und deine Offenheit verliebt. Die Kombination dieser Dinge war für mich immer einzigartig.
Ich weiß, wieviel Körperkraft du besitzt, dass du mich und meine Aggression jederzeit in Schach halten kannst, ohne mir auch nur ein Haar zu krümmen. Es liegt unendlich viel Liebe und Disziplin in jeder deiner Handlungen. Und bei Gott, was habe ich dich getriezt die ersten Jahre. Es war die einzige Art, die ich kannte. Einen Mann so lange zu provozieren, bis er die Beherrschung verliert. Du hast stets standgehalten und vielleicht ist es das, das mir mehr Frieden und Heilung geschenkt hat als alles andere.
Ich habe oft formuliert, dass ich einmal erleben möchte, wie es ist, wenn du innerlich loslässt, aber ich weiß heute, dass diese Selbstdisziplin so untrennbar zu dir und deinem Wesen gehört, dass das in unser beider Welt nicht möglich ist. Und das ist gut so.

Heute sehe ich jeden Tag einen um 18 Jahre reiferen Mann, der sich vielleicht noch nicht zur Gänze selbst gefunden hat, der aber all das, was früher schon so anbetungswürdig war, mit der Weisheit des Älterwerdens noch vertieft. 

Du bist in dir selbst immer sicherer geworden, je älter unsere Kinder wurden, je weiter wir aneinander gewachsen sind. Du hältst nicht nur mir, sondern auch ihnen stand. Du lässt dich nie provozieren, unsere Söhne und Töchter können sich genauso körperlich wie geistig an dir messen und austoben. 
Du bist ein Sparringspartner, der in erster Linie Fels, nicht Gegner ist. Gegen den man auch das hundertste Mal anlaufen kann, wenn man wütend ist. Der nicht zurückweicht, sondern aushält, weil er in seiner eigenen Sicherheit nichts zu befürchten hat.
Unser großer Sohn hat dich an Größe überholt, unsere kleine Tochter ist ihm dicht auf den Fersen. Beide messen sich liebend gerne an dir. Du diskutierst stundenlang mit der Kriegerin und ich könnte mir keinen besseren Vater für gerade sie wünschen. Du weißt, wie man in der Dunkelheit ein Licht entzündet. 
Unser Sorgenkobold ist ein stattlicher junger Mann geworden, der seinen Weg geht, auch wenn dieser mit Steinen und Hindernissen gepflastert ist. Was haben wir uns für Sorgen um ihn gemacht und was haben wir für Angst gehabt, dass er irgendwann einfach liegen bleibt, wenn er gefallen ist. Diese Sorge ist der Zuversicht gewichen, dass er immer wieder aufstehen wird, weil er so viel mehr gelernt hat als wir dachten, dass es ihm möglich wäre. Ich könnte nicht stolzer auf dieses Kind sein, das in jeder nur denkbaren Hinsicht weit über sich hinausgewachsen ist.
Unsere große Tochter ist ein so schöner und selbstwirksamer Mensch geworden und ich bin auch 18 Jahre später noch dankbar, dass du die damals Dreijährige vom ersten Moment an als dein eigenes Kind angenommen hast. 
Unser kleiner Sohn ist die wohl größte Herausforderung für dich und das lässt mich heimlich schmunzeln. Auch wenn du es nicht hören möchtest, er ist dein Abbild in jeder nur denkbaren Hinsicht. Und ich vermute, dass ihr auch deswegen so oft aneinander geratet. Hab Vertrauen, dass es sich fügen wird. Du machst das großartig. Trotz jedem Augenrollen, jeder Endlosdiskussion, jedem empörten Schnauben.
Er könnte kein besseres Vorbild haben als dich.
Das könnten sie alle nicht.

Für mich bist du heute - auch wenn ich das vor 18 Jahren nie für möglich gehalten hätte - eine noch sehr viel verlockendere Version deines 30jährigen Ichs.
Das Älterwerden bekommt dir gut. Reife und Erfahrung haben in Kombination einen Mann geschaffen, den nichts mehr ins Wanken bringt und der zu jeder Zeit sehr genau weiß, was er tut. Du harrst geduldig an meiner Seite, während ich immer noch die Grenzen meiner selbstbestimmten Sexualität austeste, die ich in dieser Form erst bei dir kennengelernt habe. Du kennst meinen Geist und meinen Körper manchmal besser als ich selber. Du treibst mich in schwindelerregende Höhen und hältst mich fest, wenn ich zu fallen drohe. Ich liebe es, dass du auch nach all den Jahren immer noch sofort körperlich auf mich reagierst, wenn wir uns sehen. Du bist ein Geschenk.

Wir haben ein furchtbares letztes Jahr hinter uns. Der Tod meines Vaters hat in uns sehr viel Dunkelheit geschaffen, wo vorher Licht war. Du hast viel getragen und tust es noch. Wir versuchen, uns neu zu ordnen und tasten uns langsam an die Unsicherheit heran, die die Beziehung zu dir für einige von uns bedeutet. 
Ich weiß, dass es gerade nicht leicht ist. Und ich weiß auch, dass wir dem standhalten werden.
Weil wir allem standhalten. Gemeinsam.

Ich liebe dich.

Kati 30.05.2023, 06.00 | (1/0) Kommentare (RSS) | PL

Lieber Opa.

Dein 14. Todestag ist schon über einen Monat her und ich habe dieses Jahr tatsächlich nur ein paar Tage vorher daran gedacht und am Tag selber nicht. Ich nehme an, dass sich die Trauer um dich langsam verändert und das ist okay so.
Die Kirsche blühte dieses Jahr früher als sonst. Ich werde den Baum fällen, seine Zeit ist um. Auch damit habe ich mich mehrere Jahre getragen, aber es ist wie es ist. Wir haben eine Pflaume, die ich gepflanzt habe, als wir die Zusatzkinder aufnahmen und sie trägt jedes Jahr reichlich Früchte. Und ich habe mir Rosen gekauft. Nur rosafarbene. Ich muss immer ein wenig lächeln, wenn ich an ihnen vorbeigehe und mir vorstelle, wie sehr du darüber schimpfen würdest.

Dad ist tot. Das weißt du natürlich, aber ich habe dir bisher nicht darüber geschrieben. Er hat sich selbst getötet. Ich erinnere mich nicht, dass wir je darüber gesprochen haben, wie du zu Suizid stehst. Ich unterstütze das Recht eines jeden Menschen, sein Leben zu beenden, aber ich wünschte, es gäbe schon die Umsetzung dieses Rechts durch Medikamente, die einen würdevollen Tod ermöglichen. Er musste sich selber etwas zusammenmischen und ich glaube, dass ich zumindest dazu deine Meinung kenne. Das letzte dreiviertel Jahr war hart für mich. Es wird langsam. Ziemlich langsam.

Vorgestern hat mein großer Sohn seinen ersten Anzug in Auftrag gegeben. Und ich musste an dich denken. Den ganzen Tag. „Kind, ein Anzug muss vor allem eines tun: Passen.“
Du hast immer gesagt, dass man sich in etwas, in dem man sich nicht wohlfühlt, automatisch benimmt wie ein Clown und ich versuche, das an die Kinder weiterzugeben.

Und als ich das Foto von ihm gesehen habe, wie er da stand, so hochgewachsen und schlank und schön, in Anzug und Weste, da hat mir jemand gefehlt, dem ich das Foto schicken kann. 
Du. 
Es gibt zwei Menschen, die das Foto gesehen haben, aber das war nicht dasselbe. Ich hätte es gerne dir geschickt.
Hätte dir gerne gezeigt, dass dieses Kind, das dir so ähnlich ist, langsam zum Mann übergeht. Zu einem guten, ehrlichen und anständigen Mann. Ich weiß, dass du wohlwollend genickt hättest, ich weiß es. 
Ich trage dich jeden Tag so allgegenwärtig in mir, in meinem Leben, in meinem Lieben, in meinem Handeln, dass es eigentlich egal ist, dass du tot bist, aber manchmal tut es doch noch ziemlich weh.

Lieb dich. Danke, dass du in meiner Kindheit mein Licht warst. Ich wünschte, ich hätte das früh genug in seinem ganzen Ausmaß erkannt, um es dir persönlich mal gesagt haben zu können.

Kati 26.05.2023, 12.10 | (0/0) Kommentare | PL

Hej.

Ich habe wieder von dir geträumt. Von uns. Seit der Obduktionsbericht da ist, kreist mein Herz darum. Jeden Abend vor dem Einschlafen wälze ich deine letzten Momente im Leben hin und her. Worte im Gehirn, Risse in der Seele. Mitleid. Mitgefühl. Zum Bersten gefüllt mit Emotion. Es tut mir so unendlich leid. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass unser Frieden - ich glaube, der einzig Echte, den wir beide jemals hatten - genau dort stattfand, wo wir Leben genommen haben. Beim Jagen, beim Fischen. Ich habe so viele Lebewesen sterben sehen und gehört. Vor allem gehört. Und ich habe so viele davon selber getötet. Stolz war das, was in deinen Augen dabei aufblitzte. Qualvolle Pein, was ich empfand.

Aber die Jagd - nie waren wir uns näher als hier. Die endlose Ruhe in uns beiden, perfekt aufeinander abgestimmte Bewegungen, absolute Stille, nur Natur um und der Himmel über uns. Glück. Pures Glück. Es gibt einen Akt der Milde, den ich dir nie vergessen werde. Eine Lüge, die ich nur zu gerne geglaubt habe.

Ein Tier ist mir schwer verletzt entkommen und ich bin panisch schreiend und in Tränen aufgelöst vor dir auf die Knie gesunken, während der Schmerz in mir implodierte. Die Schuld, die Teile von mir schon als kleines Kind fast erdrückt hat, die Grundfähigkeit zur Empathie, die alles, was du von mir je verlangt hast, nur darin gipfeln ließ, dass die Trennung in mir so unumkehrbar erfolgte, dass ich den Rest meines Lebens damit verbringen werde, die Bruchstücke meiner Selbst zu finden und mit dem Rest Liebe, der mir bleibt, willkommen zu heißen und in Sicherheit zu wiegen, wie es dir und euch nie möglich war.

Aber an diesem einen Tag, als ich mich nicht beruhigen konnte, als ich nicht aufhören konnte, zu schreien, als die Spiegelneuronen in mir explodierten und mein gesamtes Sein nur aus diesem verletzten und blutendem Wesen im Wald bestand, so dass ich dachte, ich muss an dieser Schuld selber sterben, da hast du mich angelogen.

Es war eine so alberne und barmherzige Lüge, wie nur Kinder sie glauben können, weil sie wollen. Ich hab sie nicht hinterfragt. Als wir zusammenpackten, zum Boot gingen und ich mich darin schluchzend zusammenrollte und einschlief, warst du in meiner Nähe und ich spürte dich. Als Mensch. Du hast mich nicht umarmt, nicht berührt, das hast du nie getan, aber da war Menschlichkeit. Ein Funken Verletzlichkeit. Das eine Mal.
Ich denke noch heute, so viele Jahrzehnte später, oft an dieses Tier und diesen Moment. Und an dich, wie du in diesem einen Augenblick warst.

Kati 09.01.2023, 07.58 | (0/0) Kommentare | PL

Von der Liebe

Heute vor 11 Jahren wurden wir das letzte Mal Eltern. Allein der Gebutztag ist ein Grund zum Feiern, aber neben all dem Glück über ein ganz besonderes letztes Kind gelten meine Erinnerungen von diesem Morgen vor allem dir.

Du bist mir in Extremsituationen mein Rettungsring, mein Anker, mein Leuchtturm und warst das schon immer. Alles gleichzeitig. Du schaffst es, die ganze Welt um mich herum auszublenden, bis ich durch den Tunnel nur noch mein Ziel im Fokus habe. Gleich ist das Baby da. Du machst das großartig! Du kannst das! Du schaffst das! Noch einmal.

Deine Hände sind die erste Berührung, die all unsere Babys auf dieser Welt Willkommen geheißen haben und dabei hast du nie mich aus dem Blick verloren. Als ich nach dieser letzten Geburt völlig zusammengeklappt bin, da hast du mich und das Baby gehalten. Mit aller Liebe, zu der du fähig bist. Und das ist so unendlich viel mehr, als ich jemals geglaubt hätte, in diesem Leben verdient zu haben. 

Ich lag da mit Gebärmuttervorfall, die Hebamme hatte Sorgen, der Bragi lag an meiner Brust und ich konnte ihn nicht festhalten, weil alles schwarz vor Augen wurde und ich nur noch zitterte.
Also hast du ihn festgehalten, damit er weitertrinken konnte. Und mich gleich mit.
Wie du das immer tust.

Ich fluche so oft über deinen Pragmatismus, aber letzten Endes ist er genau das, was dich ausmacht. Die Zärtlichkeit, die du selbst dann noch aufbringen kannst, wenn der Sturm alles wegzureißen droht, erwächst aus dieser Fähigkeit.

Ich habe mich selten mehr geliebt gefühlt als an diesem Morgen, als ich später da lag, mit all meinen Körperflüssigkeiten beschmiert, völlig fertig und die Hebamme mit dem Waschlappen kam und dich mit dem Baby kurz zur Seite schieben wollte.

Denn du hast mich nur angelächelt, ihr den Waschlappen aus der Hand genommen, das Baby in den Arm gedrückt und mit liebevoller Stimme leise gesagt:

Nein. Das ist meine Aufgabe.

Kati 07.10.2022, 09.05 | (6/0) Kommentare (RSS) | PL

Erde zu Erde

Die Bilder sind da.
Ein Video sogar.
Lauter Menschen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Sie gehörten nur zu Deinem. Als die Asche verstreut wurde, sagte eine Stimme: „Wir hoffen, dass du jetzt glücklich bist.“ Und das hinterlässt gerade so viel Leere in mir. Glücklich. Dein Leben war am 20. Juli zu Ende. Bist du jetzt glücklich? Bin ich glücklich? Du fehlst mir. Ich hatte so oft das Handy in der Hand, habe gedanklich formuliert, was ich dir schreibe - es ist so viel bei uns passiert. Und da ist jetzt niemand mehr. Keine Großeltern, keine Eltern, keine Geschwister, niemand.

Der Trost wandelt sich manchmal in Einsamkeit. Habe mich in den vergangenen Wochen häufig gefragt, ob es nötig ist, dass auch ich noch gehe. Ob ich überhaupt Ende und Anfang zugleich sein kann oder ob auch ich meinen Platz räumen muss, um die letzten Erinnerungen mitzunehmen. Ich vereine alles auf mir, was niemals weitergegeben werden darf. Ich bin die Letzte, die sich an die Gräueltaten unserer Familie erinnert, welche Berechtigung habe ich, weiterzuleben, wenn ich diese Geschichte beenden will?

Die Tage werden gerade wieder etwas heller, die Schmerzen weichen, aber die Maske sitzt fest wie immer.
In mir tobt der Sturm.

Kati 02.10.2022, 12.24 | (2/0) Kommentare (RSS) | PL

Das Nadelöhr

8 Wochen sind es morgen, Dad. Wir halten seit 8 Wochen alle Bälle in der Luft. Alle. Und wir können nicht mehr. 
Das Nadelöhr, durch das wir gerade gehen, verspricht in all der Enge mehr Freiheit auf der anderen Seite.
Und trotzdem wache ich morgens auf und weiß nicht, ob ich es noch bis dahin schaffe. Es geriet alles in mir ins Wanken. Ich halte mich nur mühsam aufrecht, kann niemanden ertragen, der zu nahe kommt, stoße die wichtigsten Menschen meines Lebens zurück, weil ich kein Gefühl mehr ertragen kann. Keine Hilfe, keine Liebe, keine Umarmung, kein Zuspruch - ich ertrage es nicht mehr.
Ich bin voll mit Gefühlen und wenn nur noch ein Tropfen hinzukommt, dann berste ich.

Ich merke, wie sehr mir unser Austausch fehlt. Wie oft habe ich schon zum Handy gegriffen, um dir kurz etwas zu schreiben. Da sind immer nur diese beschissenen beiden blauen Haken.
Morgen wird sich das Leben des Kindes drastisch verändern und ich habe Angst. Nackte Angst.
Heute war auch dein Bouppteckning. Ich habe erste Zahlen gesehen und nach dem ein oder anderen Schreck hoffe ich, dass wir da irgendwie gut rausgehen.
Du scheinst deine Versprechen gehalten zu haben. Weitere drei Monate warten, fordert das Gericht.
Drei Monate.
In drei Monaten stehen wir kurz vor Weihnachten.
Der Sohn wird hoffentlich auf die Schmerzen nur noch als Erinnerung zurückblicken. Vielleicht planen wir dann schon die nächste OP für den Kleinen.
Vielleicht bin ich dann einige der Schmerzen wieder los, die mich seit Wochen nicht mehr richtig schlafen oder essen lassen. 
Ich möchte weglaufen. Ganz weit. Kann meinen eigenen Partner kaum noch ertragen, seinen Pragmatismus, seinen Intellekt, seine Vernunft, wenn in mir der Furor tobt.
Wir knallen täglich aneinander, aber es ist keine Reibung mehr, nichts Positives, nur noch Kernschmelze.

Mein Neocortex treibt mich weiter.
Jetzt kein Risiko eingehen. Ich kann das. Immer nur noch einen weiteren Tag. Im Denken bleiben. Nicht die Instinkte übernehmen lassen.
Alle Schutzschilde, alle Skills, alle Mechanismen, alle Strategien müssen 24 Stunden am Tag oben bleiben.
Ich verliere mein ganzes Leben, wenn ich jetzt loslasse. Ich bin hart, unbarmherzig. Gegen mich, gegen andere. Ich bin unfair. Und ich weiß das. Ich will Dankbarkeit für die beiden Menschen empfinden, die mich gerade durch den Alltag peitschen, aber ich kann nicht.

Die Schmerzen - gerade die Zahnschmerzen - nehmen mir die wichtigste Beruhigungsstrategie, die ich jemals hatte: Essen.
Ich habe Hunger.
Schon längst nicht mehr nur nach Nahrung.
Meine Seele verzehrt sich nach Gewalt, nach Blut, nach Sex, nach einem Urknall.

Ich will fallen. Ganz und gar. Will mich der Dunkelheit ergeben und alle Verantwortung loslassen. Will nicht mehr denken müssen, die Maske runterreißen und von jemandem geführt werden, der das Rohe an mir aushalten und lenken kann.

Ich weiß nicht, ob ich zurückkäme.
Ich wurde erschaffen, um die tausend Splitter eines Selbst zusammenzuhalten.
Ich bin das Regulativ.
Was, wenn ich verschwinde?

Ich bin müde.

Kati 13.09.2022, 22.26 | (1/0) Kommentare (RSS) | PL

Ein letzter Brief.

Liebe Anne.

Vor 12 Jahren schon habe ich dir bei unserer Trennung etwas versprochen.
Niemand nach dir.
Ich wollte nie wieder so tief für jemanden empfinden. Wir haben uns gegenseitig fast zerstört. Wir waren so gleich und haben uns in den Abgrund gespiegelt.

Es war außerhalb meiner Ehe die emotionalste und tiefste Verbindung, die ich je erfahren habe. Ein tiefschwarzer Tanz unserer Seelen miteinander.
Ich möchte keine Sekunde davon missen, die Zeit mit dir hat mich maßgeblich geprägt.
Wir haben es später noch einmal in aller Heimlichkeit miteinander versucht, vorsichtiger und erwachsener diesmal, aber ohne die blutrote Schwärze waren wir nichts.

Nun bist du schon viele Jahre tot und ich habe mich in jeder neuen Freundschaft an mein Versprechen gehalten.
Niemand wird sehen, was du gesehen hast.
Nie wieder. 
Niemand nach dir.

Ich habe es gebrochen.

Da ist jemand, der schleichend Teil meines Lebens wurde. Ich kann dir nicht mal mehr sagen, wann oder wie das angefangen hat.
Nur, dass ich Anfang diesen Jahres plötzlich irgendwo in der Natur stand, fassungslos auf eine Nachricht blickte und es mir wie Schuppen von den Augen fiel, dass das schon lange keine Freundschaft mehr war.

Gefährtin, stand dort.
Und ich hatte es ohne viel Nachdenken geschrieben.

Pause, am anderen Ende. Und ich spürte, wie die Angst hochkroch. Angst, nicht zu reichen. Zuviel zu sein. Zuviel zu wollen. Das hatte ich seit dir nicht mehr.

Aber ich bin anders heute. Ich bin erwachsener geworden.

Und auch wenn ich weiß, dass hier auf der anderen Seite die Dunkelheit lauert - ein Mensch, dem keine Form von Leid fremd ist, der Unsagbares erfahren hat - wir tanzen nicht in den Abgrund. 

Wir tanzen ins Licht.

Ich weiß nicht, ob uns das jemals möglich gewesen wäre.
Vielleicht hatten auch wir unsere Zeit und ich bemühe mich, es so zu betrachten, dass wir damals das waren, was uns möglich war.

Ich hab dich geliebt. Und ich habe dich losgelassen

Machs gut, Anne. Und danke für alles.

Kati 02.09.2022, 09.10 | (1/0) Kommentare (RSS) | PL

Vier

Vier Wochen. Vier. Das ist doch Irrsinn. Du bist tot, dein Haus ist ein Tatort, ich habe keine Ahnung, wo dein Leichnam inzwischen ist, ich kenne weder Todesursache noch Todeszeitpunkt, ich schwebe im Nichts und wenn ich nicht jeden Tag aufstehe und meinen Alltag abreiße, dann werde ich vermutlich einfach wahnsinnig. Ich kann nichts durchdenken, weil da nichts ist. Alles ist unklar. Ich kann nichts fühlen, weil ich weder jemanden habe, dem ich Fragen stellen könnte noch jemanden, der mir Antworten liefern würde.

Zwischenzeit.
Zwielicht.
In der Seele.

Meine Wut ist da. Sie lauert. Ich merke, wie mich der Dauerschmerz im Kiefer seit dreieinhalb Wochen mürbe macht. Merke, wie nah ich der Grenze komme. Versuche, mit ausreichend Pausen, Schlaf und Rückzug nicht ins Gefühl zu rutschen, nicht zu explodieren, nicht herumzuschreien, nicht zu verzweifeln. Es fände kein Echo. Da ist nichts, was mir antworten würde.

Anhörung Mitte September, dann noch mal vier Wochen Bearbeitung zum endgültigen Termin, dann ist Oktober, dann noch mal Bürokratie, dann vielleicht… wenn alles seinen Gang geht…
Wie soll ich etwas abschließen, von dem mir die losen Enden nicht mal bekannt sind?
Wir können nicht mal dein Scheißadressbuch aus dem Haus holen, um die Leute über deinen Tod zu informieren, bei denen du dir das gewünscht hast.
Nicht mal dein verficktes Adressbuch, verstehst du?
Nein, natürlich nicht. Du bist tot. Irgendwo im Nirgendwo.
Ohne Glauben, ohne Hoffnung, ohne Abschied bist du aus dieser Welt gegangen.

Ich merke, wie ich mit jedem Wort schon wieder wütender werde. Suizid ist ein Menschenrecht. Ich werde das niemals in Frage stellen. Und ich finde gerade alles daran kacke. Alles. Was, wenn Kjell an diesem Tag seine Kinder dabeigehabt hätte? Deine Patenenkel? Was, wenn die Kinder dich gefunden hätten? Was, wenn er erst Tage später gekommen wäre? Du lebst da mit Wildtieren mitten im Wald. Meine Fresse. Ich bin so wütend - auf alles. Auf alles.

Und ich soll jetzt den einzigen Mann anrufen, den du für diesen Schritt um Verzeihung gebeten hast und ich schaffe es einfach nicht. Es frisst mich auf. Ich will meine letzten Worte, ich will meinen Abschiedsbrief, ich will meinen verdammten Abschluss.

Stattdessen spiele ich dein letztes Spiel gegen mich selber in den seelischen Untiefen meiner Vergangenheit.
Ich bin am Ende.
Ganz allumfassend.
Also mache ich das Einzige, das in meinem Leben immer funktioniert hat.
Weiter.

Kati 17.08.2022, 10.21 | (1/0) Kommentare (RSS) | PL




Das Tragische an diesem Leben ist nur, dass es auf einer wahren Geschichte beruht.


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Do what is right. Not what is easy.