Kenne deinen Wert. Kenne deinen Preis.

Seit meine Kinder alt genug sind, den Wert von Geld zu verstehen, mache ich etwas mit ihnen, das auf Außenstehende gelegentlich ziemlich befremdlich wirkt: Ich biete ihnen Geld für Dinge an.

Manchmal für Arbeit. Streich den Gartenzaun. Räume etwas weg. Übernimm eine Aufgabe, die Zeit und Kraft kostet. Manchmal für Überwindung: Spring angezogen in den kalten Pool. Geh barfuß in den Schnee. Lass dir Ketchup über den Kopf kippen. Manchmal ist das Angebot lächerlich niedrig, manchmal überraschend hoch. Und manchmal erhöhe ich, wenn ein Kind Nein sagt.
Was dabei aussieht wie ein albernes Spiel mit Geld, ist für mich seit vielen Jahren Erziehungsarbeit.
Denn ich möchte, dass meine Kinder eine Frage beantworten können, lange bevor die Welt beginnt, sie ihnen mit wirklichen Konsequenzen zu stellen:

Was bin ich bereit, für eine Gegenleistung von mir herzugeben?

Zeit hat einen Wert.
Arbeit hat einen Wert.
Überwindung hat einen Wert.
Bequemlichkeit hat einen Wert.
Aber auch die eigene Würde, körperliche Grenzen, Ekel, Angst und persönliche Überzeugungen haben einen Wert – und manche davon sollten überhaupt keinen Preis haben.

Das kann man einem Kind erklären. Man kann aber auch einen Erfahrungsraum schaffen, in dem es diese Unterschiede selbst entdeckt.
Wenn ich fünf Euro dafür biete, angezogen in einen kalten Pool zu springen, muss das Kind in sich hineinhorchen. Ist mir das fünf Euro wert? Vielleicht lautet die Antwort begeistert Ja. Vielleicht Nein. Dann biete ich möglicherweise zehn. Und plötzlich geschieht etwas Interessantes: Das Kind muss nicht mehr nur den Pool bewerten. Es muss sich selbst bewerten: Wie unangenehm ist mir das wirklich? Ist mein Nein ein „nicht für fünf Euro oder ein „überhaupt nicht?

Genau dort entsteht etwas, das später kaum durch Belehrung nachzuholen ist: eine innere Skala.

Mit den Jahren werden die Entscheidungen differenzierter. Es gibt Dinge, für die ein Kind schon bei zwei Euro lachend sagt: „Gib her, mach ich. Es gibt Arbeit, bei der fünf Euro inzwischen mit völliger Selbstverständlichkeit abgelehnt werden, weil das Kind längst verstanden hat, dass mehrere Stunden seiner Zeit und Arbeitskraft mehr wert sind. Und es gibt Angebote von fünfzig Euro und mehr, bei denen das Nein keinen Millimeter weicher wird.

Diese letzten Neins sind vielleicht die wichtigsten.
Denn ein junger Mensch, der erlebt hat, dass ein Angebot steigen kann und trotzdem nicht angenommen werden muss, lernt etwas Fundamentales: 

Nicht alles an mir steht zum Verkauf.

Gleichzeitig lernen meine Kinder verhandeln. Wer zehn Euro angeboten bekommt, darf fünfzehn verlangen. Er darf ausprobieren, wie weit die andere Seite gehen wird. Aber auch Verhandlung braucht Realitätssinn. Wer auf zehn Euro mit zweihundert reagiert, verhandelt nicht, sondern verlässt den gemeinsamen Rahmen. Also lernen sie, Gegenüber zu lesen: Tonfall, Gesichtsausdruck, Entschlossenheit, Spielfreude, Verhandlungsspielraum. Ist das erste Angebot bereits ziemlich endgültig? Oder steckt darin ein unausgesprochenes „Versuch es ruhig?
Das ist soziale Kompetenz in einer sehr unmittelbaren Form. Nicht Manipulation, sondern die Fähigkeit, gleichzeitig bei sich und beim Gegenüber zu sein.

Und dann sind da Geschwister.
Mehrere Kinder machen aus solchen Situationen ein noch komplexeres Lernfeld. Denn plötzlich existiert nicht nur mein Angebot, sondern auch die Entscheidung des anderen. Einer springt für zwei Euro begeistert in den Pool, während ein anderer auch für zwanzig nicht hineingeht. Einer empfindet eine Aufgabe als Zumutung, der andere als leicht verdientes Geld.
Damit lernen Kinder etwas, das Geschwisterkonkurrenz sonst leicht verschleiert: Der Preis des anderen bestimmt meinen eigenen nicht.
Nur weil mein Bruder etwas für fünf Euro macht, muss ich es nicht ebenfalls für fünf tun. Nur weil meine Schwester Nein sagt, muss ich ihr Nein nicht übernehmen. Der Mut des einen macht den anderen nicht feige. Die Grenze des einen macht den anderen nicht empfindlich. Menschen dürfen dieselbe Situation unterschiedlich bewerten.


Natürlich entsteht Konkurrenz. Wer hat besser verhandelt? Wer hat mehr herausgeholt? Wer hat zu früh zugesagt? Wer hat gezockt und am Ende gar nichts bekommen? Aber in einem sicheren familiären Rahmen wird Konkurrenz dadurch zu einem sozialen Übungsfeld. Kinder vergleichen Strategien, beobachten Ergebnisse, ärgern sich über schlechte Entscheidungen und freuen sich über gute. Beim nächsten Mal wissen sie mehr.
Und vor allem erfahren sie: Eine Entscheidung darf falsch ausgehen, ohne dass mit ihnen etwas falsch ist.

Das ist für mich entscheidend.

Ich selbst habe eine Form dieses Trainings kennengelernt, in der Entscheidungen unter Druck und Demütigung getroffen werden mussten. Auch daraus kann Kompetenz entstehen. Aber sie wird teuer bezahlt. Ein Kind kann lernen, Situationen blitzschnell einzuschätzen, weil es gelernt hat, dass Zögern gefährlich ist. Es kann Menschen hervorragend lesen, weil das früh notwendig war. Dann sieht eine Überlebensstrategie von außen irgendwann wie außergewöhnliche Kompetenz aus.

Ich wollte für meine Kinder dieselbe Kompetenz, die auch ich besitze. 
Aber sie sollten auf gar keinen Fall den Preis dafür zahlen müssen, den es mich gekostet hat.

Deshalb braucht dieses Lernen Sicherheit. Meine Kinder dürfen Nein sagen. Sie dürfen schlecht verhandeln. Sie dürfen sich verzocken. Sie dürfen für zwei Euro etwas tun, wofür ich zwanzig bezahlt hätte. Und sie dürfen fünfzig Euro liegen lassen, weil ihnen das Verlangte fünfzig Euro nicht wert ist.
So wird aus Wachsamkeit Urteilsvermögen. Aus Abgrenzung wird Selbstbestimmung. Aus schnellem Entscheiden wird Entscheidungssicherheit. Und aus dem Lesen anderer Menschen wird soziale Intelligenz, ohne dass dafür Angst der Lehrmeister sein muss.

Mir begegnet oft die Vermutung anderer Menschen, meine Kinder würden dadurch nur lernen, für alles Geld zu verlangen. 
Meine Erfahrung ist das Gegenteil. Helfen, füreinander da sein und zum Familienleben beitragen gehören in eine andere Kategorie. 
Wenn ein Kind fragt: „Bietest du mir dafür Geld?, lautet meine Antwort: „Bis gerade eben hätte noch alles möglich sein können, aber jetzt auf keinen Fall mehr."

Auch das ist eine Grenze. Meine.
Denn nicht jede Leistung ist eine Ware. 
Nicht jede Beziehung ist eine Transaktion. 
Nicht jede Gefälligkeit braucht eine Gegenleistung.

Und genau darum geht es letztlich.

Meine Kinder sollen nicht lernen, alles mit einem Preis zu versehen. Sie sollen lernen, Unterschiede zu erkennen.
Was gebe ich gern? Was schulde ich einer Gemeinschaft? Was ist Arbeit und sollte angemessen bezahlt werden? Wann lohnt sich Überwindung? Wann darf ich mehr verlangen? Wann nehme ich die zwei Euro und habe meinen Spaß? Wann gehe ich aus einer Verhandlung? Und wann ist meine Antwort vollkommen unabhängig von der Zahl, die jemand vor mich legt?

Später werden die Angebote nicht mehr von ihrer Mutter kommen.

Später heißen diese Angebote nämlich Gehalt, Karriere, Anerkennung, Gruppenzugehörigkeit, Beziehung, Status, Sex, Loyalität, Gefälligkeit oder sozialer Druck. Menschen werden versuchen herauszufinden, was sie für die Zeit, Arbeitskraft, Anpassung, das Schweigen oder die Grenzüberschreitung eines anderen bieten müssen.

Und dann wünsche ich meinn Kindern genau das, was sie heute schon erstaunlich gut können:
Das Angebot hören.
Den anderen einschätzen.
In sich selbst hineinhorchen.
Verhandeln, wenn es etwas zu verhandeln gibt.
Und Nein sagen, wenn es nichts zu verhandeln gibt.

Kenne deinen Wert. 
Kenne deinen Preis. 
Und erkenne die Dinge in dir, die niemals zum Verkauf stehen.

Kati 29.08.2026, 22.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Vier gewinnt!

Reis mit Ratatouille

Ich merke sehr deutlich, dass sich jemand um mich kümmern muss. Und ich weiß, dass ich dieser Mensch bin. Und natürlich kann ich mich selbst versorgen, ich kann mich selbst regulieren, ich kann alles überleben, das habe ich nachhaltig und oft genug bewiesen. Aber dass ich es kann, bedeutet nicht zwingend, dass es nicht schmerzhaft ist, es immer wieder selbst tun zu müssen. Ich möchte gerade nicht stark, reflektiert, selbstwirksam oder kompetent sein. Und vor allem möchte ich keine anderen Menschen regulieren müssen. Ich möchte keine Entscheidungen treffen und ich möchte von anderen Menschen nicht ihre Unsicherheiten aufgebürdet bekommen, die ich managen muss, weil sie nicht in der Lage sind, die kleinsten Dinge zu regeln. Sie könnten ja was falsch machen. Vielleicht möchte ich einfach mal erleben, dass jemand wirklich und wahrhaftig fühlt: Dieser Mensch da, Kati, ist vollkommen am Ende. Ich verlange nichts. Ich nehme ihr im Gegenteil einfach etwas ab, ohne Grenzen zu verletzen oder zu überschreiten. Ich mache nun genau das, was ihr gut tut, so dass sie heilen und ruhen kann.

Ich bin müde. Ich weiß, dass das für mich gerade nicht existiert. 
Ich bin nicht mal mehr wütend, ich bin einfach nur noch erschöpft und müde.
Es war einfach zu viel, zu lange.
Ich habe nichts mehr.

Und vielleicht ist es heute meine größte Leistung, dass ich mir selber Reis und Ratatouille gekocht habe und es jetzt essen werde. Was Warmes im Bauch, das mich an heiße Sommernächte in Frankreich erinnert, an den Duft der Pinien, das Rauschen des Meeres und an eine Zeit, in der ich noch von meinem Leben geträumt habe.

Kati 28.08.2026, 14.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: so Tage eben

Mein Nein ist ein Nein.

Mein Nein ist eine klare Grenze.
Kein Gesprächsangebot, keine Verhandlungsbasis, keine Aufforderung, die eigene Position noch überzeugender darzulegen.
Mein Nein ist ein Nein.

Wird ein Nein immer wieder so behandelt, als sei es lediglich der Beginn einer Diskussion, verändert sich etwas Grundlegendes in dem Menschen, der es immer wieder aussprechen muss. 
Denn plötzlich reicht es nicht mehr, seine eigene Grenze zu kennen und klar zu benennen. Man muss sie begründen, verteidigen, erklären, legitimieren. Aus "Ich möchte nicht" wird "Ich möchte nicht, weil..." und hinter diesem weil beginnt eine schier unsägliche und unendliche Beweisführung darüber, warum das eigene Empfinden zählen darf. 

Das Erschöpfende daran ist nicht eine einzelne Diskussion. Nicht mal 10. Oder 100 im Laufe der Jahre. Es sind die tausend kleinen alltäglichen Grenzverhandlungen. Jedes Nein kostet Kraft, weil es nicht einfach stehen bleiben darf. Für einen Menschen, der sich sehr schwer damit tut, sich überhaupt abzugrenzen, umso mehr. Jeder Rückzug braucht Erklärung. Jedes Unwohlsein muss nachvollziehbar gemacht werden. Und jede Erklärung, jede Diskussion eröffnet wieder ein akademisches Gespräch über ihre Schwachpunkte: Ist der Grund für mein Gegenüber ausreichend? Könnte man es auch anders sehen? Oder handhaben? Wäre ein Kompromiss möglich? Hast du bedacht, wie es mir damit geht? 
Die Grenze selbst verschwindet dabei fast automatisch in der Diskussion über ihre Berechtigung. 

Für mich als grenzsetzende Person entsteht ein wahrhaft paradoxer Zustand: Ich habe theoretisch das Recht, Nein zu sagen, weiß aber, dass dieses Nein mich danach kostet. Mein Gegenüber muss diese Grenze nicht mal brechen, um sie zu missachten. Es genügt, sie so lange durch nagende Gespräche darüber zu bearbeiten, bis ihre Aufrechterhaltung anstrengender wird als ihre Aufgabe. Damit wird aus Kommunikation Erosion. Nicht durch Lautstärke, Drohung oder Zwang, sondern durch permanente Beharrlichkeit und Infragestellung. Mein Nein wird gehört, aber nicht als Endpunkt.

Der Körper lernt diese Dynamik schneller als der Verstand. Irgendwann löst jede harmlose Nachfrage Anspannung aus. Ein harmloses "Warum" trägt die Last von Jahrzehnten Infragestellung meiner Grenzen. Meine Reaktion gilt dann nicht mehr nur diesem Satz. Die gilt all den Grenzen, die ich zuvor schon zu Tode erklären oder verteidigen musste. All den Momenten, in denen mein Nein nicht genügte. All der Energie, die ich dafür aufbringen musste, mein eigenes Innenleben gegen den Zugriff eines anderen Menschen zu verteidigen. Das ist eine Form von psychischer Gewalt.

Darum werden Reaktionen irgendwann unverhältnismäßig. Scharf und schnippisch, wo man früher erklärt hätte. Wütend, wo man früher geduldig war. Müde, wo man früher Verständnis gehabt hätte. Man bricht Gespräche ab, zieht sich zurück, geht aus dem Raum, verweigert sich und jede weitere Begründung, weil es die letzte verfügbare Form von Selbstschutz ist, die einem noch bleibt, ohne anzugreifen. 

Und irgendwann bleibt nur noch Distanz, weil man sich selbst nur noch dort sicher erlebt, wo niemand versucht, die eigenen Grenzen zu verhandeln. 

Kati 27.08.2026, 10.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: wir halt

Erschöpfung

Ich will mir heute erlauben, einfach müde zu sein. Müde vom Leben. Müde vom Kämpfen. Und vor allem müde vom Erklären. Ich bin hier unmerklich dazu übergegangen, genau das zu tun, was im Alltag immer wieder von mir gefordert wird. Mich zu erklären, damit ich verstanden werde. Und ganz ehrlich? Ich bin müde davon. Ich will mich nicht mehr erklären. Ich will nicht mehr nur ausreichend genaue Worte für meinen Schmerz finden müssen, damit ich gesehen werde. 
Ich will sagen können: Das tut mir weh. Und nicht hinterher eine Abhandlung darüber liefern müssen, warum es mir weh tun darf. 
Ich will sagen können: Nein. Das will ich nicht. Und nicht meine Grenze nicht nur objektiv in ihrer Angemessenheit beweisen, sondern sie auch noch verteidigen müssen.
Ich will sagen können: Ich brauche das. Und nicht erklären müssen, warum ich das brauche, ob ich auch mit einem Kompromiss zufrieden bin oder mich darum zu kümmern, dass es jemand anderen verletzt, dass ich diese Bedürfnisse habe. 
Ich will weinen dürfen und niemandem erklären müssen, dass ich getröstet werden will. 
Ich habe so viele Worte in mir und doch erreicht keines davon sein Ziel. Meine Worte und meine Sprache haben sich grausam gegen mich gewandt. Es reicht nicht mehr zu sein, ich muss mich auch erklären, damit ich gültig werde. 
Meine Empfindung braucht die Legitimation meines Gegenübers, damit sie validiert werden kann. 
Und davon bin ich müde. Erschöpft. Ich mag nicht mehr. Ich mag nicht mehr reden.
Um gesehen zu werden, sollte man sich intellektuell nicht perfekt erklären müssen.
Und heute ist einfach alles zu viel. Heute tut einfach alles weh. 

Kati 20.08.2026, 17.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

Resonanz

Ich bin nachdenklich. Ich habe mich intellektuell und psychologisch fundiert daran abgearbeitet. Jetzt kommt der schwierigere Teil: Ich muss aushalten, es auch zu fühlen. 
Ich habe mehreren Menschen ein ungewöhnlich persönliches Geschenk gemacht. Ich habe unfassbar viel Liebe, Zeit, Aneignung von Fähigkeiten und persönliche Tiefe investiert. Und auf  genau diese Bewegung meinerseits kam von diesen Menschen kein Echo zurück. 

Ich darf das registieren und ich darf diesen Schmerz benennen. 

Ich weiß, dass ich nichts Großes erwarte. Keine Überschwänglichkeit, kein großes Trara, keine ausformulierte Dankbarkeit, aber Resonanz. Irgendetwas. 
Das können Worte sein, natürlich, aber jede überhaupt erst einmal vorhandene Reaktion kann diese Resonanz zeigen und damit Verbindung schaffen. 
Denn letztendlich habe ich Verletzlichkeit gezeigt. Zuneigung, emotionale Offenbarung. Das ist nicht nur ein Geschenk, das ist auch Beziehungsangebot. 

Und nach eineinhalb Wochen wortlosem Schweigen muss ich nicht so tun, als wäre mir das egal.

Kati 19.08.2026, 18.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Leute gibts

Die falsche Selbstverständlichkeit

Es gibt Erkenntnisse, die lassen sich Zeit. Eine davon ist die für mich bislang unsichtbare Differenz zu anderen Menschen, die in der Annahme liegt, andere Menschen verfügten grundsätzlich über dieselben inneren geistigen Operationen wie ich selber - vielleicht unterschiedlich ausgeprägt oder unterschiedlich konsequent genutzt, aber prinzipiell vorhanden. Und was mir heute wie ein Brett vor dem Kopf erscheint, das ich jahrelang ostentativ vor mir hergetragen habe, zerbrach gestern splitternd in der Erkenntnis, dass zwei Menschen mit denselben Begriffen völlig unterschiedliche innere Vorgänge meinen können.

Für mich war Veränderung nie etwas, das geschieht. Worauf man wartet. Veränderung ist etwas, das ich tue. Reflexion bedeutet nicht nur, Vergangenes zu verstehen, sondern aus Verstandenem auch zukünftige Handlung abzuleiten. Ich beobachte mich, ich zerlege Situationen, suche den Moment, in dem mein Mechanismus übernommen hat, entwerfe Alternativszenarien, spiele alle nur denkbaren Begegnungen und Handlungsoptionen im Voraus geistig duch, bereite mich auf schwierige Situationen vor. Jeden Abend vorm Einschlafen, jeden Morgen beim Aufwachen. Ich scheitere, ich analysiere mein Scheitern, ich gehe erneut los. Nicht erst, wenn ich etwas kann, sondern gerade dann, wenn ich es noch nciht kann. Übung ist die einzige Brücke zwischen Nichtkönnen und Können. 

Wenn diese Form aktiver Selbstmodifikation über Jahrzehnte zur selbstverständlichen geistigen Grundhaltung geworden ist, erscheint sie nicht mehr als besondere Fähigkeit. Sie erscheint mir inzwischen als Normalität, wenngleich ich mir durchaus bewusst bin, wie schwierig es ist, meinen tiefsitzendsten Mechanismen zu begegnen. Aber kneife ich? Nein. Deshalb löst der Satz "Ich kann nicht" in mir so oft kein Mitgefühl aus, sondern Widerstand. Denn in meiner inneren Übersetzung gibt es diese Variante nicht. Es gibt ein "Ich kann das noch nicht gut" und darauf folgt automatisch: Beobachten, denken, suchen, probieren, scheitern, anpassen, versuchen, usw. 

Ein "Ich kann nicht", das sich selbst zum Endpunkt erklärt, ist meinem Denken fremd. 

Ich habe viel darüber nachgedacht. Vielleicht fasst es mich deswegen so hart an, weil es an einer meiner elementarsten Überlebensleistungen rüttelt. Ich konnte mir meine Ausgangsbedingungen nicht aussuchen. Ich habe Mechanismen, Verletzungen, Angst und automatisierte Reaktionen, die aus einer lieblosen Kindheit mit sexuellem Missbrauch durch meine Mutter und ihren Vater, aus systematischer Folter durch meinen eigenen Vater, Hunger, Durst, Gewalt, Vernachlässigung, und absolute Unvorhersehbarkeit in dem, was als nächstes passiert, Tag oder Nacht, resultiert. Ich habe nie Urvertrauen entwickelt, ich habe von meinen Eltern weder Liebe noch Zärtlichkeit noch Schutz erfahren, ich wurde die ersten 15 Jahre meines Lebens so behandelt und körperlich, seelisch und geistig terrorisiert und misshandelt. Ich bin dabei in tausend Stücke zersplittert und ich bin in meinem Innersten die Quintessenz eines weinenden kleinen Mädchens, das panisch in einer Ecke kauert und nur für einen kleinen Moment in Sicherheit liebgehabt werden will. Ich wollte nie irgendetwas anderes. 

So kann man aber kein glückliches Leben führen. So kann man kein Erwachsener werden. So kann man nicht selbstwirksam sein. 
Mein Leben besteht also seit Jahrzehnten aus der täglichen harten Scheißarbeit, meiner Vergangenheit und meinen Mechanismen keine Deutungshoheit darüber zu überlassen, wer ich bin und sein werde. Selbstwirksamkeit war nie eine abstrakte philosophische Betrachtung, sondern existenzielle Notwendigkeit. "Ich kann das noch nicht" bedeutete deswegen auch niemals: "Dann geschieht es jetzt wohl auch nicht". Es bedeutete immer: "Hier ist deine Arbeit."

Einem Menschen gegenüberzustehen, der tatsächlich anders agiert, erschüttert vermutlich deshalb mehr als nur mein Bild von ihm. Es erschüttert meine bislang unausgesprochene Überzeugung: Das Werkzeug, mit dem ich mein Leben bearbeite, liegt auch in seinem Werkzeugkasten, er muss nur hingreifen.

Und wenn ich zulasse, dass diese Grundannahme erschüttert wird und auf dem Prüfstand steht, dann muss ich zulassen, dass denkbar wird, dass sein "Ich kann nicht" subjektiv wesentlich wahrer ist, als ich ihm zugestanden habe. 

Wenn jemand reflektieren, analysieren und erkennen kann, daraus aber nicht die nächste Aktion ableiten kann, dann fehlt zwischen Einsicht und Veränderung genau die Brücke, deren Existenz ich bislang als vorhanden vorausgesetzt habe. Aber mein Gegenüber steht möglichgerweise tatsächlich vor seinem eigenen Verhalten und erlebt Hilflosigkeit. Nicht zwingend, weil Veränderung unmöglich wäre (denn das ist sie, das ist etwas, das ich bis zuletzt verteidigen werde), sondern weil ihm genau jene inneren Prozesse fehlen, mit denen man weitergehen kann.

Ich muss also anerkennen, dass jemand in diesem Augenblick tatsächlich nicht über dieselben Möglichkeiten der Selbststeuerung verfügt wie ich (und das stachelt auch beim Schreiben noch stark in mir hoch). Dass mein scheinbar selbstverständliches "Dann üb es!" für mein Gegenüber bereits eine Kompetenz voraussetzt, die erst erworben werden müsste. Und noch weitergedacht: Menschen können erkennen und trotzdem nicht handeln. Sie können leiden und trotzdem verharren. Sie können Veränderung wollen und dennoch nicht wissen, wie man aus Wollen Praxis macht. Sie können sogar auf Veränderung warten und nicht begreifen, dass sie aus ihnen selbst entstehen muss.

Vielleicht liegt darin die schmerzhafte Härte dieser Erkenntnis. Solange ich noch davon überzeugt war, der andere verfüge über dieselben inneren Möglichkeiten wie ich, konnte ich wütend bleiben. Wut macht handlungsfähig. Sie sagt: Mach. Du kannst. Du musst es nur wollen. Darin steckt vor allem Hoffnung: Wer sich nur endlich genug anstrengt, kann alles verändern. 
Die Anerkennung dessen, dass in anderen Menschen dort eine Begrenzung ihrer Möglichkeiten existiert, nimmt dieser Hoffnung alle Illusion. Denn dann steht dort kein Mensch mehr, der nur durch die richtige Form von Motivation zum Handeln gebracht werden muss. Dann steht dort ein Mensch, der diese Fähigkeiten erst entwickeln müsste, aber ob er sie entwickeln wird, wie lange das dauert, wie weit er damit kommt und ob er das überhaupt durchhält, entzieht sich völlig meiner Kontrolle. 

Das erzeugt schlussendlich dann doch Mitgefühl, aber anders als früher. Ich verliere die Gewissheit, dass Entwicklung zwangsläufig stattfinden müsse, wenn Einsicht, Leidensdruck oder Liebe nur groß genug sind. Aber das muss sie wohl nicht.
Und daraus resultiert auch folgende Selbsterkenntnis: Ich muss dein Nichtkönnen moralisch nicht länger in Nichtwollen übersetzen, um meine eigenen Grenzen legitimieren zu dürfen.  

Kati 18.08.2026, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: wir halt

Brandgefahr

Es vergeht inzwischen kein Sommer ohne verheerende Waldbrände. Auch dieser Juli verging so gut wie ohne Regen. Die Flüsse sind ausgetrocknet, die Hitze ist unterträglich, der Boden und alles, was darauf liegt, knochentrocken. Ich denke dieser Tage immer wieder daran, wo ich meine Zeit verbringen möchte, wenn meine Kinder groß und ausgezogen sind. Die Besuche in der oberrheinischen Tiefebene bei meiner sehr großen Tochter und dem Baby sagen mir sehr klar: Nicht dort. Ich habe 10 Jahre meiner Kindheit dort verbracht und es ist einfach zu heiß, zu trocken. Ich will mich nicht mehrere Monate des Jahres drinnen verstecken müssen. Der Norden, meine Heimat, hat mich immer gereizt. Und ja, dort ist es deutlich kühler. Regnet mehr. Aber ich sehe auch, wie sehr mir die Fahrten zu Kind und Enkel jetzt schon zusetzen und das sind nur 4 Stunden Fahrt. Also fällt der Norden inzwischen auch weg. In 4 Jahren sind all meine Kinder volljährig. Wenn ich genetische Prädisposition und Lebenserwartung in meiner Familie zusammennehme, bleiben mir vielleicht noch 20 Jahre. Wenn ich davon ausgehe, dass ich alleine bleibe, dann ist mir ein Haus zu groß und zu arbeitsintensiv, aber ich weiß, ich werde nicht mehr in Wohnungen leben können. Es ist schwierig.

Kati 16.08.2026, 18.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: so Tage eben

Einsamkeit

Vielleicht gehört es zu den schmerzhaftesten Formen von Einsamkeit, einem Menschen so nahe zu sein, dass man emotional nicht mehr an ihn herankommt. Nicht weil Liebe oder Sehnsucht verloren gingen, sondern weil die eigene Nähe im anderen etwas aktiviert, das stärker ist, als sich dieser Nähe hinzugeben: Angst.

Angst ist nicht gleich Angst. Diese Angst entsteht nicht aus Verhalten, sie entsteht aus Bedeutung. Je elementarer die Bindung, desto größer die Gefahr, die damit verbunden ist, sich auf einen anderen Menschen einzulassen: Zurückweisung, Versagen, Beschämung, Konflikt, Abhängigkeit, Kontrollverlust. Ein ängstlich vermeindendes Bindungssystem sucht Nähe und gleichzeitig Schutz vor ihr. Wo am meisten auf dem Spiel steht, wird Rückzug plötzlich die sicherste Strategie.

Für den Menschen, der all das ertragen muss, macht die intellektuelle Fähigkeit, diese Dinge zu reflektieren, zu analysieren und zu erkennen, emotional nur begrenzt einen Unterschied. Ich lebe nicht mit der psychologischen Analyse eines Verhaltens, sondern mit seinen Folgen.
Ich erlebe einen Menschen, der mit anderen lachen kann. Der sprechen kann. Sich ausdrücken. Der reagieren, scherzen, herumalbern kann. Komplimente machen, zugewandt sein. Ich sehe seine Leichtigkeit und weiß darum, dass sie noch existiert. Nur nicht mehr zwischen uns. 
Sobald es um mich geht, scheint jedes Wort Gewicht zu bekommen. Gespräche werden zum Eiertanz, Spontaneität wird unmöglich, meine Nähe wird zur höchsten Zumutung für das Nervensystem meines Gegenübers. 

Vielleicht ist das tatsächlich der Kern der Wunde. Ich vermisse nicht etwas, das mein Gegenüber grundsätzlich verloren hat. Ich sehe, dass er es anderen noch geben kann. Nur mir nicht. 
Und so sehr ich mich bemühe, mir immer wieder die Gründe hierfür vor Augen zu führen, beginnt meine Psyche schon lange, daraus Bedeutung zu konstruieren. Wenn jemand bei allen anderen unbefangen und nur bei mir befangen ist, liegt die Schlussfolgerung erschreckend nahe, dass ich das Problem bin. Also werde ich vorsichtiger. Überprüfe meine Worte, dämpfe meine Reaktion, frage mich, ob meine Bedürfnisse unangemessen sind, mein Wollen zu groß, meine Verletzungen zu sichtbar, meine Erwartungen zu schwer geworden sind. Ich versuche, möglichst ungefährlich zu sein. Geduldiger, verständnisvoller, anspruchsloser, wie die Mutter, die ihrem Kind die Angst nehmen will. Ich relativiere mich, ich halte, ich führe, ich entscheide, ich warte, dass aus der Sicherheit heraus, die ich geben kann, die Angst verschwindet und endlich Weiterentwicklung stattfindet. 

Ich habe erst spät erkannt, dass ich zwar das Nervensystem, nicht aber das Bindungssystem eines anderen Menschen regulieren kann. Wenn Angst aus alten und ersten existenziellen Beziehungserfahrungen, inneren Erwartungen und eingeübten Schutzmechanismen stammt, kann ich mich immer weiter verkleinern, ohne jemals so klein werden zu können, dass ich keine Angst mehr auslöse. 
Ich vernichte dabei nicht seine Angst, sondern nur mich selbst. 
Grundsätzlich gilt für Beziehungen aller Art: Intimität braucht ein gewisses Maß an Unbefangenheit. Keine Konfliktfreiheit, aber die Erfahrung, sich zeigen zu dürfen, ohne dass jede Bewegung Gefahr bedeutet. Lachen braucht Spontaneität. Zärtlichkeit braucht ein Mindestmaß an innerer Sicherheit. Sexualität braucht die Möglichkeit, sich hingeben zu können. Gespräch braucht das Vertrauen, dass der andere zuhört und nicht bloß antworten will.

Wo einer Angst hat und der andere in sein Selbstbild integrieren muss, dass er diese Angst auslöst, wird Beziehung zum Minenfeld. Dann ist es egal, wieviel Liebe noch vorhanden ist, sie wird nicht mehr erlebt. 
Normalerweise bedeutet Bindung, dass der wichtigste und nahestehendste Mensch einen privilegierten Zugang erhält: Zu Gedanken, Verletzlichkeit, Freude, Körperlichkeit, Albernheit, Trost, Zugewandheit, emotionaler Verfügbarkeit.
Hier entsteht das Gegenteil: Die anderen Menschen bekommen das Lachen, die Präsenz, die Aufmerksamkeit, Geschenke, die Fragen, das Interesse. Ich bekomme nur die höchste innere Alarmstufe, gerade weil ich am nächsten bin. 
Als nahestehendste Person sitze ich auf dem Platz, der emotional am weitesten von ihm entfernt ist. 

Und irgendwann, nach Jahren, Jahrzehnten, verändert das den Blick auf Beziehung unumkehrbar. Ich möchte nicht mehr ausschließlich verstehen müssen, warum der andere Angst hat. Ich möchte einfach nciht mehr.
Ich muss fragen dürfen, was es mit mir macht, dauerhaft Gegenstand dieser Angst zu sein. Erklärungen erzeugen keine Nähe. Mitgefühl erzeugt keine Intimität. Und irgendwann wird man müde. Werde ich müde. Nicht von einem einzelnen Streit, nicht von einer schwierigen Phase, sondern von der schieren Dauer. Vom Warten auf einen Menschen, der körperlich anwesend ist, emotional aber nicht näherkommt. Vom immer neuen Hoffen auf den nächsten Versuch, den nächsten Schritt, dass vielleicht irgendetwas von dem auftaucht, was in ihm vorhanden, aber nur mir nicht mehr zugänglich ist. 

Müdigkeit ist keine Gleichgültigkeit. Im Grunde ist sie das Gegenteil. Sie resultiert daraus, dass man so lange eben nicht gleichgültig war. Dass man verstehen, einordnen, aushalten, warten wollte. Aber nichts kostet so viel Kraft wie Hoffnung, die über einen sehr langen Zeitraum keine Erfahrung erhält, an der sie sich erneuern kann. 

Und dann taucht irgendwann eine Frage auf, die so erschreckend wie schlicht ist: Wie lange schaffe ich das noch?

Kati 15.08.2026, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

Dunkelheit

Dieses Datum ist eines der schmerzhaftesten meines Lebens und die Erinnerung an diesen Tag wird mich wohl für immer verfolgen.

Kati 14.08.2026, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: damals

Perseiden

Seit wir in diesem Haus wohnen, habe ich jahrelang in der Nacht vom 12. auf den 13. August Bettzeug, Matratzen und Decken in den Garten geschleppt, damit die ganze Familie unter freiem Himmel schlafen und Sternschnuppen beobachten kann. Jedes Jahr. Und es ist bitter, wenn man irgendwann erkennt, wie wichtig einem etwas geworden ist, niemand sonst aber Interesse daran hat, es weiterzuführen. Das habe ich letztes Jahr eindrucksvoll an Weihnachten vorgeführt bekommen. Vielleicht ist es auch hierbei an der Zeit, sich von Dingen zu verabschieden, die ihre Zeit hatten, aber nun einfach vorbei sind. Wie so vieles dieser Tage.

Kati 13.08.2026, 18.00| PL | einsortiert in: damals

KinderKinder und KindesKinder

Was als kurzweiliger Besuch bei der großen Tochter mit der kleinen Tochter und dem kleinen Sohn geplant war, entwickelte sich für mich schnell zu einem ausgewachsenen Dilemma. 
Ich war dort als Mutter meiner erwachsenen Tochter und als Oma ihres Kindes. 
Gleichzeitig hatte ich meine eigenen Kinder dabei und plötzlich jonglierte ich Bedürfnisse auf drei verschiedenen Beziehungsebenen (vier, wenn man den Schwiegersohn mit einrechnet), die jeweils etwas anderes von mir verlangten. 
Ich will meine große Tochter besuchen, sie hören, sehen und unterstützen, ohne mich gleichzeitig in ihr Muttersein einzumischen. 
Ich will Zeit mit meinem Enkel verbringen und mich auf unser Kennenlernen einlassen. 
Gleichzeitig blieb ich Mutter meiner eigenen Kinder, die in dieser speziellen Situation einen großen Berg eigener Bedürfnisse hatten und Probleme, sich an die Gegebenheiten ohne wirklichen Rückzugsort bei furchtbarer Hitze und in einer Umgebung mit ausschließlichem Fokus auf ein Baby anzupassen. 

Meine kleine Tochter fuhr ihre erste lange Autobahnstrecke und saß freiwillig fast 5 Stunden hinterm Steuer ihres Autos, eine wahre Meisterleistung an Konzentration und Fokus und wurde dann in eine Umgebung geworfen, die auch noch ein hohes Maß an Sozialkompetenz erfordert. 
Mein kleiner Sohn war zu Tode gelangweilt, hatte Hunger, Durst, müde, Pipi, kalt (bzw. zu heiß) und konnte weder auf bekannte Regulationsstrategien noch Komfortessen zurückgreifen und hing ebenfalls in der Luft, denn eigentlich wollte er die große Schwester besuchen, die er so sehr vermisst und nicht das Baby, das nun ihre ungeteilte Aufmerksamkeit forderte. 
Wir kamen an und alles, was er wollte, war: Nach Hause. 

Mir war zu heiß, ich hatte keine Rückzugsmöglichkeit, ich hatte extreme Schmerzen und Kreislaufprobleme, war völlig übermüdet und voller Adrenalin, eine lange anspruchsvolle Autobahnfahrt als Beifahrer begleitet zu haben. 
Ich war froh, als wir am Montagabend alle im Bett waren bzw. die Tochter auf der Terrasse schlafen wollte, unter freiem Himmel geht es ihr gut. 

Auch der zweite Tag war ziemlich anstrengend - ich hatte allen Beteiligten zur Wahl gestellt, wieder nach Hause fahren zu können, aber sie wollten ‘durchhalten‘ und ich verstehe das so gut. Wenn da etwas ist, man man liebt, die Umstände aber einfach schwer zu ertragen sind, dann hat es manchmal mehr von aushalten als von genießen. 
Der Tag war schwierig. Richtig schwierig. Bis spät abends. 
Es hat mich dabei fast verrückt gemacht, diese unterschiedlichen Anforderungen an mich nicht miteinander vereinbaren zu können. 
Ich kann nicht einfach aufhören, Mutter zu sein, während ich Oma bin und andersherum. Und ich kann die Begegnung mit meinem Enkel nicht vollständig erleben, wenn ein großer Teil meiner Aufmerksamkeit bei meinen eigenen Kindern liegt. 

Keines dieser ganzen Bedürfnisse, die an mich herangetragen wurden, war falsch, das Problem war vielmehr, dass Bindung Aufmerksamkeit braucht und Aufmerksamkeit eine sehr begrenzte Ressource ist.

Wir sind heute Nachmittag zurückgefahren und die Tochter hat einen Unfall auf der Autobahn verursacht. Niemand kam zu Schaden, nur das Auto ist lädiert, aber mir sitzt der Schock tief in den Knochen. Ich habe sie reguliert, so dass sie das Lenkrad vernünftig festgehalten hat und nicht in den Parallelverkehr lenkte, ich hab sie ruhig durch die Situation gebracht, hab Butz durch die Panik begleitet und das für uns alle gut gelöst. Wir konnten nach einer Stunde weiterfahren, sie hat sich wieder hinters Lenkrad gesetzt und auch wenn wir lange gebraucht haben, hat sie die verbleibende Zeit genutzt, um sich selber davon zu überzeugen, dass nichts passiert und dass ein Fahrfehler nicht bedeutet, dass sie kein Auto fahren kann. 

In all dieser Zeit habe ich gegen meine eigene Panik gekämpft, gegen die gefühlte Hilflosigkeit, gegen den Impuls, sie nicht mehr fahren zu lassen und alles was ich wollte, war einfach nur, nach Hause zu kommen und selber endlich einmal gesehen und aufgefangen zu werden.
Ich möchte in irgendeiner Beziehung meines Lebens mal nicht gebraucht werden, sondern einfach nur gemeint sein. 

Und als Fazit dieses Besuchs bleibt mir nur die Erkenntnis, dass Liebe sich vermehren kann, ungeteilte Aufmerksamkeit jedoch nicht. 
Und manchmal bedeutet das Finden einer neuen Rolle vielleicht auch, sich bewusst Räume zu schaffen, in denen man sie überhaupt ungestört erleben kann. Dass das so nicht möglich ist, sehe ich inzwischen deutlich.

Kati 12.08.2026, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Vier gewinnt!

Sichtbarkeit

Nähe ensteht dort, wo wir etwas von unserem Innersten sichtbar machen und erleben, dass wir eine Antwort erhalten. Wir erzählen von uns, zeigen Verletzlichkeit, Zuneigung und lassen einen anderen Menschen erkennen, wie wir ihn wahrnehmen. All diese Dinge sind Beziehungsangebot und jedes Angebot enthält eine stumme Hoffnung auf Resonanz.
Resonanz bedeutet: Ich sehe, dass du dich mir zeigst und ich bewege mich darauf zu. Diese Bewegung muss weder die gleiche Intensität erfüllen noch genauso tief oder von gleicher Art sein. Sie muss vorhanden sein. 
Bleibt sie aus, entsteht ein tieferer Schmerz als bloße Enttäuschung.
Wer Offenheit anbietet und Schweigen erntet, bleibt allein. 

Bleibt Zurückweisung nicht mehr nur Einzelreaktion, sondern Muster, wird aus Enttäuschung Beziehungsinformation.
Es ist verführerisch, die ausbleibende Antwort wegzuerklären. 
Vielleicht hat der andere keine Zeit, etwas falsch verstanden, viel um die Ohren, ist überfordert, zu überwältigt, kann schlecht Gefühle zeigen, was auch immer. 
Aber wir können fehlende Resonanz nicht dauerhaft mit eigenen Erklärungen schönreden.
Damit halten wir Beziehung auf einer Tiefe, die sie vielleicht gar nicht besitzt. Das mag weniger schmerzhaft sein, ist dann aber auch weniger wahr. 
Und selbst wenn die Lücke nachvollziehbar bleibt: Zu verstehen, warum der andere nicht kann, heißt nicht, dass ich es nicht brauchen darf. 

Also bleibt vielleicht vor allem die Erkenntnis, dass nicht jeder Mensch, der uns etwas bedeutet, Zugang zu unseren persönlichsten Räumen bekommen muss.
Nähe entsteht nicht dadurch, dass dauerhaft nur eine Person die Distanz überbrückt und in Vorleistung tritt. 
Bin ich also diejenige, die beobachtet, fragt, versteht,erinnert, initiiert und emotional investiert, dann darf ich meine Investition der tatsächlich vorhandenen Beziehungstiefe anpassen, die beide Beteiligten mittragen.

Und vielleicht besteht emotionale Reife auch darin, seine eigene Verletzlichkeit sehr viel präziser in genau die Menschen zu investieren, die antworten können und wollen. 
Dort, wo zwei Menschen ein Echo im jeweils anderen hervorrufen.

Kati 11.08.2026, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

Meine Lieblingsgilde

Das wars dann wirklich. 

Die Bundeshordenspiele 2026 sind vorbei, die Punkte sind gezählt, die Siegerin gekürt – und bevor ich mich jetzt auslogge und für ein paar Tage verschwinde, möchte ich euch noch ein paar leise Worte da lassen, die eben im Discord vermutlich untergegangen wären. 

Allem voran möchte ich danke sagen. Danke, dass ihr euch immer wieder auf diesen ganzen Wahnsinn hier einlasst. 
Auf Aufgaben, Regeln, Joker, bekloppte Ideen, bei denen mehr als einmal die berechtigte Frage im Raum stand, was eigentlich mit mir nicht stimmt. 

Ich konnte mir all das ausdenken. Aber lebendig gemacht habt es ihr. 

Weil ihr mitgemacht habt. Weil ihr euch festgebissen, aufgeregt, geflucht, gelacht und gegenseitig geholfen habt. Weil aus irgendwelchen Aufgaben plötzlich Geschichten entstanden sind. Jochen wäre nur ein Großmeerrochen gewesen. Margoss irgendein vergessener NPC auf einer Insel. Archäologie einfach nur ein ziemlich staubiger Nebenberuf. Und Person C vermutlich längst vergessen. 

Jetzt sind das Erinnerungen. Und ich glaube, genau dafür bin ich am dankbarsten. 
Für die gemeinsame Zeit. 
Für all die Abende im Discord. 
Für das Durcheinander. 
Für die völlig unerwarteten Situationen, die ich niemals hätte planen können. 
Für die Momente, in denen ihr mich zum Lachen gebracht habt. 
Und auch dafür, dass ihr mir vertraut und euch immer wieder auf Dinge eingelassen habt, ohne zu wissen, was ich als Nächstes mit euch vorhabe. 

Ich weiß, dass ich nicht immer so fair sein kann, wie es einem echten Wettbewerb entspricht und wie manche sich das vielleicht wünschen würden. Aber dafür sind wir alle zu unterschiedlich. Haben zu unterschiedliche Fähigkeiten, Mechanismen, Zeitfenster, Kapazitäten, Lebensumstände, Begabungen und Anlagen. Ich weiß aber recht gut, wen man hochpeitschen kann, wer den Nervenkitzel einer schwierigen Aufgabe zu schätzen weiß, wer über sich hinauswachsen will und wer genau dafür nicht hier ist. 
Und das bedeutet auch, dass da unterschiedliche Maßstäbe angelegt werden und in meinen Augen auch angelegt werden müssen. Ist das fair? Wahrscheinlich nicht. Aber ich bemühe mich, dass es stattdessen gerecht bleibt. 

Ich habe in den letzten Monaten unglaublich viel Zeit in diese Spiele gesteckt. Und wenn ich jetzt zurückblicke, dann möchte ich nicht einfach nur „Danke sagen, weil das nicht mal im Ansatz dem gerecht werden kann, was ich empfinde. 
Ich wollte euch also etwas dalassen, das bleibt. In den letzten Monaten sind ein paar Lieder entstanden. Über euch. Und ich glaube, mir ist erst beim Schreiben wirklich bewusst geworden, wie persönlich das eigentlich ist. 
In jedem Wort steckt, wie ich euch sehe. Was ich mit euch verbinde. Welche Seiten an euch mir auffallen, worüber ich bei euch lachen muss und was ich an euch besonders finde. 
Natürlich ist das nur mein Blick. 
Keines dieser Lieder kann einen ganzen Menschen erzählen. 
Und vielleicht erkennt ihr euch an manchen Stellen sofort wieder und denkt an anderen: ‘So sieht die mich?‘ Das ist okay. 

Ich möchte nur, dass ihr im Zweifelsfall immer daran denkt, dass diese Lieder für mich eine Liebeserklärung an jeden Einzelnen von euch sind, an all eure Macken und Eigenarten und Besonderheiten. 

Also: Danke für eure Zeit.  
Danke für die Erinnerungen.

Kati 09.08.2026, 21.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: nebenan in Azeroth

Vergessen

Ich habe es vergessen. Ich habe Mitte Juli nicht daran gedacht, wie es war, als vor vier Jahren die Kripo nachts vor dem Tor stand und ich habe vor einigen Tagen den Geburtstag vergessen. Das Datum hab ich wohl gesehen, allein es war nicht wichtig. Ich werte das als gutes Zeichen. Alles heilt.

Kati 07.08.2026, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Neun Jahre

Es ist nun schon neun Jahre her, dass du hier deinen letzten Atemzug getan hast. 
Ich vermisse dich. 

Manchmal möchte ich dich noch anrufen und mit dir tratschen, dir alle Neuigkeiten von den Kindern erzählen und mir anhören, was du dazu zu sagen hast. Ich bin nun selber Oma, Oma und ich hoffe, ich kann diese Rolle auch nur mit annähernd so viel Liebe und Bravour ausfüllen wie du.

Kati 04.08.2026, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Vanilla

Das hätte ich dir gar nicht zugetraut, war so ein Satz in letzter Zeit, der mich nachdenklich gestimmt hat. Er fiel in einem für mich völlig unspektakulären Zusammenhang und hat mir mal wieder vor Augen geführt, wie vorurteilsbehaftet Menschen, die keine Ahnung von meinem Sexualleben haben, darüber urteilen. 
Es ist eine bemerkenswert selbstverständliche Zuschreibung: Menschen, die gerade mal zehn, fünfzehn Jahre älter sind, werden von Jüngeren als sexuell konventioneller wahrgenommen –mit einer Erlebniswelt ohne ausgeprägte Kinks, Fetische oder BDSM-Elemente, Vanilla eben.
Bemerkenswert daran ist vor allem, wie wenig tatsächliches Wissen diesem Urteil zugrunde liegt. Über das Sexualleben der betreffenden Menschen ist gewöhnlich nichts bekannt. Die vermeintliche Erkenntnis entsteht also nicht aus Beobachtung, sondern aus einer psychologischen Verwechslung von Sichtbarkeit und Wirklichkeit.

Unser Gehirn arbeitet mit dem Material, das ihm zur Verfügung steht. Was häufig benannt, erzählt und dargestellt wird, erscheint uns verbreitet; was sprachlich unsichtbar bleibt, wird unterschätzt. Damit wird aus hört man nicht unmerklich ein findet vermutlich nicht statt. Gerade bei Sexualität ist dieser Schluss besonders unzuverlässig, weil sie sich weitgehend der Beobachtung entzieht.

Dabei hat sich innerhalb relativ kurzer Zeit weniger die sexuelle Praxis verändert als die Sprache, mit der sie beschrieben wird. Die heutige Sexualkultur verfügt über ein hochdifferenziertes Vokabular für Vorlieben, Rollen, Dynamiken und Praktiken. 

Diese Begriffe erfüllen ohne Frage wichtige Funktionen: Sie ermöglichen Verständigung, erleichtern Kommunikation und schaffen Zugehörigkeit. Gleichzeitig verändern sie aber unsere Wahrnehmung. Was einen Namen besitzt, wird kognitiv greifbar. Und wer diesen Namen verwendet, erscheint mit der dazugehörigen Erfahrung vertraut. Genau daraus entsteht der Fehlschluss: Wir verwechseln die Fähigkeit, eine Erfahrung zu kategorisieren, mit der Fähigkeit, sie zu machen.

Menschen, deren sexuelle Sozialisation nur ein oder zwei Jahrzehnte früher stattfand, haben ihre Sexualität oft unter anderen kommunikativen Bedingungen entwickelt. Sie konnten mit Macht, Hingabe, Kontrolle, Fesselung, Fantasie oder Grenzerfahrungen experimentieren, ohne dafür jemals ein festes Vokabular zu benötigen. Eine Praxis musste keine Kategorie sein und eine Vorliebe nicht gleich Identität werden. 
Sie konnte schlicht etwas sein, das zwei Menschen miteinander entdeckten und mochten. Wer heute für dieselbe Erfahrung einen präzisen Begriff kennt, besitzt deshalb nicht zwangsläufig mehr sexuelle Erfahrung – sondern zunächst einmal nur mehr begriffliche Ordnung.

Zusätzlich überschätzen Menschen, wie selbstverständlich die eigenen Denk- und Ausdrucksformen auch für andere sein müssten. Wer gelernt hat, Sexualität über Labels zu strukturieren, nimmt diese Struktur leicht als Normalität wahr. Verwendet ein anderer Mensch die entsprechenden Begriffe nicht, erscheint ihm deshalb nicht nur dessen Sprache fremd, sondern dessen Erfahrungswelt vermeintlich kleiner. Aus sie kennt den Begriff nicht wird unbewusst sie kennt die Praktik nicht. Ich frage oft und gerne nach Bedeutung von Begriffen und bin mitunter erstaunt, dass sie für etwas existieren, das ich seit Jahrzehnten im Alltag praktiziere, ohne jemals einen Grund gesehen zu haben, sie außerhalb meiner Beziehung benennen zu müssen. Ich besitze für einen Großteil meines Sexuallebens keine öffentlich lesbare sexuelle Sprache, wozu auch?

Erfahrung muss sich nicht in Begriffen organisieren. Manchmal ist gerade das Gegenteil der Fall: Was längst selbstverständlich geworden ist, muss nicht mehr benannt werden. Die Zuschreibung Vanilla sagt deshalb häufig erstaunlich wenig über die Sexualität der bezeichneten Menschen aus. 

Sie beschreibt vielmehr die Wahrnehmungsschwäche eines unreflektieren Beobachters, fehlende Informationenen nicht konsequent als Nichtwissen zu behandeln, sondern Wissenslücken mit dem zu füllen, was plausibel erscheint.

Kati 03.08.2026, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

Angst vs. Leidenschaft

Viele ängstlich-vermeidend gebundene Menschen haben gelernt, dass Autonomie vor allem Schutz bedeutet. Wenn Bedürfnisse von Kindern nicht zuverlässig beantwortet werden, emotionale Abhängikeit zu Scham, Gefahr und Enttäuschung wird, dann entsteht daraus fast zwangsläufig eine innere Strategie, möglichst wenig zu brauchen, wenig zu erwarten, die eigenen Gefühle zu kontrollieren, Konflikte zu begrenzen und Emotionalität schnell auf eine akademische Ebene zu verlagern. Beziehung funktioniert dann am besten, wenn sie emotional überschaubar bleibt. 

Ein leidenschaftlicher Partner bringt dieses System schnell an seine Grenzen. Leidenschaft bittet nicht, sie will. Sie will nicht nur Nähe, sie erwartet Beteiligung. Sie formuliert Erwartung: Sei ansprechbar. Zeig dich. Reagier auf mich. Übernimm Verantwortung für das, was zwischen uns geschieht. Und diese Erwartung mündet nicht selten in Besitzanspruch, etwas, das ein sicher gebundenes Nervensystem durchaus genießen kann, für ein vermeidendes Bindunssystem jedoch schnell zur Dauerprüfsituation wird. 
Wenn Forderung zu Überforderung wird, versinkt jedes Gespräch in einem Sumpf aus Angst, Rechtfertigung, Erklärung und dem Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Besonders auf Scham reagiert das Nervensystem mit Deaktivierung. Gefühle werden relativiert, Bedürfnisse des Partner als überzogen gebrandmarkt, Konflikte werden vertagt, Verantwortung ausgelagert und aus Emotion wird Sachverhalt. Wer keinen oder nur wenig Zugang zu den eigenen emotionalen Prozessen besitzt, versucht Beziehung kognitiv zu lösen. Damit vermeidet man auch, sich mit der eigentlichen Botschaft des Partners beschäftigen zu müssen.

Für den leidenschaftlichen Partner ist das auf Dauer schwer auszuhalten. Je weniger Resonanz er erhält, desto deutlicher formuliert er seine Bedürfnisse. Er erklärt genauer, fordert verbindlicher, versucht mit mehr Intensität zum Partner durchzudringen. Damit eskaliert es vollends. Was für Leidenschaft notwendige Beziehungsklärung ist, erhöht für Angst genau jene innere Überforderung, die deren Rückzug verursacht. Und dieser Rückzug sorgt auf der anderen Seite dafür, dass noch deutlicher gesprochen werden muss. Es ist ein endloser Strudel in den Abgrund.

Besonders problematisch wird es dort, wo geschlussfolgert wird, der leidenschaftliche Partner müsste lediglich anspruchsloser, geduldiger, weniger leidenschaftlich, weniger fordernd werden. Zu verführerisch erscheint es, das Laute leiser machen zu wollen, nur weil es hörbarer ist.

Denn im Grunde stellt Vermeidung die egoistischeren Bedinungen an eine Beziehung: Wenig Konfrontation, keinen Erwartungsdruck, hohe Toleranz für Distanz, hohe Fähigkeit zu Reflexion und Selbstregulation in Notsituationen, wenn man von einem emotional nicht verfügbaren Partner im Stich gelassen wird.
Vermeidung erscheint auf den ersten Blick nur deshalb weniger fordernd, weil ihre Forderung vor allem im Unterlassen besteht.

Kati 02.08.2026, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

Vor 21 Jahren

...habe ich meine Sachen in mein Auto geworfen, habe alle Bücher, meine Tochter und meinen Hund gepackt und bin zu dir gefahren. 

Es war erst wenige Tage her, dass wir telefoniert hatten, wie immer nachts, unterm Sternenhimmel. Ich lag verwundet und traurig draußen im Garten auf der Liege und hielt mir das Telefon ganz dicht ans Ohr, um deine Stimme zu hören. Du wusstest nicht, dass der Mann, von dem ich schon seit Monaten getrennt war, mich an diesem Tag morgens ein letztes Mal vergewaltigt hatte. Ich wollte es dir nicht erzählen, weil ich solche Angst hatte, dass du Mitleid haben würdest. Und ich wollte dein Mitleid nicht. Ich wollte immer nur deine Liebe. Also habe ich es dir nicht erzählt. Erst Jahre später.

Bei diesem Telefonat ging es um uns beide. Wie sehr du mich vermisst. Wann wir uns wiedersehen. Wie einfach es sein könnte. Und dann, irgendwann nach Mitternacht, hast du gesagt: ‘Ich liebe dich. Kommt doch einfach zu mir. Für immer.‘

Es gibt in meinem Leben nichts, wobei ich weniger gezögert habe.

Kati 31.07.2026, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: wir halt

Potential als Illusion

Never date potential heißt es, aber ich bin der Überzeugung, dass es fast unmöglich ist, in der Phase des Kennenlernens und Werbens den echten Charakter eines Menschen zu sehen, wenn man sich nicht schon vorher kannte oder freundschaftlich verbunden war. 
In der Zeit des umeinander Werbens investieren Menschen unfassbar viel Energie, Fokus, Zeit, Aufmerksamkeit und allem voraus: Selbstkontrolle. Man sieht in einem Menschen nie wieder so deutlich sein Potential wie in der Zeit, in der er wirbt. Wir sehen ihre besten Seiten und nichts davon ist falsch, denn die Anlagen sind ja da. Sie setzen sich bewusst mit den Bedürfnissen ihres Gegenübers auseinander und sind bereit, eingefahrene Wege zu verlassen, um echte Verbindung herzustellen. 

In dieser Phase decken wir erfahrungsgemäß auch alle Varianten von Liebessprache ab, selbst die, die wir im Alltag dann stark vernachlässigen. 
Psychologisch gesehen handelt es sich um einen Zustand erhöhter Motivation, ohne dass dieses Verhalten bereits dauerhafter Bestandteil von Persönlichkeit geworden ist. 
Wir lassen uns nur allzu gerne davon blenden. 
Sobald Beziehung ihren Ausnahmezustand verlassen hat und Normalität Einzug hält, übernehmen Routinen, Stress, alte Mechanismen und unreflektierte Verhaltensweisen wieder die Führung. Das Potential, das bis dahin sichtbar war, ist noch vorhanden, aber es erfährt keine Entsprechung im Alltag. 

Meistens ist es dann schon zu spät: Man ist verliebt und man hat ja am eigenen Leib erfahren, zu was dieser Partner in der Lage ist oder sein könnte, also verliebt man sich ein zweites Mal - in die Illusion, es würde sich etwas ändern. Man vergisst zu leicht, dass Menschen sich selten ändern wollen. 

Und so ist Enttäuschung unvermeidbar. 
Man misst seinen Partner an dem Standard, den er selber gesetzt hat, weil wir glauben, dass er dauerhaft so sein könnte. Potential ist aber nur eine Möglichkeit, keine Eigenschaft. Wer aufgrund der Werbungsphase unbewusst die Fähigkeiten, die Intelligenz, die emotionale Reife, die der Partner im hormonellen Ausnahmezustand gezeigt hat, als bereits vorhandene Charaktereigenschaft im Alltag voraussetzt, verstrickt sich schnell in Erwartungen, die der Andere gar nicht erfüllen kann, weil er noch kein Werkzeug besitzt, diese Möglichkeiten in sein tatsächliches Verhalten zu integrieren. 
Das führt gezwungenermaßen zu Enttäuschung, Überforderung und Konflikten. Der Partner fühlt sich durchgehend überfordert und missverstanden, weil von ihm etwas verlangt wird, wozu ihm noch die Selbstreflexion, emotionale Regulation oder grundlegende Bereitschaft zu Veränderung fehlen. 

Menschen entwickeln sich nicht allein dadurch, dass jemand ihr Potential erkennt.
Erst wenn ein Mensch bereit ist, Verantwortung für Entwicklung übernehmen zu wollen, statt nur auf Druck von außen zu reagieren - wenn er willens ist, kontinuierlich an sich zu arbeiten und neue Verhaltensweisen zu verinnerlichen, wird aus der außergewöhnlichen Version seiner selbst stabile Realität. 

Die wenigsten von uns kommen dorthin.

Kati 26.07.2026, 18.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: so Tage eben

Überraschung

Manchmal wird man zu einem Zeitpunkt, an dem man längst glaubt, alles vorhersehen zu können, doch noch mal überrascht und eines Besseren belehrt. Ich ahne, wieviel Mut es gekostet haben muss, dieses Risiko einzugehen. Ich will die Angst zurückdrängen, die versucht, vorherzusagen, dass es bald als Schema wiederholt wird oder genutzt wird, um in einen Raum einzudringen, der gerade nicht offen ist. Das bin ich uns schuldig.

Kati 25.07.2026, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: wir halt

Integrität

Es gibt einen Punkt, an dem Worte an Wert verlieren.
Sprache an sich versagt nur selten, aber wenn sie kein Echo in Form von Glauben erzeugen kann, weil Worte zu oft an derselben Stelle gebrochen wurden, dann werden Versprechen zu sinnlosen Wiederholungen, Entschuldigungen zu Gepflogenheiten und Beteuerungen zu leeren Worthülsen.
Irgendwann hört das Gegenüber nicht mehr, was gesagt wird, sondern schaut nur noch darauf, was geschieht. 

Wenn Worte nicht mehr tragfähig sind, bleibt nur die Realität. 
Integrität lässt sich auch durch Eloquenz nicht an den Haaren herbeiziehen. 
Integrität ensteht ausschließlich dort, wo Wort und Handlung über einen langen Zeitraum deckungsgleich werden.

Es sind nicht die großen Gesten. Es ist das völlig unspektakuläre Einhalten der kleinen Dinge.
Verlässlichkeit dort, wo man sie nicht einfordern muss. 
Erinnern, ohne erinnert werden zu müssen. 
Grenzen sehen, spüren und respektieren, ohne dass der Andere sie Mal um Mal verteidigen muss. 

Am Ende von Worten bleibt nur Handlung.

Kati 23.07.2026, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

Mission to the Moon 1969

Buzz Aldrin und Neil Armstrong durften für ca. 2 Stunden und 15 Minuten auf der Mondoberfläche herumlaufen. Und genau so lang hatte man vom 16.07. bis zum 21.07. Zeit, den Antrag bei Swatch auszufüllen, um mit viel Glück eine Genehmigung auf das Kaufrecht für die Limited Edition der Mission to the Moon 1969 zu erhalten. 
Ich habe mich nachts mit viel Freude durch die 32 Fragen geklickt und einige davon haben mich neben mathematischen Berechnungen und reinen Wissensfragen durchaus nachdenklich gestimmt. 
Es ist keine Frage, wen ich mitnehmen würde, würde ich zum Mond fliegen dürfen. Meine Wahl wäre immer mein Mann. Egal, wie es zwischen uns steht, die Liebe und Faszination für Sterne, Raumfahrt und das Universum an sich hat uns ab der ersten Sekunde unseres Kennenlernens verbunden. Als die Frage kam, wo ich unabhängig von der Machbarkeit landen würde, kam für mich ebenfalls nur eine Antwort in Frage: 

Die Regenbogenbucht im Mare Imbrium. Wir würden beim Aussteigen die Erde in Richtung des Mondrandes sehen und beim Blick auf unseren Heimatplaneten vielleicht endlich verstehen, wie klein und unbedeutend das Gestern und das Morgen tatsächlich sind. 

Ich weiß nicht, ob ich unter den 1969 Personen sein werde, die ausgewählt werden, die Uhr kaufen zu dürfen, aber allein das Arbeiten durch den Antrag war ein Erlebnis für sich. 
Danke dafür.

Kati 21.07.2026, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: so Tage eben

Immunbedingte Keratitis

Nachdem vor einigen Wochen Henriette plötzlich Probleme mit dem linken Auge bekam, sind wir von unserer Tierärztin mit der vorläufigen Diagnose Hornhautverletzung in die Tierklinik überwiesen worden, wo eingehende Untersuchungen schließlich nach mehreren Terminen Klarheit brachten: Chronische Keratitis (Pannus), immunbedingte Entzündung der Hornhaut, bei der ihr eigenes Immunsystem dauerhaft Entzündungsherde in die Hornhaut bringt. Kein Hornhautgeschwür, aber bereits hochgradige Gefäßeinsprossung im oberen Drittel des linken Auges. 
Wir haben mit Antibiotika angefangen und cremen nun mehrfach täglich mit Ciclosporin und Pflegegel weiter, damit die falsch abgebogene Immunreaktion reguliert wird, auch wenn man davon ausgeht, dass eine echte Verbesserung wenn, dann erst in Monaten zu beobachten sein wird. Nicht heilbar, aber mit Glück kontrollierbar. 
Das sind nach ihrer jahrelangen Dauerbehandlungsgeschichte mit den Ohren nicht die Neuigkeiten, die ich mir für Henriette gewünscht habe.
Aber man kann es sich nicht aussuchen.  
Wir sind nun auch ausreichend damit beschäftigt, das dauerhafte Tragen einer Hundesonnenbrille zu etablieren, weil UV-Licht Gift für diese Art von Entzündung und Henriette nur so mittelbegeistert von der neuen Kopfbedeckung ist.

Kati 19.07.2026, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Bärengeschichten

Neugierde

Es macht einen existenziellen Unterschied, ob jemand uns erlebt oder verbraucht. 

Wer nur konsumiert wird, wird auf das reduziert, was er gibt: Zeit, Aufmerksamkeit, Fürsorge, Leistung, Regulation, Sicherheit, Unterhaltung. Es entsteht Nähe, ja, aber ohne, dass echtes Kennenlernen stattfindet. Ich merke das gerade wieder sehr zuverlässig in der Umgebung, die ich "Freundeskreis" nenne. Die Dinge, die mich bewegen, über die ich mich freue, die mich beschäftigen, sorgen nicht für Nachfragen sondern maximal für das obligatorische "Oh wie schön für dich." oder "Ach wie schade." Das echte Interesse an mir bleibt aus.

Mit der Zeit hinterlässt das nicht nur Spuren, sondern auch Narben. Man fühlt sich austauschbar, übersehen und einsam - selbst inmitten von Freundschaft, Beziehung oder Familie. 

Manchmal denke ich, ich werde nicht gesehen, ich werde nur betrachtet. Und hinterfrage meinen Anteil daran. Menschen, die denken, sie wüssten etwas über mich, weil sie meinen Social Media Kanälen folgen. Die völlig irrelevante Informationen über Insta, Twitter, TikTok ziehen und sich mir dann nahe fühlen, weil sie einen Einblick in mein "Leben" haben. Ich bin generell ein offener Mensch, aber ich teile nur, was mich nicht anfasst. Um mich also wirklich sehen zu können, muss man in Beziehung zu mir treten, statt mich nur als RealityFormat zu betrachten, das man konsumieren kann. Es gibt Gründe, warum ich den großen Account gestoppt habe. Menschen, die mir wirklich etwas bedeuten, verwechselten die Projektionsfläche Jadekompendium mit Kati. 
Um mich zu sehen, braucht es Neugierde. Interesse. Nachfragen und vor allem die Fähigkeit, zuhören und entdecken zu wollen, was hinter dem Offensichtlichen liegt. 

Neugierde ohne Sensationslust ist eine hohe Form von Wertschätzung.
Sie sagt: Ich habe mehr Interesse an dir als nur an dem, was du für mich tust.

Und genau dort beginnt Verbindung.

Kati 18.07.2026, 18.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Leute gibts

Sommerferien

Endlich Sommerferien. Es war bis zuletzt tatsächlich eine Überraschung, ob das kleine Kind versetzt wird. Nach Elterngesprächen mit Lehrern war klar, dass der Ausgang des Schuljahres nun in seinen Händen liegt und seine unvergleichliche Art, mit diesen Dingen umzugehen und so vage wie nur irgend möglich zu bleiben, ließ mich in den letzten Wochen daran zweifeln, ob er es geschafft hat, das durchzuziehen, was er sich vorgenommen hatte. Die eher nachlässige Art, Noten vorzuzeigen bzw. die in seinem Alter kaum noch vorliegende Notwendigkeit seitens der Lehrer, Arbeiten unterschreiben zu lassen, ließ mich im Dunkeln tappen, auch wenn ich mal ab und an ein "Ich hab da eine Eins." oder "Ach, da hab ich eine Fünf, aber das ist unwichtig." zugeworfen bekam.

Prinzipiell müssen unsere Kinder selber wissen, wie sie mit dem Format Schule umgehen. Es ist nicht mein Weg. Es ist ihrer und er ist eine aktive Entscheidung. Ich lobe nicht für Einsen, ich tadle nicht für Sechsen. Ich habe meine Abschlüsse, ich habe meine Zeit abgesessen und Verständnis für jede nur denkbare Variation, einen eigenen Lebensweg gestalten zu wollen. Aber auch bei diesem Kind erleben zu müssen, dass es sich bequem durchlaviert nur um dann auf Abruf, wenn es auf der Kippe steht, eben ohne Mühe, Lernen oder Aufwand ein paar Einser zu schreiben, damit es weitergeht, ist aus Elternsicht stressig. Bis in letzte Konsequenz habe ich es wohl doch nicht losgelassen, wenngleich ich diese Dinge sehr viel gelassener begleite als beim ersten Kind.

Aber nun haben wir es schwarz auf weiß: Der Butz ist offiziell in Klasse 10 angekommen und jetzt packen wir auch gedanklich sechseinhalb Wochen alles weg, was nur irgendwie mit Schule zu tun hat.

Kati 17.07.2026, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Vier gewinnt!

Warten

Ich bin hier.

Kati 01.07.2026, 01.43| PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

All in

Kati 28.06.2026, 18.00| PL | einsortiert in: wir halt

22.06.2026

Wenn man nach einem Haarschnitt in den Spiegel sieht und der erste Gedanke ist ein überglückliches Oh Gott, das bin ja endlich wieder ich!, dann hat man definitiv die richtige Entscheidung getroffen. 

Die letzten vier Jahre waren in mehr als nur einer Hinsicht unerträglich. Und irgendwo in all dem Wust aus wirren Gedanken zu Attraktivität und dem würdevollen Altern, der Frage, was noch angemessen und was schon vermessen zu erwarten ist und was es mit mir macht, als Großmutter noch weiter in der Versenkung der Unbedeutsamkeit zu verschwinden, habe ich die Haare wachsen lassen. Wäre doch schön, nicht mehr so aufzufallen, wäre doch an der Zeit, mal wieder lange Haare zu tragen, wäre doch irgendwie würdevoller, mit schwarzgrauen langen Locken den Oma-Look zu kultivieren statt irgendwann vielleicht damit konfrontiert zu werden, nicht altern zu wollen, nicht so, wie Gesellschaft und Patriarchat es vorgeben. 

Die Haare sind bei mir immer Symbol des Seins und Werdens, der sichtbare Teil dessen, was mich innerlich umtreibt und so wundert es nicht, dass ich nur wenige dauerhafte Perioden meines Lebens über einfach nur lange Haare hatte. Und mit jeder Strähne, die fiel, wurde meine Seele leichter. Da bin ich noch, beim Blick in den Spiegel. 

Auch wenn mich sonst keiner sieht, ich habe mich selbst wiedergefunden.

Kati 22.06.2026, 14.34| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Ist doch schön hier?

Bias

Erstaunlich, dass ein Mensch versucht, mich körperlich einzuschüchtern, wenn ich dasselbe Verhalten zeige wie er und diese Person andersherum völlig unbeirrt damit weiter macht. Aber wahrscheinlich missverstehe ich wieder die Intention.

Kati 17.06.2026, 16.23| PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

Verstummt

Und wieder wird unterstellt. Wieder missverstanden. Der eigene Anteil geleugnet. Wieder angegriffen. Wieder das eigene Narrativ wiederholt, der eigene Mechanismus ausgelebt, als wäre alles, was ich je gesagt habe, irrelevant. Und wenn all meine Worte nur gehört aber nie verstanden wurden, was bleibt dann noch? 
Nur noch Stille.

Kati 17.06.2026, 12.02| PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

Pause

Wenn jemand das Ausdrücken meiner Verletztheit, meinen verbalisierten Schmerz und meine Intensität als "Gemecker" bezeichnet, dann sind bei mir relativ schnell die Schotten dicht. Und wenn jemand eine Pause davon braucht (wovon? Von der Unverschämtheit, dass ich meine Bedürfnisse kommuniziere, dass ich konstant benenne, wenn ich mich nicht sicher, nicht gesehen und nicht verbunden fühle und meinen Schmerz alleine trage?), dann bekommt er eine dauerhafte Pause von mir. 
Ich bin als Kati light nicht mehr verfügbar.

Kati 16.06.2026, 10.40| PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

Unmenschlichkeit

Wie erschöpft muss ich sein, wenn aus einem Menschen wie mir nur noch solche Reaktionen kommen?
Es ist an der Zeit, dies hier zu beenden.

Kati 30.05.2026, 09.11| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

Pfingstsonntag

Mich selten so einsam gefühlt wie heute.

Kati 24.05.2026, 23.00| PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

Integrität

In Familien, in denen sexueller Missbrauch, Gewalt, Vernachlässigung, Folter und Misshandlungen vertuscht werden müssen, ist das Infragestellen der Wahrheit des Kindes ein elementarer Teil zum Schutz des Systems. 

Kinder, die benennen, was ihnen geschieht, gefährden das familiäre Gleichgewicht. Der sicherste Weg, dieses Gleichgewicht zu schützen, ist aktives Infragestellen der Wahrheit: "Du lügst." "Nichts kann man dir glauben." "Fantasierst du wieder?" oder "Ah, da ist wieder unsere Dramaqueen.". 
Das Ziel ist immer eindeutig: Das Auslöschen der Glaubwürdigkeit des Kindes. 

Als ich mich endlich dem Vertrauenslehrer der Schule anvertrauen konnte, wurde hinter meinem Rücken eine wahre Lawine losgetreten. Und meine Eltern, gut angezogen, Repräsentation in Perfektion, reich, gebildet, einflussreich, hatten den Auftritt ihres Lebens. Denn man wisse ja schon lange, wie sehr ich mich in meine Fantasien flüchten würde. Persönlichkeitsstörung. Pathologische Lügnerin. Dramatik. Es sei ihnen sehr unangenehm, dass ich jetzt auch die Schule damit belästigen würde. Zeit verschwenden würde. 

Sie haben sich für mich entschuldigt. Nachsichtig lächelnd. 

Für ein Kind ist das existenziell. Ein Kind kann seine Eltern nicht einfach als ungerecht oder manipulativ einordnen, schon gar nicht, wenn es in einem solchen System geprägt wurde. Kinder sind emotional von ihren Eltern abhängig. Also beginnt etwas zutiefst Selbstzerstörerisches: Das Kind zweifelt an sich selbst. An seiner Wahrnehmung. An seiner Sprache. An dem, was Richtig und was Falsch ist. An seinem Recht, die Wahrheit auszusprechen. 

Einige Betroffene entwickeln aus dieser Erfahrung im Laufe ihrer Traumaarbeit eine fast kompromisslose Form von Integrität. 
Sie werden zu Menschen, die keine leichtfertigen Versprechen geben. Niemals. Die in engen Beziehungen lieber schweigen, als etwas Unwahres zu sagen. Die so schonungslos transparent und ehrlich sind, wie ein Mensch es nur sein kann. Die extrem verbindlich sind und zu all ihren Entscheidungen stehen, ohne Murren alle Konsequenzen tragen.
Weil ihr Wort nicht Kommunikation ist, sondern Identität. 
Ehrlichkeit in dieser Form beinhaltet den verzweifelten Wunsch, in ihrer Makellosigkeit endlich zu verhindern, dass einem die Realität erneut abgesprochen werden kann. 

Ich sammle bis heute Screenshots, Nachrichten, Daten, Briefe, Karten, Videos, Anmerkungen als Beweise. Archiviere innerlich Gespräche, führe Protokolle, Tagebücher. Hebe jeden Schnippsel menschlicher Kommunikation auf, um lückenlos alles nachweisen zu können.

Wer einem Menschen - insbesondere in der Kommunikation tiefer Gefühle - abspricht, glaubwürdig zu sein, greift dessen Fundament an. 
Für Menschen aber, die ihr Leben lang systematisch emotional entwertet wurden und die prägenden Jahre ihres Lebens täglich darum kämpfen mussten, überhaupt als wahrnehmende und ernstzunehmende Individuen existieren zu dürfen, greifen solche Sätze zusätzlich tief in alte Wunden.

Und irgendwann entscheidet man sich, dass man sich in seinem Leben nicht mehr mit Menschen umgibt, die versuchen, die eigene Wahrnehmung anzugreifen.

Kati 19.05.2026, 08.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

Hello, my name is Doris

Der Film Hello, my name is Doris (2015) erzählt die unerwiderte Liebesgeschichte einer älteren Frau, die sich in einen Arbeitskollegen verliebt. Der Film braucht nicht lange, um auf den Punkt eines etablierten Tabus zu kommen: Die Sexualität älterer Frauen, insbesondere dann, wenn sie so vermessen ist, sich auf einen deutlich jüngeren Mann zu fokussieren. Und noch einen Schritt weiter zu gehen: Nicht nur selber begehrt sein zu wollen, sondern aktiv begehrend durch die Welt zu gehen. 

Männliche Sexualität im Alter gilt als selbstverständlich. Der ältere und erfahrene Mann mit junger Partnerin wird in Filmen, Werbung und auch im Alltag normalisiert.

Unsere Gesellschaft erlaubt Frauen hingegen nur für einen sehr begrenzten Zeitraum, sichtbar sexuell begehrenswert zu sein. Weibliche Attraktivität war immer schon an Jugend gekoppelt, das sexuelle Interesse von Männern an jungen Frauen überschreitet hierbei nur allzuoft die Grenze zur Parthenophilie - die beliebteste Pornokategorie heterosexueller Männer sind Teenager.

Mit zunehmendem Alter wird erwartet, dass eine Frau verständnisvoll, mütterlich, weise und selbstlos wird - aber um Himmels willen nicht mehr erotisch. Der Film kratzt an der dünnen Linie, Doris weder als groteske Peinlichkeit noch als moralische Warninstanz darzustellen - der Zuschauer selbst muss sich die unangenehme Frage stellen, warum der Film trotzdem ein gewisses Unbehagen in manchen Szenen hervorruft, konfrontiert er uns doch sehr wohl mit der Verinnerlichung des Grundsatzes, dass ältere Menschen zwar Nähe brauchen, aber insbesondere weibliches Begehren mit Falten und grauen Haaren eher Mitleid denn Mitgefühl hervorruft. Und hier muss man das Erlernte hinterfragen, wenngleich eigentlich jedem klar sein sollte, dass Menschen nicht aufhören, sich nach Berührung, Aufregung, Abenteuer, Sexualität und Bestätigung zu sehnen, nur weil ihre Körper altern. 

Doris Sehnsucht prallt nicht nur auf gesellschaftliche Grenzen sondern spielt auch mit der Angst vor dem Alter selbst. Wer bin ich, wenn ich alt werde? Was gibt meinem Leben Sinn? Was erfüllt mich? Besonders gelungen wirkt es, dass der Film nicht in die Falle tappt, Doris als aktive Kümmerin zu brandmarken, die ihren Sinn darin findet, sich um die nächsten Generationen zu kümmen und sich selbst hintenanstellt. Sie kommt aus einer Lebenssituation, in der sie sich bis zu deren Tod um ihre Mutter gekümmert hat, aber wir sehen sie zu dem Zeitpunkt, an dem sie niemandem mehr verpflichtet ist. Doris hat keine von außen zugeschriebene Aufgabe als Mutter oder Großmutter, sie ist Mensch und Frau. Und eine ältere begehrende Frau konfrontiert uns damit, dass Sexualität und Identität nicht einfach irgendwann sauber in der beliebten "Frau, alt, unsichtbar"-Schublade verschwinden. 

Das irritiert eine Kultur, die Frauen nur in zwei Zustände kategorisiert: Jung und begehrenswert vs. Alt und emotional zuständig für andere.

Der Film spielt durch die Fantasiesequenzen, bei denen man sich nicht sicher sein kann, ob sie nun im Kopf von Doris stattfinden oder tatsächlich passieren, mit den Wertvorstellungen des Zuschauers. Man ist hin und hergerissen, ob ER sie nun tatsächlich attraktiv findet (und unsere Erziehung fragt als leise Stimme im Hinterkopf: Darf er das? Kann das wirklich sein?) oder ob wir Doris` Wunschdenken sehen. Es ist unangenehm, während dieser Momente mit den eigenen Vorurteilen konfrontiert zu werden. Die Vorstellung, ein junger Mann könnte eine um ein Vielfaches ältere Frau ernsthaft attraktiv finden, widerspricht allem, was wir verinnerlicht haben. 

Sally Field spielt Doris mit einer hingebungsvollen Zärtlichkeit für die Sehnsucht und das Leben an sich und wirkt zu keinem Zeitpunkt lächerlich oder provokant. Im Gegenteil. An den Stellen, an denen es nur zu leicht gewesen wäre, Doris in eine peinliche Karikatur einer verzweifelten alten Frau zu verwandeln, überzeugt sie mit der warmen Darstellung einer traurigen, liebevollen und etwas unbeholfenen Frau, die sich erlaubt, sexuelle Bedürfnisse, Fantasien und Hoffnung auf echte Begegnung zu fühlen. 

Der Film erinnert daran, dass Sehnsucht keine Altersgrenze kennt. 
Dass Intimität, alberne Verliebtheit, sexuelles Interesse und Begehren keine Priviliegien der Jugend sind. 
Vielleicht liegt darin die unausgesprochene Zumutung: Älteren Frauen muss dieselbe emotionale und erotische Komplexität zugestanden werden, wie sie Männern ganz selbstverständlich eingeräumt wird.

Die beiden sich wiederholenden Endszenen, die es der Fantasie des Zuschauers überlassen, ob das Filmende Abschied ist oder Anfang wird, zeigen uns durch das, was wir für wahrscheinlich oder unmöglich halten, deutlich unsere eigene Prägung.

Kati 08.05.2026, 10.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Abspann. Nachwort.

Zerrissen

Wo ich in den vergangenen Jahren schon sehr damit gehadert habe, dass es 4 Stunden Fahrt sind, die mich und die große Tochter voneinander trennen, habe ich im vergangenen Jahr seit ihrer schwierigen Schwangerschaft gelernt, diesen Umstand zu hassen. Zu einem erwachsenen gesunden Menschen eine Beziehung zu halten, ist auf diese Art ohne Probleme möglich, sich in Krankheit oder bei Schwangerschaftskomplikationen zu kümmernd und dann zu einem neu geborenen Menschen eine Beziehung aufzubauen, eine organisatorische Katastrophe. Diese 4 Stunden Fahrt sind für mich extrem anstrengend. Ich hab mich dem gestellt und ich habe Möglichkeiten gefunden, die Strecke alleine zu schaffen, aber es kostet mich körperlich viel. 

Die Tochter und der Schwiegersohn haben ein Penthouse gekauft, das darauf ausgelegt ist, präsentabel zu wohnen, nicht, Gäste zu beherrbergen. Also schlafe ich auf einer Matratze auf dem Kinderzimmerboden und dusche in einem offen einsehbaren Badezimmer ohne Tür, laufe 9 lange Treppen hoch, um überhaupt zur Wohnung zu kommen (und bei Spaziergängen, Einkäufen etc. täglich mehrfach runter und wieder hoch) und in der Wohnung noch mal eine weitere. 
Ich fahre alle drei Wochen unter der Woche dorthin, weil ich möchte, dass sie die Wochenenden als Paar für sich haben und ich fahre maximal drei Tage, weil ich hier auch noch Familie, Haus und Hunde habe. Wenn ich wieder zuhause bin, bin ich aufgrund meiner immer noch spürbaren PostCovid-Auswirkungen für ein bis zwei Wochen krank außer Gefecht und muss deutliche Einbußen meiner Leistungsfähigkeit in Kauf nehmen. 
Das ist das Setting, in dem ich mich bewege, um eine stabile und tragfähige Bindung zu meinem Enkelkind aufzubauen und meiner Tochter in dieser Zeit regelmäßig zur Seite zu stehen. Ich weiß, sie bräuchte mich deutlich öfter bei sich, aber ich schaffe es schlicht nicht. Ich würde gerne, spüre aber meine Limitierung zu deutlich. 

Ich bin mir sicher, ich würde eine andere Lösung finden können, wenn ich hier nicht noch zurzeit intensiv begleitungsbedürftige Teenager zuhause hätte, aber so zerreißt es mich jedes Mal, wenn das eine Kind weinend anruft, es braucht mich bei sich und wenn ich dort bin, rufen mich drei andere Kinder an, die mich zuhause brauchen. Ich würde zumindest das Dunkle gerne öfter mitnehmen, aber die Schule und ihre Verpflichtungen machen das unmöglich. 

Also packe ich regelmäßig Pakete, schreibe Briefe, bin Tag und Nacht in Alarmbereitschaft und habe das Handy an mir kleben, falls etwas ist, hier oder dort. 
Aber es ist kein schöner Zustand, zusätzlich zu allen anderen Problemen, die wir hier im Moment haben. 

Kati 07.05.2026, 07.36| (4/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: eine Generation weiter

Was ist das eigene Seelenheil wert?

Mir ist klar, wie luxuriös diese Frage auf den ersten Blick anmutet - kommen doch ausschließlich Menschen ohne existenzielle Sorgen in den Genuss, sie sich selber stellen zu dürfen.
Das ändert aber nichts an ihrer Dringlichkeit. 
Letzten Endes ist das, was wir Seelenheil nennen, die Beschreibung unseres innersten Zustandes von Kohärenz. 

Ich habe erst vor einigen Jahren die Definition des Wortes "Gesundheit" erfahren. Als ich völlig außer Betrieb war und dachte, es würde reichen, einfach nur ein wenig an den Schmerzen herumzudoktern. Ich nahm Unmengen an Tabletten, um Symptome zu bekämpfen und Ursachen ignorieren zu dürfen. Kurz und knapp: Es hat nicht gut funktioniert. 
Und genau wie körperliche Gesundheit ist auch geistige Gesundheit nicht einfach nur die Abwesenheit von Krankheit, sondern ein aktiver und bejahender Zustand innerer Stimmigkeit.

Wenn wir fortwährend gegen unsere ureigenen inneren Bedürfnisse, Werte und Grenzen leben, entsteht Dissonanz und damit ein Spannungszustand zwischen dem, was wir fühlen und wer wir sind und dem, wie wir handeln. Das kostet Energie, die nie zurückkommt. Energie, die sich im Laufe von Jahren oder Jahrzehnten in Erschöpfung, Angst und Depression manifestiert. 

Menschen zahlen lange einen sehr hohen Preis dafür, sich zugehörig oder geliebt zu fühlen. Im Laufe der Evolution war soziale Bindung überlebenswichtig. Wir wählen immer zuerst das, was bekannt ist statt Unbekanntes, das uns vielleicht gut tun würde, aber uns potentiell in Gefahr bringen könnte. Schutz war immer wichtiger als Selbstverlust. 

Das eigene Seelenheil hat also einen Wert, aber auch einen individuellen Preis.
Wieviel es uns kostet, merken wir erst, wenn er dauerhaft unterschritten wird. 
Die ersten Signale ignorieren wir noch frohen Mutes. 
Ein komisches Bauchgefühl, eine kleine Verschiebung in der Wahrnehmung, leises Unbehagen, wir reden uns gerne und lange ein, dass wir uns Dinge einbilden, sie nicht so wichtig sind, Ausnahmen darstellen oder vielleicht etwas mit uns nicht stimmt... 

Und alles, was man im Leben ignoriert, kommt leider so oft noch deutlicher als Lektion zurück, bis wir sie verstehen. So auch hier. 
Irgendwann können wir die Augen nicht mehr vor dem verschließen, was uns seelisch krank gemacht hat und oft genug stehen wir dann vor der unangenehmen Entscheidung, etwas Vertrautes aufgeben zu müssen, um uns einen Rest von Würde zu erhalten. 

Anhaltende Selbstverleugnung ist Stress. 
Stress, den wir lange wegdrücken, bevor er in Form von Krankheit, Burnout oder Panikattacken so stark geworden ist, dass wir unserem Körper zuhören müssen, statt ihn weiter zu verleugnen. 

Vielleicht lautet die Frage dann also nicht: Was ist mein Seelenheil wert? sondern vielmehr: Was kostet es mich, es zu ignorieren?

Irgendwann erreichen wir einen Punkt, an dem der Preis des Ausharrens höher wird als der Preis der Veränderung. 

Kati 06.05.2026, 14.50| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

Erlernte Hilflosigkeit

Das neue Trauma meldet sich seit einigen Jahren verstärkt, wenn ich vor Problemen stehe. 
Aktuell skandiert es weinerlich laut Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll, ich weiß nicht, was genau ich tun soll, ich weiß nicht, was das Richtige ist...

Und diese Stimme ist so unfassbar nervtötend, wehleidig und gleichzeitig so überzeugend, dass ich versucht bin, einfach aufzugeben, ohne es überhaupt versucht zu haben. 
Ich besitze genug Reflexion, um zu wissen, dass diese Stimme nicht mir gehört. 
Das bin nicht ich, das bin ich nur geworden. 
Noch erschreckt sie mich. 
Noch denke ich: Huch, das hört sich eigentlich nicht nach mir an. Aber der Widerstand wurde über die Jahre schwächer. 

Ich vermute, dass man einem Menschen nur genug antun muss, dass auch der stärkste Wille irgendwann erlischt. Ich habe mich immer gefragt, wie ich meine Kindheit überlebt habe. Ich habe mit unzähligen Therapeuten und Psychiatern Theorien ausgearbeitet, warum und wie ich dieses Maß an Resilienz in einer Umgebung entwickeln konnte, die von Missbrauch, Gewalt und Folter geprägt war, aber letzten Endes ist Leben in all seinen Facetten eben einzigartig, genau wie die Wege, die wir einschlagen. 
Mein Geist hat mich auf die denkbar effektivste Weise gerettet: Er hat mich zersplittern lassen. Ich war nie ein Ganzes und werde es auch nie sein. 
Ich empfinde das inzwischen nicht mehr als Makel, sondern es ist der ultimative Beweis dafür, dass und wie ich überlebt habe.
Ich habe meinen Frieden mit all dem gemacht, ich habe mir nicht ausgesucht, in einem Haus voller Abgründe und ohne Liebe bei meinen Eltern aufwachsen zu müssen. 
Es ist, wie es ist.

Wenn ein Mensch wie ich jedoch irgendwann jemanden freiwillig wählt, ganz bewusst gegen jede Vernunft und Erfahrung entscheidet, dass da jemand ist, dem man vertraut, dann ist das für immer. 
In jeder Konsequenz, zu 100 Prozent, mit Leib und Seele. Ich bin jemand, der als Gefährtin absolut loyal, treu, zuverlässig und bis zum Erbrechen ehrlich ist. Und das muss ich sein. Wenn ich mich öffne, liegt alles von mir bis zum Grund meiner Seele in den Händen des Menschen, für den ich jederzeit alles geben würde. 

Ich habe das in meinem Leben einmal riskiert. 

Von jemandem verraten zu werden, den man selber gewählt hat, hat dann aber noch mal eine ganz andere Qualität.

Kati 05.05.2026, 13.34| PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

30.04.2026

Die Intensität der Schmerzen hat inzwischen ihr Maximum erreicht. Ich kann seit Monaten nichts mehr ohne starke Schmerzen tun, ich möchte mich einfach nur noch hinlegen und aufgeben. Ich muss zumindest für die Arthroseschmerzen dringend abnehmen. Gleichzeitig wate ich durch die wohl schwerste Depression meines Lebens und esse, um Trauer und Schmerz überhaupt zu überleben. Es ist ein Teufelskreis und es ist meiner. Hier zuhause bleibt einfach alles liegen, weil ich mich nur in Mikrofortschritten überhaupt bewege und die Tage voll sind mit Kinderbegleitung, Traumaarbeit und Weinen. Ich versuche das alles anzunehmen und auszuhalten, jeden Morgen wieder. Und über allem hängt die Frage, wieviel Sinn es überhaupt noch macht. Ich würde so gerne mal einen kleinen Moment davon abgeben. Mich anlehnen. Im Wissen, gesehen und gehalten zu werden. All das ist gerade so fern, wenn nicht gar unmöglich zu erreichen. Ich weiß das. Ich habs ja verstanden. Man hat es mir oft genug mitgeteilt.

Kati 30.04.2026, 11.04| PL | einsortiert in: Dieser Körper und ich

Begehren

Es gibt eine Form von Begehren, die sich auf den ersten Blick wie Intimität anfühlt, aber bei näherer Betrachtungsweise etwas ganz anderes ist.
Wenn eine Frau ausschließlich dann begehrt wird, wenn sie die Fantasien ihres Partner zu erfüllen in der Lage ist, wird sie vom Individuum zur pornografisch-emotionalen Projektionsfläche. Und Projektionsflächen haben keine eigenen Bedürfnisse - zumindest nicht in dem Raum, der Intimität ermöglichen sollte.

Echtes Begehren meint und sagt: 
"Ich sehe dich. Ich will dich. So wie du bist."
Intimität entsteht in der Hinwendung zum Gegenüber in seiner Gesamtheit.
Mit allen Ecken, mit Trauma, mit persönlicher Geschichte, mit all seiner Eigenwilligkeit. 

Fantasiegebunde Begierde ist das Gegenteil:
"Ich sehe, wie du meinen Bedürfnissen dienen kannst."

Was das in Beziehungen auslöst, ist ein Gefühl von Selbstobjektifizierung. 
Der Körper ist kein Ort von Empfindung und Hingabe mehr, sondern wird zum Instrument, das funktionieren und dienen muss, um durch die Erfüllung der Bedürfnisse des Gegenübers zumindest ein Mindestmaß an Nähe herstellen zu können. 
Wenn der Wunsch nach Verbindung übermächtig wird und man weiß, dass echte Begegnung unmöglich ist, dann nimmt man die Form von Nähe, die erfordert, dass man sich anpasst. 
Muss man seine eigenen existenziellen Grundbedürfnisse nach menschlicher Nähe über Jahre oder Jahrzehnte hintenanstellen, entsteht eine stumme Leere dort, wo Fülle vorherrschen sollte. 

Echte Intimität braucht das verbindliche Gefühl, gemeint zu sein. Nur hieraus entsteht die Sicherheit, die Sexualität benötigt, um in Intimität verwandelt zu werden. 
Wenn Begehren an Bedingungen geknüpft ist oder wird, bricht nicht nur diese Sicherheit weg, sondern über Zeit auch ein Stück Identität. 

Sexualität ist der intimste Raum, in dem wir uns zeigen, wie wir wirklich sind. 
Wird dieser Raum zur Bühne seiner Fantasie, in der sie nurmehr eine von ihm benötigte und festgelegte Rolle spielt, bleibt sie selbst der Zuschauer.

Kati 28.04.2026, 09.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

24.04.2026

Es ist hart, all das loszulassen, wovon ich mein Leben lang geträumt habe.
Nun loszulassen, nach all der investierten Lebenszeit und Energie, nach den viel zu lange festgehaltenen Hoffnungen und dem Irrglauben, ich müsse nur genug Geduld, genug Liebe, weniger Bedürfnisse, weniger Ansprüche, genug Nachsicht haben, noch einen Fehler mehr verzeihen, noch eine Lüge mehr ertragen, noch einen weiteren Verrat verarbeiten, noch eine weitere zweite, hundertste, letzte Chance geben, war meine eigene Entscheidung. Ich kann all den Schmerz nicht mehr ertragen, ich kann einfach nicht mehr.

Aber all das, was mir im Namen von "wollte ich nicht", "wusste ich nicht" und "konnte ich nicht" angetan wurde und dazu geführt hat, nun schlussendlich so allumfassend loslassen zu müssen, weil mein Leben ohne Glauben, ohne Hoffnung und ohne Zukunftstraum einfach keinen Sinn mehr ergibt, war nicht meine Entscheidung. 

Und das Trauma, das hier entstanden ist, einmal mehr, das werde ich wohl nicht mehr aufarbeiten können.

Kati 24.04.2026, 08.00| PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

17 Jahre

Du bist seit 17 Jahren tot. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, als ich um 21 Uhr ein so schmerzhaftes Ziehen in der Seele gespürt habe, dass ich den Mann gebeten habe, jetzt sofort im Krankenhaus anzurufen und zu fragen wie es dir geht. Die Frau am Telefon hat nicht geantwortet, sie hat nur gesagt, sie bringt das Telefon jetzt zu Oma, die die ganze Zeit an deinem Bett saß. Und Oma flüsterte leise, dass du vor wenigen Minuten eingeschlafen bist. Du fehlst mir jeden Tag. Ausnahmslos.

Kati 19.04.2026, 21.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Sinnlos

Wenn es nur noch weh tut, höre ich auf. 
Und jetzt stehe ich an diesem Punkt und lasse los.
Endgültig.

Kati 06.04.2026, 15.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

29.03.2026 [Heimkehr]

Es ist Sonntag. Ich wache mit fürchterlichen Schmerzen auf und das Kind ist vom gestrigen Tag so fertig, dass mein Angebot vom Sonnenaufgang am Meer nur leise grummelnd abgelehnt wird. Ich bin erleichtert. Ich habe kaum noch Kraft für irgendetwas. Wir lassen uns Zeit und räumen in Ruhe die Ferienwohnung auf, machen uns fertig, packen alle Sachen zusammen und tragen sie ins Auto.

Wir geben unsere Wohnungsschlüssel bei der Verwaltung der Ferienwohnung ab und freuen uns darauf, bei strahlendem Sonnenschein noch an den Hundestrand zu gehen. Henriette hat Spaß und tobt durch die Gegend. Genau wie die Tochter. Genau das Richtige vor der langen Fahrt, die uns bevorsteht. Ich habe reichlich Schmerzmittel genommen und ich weiß zwar noch nicht genau, wie ich die lange Fahrt bewältigen soll, aber mit vielen Pausen wird das schon irgendwie klappen. 

Ich merke, dass Angst und Panik in den letzten Tagen so gut wie verschwunden sind. Durch die vielen Fahrten auf der Autobahn, das ständige Hin und Herfahren von Ort zu Ort fühle ich mich stabiler als in den ganzen letzten zwei Jahren zuvor. Vielleicht würde ich es nicht Vertrauen nennen, aber ganz leise ist da so etwas wie Zuversicht in mir, dass ich vielleicht irgendwann wieder ein normales Leben führen kann. 

Wir genießen die letzten Stunden an der Ostsee. Irgendwann werfen wir einen letzten Blick aufs Meer und gehen langsam Richtung Auto. Die Heimfahrt wird gut sieben Stunden dauern, wenn nicht länger, und es ist an der Zeit, dass wir uns auf den Weg machen. Die Heimfahrt selber ist erstaunlich unspektakulär. Wir hören unser Hörbuch weiter, diskutieren und langsam befällt das Tochterkind eine Art von Schwermütigkeit, die für mich nur schwer auszuhalten ist. 
Wir hatten so schöne Tage miteinander, nur wir beide. Und ich hoffe, dass sie etwas davon mitnehmen kann. 
Ganz bald wieder?, fragt sie vorsichtig. 
Und ich nicke. Ja, ganz bald wieder

Ich will das auch. Und ich will mein Leben zurück.

Kati 29.03.2026, 23.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Ist doch schön hier?

28.03.2026 [Ostsee und Lieblingsmenschen]

Irgendjemand [Ich] kommt auf die absolut hirnrissige Idee, den Sonnenaufgang an der Ostsee live miterleben zu wollen. Das Kind hat mit Henriette auf unserem mitgebrachten aufblasbaren Gästebett geschlafen und als ich einen guten Morgen wünsche, brummeln ein Teenager und ein Hund gleichzeitg von unter der Decke hervor. Dass sie sich ohne große Widerworte trotzdem aus dem Bett quälen, zeigt mir, dass ich mit meiner Idee so falsch nicht liege.

Und so stehen wir um kurz nach fünf Uhr morgens auf, packen uns dick ein, stapfen los und sind um halb sechs an der Ostsee. Wir sind leider nicht mit gutem Wetter gesegnet, so dass es einfach nur immer heller trüb wird, von Sonne keine Spur. Aber das ist egal. Wir sind bis auf einen zufällig aus dem Nebel gefallenen Jogger alleine am Strand. Wir schauen aufs Meer, Henriette tobt herum und die Welt ist einfach für einen Moment perfekt so, wie sie ist. Es fängt leicht an zu nieseln. Ich könnte geerdeter nicht sein. 

Als wir nach anderthalb Stunden völlig durchgefroren den Rückweg zur Wohnung antreten, sehnt sich jeder von uns nach einer heißen Dusche. Na gut, Henriette vielleicht nicht, aber auch die steht inzwischen mit etwas zittrigen Beinen im kalten Meer und muss einsehen, dass Möwen weder dusselig noch langsam sind. 
Wir machen noch einen kurzen Zwischenstopp beim Bäcker, damit wir nicht hungrig in den Tag starten und wärmen uns erstmal wieder auf. 

Von 10 bis 15 Uhr sind wir auf einer Konfirmation zu Gast und danach geht es dann los. Zum Treffen mit all den Lieblingsmenschen, die gerade hier sind. Wir treffen uns am Nachmittag an der Promenade von Laboe und ziehen zu acht mit zwei Hunden durch die Gegend. Und es ist ein so schöner und dichter Nachmittag, dass ich noch lange davon zehren werde. Das sind genau die Menschen, mit denen ich meine Abende verbringe und die ich so gerne um mich habe. Unsere kleine WhatsApp-Gruppe, die mir den Alltag erhellt und erleichtert. Nur unterbrochen von ein bisschen Eis und Kaffee spazieren wir kilometerweit am Strand entlang, immer in wechselnden Konstellationen und es ist einfach nur schön. Die Stunden vergehen für meinen Geschmack viel zu schnell. 

Wir sind alle erschöpft vom langen Tag, aber so richtig trennen möchte ich mich von diesen Menschen eigentlich nicht. Wir versprechen uns, uns bald wiederzusehen und nicht erst wieder zwei Jahre vergehen zu lassen. Und abends, als es schon dämmert und wir uns alle zum letzten Mal umarmen und zuwinken, da fühlt sich mein Herz an, als müsse es platzen vor lauter Glück und Frieden. 

Ich bin so froh, dass ich hier bin. Das Tochterkind und ich gehen noch in einen Dönerladen, der eigentlich schon zu hat, aber der Besitzer ist so nett und bittet uns herein. Und so verbringen wir dort mit warmem Essen noch ein paar schöne Momente, bevor wir nach einem letzten Gang über den Strand wieder in die Ferienwohnung zurückkehren. Die Tochter sortiert mit Henriette ihre Pflanzen, die sie von Mandy geschenkt bekommen hat und denkt laut über die Leute nach, die wir heute getroffen haben. Für einen Sozialphobiker wie sie war das die Hölle und umso schöner finde ich es, welch warme und zugewandte Worte sie für die Menschen findet, die ich Freunde nenne.

Mir tut jedes einzelne Körperteil zum Schreien weh und ich habe keine Ahnung, wie ich am nächsten Tag den Heimweg schaffen soll, aber für den Augenblick ist das alles egal. 

Um 21 Uhr blicke ich rüber auf das Gästebett, sehe ein noch komplett angezogenes Tochterkind darauf liegen, Henriette, die friedlich vor sich hinschnarcht, als Kissen unter ihrem Kopf. Um sie herum stehen Zimmerpflanzen, das Handy ist ihr aus der Hand gefallen und ich lösche lächelnd das Licht.

Ja, es ist gut.

Kati 28.03.2026, 23.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Ist doch schön hier?

27.03.2026 [Nordsee - Ostsee]

Bei Sonnenaufgang wecke ich das Tochterkind und frage, ob sie zum Meer möchte. Ich weiß, sie hat in fremder Umgebung nicht gut geschlafen und ihr fehlt ihr Schutzraum. Aber als ich frage, überzieht ein vorfreudiges Lächeln ihr Gesicht. Es ist manchmal schwer einzuschätzen, was ihre Dunkelheit erhellt, aber ich weiß, wir sind hier richtig. Also schnappen wir uns Henriette, fahren die paar Kilometer zum Deich und genießen Wind und Wetter und Nordseeluft. Im Laufen sehe ich, wie sich so viel Härte in der Kriegerin löst, sie innerlich weich wird. Es war eine gute Entscheidung, dass wir hierher gefahren sind. 

Als wir uns auf den Rückweg machen, bittet sie mich, kurz stehen zu bleiben, im ersten Licht des Tages, in den ersten Sonnenstrahlen. Und sie stellt sich etwa zehn Meter entfernt hin und macht ein Bild von mir. Ungeachtet aller Vorbelastung bezüglich dieses Themas weiß ich, dass hier etwas Bedeutendes geschieht, dass eine Erinnerung festgehalten wird, die wir beide weitertragen, sie naturgemäß deutlich länger als ich. Es ist mir gar nicht wichtig, wie ich auf diesem Foto aussehe und auch das ist neu für mich. 
Wir steigen ins Auto und holen noch Verpflegung vom Bäcker, bevor wir wieder zu Maike fahren. Ich mache mich fertig. während Maike, Amy, die Kriegerin und Henriette noch eine Hunderunde drehen, bevor wir dann frühstücken und zusammenpacken. 

Ich hatte so sehr gehofft, dass wir als gemeinsames Abenteuer alle zusammen über die Elbfähre fahren, aber Maike entscheidet sich, über Hamburg und durch den Elbtunnel zu fahren. Und wir treffen uns dann an der Ostsee wieder. Die Tochter und ich haben es nicht eilig. Wir halten an so gut wie jeder interessanten Stelle an. Wir sammeln kleine keimende Eichen am Straßenrand. Wir sehen die ganzen Garagenflohmärkte, so viele interessante Dinge. Und wir kommen nach einer Stunde an der Elbfähre an, müssen auch nicht lange warten. sondern dürfen schon auf das zweite Schiff, das anlegt, rauffahren. 

Als wir an an Bord aussteigen, kommt das Kindheitsgefühl von den großen Fähren wieder hoch. Ich bin auf unzähligen dieser Schiffe in meiner Kindheit gewesen und Geruch und ausgelöstes Gefühl sind immer noch gleich. Ich bin hier zu Hause, egal wie ich es drehe und wende. Die Überfahrt ist schön, dauert aber leider nur 20 Minuten. Wir haben noch ein gutes Stück Strecke bis zur Ostsee vor uns und müssen das meiste davon über die Dörfer fahren. Aber das ist gar nicht so schlimm. 

Irgendwann am frühen Nachmittag kommen wir in Laboe an, parken erstmal irgendwo, schnappen uns Henriette und setzen uns an den Strand. Durch die frühe Jahreszeit sind auch gar nicht so viele Leute unterwegs. 
Dafür haben wir die freie Auswahl an Leckereien entlang der Promenade. Henriette frisst einen ziemlich teuren Crepes und wir genießen unsere etwas langsamer. Einfach nur dort gemeinsam auf einer Bank sitzend, schweigend aufs Meer schauend. Ich merke, wie so viel Last der letzten Wochen und Monate von mir abfällt.

Wir haben den Rest des Tages für uns. Um 16 Uhr holen wir die Schlüssel zu unserer Ferienwohnung ab, kämpfen mit einigen Schwierigkeiten einer wirklich verhexten Tiefgarage und machen es uns in der Wohnung gemütlich. Zum Glück mit Terrasse und direktem Blick von der Terrasse aufs Meer. Es ist schon ganz prima, so wie es ist.
Abends verbringen wir eine lange Zeit mit Hetty am Hundestrand, sammeln Muscheln, bewundern Wattwurmhaufen und existieren einfach. 
Danach holen wir chinesisches Essen für alle und Maike und Amy kommen aus dem Nachbardorf noch mal für eine Stunde zu uns.

Kati 27.03.2026, 23.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Ist doch schön hier?

26.03.2026 [Nordsee]

Ich hatte solche Angst. Ich bin seit 2 Jahren nicht mehr selber Autobahn gefahren. Ich habe mir die kleineren Autofahrten über die letzten Monate nach PostCovid so hart zurück erkämpft. Jeden Tag ein bisschen mehr, ein bisschen weiter, ein bisschen stärkeres Zutrauen in das Leben, nachdem meine Welt so massiv gekippt ist.

Die Schwindelanfälle, die Kreislaufprobleme, die bleierne Müdigkeit. Erst kamen vor zwei Jahren die Nackenprobleme so konsequent wieder wie damals beim Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule. Die chronischen Schmerzen. Das Misstrauen gegenüber meinem eigenen Körper und was er noch halten und leisten kann.
Dann die Diagnose mit katastrophalen Blutwerten im Sommer. Der Blick des Arztes, dass ich bitte sofort ins Krankenhaus soll. Dann die Tumordiagnose. Dann die fatale Covid-Erkrankung und 14 Monate Post-Covid.
Ich bin durch harte Arbeit an mir immer stabiler geworden. Aber vertrauen kann ich meinem Körper nicht mehr. 

Also hatte ich Angst. Unsagbar. Ich habe mich entschieden, die Fahrt an die Ostsee zu teilen und heute erst zu Maike zu fahren. 349km.
Ich weiß, wenn ich nicht mehr kann oder die Welt kippt, fahre ich ran und rufe den Mann an. Er kann mit dem Sohn kommen und mich abholen, dann fahren die Zwei beide Autos und uns wieder nach Hause. 

Die Kriegerin und ich haben Henriette an Bord und nach den ersten 100km kommt so etwas wie Vorfreude auf.
Vielleicht kann ich ja doch...? 
Vielleicht schafft mein Körper das? 
Vielleicht kann ich ihm doch ein kleines Stückchen weit vertrauen? 

Verantworung für die Tochter und Henriette geben mir Stabilität, mein ganzes System ist auf Sicherheit ausgerichtet und für Angst und Panik ist nur wenig Platz. 
Ich schaffe das. Wir hören mein Lieblingsbuch - BIOS und diskutieren zwischendurch über moralische und ethische Verpflichtungen in Punkto Gentechnik. 
Die Stunden ziehen an uns vorbei, die Kilometer auch.
Als wir in Bremen sind, wird mein Herz weit. Endlich wieder zuhause. 
Bald kommt das Meer. 
Die Sonne geht langsam unter und auf den letzten Kilometern zu Maike verfahren wir uns noch so grundlegend, dass wir irgendwann verzweifelt auf einer Wiese stehen und ratlos auf Kühe kucken. Eine halbe Stunde Umweg später haben wir es dann geschafft. 
Und Maike wäre nicht Maike, wenn sie auf "Wir wollen noch ans Meer!" nicht einfach sagen würde: "Alles klar!", ihren eigenen Hund einpackt und mit uns ans Meer fährt. 

Und so stehen wir im fast Dunklen dann am Meer und es ist gar nicht so sehr Sieg über mich selber sondern eher Wiederankommen bei meinem eigentlichen Ich.
Die Tochter und Henriette verschwinden irgendwo im Schilf, ich lasse mir die Seeluft um die Nase wehen und fühle Frieden.

Kati 26.03.2026, 23.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Ist doch schön hier?

geschmiedet [Kriegerin]

Es gibt ein Schmuckstück, das kurz vor meiner Geburt aus dem Gold unserer Vorfahren für mich neu geschmiedet wurde, damit ich es an meinem 18. Geburtstag erhalte. Traditionell wird dieses Gold an das Kind weitergegeben, das die Linie fortführt. In meinem Fall gab es keine große Wahl, denn ich bin die Letzte; die Blutlinien so vieler Menschen enden bei mir. Alle Geschwister meiner Eltern und Großeltern sind unfruchtbar, früh gestorben oder haben ihre Kinder an Kriege, Krankheiten, Unfälle oder Zwischenfälle verloren. 

Als ich zum ersten Mal schwanger wurde, habe ich es in seinem Versteck gelassen. Ich wollte es nicht neu schmieden lassen, es passte nicht. Auch in der darauffolgenden Schwangerschaft passte es nicht. In der Schwangerschaft mit der Kriegerin, viele Jahre später, als ich meinen Traum von ihr träumte, wie sie heute tatsächlich aussieht und ich ihren Namen wusste, da habe ich es an ihrem Hals gesehen. Ich hab es trotzdem in der Form gelassen, die für mich gemacht wurde. Mich berührt es. Die Gravur, die meinen 18. Geburtstag nennt. Ich wollte es nicht einschmelzen lassen. Es liegt seit so vielen Jahren an seinem Platz. In drei Monaten wird die Kriegerin 18 Jahre alt. Und etwas, das fast zwei Jahrzehnte keinen einzigen Gedanken wert war, erscheint plötzlich wieder in meinen Träumen. Ich weiß, dass sie es bekommen muss. Das war mir erst umso unverständlicher, weil bereits zwei meiner Kinder schon seit Jahren volljährig sind. Eines hat bereits die nächste Generation geboren und der Gedanke, dass es dort landet, ist eine romantische Vorstellung. Sie ist aber falsch. Ich denke an all die Geschichten, die meine Kindheit durchzogen, an all die Legenden, an die Namen unserer Vorfahren und dass es nie einfach dem erstgeborenen Kind übergeben wurde, sondern immer dem, das den Erzählungen am engsten verbunden war. 

Meine große Tochter ist mein heller Spiegel. Alles Gute in mir findet sich um ein Vielfaches multipliziert in ihr wieder. So zielstrebig, emotional, in sich ruhend, der Welt verbunden. Wach und aufmerksam, aber nie der dunklen Seite zugewandt. 
Mein großer Sohn ist etwas ganz Eigenes. Er wendet sich von Tradition und Überlieferungen ab und findet in seinem Tempo seinen ganz eigenen Weg. 
Mein kleiner Sohn lebt in einer wiederum völlig anderen Welt aus Wissenschaft und Erkenntnis und Vernunft und Pragmatismus. 

Die Kriegerin ist mein dunkler Spiegel. Sie trägt all das Potential in sich, mit dem ich mein Leben lang kämpfen musste. Segen und Fluch von Hochbegabung. Sie war seelisch bereits an den dunkelsten Orten und wir haben lange Jahre nicht gewusst, ob sie wieder ans Licht kommen würde. Sie ist das Dunkle. Rote Wut, schwarzer Hass. Sie ist die Verzweiflung, an eine Welt gekettet, in der ihre Fähigkeiten, ihr Potential, ihre Moral- und Wertvorstellungen nichts wert sind, weil die Menschheit schlecht ist. Weil das Gute immer verraten wird und Menschen schwach sind. 

So dunkel ihre Seele ist, so hell wird ihre Flamme lodern, wenn sie sie entdeckt. Denn sie ist auch die Liebe. Sie ist die Leidenschaft. Das Feuer. Sie ist der Sturm, der alles hinwegfegt, was sich ihm in den Weg stellt. Bereit, für all jene einzustehen und zu kämpfen, die unter ihrem Schutz stehen. Sie sieht das noch nicht, aber ich kann es sehen. Konnte es immer schon. 

Und darum weiß ich mit absoluter Sicherheit, dass unter meine Gravur die ihre gehört. 
Nicht als Erstgeborene, nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil dieses Schmuckstück, seine Geschichte, seine Kraft - und dieser Teil meines Herzens - nur ihr gehören.

Kati 19.03.2026, 06.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Vier gewinnt!

18.03.2026 [Alles, was ich jemals wollte]

Die Worte, die da per WhatsApp so erschreckend leicht den Besitzer wechseln, könnten größer nicht sein. 
Und ich fühle mich so geehrt, so geliebt, so gesehen, erkannt und wertgeschätzt, dass ich beim Lesen die Engelstrompeten vermisse, die mir diese Botschaft - von einem ausgerollten Pergament verlesen - verkünden. 
Sie sind wie ein Schatz, den ich mein Leben lang hüten werde. 
Vielleicht die ultimative Liebeserklärung eines Kindes an seine Mutter. 

Und wenn ich sie so in mir klingen lasse, dann schließt sich in mir ein weiterer Kreis. 
Ein weiteres Generationentrauma, das ich durchbrechen konnte. 
Ich habe das gemacht. 
Ich habe es geschafft. 
Die Letzte, die all das ertragen und erdulden musste. 

In den Worten, in denen meine Tochter mir jetzt so beiläufig zurückspiegelt, auf was ich Zeit ihres Lebens gehofft habe, aber nie in letzter Konsequenz glauben konnte, schwingt die elementarste Feststellung von allen mit: 

Du hattest Bedeutung. 
Du hast einen Unterschied gemacht. 
Und ich trage diese deine Liebe nun weiter zu meinem Sohn.

Es ist, wie es ist. 
Es wird, wie es sein soll.

Kati 18.03.2026, 06.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Vier gewinnt!

17.03.2026

Wenn ich mutiger wäre, würde ich dich einfach fragen, ob du dasselbe fühlst wie ich.
Aber ich weiß nicht, vor welcher Antwort ich dann mehr Angst hätte.

Nachtrag, 18.03.2026
Ich habe mich getraut. Und mich vermutlich komplett zum Idioten gemacht. 
Rückblickend muss ich mich vielleicht nur selber fragen, wie illusorisch ein Mensch in seiner Verzweiflung sein kann.

Kati 17.03.2026, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

14.03.2026

Krank. Bin seit Tagen richtig fies krank und es scheint mir, als hätte mein Körper dem Stress der letzten Wochen jetzt endlich nachgegeben. Ich huste, wache jeden Tag mit Kopfschmerzen oder wahlweise Migräne auf, habe mal wieder eine Nasennebenhöhlenvereiterung, die mir bei jedem nach vorne lehnen den Kopf explodieren lässt, zusätzlich zu Ganzkörperschmerzen, Schwindel und dem allgemeinen Gefühl, einfach gleich völlig unspektakulär zusammenzubrechen. Irgendwo in einer Ecke, damit es auch niemanden stört. Passend dazu lasse ich mein Handy inzwischen mal wieder ab und zu ganz vorsichtig auf höchster Lautstärke in einer Ecke liegen und hab es nicht mehr 24 Stunden an meinem Körper klebend, damit ich auch ja keinen verzweifelten Anruf eines weinenden Kindes verpasse, der Dauerstrom im Gehirn lässt ganz allmählich nach und das ist so nötig. Ich schlafe morgens, nachdem ich die Kinder aus dem Haus geschubst habe, ich schlafe mittags, wenn sie irgendwann in ihren Zimmern verschwunden sind, ich schlafe nachmittags bis ich Abendbrot kochen muss und ich gehe viel zu früh ins Bett um auch noch den nächsten Tag zu schaffen. Ich schlafe am Wochenende ganze Tage durch in der Hoffnung, dass irgendetwas davon besser wird, nachlässt oder vielleicht auch einfach nur aufhört. Die Sorgen bleiben. Meine Grenzen sind so deutlich fühlbar, was Arbeit angeht, dass auch hier nur noch Verzweiflung dominiert. Ich werde etwas finden. So lange verkaufe ich gerade Dinge, die in unserem Besitz und nicht mehr von Nöten sind. Ich zähle jeden Cent und so unangenehm die ganze Thematik auch ist, umso stärker werde ich aus ihr herausgehen. Die Ausbildung von Kindern ist  teuer. Das Leben mit Kindern und Tieren in einem Haus ist teuer. Wir wussten das. Der Preis muss gezahlt werden, so oder so. Ich hoffe, ich erhole mich einigermaßen schnell von dieser Krankheit, ich wollte, musste, sollte eigentlich noch mal zur Tochter zum Baby, in zwei Wochen ist schon Konfirmation ganz im Norden, zu der ich unbedingt hinwill, sind doch so viele Herzensmenschen dort. Auch hier Probleme, die noch gelöst werden müssen, ich bin so müde, allumfassend müde.

Kati 14.03.2026, 17.59| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: so Tage eben

06.03.2026

Ich wache mit Migräne auf und Schwindel, Kopfschmerzen und Kreislaufbeschwerden multiplizieren sich mit jedem Kind, das die Treppe runtertrampelt. Meine Sorgen kreisen laut kreischend in meinem Kopf, während ich meine kleine Müslischale voller Medikamente als Frühstück zu mir nehme. Sofort wieder ins Bett ist nicht, ich muss mich gleich fertigmachen, absagen ist wie versagen, geht mich, mach ich nicht. Der erste Anruf des großen Kindes, ich halte aus, höre zu, bestätige, beruhige, vermisse, wäre gerne näher und weine ein paar stumme Tränen, das kann ich ja gut. Asgard hat gestern alle Probekekse für die Konfirmation gefressen, weil ein Kind die Küche aufgelassen hat, immerhin waren sie noch unverziert, sonst wären nicht nur teure Zutaten sondern auch Stunden an Arbeit für die Katz im Hund. Ludwig altert gerade massiv, er wird dieses Jahr 10 Jahre alt, ist grau, wird langsamer, doch so liebevoll ergeben, so aufmerksam, so pflichtbewusst und regeltreu wie eh und je, wann immer ich darüber nachdenke, ihn verlieren zu können, kommen wieder die Tränen. Ich weiß, man findet seinen Seelenhund immer nur einmal im Leben. Und ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass er und ich einmalig sind. Nach ihm wird es keinen Hund mehr für mich geben. Die Kriegerin hat Henriette inzwischen komplett vereinnahmt, Henriette ist nicht mehr mein Hund. War sie vielleicht auch nie. Die Kinder sind allesamt so verliebt in sie wie in keinen der beiden sturen Bollerköppe, die mein Herz tragen. Hunde finden ihre Menschen, schätze ich. Es ist, wie es sein soll. Ich muss heute Cookies für den Schwiegersohn backen und eine riesige Lasagne für die große Tochter. Beides können der Mann und die Kinder morgen mitnehmen, wenn sie dorthin fahren, um das Baby kennenzulernen und zu bestaunen. Ich möchte auch wieder hin. Möchte mein Kind umarmen, bewundern, sicher sein, dass es ihm gut geht. Ich verfluche all die Mitgroßeltern, die nicht erkennen, wieviel emotionalen Druck sie gerade aufbauen, indem sie um ein Neugeborenes rangeln und die Grenzen der Mutter missachten. Ich hasse Menschen. Der Schwiegersohn zeigt eine derart ausgeprägte emotionale Reife, dass mir die Luft wegbleibt. Er übernimmt so viel Verantwortung, zeigt Rückgrat, steht für meine Tochter und ihre Bedürfnisse ein und stellt sich vor sie wie der Schild, der er ihr geschworen hat, zu sein. Ich lerne gerade, ihn auf eine sehr besondere Art zu lieben.

Kati 06.03.2026, 09.04| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: so Tage eben

05.03.2026

Ich trete nicht gegen Mechanismen an. Ich bin ein Mensch, dessen Traumaarbeit ihn gelehrt hat, dass er alles schafft. Es ist die Grundüberzeugung meines Lebens und sie wackelt nicht, egal, was andere sagen.
Ein Mensch, der mit derselben Vehemenz die Überzeugung vertritt, dass er eben nicht kann, eben nicht weiß, seinen Mechanismen hilflos ausgeliefert ist, wird sich von nichts und niemandem auf dieser Welt vom Gegenteil überzeugen lassen. Und ich weiß inzwischen, dass ich verliere, wenn ich es auch nur wage, dieses heilige Bündnis aus Trauma und Angst zu benennen. Ich kämpfe gegen eine gut eingespielte Einheit, die alles tun würde, um den StatusQuo nicht zu verlieren.
Also schweige ich. Halte aus. Halte durch. Und gehe irgendwann weiter. 

Morgen Kennenlerngespräch im Hospiz. Schauen, ob ich mich wohlfühlen kann, ob ich auch beruflich in eine Umgebung passe, in der sich Tod und Leben dauerhaft berühren. 
Alles im Umbruch. 

Das große Kind und ich reden viel, lange. Ich sagte vorgestern Nacht zu ihr: Mutterwerden ist kein sanfter Prozess. Es ist brutal, umwälzend und zeigt dir all deine Grenzen. Du fühlst dich innen wie außen roh und wund und deine Welt bleibt stehen, während alle anderen Menschen lächelnd ihr Leben weiterführen, als wäre nichts passiert. 
Ich bin demütig und dankbar, dass es diese Stunden zwischen uns gibt, in denen ich trotz meines Alltags hier in ihre Welt eintauchen darf und einen Moment mit ihr im Stillstand ausharre. Da, wo Körper und Seele wund sein dürfen. Im Schlafmangel, in den Zweifeln, in der Überforderung. Ich bin so stolz auf sie und höre, wie erschöpft sie ist. Weiß, ich kann, darf ihr nichts davon abnehmen, weil es der Beginn ihrer eigenen Geschichte ist. Aber ich kann da sein. Anerkennen. Die Tränen aushalten. 

Vielleicht ist das das, was ich mir immer für mich gewünscht hätte. Dass jemand da ist, der aushält. Ohne Problemlösung. Ohne Trösten, ohne Aktionismus, ohne Angst, ohne Selbstzentrierung - jemand, der einfach die ganze Wut, den Schmerz und die Tränen aushält. Jemand, der mitfühlt, aber nicht mitleidet. Der sich an meine Seite begibt, aber weder an mir festklammert noch an mir zieht, noch von meiner Wucht davongetragen wird, weil er sich nicht selbst halten kann. 

Der Konflikt zwischen dem großen Sohn und der großen Tochter ist für mich schwer auszuhalten. Ich kann beide Seiten in ihren Gefühlen anerkennen, aber es ist nicht an mir, das aufzuarbeiten. Ich spüre, wie groß die Verlustängste beim Kobold sind, wie nah die Erinnerungen, als die große Schwester damals einfach so gegangen ist. "Sie hat mich einfach so zurückgelassen" Mein Herz zieht sich zusammen, wenn ich diese Worte höre. Ich fühle den Schmerz noch so lebendig in mir wie kaum etwas anderes. Ich habe das in den letzten Jahren mit ihr aufgearbeitet, die beiden müssen diesen Schritt noch gehen. Und es obliegt nicht mir, das zu steuern. Es sind zwei erwachsene Menschen, die ihre eigenen Konflikte austragen müssen. Übungsfeld. Sehr großes Übungsfeld.

Dazu kommt seine Sehnsucht nach dem Auszug. Ich verstehe ihn so gut und spüre, wie er kämpft, nach Möglichkeiten sucht und viel zu oft noch an seine eigene Limitierung glaubt. Ich habe Vertrauen, dass er seinen Weg finden wird, so wie er ihn bislang immer gefunden hat, auch wenn es einfach mehr Zeit braucht und oftmals verschlungene Pfade nimmt. Er ist mein Baby und wenngleich genau das immer mein oberstes Ziel war, ist es hart, ihn ziehen zu lassen. 

Wo ein paar hundert Kilometer weiter Mutterschaft gerade erst beginnt, endet hier einmal mehr meine unmittelbare Zuständigkeit und das ist herausfordernder als ich es mir jemals hätte ausmalen können. Ich sehne mich so sehr nach Beständigkeit in meinem Leben. Nach jemandem, der genau die Frau sehen kann, die ich heute bin. 

Kati 05.03.2026, 10.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: so Tage eben

04.03.2026

Drei telefonische Bewerbungsgespräche später muss ich mich den bitteren Tatsachen stellen. Mein Körper wird die kommunizierten Anforderungen nicht schaffen. Die Stelle im Hospiz steht noch aus, ich habe gesagt ich melde mich noch einmal, um ein Treffen zu vereinbaren, nachdem sie sagten, ich bringe perfekte Voraussetzungen mit und sie möchten mich nur noch persönlich kennenlernen. Aber um ganz ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Ich verzeichne seit etwa drei Monaten einen vergleichsweise rasanten Anstieg meiner körperlichen Belastungsfähigkeit nach dieser ganzen Post-Covid-Scheiße, aber habe letzte Woche sehr deutlich gemerkt, wie mich einige Tage Schlafmangel, Stress und lange Autofahrten außer Gefecht setzen. Ich kann schon seit Jahren nicht mehr schmerzfrei laufen und die ständigen Treppen und gelaufenen Kilometer bei der Tochter haben meinen Knien nicht gut getan. Aber ich brauche dieses Geld, um die Rechnungen abzufangen. Die Führerscheine der Kinder, die große Tochter und das Baby, die mich doch deutlich intensiver brauchen als ich mir das je hätte vorstellen können, die Nachzahlungen fürs Gas, Strom, Wasser, der ganz normale Alltagswahnsinn, wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Ich weiß, ich werde einen Weg finden, auch wenn ich ihn noch nicht sehe. Und die Suche nach ihm beschäftigt mich zumindest, während meine brennenden Träume mir die Umgebung erleuchten. Einfach immer weiter, nur noch ein paar Jahre durchhalten.

Kati 04.03.2026, 10.41| PL | einsortiert in: so Tage eben

03.03.2026

Ich liege nachts wach und grüble. Ich sehe, wie die letzten Reserven schwinden und ich habe kaum eine Möglichkeit, irgendetwas zu tun. Ich muss irgendwie Geld verdienen und ich habe keine Ahnung, wie ich mich so hoch schilden soll, damit wir das schaffen. Die letzten Wochen und Monate haben die Mauern bereits so hoch gezogen, dass ich nur noch ich bin und keinerlei Entspannung mehr möglich ist, in der wir alle ein Leben leben dürfen. Aber vielleicht ist das jetzt auch egal, jetzt, wo die letzten Illusionen zerplatzt sind. Mein Lebenswerk ist so allumfassend zusammengebrochen, dass ich erst jetzt sehe, dass mein Schloss nur auf Sand gebaut war.

Kati 03.03.2026, 08.46| PL | einsortiert in: so Tage eben

Geschafft

So dankbar für die Menschen, die mich in den letzten Tagen wirklich gesehen und emotional gehalten haben, wo ich - in dunklen Erinnerungen, Anspannung, dünnen Nerven und massiven körperlichen Symptomen gefangen - gedacht habe, ich verliere den Verstand.

Kati 22.02.2026, 06.45| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Meine geliebte große Tochter,

ich stehe gerade nicht neben dir, um deine Hand zu halten, aber ich bin dir seit Tagen so nah, wie eine Mutter ihrer Tochter nur sein kann. 
Ich versuche, gedanklich einfach bei dir zu sein und meinen Teil unserer Geschichte zu halten, ohne etwas lenken zu wollen. 
Du darfst genau dort sein, wo du gerade bist. 
Müde. Überfordert. Hoffnungsvoll. Verzweifelt. Kraftvoll. Erschöpft. Alles nebeneinander. 
Ich vertraue dir und deinem Körper. Ihr werdet diesen Kraftakt des Gebärens gut bewältigen. 

Ich danke dir für dein Vertrauen, mir zwischendurch kleine Einblicke zu schenken - ich werde sie Zeit meines Lebens als kostbaren Schatz hüten. 

Du bist gut aufgehoben. 
Bei Hebammen, die dich mit Erfahrung begleiten, bei Ärzten, die dich medizinisch beraten und in den Armen deines Mannes, der dich hält, damit du dich fallen lassen kannst. 
Auch ich bin da. Immer noch deine Mama. Nur anders als früher. Und ich freue mich darauf, dich in wenigen Stunden als Mutter erleben zu dürfen. 

Ich bleibe hier an meinem Platz und bin jederzeit erreichbar. Nahe genug, dass du mich spüren kannst, aber weit genug weg, damit ihr drei den Beginn eurer eigenen Geschichte erschafft. 

Ich liebe dich.

Kati 21.02.2026, 19.52| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Traumaantwort

Zeit meines Lebens wurde durchgehend meine Privatsphäre missachtet. 
Ich hatte schon früh das verstörende Gefühl, dass das Schlimmste, was insbesondere meine Mutter mir antat, gar nicht der Missbrauch und die körperliche Gewalt an sich war, sondern die Momente, in denen ich völlig schutzlos aus dem Schlaf gerissen wurde, in denen Türen zum Badezimmer aufgestoßen wurden, in denen ich nackt unter der Dusche stand und plötzlich von gierigen Augen begutachtet und von schmierigen Fingern betastet wurde, in denen ich krank und mit Schmerzen im Bett oder im Krankenhaus lag und mich gegen ihre Übergriffe innerlich nicht wappnen konnte. 
Es war immer der verletzliche Moment, in dem ich nicht vorbereitet war. 

Ich lernte im Laufe der Zeit, wann sie am tiefsten schlafen, am unaufmerksamsten sind, am wenigsten Interesse an mir haben. Bin über Jahre hinweg zwischen 3 und 4 Uhr nachts aufgestanden, um heimlich duschen zu können, heimlich in Ruhe zu essen, heimlich einen Moment durchatmen zu können. Nur einen Moment Privatsphäre, nur einen Moment Ruhe, nur einen winzigen Moment Sicherheit. In einem Zuhause, das mich hätte schützen sollen und müssen, an einem Ort, der mir Zuflucht hätte sein sollen. Ich zog Dinge an, die sich möglichst mühsam ausziehen ließen, quetschte mich in Hosen, die nur schwer über meine Hüften rutschten, schlief komplett angezogen, lief so oft es ging nach draußen in den Wald, um auf Toilette zu gehen, damit sie mich nicht wieder im Bad überfallen konnte, um "die Zeit zu nutzen", mich anzustarren, zu untersuchen oder einfach nur zu demütigen. 
Ich konnte immer spüren, wie sie hinter mir stand und mich schweigend beobachtete. Meinen Körper musterte. Noch heute bekomme ich kalte Schweißausbrüche, wenn jemand schweigend in meinem Rücken steht und mich beobachtet. Türen versperrt oder schlimmer, einfach in Räume kommt und sich nicht vorher bemerkbar macht. 
Ich musste schlafen erst lernen. Nicht mehr in der Sekunde, in der ich wach wurde, sofort alle Sinne beisammen haben zu müssen, weil man entweder schon angefasst wird oder eine Übung anstand oder jemand in einer Zimmerecke sitzt und mich beobachtet. Auch heute ist mein Schlaf noch das Intimste, das ich jemandem anvertrauen kann.

Wir haben im Hier und Heute strikte Regeln. Niemand betritt ein Zimmer, ohne anzuklopfen und darauf zu warten, dass geantwortet wird. Das war mit so vielen Kindern, die Privatsphäre von Eltern erstmal als quasi nicht existent betrachten, ein harter und schlafloser Weg. 
Ich kann meine Traumaantwort nicht ändern, ich weiß, dass das nicht möglich sein wird. Der Mechanismus wird immer anspringen. Aber ich habe mir ein Leben geschaffen, in dem ich damit über weite Strecken gut umgehen kann.
An Tagen wie diesen, wo ich weiß, ein fremder Mensch wird mein Grundstück, meine Grundfeste, mein Haus, meine Zuflucht betreten, kreischt die Programmierung wieder laut im Gehirn. Auch das ist okay. Es ist wie es ist. Ich habe nur dieses eine Leben und ich werde mich wohl nie wirklich sicher fühlen. 

Aber hier, mit einem Bären an der Seite, der mich vehement anbrummelt, wenn ich mich in Erinnerungen zu verlieren drohe und mich zurückholt, wenn ich innerlich zersplittere, kann ich ein Stück Verletzlichkeit zulassen und weine nicht mehr aus Panik, sondern um das Kind, das ich nie sein durfte. 

Kati 05.02.2026, 10.16| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

Tabu

Ob ein Tabu wirklich ein Tabu ist und ob Ethik und Moral wirklich das sind, was man sich auf die Fahne geschrieben hat, merkt ein Mensch meistens dann, wenn es unbequem wird, diese Dinge aufrechtzuerhalten.

Charakter ist nicht das, was im Licht strahlt, sondern das, was sich offenbart, wenn man die Dunkelheit durchquert. 

Kati 02.02.2026, 11.37| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

Manipulation

Die unverhohlene Forderung, ich müsse meinem Gegenüber zumindest mal etwas entgegenkommen, drückt meine roten Knöpfe schon lange nicht mehr. Wäre ich in der Vergangenheit sofort in Selbstzweifel versunken, ob ich vielleicht doch zu hart, zu unnachgiebig, zu wenig entgegenkommend wäre, löst diese Respektlosigkeit in Anbetracht aller jemals geführten Gespräche heute nur noch Ablehnung und Ekel aus. 
Ich lasse mich nicht mehr benutzen.

Kati 01.02.2026, 15.42| PL | einsortiert in: so Tage eben

Lebendigkeit

Ich weiß es doch eigentlich besser. 
Es ist ganz allein meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass ich mich nicht der Gefahr aussetze, in einem Umfeld zu leben, in dem ich ständig unter Strom stehe und in 100% der Zeit wachsam sein muss, weil sonst meine Grenzen überschritten werden.
Ich wusste, dass ich mich weder auf Versprechen noch Beteuerungen verlassen kann und ich hätte wissen müssen, dass es irgendwann passiert, dass alles in mir kippt.
Und bei Gott, hat sich das gut angefühlt. Endlich echtes Gefühl, endlich Resonanz, endlich Präsenz.
Nie wieder! skandiert die eine Seite in mir.
Mehr! brüllt die andere. 

Kati 23.01.2026, 11.15| PL | einsortiert in: wir halt

Druck

Keine Zeit, keine Zeit... 
Morgens um 7 Uhr die ersten 10 Kilo Putz anzurühren, um die Wände fertig zu bekommen, damit man nach dem Abtrocknen dann das Esszimmer endlich streichen und fertig machen kann, so lange zu fünft in der kleinen Gartenküche ohne Tisch einfach beim Essen herumzustehen oder zu sitzen oder sich gedrängt an die Arbeitsplatten zu stellen, jede Minute kann der Anruf kommen, dass die Geburt losgeht, die Esszimmerschränke stehen aktuell vor meinen Schränken, in denen sich die Karten und das Geschenk zur Geburt befindet, dazu die Autofahrschulkatastrophen der beiden Chaotenkinder, der Marder hat erneut das Autokabel angenagt, ich habe keine Ahnung, wann ich wie wo was am besten machen soll, ich bin mitten in der depressivsten und hoffnungslosesten Phase meines Lebens und laufe nur noch auf Hochfunktionalität, ich weiß das. 

Ich betreibe Raubbau an meinem Körper, an meinem Geist und an meiner Seele und habe oft so dunkle Gedanken, die zäh wie flüssiger Teer an mir kleben und sich weder abschütteln noch abwaschen lassen, also schleppe ich mich mit ihnen durch die Tage, immer weiter, immer weiter, gehetzt von einem äußeren Umstand nach dem nächsten, nichts mehr im Griff, nichts mehr unter Kontrolle, einfach nur noch mitlaufen, rennen, kriechen, immer weiter. 

Meine Unfähigkeit, mich begreiflich zu machen, belastet nicht nur mich, sondern auch meinen Gesprächspartner und wo ich Grenzen kommuniziere, ernte ich nur Unverständnis und selbstzentrierten Fokus, der mich unsichtbar, unbegreifbar, unwichtig macht. 
Nicht mein Inhalt wird gehört, sondern die Form, was schwer ist, wenn jemand wie ich nur noch mit dem Rücken zur Wand versucht, sich schreiend, wütend, innerlich verzweifelt weinend Gehör zu verschaffen, wo Worte nicht auf emotionalen Resonanzboden sondern intellektuelle Analyse fallen.

Kati 21.01.2026, 09.50| PL | einsortiert in: so Tage eben

Tiefpunkt

Dachte ich doch die gesamte vergangene Woche, der Tiefpunkt wäre erreicht, setzt das Wochenede noch mal mühelos einen drauf. Oder besser - drunter. Egaler als jetzt kann mein Leben wohl nicht werden.

Kati 19.01.2026, 08.07| PL | einsortiert in: Vier gewinnt!

Entspannung

Das Baby liegt flach. Was sich gestern im Laufe des Tages schon angekündigt hat, gipfelte spätabends in hohem Fieber und völliger Erschöpfung. Mein Geruchssinn, der mir so zuverlässig meldet, wenn eins der Kinder einen Infekt in sich trägt, schweigt. 

Also gebe ich meiner Intuition nach und sehe die Symptome als das, was es vermutlich ist: Völlige Entspannung von Körper, Geist und Seele nach so vielen Tagen ohne Privatsphäre, ohne das eigentlich nötige Kuscheltier, ohne Raum oder Ruhe für sich selbst, immer getrieben von einem Tagesprogramm, auf das man keinen Einfluss hatte, umgeben auch von Menschen, die man nicht ständig alle um sich haben möchte, genährt von Nahrungsmitteln, die keine Sicherheit vermitteln. 
Was ich sonst mittags schon massiv auffangen muss, wenn die 6-8 Stunden Höchstfunktionalität in der Schule ihren Tribut fordern, macht sich nach über einer Woche um ein Mehrfaches potenziert bemerkbar.
Also bleibt er zuhause, ich schweige still, wenn er sich an mich kuschelt, halte ihn, wenn er völlig zerstreut in meinem Arm zu vergessen scheint, wo er gerade ist oder was er tun wollte. Er bekommt Wohlfühlessen, Wohlfühltrinken, Wohlfühlatmosphäre, Schlaf, was immer er braucht, damit sein innerstes Selbst wieder in seine Mitte findet. 
Es ist unglaublich, was er da in den vergangenen Tagen geleistet hat. Ich bin so unendlich stolz, dass er voll freudiger Erinnerung auf diese Skifahrt zurückblickt und auch in der Kommunikation mit mir ganz klar trennen kann: Das war ein Riesenspaß mit besten Freunden und es war anstrengend bis überfordernd für mich.

Die Ambiguitätstoleranz, beides nebeneinander ohne Abwertung des jeweils anderen stehen lassen zu können, ist neu. 

Kati 15.01.2026, 13.01| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Vier gewinnt!

Der mentale Kreis [ad absurdum]

Wenn der Wunsch nach Veränderung in der Theorie verweilt, dann wird aus Reflexion sehr schnell Selbstbetrug. 

Intellektualisierung ist vielleicht unsere größte Stärke, um Verhaltensweisen zu überdenken, ohne Aktion aber gleichzeitig nicht mehr als ein klassischer Abwehrmechanismus, um Gefühle, Unsicherheiten und Ängste durch Planung, Erklärung oder Handlungskonzepte einfach totzudenken. 
Der Kopf arbeitet, damit weder Gefühl noch Körperlichkeit zugelassen werden müssen.
Denken ist Distanz, Handlung ist Verbindlichkeit und damit Risiko für jeden, der Nähe und Verletzlichkeit als potentielle Gefahr erlebt. 

Das Perfide daran ist, dass unser eigener Geist uns vorgaukelt, so reflektiert, reif und mutig zu sein, denn wir beschäftigen uns ja den ganzen Tag mit diesen Gedanken und laufen nicht vor ihnen davon. 
Dabei tun wir genau dies. Wir verstecken uns hinter Einsichten, die wir nicht verkörpern, sondern auf einer leblosen Denkebene archivieren und nennen das dann Weiterentwicklung. Ständige Recherche, Listen mit Plänen, Umarbeiten von Themen, wiederholte Diskussionen ein und desselben Themas sorgen dauerhaft für ein Gefühl echter Bewegung, ohne jemals die Unsicherheit von realem Handeln ertragen zu müssen, denn jede Veränderung ist gleichzeitig Kontrollverlust und Kontrolle ist alles, was man noch hat. 

Wer wäre ich also, dieses Konzept anzugreifen, wenn der Strohhalm namens Kontrolle der einzige Schild ist, der einem Menschen im illusorischen Wahn, sich damit vor emotionalem Schmerz schützen zu können, bleibt? 
Denken als neutraler Zwischenraum, in dem Nähe theoretisch überlegt werden kann, sich aber niemand wirklich näher kommt.

Ich darf mich diesem Versteckspiel verweigern.

Kati 15.01.2026, 09.33| PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

Abbruch

Leise rieselt der Putz...

Nachdem wir die Heizungen im Esszimmer voll aufgedreht haben und der Putz ein paar Tage trocknen konnte, kommen nun weitere große Platten davon von der Wand. Am Freitag kommt der Dachdecker, der sich die Hausecke ankuckt, denn es ist nasser als es sein dürfte, Bruchstein hin oder her. Leider regnet es zusätzlich wieder in Strömen, das Haus wird nass, die Wand ist nass, wir trocknen von innen gegen, es ist alles sehr unerquicklich. Aber gut, immerhin etwas zu tun zusätzlich zu den ganzen Waschladungen, die gerade anfallen, weil das Baby aus dem Skiurlaub zurück ist und zumindest heute auch nur halb so schlimm aus demselben Grund: Ich habe das Butzebaby wieder. 
Er hat sogar daran gedacht, mir ein Souvenir mitzubringen und der dritte Satz nach seiner Ankuft (während er schon ausgehungert Käsekartoffelpürre und Fischstäbchen in sich hineinstopfte) war: "Endlich wieder richtiges Essen." Wir sind also wieder komplett, er durfte den Tag heute durchatmen und morgen beginnen dann wieder Schule und Alltag. 

Kati 14.01.2026, 18.12| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: so Tage eben

Leute...

ihr spinnt doch. 
Der Ko-fi Link ist für eine Tasse heißen Kakao unterwegs auf 1 Euro eingestellt.
Das ist mein absolutes Guilty Pleasure, wenn ich vom Laufen mit Lu und Henriette am Hundestrand zurückkomme, denn dann komme ich da vorbei. 
Und ich liebe es, wenn jemand mir eine Freude macht. 
Für 3 Euro kann ich den Hasen einen Strohballen beim Bauern kaufen, 5 Euro sind das, was ich bei jedem Tierarztbesuch in der Kaffeekasse dort lasse, auch das ist wundervoll, wenn das jemand für die Bären übernimmt und ich freue mich über alles, was ihr mir schenkt, von ganzem Herzen. 
Es ist aber nicht nötig. Wir kommen über die Runden, das sind wir immer. 
Wir sind über die Runden gekommen, als ich mit den Kindern das Spiel gespielt habe, in Mülleimern nach Pfandflaschen zu suchen, wir sind über die Runden gekommen, als wir Erwachsenen nur Nudeln gegessen haben, wir sind wirklich gut aufgestellt, auch wenn wir Geldsorgen hatten und haben. 
Wir sind inzwischen so fucking privilegiert, ehrlich. Wir haben ein Haus, wir haben Kinder, deren Ausbildung wir uns leisten können, wir haben Haustiere, wir haben einen wirklich guten Verdienst, der zwar momentan aufgrund von Gründen nicht unsere Ausgaben deckt, aber ich bin die Letzte, die um Geld bitten würde, denn wir sind so scheißreich an allem, wovon andere Menschen nur träumen können. Alles andere findet sich, das hat die Zeit immer wieder gezeigt.

Ich bin zutiefst dankbar für jede Aufmerksamkeit, die ihr mir über Ko-fi zukommen lasst. Punkt. 
Mir ist es zusätzlich wichtig, dass jeder weiß, dass ich nicht in finanzieller Not bin.
Nie. 
Ich lehne diese Perspektive für mich vollkomen ab.

Und vielleicht gerade deswegen oder trotzdem: Danke.

Kati 12.01.2026, 14.11| PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

Küche, Kinder, Katastrophen

"Der nervige kleine Mensch aus diesem Haus fehlt ja doch irgendwie." 
Das ist wohl schon die ultimative Liebeserklärung, die man als große Schwester machen kann. 
Der große Sohn überträgt seine eigenen Gefühle gnadenlos auf mich: "Da bist du aber froh, wenn er diese Woche wiederkommt, hm? Das ist ja doch schon sehr ruhig hier ohne ihn. Jajaja, ich weiß, ich beschwer mich immer, aber das ist ja wirklich sehr still hier. Das muss dir ja fehlen." 
Ich rolle also einigermaßen liebevoll die Augen und wende mich wieder meinen eigenen Problemem zu, denn nachdem wir gestern das Esszimmer zum Renovieren ausgeräumt haben, kamen uns Teile von zwei Wänden entgegen, die im Winter ausgeblüht sind. 
Mal wieder die fatale Kombination von zu viel Nässe und falschem Putz. Ich habe also alles runtergerissen, was lose und bröselig war und nun schiebt sich die Renovierung um Abtrocknen der Wände und Verputzen und Abtrocknen des Putzes nach hinten, während wir kein Esszimmer mehr haben, dann eben die nächsten zwei Wochen stehend in der Küche essen, alle Schränke im Wohnzimmer stehen, aller Inhalt der Schränke in der Gartenküche untergebracht wurde und Ludwig vor lauter Stress 240 Liter Schaumstoffschnipsel aus einem großen Sitzkissen im Wohnzimmer verteilt hat und wir knietief durch das statisch aufgeladene Zeug waten mussten, um es in mühevoller Handarbeit in Müllsäcke zu stopfen. Schönschön. 
Die Woche wird ja vielleicht besser als das Wochenende.

Kati 12.01.2026, 12.39| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Vier gewinnt!

1 Jahr

Es ist jetzt fast ein Jahr her, dass hier thematisch ein Tor zur Hölle geöffnet wurde. Und wenn ich mir die Trag- und Reichweite dieser erst als Arbeitshypothese in den Raum gestellten Diagnose eines anderen Menschen ansehe, dann ist es doch wirklich erstaunlich, dass meine Bruchlandung erst nun kommt. Wie lange habe ich diesen Scheißvogel in der Luft gehalten, trotz aller fatalen Auswirkungen, die dieses Thema an Erkenntnissen für mich mit sich brachte? Mein gesamtes Selbstverständnis, meine Rolle und nicht zuletzt Entscheidungen, die ich vor Jahrzehnten getroffen habe, basieren allesamt auf falschen Annahmen. Das ist ein verdammt großer Frosch zu schlucken. Und trotzdem habe ich Monate damit verbracht, selber ungesehen meine gesamte Energie zu jemand anderem fließen zu lassen. Und selbst als sich das als kontraproduktiv herausstellte und ich völlig alleine war, habe ich es bis auf wenige Ausnahmen geschafft, meine Struktur aufrechtzuerhalten, die mir die Selbstwirksamkeit schenkt, die ich benötige, um weiterzumachen. Eine Freundin framte das mal als "so tun, als wäre alles in Ordnung" und das hat mich zutiefst verletzt. Denn das Umschalten aus der Trauer und der Verzweiflung und dem Schmerz heraus ist eine meiner absoluten Meisterfähigkeiten. Ich kann das in Perfektion und es ist vielleicht der Skill meines Lebens. All diese Gefühle und Ohnmacht zur Seite schieben zu können, damit sie mich nicht übermannen und sie zu einem Zeitpunkt meiner Wahl herausfließen zu lassen, um sie zu verarbeiten. Ich will kein Befehlsempfänger meiner Hilflosigkeit sein. Mein Wissen, dass ich in meinem Leben immer auf die Füße fallen werde, ist untrennbar damit verbunden und nichts davon ist gespielt. Nichts in mir "tut so", als wäre alles in Ordnung. Ich habe mein Gehirn in diesen Momenten aber so weit im Griff, dass ich mich für Stunden, Momente, Situationen aus der Trauer lösen kann und das ist das,was mir die Kraft gibt, ihr in anderen Momenten erneut zu begegnen. Was Menschen in dieses Verhalten hineininterpretieren oder daraus ableiten, ist nicht mein Problem.

Kati 10.01.2026, 12.08| PL | einsortiert in: Vier gewinnt!

Ungelesen

Ich sehe alle Nachrichten in meinem Postfach, sie warten dort, ungelesen. 
Ich kann sie noch nicht öffnen. 
Die schiere Tatsache, dass sie dort ausharren, ich gesehen bin und Menschen sich Zeit genommen haben, etwas zu schreiben, nachdem die Dunkelheit alles weggerissen hat, spendet Trost.

Kati 09.01.2026, 10.52| PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

Durchlässigkeit

Meine engsten Vertrauten sind Menschen, die - Überraschung! - sich hervorragend zusammenreißen können. Sie nutzen dafür ähnliche Methoden wie ich - selbstverletzendes Verhalten, Betäubung durch Essen/Alkohol/Rauchen/anderes, Sarkasmus, Ironie, Bissigkeit, schwarzer Humor - und bleiben dabei stets für sich, weil sie schon als Kinder gelernt haben, dass in diesem Leben niemand kommt und einen rettet. Die Grenzen, die sie dabei verteidigen, um nicht echte Gefühle zulassen oder gar zeigen zu müssen, sind absolut.
Auch das erinnert mich an mich selber.

Wenn ja doch niemand kommt und dir hilft, warum sollte man dann das Risiko eingehen, und auch noch Verletzlichkeit zeigen? Sie macht einen doch nur schwächer. Noch hilfloser, als man ohnehin schon war? War in den Händen der Menschen, deren Aufgabe es war, einen zu lieben und sich um einen zu kümmern doch nur eine weitere Waffe, mit der sie dir Schmerz zufügen konnten, wenn du deinen Schutzwall aus Unaufmerksamkeit oder im irrtümlichen Glauben, es sei jemand für dich da, sinken lässt. Natürlich lernt man aus diesen Fehlern, die nie welche waren, die dich aber dazu verdammt haben, ein Leben im Überlebensmodus führen zu müssen, selbst heute, wo diese Menschen so fern in der Vergangenheit liegen und du all das nicht mehr brauchst. 
Aber so funktioniert Trauma.
So funktionieren Mechanismen.
Die Traumaantwort sichert heute nicht mehr dein Überleben, sie ist sinnloses Überbleibsel aus einer Zeit, in der sie dir gut diente und inzwischen ohne echte Funktion über dich herrscht. 
Und was ist das für eine Schreckensherrschaft, wenn sie alle deine Gedanken kontrolliert?

Ich habe erst in den letzten Jahren mühsam gelernt, dass Zusammenreißen nicht dasselbe ist wie echte emotionale Regulation. 
Emotionale Regulation ist durchlässig, mauert nicht. 
Steht auch in Verletzlichkeit und Schmerz ruhig für sich, ohne in eine dieser Verhaltensweisen zu kippen.
Ich habe von all diesen Verteidigungsmechanismen endgültig die Schnauze voll. Will in einem sicheren Umfeld das, was ich mein Leben lang als Schwäche empfunden habe, kommunizieren und leben, um mich nicht weiter selbst zu verleugnen.
Ich will keine Wirdschons, keine Alleswirdguts, keine Mussjas, keine Witzchen, keine Hilftjanix' mehr, ich will Begegnung.

Im Zusammenspiel und in Beziehung zu Menschen, die das anders leben, muss ich mich zunächst nur um mich selbst kümmern, ich bin der einzige Mensch auf dieser Welt, den ich ändern kann.
Die Liebe zu ihnen berührt das alles nicht, wohl aber meinen Umgang mit mir in solchen Situationen, in denen ich mich davor schützen will und muss, wieder in meinen eigenen Mechanismus zu kippen. 

Kati 09.01.2026, 10.47| PL | einsortiert in: Vier gewinnt!

Struktur

Jetzt wo das kleine Kind für etwas längere Tage weg ist, merke ich erst, wie sehr unser aller Alltag auf sein Bedürfnis nach innerer und äußerer Ordnung ausgelegt ist. Und automatisch entspanne ich. Lasse Dinge liegen, lebe in einem Rhythmus, der mehr meiner als seiner ist. Hier ist zum Glück (bis auf den Mann) niemand mehr, den das stört und so muss ich auch keinen Aktionismus ertragen, bei dem jemand versucht, meine Nachlässigkeiten noch schnell aufzuholen, sondern es darf einfach liegen bleiben und ich fühle dabei so viel Freiheit und Ruhe. Das fängt in der ritualisierten morgendlichen Hektik an, die mehr einer einstudierten Performance gleicht als einem Alltag, den ich freiwillig leben würde, aber ihm ausreichend viel Sicherheit und Struktur vermittelt, um in seinen Tag zu starten.

Die Worte, die Handlungen, die genau bemessene Interaktion, das repetitive Aneinanderreihen von jahrelang gewachsenen Verhaltenselementen und das Wissen darum, dass bei einem Fehltritt der Meltdown oder schlimmer Shutdown droht. Ich nehme es im Alltag nicht so sehr als Zwang wahr, aber jetzt, wo er fehlt, ist das Durchatmen in mir deutlich spürbar.
Ich habe entschieden, diese Tage zu genießen, obwohl ich mir Sorgen mache, wie er zurechtkommt, was ich hinterher auffangen muss und ich ihn mit jeder Faser meines Mutterseins vermisse. Mein Baby. Mein Nesthäkchen. Und mein besonderer Butz.

Kati 08.01.2026, 15.22| (3/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: so Tage eben

Gefühl

Es stürmt. Eiskalt. Mit widerlich nassen, großen Schneeflocken, die mir ins Gesicht gepeitscht werden. 
Innerhalb von Sekunden sind meine Haare, mein Schal, mein Mantel weiß und mein Gesicht eingefroren. 
Und weil ich inmitten einer Welt, in der niemand auf irgendetwas außer sich selber achtet, auch unter Menschen alleine bin, löst sich endlich die Sehnsucht aus meinen Augen und läuft mir über die Wangen.
Alles egal und doch so schmerzhaft.

Kati 07.01.2026, 16.10| PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

Begegnung

Ich trage so viel Schmerz in mir. 
Übergangsschmerz zwischen dem gewesenSein und dem Werden, das noch so wenig Form hat. 
Ich sehe meine Tochter, die so fruchtbar und wunderschön hell leuchtend in eine Zukunft startet, in der ihr ganzes Universum auf ein Wesen ausgerichtet sein wird, das sie lehren wird, was Liebe wirklich bedeutet. 

In mir ist nur Traurigkeit, Erschöpfung, Rückzug und Verletzlichkeit. Ich bin das Ende von etwas, das mir lange selbstverständlich war. In der Begegnung mit ihr reiben diese zwei Lebensphasen so schmerzhaft aneinander, dass ich mutlos zurückbleibe. Meine Identität als Mutter endet. Ich war fast zweieinhalb Jahrzehnte lang ausschließlich die Mama. Die Starke, die, die trägt, die eine existentielle Aufgabe hat, die niemand in Frage stellt. 
Ich habe Mutterschaft gelebt, vollständig, intensiv, mit jeder Faser meines Seins. Eine Identität, die mir Sinn gegeben hat. Ich verlasse also nicht nur eine Phase meines Lebens, ich verlasse eine jahrzehntealte Daueraufgabe, die mein Nevensystem strukturiert und alles um mich herum gehalten und getragen hat. 
Ich habe reguliert, erzogen, gehalten, getragen, ausgeglichen, geführt, geleitet, ermutigt, habe zugehört, war emotional ununterbrochen für alle in meiner Umgebung verfügbar. Und obwohl ich davon so müde bin, trauere ich. Ich trauere um die Version von mir, die sich so lange so sicher war, was ihre Berufung ist. 

Das, was jetzt folgt, hat keinen gesellschaftlich akzeptierten Namen außer alt
Im Patriarchat verliert eine Frau nicht nur Jugend, Schönheit und Fruchtbarkeit, sondern vor allem an Wert. 
Und ich merke das. Jeden Tag.

Kati 07.01.2026, 10.59| PL | einsortiert in: Vier gewinnt!

Auf ein Neues.

Ich stehe nach dem Duschen nackt und wundgeschrubbt auf der Terasse und genieße die Kälte, die mich so verlockend umhüllt. Klare Luft, Eiseskälte und Stille. Nur von mir geht ein schwacher Erdbeergeruch aus, der mich wohlig in der Nase kitzelt. 

Meine Vorsätze beziehen sich dieses Jahr auf Dinge, die ich lassen, statt auf Dinge, die ich tun will. Und so ist auch klar, dass das neue Jahr keinen schöpferischen Impuls aus kreativer Kraft geben kann, sondern mit Sorgen startet. Geldsorgen, Gesundheitssorgen, Beziehungssorgen, Kindersorgen, Tiersorgen. Und zum ersten Mal fühle ich Anfang Januar keinen Schaffensdrang. Der Schnee, der draußen liegt, berührt mich nicht, obwohl das zeitlebens mein Highlight des Winters war. Es dringt einfach nicht durch. Ich hänge beim Fotosortieren immer noch in düsteren Gedanken fest, was ich alles mit mir habe machen lassen, um meinen Wert als Mutter, Ehefrau, Tochter, Enkelkind, Freundin, Arbeitskraft zu beweisen und nichts davon hat mich wirklich weitergebracht. Also lösche ich weiter. Aus meiner Erinnerung kann ich es nicht löschen, aber als Zeitdokument muss ich es nicht behalten.

Kati 05.01.2026, 12.11| PL | einsortiert in: so Tage eben

Tagwerk

Weitere 18.000 Fotos gelöscht.

Kati 04.01.2026, 23.01| PL | einsortiert in: so Tage eben

Maßstab

Was der Mensch in seiner grenzenlosen Selbstüberschätzung als Intelligenz definiert, ist im Grunde nicht mehr als eine durch Mutation bedingte Überfunktion zu vieler neuronaler Zusammenschlüsse, die dafür sorgen, dass die ach so reflektierte Krone der Schöpfung Zeit ihres Lebens eine explosive Mischung aus Kindheitsprägung, Traumaantwort und Mechanismus bleibt, die versucht, sich ihre Nutzlosigkeit durch Sinn, Aufgabe und Bedeutung schönzureden. Dabei könnten wir dem Universum egaler nicht sein. Es kräht kein Hahn danach, ob wir existieren, was wir tun und warum wir handeln. In spätestens drei Generationen wird sich niemand mehr an unsere Namen erinnern. 

Die Stimme in unserem Inneren? Gewissen, Moral, Ethik, die wahnhafte Illusion, "richtig" handeln zu können? Nicht existent. Wir reden uns ein, dass die Gemengelage in unserem Kopf mehr sei, als nur das Produkt aus schmerzhaften Kindheitserinnerungen, Erziehungswunden, Lieblosigkeit und rudimentären Überbleibseln von Instinkten, die wir schon seit ewigen Zeiten nicht mehr benötigen. Dabei formt sie nur dauerhaft die größte Lüge, die wir uns jeden Tag selbst erzählen. Eingesperrt in Körper, die wir von Anbeginn selbst zerstören, getrieben von der Jagd nach einem Hirngespinst namens echter Liebe, von dem wir nicht ablassen können bis wir uns fortgepflanzt haben. 

Das pathologische Streben nach Glück, Weisheit und Optimierung vertreibt uns die Zeit, bis wir auch für unseren Nachwuchs wahrhaft nutzlos geworden sind. Ab diesem Zeitpunkt kämpfen wir verzweifelt gegen unsere stetig feuernden Synapsen, die uns nur zu deutlich fühlen lassen, dass die Kaskade aus Angst und Schweigen in unserem Kopf unser Ende ankündigt, während wir noch erbärmlich strampelnd versuchen, allem irgendwie einen Sinn aufzuzwingen, gefangen in einem Leben, das im Vergleich zum Großen und Ganzen schlichtweg bedeutungslos ist.

Kati 03.01.2026, 05.21| PL | einsortiert in: barfuß über Scherben

Ausmisten

Weiter geht die Sortiererei. Seelenreißen, als ich in die Jahre komme, in denen wir so viele Kaninchen hatten. Da sind sie alle. Meine Herzenstiere. Inzwischen warten wir nur noch darauf, dass die letzten Tiere, die wir hier abgeliefert bekommen haben, ihre Leben zuende gelebt haben. Keine Babys mehr, nur noch Altenpflege. Nur noch Ende, wo mal Leidenschaft war. Meine geliebten Kaninchen sind inzwischen alle tot. Es tut weh, ihre Bilder zu betrachten. Das war immer meine Tierart. Aber wozu noch? Sie binden mich ans Haus, wieder niemand da, der auf sie aufpassen oder sich vernünftig um sie kümmern würde, wenn ich nicht kann. Niemand, der das außer mir noch wollen würde. Ich lösche also Fotos und behalte meine Erinnerungen, die nur für mich noch Wert haben. Beim Memory bemerkt, dass viele Kaninchen, die dort auf Fotos vertreten sind, von den Familienmitgliedern gar nicht mehr zugeordnet werden können. Die Namen,nur noch Schall und Rauch. Ich bin traurig. 
Weiter Fotos sichten, weiter löschen.

Kati 02.01.2026, 20.35| PL | einsortiert in: so Tage eben

Neubeginn

Besuch abgebrochen, als ich gemerkt habe, es macht so keinen Sinn. Mit weinendem Herz, ein letztes Mal. Immer noch eine Organisationsfrage, wie ich es anstellen soll, dorthin zu kommen. Viele schmerzhafte Wahrheiten gehört. Viel Streit abgefangen, viele Verletzungen getröstet, viel den Mund gehalten. Meine Unwichtigkeit und Vergänglichkeit deutlicher gespürt als ohnehin schon. 
Der absolute Supergau dann am Abend. Ich weiß allmählich nicht mehr, wozu noch.

Kati 01.01.2026, 22.34| PL | einsortiert in: so Tage eben



Das Tragische an diesem Leben ist nur, dass es auf einer wahren Geschichte beruht.

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