14.03.2026

Krank. Bin seit Tagen richtig fies krank und es scheint mir, als hätte mein Körper dem Stress der letzten Wochen jetzt endlich nachgegeben. Ich huste, wache jeden Tag mit Kopfschmerzen oder wahlweise Migräne auf, habe mal wieder eine Nasennebenhöhlenvereiterung, die mir bei jedem nach vorne lehnen den Kopf explodieren lässt, zusätzlich zu Ganzkörperschmerzen, Schwindel und dem allgemeinen Gefühl, einfach gleich völlig unspektakulär zusammenzubrechen. Irgendwo in einer Ecke, damit es auch niemanden stört. Passend dazu lasse ich mein Handy inzwischen mal wieder ab und zu ganz vorsichtig auf höchster Lautstärke in einer Ecke liegen und hab es nicht mehr 24 Stunden an meinem Körper klebend, damit ich auch ja keinen verzweifelten Anruf eines weinenden Kindes verpasse, der Dauerstrom im Gehirn lässt ganz allmählich nach und das ist so nötig. Ich schlafe morgens, nachdem ich die Kinder aus dem Haus geschubst habe, ich schlafe mittags, wenn sie irgendwann in ihren Zimmern verschwunden sind, ich schlafe nachmittags bis ich Abendbrot kochen muss und ich gehe viel zu früh ins Bett um auch noch den nächsten Tag zu schaffen. Ich schlafe am Wochenende ganze Tage durch in der Hoffnung, dass irgendetwas davon besser wird, nachlässt oder vielleicht auch einfach nur aufhört. Die Sorgen bleiben. Meine Grenzen sind so deutlich fühlbar, was Arbeit angeht, dass auch hier nur noch Verzweiflung dominiert. Ich werde etwas finden. So lange verkaufe ich gerade Dinge, die in unserem Besitz und nicht mehr von Nöten sind. Ich zähle jeden Cent und so unangenehm die ganze Thematik auch ist, umso stärker werde ich aus ihr herausgehen. Die Ausbildung von Kindern ist  teuer. Das Leben mit Kindern und Tieren in einem Haus ist teuer. Wir wussten das. Der Preis muss gezahlt werden, so oder so. Ich hoffe, ich erhole mich einigermaßen schnell von dieser Krankheit, ich wollte, musste, sollte eigentlich noch mal zur Tochter zum Baby, in zwei Wochen ist schon Konfirmation ganz im Norden, zu der ich unbedingt hinwill, sind doch so viele Herzensmenschen dort. Auch hier Probleme, die noch gelöst werden müssen, ich bin so müde, allumfassend müde.

Kati 14.03.2026, 17.59| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

06.03.2026

Ich wache mit Migräne auf und Schwindel, Kopfschmerzen und Kreislaufbeschwerden multiplizieren sich mit jedem Kind, das die Treppe runtertrampelt. Meine Sorgen kreisen laut kreischend in meinem Kopf, während ich meine kleine Müslischale voller Medikamente als Frühstück zu mir nehme. Sofort wieder ins Bett ist nicht, ich muss mich gleich fertigmachen, absagen ist wie versagen, geht mich, mach ich nicht. Der erste Anruf des großen Kindes, ich halte aus, höre zu, bestätige, beruhige, vermisse, wäre gerne näher und weine ein paar stumme Tränen, das kann ich ja gut. Asgard hat gestern alle Probekekse für die Konfirmation gefressen, weil ein Kind die Küche aufgelassen hat, immerhin waren sie noch unverziert, sonst wären nicht nur teure Zutaten sondern auch Stunden an Arbeit für die Katz im Hund. Ludwig altert gerade massiv, er wird dieses Jahr 10 Jahre alt, ist grau, wird langsamer, doch so liebevoll ergeben, so aufmerksam, so pflichtbewusst und regeltreu wie eh und je, wann immer ich darüber nachdenke, ihn verlieren zu können, kommen wieder die Tränen. Ich weiß, man findet seinen Seelenhund immer nur einmal im Leben. Und ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass er und ich einmalig sind. Nach ihm wird es keinen Hund mehr für mich geben. Die Kriegerin hat Henriette inzwischen komplett vereinnahmt, Henriette ist nicht mehr mein Hund. War sie vielleicht auch nie. Die Kinder sind allesamt so verliebt in sie wie in keinen der beiden sturen Bollerköppe, die mein Herz tragen. Hunde finden ihre Menschen, schätze ich. Es ist, wie es sein soll. Ich muss heute Cookies für den Schwiegersohn backen und eine riesige Lasagne für die große Tochter. Beides können der Mann und die Kinder morgen mitnehmen, wenn sie dorthin fahren, um das Baby kennenzulernen und zu bestaunen. Ich möchte auch wieder hin. Möchte mein Kind umarmen, bewundern, sicher sein, dass es ihm gut geht. Ich verfluche all die Mitgroßeltern, die nicht erkennen, wieviel emotionalen Druck sie gerade aufbauen, indem sie um ein Neugeborenes rangeln und die Grenzen der Mutter missachten. Ich hasse Menschen. Der Schwiegersohn zeigt eine derart ausgeprägte emotionale Reife, dass mir die Luft wegbleibt. Er übernimmt so viel Verantwortung, zeigt Rückgrat, steht für meine Tochter und ihre Bedürfnisse ein und stellt sich vor sie wie der Schild, der er ihr geschworen hat, zu sein. Ich lerne gerade, ihn auf eine sehr besondere Art zu lieben.

Kati 06.03.2026, 09.04| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

05.03.2026

Ich trete nicht gegen Mechanismen an. Ich bin ein Mensch, dessen Traumaarbeit ihn gelehrt hat, dass er alles schafft. Es ist die Grundüberzeugung meines Lebens und sie wackelt nicht, egal, was andere sagen.
Ein Mensch, der mit derselben Vehemenz die Überzeugung vertritt, dass er eben nicht kann, eben nicht weiß, seinen Mechanismen hilflos ausgeliefert ist, wird sich von nichts und niemandem auf dieser Welt vom Gegenteil überzeugen lassen. Und ich weiß inzwischen, dass ich verliere, wenn ich es auch nur wage, dieses heilige Bündnis aus Trauma und Angst zu benennen. Ich kämpfe gegen eine gut eingespielte Einheit, die alles tun würde, um den StatusQuo nicht zu verlieren.
Also schweige ich. Halte aus. Halte durch. Und gehe irgendwann weiter. 

Morgen Kennenlerngespräch im Hospiz. Schauen, ob ich mich wohlfühlen kann, ob ich auch beruflich in eine Umgebung passe, in der sich Tod und Leben dauerhaft berühren. 
Alles im Umbruch. 

Das große Kind und ich reden viel, lange. Ich sagte vorgestern Nacht zu ihr: Mutterwerden ist kein sanfter Prozess. Es ist brutal, umwälzend und zeigt dir all deine Grenzen. Du fühlst dich innen wie außen roh und wund und deine Welt bleibt stehen, während alle anderen Menschen lächelnd ihr Leben weiterführen, als wäre nichts passiert. 
Ich bin demütig und dankbar, dass es diese Stunden zwischen uns gibt, in denen ich trotz meines Alltags hier in ihre Welt eintauchen darf und einen Moment mit ihr im Stillstand ausharre. Da, wo Körper und Seele wund sein dürfen. Im Schlafmangel, in den Zweifeln, in der Überforderung. Ich bin so stolz auf sie und höre, wie erschöpft sie ist. Weiß, ich kann, darf ihr nichts davon abnehmen, weil es der Beginn ihrer eigenen Geschichte ist. Aber ich kann da sein. Anerkennen. Die Tränen aushalten. 

Vielleicht ist das das, was ich mir immer für mich gewünscht hätte. Dass jemand da ist, der aushält. Ohne Problemlösung. Ohne Trösten, ohne Aktionismus, ohne Angst, ohne Selbstzentrierung - jemand, der einfach die ganze Wut, den Schmerz und die Tränen aushält. Jemand, der mitfühlt, aber nicht mitleidet. Der sich an meine Seite begibt, aber weder an mir festklammert noch an mir zieht, noch von meiner Wucht davongetragen wird, weil er sich nicht selbst halten kann. 

Der Konflikt zwischen dem großen Sohn und der großen Tochter ist für mich schwer auszuhalten. Ich kann beide Seiten in ihren Gefühlen anerkennen, aber es ist nicht an mir, das aufzuarbeiten. Ich spüre, wie groß die Verlustängste beim Kobold sind, wie nah die Erinnerungen, als die große Schwester damals einfach so gegangen ist. "Sie hat mich einfach so zurückgelassen" Mein Herz zieht sich zusammen, wenn ich diese Worte höre. Ich fühle den Schmerz noch so lebendig in mir wie kaum etwas anderes. Ich habe das in den letzten Jahren mit ihr aufgearbeitet, die beiden müssen diesen Schritt noch gehen. Und es obliegt nicht mir, das zu steuern. Es sind zwei erwachsene Menschen, die ihre eigenen Konflikte austragen müssen. Übungsfeld. Sehr großes Übungsfeld.

Dazu kommt seine Sehnsucht nach dem Auszug. Ich verstehe ihn so gut und spüre, wie er kämpft, nach Möglichkeiten sucht und viel zu oft noch an seine eigene Limitierung glaubt. Ich habe Vertrauen, dass er seinen Weg finden wird, so wie er ihn bislang immer gefunden hat, auch wenn es einfach mehr Zeit braucht und oftmals verschlungene Pfade nimmt. Er ist mein Baby und wenngleich genau das immer mein oberstes Ziel war, ist es hart, ihn ziehen zu lassen. 

Wo ein paar hundert Kilometer weiter Mutterschaft gerade erst beginnt, endet hier einmal mehr meine unmittelbare Zuständigkeit und das ist herausfordernder als ich es mir jemals hätte ausmalen können. Ich sehne mich so sehr nach Beständigkeit in meinem Leben. Nach jemandem, der genau die Frau sehen kann, die ich heute bin. 

Kati 05.03.2026, 10.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

04.03.2026

Drei telefonische Bewerbungsgespräche später muss ich mich den bitteren Tatsachen stellen. Mein Körper wird die kommunizierten Anforderungen nicht schaffen. Die Stelle im Hospiz steht noch aus, ich habe gesagt ich melde mich noch einmal, um ein Treffen zu vereinbaren, nachdem sie sagten, ich bringe perfekte Voraussetzungen mit und sie möchten mich nur noch persönlich kennenlernen. Aber um ganz ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Ich verzeichne seit etwa drei Monaten einen vergleichsweise rasanten Anstieg meiner körperlichen Belastungsfähigkeit nach dieser ganzen Post-Covid-Scheiße, aber habe letzte Woche sehr deutlich gemerkt, wie mich einige Tage Schlafmangel, Stress und lange Autofahrten außer Gefecht setzen. Ich kann schon seit Jahren nicht mehr schmerzfrei laufen und die ständigen Treppen und gelaufenen Kilometer bei der Tochter haben meinen Knien nicht gut getan. Aber ich brauche dieses Geld, um die Rechnungen abzufangen. Die Führerscheine der Kinder, die große Tochter und das Baby, die mich doch deutlich intensiver brauchen als ich mir das je hätte vorstellen können, die Nachzahlungen fürs Gas, Strom, Wasser, der ganz normale Alltagswahnsinn, wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Ich weiß, ich werde einen Weg finden, auch wenn ich ihn noch nicht sehe. Und die Suche nach ihm beschäftigt mich zumindest, während meine brennenden Träume mir die Umgebung erleuchten. Einfach immer weiter, nur noch ein paar Jahre durchhalten.

Kati 04.03.2026, 10.41| PL | einsortiert in: Daily

03.03.2026

Ich liege nachts wach und grüble. Ich sehe, wie die letzten Reserven schwinden und ich habe kaum eine Möglichkeit, irgendetwas zu tun. Ich muss irgendwie Geld verdienen und ich habe keine Ahnung, wie ich mich so hoch schilden soll, damit wir das schaffen. Die letzten Wochen und Monate haben die Mauern bereits so hoch gezogen, dass ich nur noch ich bin und keinerlei Entspannung mehr möglich ist, in der wir alle ein Leben leben dürfen. Aber vielleicht ist das jetzt auch egal, jetzt, wo die letzten Illusionen zerplatzt sind. Mein Lebenswerk ist so allumfassend zusammengebrochen, dass ich erst jetzt sehe, dass mein Schloss nur auf Sand gebaut war.

Kati 03.03.2026, 08.46| PL | einsortiert in: Daily

Geschafft

So dankbar für die Menschen, die mich in den letzten Tagen wirklich gesehen und emotional gehalten haben, wo ich - in dunklen Erinnerungen, Anspannung, dünnen Nerven und massiven körperlichen Symptomen gefangen - gedacht habe, ich verliere den Verstand.

Kati 22.02.2026, 06.45| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Meine geliebte große Tochter,

ich stehe gerade nicht neben dir, um deine Hand zu halten, aber ich bin dir seit Tagen so nah, wie eine Mutter ihrer Tochter nur sein kann. 
Ich versuche, gedanklich einfach bei dir zu sein und meinen Teil unserer Geschichte zu halten, ohne etwas lenken zu wollen. 
Du darfst genau dort sein, wo du gerade bist. 
Müde. Überfordert. Hoffnungsvoll. Verzweifelt. Kraftvoll. Erschöpft. Alles nebeneinander. 
Ich vertraue dir und deinem Körper. Ihr werdet diesen Kraftakt des Gebärens gut bewältigen. 

Ich danke dir für dein Vertrauen, mir zwischendurch kleine Einblicke zu schenken - ich werde sie Zeit meines Lebens als kostbaren Schatz hüten. 

Du bist gut aufgehoben. 
Bei Hebammen, die dich mit Erfahrung begleiten, bei Ärzten, die dich medizinisch beraten und in den Armen deines Mannes, der dich hält, damit du dich fallen lassen kannst. 
Auch ich bin da. Immer noch deine Mama. Nur anders als früher. Und ich freue mich darauf, dich in wenigen Stunden als Mutter erleben zu dürfen. 

Ich bleibe hier an meinem Platz und bin jederzeit erreichbar. Nahe genug, dass du mich spüren kannst, aber weit genug weg, damit ihr drei den Beginn eurer eigenen Geschichte erschafft. 

Ich liebe dich.

Kati 21.02.2026, 19.52| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Traumaantwort

Zeit meines Lebens wurde durchgehend meine Privatsphäre missachtet. 
Ich hatte schon früh das verstörende Gefühl, dass das Schlimmste, was insbesondere meine Mutter mir antat, gar nicht der Missbrauch und die körperliche Gewalt an sich war, sondern die Momente, in denen ich völlig schutzlos aus dem Schlaf gerissen wurde, in denen Türen zum Badezimmer aufgestoßen wurden, in denen ich nackt unter der Dusche stand und plötzlich von gierigen Augen begutachtet und von schmierigen Fingern betastet wurde, in denen ich krank und mit Schmerzen im Bett oder im Krankenhaus lag und mich gegen ihre Übergriffe innerlich nicht wappnen konnte. 
Es war immer der verletzliche Moment, in dem ich nicht vorbereitet war. 

Ich lernte im Laufe der Zeit, wann sie am tiefsten schlafen, am unaufmerksamsten sind, am wenigsten Interesse an mir haben. Bin über Jahre hinweg zwischen 3 und 4 Uhr nachts aufgestanden, um heimlich duschen zu können, heimlich in Ruhe zu essen, heimlich einen Moment durchatmen zu können. Nur einen Moment Privatsphäre, nur einen Moment Ruhe, nur einen winzigen Moment Sicherheit. In einem Zuhause, das mich hätte schützen sollen und müssen, an einem Ort, der mir Zuflucht hätte sein sollen. Ich zog Dinge an, die sich möglichst mühsam ausziehen ließen, quetschte mich in Hosen, die nur schwer über meine Hüften rutschten, schlief komplett angezogen, lief so oft es ging nach draußen in den Wald, um auf Toilette zu gehen, damit sie mich nicht wieder im Bad überfallen konnte, um "die Zeit zu nutzen", mich anzustarren, zu untersuchen oder einfach nur zu demütigen. 
Ich konnte immer spüren, wie sie hinter mir stand und mich schweigend beobachtete. Meinen Körper musterte. Noch heute bekomme ich kalte Schweißausbrüche, wenn jemand schweigend in meinem Rücken steht und mich beobachtet. Türen versperrt oder schlimmer, einfach in Räume kommt und sich nicht vorher bemerkbar macht. 
Ich musste schlafen erst lernen. Nicht mehr in der Sekunde, in der ich wach wurde, sofort alle Sinne beisammen haben zu müssen, weil man entweder schon angefasst wird oder eine Übung anstand oder jemand in einer Zimmerecke sitzt und mich beobachtet. Auch heute ist mein Schlaf noch das Intimste, das ich jemandem anvertrauen kann.

Wir haben im Hier und Heute strikte Regeln. Niemand betritt ein Zimmer, ohne anzuklopfen und darauf zu warten, dass geantwortet wird. Das war mit so vielen Kindern, die Privatsphäre von Eltern erstmal als quasi nicht existent betrachten, ein harter und schlafloser Weg. 
Ich kann meine Traumaantwort nicht ändern, ich weiß, dass das nicht möglich sein wird. Der Mechanismus wird immer anspringen. Aber ich habe mir ein Leben geschaffen, in dem ich damit über weite Strecken gut umgehen kann.
An Tagen wie diesen, wo ich weiß, ein fremder Mensch wird mein Grundstück, meine Grundfeste, mein Haus, meine Zuflucht betreten, kreischt die Programmierung wieder laut im Gehirn. Auch das ist okay. Es ist wie es ist. Ich habe nur dieses eine Leben und ich werde mich wohl nie wirklich sicher fühlen. 

Aber hier, mit einem Bären an der Seite, der mich vehement anbrummelt, wenn ich mich in Erinnerungen zu verlieren drohe und mich zurückholt, wenn ich innerlich zersplittere, kann ich ein Stück Verletzlichkeit zulassen und weine nicht mehr aus Panik, sondern um das Kind, das ich nie sein durfte. 

Kati 05.02.2026, 10.16| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Tabu

Ob ein Tabu wirklich ein Tabu ist und ob Ethik und Moral wirklich das sind, was man sich auf die Fahne geschrieben hat, merkt ein Mensch meistens dann, wenn es unbequem wird, diese Dinge aufrechtzuerhalten.

Charakter ist nicht das, was im Licht strahlt, sondern das, was sich offenbart, wenn man die Dunkelheit durchquert. 

Kati 02.02.2026, 11.37| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Manipulation

Die unverhohlene Forderung, ich müsse meinem Gegenüber zumindest mal etwas entgegenkommen, drückt meine roten Knöpfe schon lange nicht mehr. Wäre ich in der Vergangenheit sofort in Selbstzweifel versunken, ob ich vielleicht doch zu hart, zu unnachgiebig, zu wenig entgegenkommend wäre, löst diese Respektlosigkeit in Anbetracht aller jemals geführten Gespräche heute nur noch Ablehnung und Ekel aus. 
Ich lasse mich nicht mehr benutzen.

Kati 01.02.2026, 15.42| PL | einsortiert in: Daily

Lebendigkeit

Ich weiß es doch eigentlich besser. 
Es ist ganz allein meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass ich mich nicht der Gefahr aussetze, in einem Umfeld zu leben, in dem ich ständig unter Strom stehe und in 100% der Zeit wachsam sein muss, weil sonst meine Grenzen überschritten werden.
Ich wusste, dass ich mich weder auf Versprechen noch Beteuerungen verlassen kann und ich hätte wissen müssen, dass es irgendwann passiert, dass alles in mir kippt.
Und bei Gott, hat sich das gut angefühlt. Endlich echtes Gefühl, endlich Resonanz, endlich Präsenz.
Nie wieder! skandiert die eine Seite in mir.
Mehr! brüllt die andere. 

Kati 23.01.2026, 11.15| PL | einsortiert in: Ehe

Druck

Keine Zeit, keine Zeit... 
Morgens um 7 Uhr die ersten 10 Kilo Putz anzurühren, um die Wände fertig zu bekommen, damit man nach dem Abtrocknen dann das Esszimmer endlich streichen und fertig machen kann, so lange zu fünft in der kleinen Gartenküche ohne Tisch einfach beim Essen herumzustehen oder zu sitzen oder sich gedrängt an die Arbeitsplatten zu stellen, jede Minute kann der Anruf kommen, dass die Geburt losgeht, die Esszimmerschränke stehen aktuell vor meinen Schränken, in denen sich die Karten und das Geschenk zur Geburt befindet, dazu die Autofahrschulkatastrophen der beiden Chaotenkinder, der Marder hat erneut das Autokabel angenagt, ich habe keine Ahnung, wann ich wie wo was am besten machen soll, ich bin mitten in der depressivsten und hoffnungslosesten Phase meines Lebens und laufe nur noch auf Hochfunktionalität, ich weiß das. 

Ich betreibe Raubbau an meinem Körper, an meinem Geist und an meiner Seele und habe oft so dunkle Gedanken, die zäh wie flüssiger Teer an mir kleben und sich weder abschütteln noch abwaschen lassen, also schleppe ich mich mit ihnen durch die Tage, immer weiter, immer weiter, gehetzt von einem äußeren Umstand nach dem nächsten, nichts mehr im Griff, nichts mehr unter Kontrolle, einfach nur noch mitlaufen, rennen, kriechen, immer weiter. 

Meine Unfähigkeit, mich begreiflich zu machen, belastet nicht nur mich, sondern auch meinen Gesprächspartner und wo ich Grenzen kommuniziere, ernte ich nur Unverständnis und selbstzentrierten Fokus, der mich unsichtbar, unbegreifbar, unwichtig macht. 
Nicht mein Inhalt wird gehört, sondern die Form, was schwer ist, wenn jemand wie ich nur noch mit dem Rücken zur Wand versucht, sich schreiend, wütend, innerlich verzweifelt weinend Gehör zu verschaffen, wo Worte nicht auf emotionalen Resonanzboden sondern intellektuelle Analyse fallen.

Kati 21.01.2026, 09.50| PL | einsortiert in: Daily

Tiefpunkt

Dachte ich doch die gesamte vergangene Woche, der Tiefpunkt wäre erreicht, setzt das Wochenede noch mal mühelos einen drauf. Oder besser - drunter. Egaler als jetzt kann mein Leben wohl nicht werden.

Kati 19.01.2026, 08.07| PL | einsortiert in: KinderKinder

Entspannung

Das Baby liegt flach. Was sich gestern im Laufe des Tages schon angekündigt hat, gipfelte spätabends in hohem Fieber und völliger Erschöpfung. Mein Geruchssinn, der mir so zuverlässig meldet, wenn eins der Kinder einen Infekt in sich trägt, schweigt. 

Also gebe ich meiner Intuition nach und sehe die Symptome als das, was es vermutlich ist: Völlige Entspannung von Körper, Geist und Seele nach so vielen Tagen ohne Privatsphäre, ohne das eigentlich nötige Kuscheltier, ohne Raum oder Ruhe für sich selbst, immer getrieben von einem Tagesprogramm, auf das man keinen Einfluss hatte, umgeben auch von Menschen, die man nicht ständig alle um sich haben möchte, genährt von Nahrungsmitteln, die keine Sicherheit vermitteln. 
Was ich sonst mittags schon massiv auffangen muss, wenn die 6-8 Stunden Höchstfunktionalität in der Schule ihren Tribut fordern, macht sich nach über einer Woche um ein Mehrfaches potenziert bemerkbar.
Also bleibt er zuhause, ich schweige still, wenn er sich an mich kuschelt, halte ihn, wenn er völlig zerstreut in meinem Arm zu vergessen scheint, wo er gerade ist oder was er tun wollte. Er bekommt Wohlfühlessen, Wohlfühltrinken, Wohlfühlatmosphäre, Schlaf, was immer er braucht, damit sein innerstes Selbst wieder in seine Mitte findet. 
Es ist unglaublich, was er da in den vergangenen Tagen geleistet hat. Ich bin so unendlich stolz, dass er voll freudiger Erinnerung auf diese Skifahrt zurückblickt und auch in der Kommunikation mit mir ganz klar trennen kann: Das war ein Riesenspaß mit besten Freunden und es war anstrengend bis überfordernd für mich.

Die Ambiguitätstoleranz, beides nebeneinander ohne Abwertung des jeweils anderen stehen lassen zu können, ist neu. 

Kati 15.01.2026, 13.01| (3/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

Der mentale Kreis [ad absurdum]

Wenn der Wunsch nach Veränderung in der Theorie verweilt, dann wird aus Reflexion sehr schnell Selbstbetrug. 

Intellektualisierung ist vielleicht unsere größte Stärke, um Verhaltensweisen zu überdenken, ohne Aktion aber gleichzeitig nicht mehr als ein klassischer Abwehrmechanismus, um Gefühle, Unsicherheiten und Ängste durch Planung, Erklärung oder Handlungskonzepte einfach totzudenken. 
Der Kopf arbeitet, damit weder Gefühl noch Körperlichkeit zugelassen werden müssen.
Denken ist Distanz, Handlung ist Verbindlichkeit und damit Risiko für jeden, der Nähe und Verletzlichkeit als potentielle Gefahr erlebt. 

Das Perfide daran ist, dass unser eigener Geist uns vorgaukelt, so reflektiert, reif und mutig zu sein, denn wir beschäftigen uns ja den ganzen Tag mit diesen Gedanken und laufen nicht vor ihnen davon. 
Dabei tun wir genau dies. Wir verstecken uns hinter Einsichten, die wir nicht verkörpern, sondern auf einer leblosen Denkebene archivieren und nennen das dann Weiterentwicklung. Ständige Recherche, Listen mit Plänen, Umarbeiten von Themen, wiederholte Diskussionen ein und desselben Themas sorgen dauerhaft für ein Gefühl echter Bewegung, ohne jemals die Unsicherheit von realem Handeln ertragen zu müssen, denn jede Veränderung ist gleichzeitig Kontrollverlust und Kontrolle ist alles, was man noch hat. 

Wer wäre ich also, dieses Konzept anzugreifen, wenn der Strohhalm namens Kontrolle der einzige Schild ist, der einem Menschen im illusorischen Wahn, sich damit vor emotionalem Schmerz schützen zu können, bleibt? 
Denken als neutraler Zwischenraum, in dem Nähe theoretisch überlegt werden kann, sich aber niemand wirklich näher kommt.

Ich darf mich diesem Versteckspiel verweigern.

Kati 15.01.2026, 09.33| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Abbruch

Leise rieselt der Putz...

Nachdem wir die Heizungen im Esszimmer voll aufgedreht haben und der Putz ein paar Tage trocknen konnte, kommen nun weitere große Platten davon von der Wand. Am Freitag kommt der Dachdecker, der sich die Hausecke ankuckt, denn es ist nasser als es sein dürfte, Bruchstein hin oder her. Leider regnet es zusätzlich wieder in Strömen, das Haus wird nass, die Wand ist nass, wir trocknen von innen gegen, es ist alles sehr unerquicklich. Aber gut, immerhin etwas zu tun zusätzlich zu den ganzen Waschladungen, die gerade anfallen, weil das Baby aus dem Skiurlaub zurück ist und zumindest heute auch nur halb so schlimm aus demselben Grund: Ich habe das Butzebaby wieder. 
Er hat sogar daran gedacht, mir ein Souvenir mitzubringen und der dritte Satz nach seiner Ankuft (während er schon ausgehungert Käsekartoffelpürre und Fischstäbchen in sich hineinstopfte) war: "Endlich wieder richtiges Essen." Wir sind also wieder komplett, er durfte den Tag heute durchatmen und morgen beginnen dann wieder Schule und Alltag. 

Kati 14.01.2026, 18.12| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Leute...

ihr spinnt doch. 
Der Ko-fi Link ist für eine Tasse heißen Kakao unterwegs auf 1 Euro eingestellt.
Das ist mein absolutes Guilty Pleasure, wenn ich vom Laufen mit Lu und Henriette am Hundestrand zurückkomme, denn dann komme ich da vorbei. 
Und ich liebe es, wenn jemand mir eine Freude macht. 
Für 3 Euro kann ich den Hasen einen Strohballen beim Bauern kaufen, 5 Euro sind das, was ich bei jedem Tierarztbesuch in der Kaffeekasse dort lasse, auch das ist wundervoll, wenn das jemand für die Bären übernimmt und ich freue mich über alles, was ihr mir schenkt, von ganzem Herzen. 
Es ist aber nicht nötig. Wir kommen über die Runden, das sind wir immer. 
Wir sind über die Runden gekommen, als ich mit den Kindern das Spiel gespielt habe, in Mülleimern nach Pfandflaschen zu suchen, wir sind über die Runden gekommen, als wir Erwachsenen nur Nudeln gegessen haben, wir sind wirklich gut aufgestellt, auch wenn wir Geldsorgen hatten und haben. 
Wir sind inzwischen so fucking privilegiert, ehrlich. Wir haben ein Haus, wir haben Kinder, deren Ausbildung wir uns leisten können, wir haben Haustiere, wir haben einen wirklich guten Verdienst, der zwar momentan aufgrund von Gründen nicht unsere Ausgaben deckt, aber ich bin die Letzte, die um Geld bitten würde, denn wir sind so scheißreich an allem, wovon andere Menschen nur träumen können. Alles andere findet sich, das hat die Zeit immer wieder gezeigt.

Ich bin zutiefst dankbar für jede Aufmerksamkeit, die ihr mir über Ko-fi zukommen lasst. Punkt. 
Mir ist es zusätzlich wichtig, dass jeder weiß, dass ich nicht in finanzieller Not bin.
Nie. 
Ich lehne diese Perspektive für mich vollkomen ab.

Und vielleicht gerade deswegen oder trotzdem: Danke.

Kati 12.01.2026, 14.11| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Küche, Kinder, Katastrophen

"Der nervige kleine Mensch aus diesem Haus fehlt ja doch irgendwie." 
Das ist wohl schon die ultimative Liebeserklärung, die man als große Schwester machen kann. 
Der große Sohn überträgt seine eigenen Gefühle gnadenlos auf mich: "Da bist du aber froh, wenn er diese Woche wiederkommt, hm? Das ist ja doch schon sehr ruhig hier ohne ihn. Jajaja, ich weiß, ich beschwer mich immer, aber das ist ja wirklich sehr still hier. Das muss dir ja fehlen." 
Ich rolle also einigermaßen liebevoll die Augen und wende mich wieder meinen eigenen Problemem zu, denn nachdem wir gestern das Esszimmer zum Renovieren ausgeräumt haben, kamen uns Teile von zwei Wänden entgegen, die im Winter ausgeblüht sind. 
Mal wieder die fatale Kombination von zu viel Nässe und falschem Putz. Ich habe also alles runtergerissen, was lose und bröselig war und nun schiebt sich die Renovierung um Abtrocknen der Wände und Verputzen und Abtrocknen des Putzes nach hinten, während wir kein Esszimmer mehr haben, dann eben die nächsten zwei Wochen stehend in der Küche essen, alle Schränke im Wohnzimmer stehen, aller Inhalt der Schränke in der Gartenküche untergebracht wurde und Ludwig vor lauter Stress 240 Liter Schaumstoffschnipsel aus einem großen Sitzkissen im Wohnzimmer verteilt hat und wir knietief durch das statisch aufgeladene Zeug waten mussten, um es in mühevoller Handarbeit in Müllsäcke zu stopfen. Schönschön. 
Die Woche wird ja vielleicht besser als das Wochenende.

Kati 12.01.2026, 12.39| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

1 Jahr

Es ist jetzt fast ein Jahr her, dass hier thematisch ein Tor zur Hölle geöffnet wurde. Und wenn ich mir die Trag- und Reichweite dieser erst als Arbeitshypothese in den Raum gestellten Diagnose eines anderen Menschen ansehe, dann ist es doch wirklich erstaunlich, dass meine Bruchlandung erst nun kommt. Wie lange habe ich diesen Scheißvogel in der Luft gehalten, trotz aller fatalen Auswirkungen, die dieses Thema an Erkenntnissen für mich mit sich brachte? Mein gesamtes Selbstverständnis, meine Rolle und nicht zuletzt Entscheidungen, die ich vor Jahrzehnten getroffen habe, basieren allesamt auf falschen Annahmen. Das ist ein verdammt großer Frosch zu schlucken. Und trotzdem habe ich Monate damit verbracht, selber ungesehen meine gesamte Energie zu jemand anderem fließen zu lassen. Und selbst als sich das als kontraproduktiv herausstellte und ich völlig alleine war, habe ich es bis auf wenige Ausnahmen geschafft, meine Struktur aufrechtzuerhalten, die mir die Selbstwirksamkeit schenkt, die ich benötige, um weiterzumachen. Eine Freundin framte das mal als "so tun, als wäre alles in Ordnung" und das hat mich zutiefst verletzt. Denn das Umschalten aus der Trauer und der Verzweiflung und dem Schmerz heraus ist eine meiner absoluten Meisterfähigkeiten. Ich kann das in Perfektion und es ist vielleicht der Skill meines Lebens. All diese Gefühle und Ohnmacht zur Seite schieben zu können, damit sie mich nicht übermannen und sie zu einem Zeitpunkt meiner Wahl herausfließen zu lassen, um sie zu verarbeiten. Ich will kein Befehlsempfänger meiner Hilflosigkeit sein. Mein Wissen, dass ich in meinem Leben immer auf die Füße fallen werde, ist untrennbar damit verbunden und nichts davon ist gespielt. Nichts in mir "tut so", als wäre alles in Ordnung. Ich habe mein Gehirn in diesen Momenten aber so weit im Griff, dass ich mich für Stunden, Momente, Situationen aus der Trauer lösen kann und das ist das,was mir die Kraft gibt, ihr in anderen Momenten erneut zu begegnen. Was Menschen in dieses Verhalten hineininterpretieren oder daraus ableiten, ist nicht mein Problem.

Kati 10.01.2026, 12.08| PL | einsortiert in: KinderKinder

Ungelesen

Ich sehe alle Nachrichten in meinem Postfach, sie warten dort, ungelesen. 
Ich kann sie noch nicht öffnen. 
Die schiere Tatsache, dass sie dort ausharren, ich gesehen bin und Menschen sich Zeit genommen haben, etwas zu schreiben, nachdem die Dunkelheit alles weggerissen hat, spendet Trost.

Kati 09.01.2026, 10.52| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Durchlässigkeit

Meine engsten Vertrauten sind Menschen, die - Überraschung! - sich hervorragend zusammenreißen können. Sie nutzen dafür ähnliche Methoden wie ich - selbstverletzendes Verhalten, Betäubung durch Essen/Alkohol/Rauchen/anderes, Sarkasmus, Ironie, Bissigkeit, schwarzer Humor - und bleiben dabei stets für sich, weil sie schon als Kinder gelernt haben, dass in diesem Leben niemand kommt und einen rettet. Die Grenzen, die sie dabei verteidigen, um nicht echte Gefühle zulassen oder gar zeigen zu müssen, sind absolut.
Auch das erinnert mich an mich selber.

Wenn ja doch niemand kommt und dir hilft, warum sollte man dann das Risiko eingehen, und auch noch Verletzlichkeit zeigen? Sie macht einen doch nur schwächer. Noch hilfloser, als man ohnehin schon war? War in den Händen der Menschen, deren Aufgabe es war, einen zu lieben und sich um einen zu kümmern doch nur eine weitere Waffe, mit der sie dir Schmerz zufügen konnten, wenn du deinen Schutzwall aus Unaufmerksamkeit oder im irrtümlichen Glauben, es sei jemand für dich da, sinken lässt. Natürlich lernt man aus diesen Fehlern, die nie welche waren, die dich aber dazu verdammt haben, ein Leben im Überlebensmodus führen zu müssen, selbst heute, wo diese Menschen so fern in der Vergangenheit liegen und du all das nicht mehr brauchst. 
Aber so funktioniert Trauma.
So funktionieren Mechanismen.
Die Traumaantwort sichert heute nicht mehr dein Überleben, sie ist sinnloses Überbleibsel aus einer Zeit, in der sie dir gut diente und inzwischen ohne echte Funktion über dich herrscht. 
Und was ist das für eine Schreckensherrschaft, wenn sie alle deine Gedanken kontrolliert?

Ich habe erst in den letzten Jahren mühsam gelernt, dass Zusammenreißen nicht dasselbe ist wie echte emotionale Regulation. 
Emotionale Regulation ist durchlässig, mauert nicht. 
Steht auch in Verletzlichkeit und Schmerz ruhig für sich, ohne in eine dieser Verhaltensweisen zu kippen.
Ich habe von all diesen Verteidigungsmechanismen endgültig die Schnauze voll. Will in einem sicheren Umfeld das, was ich mein Leben lang als Schwäche empfunden habe, kommunizieren und leben, um mich nicht weiter selbst zu verleugnen.
Ich will keine Wirdschons, keine Alleswirdguts, keine Mussjas, keine Witzchen, keine Hilftjanix' mehr, ich will Begegnung.

Im Zusammenspiel und in Beziehung zu Menschen, die das anders leben, muss ich mich zunächst nur um mich selbst kümmern, ich bin der einzige Mensch auf dieser Welt, den ich ändern kann.
Die Liebe zu ihnen berührt das alles nicht, wohl aber meinen Umgang mit mir in solchen Situationen, in denen ich mich davor schützen will und muss, wieder in meinen eigenen Mechanismus zu kippen. 

Kati 09.01.2026, 10.47| PL | einsortiert in: KinderKinder

Struktur

Jetzt wo das kleine Kind für etwas längere Tage weg ist, merke ich erst, wie sehr unser aller Alltag auf sein Bedürfnis nach innerer und äußerer Ordnung ausgelegt ist. Und automatisch entspanne ich. Lasse Dinge liegen, lebe in einem Rhythmus, der mehr meiner als seiner ist. Hier ist zum Glück (bis auf den Mann) niemand mehr, den das stört und so muss ich auch keinen Aktionismus ertragen, bei dem jemand versucht, meine Nachlässigkeiten noch schnell aufzuholen, sondern es darf einfach liegen bleiben und ich fühle dabei so viel Freiheit und Ruhe. Das fängt in der ritualisierten morgendlichen Hektik an, die mehr einer einstudierten Performance gleicht als einem Alltag, den ich freiwillig leben würde, aber ihm ausreichend viel Sicherheit und Struktur vermittelt, um in seinen Tag zu starten.

Die Worte, die Handlungen, die genau bemessene Interaktion, das repetitive Aneinanderreihen von jahrelang gewachsenen Verhaltenselementen und das Wissen darum, dass bei einem Fehltritt der Meltdown oder schlimmer Shutdown droht. Ich nehme es im Alltag nicht so sehr als Zwang wahr, aber jetzt, wo er fehlt, ist das Durchatmen in mir deutlich spürbar.
Ich habe entschieden, diese Tage zu genießen, obwohl ich mir Sorgen mache, wie er zurechtkommt, was ich hinterher auffangen muss und ich ihn mit jeder Faser meines Mutterseins vermisse. Mein Baby. Mein Nesthäkchen. Und mein besonderer Butz.

Kati 08.01.2026, 15.22| (3/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Gefühl

Es stürmt. Eiskalt. Mit widerlich nassen, großen Schneeflocken, die mir ins Gesicht gepeitscht werden. 
Innerhalb von Sekunden sind meine Haare, mein Schal, mein Mantel weiß und mein Gesicht eingefroren. 
Und weil ich inmitten einer Welt, in der niemand auf irgendetwas außer sich selber achtet, auch unter Menschen alleine bin, löst sich endlich die Sehnsucht aus meinen Augen und läuft mir über die Wangen.
Alles egal und doch so schmerzhaft.

Kati 07.01.2026, 16.10| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Begegnung

Ich trage so viel Schmerz in mir. 
Übergangsschmerz zwischen dem gewesenSein und dem Werden, das noch so wenig Form hat. 
Ich sehe meine Tochter, die so fruchtbar und wunderschön hell leuchtend in eine Zukunft startet, in der ihr ganzes Universum auf ein Wesen ausgerichtet sein wird, das sie lehren wird, was Liebe wirklich bedeutet. 

In mir ist nur Traurigkeit, Erschöpfung, Rückzug und Verletzlichkeit. Ich bin das Ende von etwas, das mir lange selbstverständlich war. In der Begegnung mit ihr reiben diese zwei Lebensphasen so schmerzhaft aneinander, dass ich mutlos zurückbleibe. Meine Identität als Mutter endet. Ich war fast zweieinhalb Jahrzehnte lang ausschließlich die Mama. Die Starke, die, die trägt, die eine existentielle Aufgabe hat, die niemand in Frage stellt. 
Ich habe Mutterschaft gelebt, vollständig, intensiv, mit jeder Faser meines Seins. Eine Identität, die mir Sinn gegeben hat. Ich verlasse also nicht nur eine Phase meines Lebens, ich verlasse eine jahrzehntealte Daueraufgabe, die mein Nevensystem strukturiert und alles um mich herum gehalten und getragen hat. 
Ich habe reguliert, erzogen, gehalten, getragen, ausgeglichen, geführt, geleitet, ermutigt, habe zugehört, war emotional ununterbrochen für alle in meiner Umgebung verfügbar. Und obwohl ich davon so müde bin, trauere ich. Ich trauere um die Version von mir, die sich so lange so sicher war, was ihre Berufung ist. 

Das, was jetzt folgt, hat keinen gesellschaftlich akzeptierten Namen außer alt
Im Patriarchat verliert eine Frau nicht nur Jugend, Schönheit und Fruchtbarkeit, sondern vor allem an Wert. 
Und ich merke das. Jeden Tag.

Kati 07.01.2026, 10.59| PL | einsortiert in: KinderKinder

Auf ein Neues.

Ich stehe nach dem Duschen nackt und wundgeschrubbt auf der Terasse und genieße die Kälte, die mich so verlockend umhüllt. Klare Luft, Eiseskälte und Stille. Nur von mir geht ein schwacher Erdbeergeruch aus, der mich wohlig in der Nase kitzelt. 

Meine Vorsätze beziehen sich dieses Jahr auf Dinge, die ich lassen, statt auf Dinge, die ich tun will. Und so ist auch klar, dass das neue Jahr keinen schöpferischen Impuls aus kreativer Kraft geben kann, sondern mit Sorgen startet. Geldsorgen, Gesundheitssorgen, Beziehungssorgen, Kindersorgen, Tiersorgen. Und zum ersten Mal fühle ich Anfang Januar keinen Schaffensdrang. Der Schnee, der draußen liegt, berührt mich nicht, obwohl das zeitlebens mein Highlight des Winters war. Es dringt einfach nicht durch. Ich hänge beim Fotosortieren immer noch in düsteren Gedanken fest, was ich alles mit mir habe machen lassen, um meinen Wert als Mutter, Ehefrau, Tochter, Enkelkind, Freundin, Arbeitskraft zu beweisen und nichts davon hat mich wirklich weitergebracht. Also lösche ich weiter. Aus meiner Erinnerung kann ich es nicht löschen, aber als Zeitdokument muss ich es nicht behalten.

Kati 05.01.2026, 12.11| PL | einsortiert in: Daily

Tagwerk

Weitere 18.000 Fotos gelöscht.

Kati 04.01.2026, 23.01| PL | einsortiert in: Daily

Maßstab

Was der Mensch in seiner grenzenlosen Selbstüberschätzung als Intelligenz definiert, ist im Grunde nicht mehr als eine durch Mutation bedingte Überfunktion zu vieler neuronaler Zusammenschlüsse, die dafür sorgen, dass die ach so reflektierte Krone der Schöpfung Zeit ihres Lebens eine explosive Mischung aus Kindheitsprägung, Traumaantwort und Mechanismus bleibt, die versucht, sich ihre Nutzlosigkeit durch Sinn, Aufgabe und Bedeutung schönzureden. Dabei könnten wir dem Universum egaler nicht sein. Es kräht kein Hahn danach, ob wir existieren, was wir tun und warum wir handeln. In spätestens drei Generationen wird sich niemand mehr an unsere Namen erinnern. 

Die Stimme in unserem Inneren? Gewissen, Moral, Ethik, die wahnhafte Illusion, "richtig" handeln zu können? Nicht existent. Wir reden uns ein, dass die Gemengelage in unserem Kopf mehr sei, als nur das Produkt aus schmerzhaften Kindheitserinnerungen, Erziehungswunden, Lieblosigkeit und rudimentären Überbleibseln von Instinkten, die wir schon seit ewigen Zeiten nicht mehr benötigen. Dabei formt sie nur dauerhaft die größte Lüge, die wir uns jeden Tag selbst erzählen. Eingesperrt in Körper, die wir von Anbeginn selbst zerstören, getrieben von der Jagd nach einem Hirngespinst namens echter Liebe, von dem wir nicht ablassen können bis wir uns fortgepflanzt haben. 

Das pathologische Streben nach Glück, Weisheit und Optimierung vertreibt uns die Zeit, bis wir auch für unseren Nachwuchs wahrhaft nutzlos geworden sind. Ab diesem Zeitpunkt kämpfen wir verzweifelt gegen unsere stetig feuernden Synapsen, die uns nur zu deutlich fühlen lassen, dass die Kaskade aus Angst und Schweigen in unserem Kopf unser Ende ankündigt, während wir noch erbärmlich strampelnd versuchen, allem irgendwie einen Sinn aufzuzwingen, gefangen in einem Leben, das im Vergleich zum Großen und Ganzen schlichtweg bedeutungslos ist.

Kati 03.01.2026, 05.21| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Ausmisten

Weiter geht die Sortiererei. Seelenreißen, als ich in die Jahre komme, in denen wir so viele Kaninchen hatten. Da sind sie alle. Meine Herzenstiere. Inzwischen warten wir nur noch darauf, dass die letzten Tiere, die wir hier abgeliefert bekommen haben, ihre Leben zuende gelebt haben. Keine Babys mehr, nur noch Altenpflege. Nur noch Ende, wo mal Leidenschaft war. Meine geliebten Kaninchen sind inzwischen alle tot. Es tut weh, ihre Bilder zu betrachten. Das war immer meine Tierart. Aber wozu noch? Sie binden mich ans Haus, wieder niemand da, der auf sie aufpassen oder sich vernünftig um sie kümmern würde, wenn ich nicht kann. Niemand, der das außer mir noch wollen würde. Ich lösche also Fotos und behalte meine Erinnerungen, die nur für mich noch Wert haben. Beim Memory bemerkt, dass viele Kaninchen, die dort auf Fotos vertreten sind, von den Familienmitgliedern gar nicht mehr zugeordnet werden können. Die Namen,nur noch Schall und Rauch. Ich bin traurig. 
Weiter Fotos sichten, weiter löschen.

Kati 02.01.2026, 20.35| PL | einsortiert in: Daily

Neubeginn

Besuch abgebrochen, als ich gemerkt habe, es macht so keinen Sinn. Mit weinendem Herz, ein letztes Mal. Immer noch eine Organisationsfrage, wie ich es anstellen soll, dorthin zu kommen. Viele schmerzhafte Wahrheiten gehört. Viel Streit abgefangen, viele Verletzungen getröstet, viel den Mund gehalten. Meine Unwichtigkeit und Vergänglichkeit deutlicher gespürt als ohnehin schon. 
Der absolute Supergau dann am Abend. Ich weiß allmählich nicht mehr, wozu noch.

Kati 01.01.2026, 22.34| PL | einsortiert in: Daily

3000 Fotos

Knapp 3000 Fotos wandern vom Desktop in den Ordner 2025. 
Damit schließt sich ein weiteres Jahr meines Leben und ein weiterer Ordner an Erinnerungen, die für sonst niemanden interessant sind. 
Es sind eh inzwischen hauptsächlich meine Hunde, Essen, mein Garten...

Kati 31.12.2025, 11.00| PL | einsortiert in: Daily

Sichtbarkeit

Der Drang, sichtbar zu sein, ist vermutlich in den Menschen stärker, die konsequent ignoriert werden.
Aber was nützt mir alle Sichtbarkeit, wenn sie so austauschbar und willkürlich ist? 
Wenn ich im Grunde nur von einer Handvoll Menschen wirklich gesehen werden will, um glücklich zu sein?
Ich werde morgen vergessen sein, wie jeder Mensch. 
Und ein Teil von mir denkt immer noch, ich könnte so etwas wie Bedeutung gehabt haben.
Närrin.

Kati 29.12.2025, 07.53| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Last Christmas

Zauber der Weihnacht...

Was die Weihnachtszeit für mich so besonders macht, sind die Menschen um mich herum. Menschen, die den Gedanken und die Vorstellung von dieser Zeit im Jahr mit mir teilen. Die es warm und gemütlich mögen, die Kekse backen oder verzieren oder essen wollen, die aufgeregt sind, den Baum zu schmücken, die sich daran erfreuen, dass überall Weihnachtsdekoration herumsteht und hängt und aktiv und zugewandt mit mir diese Zeit begehen wollen. Wenn alle aufgeregt sind, die Geschichte aus dem Adventskalenderbuch vom Tannenbaum Immergrün zu hören. Wenn jemand für mich die großen Lichterketten aufhängt, weil alle wissen, wie sehr ich dieses Licht im Haus ab Anfang November brauche. Wenn man mir einen neuen Anhänger für den Baum schenkt, den man selbst ausgesucht oder gebastelt hat, so wie die unzähligen, die ich schon habe, die mir alle die Geschichte von Freundschaft und Liebe erzählen. Pakete und Päckchen und Briefe und Postkarten, die hier den ganzen Dezember über eintrudeln. Wenn wir gemeinsam überlegen, wer welches große Adventsonntagsessen kocht, was es zu Heiligabend gibt, was wir an den Weihnachtsfeiertagen essen wollen. Ich liebe es, an Heiligabend mit der Familie in die Kirche zu gehen, ich genieße es so sehr, inmitten von anderen Menschen dort zu sitzen, zu singen, zu beten, die Weihnachtsgeschichte zu hören und in dieser festlichen Stimmung nach Hause zu kommen, wo man zusammensitzt und dankbar dafür ist, von seinen Liebsten umgeben zu sein.

Sollte ich irgendwann merken, dass dies von den wichtigsten Menschen in meinem Leben nicht mehr mitgetragen wird, wird das mein letztes Weihnachten.

Kati 19.12.2025, 06.40| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Timing

Natürlich erinnere ich mich an dich. Ich habe im Laufe der Jahre oft an dich gedacht und mich gefragt, was du wohl inzwischen tust. 
17 Jahre ist es her, dass wir uns begegnet sind und ich habe den Austausch mit dir sehr geschätzt bis er sich auf eine Ebene verlagerte, für die es die falsche Zeit und der falsche Ort war. 
Ich weiß nicht, was passieren würde, würden sich unsere Universen heute erneut berühren. 
Und ich glaube, es ist kein guter Moment, um das herauszufinden.

Kati 18.12.2025, 10.47| PL | einsortiert in: Briefe an...

Unter die Haut

"Zeig dich.", flüstert sie. Ich war mir bislang nicht sicher, ob es eine gute Idee war. Aber es beginnt, wie es immer war. Es braucht nur wenige Momente Kontakt zwischen uns, bis wir beide brennen. Ich spüre, wie in mir alles weit wird. Keine Regulation mehr. Nur noch sein dürfen. Ungehemmt, ungebremst, unzensiert. Da ist jemand, der das tragen und vor allem ertragen kann. Wir tanzen vier Stunden am Abgrund, nur wir beide und die Gedanken, die sonst niemand hören darf. Und doch ist es anders. Die letzten Jahre haben die Hoffnung von ihr gerissen. Hoffnung darauf, dass das Leben anders werden kann, dass es eine Chance gibt, irgendwann etwas zu finden, wo man zur Ruhe kommen kann, wenn man dessen überdrüssig wurde, jederzeit alles haben zu können. Ich spüre, dass sie nicht mehr nur angreift. Es ist Verteidigung in ihrem Verhalten. Müdigkeit. Erschreckend viel Müdigkeit. Ich frage mich, ob ich einen Blick in die Zukunft werfe oder schon in ihr angekommen bin. Ich will das nicht.

Kati 15.12.2025, 08.39| PL | einsortiert in: Daily

Der schwarze Zwilling

Es ist ziemlich genau drei Jahre her - einige Monate nach dem Suizid meines Vaters habe ich sie das letzte Mal getroffen. Warum ich immer noch betonen muss, dass es ein Suizid war, erschließt sich mir noch nicht in Gänze. Es ist, als würde ich der Welt pedantisch mitteilen wollen, dass er nicht einfach so gestorben ist, wie Menschen das nun mal tun, sondern sogar das Leben und den Tod selbst manipulieren musste, wie er alles manipuliert hat, dessen er habhaft werden konnte. Ich konnte ihm nicht viel verweigern, aber den Umstand, einfach gestorben zu sein, den wird er nicht für sich beanspruchen können. Ich habe sie also getroffen und wie jedes Mal zog sie mich sofort in ihren Bann. Meine Sprache wurde klarer, offen für das Unaussprechliche, das ich niemandem anvertraue, das nur als Nicht-Echo in dem schwarzen Loch verschwindet, das ihre Seele bildet. Und ich genieße es. Wie jedes Mal. Ich habe in dem Moment aber auch erkannt, wie gefährlich sie für meine wackelige Stabilität sein würde, also habe ich mich verweigert. Nicht nur den Anrufen, den Spontanbesuchen, nein, auch dem puren Denken an ihre Existenz. Nachdem ich letzte Woche davon berichtet habe, dass ich sie getroffen habe, kam keine Reaktion. Man sollte meinen, dass Menschen, mit denen man schon so lange sein Leben teilt, ein natürliches Interesse an mir hätten, Fragen stellen oder sich besorgt erkundigen würden, was das mit mir gemacht hat, aber ich habe nach ein paar Tagen die leisen Gesprächsversuche eingestellt, die resonanzlos im Nichts verhallten. Wir sind verabredet. Heute. Und ich weiß, dass ich gleich wechseln werde. Sie ist ein gefährlicher Mensch für mich, sie zeigt mir, was ich haben könnte, wenn ich mich anders entscheiden würde. Sie nimmt sich. Alles. Männer, Frauen, Sex, Geld, Gelegenheiten, Vorteile. Und sie hat kein Gewissen. Nie gehabt. Sie lügt, sie betrügt, sie verrät, sie tut im Grunde das, was alle Menschen tun, aber ohne das zerschlissene Deckmäntelchen des vorgetäuschten Anstands, das die anderen über ihr eigenes Verhalten breiten. Sie manipuliert alles und jeden - auch mich, natürlich. Und sie tut es in einer an Anstößigkeit grenzenden Wonne, so dass ich ihr mit jeder Minute Zusammensein mehr verfalle als gut für mich und mein mühsam erlerntes Gutmenschentum ist. Ich genieße ihre rohe und obszöne Echtheit. Wie vulgär sie die Dinge beim Namen nennt, wie sie die Maske von restlos allem reißt, bis ich nackt vor ihr stehe und meine Wahrheiten aussprechen darf. In der Gewissheit, sie nicht schockieren zu können, einfach sein zu dürfen. Es ist bestimmt kein guter Zeitpunkt. Das ist es nie. Ich merke, wie mein Leben gerade kippt. Die letzten Jahre haben aufgezehrt, was mich voller Hoffnung durch die Welt getragen hat. Wir werden sehen, was sie mir geben kann.

Kati 12.12.2025, 08.38| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Bedeutungslosigkeit

Wenn man in seinem Leben doch nur diese Handvoll Menschen überhaupt erreicht hat - wenn überhaupt - und wenn der Unterschied, den man gemacht hat, so verschwindend gering war, dass das Leben auch ohne mich seinen Weg gefunden hätte, welche Bedeutung habe ich dann überhaupt? Wenn alles Interesse an mir in meiner Funktion begründet liegt, wenn all mein Wirken mit meinem Rückzug nicht nur in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, sondern auch in seiner bloßen Existenz fraglich würde, warum sollte ich dann auch nur noch einen einzigen Schritt in eine Zukunft machen, die nach Erfahrungswerten mit der Vergangenheit und den Menschen darin nichts anderes erwarten lässt als weiteren Schmerz, weitere Enttäuschung, weitere Lügen und weiteren Verrat?
Wenn ich mich nun aus diesem Hamsterrad befreie, in wievielen Stunden, Tagen werde ich vergessen sein? Die Gewissheit, dass ich in Wochen oder Monaten selbst für Menschen, die nun behaupten, ich sei für ihre Leben wertvoll und wichtig, nur noch eine dieser vagen Erinnerungen sein werde, die einem wie nicht aussprechbare Worte hinten auf der Zunge liegen und dann beim Finden einer Umschreibung einfach in Vergessenheit versinken, macht mein Leben so unwichtig wie wertlos. Und im nächsten Schritt muss man vielleicht erkennen, welch Freiheit in diesen Erkenntnissen liegt. Mit welcher Kompromisslosigkeit sie einen Menschen von den Ketten des Richtigseins, Richtigtuns und Richtiglebens befreit. Wenn die Vorstellung von einem Vermächtnis so übermächtig wurde, dass man vergisst, dass dieses Leben vielleicht nur dazu dient, hedonistisch alles mitzunehmen,was es einem anbietet. Wo Begriffe wie Moral oder Ethik nur denen dienen, die sich ihrer ohnehin widersetzen, ist die beständige Predigt von Tugenden doch die schärfste Waffe derjenigen, die sich selber unmoralisch und skrupellos nehmen, was sie wollen. Und in Abwesenheit einer Hölle bleibt dieses Verhalten ohnehin ungestraft, ungesühnt. Davon fantasieren nur die, die denken, dass wir als die Krone der Schöpfung, als Gottes Meisterwerk in irgendeiner Form fürs angepasste Bravsein belohnt werden. Werden wir aber nicht.

Kati 11.12.2025, 09.51| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Gewalt

Ich habe mich Zeit meines Lebens als gewaltätigen und aggressiven Menschen beschrieben, weil Wut so sehr zu meiner Natur gehört, dass es mir ohne sie kaum möglich ist zu atmen. 
Ich lerne jetzt erst, dass meine Wut nie dazu da war, irgendjemanden oder irgendetwas zu vernichten. 
Sie war immer nur dafür gedacht, mich selbst zu schützen, weil es nie einen Menschen gab, der das getan hat. 

Meine Wut verschiebt sich gerade von Waffe zu Kraft, zeigt mir ihr volles Potential von Schutz statt Zerstörung. 
Wie ein Raubtier richtet sie sich auf, endlich bereit, gnadenlos all meine Grenzen zu verteidigen, weil ich meinen Wert nicht mehr davon abhängig mache, für andere Menschen zu funktionieren. 
Ich will nicht mehr als Regulativ gebraucht werden. 

Ich will gesehen, geliebt, umworben und gewertschätzt werden. Um meiner Selbst willen.

Kati 02.12.2025, 19.03| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Grenzen überschreiten

Wenn man nachhaltig seine Grenzen kommuniziert hat und sie wiederholt überschritten werden - was bleibt einem dann noch? Wenn man den Tag morgens schon weinend beginnen muss, weil das "Ich kann es besser und ich entscheide, dass deine Grenzen nichts wert sind" dieser Person nur noch mehr Chaos und noch mehr Arbeit bringt?
Verzweiflung, Wut und immer wieder die Frage: Wie hoch muss ich die Mauer denn bauen, damit meine Grenze endlich respektiert wird?
Wie laut muss ich werden, wie viel Wut muss ich generieren, wie weit muss ich mich entfernen?
Ich nähere mich mit riesigen Schritten dem Punkt, an dem ich alle Brücken hinter mir nur noch niederbrennen will.

Kati 01.12.2025, 07.27| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Geburtstag

Vor einigen Tagen jährte sich der Geburtstag meiner Mutter. Und wie mit allen Dingen, die zwar in Erinnerung sind, aber nie ins psychologisch analytische Bewusstsein vordringen durften, sprang mich dieser Tag auf mehreren Ebenen besonders an. Der Geburtstag meiner Mutter war das ungeliebte Stiefkind in der Reihe der Familiengeburtstage. Ende November, im trüben Grau als Vorbote einer hektischen Weihnachtszeit, ungebeten, ungelegen, ungewünscht. 
Meinem Vater war es im Grunde egal, wie so viele Dinge - was zählte, war nur der Anschein.
Also musste ich mich kümmern, "damit sie nicht traurig" ist. Ich musste Kuchen backen, ich musste Geschenke besorgen - in seinem Namen natürlich - ich musste das Haus aufräumen, ich musste dafür sorgen, dass dieser Tag zumindest vordergründig gut über die Bühne ging. 
Ihre größte Sorge war jedes Jahr, dass sie Geschenke "in Weihnachtspapier" bekommt, denn früher gab es zu dieser Jahreszeit nur noch Weihnachtsgeschenkpapier und da hatte sie wohl immer das Gefühl, sie war es nicht "wert", dass man den Geburtstag trotz der Nähe zu Weihnachten wie einen Geburtstag behandelt. 
Auch hier musste ich dafür sorgen, dass keiner verletzt, brüskiert, enttäuscht wurde. 
Ich sah zu, wie sie die Geschenke meines Vaters auspackte und sich freute, dass er genau wusste, was sie sich über das Jahr gewünscht hatte, dass er wusste, mit welchen Büchern sie im Buchladen geliebäugelt hatte, dass er wieder ihr Lieblingsparfum besorgt hatte. 
Und ich sah zu, wie die Beziehung der beiden für einen kurzen Augenblick flüchtig aufleuchtete und nahm an, dass das wohl Entschädigung genug war, dass ich mich mit diesen Dingen so abgemüht hatte. Mein Selbstgebasteltes war keiner weiteren Erwähnung wert, aber zumindest gab es an diesem Tag nur wenig Gemeinheiten darüber, wie fett und ungepflegt sie geworden ist, wie dumm, wie krank, wie behindert, dass sie früher attraktiver war, dass andere Frauen größere Brüste, schönere Körper, mehr Freude am Leben hätten, dass sie nicht so viel Kuchen fressen soll...
Und da es vornehmlich meine Aufgabe war, in diesem Haushalt dafür zu sorgen, dass alle Erwachsenen ihre Gefühle regulieren konnten, war das mein Gewinn. Immerhin dafür war ich wichtig.
Ich beginne erst langsam, mich auch innerlich nachhaltig von diesen Strukturen und Überzeugungen zu lösen, aber ich tue es.

Kati 27.11.2025, 08.38| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Nebel

Eine meiner größeren Errungenschaften ist es, in Erinnerungsträumen oft das Kunststück zu vollbringen, aus der Szenerie, in der ich mich befinde, herauszutreten. Plötzlich neben meinem Körper zu stehen, als Beobachter einen Schritt zur Seite zu gehen, angeekelt und fasziniert zu beobachten, was diesem Menschen gerade angetan wird. Je mehr Schritte ich zurückweiche, desto leichter wird es, bis das, was ich sehe, plötzlich hinter einem Bildschirm verschwindet. Es ist immer einer dieser alten Fernseherkästen, mit denen ich aufgewachsen bin. Ich kann alles sehen, ich kann alles hören, aber nurmehr als Beobachter eines schrecklichen Films, den ich zufällig angeschaltet habe. Ich entscheide mich, die widerlich schmatzenden Geräusche aus Blut und anderen Körperflüssigkeiten und gellenden Schmerzschreien leiser zu drehen, bis nur noch das Bild bleibt. Immer ferner, immer undeutlicher wird es, bis weißes Rauschen erscheint. Das ist normalerweise der Moment, in dem ich noch im Traum realisiere, dass ich träume und dass es nur Erinnerung ist. Im Dämmerzustand zwischen schlafen und wachen schaltet sich dann das Bewusstsein dazwischen: Wir schalten den Fernseher jetzt aus. Das müssen wir uns nicht mehr ansehen. Und auch wenn das Herz noch lautstark im Brustkorb pumpend davon zeugt, wieviel Adrenalin gerade wieder durch meinen Körper schießt, weiß ich doch, es ist vorbei. 
Eine weitere Nacht geschafft.
Ein weiteres Mal aufgewacht.
Überlebt. So lange schon.

Kati 26.11.2025, 08.03| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Hätte hätte

Ich bin an manchen Tagen so traurig, dass du nicht in meiner Nähe wohnst. Ich bin traurig, weil von uns beiden nur du die freie Wahl hattest, wo du hinziehen möchtest und dir war ein anderer Ort wichtiger. Andere Menschen. Ich bin traurig, weil ich an manchen Tagen fast verzweifle, nicht einfach kurz bei dir vorbeischauen zu können, dich in den Arm zu nehmen und einfach nur bei dir sein zu dürfen. Ich respektiere deine Entscheidung, was bleibt mir anderes übrig. Du hast entschieden, was und wer dich glücklich macht und wo du leben willst. Aber es hat etwas mit mir gemacht. Nichts Gutes.

Kati 28.10.2025, 09.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

Erdung

"Es ist wie vor 4 Jahren!", flüsterst du mir zu und ich sehe den Schmerz und die Tränen der Verzweiflung in deinen Augen. Ich schiebe dich in den Regen, nur wir beide und die Urgewalt, die da draußen um uns herum tobt. Ich halte dich fest, flüstere dir zu, wie sehr du geliebt wirst und so stehen wir da. Ich kann dir nicht helfen und weiß doch zu genau, wie es ist, wenn die Dunkelheit einen zu überwältigen droht. Ich weiß es. Und ich fühle deine unbändige Energie, dein Licht, deine Stärke, die du allesamt noch so wenig unter Kontrolle hast. Ich kann dir nicht helfen und es macht mich wahnsinnig. Ich kann nur hier bei dir sein, dich erden, dich festhalten, dich lieben und hoffen, dass das reicht.

Kati 27.10.2025, 08.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: KinderKinder

Mein neues Leben mit PC

Das Schwerste daran ist vielleicht die fehlende Selbstwirksamkeit, so wie ich sie kenne. Training, Wut, Wollen, sich durchbeißen führt plötzlich nicht mehr dazu, dass man stärker und zäher wird, es macht schwächer. Und so muss ich nicht nur ein Kräftemanagement betreiben, um nicht meinen Allgemeinzustand noch schlimmer werden zu lassen, ich wurde mit der Krankheit auch all meiner Bewältigungsstrategien beraubt, die sich ein halbes Jahrhundert so tief in all mein Leben, mein Verhalten und mein Kämpfen gebrannt haben, dass es einer seelischen Apokalypse gleicht, nicht auf sie zurückgreifen zu dürfen.

Kati 13.06.2025, 11.01| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Gegenwehr

Ich will nicht vernünftig sein. Ich will nicht zuhören, ich will nicht verstehen, ich will nicht einsehen, ich will nicht reden, ich will nicht mehr diskutieren, ich will ganz umfassend keine Worte mehr hören, die für mich kein Gewicht mehr besitzen.

Ich kann alles nachvollziehen. Ich habe Verständnis. Ich habe Mitgefühl. Ich verstehe die Gründe. Ich fühle all das. Aber es ändert nichts mehr.

Und die Wahl, derer ich so lange durch Lügen und Täuschung beraubt wurde, traf ich vor zwei Monaten. Weil das tatsächlich endlich meine Entscheidung war.
Es war alles so unnötig.

Kati 16.05.2025, 12.00| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Unter Verschluss

Die Dunkelheit, die mich und das Leben mit mir so anstrengend macht, ist fest unter Verschluss. Manchmal höre ich mich selber reden und es ist wie mit Eisbergen: die 10%, die ich da an Belanglosigkeiten aus meinem Mund kommen höre, lassen nicht erahnen, wie es in der Dunkelheit darunter aussieht. Es vereinfacht vieles, stößt mich ab und fasziniert mich gleichermaßen, wie Menschen in diesem seichten Fahrwasser des sozialen Miteinanders überhaupt Erfüllung finden können, so ganz ohne Schmerz, ohne Lust, ohne Leidenschaft, ohne Tiefe. Aber es macht das Leben - vor allem für die, die es mit mir leben, wesentlich einfacher. Die absolute Hingabe, die Hitze der Intensität und auch das Unbehagen der gottlos ungefilterten Ehrlichkeit, denen ich jene aussetze, die sie wirklich wollen und mittragen können, fehlt. Aber nur unvollständig leben zu können, zieht sich schon immer wie ein roter Faden durch mein gesamtes Leben, also werde ich das jetzt wohl auch überstehen.

Kati 05.05.2025, 11.14| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Anders

Viel mehr als "Das habe ich mir anders vorgestellt" wird am Ende dieser Tage wohl nicht stehen. Ich und meine naiven Illusionen. Immer wieder.

Kati 25.04.2025, 08.12| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Nacht

Wie ich diese letzte halbe Stunde des Tages mit den Hunden draußen gerade genieße. Nur die drei Bären, der Sternenhimmel, die milde Frühlingsluft und ich. Haben sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt, betrachte ich ehrfürchtig diesen wunderbaren Garten, den ich Jahr um Jahr mehr nach meinen Vorstellungen formen kann. Ich rieche den Duft der Hyazinthen, ich freue mich über die Robinie, die neu austreibt und in einigen Jahren mit ihren einzigartig riechenden Blütentrauben ebenfalls blühen wird. Streiche über die zarten Weidenblättchen, wuschel durch Katzenminze, Zitronenmelisse und Pfefferminze und ergebe mich den Gerüchen, die ich endlich wieder wahrnehmen kann. Nicht so wie früher, aber ich kann wieder riechen. Und ich habe die leise Hoffnung, dass es besser wird. Irgendwann. Der Liguster ist so herrlich dicht, mit diesen unvergleichlich glänzenden Blättchen, in denen ich ertrinken möchte. Der Holunder, unter dem unser geliebter Norbert liegt. Die Blutberberitze, die dieses Jahr vielleicht fast schon den Namen Hecke verdient, das Brennesselfeld, das hunderten von Schmetterlingen Geburtsstätte sein wird, der Ginko, der von Hasi genährt wird, den wir vor so vielen Jahren gehen lassen mussten. Das blaue Tulpenfeld, die unzähligen Funkien, die ich überall im Garten verteilt habe, die Lebkuchensträucher, die im Moment noch nichts von dem erahnen lassen, was sie uns im Herbst schenken werden. Die Rosensträucher, die mich an meinen Großvater erinnern, wannimmer ich sie sehe. Die Fetthennen, der Mauerpfeffer, meine absoluten Lieblingspflanzen, was Anpassung an Umstände angeht. Noch das kleinste Teil überlebt und bildet eine neue kräftige Pflanze, egal, wie oft man es zerrupft, auseinanderreißt, zertrampelt, austrocknen lässt. Die Pfeifenwinde, die schon so schön flauschig grün wird, meine Hibiskussträucher, der Knöterich und Efeu einfach überall. Der Pflaumenbaum, der vor Jahren nur ein armseliges Stöckchen war und nun meterhoch in den Himmel ragt, voller Blüten, kräftig, mit seinen vier Stämmen und der jedes Jahr kiloweise köstliche Früchte trägt. Ich liebe alles daran, im Schutz der Nacht all dies abzugehen, innezuhalten und demütig und dankbar für dieses Leben zu sein, das mir so oft so viel mehr abzunötigen scheint als ich geben kann.

Kati 23.04.2025, 23.39| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

So nah, so fern

Wir waren so nah dran. So dicht. An diesem unaushaltbaren Zustand, verletzlich sein zu dürfen, ohne in einen Ausweg zu flüchten. Die Nähe, die Intimität, die echte Verletzlichkeit gebiert, ist mit nichts zu vergleichen. Sie ist so roh wie zart. Bis du den Schleier wieder senkst und dich verweigerst, weil du nicht aushalten kannst, was dir nie gestattet wurde. Zu verboten sind die Früchte, zu bittersüß um sie genießen zu können. Das Paradies war für keinen von uns jemals Eines. Zu früh enttäuscht, verlassen, verstoßen, ungeliebt in unseren Nöten und Bedürfnissen die nie passten für die, die sie hätten erfüllen müssen. Vielleicht treffen wir uns in einen anderen Leben genau dort, wo es dir heute zu weh tut, mit mir zu sein.

Kati 23.04.2025, 23.24| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Sisyphos

Ich träume schlecht. Nichts Neues, aber ich träume wieder fast ausschließlich auf französisch.
Und so klar und deutlich ich diese Sprache in meinem Traum und in der kurzen Wachphase, die noch alles lebendig scheint, auch sprechen und verstehen kann, so kompromisslos verblasst diese Fähigkeit nach dem Wachwerden.
Ich weiß, dass ich - einer von uns - fließend französisch spricht. Es ist die Sprache, die in meinem ersten Lebensjahrzehnt von meiner Mutter hauptsächlich gesprochen wurde. Selbst der Name, den sie mir während der Missbrauchsphasen gab, ist französisch.
Ich erinnere mich, dass ich ihr in derselben Sprache geantwortet habe. Ich erinnere mich, dass ich mich in den Monaten in Frankreich ohne Probleme dort verständigen konnte.
Aber ich habe keinen Zugriff darauf.
Ich habe in meinem Leben noch keine Möglichkeit gefunden, dieses Siegel zu brechen, um an das heranzukommen, was darunter liegt.
Ich weiß, welch teuren Preis man für Neugierde bezahlt.
Wissen kann man nicht zurückgeben.

Und so finde ich mich langsam wieder in meiner Lebensrealität zurecht und lasse den Traum dahin entschwinden, wo er sicher ist und nichts berührt. Ich bin manchmal so unendlich müde von diesem Leben. Ich bemühe mich nun schon so viele Jahre und Leben lang, die Einzelteile alle an ihren Platz zu schieben, um vielleicht eines Tages eine Ahnung davon zu erhaschen, wer ich als Ganzes gewesen wäre.

Kati 22.04.2025, 16.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Tiefschlaf

Ich hatte schon fast wieder verdrängt, wie tief und fest man schlafen kann, wenn man sich selbst belügt und kurzzeitig der Illusion hingibt, dass die Welt in Ordnung ist.

Kati 07.04.2025, 08.07| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Fehlentscheidungen und Zweifel

Kleiner Finger, ganze Hand? Zurück zum Status Quo? Bin ich dumm, nachgiebig, verzweifelt, will ich oder brauche ich es? Vielleicht ist heute kein Tag, um zu viel nachzudenken und vielleicht würde ich das ja auch nicht müssen, wenn ich nicht diejenige wäre, die am Steuer sitzt. Immer. Keine Entspannung, keine Pause, kein süßes Fallenlassen ins Nichtdenken. Nichts. Nur Gedankenchaos und die Verantwortung dafür, hinterher wieder die Dumme zu sein.

Kati 05.04.2025, 10.12| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Asgard

Du wirst heute 6 Jahre alt und du bist das tollpatschigste Lämmlein, das man sich nur vorstellen kann. 
Als Anfang 2019 langsam die Sehnsucht nach einem zweiten Hund in mir aufstieg, da dachte ich immer an eine zweite Version von Ludwig. Und damals wusste ich noch nicht, wie großes Unrecht ich dir damit tun würde, indem ich genau darauf hingearbeitet habe.

Als ich dein Geburtsdatum erfahren habe, war mir klar, dass das Schicksal dich definitiv für mich ausgewählt hatte, denn heute ist nicht nur dein Geburtstag, sondern vor 98 Jahren kam mein Großvater zur Welt, an genau diesem Tag. Und er ist der Mensch, dessentwegen ich letzten Endes meine Menschlichkeit bewahrt habe. Er war die Liebe.
Dass du ebenfalls diese Liebe bist, habe ich vor 6 Jahren noch nicht gut begriffen.

Ich habe dich erzogen wie Hunde nun mal erzogen werden. Und ab Beginn hatten wir beide unsere Schwierigkeiten. Du warst ein Sensibelchen, du mochtest keine Befehle, keine Sozialisationsübungen, du mochtest keine anderen Hunde außer Onkel Ludwig, du wurdest nicht stubenrein, du hast nicht auf Ermahnungen reagiert und Belohnungen haben für dich nie die Verbindung zu dem, was du getan hast, hergestellt. Du hattest vor allem und jedem Angst und warst nur hier mit Lu und den Kindern wirklich glücklich und ausgeglichen und ich habe erst an mir und schließlich an dir gezweifelt. 
Meinen Plan, einen Ludwig2 zu erschaffen, habe ich innerhalb kürzester Zeit verabschieden müssen, aber ich habe noch lange nicht verstanden, was du wirklich brauchst.

Die Kinder waren darin so viel schneller als ich. Das kann Asgard nicht. Mama, er ist der Lämmi, er muss nur liebgehabt werden.

Es vergingen Jahre, viele Tränen und schmerzhafte Lektionen, bis in mir zumindest leise eine Art von Erkenntnis reifte, weil das Kind, das dich für sich beansprucht hat, mit seinen Problemen immer wieder vor dieselbe Wand lief wie ich mit dir. Und irgendwann habe ich nicht nur gehört, sondern auch verstanden, was mir alle Kinder jeden Tag sagten: Asgard muss nur liebgehabt werden

Sonst nichts. Ich ließ also los. Nicht nur dich, sondern auch dein Kind. Wer etwas wirklich nicht kann, der muss auch nicht. Und zeitgleich mit der Schulsituation und dem Schwänzen entspannte sich auch unsere Situation hier. Du warst immer noch weit entfernt von stubenrein, aber es gab Fortschritte. Das Weinen wurde weniger. Ich hielt mich an Ludwig fest und lernte, dich einfach sein zu lassen. Im Vertrauen, dass du deinen Weg finden würdest. Und genauso konnte ich zu diesem Zeitpunkt das große Kind einfach sein lassen, in aller Liebe und mit aller Unterstüzung, aber ohne den Drang, es in ein System hineinzupressen, für das es einfach nicht geboren wurde. 

Das hast du bewegt. Nur du. Du zeigst mir jeden Tag, dass man nicht perfekt sein muss, um geliebt zu werden. Dass Liebe und Leistung nichts miteinander zu tun haben. Dass Liebe einfach ist. Du bist heute 6 Jahre alt und kannst meistens gut an der Leine gehen, wenn wir keine anderen Hunde treffen. Du liegst am liebsten auf dem Sofa und du hasst das Draußen, wenn es nicht Sonnenschein, 30 Grad und einen Pool mit sauberem blauen Wasser bereitstellt. Du kannst einen Besuchshund in unserem Haus tolerieren und du schreist nicht mehr die gesamte Nachbarschaft zusammen, wenn ich etwas von dir will. Du kannst ein ganzes Kommando und an guten Tagen klappen manchmal sogar zwei weitere, aber das ist alles nicht so wichtig. 

Du bist an den allermeisten Tagen stubenrein und du kannst nicht alleine schlafen, aber wer will das auch schon? Du bist der Hund, der die Besuchskinder mit Angst vor Hunden heilt, weil du einfach vor allem doppelt so viel Angst hast und das irgendwie verbindet. Meistens finde ich dich dann auf einem Besucherschoß oder auf einem Besucherarm, weil das exakt der Platz ist, der für dich einfach am sichersten ist. 

Du hast große Probleme, dich neben Atmen noch auf eine zweite Sache zu konzentieren, du bist kurzsichtig und hast kein Gedächtnis für Gesichter und erkennst draußen außer mir niemanden. Meistens fällst du beim Sitzen einfach um, wenn man dich streichelt, was leider dazu führt, dass du dir jeden Tag den Kopf hart auf dem Boden anschlägst, was auch nicht furchtbar gut für dein Gehirn ist. Du möchtest gerne ununterbrochen von mir herumgetragen werden und hast nicht verstanden, dass du eigentlich viel zu groß dafür bist. 

Du hast mir als Frauchen, als Mutter und als Mensch auf die nachdrücklichste Art und Weise gezeigt, dass Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht und dafür werde ich dir auf ewig dankbar sein. Du kamst in einer Phase meines Lebens zu uns, in der ich wollte, dass einfach alles nur funktioniert, weil der Schmerz nach dem viel zu frühen Weggang meiner großen Tochter viel zu groß für irgendetwas anderes war. 
Und genau dagegen hast du dich mit einer Vehemenz gewehrt, die mich gezwungen hat, mich zu verändern. 
Meine Sichtweise. Mein Erziehungskonzept. 

Du hast mich nachsichtiger werden lassen. 
Liebevoller. 
Zugewandter. 
Du hast mir gezeigt, dass ich reiche. Dass du genug bist und dass auch ich genug bin. 

Du bist die Liebe.

Kati 03.04.2025, 12.40| (16/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Bären

Panik und Depression

Ich navigiere zwischen den großen Klippen Depression und der Untiefe Panikattacke hindurch und bin mir doch nicht sicher, ob ich nicht jederzeit in irgendeinen Strudel gerate, der mich an einem von beiden zerschellen bzw. stranden lässt. Ich habe über das große Thema Beruhigungsmittel und Antidepressiva nachgedacht, ich mag 2014 ohne geschafft haben, aber ich weiß noch, wie mir ohne jede Reserve 2018 aufs Butterende geschlagen ist. Nach Monaten des Herumsitzens und traurig in die Gegend Starrens, als wandelnde Panik und Angst hab ich beides bekommen und es war eine Zeitlang gut für mich. Aber das war auch mein vertrauter Hausarzt und der ist aktuell nicht mehr da und den Neuen mag ich nicht besonders und vertraue ihm nicht, also wo soll ich damit hin? Das ist vielleicht die große Frage dieser Tage: Wo soll ich denn noch hin? Mich einem Freund anzuvertrauen verbietet mir mein Ethos, hier kann ich vage formulieren und zumindest ein bisschen das Gehirn beschäftigen, aber wo soll ich denn mit meiner ganzen Wut hin? Mit meiner Frustration, mit meiner Angst, mit alldem, was mich weder schlafen noch leben lässt? Ich hangel mich von Tag zu Tag. Ich habe angefangen zu renovieren, umzuräumen, den Garten zu machen, ich backe, putze, koche, spiele, arbeite, natürlich alles auf einmal, ich reguliere mein Essen und betreibe obsessiv meine Übungen, damit ich aus der PostCovidFalle irgendwann vielleicht wieder flüchten kann und ich hasse alles. Die Trigger zu vermeiden gleicht dieser Tage einem Eiertanz. Der Spießrutenlauf im Alltag um all die Dinge, die bislang normal waren und mir nun mit aller Gewalt das (Re-)Trauma vor den Latz knallen, ist zermürbend. Ich kann nichts mehr tragen und ertragen schon gar nicht, bin in meinen Grundfesten erschüttert und möchte einfach nur aufgeben. Und all das in dem Wissen, das es völlig unnötig ist, dass ich hier stehe und all das durchleiden muss. Weil Menschen nicht wertschätzen, was sie haben und auf dem Altar ihrer Bequemlichkeit, Feigheit und Angst alles opfern.

Kati 03.04.2025, 09.57| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Warnungen

Immer wieder dieselben Träume.
Immer wieder diesselben Erinnerungen, immer wieder dieselben Warnungen, jetzt nicht denselben Fehler ein drittes Mal zu machen.
So ausgelaugt, so erschöpft.

Kati 01.04.2025, 17.44| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Unsichtbar

Hat man als Frau den von Männern festgelegten Zenit der Weiblichkeit überschritten, taugt man wohl tatsächlich nur noch als Mutti, nicht mehr als Frau oder Mensch.

Kati 31.03.2025, 22.12| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Ratio

Wie kann man nur immer und immer wieder voraussetzen, dass ich auf dem schmalen Grat zwischen Wahnsinn und Hysterie wandelnd noch Interesse an einem vernünftigen Gespräch habe, wenn ich doch einfach nur jemanden bräuchte, der es dort oben einfach mit mir aushält?

Kati 31.03.2025, 19.52| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Sprung

Früher, als es noch einfach war, ins kalte Wasser zu springen, weil man nur seinem Herzen folgen musste. Mit so viel mehr Glauben und Hoffnung, die in Abwesenheit eines besseren Wissens die Führung übernahmen, blind, vertrauensvoll und in das Gute setzend; so unbeirrbar, so dumm, so naiv und so hehr in all seinen Erwartungen.
Was macht man aber nun, mit dem Wissen der vergangenen Jahrzehnte?
Von Gutglauben und Hoffnung geläutert, dass es den Traum geben könnte?
Wo das Herz hinzieht, so vehement und so blind, dass der Verstand nicht mehr folgen will, weil er doch schon weiß, dass dort auf diesem Pfad nur noch mehr Schmerz und Ernüchterung wartet, was macht man nun?

Kati 31.03.2025, 14.06| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Gedankenschwindel

Was ist, wenn es gar nicht deine Lektion ist, sondern meine?
Nämlich die, dass das, was ich mir zusammenfantasiere, ohnehin nicht existieren kann?

Kati 30.03.2025, 11.01| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Parasomnia

Die nächtlichen Panikattacken, Angstzustände und Albträume werden jede Nacht schlimmer. Es ist etwas, womit ich gerechnet habe, jetzt, wo meine eigenen Wächter wieder aktiver werden, aber das Ausmaß dessen, womit ich aktuell zu kämpfen habe, ist schon jetzt beinahe unaushaltbar. Durch die fehlenden Grenzen zwischen uns verschwimmen Erlebnisse und Erinnerungen und wechseln dorthin, wo sie niemals hätten auftauchen dürfen. Einige Erinnerungen, fast schon vergessen geglaubt, kommen mit einer derartigen Intensität an die Oberfläche, dass sie tagelang nachhängen, immer in ultimativer Gefühlsstärke, als wären sie vor Sekunden und nicht vor fast einem halben Jahrhundert passiert. Heute habe ich allerdings von Rainer geträumt. Rainer ist mir vor einigen Tagen auf den Fotos begegnet, die ich durchgesehen habe und ich kann auch jetzt noch das Nikotin auf seiner Zunge schmecken, kann ihn schmecken, fühlen, riechen, obwohl ich schon seit mehreren Stunden wach und orientiert bin und versuche, wieder in der Gegenwart anzukommen. Es ist nicht mal meine Erinnerung, aber es scheint jetzt unsere zu sein und alles daran ist verstörend. Ich möchte nur noch schreien, mich verdammen, die Mauern jemals so weit runtergelassen zu haben. Die Erinnerung ist wie ein zu enges Kleidungsstück, das ich nun zu tragen gezwungen bin. Ich mochte Rainer immer, habe ihn angehimmelt, diesen Bullen aus purem Testosteron, immer charmant, das pure männliche Charisma, liebender Ehemann, stolzer Vater seiner Söhne, mit denen ich gut befreundet war. Ich war 17, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe und dieses Bild kippte. Das ist jetzt fast 30 Jahre her.

Kati 29.03.2025, 10.24| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Schock

Um keinen Preis den eisernen Würgegriff um jede Art von Gefühl lockern, weil sonst die Panik hochschwappt.

Kati 27.03.2025, 18.09| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Taub

Die Akzeptanz ist noch nicht da. Ich vermute, sie würde mich endgültig zerstören. Der Verlust ist zu groß, um ihn zu erfassen. Irgendwo schwebt die Wut mutlos im leeren Raum und puckert verletzt vor sich hin. Sie ist nicht mehr nötig, um mir Kraft zu schenken. Wir müssen versuchen, uns nach diesem alles vernichtenen Schlag irgendwie wieder zusammenzusetzen, um noch ein bisschen durchzuhalten. Irgendwie.

Kati 25.03.2025, 08.14| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

23.03.2025

Kati 23.03.2025, 15.26| PL | einsortiert in: Daily

Die andere Seite

Vielleicht ist es die falsche Frage, wie man eine Beziehung dieser Qualität aufs Spiel setzen kann.
Vielleicht lautet die Frage, wie ich auf die Idee kam, dass diese Beziehung diese Qualität hätte?

Kati 23.03.2025, 06.43| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Mutlos

Wie kann man nur so erschöpft und müde vom Fühlen sein? Wenn der Schmerz so zäh und klebrig an jeder Faser deines Selbst hängt, dass jede Bewegung zur Qual wird und bloßes Wachsein so viel Kraft kostet, dass man sich nur von Schlafphase zu Schlafphase hangelt.

Kati 22.03.2025, 18.25| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Sehnsucht

Manchmal denke ich, wenn ich nur ein einziges Wort sage, wenn ich nur über diese Schwelle schreite, mein Schweigen dann ablege, wenn es von mir gefordert wird, weil die Gegenseite sich weigert, auf meiner Ebene mit mir zu kommunizieren, dann werde ich nie wieder aufhören können zu schreien. Das Gefühl ist so übermächtig, dass ich mein innerstes Selbst in mir einschließen muss, um nicht verrückt zu werden. Ich wünsche mir gerade so viel Sanftheit, Verständnis, Werben, Zärtlichkeit, aber vor allem die Versicherung, dass ich es wert sein könnte. Dort, wo ich bin, ist kein Platz für diese immer fordernderen Worte nach verbaler Kommunikation, nach Öffnung, allein der Wunsch kommt mir nach alledem schon so vermessen vor, wie er an mich herangetragen wird. Ich bin nichts schuldig. Gar nichts mehr.

Kati 21.03.2025, 09.41| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Sichtbarkeit

Ich bin so sichtbar in all meinen Überlegungen. In all meinen Gedanken, mit jedem Wort hier, mit allem, was ich dir ungefiltert vor die Füße werfe. Und doch verhallt es ohne Gegenseitigkeit im leeren Raum, der immer größer wird, je stiller diese Lücke klafft. Ich werde diesmal nicht fragen. Ich werde diesmal nicht die Verantwortung dafür übernehmen, was ich wissen muss, damit es wieder gut werden kann.

Kati 20.03.2025, 09.06| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Perspektive

Wenn du weißt, dass etwas falsch ist, dann ist deine erste Tat ein Fehltritt.
Die zweite eine Entscheidung.
Die dritte Gewohnheit und die vierte schon Charakter.

Kati 19.03.2025, 22.23| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Egal

Wieder bin ich die Blöde, die das verarbeiten muss. Wieder bin ich es, die den Schmerz irgendwie aushalten muss. Wieder bin ich es, die lernen muss, damit umzugehen. Wieder bin ich der größte Depp überhaupt, weil ich es erneut dazu habe kommen lassen, statt beim letzten Mal einfach einen sauberen Schlussstrich zu ziehen und zu sagen: Nicht mit mir. 
Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll, ich bin so desillusioniert, gleichgültig, gleichzeitig so verletzt, in meinen Mauern gefangen, weil ich sonst einfach zusammenbreche. Und das darf ich nicht. Nicht bei alledem, was ich aktuell sonst noch schultern muss. Die letzten 5 Monate waren purer Horror, jeder einzelne Tag davon. Und an manchen Tagen frage ich mich auch in dieser Hinsicht, was mich nur geritten hat. Die Chance auszuschlagen, einfach wie gewohnt mit meinem Alltag weitermachen zu können statt mit einem völlig kaputten Körper, Nervensystem und desolater Gehirnleistung nicht mehr zu wissen, wie ich die Tage bewältigen soll. Während alle anderen also Pläne machen, fröhlich herumhüpfen, verreisen, ihr Leben leben und gestalten, verzweifle ich an den einfachsten Dingen wie Treppensteigen, aufrecht stehen und mich länger als 5 Minuten zu konzentieren, weil diese Scheißkrankheit einfach alles lahmgelegt hat. Die Welt für die Mitkranken dreht sich einfach weiter, während meine stehengeblieben ist. Und weil das alles nicht genug ist, kommt jetzt eben noch was drauf. Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen, flüstert Uroma leise in mein Ohr und ich nicke. 
Ich hab es satt, von Menschen, denen ich vertraue, verletzt zu werden. Ich habe Menschen satt. Ich bin so durch mit dem Vertrauensthema. Es sind ja doch nur alle selbstbezogene opportunistische Lügner, die dich bei der nächstbesten Gelegenheit verraten. Es ekelt mich an.
Und zu allem Überdruss bin wieder ich das Problem mit meinen hohen Wert- und Moralvorstellungen, die kein normaler Mensch erfüllen kann? Natürlich bekommt die andere Seite den Rückenwind, der vielleicht ein bisschen Seele und Ego streichelt, dass alles nicht ganz so furchtbar ist, während ich auch dieses Mal wieder keinen zum Reden habe, weil ich irgendwann mal geschworen habe, dass diese Dinge niemals nach außen dringen werden. Vielleicht täte mir der Abstieg von meinem imaginären hohen moralischen Ross auch mal ganz gut.

Kati 19.03.2025, 12.54| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Boden der Tatsachen

Ich Idiot.

Kati 12.03.2025, 07.45| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Kopfschmerzen

Natürlich ist es Trauma. Ich Idiot. Und Retraumatisierung führt zu Veränderungen im System. Nur war es noch nie wie jetzt. Ich kann die Kopfschmerzen nicht mehr aushalten. Sie lassen sich an nichts messen, das ich jemals erleben musste, es ist, als würde mein Kopf gleich einfach bersten, weil wir nicht alle hineinpassen. Ich kann jeden Gedanken hören, riechen, schmecken, es macht mich wahnsinnig, mich diesen Menschen nicht entziehen zu können, die sich so vertraut und so fremd gleichermaßen anfühlen. Ich will das nicht, aber das hab ich in den letzten Tagen vielleicht auch einfach so oft wiederholt, dass es inzwischen mehr einem Mantra gleicht als einer echten Aktion vorausgeht. Ich fühle mich gelähmt und gleichzeitig so lebendig, als wäre jeder Sinn um ein Tausendfaches verstärkt ohne dass ich irgendeine Ahnung habe, wie ich das nutzen könnte. Ich weiß, dass ich damit alleine bleibe. Es gibt keine Lehrbücher zu diesem Thema und auch in meinem Netzwerk von Gleichen gibt es keinen Vergleichsfall. Fast wünsche ich mich zu Professor Dr. L. zurück, der mir in seiner unsympathischen und kaltschnäuzigen Art aber immerhin fachlich so fähig wie ich danach niemanden mehr erlebt habe, erklärt, dass ich nur nach gängigen Maßstäben verrückt wirke, aber alles, was mein Gehirn jemals getan hat oder tut, einem wissenschaftlichen Wunder für die psychische Überlebensfähigkeit der menschlichen Rasse gleicht. Und dann würde er seine Brille zurechtrücken, sich Notizen machen, ein paar Mal murmeln und mich in meinen Alltag entlassen, wo ich wie eine kleine Laborratte wieder eine Woche lang versuchen darf, mich in einer Welt zurechtzufinden, die nie meine war.

Kati 10.03.2025, 11.51| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Zu viel

Und auch hier wieder von offizieller Stelle: Ich bin zu viel, ich will zu viel, ich verlange Menschenunmögliches. Das Gefühl von Verrat kocht in mir hoch, dass es überhaupt eine dritte Partei geben muss und ich suhle mich in Hass und Selbstmitleid, bin mir jedoch wohl gewahr, dass sie Recht hat. Ich bin zu viel. Ich will zu viel. Und ja, ich verlange Menschenunmögliches. Und ich habe früher - ganz früher - mal daran geglaubt, dass es jemanden gibt, der genau dasselbe auch leben will und kann.
Ich habe mich geirrt.
Wieder.

Kati 09.03.2025, 15.40| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Ungebunden

Es ist anders als beim letzten Mal.
Das letzte Mal war da nur Schmerz. 
Purer, heißer, verzweifelter Schmerz, der meine Seele in Agonie schreien ließ. 
Diesmal ist es anders. 
Da ist Ruhe. Spöttisches Wissen. 
Und an keine Regeln mehr gebunden, von jedem Versprechen gelöst spüre ich in aller Deutlichkeit, dass da, wo jetzt noch Licht ist, bald nur noch Dunkelheit sein wird.
Und ich weiß, wozu ich dann werde.
Aber vielleicht sollte auch das so sein.
Vielleicht war es mir nie bestimmt, dieses kräftezehrende Leben zu leben, in dem ich die blutrote Schwärze in mir verleugnen muss, um in der Verletzlichkeit zu bleiben.
Verletzlichkeit war immer die letzte Bastion in mir gegen das Monster, das ich eigentlich bin.
Und die Kraft, die ich jetzt schon spüre, funkelt verführerisch in mir.
Ich muss sie nur wollen.
Ihr Preis ist die Hoffnung.

Kati 08.03.2025, 10.49| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Ambivalent

Wie kann man so hin- und hergerissen sein, wenn es um etwas eigentlich Schönes geht? Wenn die Umstände nicht wären, könnte ich mich vorbehaltlos freuen? Und ich wusste doch, dass der Tag kommen würde, an dem ich ihm wieder begegnen würde. Ich weiß nicht, ob er noch manchmal an die Vergewaltigungen denkt. Ich weiß nicht, ob er noch weiß, wie er mich in der brennenden Wohnung ans Bett gefesselt zurückgelassen hat. Ich weiß nicht, ob er noch daran denkt, wie er mir das Schlüsselbein gebrochen hat. Ich vermute, es hat keinerlei Relevanz mehr für ihn.

Kati 19.01.2025, 09.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Shame on me

"Es gibt nichts, das ich nicht mit dir haben wollen würde." 
Und dann nimmt man das über all die Jahre angesammelte Vertrauen zusammen und formuliert das, was die eigene Bestimmung ist und riskiert nichts weniger als die eigene Seele und... 

...scheitert.

Kati 17.01.2025, 17.34| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Ekel

Ich warte auf den Zusatz. Auf eine weitere Nachricht, irgendetwas, das das relativiert, was ich immer und immer wieder lese. Ich kann die Worte inzwischen auswendig und sie verändern sich einfach nicht. Egal, wie sehr ich mir jedes Mal, das ich vorne beginne, wünschte, sie würden es tun. Ich verstehe, was ich lese, ich begreife es nur nicht. Ich hätte alles darauf gewettet, dass dieser Text einen anderen Inhalt haben würde. Alles. Ich war mir so sicher in meiner Hoffnung, in meinem Wünschen, dass ich nun umso begriffsstutziger versuche, zu verarbeiten, was mir das Herz herausreißt. Selten habe ich mir mehr gewünscht, das Alles oder Nichts ablegen zu können, mich von den Krumen ernähren zu können, die mir hingeworfen werden, endlich zur Erkenntnis zu gelangen, dass ein halbvolles Glas besser ist als ein leeres, aber es gelingt mir nicht. Ich lebe immer im Maximum, immer im Superlativ und was mir mein Leben lang als Manko verkauft wurde, lässt mich hier und heute erneut scheitern. Zu viel. Mal wieder. Zu viel Gefühl, zu viel Erwartung, zu viel alles. Der wilde Ritt in einer Gefühlsachterbahn wie meiner, den nimmt man gerne mit, wenn es zu den eigenen Höhepunkten geht, aber ich für mich war immer zu viel, wenn es hart auf hart kam. Ich zittere, mir ist kalt, mein Magen krampft sich zusammen, ich muss mich übergeben, ich kenne all diese Symptome. So fühlt es sich an, wenn etwas Existentielles in einem stirbt. Ich weiß nicht, wohin mit mir. Ich will schreien, ich will weinen, ich will anklagen, wüten, schlagen, aber da ist nur dieser große Berg Schmerz, der mich erdrückt und jedes andere Gefühl auslöscht. Ich öffne die Nachricht erneut. Wenn ich sie nur häufig genug lese, dann verlieren die Worte vielleicht irgendwann ihre Fatalität, lassen mich innerlich abstumpfen, ausbluten, bewegen nichts mehr. Aber fürs Erste schnürt sich mir erneut die Kehle zu, bleibt mir jedes Wort im Halse stecken, verpufft jedes Aufkeimen von Gefühl in Hoffnungslosigkeit. Ich kann es nicht glauben. Es kann nicht wahr sein, es stellt alles in Frage, woran ich geglaubt habe, mir fehlt vielleicht nur ein Puzzleteil, es richtig zusammenzusetzen, dass es ein anderes Bild ergibt als das, welches die Worte zeichnen. Drei Stunden. Es wäre genug Zeit gewesen. Der Ekel kommt hoch, wie sehr ich mich exponiert habe. Wie lange Stunden ich in der Nacht mit mir gerungen habe, ob ich etwas so Großes in Worte fassen soll, ein ultimatives Risiko eingehend, etwas so Intimes zu enthüllen. Ich wünschte, ich hätte es nie getan.

Kati 15.01.2025, 13.29| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Tage für die Tonne

So Tage, an denen es gefühlt 5 Schritte zurück geht, obwohl man die Hoffnung hatte, dass jetzt irgendetwas Bahnbrechendes passiert und man dann doch wieder auf die Nase fällt. Zweifel. An allem.

Kati 08.01.2025, 23.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Zweifel

Der Alltag hat nun auch die Kinder und mich wieder. Und gleichzeitig heißt das, dass der Countdown läuft. 

Ich fühle mich vor allem gehetzt, gesund zu werden. Ich muss Autofahren können, ich muss diese Wege schaffen, ich muss uns hier versorgen können, wenn für den Mann die Operationen beginnen und er schlussendlich mehrere Monate ausfallen wird. 
Bei alledem hab ich eine Scheißangst vor allem. Ich habe so viele Monate mit Schwindelattacken, Angst und Panik hinter mir, das alles begann im April letzten Jahres und ich bin jetzt durch die Verzögerung durch die Coronanachwirkungen so weit entfernt von leistungsfähig wie man sich das nur vorstellen kann. 

Es ging mir direkt vor meinem Geburtstag so gut, ich war so zuversichtlich und hoffnungsfroh und dann kam diese Kackkrankheit und jetzt stehe ich hier und weiß nicht, wie ich das alles schaffen kann und soll. Und das ist nur der organisatorische Teil. 

Ich habe Angst vor dem, was kommt. Angst vor dem, wieviel der Mann in seiner Haupthand verliert. Es ist ja keine Frage von Gelingen oder nicht Gelingen, um Erfolg zu gewährleisten muss man ihm Kraft, Beweglichkeit und Motorik nehmen. Ich habe Angst vor dem Endergebnis und so egoistisch das klingt: Angst um das, was ich verlieren werde. Es sind diese wunderbaren Hände, die mich streicheln, die mir Lust bereiten, die sicher wissen, was sie tun, die mich halten, die immer voller Kraft waren, der Inbegriff von Ästhetik, Geschicklichkeit und Stärke.
Und so unwichtig diese Gedanken im Gesamtkontext sein mögen, sind sie trotzdem da, müssen sie trotzdem reflektiert werden, muss ich sie trotzdem fühlen dürfen, um nicht verrückt zu werden. 

Dabei wünsche ich mir in alledem nur, dass er schmerzfreier wird und alles andere wird sich dem unterordnen müssen. Es wird, weil es muss.

Kati 07.01.2025, 10.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Rückblick/Aussicht

Ich wollte im Dezember schon schreiben, dann zwischen den Tagen, dann vor Neujahr, aber die Tage vergingen wieder in Unverständnis, Streit und Kampf statt in Harmonie und so sehr die Worte bereits in meinem Kopf herumgeisterten, so wenig war ich fähig, sie aufzuschreiben.

Wir haben ein Höllenjahr hinter uns. 
Und selbst wenn ich den gesundheitlichen Aspekt sehr bewusst ausklammere, weil das in seiner Tragweite kaum zu erfassen ist, so haben wir darüber hinaus einige herbe Tiefschläge einstecken müssen. 

Es gibt nicht viele Menschen, denen wir uns gemeinsam öffnen. Die Schnittmenge der Menschen, denen wir beide vertrauen, ist an einer Hand abzählbar und wir haben letztes Jahr einen Wichtigen davon verloren. Wir tun uns schwer damit, jemanden in unser Leben zu lassen und wenn, dann gilt das bis in die letzte Konsequenz. Schon Anfang letzten Jahres wurde die Zweifel lauter und in den letzten Wochen und Monaten wich die Unsicherheit der zerschmetternden Erkenntnis, dass wir uns von einem Spiegel haben täuschen lassen. 
Die Verbitterung darüber hallt in uns beiden noch nach. Wir haben allerdings auch eine Menge neuer Menschen kennengelernt, die uns ans Herz gewachsen sind und besonders beim Gildentreffen hat meine Seele bei einem Menschen sehr laut und wohlig geseufzt. Deine auch, weiß ich und ich finde es wieder mal bemerkenswert, wie sehr wir inzwischen aufeinander abgestimmt sind.

Ich weiß nicht, ob wir trotz der unzähligen Auseinandersetzungen und der gleichermaßen end- wie fruchtlosen Diskussionen letztes Jahr so viel reifer geworden sind als Paar. Es sind haufenweise lose Enden, die wir aktuell in der Hand halten und es ist schwer abzusehen, ob wir auf einem guten Weg sind oder weiter herumirren müssen, bis wir das Durcheinander irgendwann wieder sortiert bekommen.

Wir waten derzeit durch knietiefe Scheiße und manchmal fällt dann auch noch einer hin, aber wir bleiben Seite an Seite. Dreckverschmiert, stinkend, allem überdrüssig, ich weiß das wohl. Aber wenn wir jetzt stehenbleiben, ist auch nichts gewonnen. 
Also gehen wir einfach weiter. 
Ich liebe dich. 
Nach 20 Jahren genauso und doch so anders als an dem Tag, an dem ich dich das erste Mal gesehen habe.

Kati 06.01.2025, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe an...

Wider die Vernunft

Mein Bauch schreit. Es stimmt etwas nicht und es entzieht sich völlig meines Einflussbereichs. Ich blicke auf die Worte, die mir geschrieben wurden und alles in mir brüllt, jede Alarmsirene schrillt, alles blinkt dunkelrot und ich kann nichts tun. Hilflos. Mein Magen krampft sich zusammen und wenn ich die Verbindung nicht verlieren möchte, dann muss ich jetzt all dies untrügliche Gespür tief in mir vergraben, um für den grausamen Fall, dass ich Recht behalten sollte, einfach da sein zu können. Wieviel Liebe erfordert es, jemanden in ein selbstgewähltes Schicksal laufen zu lassen?

Kati 05.01.2025, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Verweigerung

Was wir brauchen, ist nicht noch eine weitere intellektuelle Instanz, die alles auseinandernimmt, was nicht gefühlt werden kann. Und so muss ich mich dir verweigern, um mir selber treu zu bleiben. Was ich brauche, wonach ich mich sehne, wonach ich mich verzehre, liegt nicht im Neocortex und verlangt von dir, dich dorthin zu begeben, wo deine Angst liegt. Und ich bin mir dessen gewahr, was ich von dir verlange, denn dort gibt es die Illusion nicht mehr, alles im Griff zu haben, wenn man sich nur genug selbst kasteit, dort gibt es nur noch das Aushalten all dessen, was du dir zu fühlen versagst, weil es sich deiner Kontrolle entzieht.

Kati 04.01.2025, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: KinderKinder

Ausschleichen

Ich habe zwei funktionierende Strategien, mich zu regulieren ohne andere Menschen zu verletzen und die sind Sex und Essen. Meine Libido ist seit fast 10 Wochen verschwunden, genauso lange kann ich nichts mehr riechen und nichts mehr schmecken. Dazu kommt seit Wochen die Therapie mit Cortison, die mir Heißhunger auf etwas beschert, das ich nicht befriedigen kann. Alles in allem eine fatale Kombination, ich wiege so viel wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich mag nicht mehr. Ich habe Schmerzen durch das Gewicht, die Arthrose macht es mir fast unmöglich, zu laufen, jeder Schritt, jede Gewichtsverlagerung auf die Knie ist ein kreischender Schmerz, der macht, dass ich einfach nur noch sterben will. Meine Beine sind geschwollen und voller Wasser, mir passen meine Schuhe nicht mehr, ich bin aufgedunsen, ich möchte aus meinem Körper flüchten und ich kann nicht. Ich verdamme diesen Tag, ich verdamme meine Entscheidungen und ich hasse alles, aber nichts davon hilft, hier wieder weg zu kommen. Und während alle anderen einfach weitermachen, hänge ich hier mit den Nachwirkungen dieser Scheißkrankheit und fühle mich so allein und im Stich gelassen.

Kati 03.01.2025, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Ungebetener Besuch

Der Besuch war nicht geplant und ich hatte nur zwei Tage Zeit, um mich seelisch darauf vorzubereiten und außerdem versuche ich ja mit mäßigem Erfolg, meine Vorurteile abzubauen. 

Wir empfangen also einen verurteilten Verbrecher in unserem Haus, samt Kindern und Frau und obwohl ich ihn bereits seit Jahren durch die Verbindung der Kinder „kenne“, habe ich ihn seit seiner Verurteilung nicht mehr gesehen. Ich habe mit mittlerem Interesse die Zeitungsartikel gelesen, als alles aufgeflogen ist, war nicht sehr überrascht, habe mir meinen Teil gedacht und damals auch überlegt, was ich wohl an Stelle seiner Frau tun würde, wenn mir das passieren würde. Wie sie sich entschieden hat, ist klar, denn alle stehen zusammen vor unserem Tor und er ist mir so unsympathisch wie eh und je, daran hat sich nichts geändert, Verbrechen hin oder her. 

Absurderweise kann ich mehr Mitgefühl für Affekthandlungen aufbringen, für das systematische Lügen, Erpressen und Bedrohen von Leuten fehlt mir wohl ein Mitgefühl-Gen, keine Ahnung. Über Jahre hinweg in einer bereits von Haus aus privilegierten Situation seine Position auszunutzen, um Beträge in Millionenhöhe zu ergaunern, nein, das kann man nur schwer durch kopflose Entscheidungen schönreden, das ist leider schon Charakter. Und ich glaube, damit hätte ich dann auch meine Entscheidung, wie ich gehandelt hätte, wäre es mein Mann gewesen, aber das habe ich in der Vergangenheit bei anderen Themen auch schon einige Male gedacht und schlussendlich ist es dann immer etwas anderes, wenn man selber in der Situation steckt. 

Ich spüre so deutlich wie nie zuvor, dass die Phase meines Lebens, in der ich dachte, dass man für alles und jeden nur genug Verständnis aufbringen müsste, vorbei ist. Ich kann das nicht mehr, ich will das nicht mehr und das Beste: Ich muss das gar nicht. 
Natürlich hat jeder Mensch Gründe für sein Handeln, immer. 
Aber zur Reifung gehört die Erkenntnis, dass zu diesen Gründen manchmal auch Habgier und andere niedere Charakterzüge gehören

Kati 02.01.2025, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Erstens kommt es anders...

Ich hatte mir etwas anderes vorgestellt. Hatte vorbereitet, in Gedanken durchgespielt, wollte so viel wissen und zuhören und teilhaben und musste dann feststellen, nur ein Punkt zum Abhaken auf einer Liste gewesen zu sein. Die Geschenke liegen eingepackt im Schrank, es gab keinen Moment, keinen richtigen Zeitpunkt, nur zwischen Tür und Angel und der Symbolgehalt dieser beiden Dinge ist zu hoch, um ihn mit Eile zu zerstören. Aber ich habe allmählich die Ahnung, dass ich mich in eine Idee verrannt habe, die keine Entsprechung in der Wirklichkeit hat. Tagträumereien von einem Akt, der vielleicht nur in meinem Kopf von Bedeutung ist. Enttäuschung, auch hier. Die Alarmglocken, die in meinem Kopf klingelten, die Vorzeichen, das flaue Gefühl im Bauch, die Verachtung, gegen die ich micht nicht wehren konnte. Vielleicht erwarte ich einfach generell zu viel von Menschen. Ich werde alt und bitter und fliehe in einen Sarkasmus, der mir so vertraut ist und bin alles, was ich nie werden wollte. Enttäuscht, zynisch, misstrauisch und einsam. Ich muss nicht einmal woanders suchen, denn das, wonach ich mich sehne, das gibt es wohl nicht.

Kati 02.01.2025, 03.29| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Erwartungen

Ich kann nicht beschreiben, wie enttäuscht ich von einem Menschen bin, von dem ich dachte, er könne mich nicht enttäuschen. Und bei allem reflektierten 'Andere Menschen können dich nicht enttäuschen, weil es nur die eigenen Erwartungen sind, die nicht erfüllt werden', macht sich in mir dennoch eine grenzenlose Leere breit, die mich mutlos zurücklässt.

Kati 01.01.2025, 23.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

8 Wochen, 1 Tag

Acht Wochen und einen Tag nach positivem Test.
Ich habe meinen Geruchs- und Geschmackssinn immer noch nicht wieder. 
Ich kann den Mann nicht mehr riechen, die Kinder nicht, das Wetter und die Natur nicht, all meine Lieblingsgerüche nicht und ich finde mich in der Welt nur noch unzureichend zurecht. Es ist ein herber Verlust, den ich massiv betrauere. 
Ich habe jeden Zugang zu meiner Sexualität verloren. Meine Libido, die seit 20 Jahren mit diesem Mann ununterbrochen hochtourig läuft, ist einfach verschwunden und das ist ein nicht in Worte zu fassender Tiefschlag in unserem Leben. 
Ich bin schwach - in jeder Hinsicht. Ich brauche lange Erholungsphasen, ich denke immer noch langsamer als gewöhnlich, ich kann nicht mehr mehrere Dinge gleichzeitig tun, jede Handlung, jeder Gedanke, alles, was mir jemals mühelos zugänglich war, erfordert Anstrengung und resultiert in Erschöpfung, die umfassender ist als bloße Müdigkeit. 
Meine Defizite erfordern im Moment einen Großteil meiner Kraft, um Fähigkeiten auf ein normales Maß zu heben. 
Die Aggressivität ist noch immer laut in mir. 
Ich stelle eine gewisse Kompromisslosigkeit fest, die mir im Normalfall fremd ist. 
Ich mag mich oft selber nicht mehr. 
Meine Gehirnchemie hat sich massiv gewandelt und ich wechlse trotz krampfhaft diszipliniert eingehaltenen Tagesplänen so oft wie zuletzt Anfang bis Mitte 20. Es scheint kein Regulativ mehr zu geben, das es uns ermöglicht, dies irgendwie zu kontrollieren und das macht mir panische Angst. 
Mein ganzes Leben ist auf Prinzipien und Regularien aufgebaut, um genau diesen einen Punkt so berechenbar machen zu können, wie es irgendmöglich ist. Und wenn ich unkontrollierbar wechsle und sollten dabei tiefere Ebenen wieder freigelegt werden, hat nichts mehr Bestand, wofür ich seit Jahrzehnten arbeite.

 Ich bemühe mich, die Tage so zu nehmen wie sie kommen, aber in so viel emotionaler Unsicherheit wie ich sie momentan auch hier zuhause erfahre, fällt es schwer, so etwas wie Zuversicht oder Hoffnung zu schöpfen.

Kati 23.12.2024, 08.00| (3/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Covidnachwirkungen Tag 23

Am Freitag war ich das erste Mal wieder „draußen“. Heißt - weiter als kurz auf die Terrasse, um dann vor Erschöpfung zusammenzubrechen. Ich war beim Orthopäden, konnte mich einmal von oben bis unten wieder geraderuckeln lassen und es ging mir danach zumindest von den Sturzfolgen und den Muskelverspannungen deutlich besser als vorher. 
Der Rest ist nach wie vor eine Katastrophe. Die Nasennebenhöhlen sind immer noch zu, ich habe jeden Tag Zahn- und Gelenkschmerzen, am letzten Wochenende war ich mitten in einem Gichtschub, obwohl ich nichts außer Kartoffeln und Eiscreme esse. Ich rieche und schmecke nichts. Mein Gehirn scheint sich deutlich zu regenerieren, meine Laune und seelische Allgemeinverfassung auch, die Hoffnungslosigkeit erwischt mich meistens nur noch abends und nachts. 

Libido hängt bei mir anscheinend existentiell am Geruchssinn, solange ich nichts wahrnehme, komme ich geistig und körperlich nicht mal in die Nähe dieses Themas. Das belastet vor allem mich außerordentlich. Der eingebildete Ammoniakgestank ist verschwunden und dem intensiven Aroma von verbranntem Plastik gewichen - wahlweise Essen oder Menschen „riechen“ für mich manchmal danach. Ich habe inzwischen gelernt, wahrzunehmen, wo ich auch ohne riechen zu können bestimmte Gerüche fühlen kann. Ich spüre an der Haut, dass gekocht wird, ich kann die Öfen der Nachbarn draußen am Kratzen im Hals „riechen“, die Kinder hinterlassen eine Wärmespur, die ich früher nie wahrgenommen habe. 
Aber unterm Strich hasse ich alles an diesem Zustand. Vanille geht immer noch, mein Lichtblick und ein Feuerwerk im Gehirn, so dass ich in den ganz trostlosen Momenten am Backschrank stehe und weinend am Glas mit den Vanilleschoten schnuppere. 

Zwei ganze Sinne, einfach weg.

Kati 18.11.2024, 08.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Covidnachwirkungen Tag 13 - Freitag

Ich bin in einem desaströsen Allgemeinzustand, da möchte ich mir nichts vormachen. Zahnfleischbluten beim Aufwachen scheint der neue heiße Scheiß zu sein. Ich sitze hier und frühstücke ein weiteres Mal Pellkartoffeln, weil diese das Einzige sind, was ich nicht schmeckend im Mund beim Essen einigermaßen gut ertragen kann. Eiscreme geht auch noch, die esse ich aber abends, wenn der Hals maximal weh tut. Einiges Tierisches hat nach wie vor intensiven Ammoniakgestank und der Rest verschwindet in der geruchlichen Versenkung. Manche Gerüche nehme ich als existent wahr, ich kann sie aber nicht riechen. Es ist gruselig faszinierend. Parfum nehme ich als "vorhanden" wahr, ich rieche es aber nicht. Ich kann sagen, dass jemand kocht, aber es scheint irgendeinen anderen Sinn zu kitzeln als den Geruch. 

Für ein Raubtier ist das schon eine ziemlich schwache Leistung, sollte man doch denken, dass einige Inhalte eigentlich immer irgendwie Alarm im Gehirn auslösen sollten, aber auch da muss ich passen. Ich stecke meine Nase inzwischen in Dinge, die die anderen aus 5 Meter Entfernung schon als viel zu intensiv wahrnehmen und es passiert exakt gar nichts.
Was ich nach wie vor deutlich rieche, ist Vanille.
Apex Predator eben.

Kati 08.11.2024, 07.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Covidnachwirkungen Tag 12 - Donnerstag

Davon aufgewacht, dass ich den Mund voller Blut habe. Nach dem Übergeben festgestellt, dass ich im gesamten Mund aus dem Zahnfleisch blute. In einer Stärke, die an starkes Nasenbluten erinnert. Eine halbe Stunde später war der Spuk vorbei, es bleiben pochende Zahnschmerzen. Der Husten ist wieder schlimmer geworden, der Allgemeinzustand im Gesamten aber eigentlich besser. Immer noch wochenbettähnliche Periodenblutungen ohne Pause. Bin erschöpft davon, zuzusehen, wie die anderen nach überstandener Erkrankung einfach wieder in den Alltag wechseln.

Kati 07.11.2024, 07.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Covidnachwirkungen Tag 11 - Mittwoch

Deutliche Verschlimmerung. Müde, mutlos. Kalt. Innen wie außen.

Kati 06.11.2024, 17.41| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Covidnachwirkungen Tag 10 - Dienstag

Die Träume bringen mich um. Sie sind zu lebendig, zu echt, zu nah an Erinnerung und Erleben, als dass ich sie morgens beiseite legen könnte, damit sie verblassen. Ich wache auf, fahrig, verzweifelt, voller Schmerz und Seelenpein, weil das, was ich träume, nicht von der Realität zu unterscheiden ist. Ich muss mich versichern, dass sie noch alle da sind, dass ich unversehrt im Bett liege statt wieder irgendwo angeschnallt zu warten, was mit mir gemacht wird, dass ich sicher und warm und behütet bin und dass sie alle tot sind. Es braucht seine Stunden im Hier und Jetzt, bis ich mich nicht mehr in Agonie krümme, sondern den Neocortex mit so vielen Eindrücken gefüttert habe, dass er wieder die Kontrolle übernimmt und mir glaubt, dass das alles 30 Jahre und nicht 30 Minuten her ist. Es ist anstrengend und ich bin müde und zu Tode erschöpft. Ich habe schon so lange nicht mehr auf diese Art geträumt.

Kati 05.11.2024, 09.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Covidnachwirkungen Tag 9 - Montag

Der Test ist negativ. Mein Körper scheint da grundlegend anderer Meinung zu sein, denn es wütet nach wie vor schmerzhaft in mir, auch wenn ich weiter Besserung fühle. Das nächste Kind ist krank und ich mache mir ein weiteres Mal Sorgen. Wenn wir nur nicht alle so vorbelastet wären. Herz, Lunge, Immunsystem. Ich kann nur hoffen. Ich erinnere mich gut an gestern und ich erinnere mich seit einer Woche an das erste richtige Lachen am Abend. Liebe Menschen tun ohnehin das ihre, dass ich zumindest in den Stunden Discord am Abend alles andere zur Seite schieben darf, aber gestern überwiegten nicht die Schmerzen beim Sprechen und die Angst, dass jederzeit der Husten kommen kann, sondern die Leichtigkeit und der Spaß. Für mich das deutlichste Zeichen dafür, dass es bergauf geht. Ich rieche und schmecke nach wie vor nichts, die Periodenblutungen erinnern mehr an Wochenbett als an normale Menstruation, die Atemwege sind heute deutlich freier.

Kati 04.11.2024, 09.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Covid Tag 8 - Sonntag

Heute vor einer Woche um diese Zeit erlag ich noch dem Größenwahn, dass so viele Leute von "wie ein leichter Schnupfen" sprechen, dass es mich vielleicht auch verschonen würde. Und bei allem, mit dem ich mich herumschlage, bin ich mir dessen bewusst, dass ich medizinisch gesehen einen sehr milden Verlauf habe. Ich weiß das und bin dankbar, zuhause sein zu können. Für den Rest ... bin ich vielleicht nicht allzu dankbar. Ich glaube, ich bessere mich. Der Husten geht zurück, die Nasennebenhöhlen pochen nicht mehr bei jedem Schritt. Dafür sind die Magen-Darm-Koliken auf einem armseligen Höhepunkt und ich weiß manchmal nicht, wie ich mich währenddessen überhaupt noch aufrecht halten soll. Gelenk-, Zahn-, Glieder-, Kopfschmerzen heute wieder aus der Hölle. Schwindel und Kreislaufprobleme. Konzentrationsprobleme. Schwächegefühl. Angst, Panikattacken. Ich hatte die Woche über das Gefühl, dass meine innere Aggressivität massiv zugenommen hat. Keine Genervtheit, keine Wut, sondern dass meine innere Hemmschwelle für echte Aggressivität massiv sinkt. Das erschreckt mich. Der Mann hat mir erzählt, dass ich ihn am Montag unangemessen intensiv für eine Banalität angegangen sei - ich erinnere mich an nichts davon. Dieser ganze Komplex, wie das Virus anscheinend jeden Bereich des menschlichen Seins beeinflussen kann, schockiert mich zutiefst. Ich hab wirklich schon unendlich viele Krankheiten und Verletzungen in meinem Leben ausheilen müssen - nichts davon ist irgendwie vergleichbar.

Kati 03.11.2024, 10.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Covid Tag 7 - Samstag

Die Nacht war bislang die erholsamste - mit Abstand. Nur ein richtiger Hustenkrampf mit Übergeben, ansonsten nur ein paar Hustenanfälle, aber ohne Atemnot und ich konnte danach einigermaßen gut weiterschlafen. Die lebhaften Träume halten an, die Schmerzen werden insgesamt langsam etwas weniger. Das Gehirn scheint sich weiter zu erholen, ich kann Gespräche von gestern Abend wiedergeben und erinnere mich an das meiste, das gestern passiert ist. Nachdem ich vorgestern versucht habe, ein Buch zu lesen und nach einer Viertelstunde aufgegeben habe, weil ich den Inhalt der ersten Seite nicht erfassen konnte, habe ich gestern Abend gehäkelt und der Automatismus von 43 Jahren häkeln greift zwar, es ist aber unfassbar anstrengend und nötigt mir echte Konzentration ab. Der beißende Gestank nach Ammoniak geht immer noch von allem aus, was tierische Bestandteile hat, ich rieche und schmecke nach wie vor nichts bis auf eine Ausnahme: Ich kann Vanille riechen. Ich bin müde und kraftlos und verliebt in die Idee, etwas zu essen, was lecker schmeckt.

Kati 02.11.2024, 09.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Covid Tag 6 - Freitag

Ich bin wacher. Was gestern als undifferenziertes Gefühl begann, manifestiert sich heute in Gewissheit. Ich denke wieder schneller, ich muss die Worte nicht erst mühsam aus Kisten kramen, ich kann wieder besser formulieren und auch kommunizieren. Trotzdem bewegt sich nach wie vor alles in Zeitlupe statt Echtgeschwindigkeit. Der Verlust von Geruch und Geschmack ist hart. Es ist, als würde der Welt ein grundlegender Baustein fehlen. Der von niemandem sonst wahrzunehmende Ammoniakgestank hängt nach wie vor über allem, was tierischen Ursprungs ist. Der Husten ist noch mal fester geworden, die Krampfanfälle schlimmer, es löst sich nichts mehr. Dreimal musste ich in der Nacht wieder 20 Minuten einfach nur am offenen Fenster stehen und versuchen, zwischen den Husten- und Würgeanfällen einigermaßen ruhig zu atmen ohne panisch zu werden. Zum draußen schlafen ist es leider zu kalt, die Temperatur fiel empfindlich unter die Grenze, bis zu der ich krank draußen schlafen kann. Nasennebenhöhlen unverändert, Kopfschmerzen eher hämmernd als stetig, Magen und Darm liefern noch das volle Programm. Ich bin müde. Müde und unendlich erschöpft. Alle Muskeln tun weh, der Nacken ist komplett steif und verspannt, ich kämpfe mit Kreislaufproblemen und starken Schwindelanfällen.

Kati 01.11.2024, 09.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Covid Tag 5 - Donnerstag

Der Morgen beginnt mit starker Übelkeit, Erbrechen, Hustenkrämpfen und dem Gefühl einfach nicht mehr zu können. Ich schlafe zu wenig, ich kann nicht gut atmen, mein extrem gut ausgeprägter Geruchssinn ist einfach weg und ich kann Mann und Kinder und die Tiere und mein geliebtes Draußen und alles, woran ich mich im Alltag orientiere, einfach nicht mehr riechen. Ich möchte mich zusammenkauern und weinen, aber das löst einen weiteren Hustenkrampf aus, also lasse ich das. Denken geht heute anscheinend deutlich besser, dafür spricht, dass ich angefangen habe, es hier aufzuschreiben und die letzten Tage nachzulesen, was überhaupt passiert ist. Kopfschmerzen verstärken sich bei Bewegung, Zähne tun nur noch beim Husten weh, ich huste nach wie vor weißen Schaum, was irgendwie eklig ist. Der Hals ist blutig und wund, Puls mit Betablockern bei 110, Sauerstoffsättigung bei 96%, auch wenn es sich beim Atmen nicht so anfühlt. Ich müsste was essen, aber ich schaffe es gerade noch nicht, Dinge, die ich weder riechen noch schmecken kann, einfach runterzuschlucken. Alles an dieser Krankheit triggert massiv Trauma und Erlebnisse von früher, ich versuche einfach irgendwie die Zeit totzuschlagen.

Seit 13 Uhr "riecht" alles, was tierischen Ursprungs ist oder tierische Bestandteile enthält, nach Ammoniak. Das ganze Haus stinkt und als der Mann für die Kinder gekocht hat und dabei Fleisch zubereitet hat, fühlte es sich an, als hätte man mir Säure in die Nase gegossen. Das Gehirn fühlte sich insgesamt tatsächlich etwas wacher an. Ich kann trotzdem kein einziges heute geführtes Gespräch vernünftig wiedergeben. Periodenlutungen haben deutlich zu früh in ungewöhnlicher Stärke eingesetzt, etwas, das schon nach den Impfungen passiert ist.

Kati 31.10.2024, 23.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Covid Tag 4 - Mittwoch

geschrieben an Tag 5 - Donnerstag, 31.10. 

Magenkrämpfe, Erbrechen, Darmkoliken sind meine neuen Freunde. Husten ist inzwischen krampfartig geworden, ich bekomme immer schlechter Luft, die Nasennebenhöhlen sind zu, jede Umlagerung oder Bewegung tut weh, löst Husten oder Atmennot aus. Der Kopf hämmert vor Schmerzen, ich bin gereizt und habe das Gefühl, ich bekomme wieder mehr von meiner Umgebung mit. Der größte Indikator dafür ist, dass ich am Mann herummeckern kann, eigentlich immer ein Zeichen für Besserung, wenn nicht mehr alles gleichgültig an mir vorüberzieht. Ich habe Ganzkörpermuskelkater vom Husten. Im gesamten Unterkiefer schmerzen alle Zähne wie bei starken Zahnschmerzen. Wortfindungsstörungen. Blasse Erinnerung an soziale Interaktionen. Um 19 Uhr noch darüber nachgedacht, wie lecker der Muffin schmeckt, drei Stunden später sind Geschmackssinn und Geruchssinn verschwunden. Auch starke Reize kommen nicht mehr im Gehirn an.

Kati 30.10.2024, 23.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Covid Tag 3 - Dienstag

geschrieben an Tag 5 - Donnerstag, 31.10.

Der Dauerkopfschmerz weicht einem migräneartigen Stechen im Kopf. Es ist bei Husten kaum auszuhalten. Die Hustenanfälle werden intensiver, ich kann nur noch draußen einigermaßen ruhig atmen. Zum Glück haben wir kühle und feuchte Luft, etwas Nieselregen, ich schlafe jetzt auch nachts draußen. Große Probleme mit Atemnot beim Aufstehen oder Bewegen. Ich friere ununterbrochen. Am Abend habe ich so viele Medikamente im Körper, dass ich wieder rudimentär denken kann, das Baden war aber definitiv zu anstrengend für den Körper, aber ich habe eine halbe Stunde nicht gefroren oder gehustet. Ab dem späten Abend kommt Erbrechen hinzu. Ich habe keine Erinnerung an jegliche zwischenmenschliche Interaktion an diesem Tag.

Kati 29.10.2024, 23.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Covid Tag 2 - Montag

geschrieben an Tag 5 - Donnerstag, 31.10.

Laut WhatsApps und Spiellogs kann ich sehen, dass ich mehr oder minder den ganzen Tag gespielt habe. Zwischendurch habe ich draußen geschlafen und was gegessen. Husten und Schnupfen, starke Gelenkschmerzen, ich weiß nicht mehr, was den Rest des Tages hier passiert ist. Keine Erinnerung an Interaktionen mit anderen Menschen, nichts.

Kati 28.10.2024, 23.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Covid Tag 1 - Sonntag

geschrieben an Tag 5 - Donnerstag, 31.10.

Ich erinnere mich noch daran, dass ich morgens erst negativ getestet habe, nach über einer Stunde war der Hauch einer Linie zu erkennen, bisschen Husten. Ich habe den Besuch verabschiedet, der Rest des Tages liegt im Dunkeln. Auf Social Media und WhatsApp kann ich sehen, dass ich im Laufe des Tages mit Menschen interagiert habe, ich erinnere mich an nichts davon

Ich bin zum ersten Mal überhaupt positiv, bin dreimal geimpft, gehöre gleich in mehreren Kategorien zur Risikogruppe.

Kati 27.10.2024, 23.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Allein

Seit über 5 Monaten mit immer mindestens einem weiteren Menschen im Haus bin ich heute zum ersten Mal wieder allein. Und schon um 5 Uhr heute Morgen hüpfte mein Herz aufgeregt, ob es wohl heute alles klappen würde oder ich mich wieder umsonst gefreut hätte. Es ist ein anderes Allein, als wenn der Mann mal kurz die Kinder mit zum Einkaufen nimmt oder sie für eine Stunde beim Arzt sind. Es ist ein echtes Allein, Eines, das nur mir gehört. Kein Geborgtes, kein Geschenktes, kein künstlich Herbeigeführtes, sondern genau jenes, welches ich so dringend benötige, um die Zügel locker zu lassen. 
Die Verkrampfungen im Nacken und in den Schultern sind kaum noch zu ertragen, die Aussicht auf den Termin in der nächsten Woche lässt weder Gedanken noch Körper zur Ruhe kommen. 

Der Mann und ich haben es uns in den letzten Wochen in einer Blase gemütlich gemacht, die all das ausblendet, was mich nicht schlafen lässt und vielleicht lache ich nächste Woche darüber, weil das so unnötig war. Wenn nicht, kann uns diese Zeit niemand mehr nehmen. Es kommt, wie es kommt. 

Der große Sohn hat mich in dieser Zeit viel Langmut gelehrt. Es ist speziell, gerade ihn zu begleiten, sind seine Bedürfnisse und sein Tempo doch so anders als dass mir es jemals vertraut werden würde. Immer einen Schritt vor und dann aus Angst wieder zwei oder mehr Schritte zurück. Warten. Erstarren. Warten. Irgendwann dann wieder ein zaghafter Schritt vor und gleich wieder zurück das Ganze. Bis er lange genug in seinem Kokon gegrübelt und ausgeharrt hat, dieser überraschend über Nacht zu eng wurde und der Sohn sich einem Schmetterling gleich herausschält und seine Flügel ein weiteres Mal ausbreitet. So glücklich mich das macht, so nervenaufreibend ist es, diesem Prozess beizuwohnen. 

Mit der damit verbundenen Entspannung kommt das Gefühl wieder an die Oberfläche. 
Ich habe Angst vor der Gewissheit.
Ich habe Angst, dass sich nächste Woche unser gesamtes Leben für immer verändert.

Kati 26.08.2024, 07.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

10 Jahre

10 Jahre sind es heute und es ist nach wie vor die schmerzhafteste Lektion unseres gemeinsamen Lebens. Mein Gott und mein Glaube haben mich damals verlassen und es war mühsam, mit dir durch das Scherbenfeld zu humpeln, vor dem wir plötzlich standen. Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Und trotzdem möchte ich der damaligen Schwärze in mir zuflüstern: "Es wird. Und es wird gut." Gleichzeitig bin ich froh, den Weg nicht gekannt zu haben, der uns hierher geführt hat. Ich weiß nicht, ob ich daran geglaubt hätte, die Kraft dafür zu besitzen.

Kati 14.08.2024, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe an...

50

Fünfzig. Uff. 
Das ist eine große Zahl. 

In unser beider Köpfen sind Menschen mit 50 Jahren irgendwie weit weg von unserer Lebensrealität und wir haben gefühlt noch mindestens Jahrzehnte, bis wir in dieses Alter kommen. In innigen Momenten schwebt manchmal der Gedanke an ein weiteres Baby zwischen uns und das ist nichts, das im Rahmen des Unmöglichen liegen würde. Gleichzeitig sind wir auf dem Weg zu Großeltern und diese beiden Welten sind manchmal schwer überein zu bekommen. 

Ich habe dich kennengelernt, als du 30 warst und der Mann von damals ist mir auf Bildern vertraut und lieb, aber auch so weit weg wie ich mir das nicht hätte vorstellen können. Der rundliche Junge von damals ohne Ecken und Kanten, in Ablösung begriffen und noch so verdammt unreif in all seinen Werten und Moralvorstellungen hat auf den ersten Blick nichts mehr mit dem Mann zu tun, der du geworden bist. 
Ich blättere durch die Jahre und sehe deine Ent-wicklung. 

Manchmal denke ich, dass du dich innerhalb unserer Beziehung durch eine Häutung nach der anderen kämpfst und ich weiß nur zu gut, dass das ein schmerzhafter Prozess für uns beide ist, dem viel innerer Kampf vorausgeht. Diese deine Häutung ist ein repetitives Abschälen von Gewohnheiten, Vorstellungen, Ansichten und nicht zuletzt auch Körpermasse. 40 Kilo sind im Laufe der Jahre weggeschmolzen und haben dein reifendes Innen auch aufs Außen projiziert. Du bist heute trotz aller Einschränkungen in der besten und gesündesten Form deines Lebens. 

Der lüsterne Satyr ist von einem erfahrenen Mann gezügelt worden, der seine grenzenlose Potenz in sehr kontrollierte Bahnen lenken kann und unser beider Verlangen mit allen Sinnen auskostet. Du bist von mir besessen und scheust dich nicht, diesen Umstand auszusprechen und in unserem Alltag lebendig zu halten. 

Ich weiß, dass ich alles von dir haben kann. Trotz und wegen dieses Umstandes bist du mir immer meine höchste moralische Instanz, denn du schuldest mir und dir letzten Endes nur die Wahrheit. 

Du bist der Mann meiner Träume, mein Gefährte, mein bester Freund, mein Liebhaber, mein Verbündeter, mein Vorbild, mein Fels und meine Hoffnung. 
Gemeinsam sind wir ein Ganzes. 

Herzlichen Glückwunsch zum 50. Geburtstag, mein dunkler Engel.

Kati 13.08.2024, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe an...

Leise

Stunden voller Zärtlichkeit.
Unsterblich in Erinnern und Fühlen, egal was kommt.

Kati 10.08.2024, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Intimität

Wahre Intimität ist nicht die Art von Nacktheit, für die ich sie früher hielt.
Sie blickt so viel tiefer. 
Sie ist die Umarmung mitten in der Nacht, wenn jedes Wort zu viel wäre. 
Sie ist das Wissen um all unsere Schwächen und die Akzeptanz dessen, was man sieht. 
Sie ist Vergebung und Nachsicht gleichermaßen. 
Sie ist das Werben um das, was man schon besitzt. Nie vergessend, welche Kostbarkeit man in Händen hält.
Sie ist der Blick auf das, was jedem anderen verborgen bleibt. Die rohe und hässliche Fratze eines jeden Menschen wertungsfrei sehen könnend und trotzdem nicht zurückzucken. 

Wahre Intimität findet dort statt, wo sich zwei Menschen trotz des Wissens, dass ein falsches Wort in dem Maße verheerend wäre, dass es nicht wiedergutzumachenden Schaden anrichten würde, in vollem Vertrauen darauf, dass ebendies nicht geschieht, verwundbar einander öffnen. 
Sie ist die Blöße, die man sich erlaubt, um einem anderen Wesen einen Blick auf die eigene Seele zu ermöglichen. 
Die Angst, die damit einhergeht wird gespeist aus der Fatalität, die jede Verwundung verursachen würde. 
Hier ist kein Platz für Kampf. Nicht für Spiel, nicht für Koketterie, nicht für Ego. 
Nur Offenbarung, Liebe, Vertrauen, Hoffnung, Glaube.

Kati 22.07.2024, 23.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: KinderKinder

Shot by my own gun

Last breathe, looking at you walking away
You took everything I had just to get played 
Angel of death, why you looking so sweet? 
I was a fool to tell you everything 
You shaking with the words I gave 
Turning back on me 
Cold of steel on the trigger you hold 
Where's the man that I used to know? 
Well, you shot me down with my own gun 
Now my heart is bleeding while you're on the run 
Yeah, you got what you wanted, now the deal is done
Never thought that I would be the one...

Kati 21.07.2024, 23.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: KinderKinder

Sommerferien

Ein Tag, der damit beginnt, dass das Kind, das sich mit sozialen Interaktionen schwer tut, vor meinem Bett steht, was ohne Anklopfen per se schon nur im Notfall passieren darf, mich dann aber auch noch eindringlich fragt, ob der Mann arbeitet und das dann auch schon der gesamte Gesprächsinhalt gewesen sein soll, während ich mühsam versuche, meine Aggressionen in den Griff zu bekommen und mich auf meine Rolle als Mutter zu besinnen, kann ja im Grunde nicht sehr gut weiterlaufen. Und prompt setzt die selbsterfüllende Prophezeiung Migräne als das Mittel ihrer Wahl ein, die mir nur noch ein kleines Fenster Zeit lässt, mich irgendwie zum Medikamentenschrank durchzukämpfen. Auf dem Weg dahin plaudernde große Kinder, die früh wach und grausam motiviert sind, gemeinsam Sport zu treiben. Ich sehe das große Kind erstmals wieder seit Wochen seinem schwarzen Sumpf ensteigen und wenngleich es nicht Aufgabe der kleinen Schwester sein darf, ihn da rauszuholen, ich bin gerade einfach dankbar, dass es sich jetzt so ergeben hat. Ich kenne die Unsicherheiten und Ängste, die er kultiviert und in einer Familie voller Menschen, die einfach anpacken, was sie sich vornehmen und dann auch erfolgreich sind, ist sein Standpunkt vermutlich der Schwerste. Und so oft ich mich bemühe, in leichter Sprache zu bleiben, alles runterzubrechen, immer meinen eigenen Anteil zu verstecken - er sieht mich ja mit seinen Geschwistern - erlebt das intellektuelle PingPong, die andere Sprache, die andere Humorebene, die Themen, mit denen er nichts anfangen kann und ich sehe den Frust, nichts verstehen zu können, so sehr er sich auch bemüht. Und in einer Welt, die Menschen wie die Kriegerin und den Butz hofiert, weil sie intellektuell nicht nur der Norm entsprechen, sondern das augenscheinlich wertvollste Gut dieser Gesellschaft - intellektuelle Leistungsfähigkeit - mit der groben Kelle zugeteilt bekommen habe, hat er es doppelt und dreifach schwer. Die Jahre Schule haben ihre Spuren hinterlassen.
Der Wert, den er verzweifelt sucht, liegt schon in ihm. Und er sieht es noch nicht. Es macht mich hilflos, als Mutter daneben stehen und zusehen zu müssen, wie er gegen die Wände anrennt, die für ihn gar nicht relevant sind. Es könnte alles so einfach sein.

Kati 08.07.2024, 08.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Ferientage

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Kati 07.07.2024, 08.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gesundheit

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Kati 04.07.2024, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gesundheit

Sehnsucht

Manchmal willst du nur jemanden, der so sehr in seiner Intuition ruht, dass er dir die Maske vom Gesicht reißt - jemanden, der nicht zurückweicht, wenn er die hässliche Fratze dahinter sehen kann. Der nicht zurückschlägt, wenn ich austeile, ein Fels, der standhält, stoisch, gleichmütig, nicht weich, sondern hart wie Beton, gegen den ich so lange anstürmen kann, bis ich verletzt und erschöpft zu Boden sinke und keine Mauer mehr steht und die Tränen endlich laufen dürfen, weil da nichts mehr ist, was sie zurückhält. Jemanden, der mein gesamtes Denken ausschaltet, weil ich darauf vertrauen kann, dass er führt, dass er das Geschrei in meinem Kopf verstummen lässt. Das Geschrei, die Panik, die ständige Kontrolle, das obsessive Regelwerk, die Rituale, die Beständigkeit, das Stahlskelett aus Disziplin und Kontrolle über alles, was Emotion ist. Der die darunter liegende Verzweiflung aushalten kann und der mich trägt. Diesen zerflossenen Haufen Mensch, der ich einmal werden sollte und der nie die Chance bekommen hat, in einem anderen Modus zu existieren als im Überleben.

Kati 03.07.2024, 18.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Stumm

Ich habe überlegt, sie anzurufen. Es ist lange her, dass wir gesprochen haben und das hat Gründe. Sie versucht nach wie vor einmal im Monat mit mir zu sprechen - ich sehe ihre Nummer auf dem Display und überlege mir jedes Mal stumm, ob ich in meine Tiefen hinabsteigen will und die Antwort der letzten eineinhalb Jahre war immer nein. Jetzt gerade locken sie.
Ich blocke alles, was tiefer als Oberfläche geht und ich bräuchte so dringend jemanden, der mich in meiner ganzen Schwärze sehen kann. Der mich spürt, der mich spiegelt, der es aushalten kann, Echo meines Schmerzes zu fühlen. Authentisch. Jemanden, der selber auf diesen Pfaden wandelt. 

Um mich herum sind pragmatische Menschen, Intellektuelle, Emotionsverhärtete, die, die nicht können oder nicht wollen, weil sie diesen Teil ihres Innern nicht preisgeben. Das hilft mir nicht. 

Also bewahre ich ein Geheimnis, bis ich es so lange gefühlt habe, dass ich ihre Reaktionen ertragen kann, die im Gegensatz zu dem, was es für mich bedeutet, so enttäuschend rational sein werden, dass ich sie ein weiteres Stück hassen werde. Und damit das nicht die Liebe zerfrisst, die ich ebenfalls für sie empfinde, warte ich, bis ich damit umgehen kann. 

Die letzten zwei Jahre und besonders die letzten 10 Monate haben mir einen guten Eindruck von dem vermittelt, was ich erwarten kann. Wer durch die Risse blickt und passende Momente findet, in denen ich sie weiter öffnen kann, ohne zu verzweifeln. In seiner Gesamtheit ist es entmutigend und ich habe weitestgehend mit dieser Beziehungssache zu anderen Menschen abgeschlossen. Die Mauern, die ich aufgebaut habe, sind zu hoch. Die Hürden, überhaupt bis dorthin zu kommen, anscheinend unüberwindbar. Der große Traum ausgeträumt. 

Jetzt muss ich nur noch einen Weg finden, mir einzureden, dass es sich lohnt, bis zum Ende zu bleiben.

Kati 02.07.2024, 18.00| PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Abnabelung

Ich bin nicht gut in dieser Abnabelungssache der Kinder. Ich vertraue der Welt zu wenig und die Angst flüstert ihnen anscheinend auch, selbst wenn es dafür vielleicht objektiv gesehen überhaupt keinen Grund gibt. Momentan ist es schwer, die Dinge einfach durch mich hindurchfließen zu lassen. Aber wer bin ich denn, dass ich Kritik üben würde, zu Zeiten, in denen man sich selber ausprobieren muss, in denen man dringend notwendige Fehler machen muss, weil sie nur zu diesen Zeiten machbar sind? Nur weil ich es besser weiß? Weil ich gegen dieselben Wände angerannt bin? Und was hätte mich aufgehalten? Nichts, ich weiß das wohl. Auch mit der Erfahrung drei weiterer Lebensjahrzehnte kann ich mich nicht hinstellen und den Finger heben, weil die Beziehung zu ihnen immer wichtiger sein wird als der vermeintliche Schutz, den ich ihnen damit angedeihen lassen wollte. Denn wieviel sind ungemachte Fehler wert? Nichts. Man fühlt den Schmerz nicht und man lernt nicht nachhaltig genug aus den Erfahrungen anderer. Das Leben kann nicht theoretisch gelebt werden. 
Und so stehe ich hier und sehe wissend zu, wie der härteste Lehrer die Bühne betritt. 

Wenn ich hoffen darf, ihnen auch nur irgendetwas mitgegeben zu haben, dann bete ich, dass es die Sicherheit ist, dass man nichts bereuen sollte, was man jemals nach bestem Wissen und Gewissen entschieden hat. Dass man eher Dinge bereut, die man nicht getan hat. Dass überraschende Chancen die Einladungen des Lebens sind, die man ohne Zögern mitnehmen sollte. Dass alles seine Zeit hat. Dass diese Zeit kommen wird. Und dass am Ende alles gut wird.

Kati 18.06.2024, 08.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

Desillusioniert

Vor einem Jahr war da dieses kleine Häuschen, das mich so anlachte. Perfekte Umgebung, direkt am Wald, Garten, zwar renovierungsbedürftig, aber ich dachte, da könne man ja ein gemeinsames Projekt draus machen, Geld würde schließlich zumindest temporär keine Rolle mehr spielen. Und weil das Leben eine ziemliche Schlampe in Bezug auf Träume ist, erfuhr ich in genau diesen Tagen, dass ich von etwas ausging, für das ich gar nicht eingeplant war. Menschen sind hedonistische Opportunisten und das Erbe meines Vaters hat mir das so nachhaltig vor Augen geführt wie es kein anderes Ereignis hätte tun können. Ich war nicht mehr Kati, ich war Plan B. Ich möchte für Menschen in meinem Leben allerdings nur Plan A sein. Ob mit oder ohne Geld. Ich weiß erst heute, wie utopisch dieser Wunsch war.

Kati 12.06.2024, 08.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Worte

Wenn jede Diskussionen nurmehr in Schmerz und Hoffnungslosigkeit endet, dann verliert man seine Worte. Auch im Schreiben. Und obgleich das Schreiben mich in erster Linie im Oben hält, verbindet es mich mit all meinen unteren Ebenen, während sich Buchstaben zu Gefühl fügen. Ich versuche seit Wochen, den Wechsel zu erzwingen. Seit Tagen laufe ich mir die Seele aus dem Leib. Hoffe, wenn das Herz stolpert, wenn die Lunge keucht, wenn meine alten Programme aktiviert werden, kommt die Ablöse. Sie kommt nicht. Früher, ganz ganz früher dachte ich mal, dass man bei zu viel Schmerz ohnmächtig wird und der Körper dann automatisch abschaltet. Ich sollte schnell und nachhaltig lernen, wie viel ein Geist und eine Seele ertragen können, bevor der Körper aufgibt. Viel zu viel. Ohnmacht ist keine ernsthafte Handlungsoption. Sie kommt erst, wenn die Scherben schon auf dem Boden liegen. Manchmal kommt sie gar nicht. Und was bleibt, ist Hilflosigkeit gegenüber dem ersten und letzten Verräter meines Lebens: Dem Tod. Ich weiß nicht, ob er mich erst haben will, wenn ich ihn nicht mehr begehre oder ob er einfach gleichgültig gegenüber allen Dingen ist, wie es das Universum an sich mit uns auch hält. Worte. Ich wollte etwas über meine verlorenen Worte schreiben. Die Worte und Wörter, die ich erst wieder finden muss, weil sie im Alltag im Nichts verhallen. In der Verständnislosigkeit, die so allumfassend ist, dass ich kein Echo mehr fühle. Nicht in mir, nicht in meinem Gegenüber. Ich kann seit Monaten meine Akkus nicht mehr laden, weil ich keine Sekunde, keine Minute des Tages hier allein sein darf. Es ist nicht mehr vorgesehen, dass ich zur Ruhe komme. Und darum ziehen die Schultern nach oben, der Kopf geht in Deckung, ich kann nicht mehr schwindelfrei liegen, stehen, laufen, ich bestehe nur noch aus Schmerz, Angst und Verzweiflung. Ungesehen. Unverstanden.

Kati 11.06.2024, 08.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Scheideweg

Mir gehts nicht gut.

Kati 10.06.2024, 08.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

19

Dieses Jahr fällt es mir schwerer, dir zu schreiben.
Wir haben die Hölle eines Jahres hinter uns. 
Das letzte halbe Jahr hat uns beziehungstechnisch mehr abverlangt als all die Tiefen zuvor. Selbst die hilflose Schwärze von vor 10 Jahren verblasst daneben, weil wir gerade nicht in Schmerz und Hilflosigkeit nebeneinander verstummen, sondern weil wir aktiv und in aller Härte gegeneinander ankämpfen.
Wir lösen uns aus der Zeit der kümmernden Elternschaft, wir geraten mit unseren neuen Bedürfnissen und Beziehungsvorstellungen und Ansprüchen an die Gestaltung unseres bald erstmals zweisamen Lebens massiv aneinander, gegeneinander vor allem. 

Diagnosen erleichtern alles und verändern nichts, habe ich vor nicht allzu langer Zeit geschrieben und bei Gott, ich hätte nicht falscher liegen können. Die Monate, in denen wir uns um dich und die Diagnose und um mich und die Hoffnungen gedreht haben, die ich nicht loslassen konnte, waren zermürbend für uns beide. Ich habe dir oft Unrecht getan und statt dir Halt und Sicherheit und Zuversicht zu sein, war ich ein weiterer Gegner, mit dem du es aufnehmen musstest. Ich bedaure dies zutiefst, auch wenn ich weiß, dass es mir anders nicht möglich war. Ich sehe aber, wie sehr du, wie sehr wir darunter gelitten haben, dass ich nicht über diesen Schatten springen konnte. Es tut mir leid um jeden Angriff, um jede Wut, um jede vergeudete Stunde, die wir uns gegenüberstanden, statt Seite an Seite die Herausforderung zu meistern. 
Um Silvester herum eskalierte so ziemlich alles und nun, fünf harte Monate später entdecke ich eine neue Ruhe in unserem Miteinander. Auch und gerade wenn es um die Themen geht, die ich im November oder Dezember noch nicht mit dir besprechen konnte, ohne in Schmerz und Wut und Hoffnungslosigkeit zu ertrinken. 

Wir verändern uns. 
Vielleicht stehen wir uns so nackt gegenüber wie noch nie zuvor in unserer Beziehung. 
Die letzten Mäntel des Schweigens wurden abgelegt, die rohe Wahrheit über uns, unsere Bedürfnisse und vor allem unsere Möglichkeiten liegen ungeschönt auf dem Tisch. Die Intimität, die daraus erwächst, ist enorm. 
Unser seelisches, geistiges und körperliches Verlangen nacheinander ist ungebrochen. Das Wissen um die Unumstößlichkeit dieses Umstands ist vermutlich die Triebfeder, die uns weitermachen, weiterhoffen und weiterfunktionieren lässt. 
Die unstillbare Sehnsucht nacheinander ist das, was uns über die Jahre auch durch dunkle Zeiten getragen hat. 
Es ist egal, was mit uns passiert ist, in der Nacht ist da diese andere Hand, die immer die meine umschließen wird. 
Und weil es ein sehr besonderes Beziehungsjahr war, möchte ich es mit einem stärkeren Bekenntnis als nur der Liebe abschließen:
Ich sehe dich.

Kati 30.05.2024, 08.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe an...

Weiter, weiter?

Irgendwann kommt der Tag, an dem ich das Weiter, weiter! in meinem Kopf einfach ignoriere und stehenbleibe. An dem ich einfach nicht mehr weiter gehe, weil ich schon so viele Jahre eigentlich nicht mehr kann. Irgendwann. Und es wird ein wohliges Gefühl sein, weil ich meine Aufgaben hier erledigt habe und mich endlich zur Ruhe begeben kann. Nie wieder etwas fühlen, nie wieder Schmerz, nie wieder irgendetwas. Der Tod ist verlockend für Menschen wie uns. Ewiger Frieden.

Aber noch ist es nicht so weit. Und so schleppe ich mich seit Wochen durch Nächte, in denen sich der Suizid meines Vaters in Endlosschleife vor meinen Augen wiederholt. Mal bin ich nur dabei, mal bin ich er, mal ist er ich, alles verschwimmt ineinander und in dem Augenblick, in dem ich spüre, dass das Gift wirkt, ist der, in dem ich aus dem Schlaf hochschrecke und lange Momente nach Luft ringen muss, mein Gehirn verzweifelt kontrollierend, ob ich noch atmen kann, mein Herz noch schlägt…

Die Tage sind durchzogen vom Schmerz des Unverständnisses, das mir begegnet. All die Arbeit scheint umsonst, wird klein geredet, nicht so nötig, eigentlich alles nicht so schlimm, nicht so extrem, wie ich es darstelle, nicht so dringend, nicht so wild. Die Suche nach Empathie scheint vergebens, vielleicht ist es auch einfach nicht möglich, vielleicht muss ich einfach auch mal aufgeben können, um mich nicht selber zu zerstören.

In Wut und Schmerz und Trauer und Trauma habe ich eine schreckliche Fehlentscheidung getroffen und habe mich hinreißen lassen, mich selbst zu verletzen. Fataler als geplant, der Fuß ist hin und wie immer in diesen Fällen bestrafe ich mich mit dem Schmerz für die Verletzung. Ich bin es nicht wert, geschont zu werden, es ist nur gerechte Strafe, dass jeder Schritt mir durch Mark und Bein fährt, ich wollte es so, selber schuld, trag die Konsequenzen. Und das tue ich. Und ich merke jeden Vormittag, wie der Schmerz und die Kälte mich übermannen, ich nur noch schlafen will, nach dieser schon nur so geringen Belastung, die ich mir zumute - Gassi, einkaufen, Kinder betüdeln - ich zittere mich vor seelischer Erschöpfung durch die erste Hälfte des Januars und habe dabei nur Verachtung für mich übrig.

Ich kann nichts, ich bin nichts, ich scheitere selbst an der Liebe.

Kati 08.01.2024, 12.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Mein geliebter dunkler Engel.

Wir befinden uns zwischen den Jahren und leben und lieben uns intensiv durch diese Tage.

Volljährig, habe ich im Mai geschrieben und das damals noch so naiv anders gemeint als ich es heute fühle. Wer hätte gedacht, dass wir uns schon jetzt auf diese schwindelerregende Fahrt begeben würden?

Ich nicht. Ich habe wenn überhaupt, erst sehr viel später damit gerechnet.
Wir sind hart aneinander geprallt die letzten Monate. Ich streife gerade die letzten Reste des Harmoniebedürfnisses meiner fruchtbaren Jahre ab und wandle mich nicht nur äußerlich, sondern vor allem innerlich zum Kern dessen, was mich ausmacht.

Wir sind längst nicht mehr so sehr daran gebunden, dass nur mein Operating System im Alltag oben ist. Die Kinder sind selbständig und schon verdammt groß und das erlaubt mir mehr Freiheiten, mich in Gänze entfalten zu können. Ich weiß, wie schwierig das für dich mitunter ist. Ich weiß, wie hart ich dich mit dir selber konfrontiere. Der Spiegel, den du mir in aller Liebe in den letzten Jahren so oft vorgehalten hast, damit ich mich weiterentwickeln und finden kann, ruht nun in meinen Händen.

Wann immer ich dieser Tage auf deinen Rücken sehe - den schwarzen gefallenen Engel betrachtend, der demütig und trotzdem unbeugsam dort kniet - verschwimmt das Motiv mit dem Träger. Du hast wieder begonnen zu schreiben. Du hast dein Mitleid für dich selber überwunden. Du stellst dich mir, jeder Konfrontation, jedem Gespräch, jedem Schmerz.
Vor allem dem Schmerz. Ich kenne keinen Menschen, der weniger zurückweichen würde als du es tust, wenn es unangenehm wird.
Du hältst die Wahrheit aus, die wir uns geschworen haben. Immer.

Ich weiß, dass du nicht gut schläfst. Ich kenne die Gedanken, die dich umtreiben. Ich kenne die Zweifel. Und ich weiß, dass ich oft grausam bin. Du willst nicht geschont werden. Und das tue ich nicht.

Ich bete dafür, dass wir eine Balance finden. Seit wir aus der Schwärze unserer Beziehung wieder ans Licht geschwommen sind, arbeiten wir Tag um Tag daran, ein besseres Ganzes zu sein als nur zwei Hälften, die zusammengefügt wurden. 10 Jahre sind es nächstes Jahr und wir sind in diesem Prozess weiter gelaufen als ich jemals für möglich hielt. Du hast mich so oft getragen, wenn ich nicht mehr weiterwollte. Wenn ich keinen Sinn mehr gesehen habe in all dem Kampf gegen mich selbst, die Schuldgefühle, die Last, die auf uns und unserer Erinnerung liegt.

Unsere Beziehung war nie leicht.
Nie unbeschwert, nie frei von großer und schwerer Verantwortung.
Der Wandel, den wir die letzten Monate erlebt haben, wäre vor 5, 10, 15 Jahren nie möglich gewesen.

Es ist wie es ist.
Es bringt nichts, das Was wäre gewesen wenn Spiel zu spielen.
Wir sind jetzt an dem Punkt, an den uns die gesamte Beziehungsarbeit der letzten 18 Jahre getragen hat. Jedes Gespräch, jeder Streit, jede Zärtlichkeit, jede Berührung, alle Liebe hat uns hierhin geführt. Und wir sind bereit für den nächsten Schritt. Ich weiß das und ich glaube an uns, mehr denn je.
Ich liebe dich jeden Tag ein bisschen mehr als gestern und ich würde jeden Tag schwören, dass ich dich nicht mehr lieben könnte als genau heute.

Die große Diagnose, die für dich im Raum steht, treibt dich um. Mir schenkt sie Frieden. Die Jahre, die seit dem ersten Verdacht vergangen sind, haben in mir einen Prozess in Gang gesetzt, der mich mit vielem versöhnt. Ich sehe dich in unseren Kindern, die ich anders auf ein Leben vorbereiten kann, in dem der Großteil der Menschheit nicht ihre Sprache spricht. Ich versuche ihnen mehr Werkzeug in die Hände zu legen als es deinen Eltern für dich möglich war. Ich möchte nicht, dass sie das Potential ihres ebenfalls überragenden Intellekts nur dafür nutzen müssen, zu funktionieren wie ihre Umgebung das von ihnen erwartet. Dir wurde so viel Unrecht getan. Auch von mir. Gerade von mir. Das tut mir unendlich leid, ohne dass ich wüsste, wie ich es hätte anders machen können.

Es ist wie es ist.

Es wird wie es sein soll.

Kati 27.12.2023, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe an...

Das vollendete Bild

Etwas fehlte noch. Ich konnte es nicht greifen, aber das Puzzle war noch nicht fertig.
Es klaffte eine Lücke mitten im Bild.

Und als ich mit den Kleinen auf dem Weg zum sehr großen Kind im Auto saß und nach hunderten von Kilometern den charakteristischen Berg hinauffuhr, hinter dem sich die Abfahrt zu dem Heimatort meiner Jugend befand, traf ich eine Entscheidung.

Wie unendlich vertraut die Straßen waren, die Gebäude, alles. Mein Spiegel auf dem Beifahrersitz fragte besorgt, ob alles in Ordnung sei, kaum dass wir den ersten Ort durchquerten. Ich antwortete nicht. Die kurvige Strecke durch die Weinberge, so viele prägnante Orte, so viele Erinnerungen, die mich überschwemmten, ich konnte einfach nichts sagen. Als wir auf die Straße fuhren, die direkt zu meinem Elternhaus führen würde, schnürte sich meine Kehle zu. Ich schaffe das nicht!, hämmerte es in meinem Kopf. Weiter! skandierte es synchron.
Bauch vor Kopf, immer. Aber da war nur noch ein Klumpen aus Angst und Panik und dem unausweichlichen Drang, etwas zu beenden, das ich schon zu lange vor mir hergeschoben habe.

Vor 15 Jahren war ich das letzte Mal hier. 15 Jahre. Es war so viel passiert.

Ich bog in die Auffahrt ein und hielt direkt vor dem Haus an. Musterte die teuren Wagen, die davorstanden. Ich wusste, dass es an eine Familie verkauft wurde, die eine große Firma besitzt. Und dass sie viel verändern wollten, als sie es kauften.

Haben sie nicht.
Das schmiedeeiserne verschnörkelte Tor, das ich in mühevoller Kleinarbeit mit meinem Vater zusammengeschweißt hatte, hing immer noch an der einen Stelle schief, so dass es nicht von den goldenen Römerköpfen gehalten werden konnte, wenn es offen stand. Die Mauer zum Wohnwagenstellplatz hin, die ich gemauert hatte, war schmuddelig und ungepflegt und bräuchte dringend einen Kärcher und danach einen neuen Anstrich. Die Lampen auf den Mauersockeln waren mit Moos bedeckt und unpoliert. Die Büsche schlecht geschnitten. Das Dach müsste vielleicht mal neu gedeckt werden. Die große Weide, in der ich so viele Stunden als Kind verbrachte, war weg und ist dem hässlichen Riesenwacholder gewichen, auf den ich allergisch reagierte.

„Mama?“ 

Ich zuckte zusammen. Wir saßen immer noch im Auto.

„Wo sind wir?“

- Das ist mein Elternhaus. Hier habe ich gewohnt, als ich so alt war wie ihr beide jetzt.

Wir stiegen aus. Halb hoffte ich, es würde jemand aus dem Haus treten, dem ich mich vorstellen könnte, halb fürchtete ich es. Es geschah nichts. Und so stand ich da und wusste nicht so recht, wohin mit mir. Das epische Erlebnis blieb aus. Sollte ich mich geirrt haben? War es gar nicht wichtig, dass ich hierher kam?

„Das Haus ist superhässlich.“

Ich sah mein Kind an. Und dann das Haus. Ich hatte nie auch nur irgendetwas anderes als Bewunderung für dieses Gebäude gehört.

Die Kriegerin sah sich skeptisch um. „Und was hast du hier so gemacht?“

- Meistens bin ich weggelaufen. Hinter dem Haus beginnen die Felder, der Bach und wenn man einige Kilometer querfeldein gelaufen ist, ist da eine gigantische…

„Zeig es uns!“

Der Butz lachte und spurtete los. Ich setzte mich in Bewegung und fühlte mit jedem Schritt, wie sich die Vergangenheit mit der Gegenwart synchronisierte.
Hier.
Hier musste ich hin.
Ich lief schneller. Die beiden Kinder rannten den Weg neben dem Bach entlang Richtung Felder. Kaum dass wir die Häusergrenze hinter uns gelassen hatten, umfing mich die ohrenbetäubende Stille, wegen der ich früher immer hierhin flüchtete. Plötzlich war ich 8, ich war 12, ich war 15, ich war 45, es war Morgen, es war Tag, es war Mitternacht, es war jetzt und vor 30 Jahren, als ich erschöpft vom Laufen im Sommer unter klarem Sternenhimmel zu Boden sank, in die Unendlichkeit des Weltalls blickte und erkannte, wie klein und bedeutungslos wir alle im Vergleich zum großen Ganzen waren. Und trotzdem ein Teil davon. Ich spürte, wie mich der Trost durchströmte, die Kraft, die ich früher an genau diesem Ort gesammelt hatte, um mich dem nächsten Tag zu stellen. Um nicht aufzugeben, um nicht wahnsinnig zu werden.

Hier war ich richtig. Das Haus war gar nicht der Ort, an den ich zurückkehren musste. Wie blind ich war. Hier. Hier waren viel wichtigere Weichen für mein Leben gestellt worden.

Ich zeigte den Kindern den geheimen Übergang über den Bach, der hinter dichtem Bewuchs verborgen lag. Wo ich unter der Brücke in die Maueraussparung gekrochen war, um mich zu verstecken, wo ich geschlafen habe, wenn mich keiner suchte. Wo ich glücklich war.

Wo ich glücklich war…

Diese Worte brachten alles in mir zum Klingen. Hier. Hier war ich früher glücklich. Hier war Hoffnung. Meine Hoffnung. Hier war das Herz grün und voller Zuversicht für meine Zukunft.

Hier war ich frei.

Als wir Stunden später fuhren, wusste ich, dass ich nicht mehr zurückkommen würde.
Das letzte Puzzleteil liegt an seinem Platz.

Kati 10.12.2023, 06.00| (6/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Desillusioniert

Ich sehe nicht, dass es sich rentiert, ein aufrechtes Leben zu leben. Ich sehe die Dinge, Sozialleistungen, Geld, Spenden, Mitleid, Zuwendung, Geschenke, die Menschen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ergaunern und wie sie jenseits jeder Moral und jenseits des theoretisch vorgegebenen zivilisatorischen Konsens von Ethik und Sozialverträglichkeit nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. 

Und es ist nicht einmal, dass mich das überraschen würde. Oder mich in seinem Ausmaß erschreckte.
Ich bin auch heute noch von Menschen umgeben, die so nah am Bodensatz der Gesellschaft überleben müssen, dass sie natürlich andere Entscheidungen treffen als der Großteil der Bevölkerung treffen müsste. Ich kenne Menschen, die klauen, die sich aus Not prostituieren, den Staat bescheißen, die ihre Kinder oder Partnermenschen schlagen, sie anschreien, misshandeln, die betrügen, und lügen, wenn sie den Mund aufmachen. Eine meiner Alltagsaufgaben ist es, diesen Menschen genau dann eine Hand zu reichen, wenn sie mir im selben Atemzug nicht die Handtasche klauen und ich kann das gut. 
Ich verurteile das moralisch nicht.
Ich werte nicht. Ich höre und ich sehe und ich kenne den Unterschied zwischen Mensch und Verhalten. 
Ich kenne den Überlebensmodus. 
So anders und doch so gleich. 
Wenn du einen Großteil deines Lebens auf deine Amygdala heruntergebrochen wirst, denkst du nicht mehr nach. 
Du tust Dinge. 
Und ein Wertesystem ist für die moralisch privilegierten. 
Moralisches Privileg entsteht aus Sicherheit.

Und genau hier ist der Punkt, der mich desillusioniert. Wenn sogar die moralisch Privilegierten entscheiden, ihren Neocortex nur dafür zu nutzen, wie sie ihr Leben maximal komfortabel gestalten können, wie sie andere ausnutzen, um Geld erleichtern, wie sie auf Mitleid spielen und persönliche Vorteile aus einem wackeligen Lügengebilde erfahren, wo genau ist der Sinn, dass es einen anscheinend nur verschwindend geringen Teil Menschen gibt, die sich bemühen, genauso nicht zu sein?

Do what is right. Not what is easy.

Es scheint mir immer mehr ein Spruch aus einer Fantasiewelt zu sein, die ich mir zurechtgezimmert habe, weil ich daran glauben wollte, dass es tatsächlich einen nicht unerheblichen Bruchteil an Menschen gibt, die nach dieser Maxime ihr Leben gestalten wollen. Nicht perfekt, aber bemüht. Wenn ich mich in nächster Umgebung umblicke, brauche ich nicht einmal alle Finger einer Hand zum zählen. Und wer weiß schon, welche Leichen im Keller diese Menschen verbergen.

Vertraue niemandem. Alle Menschen lügen. Immer.

Soll ich also in meinem Leben wirklich so weit gekommen sein, um letzten Endes zu erkennen, dass wir als Menschheit unterm Strich genau so sind, wie meine Herkunftsfamilie immer prophezeit hat? 
Korrupt, moralisch verkommen und nur auf den eigenen Vorteil bedacht? 
Und warum sollte ich dann an mein eigenes Verhalten andere Maßstäbe anlegen, wenn es mir doch hierbei nur zum Nachteil gereicht?

Ich kann die Zwischentöne gerade nicht mehr sehen, während alles, was nicht weiß ist, ins Schwarz rutscht. 
So unendlich traurig über Erkenntnisse, die schon immer da waren.

Kati 08.11.2023, 09.00| (3/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Overload

Menschen nerven mich gerade. Das ist ziemlich schlecht, bin ich doch ununterbrochen von Menschen umgeben.
Aber ich bin zurzeit urteilender als ich den Anspruch an mich stelle.
Bin angefasst, wenn ich angegriffen oder doof angemacht werde, nehme viel persönlich, was ich okayen sollte und fühle mich aktuell mit vielleicht höchstens einer Handvoll Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung richtig wohl, den Rest möchte ich gerne auf den Mond schießen.
Es gibt ein paar wenige Personen, die es leider unter Vorspiegelung irreführender Tatsachen bis in meinen SafeSpace geschafft haben und ich kämpfe hart, das Problem für mich auf gesellschaftlich akzeptablem Weg zu lösen.

Die Stalkinggeschichte der letzten Monate, das Eindringen in unseren höchstpersönlichen Lebensraum hier im Städtchen und „zufällige“ Begegnungen tun ihr Übriges, dass ich manchmal einfach nicht mehr sichtbar sein möchte. Aber das Problem ist nicht meins. Wer nicht genug sozial angemessene Verhaltensweisen verinnerlicht hat und uneingeladen hier auf meiner Grundstückstreppe sitzt oder mich am Tag mit dutzenden Nachrichten bombardiert, ohne dass ich jemals darauf geantwortet hätte - der hat ein Problem.
Und zwar ein Gewaltiges.
Ich übernehme dafür keine Verantwortung.

Aber sicherlich hat es den Schritt beschleunigt, einen 22.000 Follower-Account einfach zurücklassen zu können, ohne allzu traurig darüber zu sein, ein weiteres Kapitel zu beenden. 

Es liegt eine seltsame Faszination darin, mit Großaccounts zu kommunizieren und ich verstehe nicht, welche. Allein der Blick in mein Postfach deckt alle Untiefen menschlicher Absurditäten ab, die man sich nur vorstellen kann. Ich möchte offen für Menschen bleiben, aber ich möchte nicht überfahren werden. Ich kommuniziere ungern konstruiert und schon meine 40 Guten-Morgen-Kati-Nachrichten auf WhatsApp lassen mich innerlich manchmal schreiend davonlaufen. 
Ich halte das aus, weil mir Menschen wichtig sind. 
Wozu ich allerdings nicht bereit bin, ist, dass Menschen, die ich nicht ermutige, insistieren, mit mir eine wie auch immer geartete Form von Gespräch führen zu dürfen, einfach weil ich öffentlich bin und gefälligst verfügbar zu sein habe.

Ein anderer problematischer Aspekt ist der, dass Menschen denken, mich zu kennen, weil sie 1 bis 10 Mal am Tag von mir 140 Zeichen lesen können.
Und das ist wirklich ein richtig großes Problem. Ich bin jeden Tag öffentlich. Manchmal zeige ich einen Ausschnitt meines Tages. Manchmal aus der Vergangenheit.
Fast alles ist auf leichtes Verständnis heruntergebrochen. Manchmal teile ich einen Standpunkt, eine Ansicht, eine Moralvorstellung. Nichts davon ist so heiß, dass ich es nicht ertragen kann, wenn es angegriffen wird. Nichts. Das heißt, alles, was mich emotional wirklich hart anfasst, ist dort eher nicht zu lesen. Alles, was ich formulieren kann, ist soweit abgekühlt, dass ich einen gewissen Abstand habe. 
Und trotzdem denken Menschen, die nur diese Ausschnitte lesen, dass sie wissen, wie mein gottverdammter Tag war oder was mich beschäftigt hat.

Wenn ich mit Menschen kommuniziere, die sowohl mein Twitter/Insta/Blog/Facebook/whatever lesen als auch mich im realen Leben kennen, dann merke ich schnell, wer den Großaccount für das Maß aller Dinge hält und wer tatsächlich die Kati hinter dem Kompendium sehen kann. 
Ich weiß, wie verführerisch und leicht es uns SocialMedia macht, ein Podest für die zu erschaffen, die wir nur so sehen wollen, wie wir das gerade brauchen. 
Und auch hier, einmal mehr: Nicht mein Problem, nicht meine Verantwortung. Ich will keine Projektionsfläche für anderer Leute Idealvorstellungen sein. 

Ich will ich sein und um meiner selbst willen interessant sein und um meiner selbst willen von denen gemocht werden, die mir wichtig sind. Ich vermute, wie jeder Mensch.

Letzten Endes ist gerade eine Plattform wie Twitter ein Darstellungsmedium. 
Und ich liebe das. Ich liebe die Gedankenschnipsel, die unterschiedlichen Themen, den Tellerrand, die Möglichkeit, es als seelischen Mülleimer, als Roleplay, als DailySoap oder als Nachrichtendienst zu nutzen. 

Bedenklich wird es erst, wenn daraus die Theorie konstruiert wird, dass ein solches Medium einen Menschen und dessen Leben komplett abbilden kann. 
Gefährlich wird es dann, wenn sich daraus eine Obsession entwickelt.

Im Mittelpunkt steht man immer allein.

Kati 23.08.2023, 11.28| (6/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Phantomschmerz

Ich war gerade mehrere Stunden beim Zahnarzt und es war eine wirklich unangenehme Sitzung unter erschwerten Bedingungen, aber nichts von alledem beschäftigt mich gerade, sondern es geht um einen anderen Umstand: Ich habe das erste Mal ganz bewusst das Echo einer Panikattacke durchlebt, die gar keine war. Herzschlag, Atmung, alles unauffällig, der Neocortex voll aktiv und trotzdem pumpte in den Tiefen meines Seins etwas vor sich hin. Und das Faszinierende daran ist: Ich hatte das Gefühl, ich MUSS jetzt eine Panikattacke haben, weil das schon immer so war. Das Ausbleiben der Angst erzeugte wiederum Angst und so geriet ich kurz in eine Schleife von Gefühl, in der ich nicht mehr sagen konnte, wo die Erinnerung endete und die Realität begann. Es hallte als dumpfes Pochen in mir nach, aber da war niemand, der gerade wirklich ein Problem hatte. Im Gegenteil. Ich hatte keine Alpträume, ich habe gut geschlafen, wie ich das schon seit längerer Zeit vor Zahnarztterminen schaffe, ich hatte keine Schweißausbrüche, keine Atemnot, keine Flashbacks, nichts. Wir waren heute Morgen sehr versammelt und gut aufgestellt, trotz des seltsamen Starts in den Tag, der allein mich schon außer Gefecht hätte setzen sollen, es aber nicht tat. Und trotzdem war da ein Phantomschmerz aus vergangenen Zeiten, der um der Anerkennung willen beachtet werden wollte. Ich habe aufmerksam in mich hineingehorcht und da war keine Angst. Keine Bedenken. Nichts. Ich vertraue diesem Arzt und das letzte Jahr hat gezeigt, dass alle meine Grenzen geachtet werden. Auch die Unsichtbaren. Die, die nur in meinem Kopf existieren. Das Grauen, das er nicht kennt und trotzdem fühlt, dass es mich von Zeit zu Zeit so sehr lähmt, dass eine Behandlung unmöglich wird. All das auf hochprofessioneller Ebene, auf dem neuesten Stand der Technik und als Arzt, der vor ihm schon allein aufgrund seines jungen Alters für mich nie in Frage gekommen wäre, weil auch seine Jugendlichkeit Unangenehmes hochholt.

Ich habe mein Erleben transformiert und mir fehlen die Worte für die unermessliche Größe dieser Leistung, dieses Sieges über meine Amygdala. Ich habe das gemacht. Ich habe mich all diesen Situationen ausgesetzt, auch als die Schmerzen schon längst verschwunden waren und ich es hätte schleifen lassen können, wie so oft in der Vergangenheit. Habe ich aber nicht. Ich bin in den Zweikampf mit dieser meiner Nemesis gegangen, freiwillig. Und ich habe triumphiert.

Kati 22.08.2023, 16.29| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Hybris

Ich fühle mich dieser Tage, als könne ich vor Schuld und Schmerz keinen Schritt mehr weitergehen. Die quälend schwere Last lähmt mich. Es hämmert in meinem Kopf. Ich kann das nicht ertragen und muss es trotzdem aushalten. Und um wieviel leichter ist denn auch meine Bürde im Vergleich zu ihrer?
Ich würde ohne Zögern mein Leben für diesen Menschen geben und trotzdem habe ich es nicht geschafft, ihn zu schützen. Versagen auf ganzer Linie. Ich habe es weggeschlossen und spüre es vor sich hingären. Es kann dort nicht bleiben, aber ich kann es nicht ansehen ohne mich darin zu verlieren.

Kati 17.08.2023, 10.17| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Plan B bis Z

Die erste Nacht wieder richtig tief und behütet geschlafen.
Was für ein Unterschied in dem Grauen, das die meisten Menschen Morgen nennen. 
Traumlos, vor allem. Was wichtig ist. 

Ich erinnere mich an die Zeit vor 5 Jahren, als nichts mehr ging. 
Als mein Herz in Fetzen im Brustkorb hing, kraftlos auspulsierend, gebrochen. 
Ich hab es mehrere Monate alleine geschafft.
Verbrachte die Tage in dumpfer Dunkelheit, sinnentleert vor mich hinstarrend und ging irgendwann wegen etwas ganz anderem zu meinem Hausarzt, wo es auf seine Frage, wie es mir ging, schwallartig aus mir herausbrach. 
Ich bekam das ganze Programm. 
Antidepressiva, Beruhigungsmittel, Schlafmittel. 

Um überhaupt wieder in diese Welt zurückzufinden, musste ich in der Lage sein, sie nachts zumindest kurzfristig zu verlassen. Und gepaart mit meiner ausgeprägten Panik, die Kontrolle abzugeben, brauchte ich jemanden an meiner Seite, der dabei über mich wachen würde, damit ich schlafen könnte. 

Also nahm ich abends mit klopfendem Herzen und voller Skepsis eine dieser winzigen Tablettchen, die mir zwar Ruhe aber auch Kontrollverlust bringen würde. 
Ich kann das nicht gut. Ich muss bereit sein, immer. Was, wenn was mit den Kindern ist, was, wenn was mit dem Mann ist, was, wenn ich das Haus verlassen muss, was, wenn ich Autofahren muss, was, wenn ich den Rauchmelder nicht höre, was, wenn…. Und bei Gott, ist das Zeug geil. Eine Viertelstunde nach der Einnahme gingen mir derart die Lichter aus, dass ich beim Aufwachen 14 Stunden später weder das typische Gefühl hatte, geschlafen zu haben, noch mich an Unruhe oder Träume erinnerte. 

Da war nur samtenes, tiefschwarzes Nichts. Wenn der Tod so aussehen würde - Hallelujah. Das wäre dann wohl der Inbegriff von ewigem Frieden.

Wir haben das nicht oft gemacht.
Es musste für mich stimmig sein, der Mann musste aufpassen, ich musste am nächsten Tag ausschlafen können, ich musste die Panik im Vorfeld bekämpfen können.

Nach kurzer Zeit stellte ich die kleine Dose Tabletten wieder in den Schrank, für Notfälle. Als Backup. Ich liebe Backups. 
Und so half sie mir im Endeffekt im Medizinschrank effektiver als wenn ich sie für den täglichen Gebrauch im Nachtschrank aufbewahrt hätte. Beruhigungsmittel, Antidepressiva, dasselbe. Ich schöpfe unendlich viel Kraft daraus, immer einen Plan B und C und D zu haben.

Und wenn die Zeit auch für sonst nichts gut war, dies habe ich mitgenommen. 
Es gibt etwas nach der Verzweiflung. 
Es gibt Mittel und Wege und Hilfe, wenn ich an dem Punkt bin, an dem es sich so anfühlt, dass nichts davon mehr existiert.

Kati 17.08.2023, 07.13| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Selbstmitleid

Ich suhle mich heute in dem zähen Morast meines fragilen Egos, das sich fragt, ob es überhaupt jemanden gibt, der mich vermisst, sich Sorgen macht, wissen will, wie es mir geht, das ganze Programm. Ich schreibe das auf, um es einzuordnen, brandzumarken und ein weiteres Stückchen zu reifen, erkenne ich doch immer zuverlässiger meine Mechanismen, so schmerzhaft diese Erkenntnisse mitunter auch sein mögen.

Was bin ich wert? ist meine Schlüsselfrage im Leben. Wann bin ich wertvoll? Was muss ich tun? Wieviel muss ich leisten, damit ich gemocht werde? 
Und nebenher entsteht gerade eine ganz zarte Verbindung zu jemand Unerwartetem, die ich mir lange als unsinnig eingeredet habe, obwohl ich da eine gewisse Sehnsucht gespürt habe.
Und auch hier wieder: Bin ich wertvoll genug? Reiche ich? Bin ich eine Zumutung?

Die, die ich in den nächsten Abschnitt mitnehme, werden im Wandel der Jahrzehnte zahlreicher. Und was mir vor 30 Jahren noch nicht wie Egozentrik vorkam, aber im Grunde genau dies war, ist die Formulierungsart der Frage. Wer darf mit? 
Heute lautet sie: Wer will das denn überhaupt?

Klebrig, hier unten in der Badewanne voller Selbstmitleid.

Mir fehlt gerade ein wenig die Zuversicht. 
Die letzte Woche war die emotional Härteste seit jenem Sommer vor 5 Jahren als sie gegangen ist.
Und ich bin wütend, weil ich mich nicht gesehen fühle. Alleingelassen bin in all dem seelischen Aufruhr, der in mir tobt. 
Finde keinen roten Faden in mir, an dem ich mich orientieren, kein Seil, das ich greifen und keinen Vorsprung, an dem ich mich festhalten kann.

Vielleicht ist es auch einfach okay, dass gerade so viel Einsamkeit, Trauer und Schmerz hochschwappen und ich einen Moment davon getragen werde.

Kati 16.08.2023, 12.09| (25/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Nebel [Wabern]

So langsam formt es sich.
Ich kann es noch nicht greifen oder sehen, aber spüren.
Das Trübe, in dem ich fische, fühlt sich allmählich so an, als würde es Gestalt annehmen wollen.

Ich überprüfe Domains, lösche alte Links, fülle meine Offline-Archive, mache Listen und bin gespannt auf den nächsten SocialMedia Abschnitt des öffentlichen Teils meines Lebens. 
Mein Unterbewusstsein wird den Namen irgendwann ausspucken, mein Gehirn gleicht derzeit einer gigantischen Mindmap, auf der das gesamte Vokabular mehrerer Sprachen in Kategorien geordnet und mit Assoziationen versehen wird.

Ich war MamaKati, Gedankenchaos, Cogitabilis, Frau Limette, Synapsenchaos und das Jadekompendium. Das Jadekompendium hat mich am längsten und intensivsten begleitet und es hat mich überrascht, dass es jetzt bereits endet, aber man muss aufhören, wenn die Zeit gekommen ist.

Immer.

Kati 15.08.2023, 17.29| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Übergang [Häutung]

Der Prozess, der seit Monaten in mir stattfindet und mich umtreibt, schlaflos hält, in Frage stellt, gipfelt und manifestiert sich äußerlich jetzt in nur einem einzigen Punkt: Dem Ende.

Das wird der Transformation in keinem Sinne gerecht, aber wie kann man das Innen auf das Außen projizieren, ohne seine Authentizität zu verlieren?
Gewisse Dinge müssen reifen. 
Vor aller Augen verborgen wandeln sie sich und evolvieren sie, bis sie bereit sind, ans Licht zu treten. Und dann scheint es für den Zuschauer vielleicht zunächst wie Willkür oder Zufall oder etwas ähnlich Unplanbares, doch ist es nur der Höhepunkt einer exakt so essentiell nötig abgewickelten Choreografie aus Erleben, Denken und Fühlen und damit der Beginn eines neuen Lebensabschnitts, nicht das Ende.

Die alte Haut abstreifen können hat mich immer fasziniert.
Alles, was sich im Leben transformiert - egal ob nun Larve zu Puppe zu Schmetterling oder das wortwörtliche Häuten der Reptilien, sie alle kommen in einer weiterentwickelten, größeren, glänzenderen Form zurück, um einen neuen Weg zu beschreiten, der ihnen vorher teilweise nicht einmal offenstand.
Das zu Tode abgenutzte und trotzdem immer wieder auferstehende Bild des Phoenix spiegelt die Entsprechung in der Sagenwelt wieder, aber der Teil mit dem in Flammen aufgehen war nie so ganz meins.

Ich mag die Verpuppung, finde den stillen Übergang und die Veränderung sehr viel reizvoller als die theatralische Dramatik des Augenblicks, bevor der Vogel im Grunde wieder genau das ist, was er vorher war.

Es ist wie es ist.
Es wird, wie es sein soll.
Alles bleibt anders.

Kati 14.08.2023, 12.04| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Staub zu Staub



Staub zu Staub

Ein Jahr ist vergangen seit meinem Mitternachtsbad und noch ein paar Tage mehr, seit du meine letzte lange WhatsApp Nachricht gelesen und mir nicht mehr geantwortet hast. Ich habe dieser Tage in unserem WhatsAppChat gestöbert, weil ich mich ein Jahr nicht entscheiden konnte, was ich damit mache, aber diese letzten blauen Haken bleiben im Fleisch stecken.

Es war ein Zukunftsausblick - für uns, für die Kinder - direkt vor der großen Operation des Sohnes, ein Einblick in meine Gefühlslage und du hast dich entschieden, mir nicht mehr zu antworten. 

Mir nichts mehr mit auf den Weg zu geben, kein Revue passieren, keine Wünsche, nichts.
Du hast dich verabschiedet, du hast dich entschuldigt, aber nicht bei mir.
Für mich bleibt als letzte Amtshandlung für dich eine ungewollte Schnitzeljagd, die auch nach einem Jahr noch nicht vollkommen abgeschlossen ist.

Als letzter Gedanke an dich bleibt mir die Gewissheit, dass Worte der Zugewandtheit, des Abschieds, der guten Wünsche auch dann nicht mir galten, wo du deine letzte Wahl zu treffen hattest.

Das ist kein emotionaler Abschiedsbrief. In meinen Gedanken war der letzte Brief an dich ein Paukenschlag der Emotionen, ein letztes Aufbäumen meiner enttäuschten kindlichen Gefühle, eine Liebeserklärung vielleicht, mit geringer Wahrscheinlichkeit ein Akt des Vergebens vor mir selber.

Und nun sitze ich hier und bin nicht wütend. Nicht traurig. Nicht bewegt.
Überlege, wofür ich dankbar bin, dir im Speziellen.
Für Härte, vielleicht. 
Für die Erkenntnis, dass jeder Mensch einen Preis hat. 
Dass es nicht viel braucht, seine Menschlichkeit zu verlieren. 
Für das Wissen, dass alle Menschen im Grunde ihres Herzens bösartig sind.

Ich lehne es aber auch nach 44 Jahren noch ab, dies zur Maxime meines Lebens zu machen. Mein Universum ist zum Bersten gefüllt mit Begriffen, mit denen du nie etwas anfangen konntest. Liebe. Vertrauen. Zuversicht. Hoffnung. Glaube.

Und jetzt löse ich die letzte Verbindung zwischen uns Beiden.

Ich wünschte, ich hätte andere Worte, irgendetwas Bedeutsames zu sagen, eine Essenz aus deinem Dasein und Wirken, die ich mit in meine Zukunft nehmen werde…

Es ist wie es ist.

Ruhe in Frieden.

Kati 20.07.2023, 06.00| (4/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Mein geliebter dunkler Engel,

heute wird unsere Liebe volljährig.
Vor 18 Jahren haben wir uns das erste Mal gesehen, das erste Mal berührt, das erste Mal geküsst.

Wir sind uns nicht frei begegnet. Das Privileg, sich ungebunden kennenlernen zu dürfen, hatten wir nie. Wir haben uns getroffen, als wir beide in festgefahrenen Bahnen und zutiefst verpflichtet vor der Entscheidung standen, jede Sicherheit zu verlieren, wenn wir unser persönliches Glück wählen.
Wir haben gewählt.
Ich habe diese Entscheidung nie bereut. Nie. Keine einzige Sekunde. Du bist mehr, als ich mir jemals zu erträumen gewagt hätte, du bist der Inbegriff all meiner Sehnsüchte und Fantasien und erdest mich so sehr wie du mich fliegen lässt.
Es gibt keine Worte, um das zu beschreiben, was wir haben und trotzdem versuche ich es Jahr um Jahr wieder.

Als du 30 warst, habe ich mich in deine Kraft, deine Beherrschung, deine Zärtlichkeit, deinen Sanftmut, deine Intelligenz und deine Offenheit verliebt. Die Kombination dieser Dinge war für mich immer einzigartig.
Ich weiß, wieviel Körperkraft du besitzt, dass du mich und meine Aggression jederzeit in Schach halten kannst, ohne mir auch nur ein Haar zu krümmen. Es liegt unendlich viel Liebe und Disziplin in jeder deiner Handlungen. Und bei Gott, was habe ich dich getriezt die ersten Jahre. Es war die einzige Art, die ich kannte. Einen Mann so lange zu provozieren, bis er die Beherrschung verliert. Du hast stets standgehalten und vielleicht ist es das, das mir mehr Frieden und Heilung geschenkt hat als alles andere.
Ich habe oft formuliert, dass ich einmal erleben möchte, wie es ist, wenn du innerlich loslässt, aber ich weiß heute, dass diese Selbstdisziplin so untrennbar zu dir und deinem Wesen gehört, dass das in unser beider Welt nicht möglich ist. Und das ist gut so.

Heute sehe ich jeden Tag einen um 18 Jahre reiferen Mann, der sich vielleicht noch nicht zur Gänze selbst gefunden hat, der aber all das, was früher schon so anbetungswürdig war, mit der Weisheit des Älterwerdens noch vertieft. 

Du bist in dir selbst immer sicherer geworden, je älter unsere Kinder wurden, je weiter wir aneinander gewachsen sind. Du hältst nicht nur mir, sondern auch ihnen stand. Du lässt dich nie provozieren, unsere Söhne und Töchter können sich genauso körperlich wie geistig an dir messen und austoben. 
Du bist ein Sparringspartner, der in erster Linie Fels, nicht Gegner ist. Gegen den man auch das hundertste Mal anlaufen kann, wenn man wütend ist. Der nicht zurückweicht, sondern aushält, weil er in seiner eigenen Sicherheit nichts zu befürchten hat.
Unser großer Sohn hat dich an Größe überholt, unsere kleine Tochter ist ihm dicht auf den Fersen. Beide messen sich liebend gerne an dir. Du diskutierst stundenlang mit der Kriegerin und ich könnte mir keinen besseren Vater für gerade sie wünschen. Du weißt, wie man in der Dunkelheit ein Licht entzündet. 
Unser Sorgenkobold ist ein stattlicher junger Mann geworden, der seinen Weg geht, auch wenn dieser mit Steinen und Hindernissen gepflastert ist. Was haben wir uns für Sorgen um ihn gemacht und was haben wir für Angst gehabt, dass er irgendwann einfach liegen bleibt, wenn er gefallen ist. Diese Sorge ist der Zuversicht gewichen, dass er immer wieder aufstehen wird, weil er so viel mehr gelernt hat als wir dachten, dass es ihm möglich wäre. Ich könnte nicht stolzer auf dieses Kind sein, das in jeder nur denkbaren Hinsicht weit über sich hinausgewachsen ist.
Unsere große Tochter ist ein so schöner und selbstwirksamer Mensch geworden und ich bin auch 18 Jahre später noch dankbar, dass du die damals Dreijährige vom ersten Moment an als dein eigenes Kind angenommen hast. 
Unser kleiner Sohn ist die wohl größte Herausforderung für dich und das lässt mich heimlich schmunzeln. Auch wenn du es nicht hören möchtest, er ist dein Abbild in jeder nur denkbaren Hinsicht. Und ich vermute, dass ihr auch deswegen so oft aneinander geratet. Hab Vertrauen, dass es sich fügen wird. Du machst das großartig. Trotz jedem Augenrollen, jeder Endlosdiskussion, jedem empörten Schnauben.
Er könnte kein besseres Vorbild haben als dich.
Das könnten sie alle nicht.

Für mich bist du heute - auch wenn ich das vor 18 Jahren nie für möglich gehalten hätte - eine noch sehr viel verlockendere Version deines 30jährigen Ichs.
Das Älterwerden bekommt dir gut. Reife und Erfahrung haben in Kombination einen Mann geschaffen, den nichts mehr ins Wanken bringt und der zu jeder Zeit sehr genau weiß, was er tut. Du harrst geduldig an meiner Seite, während ich immer noch die Grenzen meiner selbstbestimmten Sexualität austeste, die ich in dieser Form erst bei dir kennengelernt habe. Du kennst meinen Geist und meinen Körper manchmal besser als ich selber. Du treibst mich in schwindelerregende Höhen und hältst mich fest, wenn ich zu fallen drohe. Ich liebe es, dass du auch nach all den Jahren immer noch sofort körperlich auf mich reagierst, wenn wir uns sehen. Du bist ein Geschenk.

Wir haben ein furchtbares letztes Jahr hinter uns. Der Tod meines Vaters hat in uns sehr viel Dunkelheit geschaffen, wo vorher Licht war. Du hast viel getragen und tust es noch. Wir versuchen, uns neu zu ordnen und tasten uns langsam an die Unsicherheit heran, die die Beziehung zu dir für einige von uns bedeutet. 
Ich weiß, dass es gerade nicht leicht ist. Und ich weiß auch, dass wir dem standhalten werden.
Weil wir allem standhalten. Gemeinsam.

Ich liebe dich.

Kati 30.05.2023, 06.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Lieber Opa.

Dein 14. Todestag ist schon über einen Monat her und ich habe dieses Jahr tatsächlich nur ein paar Tage vorher daran gedacht und am Tag selber nicht. Ich nehme an, dass sich die Trauer um dich langsam verändert und das ist okay so.
Die Kirsche blühte dieses Jahr früher als sonst. Ich werde den Baum fällen, seine Zeit ist um. Auch damit habe ich mich mehrere Jahre getragen, aber es ist wie es ist. Wir haben eine Pflaume, die ich gepflanzt habe, als wir die Zusatzkinder aufnahmen und sie trägt jedes Jahr reichlich Früchte. Und ich habe mir Rosen gekauft. Nur rosafarbene. Ich muss immer ein wenig lächeln, wenn ich an ihnen vorbeigehe und mir vorstelle, wie sehr du darüber schimpfen würdest.

Dad ist tot. Das weißt du natürlich, aber ich habe dir bisher nicht darüber geschrieben. Er hat sich selbst getötet. Ich erinnere mich nicht, dass wir je darüber gesprochen haben, wie du zu Suizid stehst. Ich unterstütze das Recht eines jeden Menschen, sein Leben zu beenden, aber ich wünschte, es gäbe schon die Umsetzung dieses Rechts durch Medikamente, die einen würdevollen Tod ermöglichen. Er musste sich selber etwas zusammenmischen und ich glaube, dass ich zumindest dazu deine Meinung kenne. Das letzte dreiviertel Jahr war hart für mich. Es wird langsam. Ziemlich langsam.

Vorgestern hat mein großer Sohn seinen ersten Anzug in Auftrag gegeben. Und ich musste an dich denken. Den ganzen Tag. „Kind, ein Anzug muss vor allem eines tun: Passen.“
Du hast immer gesagt, dass man sich in etwas, in dem man sich nicht wohlfühlt, automatisch benimmt wie ein Clown und ich versuche, das an die Kinder weiterzugeben.

Und als ich das Foto von ihm gesehen habe, wie er da stand, so hochgewachsen und schlank und schön, in Anzug und Weste, da hat mir jemand gefehlt, dem ich das Foto schicken kann. 
Du. 
Es gibt zwei Menschen, die das Foto gesehen haben, aber das war nicht dasselbe. Ich hätte es gerne dir geschickt.
Hätte dir gerne gezeigt, dass dieses Kind, das dir so ähnlich ist, langsam zum Mann übergeht. Zu einem guten, ehrlichen und anständigen Mann. Ich weiß, dass du wohlwollend genickt hättest, ich weiß es. 
Ich trage dich jeden Tag so allgegenwärtig in mir, in meinem Leben, in meinem Lieben, in meinem Handeln, dass es eigentlich egal ist, dass du tot bist, aber manchmal tut es doch noch ziemlich weh.

Lieb dich. Danke, dass du in meiner Kindheit mein Licht warst. Ich wünschte, ich hätte das früh genug in seinem ganzen Ausmaß erkannt, um es dir persönlich mal gesagt haben zu können.

Kati 26.05.2023, 12.10| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe an...

Die goldene Gans

Die Worte stauen sich in mir und ich finde keine Gelegenheit, sie in Form zu gießen, weil die letzten Wochen emotional so dicht und belastend waren, dass ich nicht so weit runterfahren konnte, um mich in einen kreativen Zustand fallen zu lassen. Brauche Zeit und Raum, mich zu sortieren.

Ich „arbeite“ inzwischen jeden Tag mit meinem Geld und ich liebe es genauso wie damals, als ich vor 25 Jahren meine Eltern zur ersten Million investiert habe.
Das Glücksgefühl, das Wissen, die Technik - all das ist noch da und ich stehe zum ersten Mal in meinem Leben vor der ernsthaften Frage, ob es wirklich so verwerflich ist, dieses Geld für meine Zwecke zu instrumentalisieren.

Die letzten zwei Jahrzehnte mit dem Mann haben mein Weltbild so unumkehrbar verändert - MICH so unumkehrbar verändert, dass es vielleicht Zeit wird, auch diese letzte Überzeugung über Bord zu werfen, dass mich eigener Reichtum zu einem genauso schlechten Menschen macht wie es meine Eltern waren.

Ich kann, wenn ich mein Geld jetzt komplett spende, einer Anzahl x an Menschen helfen, ihr Leben nachhaltig zum Guten zu verändern.

Gleichzeitig ist eine der ersten Grundlagen, die man im Umgang mit Geld lernt, niemals seine goldene Gans zu schlachten.

Welchen Sinn hat es also, wenn ich es weggebe?
Der Umfang dessen, wie ich helfen kann, ist dann äußerst begrenzt.
Gleichzeitig steigen auch meine persönlichen Ressourcen und meine Resilienz mit finanzieller Absicherung in meinem Leben.
Wie sinnvoll ist es also, wenn ich beides wegwerfe? Nach all dem Kampf bis hierhin? Was habe ich dann gewonnen?

Warum behalte ich die goldene Gans nicht einfach in meinem Leben und verschenke die Eier?
Die Anzahl an Eiern kann ich aktiv beeinflussen.
Ich zahle so wenig Steuern wie sonst kaum jemand.
Ein Viertel muss ich dem Staat geben, der Rest gehört mir.

Wenn ich von meiner Gans jeden Tag ein Stück von 1000 Euro abschneide, bin ich in nicht allzu ferner Zukunft pleite.
Wenn ich jeden Tag für den Rest meines Lebens ein Ei von diesem Wert verschenke, kann ich dann nicht so viel mehr erreichen?

Ich kann ein System, das Armut zulässt, nicht verändern.
Nicht allein, nicht so. 
Aber ich kann es zu meinem Vorteil nutzen.

Mache ich mich damit mitschuldig? Ich weiß es nicht.

Kati 08.05.2023, 08.33| (4/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Ein Monat

Seit einem Monat bin ich reich.
Nicht, was Menschen in unreflektierten Superlativen unter reich verstehen, aber mehr als abgesichert in jeder Hinsicht.

Ich drehe mich noch. Manchmal ist es mehr ein Winden, ein Finden in einen alten Anzug, an vielen Stellen zu eng geworden, der kneift und völlig aus der Mode gekommen ist.
Ich wurde reich und privilegiert geboren. Materiell hatte ich als Kind alles, was sich ein Mensch nur wünschen kann.

Meine Familie kannte von allem den Preis und von nichts den Wert.

Mein Gehirn schafft es gerade nicht, die vielen losen Enden miteinander zu verbinden. 

Darf ich reich sein?
Darf ich im Überfluss leben, wenn es anderen Menschen nicht gut geht?
Darf ich meinen Reichtum vermehren?
Darf ich glücklich sein, nach allem, was ich in meinem Leben getan habe?
Wann ist Schuld bezahlt?
Kann man wiedergutmachen, was meine Familie an Unglück und Hass in diese Welt gebracht haben?
Und wie kann ich das tun?

Die letzten Jahre und Jahrzehnte habe ich gegen Windmühlen gekämpft.
Wann immer ich etwas Gutes tat, es hat gefühlt nichts verändert.
Beim leisesten Anflug von Zufriedenheit und dem Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, lauerte ein noch schlimmeres Schicksal an der nächsten Ecke.
Es nimmt kein Ende, nie. Natürlich kann ich jetzt jemandem ein Haus, ein Auto, Lebensmittel kaufen, einen Hund, eine Katze, whatever sein Leben gerade besser machen würde, aber wie wähle ich diese Menschen aus und was habe ich erreicht, wenn das Geld dann irgendwann alle ist? 

Nichts. Wieder nichts.

Es reicht, wenn du für einen Menschen einen Unterschied gemacht hast…

Was, wenn genau das nicht reicht?
Wenn man einfach gar nichts wirklich und nachhaltig verändern kann?

Kati 14.04.2023, 09.51| (11/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Die Vorzeichen [Teil I]

Ich bin ein sehr vernunftbegabter Mensch. Nicht ohne Drama, aber doch durchaus vernunftbegabt. Ich weiß, dass es einen Namen für das Universum gibt, in das ich eingetreten bin, wenn ich mit meiner Großmutter mütterlicherseits zu tun hatte und der lautet: Aberglaube.

Nun verhält es sich mit Aberglauben aber so, dass er sich jedem logischen Denken erstmal verweigert. Programmierung von Kindern tut dann noch das Ihre dazu. Viele von uns kennen in der „Light“-Version auch als Erwachsene noch das schlechte Gewissen, wenn uns etwas Schlechtes widerfährt, weil wir als Kinder gelernt haben, dass „Der liebe Gott die kleinen Sünden sofort bestraft“ oder dass „Karma regelt“.

In einer pathologisch mystischen Welt aufzuwachsen, in der grundsätzlich alles ein Zeichen ist, ist maximal schwierig. Der Rabe da oben auf dem Dach? Jemand stirbt. Die schwarze Katze? Tod und Pech. Der Ruf eines Kauzes? Stirb. Eine Frau wünscht dir Glück? Schnell ins Haus verkrümeln. Über einen Kreuzschatten gehen? Um Himmels willen, leg dich gleich ins Grab. Bestimmte Schmetterlinge oder Spinnen? Dito. Mit dem linken Fuß aufgestanden? Nimm dir nichts vor, halt dich von deinem Partner fern. Vollmondtage? Jetzt wird's richtig wild.

Und da sind wir noch gar nicht bei abgebissenen Mausteilen und Eingeweiden zur Behandlung von Krankheiten.

Ich wurde mit einem sehr großen Blutschwamm geboren, der - Überraschung - natürlich ein Zeichen des Teufels war. Ich habe Augen, die in der Sonne fast orange leuchten - auch nicht gut.
Als ich als Kind mal eine Warze am Fuß hatte, die jeder Hautarzt gut hätte behandeln können? Kati wurde bei Vollmond in den Wald geschleppt, mit Tau gereinigt und in mit gegen die Strömung geschöpftem Flusswasser gewaschen, hat an einem Baum geleckt und wurde mit frischem Tierblut eingerieben. Danach wurde die Warze regelmäßig „besprochen“. Es hat sie leider nur nicht interessiert. Das war natürlich meine Schuld, weil mir der Glaube fehlte, also auch dafür wurde ich dann logischerweise mit dem Weiterbestehen der Warze bestraft.

Meine Hautkrankheit wurde mit Maschinenöl behandelt. Das hat nämlich dem Onkel einer verstorbenen Witwe, die damals einem Schäfer begegnet ist und danach ein rothaariges Kind bekommen hat, super geholfen.
Ausschlag bei Viruskrankheiten, die ich ja ohnehin alle ungeimpft durchmachen musste, weil das das Immunsystem stärkt? Wir schneiden einfach die Haut ein und werfen das Kind in kaltes Meerwasser, damit das Salz alles Teuflische wegbrennt.
Fieber? Husten? Lungenentzündung? Eisbaden. Bei Vollmond.

Bei jedem Besuch wurden meine Handlinien ausgiebig gemustert, mit viel Gemurmel und unheilschwangerem Klagen ausgelesen und geweint, warum ich so ein Unglückskind sei.
Das macht was mit Kindern. Bei allem, was mir später widerfahren ist, war mir klar, dass ich für irgendetwas bestraft wurde. Also war es ja auch nicht falsch. Ich wusste zwar nicht, wofür ich bestraft werde, aber ich würde es schon verdient haben. Die grundlegenden Prinzipien von Karma und Zeichen und Vorahnungen und Prophezeiungen wurden mir schließlich von Geburt an nachhaltig eingetrichtert.

Ich habe sehr viele sehr liebevolle Erinnerungen an meine Großmutter und ich bin stolz auf meine Herkunft. Auf diesen Teil hätte ich trotzdem gerne verzichtet. Als sie früh an Krebs starb, war ein Teil von mir froh, dass ich keine Angst mehr vor ihr würde haben müssen.

Je älter ich wurde, desto mehr stellte ich in Frage. Je mehr ich sah, wahrnahm, wie ungerecht und unfair das Leben nun mal ist, desto mehr zweifelte ich. Warum sterben Kinder im Mutterleib? Warum erkranken Babys? Warum müssen unschuldige Kinder leiden? Wenn das einen „Grund“ haben sollte, würde er sich mir nie erschließen. Wenn eine höhere Instanz aktiv dafür sorgte, dass jeder kleine und noch so menschliche Fehler bestraft würde, wäre das keine Instanz, der ich mich freiwillig unterstellen würde.

Noch später schaffte ich einen weiteren gedanklichen Schritt. Wenn doch alles bestraft würde - warum kamen dann oft die grausamsten Menschen mit ihren Taten davon? Warum wurden Verbrecher so alt? Warum blieben Menschen glücklich und gesund, die andere Menschen ins Verderben gestürzt hatten?
Warum werde ich mit einem Unfall dafür bestraft, dass ich vom Kuchen genascht habe und Menschen, die anderen Menschen absichtlich wehtun, leben unbehelligt ihr Leben weiter?

Es sollte noch sehr lange dauern, bis ich das sortiert bekommen würde.
In der Zwischenzeit hatte ich Geld im Portemonnaie, falls der Kuckuck rufen sollte, machte Umwege um Leitern, schwarze Katzen, Spiegel und Eulen, machte Dinge lieber mit linken Händen oder rechten Füßen, am liebsten bei Vollmond oder auf gar keinen Fall währenddessen, freute mich über jede Bachstelze, sprach nicht mit ihrem Namen von Verstorbenen, warf Salz über Schultern, spuckte auf Dinge, hielt mich von Blumen auf Friedhöfen fern, legte niemals eine offene Handtasche auf den Fußboden, sah mir grundsätzlich keine Handflächen von Menschen an und klopfte viel auf Holz.

Das Leben im Aberglauben, wenn er so sehr Obsession ist wie das bei meiner Großmutter und ihrer Familie der Fall war, ist kein sehr Entspanntes. Es ähnelt einem Spießrutenlaufen um jedes mögliche Zeichen, um bloß nichts zu übersehen. Weder im Guten noch im Schlechten.

Der kupferne Glückspfennig auf dem Weg, das Hufeisen, das Kleeblatt, das man womöglich übersehen würde, zerbrochene Dinge bitte nur aus Keramik, auf gar keinen Fall aus Glas, sonst wird aus Glück plötzlich Unglück oder im schlimmsten Fall des Spiegels zerreißt es auch noch über Jahre deine Seele in so viele Abbilder wie Scherben - es ist sehr anstrengend, die Omen alle zu sehen und dabei das Schicksal nicht zu verstimmen.

Während ich dies schreibe, überlegt ein Teil von mir, wie wahnsinnig oder zutreffend es ist, diesen Text an einem 13. zu veröffentlichen.

Kati 13.04.2023, 10.46| (5/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Wachstum.

Garten. Endlich wieder in den Garten. Gestern kamen die letzten Pflanzen, die ich im Januar vorbestellt hatte und unter anderem auch die vier Rosen, die auf den Gräbern von Kasimir und Schnuppe wachsen sollen.

Das Buddeln im Garten tut so gut.
Endlich wieder Wachstum und Leben nach all dem Tod und Verfall der letzten Monate.

Ich habe lange überlegt, was ich mit dem Geld mache, wenn es erst mal da ist und dachte, ich würde es handhaben wie üblich. Aber ich habe die letzten Jahre Revue passieren lassen und nichts von alledem (bis auf ein paar Ausnahmen) hat mich wirklich befriedigt. Ich liebe helfen, aber ich vermute, ich bin deutlich weniger altruistisch als ich dachte.

Seit 15 Monaten kaufe ich jeden Tag einem fremden Menschen etwas von seiner Wishlist und dieses Jahr wollte ich das fortführen, aber hier menschelt es bei mir gerade deutlich. Darum habe ich es gestoppt. Ich mag kein Riesenbohei, aber ab und an ein Danke wäre nett gewesen oder zumindest das Wissen, dass es angekommen ist oder… ach, die Liste ist lang.

Rechnungen, die ich übernommen habe, egal ob Stromnachzahlung, OP-Kosten für Tiere, Hilfsmittel für alte Hunde, Anwaltssuche… die Tausender, die da über den Tisch gingen, waren die unbefriedigendsten.
Und ich habe den Anspruch an mich selber, dass es reicht, dass ich (vielleicht) einen Unterschied mache, aber ich fürchte, ich habe mehr als nur ein Minimum an Ego in der Hinsicht.
Vielleicht einfach nur die Rückmeldung, dass es nicht egal war.
Aber auch das ist in vielen Fällen zu viel verlangt.
Offensichtlich. Ein Geschenk ist ein Geschenk.
Kein Handel.
Meine oberste Richtlinie.
Aber wenn es doch als Selbstverständlichkeit betrachtet wird - ist es dann überhaupt noch ein Geschenk?
Ich muss an diesem Punkt in mich gehen.

Ich denke, ich habe meinen Beitrag geleistet, was weitestgehend fremde Menschen angeht und die Frage, wie man Schuld sühnen kann, ist immer ein Thema in meinem Leben.
Vielleicht wird es Zeit, sich wieder in kleineren Kreisen zu bewegen. Denn das ist da, wo meine Freude aufleuchtet. Das widerspricht elementar dem Anspruch, dass ein Geschenk keine Gegenleistung erfordert, aber ist es denn wirklich schlimm, wenn ich Zufriedenheit daraus ziehe, dass jemand anderes sich freut?
Was ist noch Empathie, wo fängt der Narzissmus an?
Grau. Ich muss im Grau bleiben.
Vielleicht ist auch das hier nicht schwarz und weiß.

In der Zwischenzeit arbeitet das Geld für mich und ich tue das, was ich gut kann und mir so lange verboten habe: Ich vermehre es. Jeden Tag ein bisschen. Auch das ist vielleicht eine Erkenntnis, die bis heute reifen musste. Ich darf reich sein. Ich darf mich reich fühlen und ich darf Spaß daran haben, mit Geld zu arbeiten und es zu besitzen ohne moralisch gleich der letzte Arsch zu sein.

In letzter Zeit wieder ein paar zu viele spitze Bemerkungen zum Thema Hausfrauendasein gehört, die ich für mich noch verarbeiten muss.
Ja.
Was mache ich schon den ganzen Tag…

Kati 17.03.2023, 10.23| (6/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Öffentlich

In den letzten Wochen war da so viel Häme, so viel offener Hass, so viel Ablehnung, so viel Drohung, dass ich sehr damit gehadert habe, sichtbar zu sein.

Einige nachhaltige persönliche Enttäuschungen, die mir nur ein weiteres Mal gezeigt haben, wie egozentrisch und unsicher Menschen sind und wie schnell sie dir den Rücken kehren, wenn du dich nicht verhältst, wie sie es gerne hätten, wobei sie selber diese Freiheiten natürlich einfordern und sich zweifelsohne zugestehen. Wenn jemand anders verletzt wird, muss er halt damit klarkommen, aber wenn es einen selber mal trifft, dann muss sich bitte die Welt neu ausrichten.
Menschen, die immer gerne alles nehmen, was ihnen zum Vorteil gereicht, aber wehe, es kommt zu irgendeiner Art von Einschränkung der eigenen Bequemlichkeit oder des besteht die Notwendigkeit, mal kurz über den eigenen Tellerrand zu schauen.

Die offen zur Schau getragene selbstverliebte Bigotterie einiger Menschen macht mich fertig. Vermeintlich unfehlbar zu sein und gleichzeitig auf dem hohen moralischen Ross sitzend alle anderen dafür verurteilen, dass sie es nicht sind.
Ich bin so durch mit Menschen.

Ich weiß nicht, warum jemand mich mögen könnte. Es erschließt sich mir nicht. Ich bin so unperfekt, so strauchelnd, fehlbar, ich sehe weder besonders gut aus noch habe ich für irgendein Problem eine Lösung, auf die nicht schon Millionen Menschen vor mir gekommen wären, ich habe eine problematische Vergangenheit, ich bin innerlich so kaputt, dass ich meiner Umgebung maximal so etwas wie Sensationsgeilheit unterstelle, aber Sympathie?

Man braucht ein dickes Fell, wenn man öffentlich ist und je mehr Leute zuschauen und sich ein Urteil bilden, desto mehr muss man sich abgrenzen. Aber das kollidiert maximal mit meinem Bedürfnis, sichtbar, offen, verletzlich und zugewandt zu bleiben. Was mache ich also?

Ich habe noch keine Antwort gefunden.
Es gibt natürlich die, die vom Drama angelockt werden. Die, die nachfragen, täglich, mehr Informationen wollen. Die, die Geld wollen. Die, die einen Rat wollen, die sich von meiner Größe angezogen fühlen und auch mal mit der supercoolen Jadekompendium interagieren wollen und alles davon macht mich fertig. Ich bin nicht besonders. Ich will keinen Fame, keinen Jubel. Aber ich mag auch nicht nur Projektionsfläche für das sein, was Menschen in mich hineininterpretieren. Die Anliegen, die jeden Tag mein Postfach überschwemmen, überfordern mich.

Dann denke ich an die Menschen, die ich hier kennengelernt habe und auf die das nicht zutrifft. Meinen Elch in der Dose. Mein Holzkreuz. Die Briefe. Die Hummel und der Bär in meiner Handtasche. Die vielen zugewandten und aufrichtigen Worte, die wie Balsam für meine Seele sind. Meinen abendlichen SafeSpace, der aus einigen Menschen besteht, die ich bei einer ZombieApokalypse definitiv an meiner Seite haben wollen würde. Die Echten. Die, die bleiben werden.
Und ich weiß wieder nicht, was ich tun soll.

Der Mann und ich haben die Abmachung, dass wir jederzeit alle öffentlichen Brücken hinter uns abbrechen können und keinerlei qualitative Einbußen in unserem Leben hätten und das ist der Punkt, der mich davon abhält, dem Wahnsinn anheim zu fallen. Ich kann jederzeit alles löschen, verschwinden, neu anfangen oder auch nicht, es macht keinen Unterschied.

Die Wichtigen werden bleiben.

Kati 16.03.2023, 08.04| (8/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Scheideweg

Natürlich weiß ich, was ich tue.
Ich nehme mir ein Stück meiner Außenregulation weg.
Mich öffentlich sichtbar zu machen, mich stetig in meinen Handlungen zu hinterfragen, alles immer von allen Seiten so zu betrachten, dass ich zwar in der Verletzlichkeit und im Grau bleibe, aber nur soweit, dass ich die Maske der Zivilisation noch aufbehalte, hilft mir mein Leben so zu leben, wie es richtig ist. 

Ich habe kein Gefühl dafür, was richtig und falsch ist. Ich habe das mühsam erlernen müssen. Meine moralischen und ethischen Maßstäbe sind ein auswendig gelerntes und stetig intern diskutiertes intellektuelles Konstrukt und ich weiß das gut.
Ich kann den inneren Spott körperlich fühlen, der mich durchflutet, während ich das hier schreibe.

Wir sind alle nur Tiere.
Unser Neocortex ermöglicht uns das, was wir Zivilisation nennen, aber es braucht weiß Gott nicht viel, in einem Menschen nur noch das Stammhirn leuchten zu lassen.

Der Tanz auf meinem ganz persönlichen Vulkan ist, die obere Gehirnregion ein ganz kleines Stück loszulassen, um ins Gefühl zu kommen. Ins echte Gefühl, das nicht gleich von Verzweiflung überschwemmt wird und mich eine Etage tiefer rutschen lässt. Gefühl ist für mich immer auch Hilflosigkeit.

Der morgendliche Ausbruch in Tränen zeigt mir zumindest, dass ich auf dem richtigen Weg bin, auch wenn ich noch nicht weiß, worum ich weine.

Kati 14.03.2023, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Für mehr Grau

Ich mache das gut.
Ich bin hier.
Ich laufe nicht weg.

Der Drang nach dem Abschluss meines momentanen Lebens und einem Neubeginn in absoluter Anonymität ist aktuell stärker denn je. Ich habe gestern nicht meine Koffer gepackt, unsere Konten leergeräumt, die Hunde und Tourbus genommen und bin nicht einfach weit weg gefahren. Ich habe nicht meine gesamte Internetpräsenz gelöscht, habe nicht die Gilde aufgelöst und meine Notfall-Sicherheitsalternativen aktiviert.

Ich bin noch da.
Der Drang nach dem Schwarz und dem Weiß ist so stark. Es frisst mich auf. Ich muss unterscheiden können, was richtig und was falsch ist, es darf keine Zweifel, keine Zwischentöne, keine Abstufungen, nur diese beiden Extreme geben. Extreme bieten innere Sicherheit, immer. Ist etwas nicht ganz richtig, ist es automatisch falsch. Hat etwas Gutes einen Makel, ist es schlecht.

Ich kenne meine Mechanismen, natürlich. Habe in den vergangenen Wochen erstmals wieder über Medikation nachgedacht, die mich in der verhassten mittelmäßigen Tristesse der tablettenförmigen Gehirnregulierung hält und alles nur noch als mittelschlimm, mittelgut, mittelschlecht empfinden lässt und verglichen mit meinem strukturellen Gefühlsempfinden mein Leben etwa so aufregend wie eine Scheibe Toastbrot erscheinen lässt. Ich weiß aus bitterer Erfahrung, dass gerade diese Regulation mich hoffnungslos macht, weil mein Leben in seiner gefühlt gleichförmigen Glückseligkeit sinnlos erscheint. Ich verschwinde, jeden Tag ein bisschen mehr, bis irgendwann die Teile übernehmen, die darauf nicht ansprechen.

Das Wissen darum, dass ich Ärzte habe, die mir jederzeit alles Vertretbare möglich machen, schafft etwas Erleichterung, immer einen Tag weiter ohne sie zu schaffen. Ohne Schlafmittel, ohne Beruhigungsmittel, ohne Betäubung, ohne Beeinflussung meiner Gehirnchemie.

Fünf Jahre ist es her, dass ich diese Instanz zum letzten Mal betreten habe und es war ein harter Weg, da wieder rauszukommen. Ich fühle mich noch nicht verzweifelt genug dafür.

Aber ich brauche mehr Grau.
Es ist das, was ich am wenigsten will und das, von dem ich weiß, dass ich es am nötigsten brauche.
Es ist okay, wenn es sich gerade alles nicht gut anfühlt.
Es ist okay, wenn ich weglaufen will. Ich muss es nicht tun.
Es ist okay, wenn die schwarzweißen Gedanken kommen, ich muss mich nicht für eine Seite entscheiden.

Ich darf im Grau bleiben.

Kati 14.03.2023, 08.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Stephan.

Die Nacht war hart. Alles mit den Träumen der Babys ist hart. Heute war es zwar mein Eigenes, aber es sah aus wie Stephan. Er war es. Und er war es wieder nicht. Ich habe ihn schreien gehört, wie jede Nacht, aber diesmal war das kombiniert mit einer der Feuerübungen, die ich machen musste, ich war also wieder in dem verqualmten Raum in dem schwedischen Haus eingeschlossen, aus dem ich mich befreien musste, weil mein Vater die Abzugsklappe des Kamins im Zimmer nebenan zumachte, dann Feuer entzündete aber statt nur mich selber retten zu müssen, schrie ununterbrochen das Baby, von dem ich nicht wusste, wo es sich befindet.

Die letzte Übung dieser Art ist jetzt fast 3 Jahrzehnte her, Stephan noch mal viele Jahre weiter zurück und trotzdem…
Zumindest die Erinnerungen an den Traum verblassen mit zunehmendem Tageslicht, die Echten bleiben mir erhalten.

Mein Vater liebte die psychischen Versuchsaufbauten. Es faszinierte ihn zeitlebens mehr als jede andere Kategorie. Wie lange hält ein Kind Schmerzen aus, wenn man ihm den Ausweg gibt, es in Ruhe zu lassen, wenn es selber stattdessen einem anderen Wesen Schmerzen zufügt? Wie weit kann man das steigern? Wie lange muss man eine Fünfjährige foltern, deren einziger Ausweg ist, dasselbe einem Baby, einem geliebten Tier, einem Gleichaltrigen anzutun?

Ich weiß nicht, was mit Stephan ist. Aber ich kann seine Schreie hören. Immer.

Kati 13.03.2023, 08.02| (3/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Rückwärts

Vielleicht habe ich inzwischen die Einsicht erlangt, dass mit deinem Tod etwas angestoßen wurde, das ich weder lenken noch aufhalten kann. Und um ehrlich zu sein: Ich möchte das nicht. Ich mag die Erinnerungen nicht sehen, ich mag die Veränderungen in unserer Persönlichkeitsstruktur nicht, ich diffundiere; und dort, wo immer harte Grenzen waren, leuchten nun pulsierende bunte Durchgänge, durch die ich nur gehen müsste, wenn ich wollte. Ab und zu schwappt von einem Raum etwas in einen anderen, was dort überhaupt nicht hingehört und ich bin den Großteil meiner Zeit damit beschäftigt, Lücken im Tagesablauf zu verstehen. Ich möchte das nicht mehr. Zweifelnde und ablehnende Gefühle, die nie meine waren, vermischen sich nun mit der klaren Liebe und Vorstellung meines aktuellen Lebensentwurfs. Umwälzung, von Innen, die meiner Befürchtung nach bald das Außen erreichen wird. Der Kopf weiß um meine Entscheidungen, um 18 Jahre Beziehungs- und Familiengestaltung und doch flammt Abwehr von ganz tief unten auf. Mit jeder Erinnerung, mit jeder meiner Schwächen nimmt sie mehr Raum ein, greift um sich, erobert sich Platz und Macht. Zurück? Ich weiß es nicht. Habe ich Angst um meinen Platz? Ja. Vermutlich. Natürlich. Ich bin das Operating System. Was, wenn ich stürze?

Kati 12.03.2023, 08.27| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Schritt für Schritt. Weiter.

Ich spüre meistens, wenn ein Lebewesen bald stirbt. Selbst wenn ein Tier fit, mobil und symptomlos ist, ist es, als wäre da ein unsichtbarer Schatten im Hintergrund.
Habe mich gestern Abend schon in Ruhe verabschiedet, als ich alleine die Tierrunde machte und trotzdem tat es mir in der Seele weh, den großen Goethe heute Morgen mit seiner besten Freundin kuscheln zu sehen, obwohl sie schon tot war. Ganz dicht lag er neben ihr und schlummerte noch, als ich die Tür öffnete und den Stall betrat.

Es überfordert mich. Die Taktung, vor allem. 
Die aktuelle und inoperable Tumordiagnose beim Uralt-Zwerg schwebt zusätzlich wie ein Damoklesschwert über unserem Kopf und ich spüre, wie ich abwäge, wann ich den Kindern das Einschläfern zumuten kann. Er hat keine Schmerzen, die Probleme sind noch überschaubar, aber wir reden eher von wenigen Wochen als Monaten. 
Ich will so nicht an die Sache herangehen. 

Das Kind, das jeden Moment wieder in den schwarzen suizidalen Strudel gerissen werden kann, bei dem Stabilität an oberster Stelle steht und das unabdingbar die Tiere braucht, um diese emotionale Stabilität zu erreichen, ist zuhause, hat den Braunbären an die Seite bekommen, der sich endlich wieder auf seine Arbeit konzentrieren kann und sie im Hier und Jetzt hält. Versteht. Anzeigt, dass er sieht, wie es ihr geht. Sie anstupst, unermüdlich. Bis sie wieder mit der Welt verbunden ist.

Drahtseil. Abgrund. Überall.

Kati 09.02.2023, 10.58| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: tierisch

Ausgelaugt

Geschafft. Mit schier übermenschlicher Anstrengung Fragen gestellt. Gezittert, gewartet, Panik. Puls auf 200, Atemnot. Fast nicht geschafft, die Antworten zu lesen. Existenzielle Angst, die keiner logischen Betrachtung standhält, aber einfach da ist. Sie ist einfach immer da und sie überrollt mich. Atmen. Runterfahren. Schnell die Lücke in der Deckung wieder schließen, ab in die gut gelaunte Emotionslosigkeit, die mich weitermachen lässt. Immer weiter. Atmen.

Kati 07.02.2023, 12.57| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

Warum?

Warum lösen sich gerade so viele Dinge aus ihren verfickten Ankern? Warum kommen so viele Erinnerungen, gut gesichert und mit jahrelanger Hilfe und beschissen harter Arbeit weggepackt, wieder nach oben geschwommen? Warum immer in den unpassendsten Momenten? Warum kickt ausgerechnet jetzt gerade die Vergangenheit an jedem Tag? Warum ausgerechnet, wenn ich gerade das Gefühl habe, wieder minimal atmen zu können? Warum?
Ich kann und ich will nicht mehr. Ich hab mir das nicht ausgesucht und stehe an manchen Tagen gefühlt nur deswegen auf, um gegen die Erinnerung anzukämpfen, was mir angetan wurde. Ich habs so satt. Ich kann Gefühle kaum noch ertragen. Öffne ich mich einem, kommen sie alle. Ich kann nicht mehr.

Kati 07.02.2023, 12.53| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Der Sabotagefaktor

Ich weiß nicht ganz genau, warum ich misslungen bin. Ich ahne es aber, inzwischen. Nach Jahrzehnten Therapie, Supervision, eigenem Studium, Selbstreflexion.

Und was mich daran fast amüsiert, ist, dass mein Vater, der meine Programmierung so akribisch geplant und überwacht hat, dass keine menschliche Schwäche ihm von außen einen Strich durch die Rechnung machen würde, an genau diesem Punkt scheiterte: An der Schwäche meiner Mutter. 

Ich vermute, dass er Vieles mit eingeplant hat, aber nicht die sein Kind sexuell missbrauchende Ehefrau, die sein Projekt über Jahre heimlich mit ihren eigenen Obsessionen sabotiert hat. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass mein innerer Systemaufbau in völlig unkontrollierten Bahnen verlief, die er durch die vermeintlich sichere Umgebung zuhause bei meiner Mutter nie hätte vorhersehen können. 

Meine Mutter, die immer wieder neue Krankheiten, Symptome und Schwierigkeiten erfand, damit ich vor ihren Augen nackt von fremden Ärzten untersucht werden konnte und sie dies zuhause im Rahmen ihrer „Behandlung“ mit mir nachspielen konnte, aber ohne, dass mein Vater etwas davon erfahren würde, er sollte sich ja schließlich keine Sorgen machen. Das ging lange Jahre gut. Sehr lange Jahre. War ich mit meinem Vater zusammen, war ich vor meiner Mutter sicher und egal, was er getan hat, er hat mich nie - nicht ein einziges Mal - in sexueller Weise berührt oder betrachtet. Vielleicht mag das absurd klingen in Anbetracht dessen, was mein übriges Lebenstraining war, aber der Verrat meiner Mutter wog für mich immer so unendlich viel schwerer. 

Es ist schwer für mich, das in Gänze anzufassen, ohne in den Strudel zu geraten, weil so vieles im Verborgenen liegt. 

Das ist okay. Ich habe gelernt, die Angst, was irgendwann hochkommen könnte, auszuhalten. Es ist wie es ist und es wird, wie es sein soll.

Wir waren im Garten, als ich das erste Mal mit meinem Vater über meine Gefühle sprach. Darüber, dass ich nicht mag, wie Mama mich anfasst. Dass ich versuche, sie abzuwehren, aber sie nicht aufhört.
Ich weiß nicht, ob er schon damals verstand, dass sein Projekt scheitern würde und dass dafür zu einem nicht unerheblichen Teil die Frau verantwortlich war, die er nach Intelligenzquotient und genetischer Veranlagung auswählte und für geeignet hielt, seine Gene weiterzugeben. 

Er machte oft Witze darüber, dass sie mit ihren gerade mal knapp über 140 IQ-Punkten das Dummerchen der Familie war, aber er sie ja ausgleichen würde. Aber ihre Olympia-Teilnahme, der Körperbau, die Genetik, das konnte er nicht kleinreden. Das war das Pfund, mit dem sie wuchern konnte.

Dass sie ein pädophile Narzisstin war, gereichte uns vermutlich beiden zum Nachteil.
Ich habe irgendwann angefangen, ihre Hand mit aller mir verfügbaren Kraft wegzuschlagen und wegzulaufen. Habe mich verweigert, wurde dafür mit Schweigen und Verachtung gestraft. 

Als ich weggelaufen bin, nachts frierend und weinend und meinen Traum aus den Büchern träumte, dass man mich suchen und finden und mit Liebe willkommen heißen würde, habe ich nach einigen Tagen und Nächten eingesehen, dass nichts davon passieren würde.
Man hatte keine Polizei verständigt, man hatte sich keine Sorgen gemacht, meine Rückkehr wurde mit verächtlichem Schnauben quittiert.

Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn meine Mutter nicht ihr eigenes „Projekt“ mit mir am Laufen gehabt hätte? Wenn ich bei zwei Menschen aufgewachsen wäre, die weniger Geheimnisse voreinander gehabt hätten und weniger mit ihren eigenen seelischen Untiefen beschäftigt gewesen wären? 

Ich wäre vielleicht genauso perfekt geworden wie H..
Wir mussten so oft gegeneinander antreten, standen uns in nichts nach, aber in ihr entwickelte sich irgendwann das Projekt Elitemensch zum Selbstläufer. In mir nicht.

In mir nicht.

Kati 02.02.2023, 14.40| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Die Filmspulen

Meine gesamte Kindheit ist auf Film, Dias, entwickelten Bildern und in Tabellenform festgehalten. Minutiös. Ich habe Dokumente, die besagen, wann ich wieviel Milch getrunken habe, wann welches Kindermädchen für mich zuständig war, selbst bei meiner Geburt gab es eine Tabelle zum Ankreuzen, wieviel Zentimeter, wieviel Gewicht und welcher der zwei männlichen und zwei weiblichen Namen nun gewählt wurde. Hinter der Geburtskarteikarte findet man ein gedrucktes Blatt, das mir die Wochentage meines Geburtstags auf 100 Jahre voraussagt. In den Jahren danach häufen sich Gewichts- und Messtabellen, Fähigkeiten, Auffälligkeiten, körperliche Eigenschaften, durchgemachte Kinderkrankheiten mit Fotos vom Krankheitsverlauf, alles immer Ganzkörperfotos, nackt, schreiend, weinend, behandelt werdend. Irgendwann wird diese Dokumentenreihe abgelöst durch IQ-Testergebnisse, Fotos, Zeitungsartikel, Haufenweise Notizbücher mit Tabellen zu Versuchsreihen und Inhalten, die sich mir nicht erschlossen haben.

Eine Besonderheit hierbei sind die Filmspulen. Wir hatten so viele davon. Die Filme haben wir uns bei Dia-Abenden manchmal noch angesehen. Meistens zeigten sie mich in Urlauben, beim Bootfahren, beim Wasserski, beim Angeln, beim Jagen, im Schwimmtraining, im Wald, beim Ausweiden von Tieren, beim Überlebenstraining. Einmal sogar auf einem Spielplatz in Frankreich mit ganz vielen Menschen, die mich offensichtlich kannten und vertraut mit mir umgingen, die ich aber nicht zuordnen konnte.

Als wir ins große Haus zogen, war ich noch deutlich länger alleine als vorher schon und wenn ich mittags aus der Schule kam, dann hatte ich noch 5 Stunden vor mir, bis jemand kam.

Ich durchsuchte vor Langeweile im Laufe der Monate also neugierig unseren gesamten Besitz.
Das meiste davon war nur minder interessant. Die Pornosammlung meiner Mutter, die meines Vaters, die Sexspielzeuge, die Untiefen der Charaktere meiner Eltern.

Irgendwann kruschte ich auf dem Mini-Dachboden des Hausvorbaus herum, ganz hinten, wo die verschlossenen und zugeklebten Kisten standen. Und da waren sie. Kisten voll mit Fotos, mit Dias, mit Büchern, mit Filmspulen. Unbeschriftet. Was in unserem Haushalt ganz und gar ungewöhnlich war. 
Ich fand Bücher über die Entwicklung des Gehirns bei Babys und Kleinkindern, psychologische Abhandlungen über psychische Störungen und Strukturen, für mich damals noch kein Puzzleteil, nur unbedeutendes Zeug.

Aber die Filmspulen. Die musste ich mir ansehen. Zu meinem Erstaunen waren es Filme mit dem Mädchen, mit dem ich aufgewachsen war. „Katinka, Katinka!“, konnte ich ihre Stimme förmlich hören, als die Bilder zu laufen begannen, selbst ohne Ton. Wir waren die ersten Jahre unseres Lebens jeden Tag zusammen gewesen, in jedem Urlaub, mehr als beste Freundinnen, mehr als Schwestern, mehr als Gefährten. Sie war ich, ich war sie.

Und es war noch jemand auf den Spulen zu sehen. Jemand, der aussah wie ich.

Ein Mensch, der exakt mein Aussehen besaß und fremder nicht hätte wirken können.
Nach dem ersten Ansehen legte ich alles ordentlich weg, baute die Apparatur zurück, nahm die Leinwand ab, verschloss die Kisten sorgfältig wieder und verdrängte, was ich gesehen hatte.

Einige Jahre später habe ich die Kisten wieder geöffnet. Aber es wurde nicht vertrauter. Dieser Mensch sah aus wie ich.
Aber er war nicht ich. Er hatte Spaß am Quälen. Er hatte Spaß am Leid anderer. Er zuckte nicht zusammen, als die Peitsche kam. Nicht, als der Stock kam. Nicht, als die anderen gequält wurden. Das Gesicht, das ich jeden Tag im Spiegel sah, flimmerte dort völlig ausdruckslos über die Leinwand. Ich konnte weder so schnell rennen noch konnte ich so präzise schießen. Ich wäre beim unter Wasser drücken schon längst in Panik geraten, ich hätte schon geweint, als ich das kleine Tier gesehen hätte, das war definitiv nicht ich.

Das war ein Monster.

Aber es war in meinem Körper.

Kati 01.02.2023, 17.38| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Nur warten.

Im Verlauf der letzten 6 Monate zeichnete sich ab, dass der schwedische Nachlassverwalter und ich eine deutlich differierende Vorstellung vom Wort schnellstmöglich haben, so viel ist inzwischen klar.

Alle Unterlagen sind eingereicht, es wird von Staatsseite noch ein bisschen herumgekaspert, welches Land nun wieviel Anteil an welchem Vermögen haben möchte und bevor nicht alle Beteiligten zufrieden sind, kann Norvid, der Nachlassverwalter leider auch nicht seine eigene Rechnung stellen und damit schon mal gar nichts an mich auszahlen. Soweit, so gut. Zwischendurch war Norvid aber auch mal schlimm krank und konnte dann 6 Wochen lang nicht mal über diesen Umstand informieren, nutzt in jeder seiner Mails das Wort schnellstmöglich und allmählich habe ich den Eindruck, dass er google translate einfach auch nicht benutzen kann.

Das letzte Jahr war zermürbend für uns, auch in finanzieller Hinsicht. Die Aufenthalte und Begleitungen des Sohnes in Krankenhäusern, Spezialkliniken und Reha haben Unmengen an Zusatzkosten verschlungen, wir kämpfen mit Preiserhöhungen, alten Rechnungen, neuen Zuschlägen und theoretisch wäre es jetzt ein wahrer Segen, wenn die Nachlassangelegenheit in Gang käme. Nicht nur für mein Seelenheil, auch für unser Konto.
Ich weiß ungefähr, was auf mich zukommt. Es ist nur noch ein winziger Bruchteil dessen, was meine Herkunftsfamilie mal besessen hat, aber alle Schulden wurden bezahlt, alles Land, alle Gebäude, alle Fahrzeuge wurden verschenkt oder überschrieben, ich bekomme den Rest einer jahrzehntelangen Reise, die allen Beteiligten nicht gut zu Gesicht stand und werde in eine Zukunft investieren, die nichts mehr davon erahnen lässt.

Bin trotzdem dankbar, dass mein Vater sich an fast alle unsere in den letzten fünf Jahren getroffenen Abmachungen gehalten hat und ich jetzt nicht persönlich durch die Weltgeschichte gondeln muss, um rechtliche Dinge zu klären.

Ich muss nur warten.
Und das zerreißt mich.

Kati 31.01.2023, 10.42| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Umwälzung

Ich muss weg von Menschen, wenn der destruktive Zynismus überhandnimmt. Will sie demütigen, beschämen, kleinmachen. Kann nichts Positives mehr beitragen, will sie auf ihre Angst reduzieren, um mich besser zu fühlen. Es ist schwer, den Teil von mir willkommen zu heißen, der so viel Zerstörungspotential birgt. Nicht die Kontrolle verlieren, nicht nachgeben, zusammenhalten, was mit aller Kraft seine Spaltung offenbaren will. Ich merke seit Monaten, dass ein unumkehrbarer Prozess in Gang gesetzt wurde, der alles auf den Prüfstand stellt, was ich als in Stein gemeißelt betrachtet habe. Ich will das nicht. Ich mag keine Umwälzungen, ich mag keine Veränderungen, ich liebe den Status Quo, ich mag Berechenbarkeit, Stabilität und Vorhersagbarkeit. Über alle Maßen. Und nun rüttelt ausgerechnet das Innen an den Mauern meiner Festung. Bin nur ich es, die mein Leben als ideal betrachtet? Wem tue ich Unrecht, wenn ich meinen Alltag so lebe, dass er mir gut tut? Wir haben Regeln, aber wessen Regeln sind es? Wo endet meine Macht über ein System, das sich niemandem mehr beugen muss?

Kati 30.01.2023, 09.41| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Das große Sterben

Es war zu erwarten.
Sie sterben.
Alle.
Die Zeitspanne, die ein Kaninchen lebt, ist überschaubar.
So große Tiere, wie wir sie haben, haben oft nur eine geringe Lebenserwartung. Kasimir war mit seinen 8 Jahren schon weit jenseits von Gut und Böse und auch wenn seine Art gerne vergessen ließ, dass er schon ein sehr altes Tier war, war er nun mal genau das.

Wir nehmen keine neuen Tiere mehr auf und züchten nicht, also wird das nun so weitergehen. Es ist erst wenige Wochen her, dass das Klößchen gegangen ist. Ich bin nicht bereit dafür, wirklich nicht. Es sind so viele unserer Kaninchen gerade am oberen Ende ihrer Lebenserwartung und ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll.
Die Babykekse und die Kleinen haben immer geholfen, dass man die Hoffnung nicht verliert und nach vorne sieht, weil das Leben weitergeht, aber ein sich stetig leerender Stall bringt mich an meine Grenzen.

Meine Herztiere sind fast alle gegangen. Ich bin müde.

Machs gut, Miro. Du warst ein Ausnahmecharakter.

Kati 25.01.2023, 08.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: tierisch

Erschöpft

Ich brauche mehr Zeit.
Ich fühle, wie alles in mir heilen will, sich dem stellen will, was mich die letzten Monate zerrissen hat, aber ich brauche dafür Zeit in meiner Einsamkeit.
Es ist fast ein Ding der Unmöglichkeit, hier wirklich alleine zu sein.
Aber alles in mir drängt danach, im Schutz meiner Mauern loszulassen, abzugeben, mich fließen zu lassen.
Ich darf nicht.

Das enge Zeitfenster von einigen Stunden am Morgen wird durch den Alltag boykottiert, schrumpft auf einen Bruchteil dessen, was ich benötige, um überhaupt funktionieren zu können. An Tagen, an denen Kinder später das Haus verlassen, früher nach Hause kommen, frei haben, ist es kaum möglich, mich rechtzeitig wieder einzusammeln, also bleibe ich im Alltagsmodus, sehnsüchtig an ein Quäntchen weniger Disziplin im Gehirn denkend.
Ich schaffe nicht viel.
Ich bin damit beschäftigt, mich zusammenzuhalten.
Dem Drang zu widerstehen, alles kurz und klein zu schlagen, zu wüten, mein Leben einfach hinter mir zu lassen und aufzubrechen.
Irgendwohin, wo mich niemand kennt, mir niemand wehtun kann, ich niemanden liebe, nicht in dieser verdammten Verletzlichkeit bleiben, sondern einfach nur noch existieren muss.

Kati 24.01.2023, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Von Körpern, vom Altern, von der Liebe

Ich war fünf, als ich das erste Mal meine Mutter weinend im Keller fand.
Und ich wusste mit dem gesamten Instinkt eines Kindes, worum es geht. Es wurde nie ausgesprochen. Ich hab sie geliebt. Pia. Eine so herzensgute Frau, die mich durch die Chemielabore der Universität führte und auf mich aufpasste, wenn mein Vater beschäftigt war. Schwarzer Wuschelkopf, dunkelbraune Augen, die Anmut und Eleganz in Person und dabei so unglaublich zugewandt. So warmherzig. Alles, was meine Mutter nie war.

Ich kann mutmaßen, warum er sich in sie verliebt hatte. Aber ich weiß es nicht. Denn wir sprachen ja nicht über diese Dinge. 35 Jahre später sollte ich von meiner Großmutter erfahren, dass „das junge hübsche Ding mit den schwarzen Locken“ dafür verantwortlich war, dass wir damals so weit weg zogen. Mal wieder.

Ich bin inzwischen in dem Alter, in dem meine Mutter mit ihren Schönheitsoperationen begann. Nach endlosen Diäten, die ich allesamt mitmachen musste, begannen mit meiner Pubertät ihre Besuche bei führenden Schönheitschirurgen.
Ich war überall dabei.
Der unnachsichtige schwarze Edding auf der nackten Haut meiner Mutter kombiniert mit den kühlen Bemerkungen über Ästhetik und Machbarkeit ließ mich schnell begreifen, dass eine Frau vor allem dünn und straff zu sein hatte.
Das Ideal meines Vaters, dem sich die gesamte Welt unterordnen musste.

Meine Mutter nahm ab und nahm wieder zu und wieder ab, es war ein täglicher und endloser Kampf um Kalorien, in den vor allem ich mit einbezogen wurde.

Ich habe eine Tante - die Schwester meiner Mutter - die immer unglaublich dick war. Ihr Mann - mein Onkel - ist ein muskulöser Mann, der seine Frau und ihren Körper vergöttert. Alles, was ich in Kindheit und Jugend im Positiven über sexuelle Anziehungskraft gelernt habe, habe ich in dieser Beziehung sehen dürfen.
Dieser Blick, wie er nur Augen für meine Tante hatte, sie anhimmelte und bewunderte und ihr immer und zu jedem Zeitpunkt zu verstehen gab, dass sie körperlich und geistig seine absolute Traumfrau sei.

Bei längeren Aufenthalten der Beiden bei uns führte das zu einer nicht unerheblichen Menge an Spannungen.
Eines Abends, als mein Vater schon wieder einiges getrunken hatte, wurde ihm die Turtelei der beiden zu viel und er stand schnaubend auf.

Geklapper aus dem Arbeitszimmer und er kam kurz darauf mit einem Stapel Playboys wieder, den er vor der gesamten Familie auf den Wohnzimmertisch knallte. „SO!“, brüllte er, „SO SEHEN RICHTIGE FRAUEN AUS! NICHT WIE DIE FETTBERGE, DIE HIER GERADE SITZEN!“.

Ich kannte die abfälligen Bemerkungen über meinen pubertären Körper, den mal dünnen, mal dicken Körper meiner Mutter und den immer kompromisslos weichen Körper meiner Tante, aber dieser Moment hatte eine Intensität, die im Laufe der nächsten Jahre noch zunahm.
An diesem Abend zerbrach sehr viel in sehr vielen Menschen.

Ich bin 44, übergewichtig, habe Falten, meine Brüste hängen, ich habe 9 Kinder in meinem Körper getragen, er hat zahlreiche Narben, hat meine Verletzungen und Brüche heilen lassen und gibt all meinen Anteilen ein Zuhause.
Er ist kräftig, stark und er trägt mich.

Mein Mann lässt seit 18 Jahren keinen Zweifel daran, dass ich die schönste, attraktivste und erregendste Frau dieser Welt für ihn bin. Ich lege meine Hand generell nicht für Menschen ins Feuer, aber diese körperliche Anziehungskraft zwischen uns ist etwas, das so unumstößlich in meiner Selbstbetrachtung verankert ist, dass ich nicht zweifle.

Als meine Mutter 44 war, waren nach Bauchdecke und Oberschenkeln gerade die Brüste dran. Ich musste die Wundversorgung zuhause machen und ihre körperliche Übergriffigkeit nahm durch die bei der medizinischen Versorgung notwendige Nähe wieder zu. Mein Vater kommentierte das ganze Operationsprozedere in denkbar destruktivster Weise und war in dieser Zeit mit seiner Sekretärin äußerst beschäftigt.

Ich erinnere mich nach den depressiven Tiefpunkten, in denen sie mich sexuell überhaupt nicht in Ruhe ließ, an sehr euphorische Phasen, als alles schön hochgeschnallt und verheilt am Körper stand - denn hängen konnte ja nichts mehr - und ihre exhibitionistische Ader völlig aus dem Ruder lief, egal, ob es sich um Väter von Freundinnen, Lehrer oder um den Obstverkäufer handelte.

Das war dann auch die Phase, in der ich mit ihr alleine auf Reisen gehen musste. Wir durchquerten ganz Europa. Und egal, ob Italien, Frankreich oder Monaco, die zur Schau gestellte verzweifelte Körperlichkeit einer alternden reichen Frau lockt nicht die Art von Männern an, denen man abends im Dunkeln begegnen möchte

Ich weiß noch gut, wie wütend sie wurde, als ich am Mittelmeer von einem erwachsenen Mann massiv sexuell belästigt wurde, weil ich doch schließlich nicht so attraktiv war wie sie. Wie konnte er es wagen, mich zu belästigen, wenn doch sie da war?
Der Hass, mit dem sie mich anklagte, kokettiert zu haben, um SIE auszubooten, öffnete eine ganz neue Dimension an Schuldzuweisungen.
Der Absurdität waren in diesen Jahren kaum Grenzen gesetzt.

Was macht das also heute mit mir? Manchmal betrachte ich meinen Körper und sehe Gemeinsamkeiten, die mir das Blut in den Adern gefrieren lassen.
Nicht nur, dass ich ihr im Gesicht äußerst ähnlich sehe, auch mein Körper weist einige Ähnlichkeiten auf. Ich sehe jeden Tag meinen eigenen Täter im Spiegel.

Ich bemühe mich, mich in diesen Momenten durch die Augen des Mannes zu betrachten und das bedeutet, so viel Liebe in meinen Blick zu legen, dass die Erinnerung an Macht und Ekel verliert.

Körperlichkeit bedeutet in unserer Familie Geborgenheit, Liebe, Wärme.
Ein Körper muss keine bestimmte Form haben, nicht auf eine bestimmte Art und Weise aussehen, nichts leisten, um dafür wertgeschätzt zu werden, dass er uns durchs Leben trägt.

Ich musste das erst lernen und der Weg war mühsam.
Bei mir selber gelingt diese Betrachtungsweise noch nicht immer, aber besser, je älter ich werde.

Ich werde meinen eigenen Weg finden, so zu altern, dass ich - und nur ich - damit gut leben kann.

Kati 23.01.2023, 15.02| (5/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Wochenendnachlese

Das Wochenende war emotional so dicht, dass ich vermutlich einige Zeit benötigen werde, mich von den Eindrücken zu erholen. Es ist ein unfassbar großes Geschenk, erwachsene Kinder Entscheidungen treffen sehen zu dürfen und es erfüllt mich mit Ehrfurcht, dass das Baby, das ich gestern in meinen Armen hielt, im Hier und Heute mit beeindruckender Reife selbstwirksame Dinge tut. Ich kann nur schauen und staunen und bewundern und versuchen, mit meinem Stolz und meiner Liebe nicht am Boden zu halten, was fliegen muss.
Ich habe mich in den letzten Jahrzehnten oft gefragt, ob richtig ist, was ich tue. Bei jeder Entscheidung hadert man als Mutter, ob es wirklich das Richtige ist und man weiß, dass man erst Jahre oder Jahrzehnte später Antworten oder ein ehrliches Feedback erhalten wird, und das auch nur, wenn man ganz viel Glück hat.

Und ich hätte mit vielem gerechnet, aber nicht jetzt schon mit diesem geistig anmutigen und reflektierten Wesen, das genau und respektvoll benennen kann, was gut getan hat und was nicht. Es offenbart auch in diesem Alter schon eine Erfahrungs- und Gefühlstiefe und Weitsicht, die mich schier sprachlos macht.

Wie kann ein Mensch von innen und außen nur so schön sein?

Kati 22.01.2023, 21.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: KinderKinder

Vom Gras in Azeroth

Ich war vor 15 Jahren der Vergelterpaladin in Lederrüstung mit Schwert und Schild.
Der, der Beweglichkeit als Mainstat hatte, weil das irgendwie cool klang. Mit einer kleinen Intelligenzverzauberung, weil Intelligenz ja nicht so verkehrt sein konnte.
Der, über den man sich sehr oft lustig gemacht hat, weil er falsch geskillt war. Der, dem man mit jedem (Rat)Schlag ja „nur helfen wollte, damit er endlich besser spielt“.

Nach einigen Jahren kam der Punkt, an dem ich mich fragte, warum einige Dinge nicht gingen und wie ich das eventuell verändern kann.
Und vor diesem Punkt drang kein Ratschlag zu mir durch.
Weil man die Entwicklung von Menschen nicht beschleunigen kann.
Niemals.

Ich nehme diese Erkenntnis für mich genauso in Anspruch wie ich sie für andere verteidige.
In meiner Gilde sind Menschen willkommen, keine gut gespielten Avatare. Es geht niemals um Leistung oder Wettbewerb, es geht immer um den Menschen. Es gibt keine Rollen, die „benötigt“ werden, es gibt keine Vorgaben, wie man seine Zeit im Spiel verbringt, es ist verdammt noch mal Freizeit. Und ich habe so gut wie jedem Mitspieler der Gilde vor der Einladung die gleiche Antwort gegeben: Es gibt keinen Zwang.

Die Jagdgesellschaft besteht zu einem großen Teil aus Menschen, die im täglichen Leben alles geben und auch alles geben müssen.
Menschen mit so viel Gepäck im Rucksack, dass andere darunter zusammenbrechen würden.
Menschen, die unter hohem Druck jeden Tag Außergewöhnliches leisten UND funktionieren müssen.

Azeroth ist nicht so. Azeroth ist Zuflucht.

Und wenn wir sagen, wir machen einen Gildenraid, bei dem wir gemeinsam versuchen, etwas zu erreichen, dann heißt das in letzter Konsequenz genau das: Dass wir den Vergelterpaladin mit Schwert und Schild und Beweglichkeit und Intelligenz in Lederrüstung mitnehmen, weil er genau so Teil unserer Gilde ist, wie wir ihn aufgenommen haben und den Mensch dahinter mögen. Und solange er nicht um Rat fragt, braucht er auch keinen. Sobald ER SELBER nicht mehr zufrieden ist und um Rat oder Hilfe bittet, bekommt er alles, was er möchte, zur Verfügung gestellt.

Wenn wir stattdessen einen Leistungsraid planen würden, dann stecken wir vorher die Kriterien dafür ab und kommunizieren klar und angemessen, was erwartet wird.

An Gemeinschaft selber werden keine Bedingungen gestellt. Sobald mein Wert als Mensch oder Spieler daran geknüpft ist, wie nützlich ich bin, entziehe ich mich dem.

Ich mag kompetitives Spiel. Es gibt einige wenige Spieler, an denen messe ich mich gerne und ostentativ, weil das zwischenmenschlich passt. Ich erwarte von niemandem, meinen Spielstil zu mögen und kritisiere im Gegenzug auch niemanden für seinen. Wenn ich höre, dass ich zu viel herumkaspere, dann nehme ich das zum Anlass, lieber mit Gruppen zu gehen, die ähnliche Vorstellungen von einer gut verbrachten Zeit haben wie ich oder mich mittragen, so wie ich ihre Eigenarten mittrage.

Denn es ist ganz natürlich, dass es dazu kommt, dass Menschen unterschiedliche Zielvorstellungen entwickeln. Dass ihr Anspruch an Dinge steigt, die für andere vielleicht gar nicht wichtig sind.

Die Jagdgesellschaft besteht aus Menschen, die seit fast 20 Jahren raiden und aus solchen, die fragen, wie man das Zauberbuch öffnet und jenen, die sich irgendwo dazwischen bewegen. Dass es aufgrund dessen Diskrepanzen in der Spielweise gibt, ist in meinen Augen nicht erwähnenswert oder gar diskussionswürdig. Denn auch hier gilt: Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Und nicht jeder Golfrasen möchte die Höhe von Pampasgras erreichen.

Sobald also Spieler mehr erreichen wollen, als es gildenintern zu diesem Zeitpunkt möglich ist, steht ihnen die Welt offen, sich für das Erreichen dieser Ziele Gleichgesinnte zu suchen. Gründet eine gildeninterne oder gilden/extern gemischte Progressraidgruppe oder tretet einer bei - ich unterstütze das von ganzem Herzen mit allem, was ich habe und freue mich über jeden Erfolg, jeden gelegten Raidboss, jede Meldung im Gildenchat.

Ich bin die, die mit PomPoms vor dem Raideingang steht und euch zujubelt, weil es ganz großartig ist, wenn Menschen sich Ziele setzen und dafür kämpfen, sie zu erreichen.
Go for it!

Was wir allerdings in der Jagdgesellschaft niemals tun: Menschen ausschließen, weil sie sich den Ansprüchen Anderer nicht unterordnen können oder wollen.
Egal, wie ihre Gründe sind.

In den letzten Tagen haben mir einige Menschen geschrieben, dass sie gerade beginnen, ingame genau diesen Druck fühlen, der im realen Leben auf ihnen lastet und in aller Deutlichkeit: Es gibt keinen Grund dafür.

Eine Kette ist vielleicht nur so stark wie ihr vermeintlich schwächstes Glied.
Aber eine Gemeinschaft ist keine Kette.
Eine Gemeinschaft lässt Raum für Stärken und Unterschiede
Eine Gemeinschaft ermöglicht tragen und getragen werden.

Das ist, wie ich lebe.
Das ist, wie ich spiele.

Kati 16.01.2023, 10.21| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Azeroth

Weiter.

Ich sitze im Garten unter dem Regenschirm und versuche, mich in die Dunkelheit fallen zu lassen. Nasskalte Luft einzuatmen, immer ein und wieder aus.
Der Brechreiz ist unerträglich.
Ich kann das.
Ein und wieder aus.
Ich versuche, das Migränemedikament drin zu behalten und in meinem Gehirn kreisen chemische Zusammensetzungen von Medikamenten und Giftstoffen und Beipackzettel und Obduktionsbericht.
Ein.
Und wieder aus.
Ich kann das.
Ich versuche, meine Gedanken zuzulassen, aber nicht festzuhalten. Alles im Fluss. Spüre, wie mein Magen sich zusammenkrampft. Er ist eine faszinierende Sache, unser Geist, selbst in solchen Momenten.

Der große Bärenkopf auf meinem Schoß wird schwerer und schwerer. Der Druck wird höher, intensiver - hallo, hier bin ich, bleib auch du bei mir. Das hat er schon als Baby gemacht und nun als erwachsener Rüde hat er die Reife und Erfahrung hinzugewonnen, zu wissen, ob das reicht, oder ob er mich anders zurückholen muss. Ich würge. Er entscheidet sich, meine Haut unter der Hose zwischen seine Zähne zu nehmen und sacht daran zu knibbeln. Feine Nadelstiche, Schmerz, der mich durchflutet, aber auf die gute Art. Die, die zeigt, dass man lebendig ist, ohne davon zerrissen zu werden.

Einatmen.
Ausatmen.
Ich lege die Hand auf seinen Kopf und er brummt bestätigend.
Das habe ich wohl gut gemacht.
Immerhin.

Die Kinder sind inzwischen wach und geistern durchs Erdgeschoss. Zwei Köpfe erscheinen in der Haustür und fragen, wie es mir geht, ob ich Kopfschmerzen und Zyklus habe. Ich bejahe. Man bringt mir einen Kakao und eine Pizzaschnecke.

Hier ist Liebe.
Ich bin nicht allein.

Ich sitze nicht in Schweden auf einer Veranda und habe mich vergiftet, ich bin zuhause und habe eine angemessene Dosis von einem Schmerzmittel genommen, das ich vertrage und werde irgendwann sterben, aber nicht jetzt.

Der braune Bär vor mir wedelt inzwischen, ich bin wieder da.
Ich schiebe ihm die Pizzaschnecke in die Schnute und stehe auf.

Weiter.

Kati 12.01.2023, 07.58| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Hej.

Ich habe wieder von dir geträumt. Von uns. Seit der Obduktionsbericht da ist, kreist mein Herz darum. Jeden Abend vor dem Einschlafen wälze ich deine letzten Momente im Leben hin und her. Worte im Gehirn, Risse in der Seele. Mitleid. Mitgefühl. Zum Bersten gefüllt mit Emotion. Es tut mir so unendlich leid. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass unser Frieden - ich glaube, der einzig Echte, den wir beide jemals hatten - genau dort stattfand, wo wir Leben genommen haben. Beim Jagen, beim Fischen. Ich habe so viele Lebewesen sterben sehen und gehört. Vor allem gehört. Und ich habe so viele davon selber getötet. Stolz war das, was in deinen Augen dabei aufblitzte. Qualvolle Pein, was ich empfand.

Aber die Jagd - nie waren wir uns näher als hier. Die endlose Ruhe in uns beiden, perfekt aufeinander abgestimmte Bewegungen, absolute Stille, nur Natur um und der Himmel über uns. Glück. Pures Glück. Es gibt einen Akt der Milde, den ich dir nie vergessen werde. Eine Lüge, die ich nur zu gerne geglaubt habe.

Ein Tier ist mir schwer verletzt entkommen und ich bin panisch schreiend und in Tränen aufgelöst vor dir auf die Knie gesunken, während der Schmerz in mir implodierte. Die Schuld, die Teile von mir schon als kleines Kind fast erdrückt hat, die Grundfähigkeit zur Empathie, die alles, was du von mir je verlangt hast, nur darin gipfeln ließ, dass die Trennung in mir so unumkehrbar erfolgte, dass ich den Rest meines Lebens damit verbringen werde, die Bruchstücke meiner Selbst zu finden und mit dem Rest Liebe, der mir bleibt, willkommen zu heißen und in Sicherheit zu wiegen, wie es dir und euch nie möglich war.

Aber an diesem einen Tag, als ich mich nicht beruhigen konnte, als ich nicht aufhören konnte, zu schreien, als die Spiegelneuronen in mir explodierten und mein gesamtes Sein nur aus diesem verletzten und blutendem Wesen im Wald bestand, so dass ich dachte, ich muss an dieser Schuld selber sterben, da hast du mich angelogen.

Es war eine so alberne und barmherzige Lüge, wie nur Kinder sie glauben können, weil sie wollen. Ich hab sie nicht hinterfragt. Als wir zusammenpackten, zum Boot gingen und ich mich darin schluchzend zusammenrollte und einschlief, warst du in meiner Nähe und ich spürte dich. Als Mensch. Du hast mich nicht umarmt, nicht berührt, das hast du nie getan, aber da war Menschlichkeit. Ein Funken Verletzlichkeit. Das eine Mal.
Ich denke noch heute, so viele Jahrzehnte später, oft an dieses Tier und diesen Moment. Und an dich, wie du in diesem einen Augenblick warst.

Kati 09.01.2023, 07.58| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe an...

Asche zu Asche

Erde zu Erde.

Asche zu Asche.

Dein Obduktionsbericht ist da. Ich weiß eigentlich gar nicht, ob ich dir heute schreiben will. Meine Nacht war grauenvoll, schwedische Worte mischten sich mit den Bildern, die mein Gehirn malte, wie du deine letzten Momente auf diesem Planeten verbracht hast. Wortfetzen, repetitiv blinkend, grausame Szenen übermalend, bis ich schweißgebadet aufgewacht bin. Zustand nach… Perforation der… 
In einer Woche ist Weihnachten, ich habe Post vom Nachlassgericht, das Erbe ist freigegeben, wir haben eine tief verletzte Seele, um die wir uns gerade kümmern, wir haben Sorge um Tiere, völlige Erschöpfung am Ende eines Jahres, das für mich in weiten Teilen einfach nur horrende Erfahrungen und Reaktivierung alter und im Griff zu haben geglaubter Traumata bereithielt.

Und nun halte ich deinen Obduktionsbericht in Händen, fange an zu lesen, weil ich erwarte, dass eine der Fragen, die mich seit 5 Monaten nachts wachhalten, endlich beantwortet werden kann.
Mehrere Chemikalienflaschen unter dem Stuhl…
Ich sitze hier und bin zum ersten Mal nicht wütend, nicht eingeschüchtert, nicht voller Hass, nicht voller Angst, nicht voller Sehnsucht, nichts von all meinen bekannten Gefühlen für dich.
Gar nichts. 
Nur eines, das ich noch nie bei dir oder für dich empfunden habe: Mitgefühl.
Tüte in der Hand, gefüllt mit…
Da sind sie wieder, die Wortfetzen.
Mein Magen dreht sich.
Nicht aus Ekel, nicht aus Abscheu, nur aus Mitgefühl.
Du warst allein. So verzweifelt.
Und ich hätte so gerne festgehalten an diesem Bild, wie du da sitzt und auf deinen See siehst, deine Heimat, in Frieden…

Wissen kann man nicht zurückgeben.

Hier schließt sich ein Kreis, nicht wahr?
Ich spüre, wie sich mein Herz öffnet.
Das echte Gefühl. 
Da, wo du nie hinkamst. 
Und jetzt musstest du dich erst selber auf solch qualvolle Art töten, damit mein Schutzpanzer einen Riss bekommt?

Weitere Substanzen im Haus...
Niemand sollte so sterben. Niemand.
Nicht in der Humanmedizin zugelassen… 
Ich will mein Bild wieder zurück. Veranda, See, Schaukelstuhl.

Ich habe genug medizinisches Wissen um anhand der Rückstände in deinem Blut erahnen zu können, wie die Minuten sich gezogen haben müssen.

Und es tut mir leid. Es tut mir so unendlich leid, Dad.
Ich wünschte, wir wären uns in einem anderen Leben begegnet.
Ich wäre gerne ein Kind gewesen, das deine eigenen Wunden heilt.

Ich denke, es ist bald an der Zeit, dass wir uns voneinander verabschieden.

Kati 16.12.2022, 08.47| (6/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Drahtseil

„Du gehst seit Monaten nicht ans Telefon, wenn ich anrufe.“

- Ja, ich kann nicht.

„Willst du sprechen oder soll ich einfach weitergehen?“

Es ist zu spät. Ich merke, wie sich die Dunkelheit öffnet.

- Mein Vater hat sich umgebracht.

Suizid, hämmert es in meinem Kopf. Es heißt Suizid. Aber es ist egal. Der einzige Mensch, der so roh und brutal und ungefiltert sagen kann, was er denkt und der mich ohne Kompromisse genauso annehmen kann, steht hier vor mir und ich bin so lange Monate vor ihm weggelaufen, damit ich die Mauern oben lassen kann, dass jetzt nichts mehr geht.

„Wichser.“

Ich nicke. Habe kein Verlangen, ihn zu verteidigen, auf seine Krankheiten und Schmerzen hinzuweisen, zwischen uns ist Platz für brutale Wut und den Hass, den ich mir verbiete.
Ich merke, wie die Maske der Menschlichkeit immer weiter sinkt und sie lockt mich. Wie sie das immer tut. Spüre den Wechsel, der sich ankündigt und weiß wieder, warum wir normalerweise telefonieren. Zuhause kann ich mich fallen lassen, kann abtauchen in die Welt, die nicht meine sein darf. Hier nicht. Verfluche mich selbst, dass ich nicht vorsichtiger war, dass ich ihr in die Arme gelaufen bin.

- Kein gutes Thema.

Sie nickt. Auch sie ist in der Öffentlichkeit und hier werden Grenzen toleriert. Das haben wir gelernt.

„Ich werde wieder anrufen.“

Ich nicke. 

- Und ich weiß nicht, ob ich abnehmen werde.

„Vielleicht nächstes Jahr.“

- Ja. Vielleicht.

Vielleicht. Vielleicht nächstes Jahr wieder.

Kati 21.11.2022, 14.37| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Von der Angst

Die Angst war lange Jahre die treueste Begleiterin des Kobolds.
Ich schätze, dass er heute darum auch so mutig ist, denn nur wer die Angst kennt, findet den Mut.

Sein schlimmster Feind war ein gleichaltriger Junge, mit dem er eingeschult wurde und von dem er tagein tagaus gepiesackt wurde. Erst war es nur ärgern, dann mobben, dann kam körperliche Gewalt dazu. Und ein Kobold kam jeden Tag weinend aus der Schule und schwor mir, dort nie wieder hinzugehen.
Ich versuchte alles. Wir haben viel über Notwehr gesprochen, aber allein die Vorstellung, jemandem weh zu tun, brach so verzweifelt über dem kleinen Jungen zusammen, dass er nur umso bitterlicher weinte. Einfach nur aufhören sollte es.

Es hörte nicht auf.

Gespräche mit Lehrern, die nichts gesehen hatten, mit Pausenaufsichten, die Dinge sagten wie „Jungs halt“ oder „Dann soll er sich wehren!“ und es änderte nichts.
Es wurde schlimmer und die Angst wurde größer.
Ich brachte den Kobold jeden Tag zur Schule und natürlich passierten diese Dinge nicht, wenn ich dort stand. Also legte ich mich auf die Lauer. Ungesehen, von beiden. Und es dauerte nicht lange. Ein Erstklässler wie ein Bulldozer - doppelt so breit und schwer wie der Kobold - und der seine Masse, seine Kraft und all seine Wut gegen andere Kinder richtete.

Er hielt den Kobold fest, schlug, lachte. Der Kobold weinte und wimmerte und schrie um Hilfe. Und ich sah rot. Ich stürmte auf den Schulhof, an Lehrern vorbei, die Schülermenge teilte sich vor mir, wie ich wutentbrannt auf diesen Jungen zustampfte, bereit, mein Kind zu verteidigen. Ich hörte das Rufen hinter mir kaum, nur noch das Rauschen des Blutes in meinen Ohren.
Er stand mit dem Rücken zu mir, drehte sich irgendwann um, während ich noch auf ihn zukam und ließ den Kobold los. Ich hob mein Kind auf den Arm und stellte mich vor ihn. Meine Stimme war leise. 

Du wirst meinen Sohn nie wieder anfassen! Nie. wieder. Hast du mich verstanden?

Er nickte bleich.

Ich drehte mich um und ging. Holte die Sachen des Kobolds aus der Schule, erklärte den Lehrern, dass ich diesen Vorfall mit allen anwesenden Zeugen und dem Direktor besprechen werde und jetzt mein Kind mit nach Hause nehme.

Im Rahmen der Aufarbeitung dieser Vorfälle habe ich die Eltern des Jungen kennengelernt. In Gesprächen mit der Mutter eine Freundin gefunden und beim ersten Treffen auf ihren Ehemann erkannt, warum der Sohn ein Täter war. Viele Opfer werden im Draußen zu Tätern.

Es sollten noch weitere Jahre vergehen, bis dieser Junge das erste Mal bei uns zu Besuch war. An Wochenenden hier übernachtete. Dem Kobold ein Freund wurde. Ein Echter.
Und je älter die beiden wurden, desto weiter wuchsen sie zusammen. Bis der Krebs kam. Bis Dinge passierten. Bis der Hass in diesem Jungen wieder so groß wurde, dass der Hass irgendwo anders hin musste, um seine Seele nicht zu zerfressen.
Ganz abgerissen ist der Kontakt der Beiden nie. Wie auch. Mein großes Kind ist mit der großen Tochter befreundet, mein kleines Kind einer der besten Freunde ihres kleinen Kindes und die Zweitgeborenen konnten sich nicht aus dem Weg gehen. Nicht vollends. Wenn von 11 Kindern 6 regelmäßig miteinander Dinge unternahmen, dann sieht und trifft man sich nicht nur in der Schule.

Er hat sich über die Jahre einen besonderen Platz in meinem Herzen erkämpft. Von völliger Abneigung zu dem Bedürfnis, ihn zumindest ein Stück weit zu schützen, für den Teil, der in meiner Macht liegt. Und Sympathie. Ja. Da ist Sympathie für diesen kriminellen 2-Meter-Brecher von Jugendlichem, der säuft, raucht, Drogen nimmt und herumrandaliert und innen so klein und wund ist, dass ein Lächeln von mir reicht, um die Maske kurz sinken zu lassen.

Und nun?
Nun ist der einzige Mensch, für den er sich angestrengt hat, sich durchzubeißen, die Schule doch noch in Angriff zu nehmen, sich zu bessern, seine Probleme in den Griff zu bekommen, weg.

Tot. 

Die Angst, die ihn die letzten Jahre fast aufgefressen hat, dass seine Mama ihn verlässt, die erschlägt ihn nun. Er ist alleine mit ihm. Mit dem Vater, der ihn hasst. Alleine mit vier Geschwistern, drei davon jünger.
Um die er sich jetzt alleine kümmern soll. 
Stunden nach ihrem Tod diese Sätze: „Du bist jetzt verantwortlich. Du kümmerst dich jetzt um die Kleinen. Ich muss arbeiten. Das ist jetzt deine Verantwortung. Stell dich nicht an.“

Wie oft habe ich von ihr gehört, sie will nur so lange durchhalten, bis die Kinder alle für sich selber sorgen können. Nur noch diese Jahre.
Das war ihr Mantra in unseren Gesprächen, wenn wieder eine Diagnose dazu kam. Dann mit fortschreitendem Verfall nur noch die Hoffnung, durchzuhalten, bis zumindest dieser Eine volljährig ist, damit er ausziehen kann

Es hat nicht geklappt.

Der Kobold ist da und hört zu.
Versucht, ein Anker zu sein, der ein Angebot bereit hält, wenn alles zu viel ist.

Und ich habe Angst um dieses Kind.
Schon längst nicht mehr um meines.
Sondern jetzt um ihres.

Ich kann nur hoffen, dass er irgendwann erkennt, dass sein Mut fürs Leben nicht mit Mama zusammen gestorben ist, sondern irgendwo unter seiner ganzen Angst noch in ihm darauf wartet, dass er ihn findet.

Kati 08.11.2022, 14.00| (3/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Von der Liebe

Heute vor 11 Jahren wurden wir das letzte Mal Eltern. Allein der Gebutztag ist ein Grund zum Feiern, aber neben all dem Glück über ein ganz besonderes letztes Kind gelten meine Erinnerungen von diesem Morgen vor allem dir.

Du bist mir in Extremsituationen mein Rettungsring, mein Anker, mein Leuchtturm und warst das schon immer. Alles gleichzeitig. Du schaffst es, die ganze Welt um mich herum auszublenden, bis ich durch den Tunnel nur noch mein Ziel im Fokus habe. Gleich ist das Baby da. Du machst das großartig! Du kannst das! Du schaffst das! Noch einmal.

Deine Hände sind die erste Berührung, die all unsere Babys auf dieser Welt Willkommen geheißen haben und dabei hast du nie mich aus dem Blick verloren. Als ich nach dieser letzten Geburt völlig zusammengeklappt bin, da hast du mich und das Baby gehalten. Mit aller Liebe, zu der du fähig bist. Und das ist so unendlich viel mehr, als ich jemals geglaubt hätte, in diesem Leben verdient zu haben. 

Ich lag da mit Gebärmuttervorfall, die Hebamme hatte Sorgen, der Bragi lag an meiner Brust und ich konnte ihn nicht festhalten, weil alles schwarz vor Augen wurde und ich nur noch zitterte.
Also hast du ihn festgehalten, damit er weitertrinken konnte. Und mich gleich mit.
Wie du das immer tust.

Ich fluche so oft über deinen Pragmatismus, aber letzten Endes ist er genau das, was dich ausmacht. Die Zärtlichkeit, die du selbst dann noch aufbringen kannst, wenn der Sturm alles wegzureißen droht, erwächst aus dieser Fähigkeit.

Ich habe mich selten mehr geliebt gefühlt als an diesem Morgen, als ich später da lag, mit all meinen Körperflüssigkeiten beschmiert, völlig fertig und die Hebamme mit dem Waschlappen kam und dich mit dem Baby kurz zur Seite schieben wollte.

Denn du hast mich nur angelächelt, ihr den Waschlappen aus der Hand genommen, das Baby in den Arm gedrückt und mit liebevoller Stimme leise gesagt:

Nein. Das ist meine Aufgabe.

Kati 07.10.2022, 09.05| (6/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Erde zu Erde

Die Bilder sind da.
Ein Video sogar.
Lauter Menschen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Sie gehörten nur zu Deinem. Als die Asche verstreut wurde, sagte eine Stimme: „Wir hoffen, dass du jetzt glücklich bist.“ Und das hinterlässt gerade so viel Leere in mir. Glücklich. Dein Leben war am 20. Juli zu Ende. Bist du jetzt glücklich? Bin ich glücklich? Du fehlst mir. Ich hatte so oft das Handy in der Hand, habe gedanklich formuliert, was ich dir schreibe - es ist so viel bei uns passiert. Und da ist jetzt niemand mehr. Keine Großeltern, keine Eltern, keine Geschwister, niemand.

Der Trost wandelt sich manchmal in Einsamkeit. Habe mich in den vergangenen Wochen häufig gefragt, ob es nötig ist, dass auch ich noch gehe. Ob ich überhaupt Ende und Anfang zugleich sein kann oder ob auch ich meinen Platz räumen muss, um die letzten Erinnerungen mitzunehmen. Ich vereine alles auf mir, was niemals weitergegeben werden darf. Ich bin die Letzte, die sich an die Gräueltaten unserer Familie erinnert, welche Berechtigung habe ich, weiterzuleben, wenn ich diese Geschichte beenden will?

Die Tage werden gerade wieder etwas heller, die Schmerzen weichen, aber die Maske sitzt fest wie immer.
In mir tobt der Sturm.

Kati 02.10.2022, 12.24| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Agonie

Zu erschöpft. Zu erschöpft für alles.

Vielleicht kann ich irgendwann stolz auf diesen Tag sein, aber momentan ist da nur Müdigkeit und bleierne Schwere. Bin für mich eingestanden, ganz alleine. Habe beim Arzt geweint. Lange. Bitterlich. Habe ausgehalten, ohne in die Vergangenheit zu wechseln, obwohl die Betäubung nicht griff. Nach einer geschlagenen Stunde Kampf um ein bisschen Gnade in Form von Schmerzdämpfung: "Wenn ich gleich merke, dass der Zahn rauskommt, dann ziehe ich weiter, okay? Ich BRAUCHE dafür ihr okay." Das Adrenalin rauscht durch meine Adern und ich höre ihn kaum. Aber ja. Ja. Selbstwirksamkeit. Ich kann das. Ich habe die Wahl. Nur noch die nächste Minute aushalten. Nur 30 Sekunden. Nur 10 Sekunden. So wie ich früher gezählt habe. Nur einmal bis 10 zählen. Und dann nochmal. Nur noch einmal. Und noch einmal. 10 Sekunden kann jeder alles aushalten. Und nochmal. Ein Blut- und Tränenmeer. Heute war mir alles egal.

Der Kiefer schweigt seit 7 Wochen zum ersten Mal.

Kati 15.09.2022, 20.50| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Machthunger

Ich dachte, zumindest den bulimischen Teil meiner Essstörung schon lange Jahrzehnte hinter mir gelassen zu haben. Der elementare Hunger holt das Machtgefühl wieder an die Oberfläche. Ich habe Macht über meinen eigenen Körper. Nicht mal Hunger kann mir etwas anhaben. Eines der elementarsten menschlichen Bedürfnisse überhaupt - das Bedürfnis nach Nahrung - ich stehe sogar darüber. Die Euphorie über die absolute Kontrolle weckt Erinnerungen an andere Zeiten. Mein Magen knurrt und es treibt mich weiter. Ich kann alles kontrollieren, alles lenken, mir kann niemand mehr etwas wegnehmen, wenn ich es mir selbst versage, mir kann niemand weh tun, wenn ich keinen Schmerz zulasse. Ich kenne mich, natürlich. Zu lange, zu gut.

Kati 14.09.2022, 09.56| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Das Nadelöhr

8 Wochen sind es morgen, Dad. Wir halten seit 8 Wochen alle Bälle in der Luft. Alle. Und wir können nicht mehr. 
Das Nadelöhr, durch das wir gerade gehen, verspricht in all der Enge mehr Freiheit auf der anderen Seite.
Und trotzdem wache ich morgens auf und weiß nicht, ob ich es noch bis dahin schaffe. Es geriet alles in mir ins Wanken. Ich halte mich nur mühsam aufrecht, kann niemanden ertragen, der zu nahe kommt, stoße die wichtigsten Menschen meines Lebens zurück, weil ich kein Gefühl mehr ertragen kann. Keine Hilfe, keine Liebe, keine Umarmung, kein Zuspruch - ich ertrage es nicht mehr.
Ich bin voll mit Gefühlen und wenn nur noch ein Tropfen hinzukommt, dann berste ich.

Ich merke, wie sehr mir unser Austausch fehlt. Wie oft habe ich schon zum Handy gegriffen, um dir kurz etwas zu schreiben. Da sind immer nur diese beschissenen beiden blauen Haken.
Morgen wird sich das Leben des Kindes drastisch verändern und ich habe Angst. Nackte Angst.
Heute war auch dein Bouppteckning. Ich habe erste Zahlen gesehen und nach dem ein oder anderen Schreck hoffe ich, dass wir da irgendwie gut rausgehen.
Du scheinst deine Versprechen gehalten zu haben. Weitere drei Monate warten, fordert das Gericht.
Drei Monate.
In drei Monaten stehen wir kurz vor Weihnachten.
Der Sohn wird hoffentlich auf die Schmerzen nur noch als Erinnerung zurückblicken. Vielleicht planen wir dann schon die nächste OP für den Kleinen.
Vielleicht bin ich dann einige der Schmerzen wieder los, die mich seit Wochen nicht mehr richtig schlafen oder essen lassen. 
Ich möchte weglaufen. Ganz weit. Kann meinen eigenen Partner kaum noch ertragen, seinen Pragmatismus, seinen Intellekt, seine Vernunft, wenn in mir der Furor tobt.
Wir knallen täglich aneinander, aber es ist keine Reibung mehr, nichts Positives, nur noch Kernschmelze.

Mein Neocortex treibt mich weiter.
Jetzt kein Risiko eingehen. Ich kann das. Immer nur noch einen weiteren Tag. Im Denken bleiben. Nicht die Instinkte übernehmen lassen.
Alle Schutzschilde, alle Skills, alle Mechanismen, alle Strategien müssen 24 Stunden am Tag oben bleiben.
Ich verliere mein ganzes Leben, wenn ich jetzt loslasse. Ich bin hart, unbarmherzig. Gegen mich, gegen andere. Ich bin unfair. Und ich weiß das. Ich will Dankbarkeit für die beiden Menschen empfinden, die mich gerade durch den Alltag peitschen, aber ich kann nicht.

Die Schmerzen - gerade die Zahnschmerzen - nehmen mir die wichtigste Beruhigungsstrategie, die ich jemals hatte: Essen.
Ich habe Hunger.
Schon längst nicht mehr nur nach Nahrung.
Meine Seele verzehrt sich nach Gewalt, nach Blut, nach Sex, nach einem Urknall.

Ich will fallen. Ganz und gar. Will mich der Dunkelheit ergeben und alle Verantwortung loslassen. Will nicht mehr denken müssen, die Maske runterreißen und von jemandem geführt werden, der das Rohe an mir aushalten und lenken kann.

Ich weiß nicht, ob ich zurückkäme.
Ich wurde erschaffen, um die tausend Splitter eines Selbst zusammenzuhalten.
Ich bin das Regulativ.
Was, wenn ich verschwinde?

Ich bin müde.

Kati 13.09.2022, 22.26| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Ein letzter Brief.

Liebe Anne.

Vor 12 Jahren schon habe ich dir bei unserer Trennung etwas versprochen.
Niemand nach dir.
Ich wollte nie wieder so tief für jemanden empfinden. Wir haben uns gegenseitig fast zerstört. Wir waren so gleich und haben uns in den Abgrund gespiegelt.

Es war außerhalb meiner Ehe die emotionalste und tiefste Verbindung, die ich je erfahren habe. Ein tiefschwarzer Tanz unserer Seelen miteinander.
Ich möchte keine Sekunde davon missen, die Zeit mit dir hat mich maßgeblich geprägt.
Wir haben es später noch einmal in aller Heimlichkeit miteinander versucht, vorsichtiger und erwachsener diesmal, aber ohne die blutrote Schwärze waren wir nichts.

Nun bist du schon viele Jahre tot und ich habe mich in jeder neuen Freundschaft an mein Versprechen gehalten.
Niemand wird sehen, was du gesehen hast.
Nie wieder. 
Niemand nach dir.

Ich habe es gebrochen.

Da ist jemand, der schleichend Teil meines Lebens wurde. Ich kann dir nicht mal mehr sagen, wann oder wie das angefangen hat.
Nur, dass ich Anfang diesen Jahres plötzlich irgendwo in der Natur stand, fassungslos auf eine Nachricht blickte und es mir wie Schuppen von den Augen fiel, dass das schon lange keine Freundschaft mehr war.

Gefährtin, stand dort.
Und ich hatte es ohne viel Nachdenken geschrieben.

Pause, am anderen Ende. Und ich spürte, wie die Angst hochkroch. Angst, nicht zu reichen. Zuviel zu sein. Zuviel zu wollen. Das hatte ich seit dir nicht mehr.

Aber ich bin anders heute. Ich bin erwachsener geworden.

Und auch wenn ich weiß, dass hier auf der anderen Seite die Dunkelheit lauert - ein Mensch, dem keine Form von Leid fremd ist, der Unsagbares erfahren hat - wir tanzen nicht in den Abgrund. 

Wir tanzen ins Licht.

Ich weiß nicht, ob uns das jemals möglich gewesen wäre.
Vielleicht hatten auch wir unsere Zeit und ich bemühe mich, es so zu betrachten, dass wir damals das waren, was uns möglich war.

Ich hab dich geliebt. Und ich habe dich losgelassen

Machs gut, Anne. Und danke für alles.

Kati 02.09.2022, 09.10| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Nachts

Die Dunkelheit ist wieder da und umfängt mich sachte. Hier darf der Hass toben, hier darf ich ungerecht sein. Es scheint, als wäre alles egal, solange ich nur jeden Morgen wieder aufstehe und meinen Pflichten nachkomme. Die in mir nahende Kernschmelze scheint niemand zu bemerken. Und wenn, ist es wohl egal. Ich stehe mit Hass im Herzen auf und gehe damit schlafen. Ich will nicht mehr und ich kann auch nicht mehr. Ich habe furchtbare Schmerzen, ich schlafe nicht, ich wechsle von einem Zustand in den anderen, ich bekomme oft keine drei Gedanken mehr voreinander und mache einfach weiter. Und mit jedem weiteren Schritt wächst der Zorn. Die Verzweiflung. Der Hass. Die Schutzschicht ist nur noch dünn und ich habe Fantasien, die verheerend sind. Kann keine Nähe ertragen, keine Zärtlichkeit, keine Liebe, halte nur noch aus, mit aller Selbstdisziplin die ich habe, bis das Licht schwindet. Nachts darf ich sein. Nachts darf ich ein Stück loslassen und muss doch gleichzeitig so vorsichtig sein. Das Haus schläft. Wir sind mitten im Alltag. Es kümmert sie nicht, was ich nachts tue. Im ersten Licht des Tages sind die Dämonen wieder zahm, lauern einen weiteren Tag in den Schatten bis die Dunkelheit naht. Wenn ich nachts aufbreche, fragt keiner, wer ich bin. Es ist egal. Ich trotze dem Leben ab, was es mir zu geben hat und in Momenten wie diesen weiß ich nicht, ob ich sie damit beschützen oder bestrafen will, weil sie selig in ihren Betten liegen und schlafen dürfen. Ich will das hier gerade alles nicht.
Es passt mir nicht mehr. Ist so eng, dass ich fast ersticke.
Will nur atmen. Schreien. Vor Schmerz. Vor Lust. Vor Wut.

Kati 24.08.2022, 01.43| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Chaos

Die Mauern werden dünner, tiefer, rissiger. Die Trauer ist eine wabernde Masse, die durch mein Herz, mein Hirn, meine Seele wandert, ihre Farbe wechselt. Von tiefschwarz zu wutrot zu leuchtendweiß. Vor ein paar Tagen durchzuckte mich das erste Mal die Angst, jetzt einfach auch zu sterben. So weit gekommen zu sein, nur um dann durch ein Unglück, einen Fehltritt, einen blöden Zufall einfach tot umzukippen. Jedes Rumpeln im Körper, jedes Verschlucken, jedes Husten, jedes Organstolpern - das alles nimmt unverhältnismäßig an Bedeutung zu. Ich miste mein Haus aus, mein Leben, meinen Besitz und - meine Erinnerungen. Vieles davon wird plötzlich nach oben gespült, kommt mit aller Wucht an die Oberfläche, wenn ich etwas in Händen halte, ein Bild betrachte oder einen Geruch wahrnehme. Es ist zu Ehren eines Todes ein Frühjahrsputz der Seele. Oder vielleicht eher Sommer, wenn ich mein Lebensalter so betrachte. Ich bin im tiefsten Winter geboren worden. 10 Tage nach meiner Geburt lag ich in einem dunklen, abgeschlossenen Zimmer. Alle vier Stunden kamen bezahlte Menschen mit einer Milchflasche zu mir, fütterten mich, wickelten mich, sicherten mich und ließen mich wieder allein. Ich habe die Bücher und die Bilder in meinen Erinnerungskisten. Logbücher, wer wann wie lange im Haus war, was er am Kind getan hat. Sechs unterschiedliche Schriften. Keiner blieb länger als nötig. Nicht mal beim Schreiben finde ich heute meinen roten Faden, die Gedanken springen von einem zum nächsten. Muss Unterlagen fertigmachen, die Gefühle in Schach halten, den Alltag bewältigen und möchte doch nur die Zeit anhalten und einfach nur existieren dürfen. Möchte schreien, so laut, dass es die gesamte Menschheit für einen Augenblick verstummen lässt, meine Wut herausbrüllen über die Ungerechtigkeit, die sich mein Leben nennt und fühle gerade so wenig Dankbarkeit für das, was ich habe, wie nur selten. Nehme mir Dinge zu Herzen, die normalerweise an meinem Panzer abprallen würden. Trage nun schon eine Woche Worte mit mir herum, die mir jemand, den ich bis dahin als reflektiert betrachtet habe, in seiner unermesslichen Arroganz selbstgefällig vor den Latz knallte und kann sie nicht abschütteln, auch wenn ich sie psychologisch einordnen kann. Natürlich weiß ich, wie Menschen auf mich reagieren. Natürlich weiß ich, wie ich wirke. Natürlich weiß ich um die Widersprüche, um das, was ich hervorrufen kann. Natürlich… Aber letzten Endes: Ich muss dieses Leben leben. Sonst keiner. Und ich tue das so, wie es mir möglich ist. Das muss niemandem gefallen. Es muss außer mir nicht mal irgendjemand ertragen. Jeder kann sich meiner Geschichte entziehen. Nur ich kann das nicht. Ich muss damit weiterlaufen.

Kati 22.08.2022, 12.57| (3/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Der Köter

Ich habe gestern eine kurze Nachricht bekommen, in der meine Art des Trauerns thematisiert wurde. Hängen geblieben ist ein Satz, nachdem es darum ging, dass ich zugunsten der Funktionalität die emotionale Härte gegen mich selbst wähle:
„Er hat dich gut abgerichtet“.

Unabhängig von der psychologisch destruktiven Botschaft und vom Retraumatisierungspotential dieser Worte sind sie nicht nur verletzend, sondern vor allem auch wahr.

Natürlich hat er mich abgerichtet. Wie einen Hund. Ich kann Kommandos. Ich kann springen. Ich kann dienen. Ich habe Programmierungen, die auch 40 Jahre später noch kicken, wenn die richtigen Knöpfe gedrückt werden. Natürlich. Ich bin der sabbernde Köter, mein Vater war Pawlow.

Also was genau erwartet man von jemandem, der durch diese Hölle gegangen ist?

Normal zu sein?

Ich habe mir unter Einsatz all meiner Fähigkeiten ein Leben aufgebaut, das so normal, stabil und sicher verläuft, wie ein Leben es nur sein kann. Ich habe professionelle Begleitung, Supervision und Therapie gewählt, um meine Programmierungen zu erkennen, zu verstehen und abzuschwächen. Ich werde niemals eins sein. Ich werde immer auf Strategien angewiesen sein, um mich in der Verletzlichkeit zu halten und um ehrlich zu sein: Das kostet mich den Großteil meiner Energie. Hass nährt sich selber. Liebe ist für mich eine Entscheidung. Harte Arbeit, genau das zuzulassen, was mir abtrainiert wurde: Mitgefühl.

Ich muss mich aktiv dafür entscheiden.
Jeden Morgen. Jeden Tag. Bis ans Ende meines Lebens.

Kati 18.08.2022, 08.30| (5/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Vier

Vier Wochen. Vier. Das ist doch Irrsinn. Du bist tot, dein Haus ist ein Tatort, ich habe keine Ahnung, wo dein Leichnam inzwischen ist, ich kenne weder Todesursache noch Todeszeitpunkt, ich schwebe im Nichts und wenn ich nicht jeden Tag aufstehe und meinen Alltag abreiße, dann werde ich vermutlich einfach wahnsinnig. Ich kann nichts durchdenken, weil da nichts ist. Alles ist unklar. Ich kann nichts fühlen, weil ich weder jemanden habe, dem ich Fragen stellen könnte noch jemanden, der mir Antworten liefern würde.

Zwischenzeit.
Zwielicht.
In der Seele.

Meine Wut ist da. Sie lauert. Ich merke, wie mich der Dauerschmerz im Kiefer seit dreieinhalb Wochen mürbe macht. Merke, wie nah ich der Grenze komme. Versuche, mit ausreichend Pausen, Schlaf und Rückzug nicht ins Gefühl zu rutschen, nicht zu explodieren, nicht herumzuschreien, nicht zu verzweifeln. Es fände kein Echo. Da ist nichts, was mir antworten würde.

Anhörung Mitte September, dann noch mal vier Wochen Bearbeitung zum endgültigen Termin, dann ist Oktober, dann noch mal Bürokratie, dann vielleicht… wenn alles seinen Gang geht…
Wie soll ich etwas abschließen, von dem mir die losen Enden nicht mal bekannt sind?
Wir können nicht mal dein Scheißadressbuch aus dem Haus holen, um die Leute über deinen Tod zu informieren, bei denen du dir das gewünscht hast.
Nicht mal dein verficktes Adressbuch, verstehst du?
Nein, natürlich nicht. Du bist tot. Irgendwo im Nirgendwo.
Ohne Glauben, ohne Hoffnung, ohne Abschied bist du aus dieser Welt gegangen.

Ich merke, wie ich mit jedem Wort schon wieder wütender werde. Suizid ist ein Menschenrecht. Ich werde das niemals in Frage stellen. Und ich finde gerade alles daran kacke. Alles. Was, wenn Kjell an diesem Tag seine Kinder dabeigehabt hätte? Deine Patenenkel? Was, wenn die Kinder dich gefunden hätten? Was, wenn er erst Tage später gekommen wäre? Du lebst da mit Wildtieren mitten im Wald. Meine Fresse. Ich bin so wütend - auf alles. Auf alles.

Und ich soll jetzt den einzigen Mann anrufen, den du für diesen Schritt um Verzeihung gebeten hast und ich schaffe es einfach nicht. Es frisst mich auf. Ich will meine letzten Worte, ich will meinen Abschiedsbrief, ich will meinen verdammten Abschluss.

Stattdessen spiele ich dein letztes Spiel gegen mich selber in den seelischen Untiefen meiner Vergangenheit.
Ich bin am Ende.
Ganz allumfassend.
Also mache ich das Einzige, das in meinem Leben immer funktioniert hat.
Weiter.

Kati 17.08.2022, 10.21| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Happy Birthday

Ich habe dir gestern nicht gratuliert. Du wärst 75 geworden, wenn du dich nicht 16 Tage vor deinem Geburtstag getötet hättest. Ich habe versucht, an dich zu denken. Versuche, in Gedanken eine Rede zu schreiben, wie ich sie auf deiner Beerdigung halten würde, es gelingt mir nicht.
Ich bin die Tage wieder ein bisschen aus meiner Starre aufgewacht, habe wieder angefangen, hier im Haus und im Garten etwas zu tun, mich zu bewegen, etwas zu schaffen. Es ist zäher Morast, der an meinen Schuhen klebt. Ich komme nur mühsam vorwärts.
Meine schönste Erinnerung an dich? Ich versuche, eine zu finden, die ganz ohne Häme, blöde Bemerkungen, Demütigungen oder Alkohol auskommt. Es ist schwer - verdammt schwer - eine zu finden.
Die Stunden auf dem Boot sind vorne mit dabei. Das war Zeit, in der wir frei waren. Im Wald. Nachts, in der Dunkelheit unter Sternenhimmel. Es gibt sie, die schönen Momente, die mich geprägt haben. Gespräche, die bis heute kostbare Erinnerungen formen. Aber sie leuchten nicht hell in mir. 

Was werde ich Positives von dir mit in meine Zukunft nehmen? Dass du ein schwieriger Mensch warst? Dass du manchmal so gnädig warst, Menschen nicht völlig zu vernichten obwohl du das gekonnt hättest? Du hast mich oft stolz angesehen. Beim Ergebnis meiner IQ-Tests. Als mehrere tausend Menschen nach meinen Auftritten aufgestanden sind und applaudiert haben. Bei jeder Urkunde, bei jeder Eins, bei jedem arroganten Schritt nach ganz oben aufs Siegertreppchen. Ich glaube aber, da warst du nicht stolz auf mich. Du warst stolz auf deine Leistung, so jemanden geformt zu haben.

Die Form von zärtlichem Stolz, die man für ein geliebtes Wesen empfindet, einfach weil es ist, weil es existiert und sich treu bleibt - ich weiß nicht, ob du das jemals empfinden konntest.

Ich wünsche dir vielleicht heute einfach, dass du jetzt jenes Glück und jenen Frieden gefunden hast, die dir im Leben versagt blieben.
Happy Birthday, Dad.

Kati 06.08.2022, 23.43| (3/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Die ewige Versagerin

Ich hatte versagt. Ich war 13, 14? und hatte im Training auf ganzer Ebene versagt. Mal wieder. Ich habe geweint. Die Tränen liefen mir die Wangen runter und ich hatte mich mehr als einmal zu einem disziplinlosen Keuchen hinreißen lassen. Der Fuß schmerzte immer noch, wo du mir vor Tagen den Zehennagel rausgerissen hattest.

Blickkontakt. Hart bleiben. Entspannen. Schmerz existiert nicht. Schmerz ist nur ein Gedankenkonstrukt. Ich wartete auf den vernichtenden Schlag. Er kam nicht.

Sollte es einer deiner weichen Tage sein? Wir hatten einige davon. Mit Reden, Lachen, Abenteuer. Ich habe dich vergöttert.
Aber es sollte stattdessen eine Lektion folgen.
Ich hatte immer Schwierigkeiten mit dem Gewürgtwerden. War nicht entspannt genug, die Griffe saßen nicht richtig, ich war zu langsam, zu hektisch, zu panisch, zu .. irgendwas. Und dann sagtest du: „Umfass von hinten meinen Hals. Drück zu. Würg mich. Fixier deinen Griff. So wie du es gelernt hast.“

Das war das erste Mal, dass ich etwas üben sollte, bei dem du am Anfang in einer unterlegenen Position sein solltest.
Und das hat mich innerlich so entsetzt, dass ich vor lauter Überraschung einfach Nein sagte.

Der Jähzorn nahm dich sofort mit. Das Gebrüll war infernalisch und ich war so überfordert, dass ich weinend zusammenzuckte.
Das hat dich nur noch wütender gemacht. Meine Mutter kam irgendwann dazu und forderte mich genervt auf, doch einfach zu tun, was du verlangst. Und ich konnte nicht. Da war sie wieder, diese Sperre in mir. Ich konnte einfach nicht.

Luftnot ist meine Nemesis, damals wie heute. Waterboarding, Würgespiele, unter Wasser gedrückt werden, es war immer die größte Herausforderung für mich. Ewiger Versager. Zu hoher Herzschlag, Panik, keine Regulation. Ich kannte die Kritik. Und ausgerechnet dir das Unvorstellbare anzutun, und sei es nur im Spiel - ich konnte nicht. Ich konnte einfach nicht.

Wir brüllten inzwischen alle durcheinander und ich hatte keine Ahnung, wohin das führen würde. Du versuchtest, mich mit Gewalt dazu zu bringen, dich zu würgen und ich hing da an dir wie ein nasser schlaffer weinender Sack und brüllte nur wütend Nein!

Es entbehrt in der Rückschau nicht einer gewissen Komik, dass es ausgerechnet deine eigene Verzweiflung war, die dich immer zorniger hat werden lassen.
Und dann schrie ich aus Leibeskräften die Worte, die alles veränderten. Ich werde dir nicht wehtun, Dad. Ich kann nicht. Ich will nicht.

Die Enttäuschung, die über dein Gesicht zog, werde ich wohl nie vergessen. Es war der Moment, in dem du alle Hoffnung, die du jemals in mich gesetzt hast, aufgegeben hast. Kein Elitekämpfer. Kein Übermensch. Keine perfekt nach deinen Vorstellungen geformte und beliebig programmierbare neue Menschenklasse. Wir hatten beide versagt. Es war der Moment, der für dich wohl den Tiefpunkt deiner Vaterschaft darstellte.

20 Jahre später haben wir uns ausgetauscht und du hast dir immer verbeten, über „emotionalen Mist“ aus meiner Kindheit sprechen zu müssen.

Das Einzige, was du mir geschrieben hast, war, dass du mich einige Jahre geliebt hättest. Dass du große Erwartungen in mich gesetzt hattest. Und dass ich und meine Fehlentscheidungen eine solche Enttäuschung für dich waren, dass du nicht anders konntest, als dich von mir abzuwenden.

Vielleicht konnte mir nichts Besseres passieren.

Kati 06.08.2022, 14.44| (4/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

14 Tage

Vor 14 Tagen brannte der Wald, stürmte es mitten in der Nacht, setzte irgendwann der Regen ein. Alles bei weit über 35 Grad.
Kurz vor Mitternacht entschied ich, nackt in den Pool zu gehen, fühlte mich eins mit dieser Welt und ihrem Chaos. Die Bären rannten durch den Garten, immer wieder Sirenen im Hintergrund. 

Plötzlich veränderte sich Ludwigs Haltung. Er zeigte an, dass irgendetwas überhaupt nicht in Ordnung war. Direkt danach eskalierten alle drei Hunde. Der Mann ging zum Tor, wo drei uniformierte Menschen in der Dunkelheit standen. Mir war schlagartig eiskalt. Ich stieg aus dem Wasser, warf mir ein Handtuch über, brachte die Bären ins Haus und ging selber wieder nach draußen.

Es goss inzwischen in Strömen. 
Ich wusste bereits, wer dort stand und was sie wollten.

3 Beamte der Kriminalpolizei betraten unseren Garten. „Wollen wir vielleicht hineingehen?“

Nein, sagte ich. Ich denke nicht, dass das eine gute Idee wäre.

„Sind Sie die Tochter von…?“ „Lebt Ihr Vater in Schweden?“ „Wir… also ….“

Er hat sich selbst getötet, nicht wahr? Wann haben Sie ihn gefunden? 
In der Dunkelheit konnte ich die Erleichterung nicht sehen, sehr wohl aber in ihren Stimmen hören, als sie weitersprachen. Es wechselten einige Dokumente die Seiten, der Mann nahm alles an sich und schützte es vor dem Regen. Die dringende Bitte, am nächsten Tag bitte sofort in Stockholm anzurufen.

Es war kurz und schmerzlos. 
Ich weiß seit meiner Kindheit, dass dieser Tag irgendwann kommen würde und sein Gesundheitszustand war mir ebenfalls bekannt.
Der Mann legte die Dokumente von mir ungelesen in die Diele und ich ließ die Hunde wieder raus.
Das würde alles bis morgen warten können. 

Ich ließ mich ins kalte Wasser gleiten und tauchte unter.

Allein. Letzte. Überlebt.

Kati 04.08.2022, 14.14| (4/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Übrig.

Ich versuche das mit dem Schlafen. Wirklich.
Es gelingt mir nicht.
Meine Gedanken kreisen nicht mal, sie stolpern wild durcheinander, fallen über den jeweils nächsten, bleiben liegen, stehen irgendwann wieder auf, taumeln haltlos herum, schweigen, brüllen, verstummen wieder.

Ich kann nicht mehr.
Ich bin müde.
Ich bin erschöpft.
Ich kann nicht mehr.
Ich will Antworten, die wenigen, die ich vielleicht noch bekommen kann. Muss Geduld haben. Warten.

Die Gefühle sind eingeschlossen, sicher hinter den Gittern meiner Selbstbeherrschung, bis die Eingabemaske offen ist und der Cursor blinkt. Dann gleicht es einem Erdrutsch und mit den Worten kommen die Tränen, kommt der Schmerz, kommt die Verzweiflung. Tief, grenzenlos, bodenlos. Es reißt mir den Boden unter den Füßen weg und will mich verschlingen. Da ist so viel. So viel Gefühl, so viel Wut, so viel Trauer.

Und der eine Gedanke, noch so winzig, hell pulsierend, da ganz hinten in der Dunkelheit.
Ich habe es geschafft.
Ich bin als Einzige übrig.
Ich habe überlebt.
Ich habe sie alle überlebt.
Alle. Restlos. Ich bin übrig.

Ich habe es tatsächlich geschafft, mich all dem entgegenzustemmen, was mich so nachhaltig hat zersplittern lassen. So lange. Bis heute. Ich habe nichts davon an meine Kinder weitergegeben, ich habe nie die Hand erhoben, ich habe mich nie der sadistischen Grausamkeit hingegeben, die so verlockend in mir ruft.
Nicht ein einziges Mal.

Es ist zuende.
Ich bin die Letzte.

Ich bin der Anfang.

Kati 27.07.2022, 19.19| (6/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Tag3

Hej Dad. Tag3? Tag3.
Ein weiterer Umschlag also.
Für mich.
Kein aktueller.
Einer, der schon vor Jahren deponiert wurde.
Du hast eine treue Gefolgschaft um dich geschart, ich habe nichts anderes erwartet.

Sie werden schweigen, wenn ich nicht genau das tue, was du wolltest, nicht wahr? Ich kann alles haben oder gar nichts. Aber nur nach deinen Regeln. Du würdest lieber alles zerstören als zuzulassen, eine Situation nicht mehr unter Kontrolle halten zu können. Aber soll ich dir was sagen?

Du bist tot. Du spielst das Spiel nicht mehr. Und ich - ich kann mich entscheiden, ob ich das will oder nicht. Ich bin schon lange nicht mehr finanziell von dir abhängig, ich habe ein vollkommen abgesichertes Leben und deine Gier nach Reichtum ist mir fremd.
Alles, was ich noch erreichen will, werde ich auch ohne dein Erbe tun und das war immer mein Maßstab.
Ich weiß, wo dein Geld herkommt.
Ich weiß, wie schmutzig unser Erbe ist.
Seit Generationen.
Ich will es nicht.

Wir hatten den Deal, dass du den Menschen, die dir dort in Schweden etwas bedeuten, zu deinen Lebzeiten ermöglichst, ein sicheres Leben zu führen.
Sie wissen nichts von unserer Vergangenheit und sie haben dich erst als alten Mann kennengelernt, der in der Lage ist, so etwas wie Gefühle zu empfinden, nicht als den Psychopathen, der du eigentlich bist.
Ich weiß nicht, ob das Alter dich wirklich weicher gemacht hat. Ich will daran glauben.
Ich will daran glauben, dass die letzten 4 Jahre Austausch mit mir nach dem Tod meiner Mutter etwas verändert haben.
Du hast dein Haus verschenkt. Dein Grundstück. Deinen Wald. Deinen See.
Ich weiß nicht, ob meine Ablehnung all dessen dir wehgetan hat.
Ob all das vielleicht sogar eine verquere Art von Strafe war, damit ich in anderer Hinsicht zur Besinnung komme.

Die Familie, in deren Eigentum dein Besitz jetzt übergehen wird, lebt schon dort.
Sie wird deine Wahlheimat mehr zu schätzen wissen als ich.
So sehr ich dein Land liebe - mein Zuhause ist hier.

Der Umschlag… Ich werde persönlich mit einem deiner Freunde reden müssen, wenn ich erfahren will, was es damit auf sich hat.
Ich werde eine Nacht darüber schlafen.
Denn ich habe Zeit.

Kati 24.07.2022, 23.45| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe an...

Tag1

Ich weiß nicht, wie es mir heute geht, Dad. Ich weiß auch nicht, ob dich das interessieren würde. Die Briefe… sie treiben mich um. Wie viele gibt es? An wen? Ich habe heute den Inhalt des Einen, des dir anscheinend Wichtigsten erfahren. Und darin befindet sich so viel Liebe, so viel Gefühl. Nicht für mich. Für diesen Menschen. Eine Entschuldigung. Eine gottverdammte Entschuldigung. So viel Schmerz. Ich versuche, nicht in Selbstmitleid zu versinken und trotzdem kreist das Kind in mir um deine Liebe, deine Anerkennung, den Funken des Erkennens, dass ich in den letzten Minuten deines Lebens irgendeine Rolle gespielt habe. Dass es einen Unterschied gemacht hat, dass es mich in deinem Leben gegeben hat. Ich weiß nicht, ob ich darauf eine Antwort bekomme. Trauer ist eine egoistische Angelegenheit. Ich muss meine Schilde sehr hoch halten, um durch diese Tage zu kommen. Ich bin erschöpft, ich bin ratlos. Die Tränen laufen ab und zu einfach über mein Gesicht und ich weiß nicht, was es ist. Bemitleide ich mich selbst? Was ist noch Kind, was ist echte erwachsene Trauer? Es kommt von so tief unten, dass ich Angst habe, es freizugeben. Ich fühle diesen unbändigen Schmerz, der alles verzehrt, mit dem er in Berührung kommt. Er darf nicht nach oben, ich halte das nicht aus. Nicht jetzt, nicht hier. Noch nicht.

Kati 23.07.2022, 03.37| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe an...

Nachts

Ich will keine Zärtlichkeit.
Ich will kein Vorspiel.
Ich will dich benutzen.
Will deinen Körper an meinem spüren.
Will Gewalt, Härte, das lodernd brennende Gefühl, noch am Leben zu sein.
Noch zu atmen, noch zu fühlen, wie das Adrenalin durch meine Adern und die Lust durch meinen Körper pumpt.

Ich bin lebendig. Ich bin nicht tot.

Du bist Kryptonit für meine Mauern und ich muss sie heute oben halten.
Meine Seele ist roh und wund und brüllt vor Schmerzen.
Ich brauche dich in der Dunkelheit, ohne Kompromisse, ohne Mitleid, ohne Rücksicht.

Ich bin noch am Leben.
Als Letzte.
Als Einzige.

Ich bin der Anfang.

Kati 23.07.2022, 03.23| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Tag0

Briefe also, hm? Ich höre die Namen, die auf den Briefen stehen. Verschlossene Umschläge. Mit letzten Worten, vermutlich. Noch hat keiner seinen geöffnet.
Habe ich auch einen Brief? Oder steht irgendetwas an mich in deinem Abschiedsbrief, der nun bei der Polizei liegt und als Beweismittel gilt? Irgendetwas?

Ich werde mich noch gedulden müssen und habe keine Ahnung, wovor ich mich mehr fürchte: Vor dem, was du mir als Letztes in deinem Leben mitteilen wolltest oder davor, dass es nichts gibt, das diese Kriterien erfüllen würde.

Hast du an mich gedacht? Hast du mir in Gedanken Lebewohl gesagt? Oder sogar in geschriebenen Worten? Gibt es ein Machs gut, ein Pass auf die Kinder auf, ein Ich bin stolz auf dich, ein Ich liebe dich oder vielleicht sogar ein Verzeih mir?

Bei einem so lange im Voraus und bis in alle Einzelheiten geplanten Tod gibt es keine verpassten Chancen
Wie gehen wir beide hier raus, wenn wir fertig sind?

Kati 21.07.2022, 13.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe an...

Hej Dad

Ich weiß, dass du meine letzte Nachricht noch gelesen hast. Die beiden blauen Haken haben dich verraten.

Um Mitternacht klingelte hier die Kriminalpolizei. Und ja, natürlich wusste ich, was sie mir sagen würden. Es ist vielleicht nicht so ganz das Gespräch geworden, das sie erwartet haben.

Und jetzt kann ich seit 5 Stunden nicht schlafen.
Weil ich wütend bin.
Ich bin so stinksauer auf dich, dass ich statt mit Tränen der Trauer mit Tränen der Wut und Ohnmacht hier sitze.
Ich weiß, dass das nichts ändert.
Ich werde bei Sonnenaufgang meine Rüstung anlegen und wir bringen Anwälte, Dolmetscher und Notare in Stellung.

Ich habe einen Menschen an meiner Seite, der sich vor mich stellen wird, als Schild, als Fels, als Sandsack, als Umarmung, ich werde da durchkommen, irgendwie.

Aber weißt du was? Du und ich. Wir waren noch nicht fertig miteinander. Ich war noch nicht bereit. Du hast das alleine entschieden. Und ich bin so unfassbar wütend.

Kati 21.07.2022, 05.00| (8/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Meine geliebte Kriegerin.

Du bist eine Naturgewalt.
Für dich gibt es keine Zwischentöne, keine Abstufungen.
Es gibt schwarz und weiß.
Laut und leise.
Alles oder nichts.
Das ist das, was dich ausmacht.
Du bist ein Mensch, der für Superlative erschaffen wurde und lernst gerade erst, mit deinem enormen Potential im Guten wie im Schlechten umzugehen.

Ich habe von dir geträumt, als ich dich noch unter dem Herzen trug.
Ich habe dein Gesicht gesehen – wie es heute aussieht.
Ich habe dich erkannt.
Ich habe die riesengroße Amazone einen Berg hinunterstürmen sehen, mit einem durchtrainierten muskulösen Körper, langen flammenroten Haaren, das Schwert erhoben, bereit zum Kampf und mit gleichzeitig unbändiger Lebensfreude, dass ich aufgewacht bin und deinen Namen kannte.
Da war kein Platz mehr für Zweifel.
Das warst du und nichts anderes würde dir gerecht werden können.
Du trägst den Namen eines ganzen schottischen Kriegerclans und dein Zweitname bedeutet narbenfarben.
Den dritten Namen teilst du dir mit all deinen Geschwistern und ich hoffe, dass euer Band euch später tragen wird, wenn wir nicht mehr sind.

Als meine Wehen stärker wurden, mitten in der Nacht, hörte man immer lauter werdendes Grollen in der Ferne. Das aufziehende Gewitter ließ die Natur im Takt meiner Wehen aufbrüllen.
Der Kreißsaal war dunkel, die Fenster weit geöffnet, der Regen peitschte auf die Erde  - und Blitz, Donner, Sturm und die feste, leise Stimme deines Vaters trieben mich voran.
Immer mit dem Schmerz, jede Wehe ein Ja zu dir, ein Ja zum Leben. Du kannst das, du schaffst das, gleich ist unser Baby da, dazu das Trommeln des Regens auf dem Dach, die kurzen Lichtblitze und das gewaltige Getöse des Donners.

Du bist mitten in den Sturm geboren worden und es hätte keinen passenderen Empfang für dich auf dieser Welt geben können.

Du warst immer schon ein Dickkopf, du hast nie gefragt, du hast dir genommen. Die Welt gehörte dir, von Anfang an. Das tut sie heute noch, auch wenn du gerade strauchelst.
Du spürst die Dunkelheit und weißt kaum, wie du sie bewältigen sollst. Gemessen an dem Licht, das du in dir trägst, muss sie gigantisch sein.
Ich fühle, dass du weder das Eine noch das Andere gerade tragen willst.

Wir sind an deiner Seite. Wir gehen mit dir, wir tragen dich, wenn du nicht mehr kannst, sind wir da. Es fällt dir gerade schwer, das Leben als Geschenk zu sehen und ich versuche, mich von diesem Schmerz nicht zerreißen zu lassen.
Bemühe mich, die Wunden, die du schlägst, nicht als Angriff zu sehen sondern als Verteidigung zu verstehen.

Ich glaube, dass Transformation immer schmerzhaft ist.
Und wenn wir in ein paar Jahren zurückblicken, dann hoffe ich, dass wir lächeln und verstehen, warum das so sein musste.

Ich liebe dich. Immer.

Kati 03.06.2022, 08.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Heute

Heute vor 17 Jahren haben wir uns unter klarem Sternenhimmel das erste Mal gesehen, das erste Mal berührt, das erste Mal geküsst.

Heute vor 16 Jahren hielten wir unseren ersten Sohn in den Armen, den ich in deine Hände geboren habe.

Heute vor 15 Jahren haben wir geheiratet.

Heute vor 14 Jahren trug ich schwer an unserer zweiten Tochter, die in einigen Tagen zur Welt kommen würde. Die Gedanken an ein eventuell weiteres totes Kind überschatteten alles.

Heute vor 13 Jahren hatte ich dich beim schwersten Gang meines Lebens an meiner Seite, als ich die Urne meines Großvaters über den Friedhof trug.

Heute vor 12 Jahren haben wir beschlossen, dass wir es nach all den weiteren Fehlgeburten nicht weiter versuchen würden. Wir waren komplett mit zwei gemeinsamen lebenden Kindern.

Heute vor 11 Jahren trug ich einen kleinen Menschen unter meinem Herzen, den unsere Pläne nicht interessiert haben.

Heute vor 10 Jahren hatten wir die schlimmsten Monate der schwärzesten Depression meines Lebens nach der Geburt vom Butz fast hinter uns. Es war wieder so etwas wie Licht zu erkennen.

Heute vor 9 Jahren waren wir endlich in unserem echten Zuhause angekommen. Ein Haus mit Garten, ein Rückzugsort, perfekt, nur für uns. Unsere Burg.

Heute vor 8 Jahren begannen die dunkelsten Jahre unserer Beziehung. Wir haben aufs Schmerzhafteste all unsere Werte auf den Prüfstand gestellt und sind durch ein tiefes Tal geschritten, in dem sich Wahrheit, Schmerz und Hoffnung blind auf die Liebe verlassen mussten, die uns getragen hat.

Heute vor 6 Jahren standen wir mitten in den Vorbereitungen, zwei völlig entfremdete und hasserfüllte Kinder in unseren Haushalt aufzunehmen.

Heute vor 5 Jahren bestand unsere Familie aus 9 Personen – wir hatten Uroma aus dem Pflegeheim zu uns nach Hause geholt, um die letzten Monate für sie in Würde gestalten zu können.

Heute vor 4 Jahren begann das Lügenkonstrukt des zweiten Kindes über uns zusammenzubrechen.

Heute vor 3 Jahren haben wir Asgard abgeholt. Als Zeichen der Hoffnung, als Trost, als Begleitung aus der Trauer über den Verlust meines großen Kindes.

Heute vor 2 Jahren haben wir die letzten Dinge in die Wege geleitet, um unser Familienleben wieder so zu gestalten, wie das für uns gut ist.

Heute vor einem Jahr haben wir nach unendlich langer Durststrecke das erste Mal auch finanziell wieder Luft holen dürfen. Freiheit spüren.

Heute sind es 17 Jahre. Das ist viel Zeit. Wir haben jede Emotion durchlebt, wir sind jeden Weg gemeinsam gegangen, wir haben jeden Streit ausgefochten und wir sind an einem Punkt, an dem wir keine Masken mehr tragen müssen und das auch schon lange nicht mehr wollen.
Du hast mir gezeigt, was Liebe tragen, aber auch erdulden kann.
Du hast mir gezeigt, wie hoch man fliegen kann, wenn es jemanden gibt, der Zuspruch schenkt.

Du machst, dass ich jeden Morgen aufwache und ein besserer Mensch sein will als am Tag zuvor.
Ich bewundere deine Intelligenz, deine Stoik, deinen Pragmatismus, deine Seelenruhe, deinen Humor und ich bete deinen Körper an. 
Du bist auch 17 Jahre nach der ersten Berührung noch ein Satyr, der mir ohne jedes Tabu jede Form von Freude schenkt, die ich empfinden kann. 

Mein dunkler Engel. Gefallen, wiederauferstanden. 
Die Wahrheit, die wir uns zumuten, ist absolut. 
Ich würde nie wieder anders leben wollen als so. Mit dir.

Ich liebe dich.

Kati 30.05.2022, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Die Schießbude.

Wir waren noch nicht sehr lange zusammen, da bummelten der große hübsche Mann und ich über eine Festwiese.
Fahrgeschäfte, Imbissstände, Spielbuden wohin man sah.
Und ich betete und hoffte inständig, dass der Status unserer Beziehung, der noch zu einem großen Teil aus Werben und Beeindrucken bestand, trotzdem nicht dazu führen würde, auch in dieser Beziehung den Supergau erleben zu müssen:

Die Schießbude.

Wir schlenderten also so umher und kamen an einigen Schießbuden vorbei und nach jeder konnte ich etwas weiter aufatmen. Gottseidank...
Mit Grausen erinnerte ich mich an die Male, die ich im strömenden Regen neben irgendeinem wütenden Mann stand, der verzweifelt versuchte, ein Schaf, einen Stern oder sonstwas abzuschießen.
Das eine Mal, das ich noch Geld leihen musste, um weitere Schüsse zu finanzieren, damit ich auch das bekomme, was ich mir ausgesucht hatte.Es hat nie geklappt.

"Die ist total verzogen." "Die schießt nicht richtig" "Was ist denn das für ein billiges Ding" - ich kenne alle Ausreden, denn ich habe sie alle schon gehört.
Dabei bin ich nie sonderlich scharf drauf gewesen, an so einem Stand zu stehen.
Aber es scheint ein Männergen zu geben, dass Männer beim Anblick von Waffen, Plüschtieren und weiblicher Begleitung dazu animiert, auf kleine Plaketten schießen zu wollen.
"Such dir was aus, ich schieß es dir!" ist definitiv mein meistgehasster Satz in einer Beziehung.

Einmal sind wir als vier Pärchen auf einen Rummel gegangen und mein Freund war der Einzige, der exakt nichts getroffen hatte.
Er bekam dann eine dieser zerfledderten Plastikrosen, die er mir auch noch überreichen wollte.
Ich zog eine Augenbraue hoch und er ließ sie in den nächsten Mülleimer fallen. Die Beziehung dauerte nicht mehr allzulange.
Im Grunde hätte es vielleicht ein Omen sein können, dass der Soldat an meiner Seite, der mit markigen Sprüchen gegenüber Schießbudenbesitzer und mir, dass er schon ganz andere Dinge erschossen hätte, keine einzige Plakette traf.
400 nachgekaufte Schüsse später war mir kalt, meine Laune im Keller und ich nahm das erste Mal in meinem Leben mit einem gequälten Lächeln 27 Plastikrosen, die ich zuhause entsorgte und sagte: "Das war ziemlich beeindruckend, Hase."

Ich hätt den Mann vielleicht nicht auch noch heiraten sollen.
Übrigens war die Waffe schuld. Natürlich.

Der Mann davor war ein sehr bekannter Kickboxer, der so ziemlich alles und jeden traf und bei dem ich mir relativ sicher war, dass er auch den rosa Plüschelefanten bekommen würde, den ich mir aussuchen sollte.
Er hatte mehrere Tage danach Erektionsprobleme und auch als ich irgendwann mit ihm Schluss machte, steckten die Plastikrosen vom Desaster noch hinter dem einen Bild, wo er sie nach meiner Ablehnung untergebracht hatte.
Ich war 18 und es war eine völlig neue Erfahrung, einen Mann wegen einer Plastikrose weinen zu sehen.
Ohne dass ich es wollte, hatten sich Schießbuden für mich zu einer Art Beziehungsindikator entwickelt.
Ablehnen führte meistens zu einem handfesten Streit, weil die Männer da irgendwie borniert sind oder zu dem noch fordernderem Drängen, mir doch bitte irgendein großes Plüschtier auszusuchen.

Also akzeptierte ich diesen seltsamen Teil meines Lebens, ohne ihn zu befürworten.
Kurzum: ich hatte ein Trauma.

Beim großen hübschen Mann war es mir wichtig, dass es gar nicht so weit kommen würde.
Und so hatten wir das Ende des Rummels auch schon erreicht und ich dankte Gott, dem Himmel, allem, was ich so hatte, dass dieser Kelch an mir - uns - vorüberging.
Überlegte, ob ich noch einen kandierten Apfel mit auf den Heimweg nehme und wartete auf den allerletzten Stand, der meines Wissens nach ein Süßwarenstand war.

War er nicht.
Es war eine Schießbude.

"Süße?"
Ich überlegte, eine Ohnmacht, einen Wadenkrampf oder etwas anderes Lebensbedrohliches vorzutäuschen, antwortete mit einem vorsichtigen: "Hm?"
Er beugte sich zu meinem Ohr und flüsterte:
"Such dir mal was aus, ich schieß es dir."

Ich rang mit mir selbst und der Teufel gewann.
Alles oder nichts.

Ich verdrehte also innerlich die Augen und warf einen Blick auf die Hauptgewinne. Der größte war ein riesiges unglaublich hässliches Opossum-Plüschtier aus IceAge2. Das Vieh war über einen Meter lang und das Grässlichste, das ich jemals gesehen hatte.
"Den da bitte.", fügte ich mich in mein Schicksal lehnte mich an einen Pfosten.
"Wieviel Schuss möchten Sie haben?", fragte der Verkäufer den Mann und ich warf ein sehr spöttisches 'Na, ein Schuss wird ja wohl reichen...' zwischen die Männer.

Der Mann zog die Augenbraue hoch und sagte: "Ein Schuss wird reichen, meint die Lady."

Ich überlegte derweil, wie man möglichst echt einen Schwächeanfall simuliert, um ihm die Blamage zu ersparen.
Man musste ja auch nur so ein hüpfendes kreiselndes Dingsda treffen, das ab und an auch noch verschwand.
Der Mann richtete sich zu seiner vollen Körpergröße von fast 2 Metern auf und spannte sich. Ich war beeindruckt ob dieses Anblickes, auch wenn ich noch drüber nachdachte, ihn anzurempeln, um die Schuld auf mich zu ziehen.

Aber ich fügte mich in mein Schicksal und schloss die Augen.
Es klickte und ich hielt die Augen krampfhaft geschlossen.
Nicht diese Beziehung auch noch.

Als ich mich entschieden hatte, die Plastikrose einfach anzunehmen und lieb zu lächeln, öffnete ich die Augen und blickte in eine riesige und unglaublich hässliche Opossumschnauze.
Blaue Augen blitzten mich an und das attraktive Männergesicht vor mir lächelte süffisant.

"Das ist ein ziemlich hässliches Ding, das du dir da ausgesucht hast...", grinste er, drückte es mir in den Arm und nahm meine Hand, um weiterzugehen.

Kati 07.04.2022, 12.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Elf Tage

Ich habe es geträumt.
Elf Tage sind vergangen, seit ein fremder Mensch aus dem Internet mein echtes Leben betrat und in meinem Vorgarten stand und Fotos von mir, meinem Garten und meiner Burg machen wollte.
Elf Tage, seit ich rausging, ihn bat, vom Grundstück zu gehen und dabei keine Fotos von mir zu machen.
Elf Tage, seit mich ein Schlag an der Schläfe traf und mir die Lichter ausgingen.
Elf Tage Alltag, zwanghaftes Schilde hochhalten, strukturierter Alltag um jeden Preis.
Nicht in die Dunkelheit sinken, nicht dem Schwarz und auf gar keinen Fall dem Rot nachgeben.
Nicht dem Rot, das so verlockend buhlt.
Das tut es immer und es ist seitdem jeden Tag angeschwollen, verführerischer, attraktiver geworden.

Ich habe es geträumt. Es war nicht diese Situation, natürlich nicht. Ich ging auf der Straße, als mich jemand überraschend ans Bein trat. Keine große Sache. Bisschen schmerzhaft. Unverschämt, respektlos, aber im Grunde keine große Sache. Und Sekunden später sah ich nur noch die kurze Eisenstange in meiner Hand. Und ich schlug. Ich schlug und bei meinem Gott, ich genoss jeden einzelnen Schlag davon. Jedes Geräusch, jeden Bluttropfen, jedes Knochenknirschen, jedes Fitzelchen, das in mein Gesicht spritzte. Ich schlug wie von Sinnen und das warme und so weiche Gefühl von früher war da und umfing mich. JA, flüstert es mit einer Inbrunst und einer Intensität, die mich in rote Wolken hüllt und zuhause willkommen heißt.

Blutrausch.
Die absolute Lust an Gewalt.
Das Gefühl, das keinen Vergleich kennt.
Nicht einmal Wollust.
Nur der rote Rausch alles vernichtender Gewalt.

Ich bin schweißgebadet in meinem Heute aufgewacht, habe mich eingesperrt und hangele mich nun von Buchstabe zu Buchstabe, um meinen Neocortex oben zu halten.
Alles, was ich formulieren kann, müssen meine Instinkte nicht regeln.

Mein Leben ist schon so lange Jahre frei von dieser Form von Gewalt und trotzdem bleibt es ein tief verankerter Teil meines Ursprungsselbst.
Als ich aufhörte, Opfer zu sein, wurde ich Täter.
Ich verfüge seit meiner Säuglingszeit über eine unendliche Palette an Erfahrungswerten, was mir wie angetan wurde und was über Jahrzehnte am schmerzhaftesten auszuhalten war und diese Lektion sitzt.
Ich bin ein Monster, das sich jeden Tag bis zur völligen Erschöpfung bemüht, ein Leben zu führen, das niemanden dem ausliefert, was ich ertragen musste.

Und nun ist seit elf Tagen diese Mauer, die nur aus einem zwei Jahrzehnte alten Schwur und meiner Selbstdisziplin besteht, auf eine dünne Decke zusammengeschrumpft, die nichts mehr verbirgt sondern nur noch unzureichend bedeckt. Der Drang, jemandem wehzutun, ist übermächtig, sobald ich meine Schilde sinken lasse.

Mein stärkster Schild heißt Verletzlichkeit.
Solange ich zulassen kann, dass ich verletzlich bleibe, sind meine stärksten Wächter aktiv, die den Zugang zu dem bewachen, zu dem ich imstande bin.

Seit elf Tagen zürnen sie.

Kati 03.04.2022, 17.00| (11/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Die Erinnerung

Meine allerfrüheste Erinnerung ist die, wie ich mich an einem schweren Vorhang festhalte.
Schwerer Stoff. Braun.
Ich weiß nur, dass diese Erinnerung wahr ist, weil meine Eltern mich ungläubig und entsetzt angestarrt haben, als ich sie über zwei Jahrzehnte später erzählte.

Ich war noch keine zwei Jahre alt. Ich höre nichts. Gar nichts. Es dringt kein Wort in meinen Kopf, obwohl mehrere Erwachsene sprechen. Ich sehe, wie sie ihre Münder bewegen. Ich sehe sie gestikulieren, ich sehe alles. Ich sehe meinen Vater. Sein Gesicht zugeschwollen, die Augen kaum noch zu erkennen, mehrere Platzwunden an der Stirn, das Blut fließt aus seinem Mund.

Die Polizisten sind zu Viert. Meine Mutter ist da, aber ich kann die Erinnerung an sie nicht greifen. Irgendwann verschwinden sie alle. Irgendwann wird es dunkel. Irgendwann verschwimmt das Bild.
Aber es hat sich eingebrannt. Für immer.

Vielleicht war das die Nacht, in der die Wunder starben.

Kati 15.12.2021, 09.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Mein geliebtes großes Tochterkind.

Ich schreibe dir hier, weil du es so nicht lesen wirst.
Ich habe in den letzten dreineinhalb Jahren unzählige E-Mails, Briefe, WhatsApps geschrieben. Immer auch um den unendlichen Schmerz in meinem Herzen kreisend, den ich einfach nicht unter Kontrolle bekomme. Worte, auf die du nie antworten wolltest. Du hast dich allem entzogen, was deinem ganz persönlichen Neuanfang nicht dienen wollte.
Ich arbeite daran.
Seit Jahren.
Mit Hilfe.
Allein.
Laut.
Stumm.
Er wird nicht kleiner. Der Schmerz verstummt nur in stiller Resignation zwischen den Tagen, an denen er an die Oberfläche taucht und schier nicht auszuhalten ist. So wie heute. Ich habe gestern die letzte Nachricht an dich gelöscht, die ich geschrieben habe. Dort stand zu viel Herz. Zu viel Schmerz. Will dich nicht bremsen, nicht runterziehen. Du hast mit uns schon längst abgeschlossen – wer bin ich also, dich immer daran zu erinnern, dass der farbenprächtig funkelnde Palast deines jungen Lebens auf den Scherben einer ganzen Familie gebaut ist? Dieser Gedanke ist unfair und ich weiß das. Darum belästige ich dich nicht mehr mit mir, mit meinen Gefühlen, mit meinem Schmerz. Es reicht, wenn ich ihn trage. Die Mutter, die du verlassen hast, bin ich längst nicht mehr. Aber wen interessiert das, nicht wahr?

Was tut man, wenn einer fertig mit der Aufarbeitung ist und der andere nicht? Es gibt keine Lösung. Meine einzige Strategie, dies hier nicht in deinen Rucksack zu packen, ist Schweigen. Das packt ein anderes Gewicht in dein Reisegepäck, aber mir scheint es erwünschter. Ich schreie meinen Schmerz schon lange nicht mehr in die Welt, auch wenn der Sturm tobt. Die Trauer. Ich habe dich verloren und nichts, aber auch gar nichts wird dich zurückbringen. Die Zeit hat das ihre getan und inzwischen bist du erwachsen und die Zeit, die wir verloren haben, ist unwiederholbar. Es bleibt nur Akzeptanz.

Es wird das vierte Weihnachten ohne dich.
Irgendwann wird das nicht mehr weh tun.
Irgendwann.

Kati 14.12.2021, 08.00| (4/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Dunkel

Im Meer zu ertrinken ist laut.
Es ist dynamisch, es ist Kampf.
Es ist aktiv.
Die Wellen, die dich hochheben, die Brecher, die dich hinunterdrücken. Die Strömung, unbarmherzig, kraftvoll und mitreißend. Das Salzwasser. Alles im Körper ist auf Kampf eingestellt. Jedes Verschlucken treibt dein Adrenalin in die Höhe. Jedes Würgen, jedes Husten pumpt das Blut durch deine Adern. Es ist Überlebenskampf. Es gibt keinen Dialog. Da sind keine Gedanken. Nur das Ringen zwischen Leben und Tod.
Das Meer nimmt sich.

Der See wartet.
Er hat keine Eile.
Kilometerweit vom Ufer entfernt, unter dir nur die Kälte, die darauf wartet, dich in Empfang zu nehmen. Das Wasser ist klar und rein. Es hat nichts Bedrohliches. Es ist still und umfängt dich mit weicher Umarmung. Hier musst du nicht kämpfen, hier ist keine Gewalt, kein Spiel...
Du musst dich nur sinken lassen. Das Pochen deines Herzens wird langsamer, dein Blutstrom pulsiert träge und dumpf durch deinen Körper. Je länger du schwimmst, desto wärmer wird dir. Nicht, weil die Kälte schwindet, sondern weil sie der ewigen Verlockung der Dunkelheit weicht. Bittersüße Gleichgültigkeit streichelt sanft deine Seele. Komm zu mir, flüstert der See leise. Du musst nur loslassen.
Der See wartet.

Kati 13.12.2021, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Meine Kriegerin.

Deine Tage versinken in Dunkelheit.

Ich sehe dich, ich spüre die Last, die du mit dir trägst, obwohl du sie kaum in Worte fassen kannst.

Das Leben ist nicht mehr schön, es ist nicht mehr lebenswert und die Momente, die wir uns schaffen, tragen dich immer nur kurz.
Ich habe Angst, dich zu verlieren.
Du bist mein Herz, mein Leben, das Salz auf meiner Haut.

Du verkörperst die dunkle Triade wie kein anderer Mensch, den ich kenne.
Manchmal sehe ich mein Spiegelbild so deutlich in dir, dass es mir fast körperlich weh tut.
Ich sehe, dass du kämpfst.
Ich weiß, dass du dich noch gegen die Macht, die damit einhergeht, wehrst.
Und ich kenne den Strudel, der dich erfassen wird, wenn du an den Punkt kommst, dieses Geschenk mit beiden Händen auch ergreifen zu wollen.
Nicht um der Dunkelheit, sondern um des Lichtes Willen, das sich dahinter verbirgt.

Aber um das Licht sehen zu können, muss man sich der Schwärze ganz stellen. Mit allem, was man hat. Mit allem, was man ist. Ganz oder gar nicht. Es ist der Tanz auf dem Vulkan, der auf allen Seiten nur Abgrund kennt.

Aber noch ist es zu groß, zu mächtig, zu angsteinflößend und kaum zu kontrollieren. Deine Hormone fahren Achterbahn, du wirst fast zerrissen zwischen Sehnsucht, Wut, Einsamkeit, Liebe und Hass. Diese Dinge passen nicht gut zueinander für dich und ich würde dir so gerne versichern, dass sie das tun. Aber ich weiß auch, welcher Kampf vor dir liegt. Jeden Tag aufstehen gegen die Versuchung, die in den Schatten liegt.
Du verletzt dich selbst, um all das zu ertragen, um ausharren zu können, um dem alles überwältigenden Drang nicht nachzugeben, anderen Wesen Schmerzen zuzufügen, während du eigentlich nur all deine Wut herausbrüllen und alles vernichten willst.

Du bist größer als das alles.
Du darfst straucheln.
Du darfst fallen.
Und solange du mich lässt, werde ich dir wieder aufhelfen.

Du bist eine Naturgewalt.
Geboren mitten in die Dunkelheit, als nur die Blitze den Kreissaal erhellten, während der Donner im Takt meiner Wehen deine und meine Welt erschütterte.
Kraftvoll, alles verzehrend, einzigartig und ich liebe dich so sehr.

Du bist der Sturm.

Kati 18.10.2021, 12.00| (5/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Mein geliebtes Kind.

Herzlichen Glückwunsch zum 15. Geburtstag.

Vor 15 Jahren spürte ich, wie meine Fruchtblase riss.
Du wolltest geboren werden, mit aller Kraft.

Ich rief deinen Vater an, der bei der Arbeit alles stehen und liegen ließ und nach Hause eilte. Während der Wehen schaukelte ich deine beiden Geschwister auf dem Schoß, hielt sie fest, hielt mich an ihnen fest, summte ein Lied nach dem anderen, bis dein Vater da war.

Es war keine Zeit mehr für das Krankenhaus, ich gebar dich in meine eigenen Hände und du warst so winzig und unendlich perfekt.

Meine größte Angst war, dass du in der Kälte würdest sterben müssen, aber dein Herz hörte bereits in der Geborgenheit und Wärme meines Körpers auf zu schlagen.
Das war der letzte Dienst, den ich dir erweisen konnte und für mich der Wichtigste.

Dein Leben im Schutz meines Körpers dauerte nur wenige Monate und du warst geliebt, ersehnt, von ganzem Herzen gewollt.

Du trägst drei Namen, wie alle unsere Kinder.
Auch du teilst dir den dritten Namen mit allen deinen Geschwistern.

Deine Geburtsurkunde in unserem Familienstammbuch zeigt klar und deutlich, dass du da warst.

Du warst da. Und du hast tiefe Spuren in unseren Herzen hinterlassen.

Ich wünschte nur, man hätte uns ein wenig mehr Zeit geschenkt.

Kati 28.09.2021, 06.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Bleibt alles anders

Die Diagnosen kamen unerwartet.

Wenn man sein Kind regelmäßig zu allen Vorsorgeuntersuchungen schleppt und der Arzt aufgrund von Vorerkrankungen kein Fremder ist, dann... ja was eigentlich? Dann erwartet man irgendwie, dass man eine neue Diagnose am Anfang erwischt, oder?
Nicht schon im Stadium: Oh, das ist jetzt kritisch, hier, ihr Behindertenausweis.

So eine Diagnose hat uns vor einigen Wochen erwischt und seitdem steht unsere Welt Kopf.

Vor allem unser Alltag, der seit 18 Monaten ohnehin keiner mehr ist.
Und hier kommt meine Baustelle hinzu: Wut.

18 Monate lang haben wir uns an alle Beschränkungen gehalten.
Wir haben seit 18 Monaten keinen Freund mehr getroffen, keinen Menschen mehr umarmt, nichts. Keiner von uns.
Als Haus, das immer mit Menschen voll war, die hier einfach vorbeikommen, mitessen, mitfeiern, mit uns sind... war das doppelt hart.

Wir haben keinen Geburtstag gefeiert, wir sind nicht rausgegangen, nicht essen, nicht ins Kino, nicht auf Partys, nichts.
Wir haben uns impfen lassen, als es möglich war und tun trotzdem immer noch nichts, um die Ungeimpften zu schützen.

Dann war am Ende der Sommerferien dieser Lichtblick auf Alltag da.
Ein paar Stunden am Tag für mich, die Akkus wiederaufladen, die seit 15 Monaten dunkelrot blinken. Dauerhaft.

Und dann tastet man bei einer Umarmung des Kindes etwas, das da so nicht hingehört und hat eine Woche später eine Diagnose, die den gesamten Alltag umkrempelt.

An diesem Punkt kommt die Wut. Wut ist in diesem Fall eigentlich nur Trauer, in eine Form gegossen, die man aktiv bewältigen kann, statt passiv an ihr zu verzweifeln. Und das macht sie so wichtig.
Weil man weitermacht.
Jeden verdammten Tag.
Jeden weiteren Schritt.

Die stundenlangen Fahrten zu Fachärzten, die Termine jeden Tag, die neuen Diagnosen, die dazukommen, die Aussicht auf monatelange Trennung vom Sohn, der Aufenthalt in der Klinik weit weg... all das ist mit Wut sehr viel besser zu bewältigen als mit Verzweiflung.

Wut hat den Vorteil, dass sie nicht erschöpft, solange sie brennt.
Man darf nur nie aufhören, nie innehalten, nicht ausruhen.

Sonst fällt alles in sich zusammen.

Auch dafür wird es eine Zeit geben.
Aber die ist nicht jetzt.

Kati 16.09.2021, 08.00| (4/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Stachel

Ich bin es gewohnt, dass die Geschichten aus meinem Leben angezweifelt werden und ich kann Menschen keinen Vorwurf daraus machen.
Die meisten von ihnen können sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, was ich erlebt habe und welche Absurditäten Teil meines ganz normalen Alltags waren oder immer noch sind.

Aber wenn ein Freund, dem man schon länger einen durchaus sehr persönlichen Einblick ins eigene Leben gewährt, und den man unterstützt, wo man kann, andeutet, dass er viele Erzählungen für schlichtweg erfunden hält, dann piekst das einen kurzen Moment so wie früher, als es so wichtig gewesen wäre, dass man mir geglaubt hätte, als ich um Hilfe gerufen habe.

Heute bin ich darauf nicht mehr angewiesen und muss keine Kompromisse mehr eingehen.
Und will es auch nicht mehr.

Wer einen großen Teil meines Alltags anzweifelt, hat darin dann tatsächlich auch nichts mehr zu suchen.

Kati 06.09.2021, 18.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Lieber Schwiegervater,

als wir uns das erste Mal trafen, war ich 18 Jahre alt und hatte gerade heimlich deinen 26jährigen Sohn geheiratet. Ich war ein Akt des Aufbegehrens gegen dich, das habe ich später verstanden.
Und was für einer.
Wir fochten von Beginn an auf einer ganz eigenen Ebene. Ich stand für alles, was deine gutbürgerlichen Pläne für deinen Sohn vereiteln würde und das hast du mich deutlich spüren lassen. Einer deiner ersten Sätze zu mir lautete: „Dein Platz ist in der Küche.“. Und ich sagte: „Nein.“ Und du hast mich fassungslos angestarrt. Weil das etwas war, was nicht sein durfte in deiner Welt.
Und ich hielt deinem Blick stand.
Immer.
Trotzig, provozierend, arrogant und voller Leidenschaft.
Jeden deiner Hiebe habe ich pariert und im Laufe der Jahre wich unsere Härte gegeneinander einer leisen Form von gegenseitigem Respekt. Ob wir Augenhöhe erreicht haben, wage ich zu bezweifeln. Aber ich habe mich bemüht.

Als ich deinen Sohn endgültig verließ, standen wir nachts in der Dunkelheit und schwiegen gemeinsam.
Du wandtest dich zu mir um, hieltst die Arme auf und fragtest: „Ein letzter Tanz?“.
Als unsere Körper sich berührten, ahnte ich für einen winzigen Moment, wie sich erwachsene Männlichkeit anfühlen würde. Selbstsicherheit, Führung, Wissen.
Die Luft brannte.
Es war, als würde sich der jahrelange Kampf zwischen uns in diesem einzigen Moment entladen. Wir tanzten auf der schmalen Schneide zwischen unseren Sehnsüchten und unseren Verpflichtungen.
Du warst es, der nach einer gefühlten Ewigkeit zurücktrat und Lebewohl sagte.

Nun geht deine Reise weiter.

Heb mir einen Tanz auf, wenn wir uns wiedersehen.

Kati 01.08.2021, 22.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe an...

Du.

Vor 16 Jahren durfte ich das erste Mal die andere Hälfte meiner Seele berühren. Wir sind uns nachts das erste Mal begegnet, Dunkelheit um und den klaren Sternenhimmel über uns.

Vor 14 Jahren haben wir unser Versprechen aneinander auch offiziell gemacht.

Wir haben schon so unendlich viel erlebt.
Schönes.
Unschönes.
Sind miteinander erwachsen geworden.
Es gab Zeiten, in denen ich dich so tief gehasst habe wie ich dich liebte.

Wir haben gute Entscheidungen getroffen und auch schlechte. Jeder für sich, miteinander, manchmal Rücken an Rücken, mal Seite an Seite, aber immer beieinander.

Du kennst meine dunkelsten Geheimnisse.
Den tiefsten Schmerz, meine ungezügelte Wut.
Das Kind in mir genau wie den Wolf, der mir das Überleben erst ermöglicht hat.

Du erträgst den Abstand, den ich brauche. Bietest mir Nähe, ohne sie jemals zu fordern.
Bist stark genug, mir ein echter Gegner zu sein.
Souverän genug, meine Dominanz und meinen Besitzanspruch auszuhalten.
Weich genug, mich zu trösten.

Dein Verstand reibt sich an meinem, dein Körper antwortet nur mir.
Du treibst mich zur Weißglut, zu Wollust, zur Verzweiflung, in den Wahnsinn.
Kennst alle meine Knöpfe und drückst sie trotzdem nur, wenn ich das erlaube.

Du bist mein dunkler Engel.
Mein Wächter auf der Mauer.
Der Einzige, der auf beide Seiten sehen darf. 

Ich liebe dich.

Kati 30.05.2021, 18.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Lieber Opa,

herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.

94 Jahre würdest du heute alt werden.

Der Kirschbaum hat wie immer an deinem Geburtstag die ersten Blütenknospen, um an deinem Todestag in 16 Tagen in voller Blüte zu stehen.

Ich vermisse dich. Immer noch. Ich weiß nicht, ob das jemals besser wird.
Niemand, der geliebt wird, ist wirklich tot. Und du wirst geliebt. Du bist lebendig. In meiner Erinnerung, in meinen Erzählungen, in dem, was ich den Kindern weitergebe. Und doch vermisse ich dich so sehr.

Vor zwei Jahren trat ein weiterer Hund in mein Leben, der Trottelige, du weißt schon. Ich wünschte, du hättest ihn noch erleben können. Du hast Hunde so verehrt, auch wenn du dir nie einen erlaubt hast.
In dem Moment, in dem ich gesehen habe, an welchem Tag er geboren wurde, wusste ich, dass er für mich ist.
Und er erinnert mich jeden einzelnen Tag so sehr an das, was du mir vermittelt hast. Dass das Leben nicht planbar ist. Nicht berechenbar. Dass man es nehmen muss, wie es kommt. Dass man Feste feiert, wie sie fallen. Dass Spaß ein Grund ist, etwas zu tun. Dass Liebe nichts mit Leistung zu tun hat. Das. Vor allem das ist etwas, das ich nur durch dich gelernt habe.

Ich wäre nicht der Mensch, der ich sein wollte, wenn es dich in meinem Leben nicht gegeben hätte.
Du warst so unperfekt, so fehlerhaft, so menschlich.
Und du hast mich geliebt. Unendlich. So wie ich dich geliebt habe. Das war lange Jahrzehnte die einzige Sicherheit, die es in meinem Leben gab.

Wenn ich aus meiner Kindheit und Jugend irgendetwas benennen sollte, das den entscheidenden Unterschied gemacht hat, dass ich nicht zu dem irren Psychopathen wurde, zu dem ich gemacht werden sollte, dann würde ich deinen Namen sagen.
Du warst meine Insel.
Die Burg in meinem Inneren, in der mein Kind Zuflucht fand.

Ich liebe dich.

Kati 03.04.2021, 16.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Totengräber. Eine Liebeserklärung an den Tod.

Ich habe in meinem Leben schon so viele Tiergräber ausgehoben.
So unendlich viele. 
Ich habe beim Schaufeln versucht, die Tiere zu zählen, die mich in meinem Leben bis zu ihrem Tod begleitet haben. Es sind weit über 50 Namen geworden und einige mehr fallen mir immer noch ein. 

Als ich klein war, bin ich den letzten Gang mit ihnen immer alleine gegangen. 

Ich erinnere mich an die schrecklichste Nacht, als ich abends – mit Gipsschienen seit Wochen an beiden Armen – entdeckte, dass mein Kaninchen tot war.
Es fror seit Tagen, der Boden war steinhart.
Meine Eltern boten mir als Alternative wie immer den Müll an.
Ich trug dieses steife Tier im Arm, konnte es nicht richtig greifen, nicht halten, nicht mehr kuscheln, weil der Gips jede Umarmung unmöglich machte.
Es war dunkel. Ich holte mir den Spaten, konnte ihn nicht umfassen, weinte, allein in der Dunkelheit und Kälte. Mit der Spitzhacke habe ich unbeholfen ein wenig Erde abhacken können, nicht genug für ein Grab. Ich setzte mich irgendwann mit meinem toten Tier verzweifelt auf den Boden und heulte. Ich konnte nicht mehr. Und ich konnte dieses Tier nicht einfach wegwerfen.

Durch das gigantische Panoramafenster konnte ich meine Eltern im Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzen sehen. Unbekümmert. Lachend.

Bei allem, was ich bis dorthin bereits erlebt hatte, hatte ich mich noch nie so allein gefühlt. 

Irgendwann kam die Wut. Heiß. Lodernd. Alles verzehrend. Ich schlug mir die Gipsschienen an den Steinen auf und riss sie mir von den schwachen Handgelenken. Alles in mir brannte vor Hass. Ich griff zum Werkzeug und arbeitete mich Zentimeter für Zentimeter durch den gefrorenen Boden. Ich spürte weder Schmerz noch Tränen noch Kälte. Nichts mehr. Das Verlangen nach einem würdevollen Abschied, nach einem Grab, nach dem letzten Gang gemeinsam mit meinem Tier war so stark, dass ich mich völlig verausgabte.
Irgendwann kauerte ich mich mit ihr auf den Boden und wiegte uns summend hin und her, bevor ich sie in ihre letzte Ruhestätte bettete.

Was ich mir in diesen Stunden schwor, brannte lange in mir.
Die Zeit hat das flammende Inferno aus Hass in ein helles Leuchten verwandelt, wie ich dem Tod begegnen will.
Nicht in Kälte, nicht in Dunkelheit, nicht allein. 

Ich denke an meinen Großvater, zu dem ich mich in den Sarg gekuschelt habe, während mein Sohn fröhlich Gummibärchen mampfte. Die Küsse, die ich auf seiner Stirn verteilt habe, so wie er das in meiner Kindheit bei mir getan hatte. An seine Beerdigung, auf der ich seine Urne getragen habe. An meine drei ganz in weiß gekleideten Kinder, die im Sonnenschein über die Friedhofswiese getanzt sind.

Ich denke an meine Großmutter, die wir hier nach Hause geholt haben. An den sonnig-windigen Augusttag, als sie das letzte mal ausatmete, während ich ihre Hand hielt. Als mein Kind sagte, wir müssen die Fenster weit aufmachen, damit ihre Seele fliegen kann. Als wir sie als Familie alle gemeinsam gewaschen und angezogen haben, damit sie vom Bestatter abgeholt werden kann. An das Lachen, an das Winken hinter dem Leichenwagen her, an das Lebewohl. 

Ich denke an meinen ersten Hund, den wir im Sterbeprozess jeden Tag auf eine Wiese getragen haben, wo wir einfach nur saßen und warteten, dass er bereit war zu gehen. An den Tag, an dem der Mann ihn auf seine Arme nahm und er ein allerletztes Mal seine Nase hoch in den Wind reckte, als wolle er den ganzen Himmel einatmen, bevor er dann im Arm des Mannes gestorben ist. 

Ich denke an meine Tochter, die die Ärzte im Krankenhaus „entsorgen“ wollten. Wie ich mich zum Mann umwandte und mit fester Stimme sagte: „Wir gehen jetzt.“ Wie ich einen Tag später, mit Nachwehen und gerade von einem toten Kind entbunden, mit einem Säugling vor der Brust und dem Mann an der Hand zu unserem Fluss ging, zu unserer Insel, und unser Baby mit Blumen und einem letzten Schlaflied der Erde zurückgegeben habe. 

Ich denke an unzählige Tiergräber, vor denen wir mit unseren Kindern standen. An Blumen, an Sonnenschein, an Tränen und Lachen, an Kuscheln mit toten Tieren und Umarmungen, die so weh und so gut tun.
An Grabsteine, selbst beschriftet und bemalt, an Kerzen, an selbstgebastelte Holzkreuze. 

Morgen gehen wir diesen Weg wieder. Ich begleite den dicken Hasenbären auf dem letzten Weg, er darf auf meinem Arm in einer Decke einschlafen und dann nehme ich ihn wieder mit nach Hause. Das Grab haben wir heute alle gemeinsam ausgehoben, wir haben uns drumherum gesetzt, erzählt, gelacht, gegessen, die Sonne genossen. Morgen werden wir ihn auf Blumen betten und gemeinsam von ihm Abschied nehmen. 

Und wir werden weinen. Gemeinsam.

Kati 24.03.2021, 16.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Parallelwelten

In meiner Freizeit spiele ich ein MMORPG, dem mein ganzes Herz gehört - seit nunmehr über 12 Jahren.

Angefangen alleine, dann mit dem Mann gespielt, dann eine Gilde gegründet.
Mit Internetzmenschen.
Bis es irgendwann eskaliert ist, ich von einem auf den anderen Tag den Account gelöscht und einen Neuen erstellt habe, auf dem mich niemand findet.
Viele Jahre vergingen und zumindest ich hütete dieses Geheimnis meiner Zufluchtswelt, in der alles bunt ist, auch wenn meine Welt in Dunkelheit versinkt.
Jahre, in denen ich ausschließlich alleine oder mal mit dem Mann spielte. Gruppen nur mit fremden Spielern bildete, die ich nie wiedersehen würde.
Dann kam eine sehr lange Verletzungspause, in der ich so gut wie gar nicht spielen konnte, weil mein Körper streikte.

Seit einigen Monaten ist alles anders.
Da sind wunderbar liebenswerte Menschen aus Blogs und aus Twitter und aus meiner Vergangenheit, die sich alle bei uns versammelt haben, um mit uns zu spielen.
Irgendwie hat das sehr schnell Fahrt aufgenommen und setzt sich erst langsam.
Und was ich merke: Ich stehe vor demselben Problem wie schon vor 9 Jahren. Menschen.
Vor 9 Jahren wurde ich - wannimmer ich im Spiel eingeloggt war - angeflüstert, ob ich denn gar keinen Haushalt zu erledigen hätte, wer sich denn um meine Kinder kümmern würde, ob mein Mann wüsste, wie viel ich spiele... ein absolut übergriffiges Verhalten.
Am Abend war ich dann wieder gut genug dafür, Menschen durch Instanzen zu ziehen, ihnen Taschen oder sonstiges zu schenken oder andere Dinge zu tun, während gleichzeitig versucht wurde, hinter meinem Rücken meinen Mann anzugraben und vornerum unschuldig zu tun. Seitenhiebe inklusive.

Das staute sich über Monate hinweg in mir, bis ich dann an einem Tag einfach implodiert bin, alle Spieler aus der Gilde geworfen, einen kurzen Abschiedsbrief verfasst habe, weg war und nie wieder darüber geredet habe. Das hat leider auch die getroffen, die gar nicht so waren. Aber ich konnte einfach nicht mehr.

In der darauffolgenden Zeit musste ich erst wieder lernen, das Spiel zu lieben, das mir so viel bedeutet. Erst als der Stress wegfiel, merkte ich, wie sehr mich der Umgang mit diesen Menschen aufgerieben hat.
Heute ist vieles anders.
Ich bin nicht mehr dieselbe wie vor 9 Jahren.
Ich bin eine Andere.
Und ich kann anders auf diese Dinge reagieren, mit denen ich konfrontiert werde.

Ich spiele, wann und wieviel ich will.
Mein Leben, meine Regeln.
Ich spiele einen Großteil dieses Spiels als Wirtschaftssimulation und bin entsprechend lange auch einfach nur online, um nebenher von Zeit zu Zeit mal ins Auktionshaus zu sehen. Ich muss niemandem darüber Rechenschaft ablegen.
Ich arbeite im Spiel für mein Gold. Ich bin niemandem etwas schuldig. Kein Gold, keine Gegenstände, nichts.
Wer Geschenke erwartet oder neidisch darauf ist, wenn ich jemand anderem etwas schenke, der hat selber ein gewaltiges Problem.
Ich entscheide, für wen ich mein Gold ausgebe, mit wem ich meine Freizeit verbringe, für wen ich etwas tue. 

Ein besonderer Punkt: Freizeit. Es ist meine Freizeit. Auch wenn viele Menschen es nicht glauben oder mir gerne unter die Nase reiben, dass sie im Gegensatz zu mir ja ach so früh aufstehen und arbeiten müssten, es ist meine Freizeit und davon habe ich nicht allzu viel.
Wenn ich im Spiel eingeloggt bin, bin ich darum nicht einfach verfügbar.
Ich möchte genauso gefragt werden wie jeder andere auch.
Wenn ich etwas tue, fühle ich mich nicht verpflichtet, alle Spieler, die online sind, mitzunehmen. Ich bin kein Reiseunternehmen. Ich spiele gerne mit anderen zusammen, aber ich muss mir deswegen weder Seitenhiebe noch blöde Bemerkungen noch passiv aggressive Vorwürfe anhören, wenn sich jemand ausgegrenzt fühlt, nur weil ihm nicht der Hintern hinterhergetragen wird. 

Wir sind alle erwachsen, jeder ist für seinen Spaß selbst verantwortlich.

Jeder spielt anders.
Ich spiele gerne nach dem Leistungsprinzip.
Ich mag auch chillige Runs und wipen ist nicht mein Problem, wenn der Rahmen klar ist.

Wenn ich aber auf der einen Seite nach jedem Kampf gerne warte, bis jeder sein Spielzeug ausgepackt, sein Tier gewechselt, drei Screenshots gemacht und seine Ausrüstung andersrum angezogen hat, dann erwarte ich auf der anderen Seite auch, dass akzeptiert wird, dass ich durchaus abschätzen kann, dass Menschen, die sich weder um Bufffood, Stärkungszauber, Fläschchen Spielmechaniken, Bosstaktiken und Co. kümmern und Instanzen nur als netten Ausflug einer vor sich hinstolpernden Ansammlung von Gelegenheitsspielern betrachten, im Endcontent nichts zu suchen haben, ich ihn aber trotzdem spielen möchte.
Nur dann eben ohne sie.
Die Vorwürfe dazu kann jeder dort stecken lassen, wo sie hingehören.

Es ist wie im wahren Leben: Wer immer nur alles geschenkt bekommen will, ohne auch nur ansatzweise etwas dafür zu tun, der wird unweigerlich enttäuscht werden.

Ich liebe meine Mitspieler und ich schätze ihre Unterschiedlichkeit und auch ihre Andersartigkeit, wenngleich ich viele Verhaltensweisen und Befindlichkeiten auch nicht nachvollziehen kann.
Aber das muss ich ja auch gar nicht.

Respekt reicht in den allermeisten Fällen völlig aus.

Am dicken Fell werde ich auch weiterhin arbeiten, denn es ist mein Spiel und es ist meine geliebte bunte Welt.
Die lasse ich mir kein zweites Mal kaputt machen.

Kati 19.01.2021, 15.00| (2/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Azeroth

Nachwuchs

Es ist manchmal schwer zu erklären, warum man gegen Kaninchenzucht ist, aber trotzdem Nachwuchs bekommt.

Mein Anspruch in der Kaninchenhaltung ist es, eine funktionierende Großgruppe zu erhalten, die aufgrund ihrer guten Sozialisierung auch Sonderlinge mitträgt.

Wir übernehmen immer wieder Tiere von anderen Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen nicht mehr kümmern können oder wollen und oft stammen diese Tiere aus Zoohandlungen, sind zu früh von der Mutter getrennt worden oder haben aufgrund von Einzelhaltung schwere Verhaltensstörungen entwickelt, die es kaum noch möglich machen, sie in eine Gruppe zu integrieren. Eine Vergesellschaftung ist für alle beteiligten Tiere großer Stress. Wenn ein Sonderling in die Gruppe kommt, der einfachste soziale Verhaltensweisen wie Unterwerfung nicht kennt, kann das bei diesen Tieren schnell in ein Blutbad ausarten. Ich muss mir also sehr genau überlegen, wen meine Gruppe mittragen kann.

Das geht auch schon mal schief, natürlich. Wir hatten lange einen kleinen Kastraten dabei, der sich an keine Verhaltensregeln hielt. Immer wieder schlafende Kaninchen biss, sich erst unterwarf und dann fast gleichzeitig angriff, der Beschwichtigungsgesten ignorierte.
Das artet in Stress für alle aus.
Schweren Herzens habe ich dieses Tier wieder aus der Gruppe genommen und zu einem unkastrierten Männchen gesetzt, das wir zeitgleich von jemandem übernommen haben.

Und plötzlich funktionierte die Gruppe wieder einwandfrei. Die Harmonie war wiederhergestellt, die Tiere kamen abends wieder gerne in den Stall, weil sie keine Angst mehr haben mussten, dass der fiese Kleine wieder schlafende Kaninchen beißt. Wir können also auch unter besten Voraussetzungen nicht alle Verhaltensstörungen abfangen. Das entsprechende Tier sitzt nun in einer harmonischen Zweier-WG mit diesem anderen Männchen und hat seine Marotten abgelegt. Vielleicht können wir in der Zukunft noch einmal über einen Versuch in der Großgruppe nachdenken.

In einem weiteren Stall sitzt ein Angorahase, den wir im Sommer übernommen haben. Einzelhaltung, schlechter Zustand, keine Sozialisation. Er ist nun kastriert und soweit hochgepäppelt, dass wir die Zusammenführung mit der Gruppe planen können.

Der Großteil dieser Gruppe muss allerdings zwingend aus vernünftig sozialisierten Kaninchen bestehen, die es verkraften, wenn einer die Regeln eben nicht kennt, sich aber bemüht. Ich brauche verständige Tiere, die mit Geduld und Langmut ertragen können, wenn ein paar Andere aus der Reihe tanzen. Eine solche Gruppe kann nicht jedes Jahr neu zusammengewürfelt werden, sondern muss wachsen.Wenn eine Generation so alt ist, dass die verbleibende Zeit absehbar ist, dann muss das Fortbestehen mit sozial stabilen Tieren trotzdem gesichert sein.
Aus diesem Grund gibt es hier seltene Nachzuchten.

In diesem Fall ist die Mutter ein Tier, das bereits in unserem Stall geboren und in einer funktionierenden Großgruppe sozialisiert wurde, eine zweijährige selbstbewusste Kaninchendame mit Neugierde, vielen diplomatischen Fähigkeiten und guten Genen - der Vater ein geduldiger und etwas dusseliger Rammler, der das Herz auf dem rechten Fleck hat.

Die beiden Milchkekse, die gestern Nacht geboren wurden, dürfen bei uns aufwachsen und tragen dazu bei, dass die Gruppe tragfähig und belastbar bleibt.

Und ich freue mich unendlich, gleich zwei so wunderbare Babys mit derart guten Erbanlagen vom Leben geschenkt bekommen zu haben.

Kati 13.10.2020, 09.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: tierisch

Von der Freiheit

Das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben beinhaltet das Recht auf einen selbstbestimmten Tod.

Auch während der Veränderung vieler moralischer Wertvorstellungen im Laufe meines Lebens blieb dieser Punkt für mich persönlich ethisch immer unangreifbar.

Der frei gewählte Tod ist ein Menschenrecht.
Menschen zu zwingen, auf entwürdigende oder schmerzhafte Art und Weise ihr Leben zu beenden, ist einfach nur grausam.

Wir brauchen Möglichkeiten, Menschen für diese Entscheidung ein sicheres Hilfsmittel an die Hand zu geben. Letzten Endes kann und darf diese Entscheidung nur ein Mensch für sich selber treffen. Seit ich klein war, habe ich die verschiedensten Gründe für diesen Weg gehört. Angst vor dem Altsein oder vor Schmerzen. Auch die Variante, auf dem gefühlten Höhepunkt des Lebens gehen zu wollen, war dabei. Meistens drehte es sich allerdings um das Gefühl, die letzten Jahre seines Lebens nicht in Hilflosigkeit und Abhängigkeit von anderen verbringen zu wollen.

Ich habe an meiner Großmutter schmerzlich erfahren müssen, wie qualvoll sterben sein kann. Über Jahre hinweg. Mit dem offen kommunizierten und ausdauernden Wunsch, bitte doch einfach nur endlich sterben zu wollen.

Wie oft hat sie mich gebeten, ihr zu helfen und ich konnte nicht.
Ich konnte einfach nicht, weil es hier keine Möglichkeit gibt, jemandem diesen Wunsch zu erfüllen, ohne sich selber eines schweren Verbrechens schuldig zu machen.
In Absprache mit dem Arzt habe ich ihr dabei geholfen, diesen Weg hier bei uns im geschützen Rahmen selber zu gehen. Er hat ihr genau erklärt, welche Tabletten für das Fortbestehen ihres Lebens unerlässlich sind und dass niemand sie zwingen kann, diese Tabletten zu nehmen.
Wir haben sie auf diesem Weg begleitet und es war eines der schwersten Dinge, die ich jemals ertragen musste.
Der langsame und qualvolle Verfall, der nur mit Unmengen an Schmerzmitteln erträglich wurde.

Mein Vater hat immer klar kommuniziert, dass er dieses Leben beenden wird, wenn er zu krank ist, um alleine das Leben seiner Wahl zu führen.

Ich kenne die genauen Kriterien für diese Entscheidung und ich weiß, wie er sich das Leben nehmen wird. Ich habe keine Angst davor, weil ich weiß, dass dies der letzte Akt und Ausdruck dessen ist, was er für richtig hält. Der Inbegriff von Freiheit und Selbstbestimmung. Es ist egal, wie ich darüber denke. Es ist nicht mein Leben.
Er lebt alleine, abgeschieden von jeder Zivilisation und Krebs ist ein Thema.
Inzwischen auch ohne ärztliche Begleitung, weil er die ablehnt.
Ich weiß, dass jeder Austausch der Letzte sein kann.

Es macht mich achtsam - und unglaublich dankbar, diese Chance mit ihm noch bekommen zu haben.

Kati 23.09.2020, 12.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Ein unmoralisches Angebot

Ich habe in meinem Leben viele außergewöhnliche Angebote abgelehnt.
Es gab da allerdings diesen älteren französischen Geschäftsmann, der oft bei uns zu Gast war. Ein charismatischer Mann mit dem Ego eines ruhigen, tiefen Sees.
Alles an ihm strahlte Souveränität, Erfahrung und Männlichkeit aus.

Er plauderte nett mit mir am Telefon, flirtete charmant, kam pünktlich, war höflich und während er mit den ein bis zehn gebuchten Damen verschwand, unterhielt ich mich ebenso nett mit seinen Bodyguards, die bei mir meistens eine Cola tranken, Zigarette rauchten und eine sympathische Schwäche für den neuesten Klatsch aus Königshäusern hatten.

Wie immer ging nach drei Stunden die Tür auf und er sah genauso perfekt aus wie bei seiner Ankunft. Frisch geduscht, mit einem Geruch wie Himmel und Erde gleichzeitig.
An diesem Tag trat er dicht vor mich, sah mir tief in die Augen und flüsterte: Ich würde Ihnen alles bezahlen, was Sie verlangen, wenn ich mit Ihnen schlafen dürfte.

Ich lächelte. Dieser französische Akzent würde mich irgendwann noch mal umbringen. Nein, sagte ich. Ich weiß nicht, ob ich ihm jemals hätte widerstehen können, wenn er mir kein Geld geboten hätte. Ich vermute nicht. Aber so funktionierte seine Welt eben. Ein Telefonat, heute Abend? Nur Sie und ich? Ich lasse Ihnen jetzt das Gleiche da, was ich für mein amusement eben bezahlt habe und dafür erzählen Sie mir heute Abend eine Gute-Nacht-Geschichte? Nichts... Eindeutiges. Nur Ihre Stimme.
Ich habe das Geld genommen. Es war ein Monatsverdienst. Und es war tatsächlich eine Gute-Nacht-Geschichte. Er war immer der perfekte Gentleman. 

Mit der Zeit wurden wir vertrauter miteinander. Wir telefonierten mehrmals die Woche, zusätzlich zu seinen Besuchen im Etablissement. Und nach einigen Monaten offenbarte er mir seinen drängendsten Wunsch: Er wollte mit mir zu Abend essen, ein Candlelight Dinner. Er würde seinen Privatkoch herbringen lassen. Und um uns herum würden Menschen Sex haben. Die Summe, die er mir dafür bot, war genug Geld, um für ein Jahr meinen Lebensstandard zu halten.

Das berufliche Leben dieser Zeit ließ mich in eine ganz andere Welt eintauchen als die, in der ich meinen Alltag lebte und ich genoss jede Sekunde davon. Alles war so lebendig, so intensiv, so sünd- und lasterhaft, eine Parallelwelt neben meiner. Ich hatte die Verbindung dieser beiden Welten durch unsere Telefonate bereits zugelassen, zögerte nun aber, den nächsten Schritt zu gehen. Die immer höher werdende Summe und meine Abenteuerlust ließen mich schließlich ja sagen. 

Und so saß ich am mit Abstand seltsamsten Abend meines Lebens in voller Abendgarderobe, hochgesteckten Haaren, Diamanten um den Hals und einem Glas Champagner in der Hand an einem Tisch, aß das Essen eines Sternekochs, hörte eine Klaviersonate von Mozart und unterhielt mich angeregt mit dem attraktivsten Mann, den ich bis dahin kennengelernt hatte über charmante Belanglosigkeiten, während um uns herum Menschen miteinander Sex hatten.

Als ich diesem Leben den Rücken kehrte, bedauerte ich den Abschied von ihm am meisten.

Kati 21.09.2020, 10.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Drahtseil

Einmal im Monat klingelt hier das Telefon mit einer Nummer, die mir Schauer über den Rücken jagt. Zwei oder dreimal im Jahr nehme ich dieses Gespräch an.
Heute war so ein Tag. 

Ein Mensch mit meiner schieren Anzahl an Persönlichkeitsstörungen und Diagnosen findet außerhalb von Psychiatrien selten jemanden, der einen ähnlich langen Weg hatte. Schon gar niemanden, der ein auch nur annähernd vergleichbares Leben gewählt hat wie ich.

Sie sind so ein Mensch. 

Ein Gleicher, im schlechtesten Sinne. Und es triggert schon ihre Stimme alle Anteile nach oben. Auch die, die immer unter Verschluss sind. Die Morbiden, die Hässlichen, die Gewalttätigen, die Psychopathischen, die Sadistischen.
Wir haben keine Zeit für Floskeln.
Eine Stunde, maximal eineinhalb Stunden wird auch dieses Gespräch wieder dauern.
Dann bin ich zu erschöpft von der Energie, die es meiner Seele abverlangt, alle Wächter auszuschalten. 

Ich melde mich. Wir schweigen. Wir wissen. Wir sammeln uns. Zwischen uns darf alles ausgesprochen werden. Auch jene Worte jenseits jeden Anstands, jeder Moral und jeder Ethik. Die Welt schrumpft auf den zähen Morast unserer Verbindung. Sie bewegt sich auch im Alltag in einer destruktiven und sadistischen Welt und ist deutlich stärker als ich, einige Dinge auszuhalten. Ich weiß, dass sie jedes Licht in sich aufsaugt, das ich ihr zugestehe. Ich weiß, ich bin gleich leer. Ausgebrannt. Zu Tode erschöpft. Aber auch für einen Moment eins, wo sonst nur 1000 Scherben sind.

Erzähl mir, wie es dir geht. 

Und ich rede. Zerstörerisch. Alles vernichtend. Da ist keine Liebe. Nur Hass. Nur Schwärze. Worte, die niemals sonst über meine Lippen kämen. Es ist roh, es tut weh. Und sie treffen auf einen Resonanzboden. Da ist kein Urteil, keine Wertung, kein Rat, nur Verstärkung. Sie nimmt mich unbarmherzig auseinander, zwingt mich, meine Beweggründe zu analysieren, reißt mir die wohlformulierende Fratze des Alltags vom Herzen und sticht dort hinein, wo es wehtut. Ich sehe mich nie so klar wie in diesen Momenten. Das kann keine Supervision, keine Therapie, keine Freundschaft, keine Liebe, das kann nur ein Gleicher. 

Meine Kräfte schwinden. Der schlimmste Teil kommt erst noch. Ich höre von der Gewalt in ihren Beziehungen. Zu Männern, Kindern, Frauen. Sich selbst gegenüber. Ich habe keine Möglichkeit zur Dissoziation mehr und jedes Bild wird von mir durchlebt, erlebt. Bin Täter, Opfer, Kind, Mutter, erlebe und tue Unaussprechliches. 
Wir sind eins in diesen Momenten und ich spüre immer deutlicher, dass ich die Verbindung beenden muss, wenn ich wieder zurückwill. 

Ich habe mich vor unendlich langer Zeit für die andere Seite entschieden. 
Sie will dort nicht hin. 
Sie ist ich, ich bin sie, auf unterschiedlichen Ausprägungen eines Lebens, das uns das Furchtbarste angetan hat, das ein Mensch ertragen muss. 
Sie braucht die Dunkelheit wie ich das Licht brauche. Wenn wir uns in der Mitte treffen, erhaschen wir einen Blick auf die jeweils andere Seite unserer Entscheidungen. 

Ich kann nicht mehr
- Ist gut. 
Ich liebe dich, sage ich. Und meine uns alle. 
- Ich liebe dich auch, sagt sie. Und meint uns alle. 
Bis zum nächsten Mal, flüstere ich. 
-In zwanzig Jahren werden wir lachen, flüstert sie zurück. 
Ja, sage ich. 

Und dann legen wir auf.

Kati 18.09.2020, 11.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

18

Meine Tochter.

Ich habe dich mein ganzes Leben lang ersehnt.
Dich geliebt, lange bevor du geboren wurdest.

Heute wirst du 18.
Volljährig. 

Du bist der schönste Mensch auf dieser Welt, dein Lachen klingt wie Musik in meinen Ohren, dein Herz ist groß und voller Neugier auf und voller Liebe für dieses Leben.

Dein erster Name für deinen Körper bedeutet Anmut – und du tanzt tatsächlich voller Eleganz und Anmut durch dein Leben, willst es zu deinem Beruf machen. 

Dein zweiter Name für deinen Geist bedeutet Weisheit – du vereinst unendlich viel Wissen, Gaben und Talente in dir, besitzt einen hellwachen und scharfen Verstand mit einer großen Portion Mitgefühl.

Dein dritter Name für deine Seele bedeutet Stein, der brennt – und er könnte passender nicht sein. In dir lodert ein Feuer, ganz tief und es brennt hell und heiß, aber nicht alles verzehrend. Niemandem ist es möglich, diese Flamme zu ersticken, vergiss das nicht. 

Was ich dir wünsche? 

Flieg hoch - so hoch du kannst.
Hör immer auf deinen Bauch.
Bereue nichts.


Kati 04.09.2020, 08.20| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe an...

Die Luft ist raus

Das Adrenalin auch. Was mache ich nun mit meinen Erkenntnissen? Erstmal in Ruhe durch meine Gedanken bewegen.

Das Bild, das gestern gezeichnet wurde, wirft noch mal ein ganz anderes Licht auf so Vieles, das ich bislang klar erkannt zu haben glaubte.

Ich halte Dinge meiner Großeltern in Händen, für die ich unglaublich dankbar bin. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Dinge, die mit ihnen zu tun haben und die an schicksalhafte Fügungen erinnern, immer zu Zeiten kommen, in denen ich sie tatsächlich brauche, sie mir guttun und mir helfen, nicht durchzudrehen.

Ich kämpfe noch etwas mit der persönlichen Begegnung. Jemand, der meinen Fluchtimpuls auslöst, betritt diesen Ort normalerweise nicht. Es war mit dem Schild in Form des Mannes auszuhalten, aber nicht schön.

So oder so. Es ist vorbei.
Ob der Aufruhr in mir nun wieder in der Versenkung verschwinden darf, werde ich sehen.
Jetzt erst mal durchatmen und nicht mehr 24 Stunden am Tag in Adrenalin baden.
Das ist ja auch schon mal was.

Kati 01.09.2020, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Dünnes Eis

Die Nerven liegen blank.

Ich bin jedes nur denkbare Szenario im Kopf hundertfach durchgegangen.
Gleichzeitig werden die Erinnerungslücken im Alltag größer.

Irgendetwas ist da massiv getriggert worden und ich komme weder dem Mechanismus noch der entsprechenden Programmierung wirklich näher.
Wie ich es drehe und wende, ich komme nicht heran und auch wenn ich diese großen schwarzen Löcher in meiner Erinnerung kenne, vor denen ich jederzeit stehen kann und die ich weder anfassen, umrunden noch irgendwie deren Inhalt erahnen kann, ist das momentan sehr unbefriedigend.
Manchmal platzt eines auf, das ist aber meistens noch verheerender.

Es gibt einen Grund für unerreichbare Erinnerungen.
Und wann immer ich die die verstörende Erfahrung gemacht habe, dass ein weiterer Teil meiner Vergangenheit plötzlich für mich erreichbar war (die Therapeuten haben dann voller Euphorie davon gesprochen, dass ich nun bereit sei, diese Dinge zu verarbeiten; was mal mehr, mal weniger schlecht funktioniert, wenn man vor Entsetzen entweder nicht mehr handlungsfähig ist oder dieses mit einer weiteren Abspaltung einhergeht), war das rückblickend betrachtet immer etwas, auf das ich gerne verzichtet hätte.
Eine Dinge bleiben besser im Verborgenen und vielleicht ist das gut für mich.
Aber wahrscheinlich nicht für den Teil von mir, der sie erlebt hat.
Ich weiß, dass dieser Aspekt (und gerade die fehlenden Monate und Jahre) einer tickenden Zeitbombe ähnelt, die sich irgendwo mitten in meinem Gehirn befindet und die jederzeit losgehen kann.
Oder eben auch nicht.
Wenn ich Glück habe, bleibt es mir erspart.
Wenn ich Pech habe, auch.

Die jetzige Situation, die auch aus anderen Gründen ohnehin angespannt ist, sorgt für einen holprigen Alltag. Manchmal ist es plötzlich 12 Uhr und ich weiß nicht, was ich bis dahin getan habe, seit die Kinder das Haus verließen. Manchmal wache ich morgens auf und es fühlt sich nicht an, als wäre ich die ganze Zeit im Bett gewesen.
Es ist lange her, dass ich so zerfasert war.
Ich habe Strategien, mich oben zu halten, aber die meisten davon sind schmerzhaft und mit hohem Energieaufwand verbunden.
Ich mache drei Kreuze, wenn sich diese Situation geklärt hat.

Kati 28.08.2020, 11.00| (2/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Der süße Teufelskreis

Ich bin ein extrem gewalttätiger Mensch.
Schon immer gewesen.
Ich kann hart, schnell und vernichtend zuschlagen und das ist nicht metaphorisch gemeint.

Vor 18 Jahren trat ungeplant ein Wesen in meine Welt, das alles auf den Kopf stellte, was ich bis dahin kannte. Liebe, bis dahin ein theoretisches Konstrukt, das ich maximal als Deckmäntelchen für missbräuchliche Beziehungen benutzt habe, bekam plötzlich einen Namen und ein Gesicht. Im Augenblick ihrer Geburt wusste ich, dass ich dieses kleine Wesen mit meinem Leben schützen würde.
Auch gegen mich selber.

Da wir nicht in einem rosaroten Film leben, war meine Aggressivität leider nicht einfach weg. Sie ist ein Teil von mir und wird es immer sein. Aber dieser Teil meiner Seele, der in meinem Kind plötzlich außerhalb meiner Selbst existierte, trat in einen unerbittlichen Wettstreit mit mir selbst. Ich wusste, ich würde niemals die Hand gegen diesen Menschen erheben können. Und das habe ich auch nie, gegen keines meiner Kinder.
Das heißt nicht, dass ich niemals das Bedürfnis hatte, es zu tun.
Im Gegenteil. Vermutlich wäre das auch zu einfach gewesen.

Meine Kinder verstehen es meisterhaft, mich innerhalb kürzester Zeit zur Weißglut zu treiben. Wie alle anderen Kinder testen sie Grenzen und pieken instinktiv dort, wo es wehtut. Gewalt ist meine erlernte und früher immer erfolgreiche Antwort, aber keine Lösung innerhalb dieser Mutter-Kind-Beziehungen.

Gleichwohl lodert in mir ein Jähzorn, der ununterbrochenen Fokus und Disziplin benötigt, um nicht unkontrolliert aus mir herauszubrechen. Was als Strategie bleibt, ist eine gewisse innere Distanz, sehr viel schwarzer Humor und ... essen.

Ich habe auch aus anderen Gründen kein normales Verhältnis zur Nahrungsaufnahme, aber hier ist das Prinzip schlicht und einfach: Zucker macht glücklich, viel Zucker macht sehr glücklich und betäubt vor allem den schreienden Hass, der in mir wohnt.

Aus vielen gesundheitlichen Gründen komme ich nun an meine Grenzen, was diesen Lösungsansatz angeht.

Also habe ich beschlossen, dass ich inzwischen über genug Abstand, Fähigkeiten und ausreichend alte Kinder verfüge, dass ich aus diesem Teufelskreis ausbrechen kann. Ich kann mich aus Situationen herausnehmen, ohne ein hilfloses Kind im Stich zu lassen. Ich kann auch räumlich auf Abstand gehen, ohne dass gleich eine Katastrophe passiert. Ich muss nicht mehr essen, um präsent zu bleiben und dabei niemanden zu verletzen.
Wie alle jahrzehntelang erprobten und für gut befundenen Mechanismen ist auch dieser hier nur schwer zu bekämpfen.

Mein eigenes Arbeitszimmer war ein guter Schritt in diese Richtung.
Ich kann mich in einen ganz eigenen Raum zurückziehen, wenn es mir zuviel wird.
Dort kann ich durchatmen, Abstand gewinnen und mich fokussieren.

Ich habe elementaren Hunger auf mehr als nur Zucker und das ist nach all den Jahren unter gedämpfter Wahrnehmung schwer auszuhalten.
Mein Körper macht das hervorragend, mein Geist kämpft.
Jeden Tag, jeden Moment.

Die Gier nach echter körperlicher Konfrontation, wie ich sie immer geliebt habe, geifert an manchen Tagen fast unerträglich nach einem Opfer.

Ich kann das aushalten.

Und ich werde das aushalten.

Kati 26.08.2020, 15.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Eiertanz

Innerlich schreiend im Kreis rennen ist etwas, das ich höllisch gut kann.
Die letzten Tage waren ziemlich schlimm in dieser Hinsicht, aber inzwischen habe ich mich soweit sortiert, dass ich fast so etwas wie gespannt bin, was jetzt kommt. Ich habe alle kryptischen Nachrichten entschlüsselt, alles von dem, was nach dem Senden sofort wieder gelöscht wurde, zumindest geistig abgespeichert und der Mann hat Urlaub, damit ich nicht alleine gehen muss, wenn Zeit und Ort übermittelt werden.
Funkstille jetzt. Ruhe. Vor dem Sturm? 

Vielleicht liege ich total falsch, aber ich glaube, zumindest die ungefähre Richtung habe ich. Vor meinem inneren Auge ziehen so viele aufgerührte Erinnerungen vorbei, dass ich mich im Alltag durch massives Hintergrundrauschen bewege. Tausend Eindrücke, Momente, Fragmente schwirren in meinem Kopf herum und ich taste mich wie durch ein Minenfeld an den Dissoziationsauslösern vorbei.

Das Einzige, das ich tatsächlich nicht brauchen kann, ist der Wechsel zu Jemandem, den ich seit 25 Jahren nicht mehr gesehen habe.

Kati 25.08.2020, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Feuer!

Der übereifrige Rauchmelder, der heute Nacht um 02:30 Uhr mal Probealarm auslöste, hat mir einige Flashbacks beschert. Das ist der Gesamtsituation gerade nicht zuträglich.

Und auch, wenn ich natürlich sofort im Hier und Jetzt bin - 60 Sekunden haben wir Zeit: Hund aus Schlafzimmerbox lassen, Kinder beim Namen laut rufen, der Nase einen Moment Zeit geben, sich zu orientieren, den Rauchmelder ausfindig machen, nebenher anziehen und sich währenddessen klar und deutlich mit dem Mann absprechen – so ist doch nach wie vor meine Konditionierung so stark, dass nebenher das Szenario einer Parallelzeit abläuft.

Die Alarme, mit denen ich in meiner Kindheit nachts aus dem Schlaf gerissen wurde, waren ganz unterschiedlich. Feuer, Angriff, Flucht.
In der Sekunde, in der man die Augen aufschlägt, hat das Gehirn schon unendlich viele Informationen verarbeitet.

Griff mein Vater an, um meine Reflexe zu testen? War es Feueralarm? Welcher Weg war offen? Musste ich das Feuer löschen oder wieder übers Dach in den Garten zum Treffpunkt? Wie lautete die Aufgabe? Musste ich auf dem Weg noch Gegenstände mitnehmen, um den Test zu bestehen?
Das alles erforderte vor allem Entscheidungen in Sekundenbruchteilen, etwas, das ich auch heute noch sehr gut kann.

Nichtsdestotrotz ist Feuer eines meiner größten Katastrophenszenarien.
Ich bin in brennenden Räumen gewesen und kenne den Moment kurz vor dem Ersticken zu gut.
Ich kenne Brandwunden und ich kenne ihren beißenden Schmerz, der sich mit nichts anderem vergleichen lässt.

Ich fühle mich nach der Nacht heute entsprechend gerädert, auch wenn gar nichts passiert ist.
Diese Erinnerungen zehren stark an meinen Kräften, die ich momentan für ganz andere Dinge bräuchte.

Kati 24.08.2020, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Wahl

Je tiefer der Morast wird, je unebener der Weg, je höher die Gipfel, desto mehr Worte braucht es, die Welt zu bändigen. Der Text als formbares Element in einer unformbar wogenden Mischung aus Hilflosigkeit, Erinnerung, Erfahrung, Fähigkeiten und Chaos. Der Alltag als Erdung, jede Pause als Sog in den reißenden Strudel der eigenen Gedanken.

Die Erkenntnis ist der entscheidende erste Schritt. Hier werden meine Programmierungen aufgerufen, hier triggert die Konditionierung. Ich bin wieder das dressierte Äffchen, der Pawlowsche Hund einer Kindheit, in der alles darauf ausgerichtet war, so viel Fähigkeiten, so viel Erfahrungen, so viel Wissen, so viel Funktionalität wie nur irgend möglich zu erreichen.

Mein unperfektes und langweiliges heutiges Leben, das allem entspricht, was ich niemals werden sollte, ermöglicht mir den Schritt zurück und den Blick auf mich selber. Ich kann und darf einfach innehalten und mir die Situation ansehen. Muss mich nicht von Adrenalin überschwemmen lassen, muss nicht funktionieren, muss nicht springen, nur weil das Stöckchen da ist.

Ich habe die Wahl, ob ich zu diesem Treffen gehe. Kann mich frei entscheiden. Muss mich weder an Regeln, die ich nicht selber aufgestellt habe, halten, noch überhaupt irgendetwas tun, was mir nicht gut tut. Muss den Text nicht entschlüsseln, kann das Geheimnis dort lassen, wo es gerade ist und kann auch entscheiden, dass mich das alles überhaupt nicht interessiert.

Und wenn ich gehe, dann nicht allein, wie gefordert.

Ich bin nämlich nicht mehr allein auf dieser Welt.
Ich habe den mächtigsten Wächter der Welt an meiner Seite.
Den einen Menschen, der alles gesehen hat und alles wissen darf.

Ich bin nicht mehr alleine.

Kati 22.08.2020, 08.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Das gibts nur in Filmen

Ich weiß nicht, wann ich das erste Mal jemanden, mit dem ich vorher am Tisch saß, in den Nachrichten wiedererkannte.
Ich denke, das muss so Mitte der 80er Jahre gewesen sein.
Natürlich habe ich diese Menschen verwechselt.
Manchmal nicht genau hingesehen, mir das eingebildet oder war wahlweise einfach nur ein dummes Kind, das keine Ahnung hatte.

Ich verstummte zuhause schnell und vertraute mich irgendwann Jahre später meiner besten Freundin an, als wir im Geschichts- und Politikunterricht auch über aktuelles Zeitgeschehen sprachen.
Sie hat mich ausgelacht und mir versichert, dass ich ja immer so unterhaltsam und originell sei. Das war mein Stempel und meine Schublade. Ein Phantast.
Charmant, ja. Charismatisch, ja. Unterhaltsam, sicherlich. Aber leider irre.

Die Bezeichnung Lügner wurde in meiner Familie inflationär benutzt, ohne das Wort jemals auch nur auszusprechen. Ich habe gelogen, wenn ich auf einen Missstand aufmerksam machte, ich habe natürlich auch in der Schule gelogen, als ich meinem Vertrauenslehrer anvertraute, ich würde zuhause bedroht, mein Vater sei ein Soziopath, ein schwerer Alkoholiker und gewalttätig, komische Menschen kämen in unser Haus und meine Eltern stünden kurz vor der Scheidung, weil mein Vater mal wieder eine Affäre hatte.

Der erfolgreiche Mann im Anzug, den jeder kannte und der Unmengen an Geld an die Schule spendete, brauchte sich niemals rechtfertigen. Es reichte, wenn er eine Augenbraue hochzog und fragte, ob ich wieder Geschichten erzählen würde. Ja, natürlich, nickte der Vertrauenslehrer dann mit einem verständigen Blick zu ihm und einem mitleidigen Blick auf mich.

An den meisten Tagen wusste ich selbst nicht mehr, ob ich mir nicht vielleicht doch alles nur einbilden würde.
Das prägt ein Kind.
Und das eigene Selbstbild.
Ich sah Menschen in Fernsehen und Zeitungen, mit denen ich in Restaurants gegessen habe und die mir übers Haar gestrichen hatten.
Ich erklärte mir selber, ich dürfte meiner Wahrnehmung niemals trauen, egal was passiert.
Ich hielt mich für verrückt und hoffte einfach nur, nicht irgendwann Amok zu laufen, weil die Stimme in meinem Kopf so laut das Gegenteil behauptete. 

Es war nicht die Erkenntnis. Es waren mehrere.
Die rasiermesserscharfen Shuriken, mit denen mir als Vorschulkind von der Kollegin meines Vaters das Werfen beigebracht wurde und die sie mir als Geschenk überreichte, bevor sie verschwand und ich sie nie wiedersah.
Die Waffen in unserem Haus.
Der eine Sommer, in dem ich plötzlich aus der Schule genommen wurde, weil unsere gesamte Familie dabei sein musste, als in Stockholm ein wichtiges Treffen war. Wie ich in Stockholm entweder in einem Hotel voller Männer mit Anzügen herumlief oder in Begleitung von 5 gigantischen Männern und meiner Mutter durch die Stockholmer Innenstadt bummelte.
Die Treffen bei uns zuhause, die dunklen Limousinen, die vor unserem Haus parkten.
Die vielen, unendlich vielen Männer in Anzügen, die mir Sätze in ihren Sprachen beibrachten.
Die Tracht Prügel, als ich vergaß, meinen Blick gesenkt zu halten und mich vor unserem Gast zu verbeugen und stattdessen mit hocherhobenem Kinn meine Hand ausstreckte und mich mit meinem Namen vorstellte. 
Mutig., sagte er damals in seiner Sprache und ich verstand das erst, als ich ihn als Erwachsene in der Zeitung wiedersah, weil man seine Leiche gefunden hatte.

Mein Leben kam mir immer wie ein 100.000-Teile Puzzle vor, das ich ohne jede Vorlage zusammensetzen muss.
Ich habe inzwischen einen großen Teil geschafft, aber davon, das Bild zu erkennen, bin ich noch unendlich weit entfernt.

Kati 21.08.2020, 08.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

4 Jahre Ludwig

Mein geliebter Bär.
Mein Lulu.
Mein Kuschelbaby.
Mein Koloss.
Mein Ludwig. 

Du kamst in einer Zeit des Umbruchs zu uns.
Wir hatten gerade die Zusatzkinder aufgenommen und ich klammerte mich wie eine Ertrinkende an einen Hoffnungszweig, der mir etwas inneren Frieden schenken sollte. Nicht lange vorher haben wir uns schweren Herzens gegen Hundehaltung entschieden, obwohl wir bereits einen Welpen in Aussicht hatten.
Aber nach Monaten im neuen Familiengefüge und mitten in einem größeren Nervenzusammenbruch war klar, dass ich eine Insel im Alltag brauche.

Und dann habe ich dein Foto gesehen. Du warst viel älter, als ich eigentlich wollte, aber es war etwas an dir, das mich nicht mehr losließ.
Also wagten wir den Sprung.

Und dann war unser Zusammenwachsen eine einzige Enttäuschung.
Stress pur.
Wo ich kuscheln wollte, wolltest du beißen, wo ich Ruhe brauchte, sprangst du vehement auf mir herum, hast meine Sachen zerstört, alles vollgepinkelt, warst garstig und unbelehrbar und eine Katastrophe auf vier Pfoten.
Ich habe lange Zeit gebraucht, um zu verstehen, dass das das Einzige war, das mich durch diese Zeit gebracht hat.
Dein Anspruch an mich.
Für dich bin ich das ganze Universum.
Und wannimmer ich weinend auf dem Boden saß und nicht mehr konnte, warst du da.
Vor niemandem sonst konnte ich zusammenbrechen. Nur vor dir.
Und du warst da. Immer. 
Deine feuchte Nase, dein unbelehrbarer Dickkopf, deine Aufmerksamkeit, deine Liebe.
Deine Liebe... 

Ich war vor dir schon Hundehalter, aber diese Seelenverwandtschaft zu einem Tier, die hast erst du mir gezeigt.
Diese Momente, in denen wir in der Arbeit zu einer Einheit zusammenschrumpfen, du mit deinen Antennen für jede meiner Stimmungen, ahnst Befehle oft früher als ich sie geben kann, doch wartest immer geduldig auf den einen Moment, in dem ich dich frei gebe.

Du bist ein Berserker mit einer Zärtlichkeit, die mir den Atem raubt.
Raues Spiel ist dir nur mit mir erlaubt und ich weiß, ich sehe nur einen winzigen Ausblick auf deine wahren Kraft, selbst wenn ich einige Male sehr ungünstig zwischen deinen Kiefern hing.
Es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde, bis du dir gewahr wirst, dass du aus Versehen mich mit erwischt hast. 

Deine Liebe zu mir ist unendlich. Meine zu dir auch. 

Du hast lange gebraucht, um erwachsen zu werden und durftest dir Zeit lassen.
Nun, mit 4 Jahren bist du ein unglaublich reifer Hund.
Einer, der nachdenkt, bevor er handelt.
Der auch aus Gründen Gehorsam verweigern kann.
Ich schätze es sehr an dir, dass du nichts versuchst, was du dir selber nicht zutraust.

Du hast einen sehr wachen Beschützerinstinkt.
Ich habe dich einmal im Angriff gesehen und mir gefror das Blut in den Adern.
Einmal nur.
Jemand kam einfach auf unser Grundstück, hat mich und dich überrascht und du bist in vollem Lauf von der obersten Treppenstufe mit maximaler Geschwindigkeit auf diesen Mann zugeschossen.
Es war meine Stimme, die dich gestoppt hat.
Mitten im Sprung hast du abgebrochen.
Gebleckte Zähne, alle Haare aufgerichtet. 

Du bist 40 Kilo pure Gewalt.
Und eine Seele voller Hingabe.
Zu mir. 

Ich weiß nicht, womit ich einen Hund wie dich in meinem Leben verdient habe, aber ich bin jeden Tag unendlich demütig und dankbar für dich.

Ich liebe dich.
So sehr.

Herzlichen Glückwunsch zum 4. Geburtstag, mein kleiner Braunbär, der du mal ein Hund werden wolltest.

Kati 20.08.2020, 12.00| (4/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Bären

Schulbesuch, Corona-Edition

Als der kleine Sohn gestern über den Hausaufgaben saß, lief ihm die Nase.

Kein Schnupfen, kein Husten, keine gelbe oder grüne Verfärbung, kein gar nichts, aber ihm lief halt die Nase.
In den Merkblättern der verschiedenen Schulen ist das ein Ausschlusskriterium für den Schulbesuch, bis sich "ein klareres Bild" ergibt. 

Also blieb der Sohn heute zuhause, wir meldeten eine "laufende Nase" an die Schule mit einem Direktor, der sehr klar äußert, sich von der Politik völlig alleingelassen zu fühlen und haben nun die Anweisung, ihn 24 Stunden zu beobachten und wenn dann weder Symptomveränderungen oder neue Symptome oder Fieber hinzukommen, geht er wieder hin.
Als Dauer-HNO-Patient aufgrund seiner Hörschädigung und einiger Probleme in diesem Bereich, die durchaus Symptomen wie Erkältungen ähneln können, sehe ich unruhigen Zeiten entgegen.
Denn weder bringe ich das Kind nun bei jedem Schnott-Tropfen zum Arzt noch vermute ich gleich eine Infektion dahinter, aber im Sinne eines funktionierenden gesellschaftlichen Gesamtschutzes muss er sicherheitshalber zuhause bleiben.
Und wenn es nur die 24 Stunden zur weiteren Beobachtung sind.

Aber was ist, wenn er tatsächlich eine Infektion hat und die sich dann auch tatsächlich nur in einer laufenden Nase äußert?
Dann schicke ich ihn nach 24 Stunden trotzdem zur Schule, denn die Kriterien sind ja: Wenn es nicht schlimmer wird, Husten oder Fieber dazukommt, ist das Kind schulfähig und verpflichtet, wieder die Schule zu besuchen.
Im asymptomatischen Krankheitsverlauf haben wir dann ein krankes Kind in die Schule geschickt, das alle anderen anstecken könnte.

Was ist die Alternative?
Jedes Mal einen Test zu machen?
Wir verlassen das Haus nur zum Einkaufen, für Arzttermine und Arbeit, halten Abstand, treffen niemanden, tragen Mundnasenbedeckung.
Das steht in keinem Verhältnis zu irgendetwas.
Andererseits haben wir viele Kinder in vielen unterschiedlichen Schulen, die jeden Tag Kontakt mit insgesamt hunderten anderer Menschen haben. 

Ist das das "Restrisiko"?

Ich bin etwas ratlos.

Kati 19.08.2020, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Émile

Wir haben unerwartet ein neues tierisches Familienmitglied bekommen - einen Angorahasen namens Émile. Ursprünglich war er nur in Urlaubsbetreuung hier, wohnt nun aber dauerhaft bei uns.
Émile bringt als Angoratier ein paar neue Features mit, die ich bislang nicht kenne.
Wir haben mit der Tierärztin erst einmal diskutiert, ob eine Freilandhaltung mit diesem Fell und ohne wärmende Unterwolle überhaupt das Richtige sein kann, aber die Voraussetzungen sind hier alle so, dass wir ihn wohl auch gut über den Winter bekommen.
Das Fell ist leider so ein Thema für sich.

Émile kam hier völlig verfilzt mit Entzündungen unter der Filzmatte und unterernährt an.
Nach fünf Wochen Päppeln haben wir eine kleine Schicht über die Knochen bekommen und gestern wurde er dann ganz nackig gemacht.
Die größten Klumpen an Po und Rücken hatte ich in stundenlanger Feinarbeit schon vorher entfernt, aber gerade an Bauch, in den Beugen und an den Geschlechtsteilen brauchten wir eine leichte Narkose, um ihn zu befreien. Ab jetzt ist dann regelmäßiges Kämmen angesagt. Er muss noch geimpft und kastriert werden und dann stehen wir vor der Entscheidung, mit wem er vergesellschaftet wird.

Er ist ein sehr schlecht sozialisiertes Tier, schon eineinhalb Jahre alt und ich bin mir nicht sicher, ob er in der Großgruppe bestehen kann, die von drei sehr dominanten und sehr schweren Häsinnen geführt wird.
Jede von ihnen bringt in etwa das Sechsfache seines Gewichts auf die Waage.
Einem ernsthaften Kampf - weil er sich zum Beispiel nicht eindeutig unterordnet oder missverständliche Signale sendet - wird er nicht gewachsen sein. Ich bin ganz froh, dass er nach der Kastration noch 8 Wochen alleine leben muss, in denen ich ihn weiter beobachten und er zu Kräften kommen kann.
Sein Verhalten hat sich mit jedem Gramm Gewichtszunahme deutlich verändert und er ist inzwischen ein fröhliches Kerlchen, das sich sehr bemüht. Jedes Imponiergehabe ist ihm fremd. Er bedankt sich für alles mit "Fell"pflege und sein Beißen ist eher ein sachtes Zwicken mit den Zähnen.
An sich gute Eigenschaften, um sich in eine bestehende Gruppe einzufügen.
Vielleicht wird das was.

Kati 18.08.2020, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: tierisch

5 Monate

Am 12. März haben wir beschlossen, die Kinder nicht mehr zur Schule gehen zu lassen, am 13. kam für NRW die Mitteilung über die Schulschließungen ab dem 16. März. 

Das ist nun fünf Monate her.
Fünf Monate Homeschooling mit allen Kindern, Sommerferien, Isolation hier zuhause, um sich nicht zu infizieren oder andere anzustecken.
Und heute? 
Heute ist der erste Tag im neuen Alltag.

Corona ist vielleicht nicht vorbei, aber der Mensch gewöhnt sich ja an alles. Leider.
Eine unserer größten Stärken verwandelt sich hier in ein unkalkulierbares Risiko.
Urlaubsreisen, Treffen, mangelnde Hygiene, Rundreisen, Sorglosigkeit, Freizeitparks und nicht einmal mehr das Bemühen, es so aussehen zu lassen, als würde man sich noch Gedanken machen.
Ich weiß nicht, wo das hinführt und wie es weitergeht.
Wie wir als Welt aus dieser Aufgabe hervorgehen.
Was das mit uns macht.
Ich habe nicht das Gefühl, dass wir unterm Strich allzu gut dabei wegkommen.

Und habe ich vor Monaten noch gesagt, wenn diese Krankheit deutlich gefährlicher, tödlicher, stigmatisierender wäre, würden die Menschen anders handeln, glaube ich auch daran inzwischen nicht mehr. Der Großteil von uns ist ja schon völlig unfähig, diese Situation ununterbrochen im Bewusstsein zu halten. 

Die Kinder können nicht mehr aufgrund von Risikopersonen im Haushalt dauerhaft vom Präsenzunterricht befreit werden, also gehen sie zur Schule.
Mit Maskenpflicht im Unterricht. Ich bin gespannt auf die ersten Berichte. 

Meine persönlichen Fäden entwirren sich nur langsam. Ich bin alleine und merke, dass ich freier atmen kann, aber ich bin wie gelähmt. Weiß gar nicht, was ich als Erstes anfassen soll, es sind so viele Dinge und nur so wenig Zeit für diese zwei, vier, sechs? Stunden bis hitzefrei und wer weiß, wie lange die Kinder gehen, wann das Erste mal hustet, Schnupfen hat, 24 Stunden zuhause bleiben muss, wieder schwänzt... er ist noch so unkalkulierbar, dieser neue Alltag.

Vielleicht konzentriere ich mich mal auf das Wesentliche und backe erst mal einen Geburtstagskuchen für morgen.

Kati 12.08.2020, 09.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Be(An-)bauungsplan

Wir haben einen großen Garten.
Nicht riesig, aber schon groß. 
Das Haus steht mitten darin. 

Nun ist es so, dass wir den Hasen einen ebenfalls wirklich großen Teil des Gartens abgetreten haben und den Raketenhühnchen auch.
Die Kinder haben ihre Bewegungsstrecken und das 5-Meter-Trampolin, die Hunde haben ihre Rennstrecke und Schleichwege und wir haben natürlich Terrasse und Schaukelecke.

Da bleibt dann schon nicht mehr so wahnsinnig viel Platz übrig.
Jetzt habe ich aber die Ambition, möglichst viel Grünfutter für Frühling/Sommer/Herbst und Gemüse und Obst für uns anzubauen und fürs Einfrieren und Einkochen und Marmelade und Co. soll es auch noch reichen.
Und Sonnenblumen.
Es ist kein Garten ohne Sonnenblumen.

Ich kämpfe also um jeden Quadratmeter.

Im Hasengehege habe ich meine Pflanztische (in 1,50m Höhe wegen der Löffelterroristen) und ziehe die Pflanzen vor.
Von dort aus geht es dann auf umkämpftes Gebiet. Wird eine Pflanze geerntet, wird sofort die nächste Jungpflanze auf ihren Platz gesetzt.

In der Gartenerde (Bruchsteinstücke mit Lehm verdichtet auf Fels) geht es auf keinen Fall, dort wächst nicht mal Gras - außerdem darf keine Pflanze so stehen, dass die Hunde sie beim Toben umsemmeln oder schlimmer noch anpinkeln.

Also Hochbeete. (Hatte ich erwähnt, dass ein guter Teil des Gartens auch noch aus einem Hang besteht?)
Ich baue hier ein Hochbeet und dort Eines und habe Pflanzsäcke gefüllt mit guter Erde aus einem der 5 Komposthaufen. Und es ist immer zu wenig Platz. Immer.

Man kann sich jetzt darüber streiten, ob ich wirklich 300 Kohlrabipflanzen brauche oder 200 Kopfsalat oder 70 Kilo Kartoffeln, aber jedes Gemüse, das wir nicht essen oder haltbar machen, landet bei den Kaninchen und spart dort wiederum Futter.
Wer Kaninchen einmal über ein Feld mit Gemüse hat herfallen sehen, dem ist klar, dass es hier ein zu viel nicht gibt und warum diese Tiere abgeschossen werden. Also, nicht bei uns im Garten, aber sonst eben.

Jetzt kam ich dank Pinterest auf die großartige Idee, meine großen Pflanzen (Gurke, Zucchini, LuffaGurke) nicht eingeschränkt hochranken zu lassen, sondern ein Drahtgestell in zweieinhalb Meter Höhe über Teilen des Kaninchengeheges zu bauen und ihnen für den Sommer quasi ein Schattendach wachsen zu lassen. Sie kommen nicht an, die großen Pflanzen bekommen ihren Platz, spenden dafür Schatten und wir können bequem unter durch laufen und Gemüse ernten.

Eine zweite Gartenetage.

Dass ich da nicht früher drauf gekommen bin!

Kati 07.06.2020, 18.00| (2/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Schnitte

Ich habe heute die Funkien geteilt.

Nicht, dass das irgendetwas Besonderes gewesen wäre, das ich an anderen Tagen nicht tue, aber heute hat es mir ein Stück inneren Frieden geschenkt.
Nicht nur ein bisschen, nicht den allgegenwärtigen „Ich bin im Garten und so dankbar für Haus und Natur drumherum und das Wetter ist schön“-Frieden, sondern tiefes Glück. Das, das man spürt, wenn man mit sich und der Welt im Einklang ist. Wenn man geerdet ist. Viele dieser Redewendungen kommen völlig zu Recht aus der Natur.

Ich habe also aus einigen wunderbaren großen starken Pflanzen jeweils 4-6 „neue“ Pflanzen gemacht, wobei das ja gar nicht stimmt. Alles ist eins. Man gräbt den recht dichten und schweren Wurzelballen aus – ich habe das heute gemacht, weil es so viel geregnet hat und schön kühl ist – und lässt sich überraschen.

Es gibt zwei Arten von Pflanzen.

Die, die schon beim Ausgraben auseinanderfallen und bei denen man sich nur noch durch das Gewirr an Wurzeln schütteln muss, bis man ein halbes Dutzend neue Pflanzen in der Hand hält.
Sie sind perfekt. Jede Einzelne. Jede hat reichlich Blätter, schöne Wurzeln und ist an keiner Stelle mehr mit der ursprünglichen Pflanze verbunden.

Und dann gibt es die anderen. Der Wurzelballen ist so fest, so dicht verwachsen, dass selbst große Steine darin festgehalten werden. Das sind die Pflanzen, die ich am liebsten sofort wieder einbuddeln würde. Dort fällt nichts auseinander. Alles ist verbunden, dicke, saftige Rhizome ziehen sich von Pflanzenteil zu Pflanzenteil und es gibt nur eine Möglichkeit, diese Pflanzen zu teilen: Mit einem möglichst scharfen Messer.

Natürlich sieht man, wo sich die einzelnen Pflanzenteile voneinander trennen wollen, und genau dort schneidet man. Das ist für mich nie ein gutes Gefühl. Ist doch auch die Wahrscheinlichkeit, die Pflanze so zu verletzten, dass sie eingeht, sehr viel höher als im ersten Fall.
Und dann täte es mir um all die Jahre leid, die ich die Pflanze schon begleite – vom Samen bis hin zur prächtigen, ausladenden Staude.

Nur, weil so ein Depp wie ich plötzlich auf die Idee kommt, ein fest zusammengewachsenes Gefüge teilen zu wollen und dabei aus Unachtsamkeit einen Teil einfach tötet.

Aber ja, auch das ist Wachstum.
Das Trennen von (auch noch durchbluteten) Lebensadern.

Auf dass jeder einzelne Teil auf sich allein gestellt eine noch größere und noch prächtigere Pflanze werden kann, als es ihm im Verbund jemals möglich gewesen wäre.

Kati 06.06.2020, 20.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Qual

Es sind Nächte wie die vergangene, auf die Tage wie heute folgen.
Voller Hass, Selbstzweifel, Trauer und Wut.
Voller Hätte und Wenn und Wäre.
Voller Trauer vor allem.
Wenn ungeweinte Tränen aus zwei Jahren in die Augen steigen und man nichts dagegen tun kann.
Außer weinen. Was man sich geschworen hat, wegen diesem Menschen nie wieder zu tun.
Auch wenn es das eigene Kind ist.
War?
Ach, ich weiß es ja nicht.

Die Zweifel sind groß und die kleine Menge der Menschen, die zum tausendsten Mal die tragische Geschichte meines Verlusts anhören wollen, tendiert inzwischen gen Null. Was ich sogar verstehen kann. Ich kenne alle Es ist jetzt schon lange hers, alle Sie ist ja nicht aus der Welts und vor allem alle Das wird irgendwann schon wieders.

Und ich zerbreche allein beim Gedanken an einen weiteren Allgemeinplatz, eine weitere Floskel, eine weitere sensationslüsterne Nachfrage. Ich kann das nicht mehr und ich will das nicht mehr.

Natürlich haben wir das aufgearbeitet. Dutzende Stunden mit und ohne Supervision darauf verschwendet, die Lage und jedem nur denkbaren Gesichtspunkt zu beleuchten und zu zerkauen. Intellektuell ist alles gesagt.

Das Herz schreit immer noch. Laut. Verzweifelt. Es gibt keinen Trost.
Will in den Arm nehmen, festhalten, nie wieder loslassen.
Will die Zeit zurückdrehen und irgendetwas anders machen.
Egal was.
Alles, wenn es nötig sein sollte.
Es ist müßig. Sie kommt nicht zurück. Ich kann sie nicht zu Kontakt zwingen. Zu Antworten schon gar nicht. Zwei Jahre ohne mein Kind. Ohne zu wissen, wie es ihr tatsächlich geht. Nur mit der Ahnung, mit hingeworfenen Brocken von Jahr zu Jahr, mit Bruchstücken aus Polizeiberichten, und mit ganz viel vorgespieltem Alles in Ordnung. Mit Schweigen. Vor allem mit Schweigen.

Und einem in unendlich viele Stücke zersprungenen Mutterherz, das kaum noch in der Lage ist, irgendetwas zu empfinden.

Kati 01.06.2020, 07.00| (3/3) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

Geburtstag mal anders

Seit die Kinder 5 Jahre alt sind, geben sie Geburtstagspartys, die an Größe und Aufwand kaum zu überbieten sind.
Einfach, weil wir das lieben und es für uns etwas Großartiges ist.

Dieses Jahr ist alles anders. 
Normalerweise wäre ich Anfang Mai schon mitten in Vorbereitungen, Aufbauten, Spielkonzepten und Materialbeschaffung oder -ordnung.
Nicht dieses Jahr.
Wir feiern nicht.

Da die Kinder noch nie weitere Familie hatten (ich habe keine Geschwister, der Mann hat keinen Kontakt, unsere Mütter sind tot, die Väter wohnen weit weg), war immer klar, dass ein Geburtstag etwas ist, das man mit seiner Wahlfamilie - nämlich all seinen Freunden feiert.

Es ist spannend, zu erleben, was der Verzicht darauf in diesem Jahr mit uns macht. Ich habe sehr viel freie Energie und Zeit, die ich anderweitig investieren kann und genieße das mit einem lachenden und einem weinenden Auge.
Die Partyplanung für so viele Kinder war immer fester Bestandteil meines Jahresablaufs und letzen Endes natürlich auch ein Teil meines Geschenks an das jeweilige Kind.

Die Kinder nehmen auch diesen Aspekt mit eher stoischer Gelassenheit hin. Genau wie all die anderen Einschränkungen, denen sie gerade unterliegen. Ich werte es als positives Zeichen, dass sie sich auch in diesen stürmischen Zeiten kaum aus der Ruhe bringen lassen und im Grunde genommen doch all das hier haben, was sie brauchen.
Die Kanäle, über die sie mit ihren Freunden kommunizieren können, sind dieser Tage gefühlt immer offen und das fängt viel auf.
Das wird an ihren Geburtstagen ebenfalls tragen, dass die Menschen, die ihnen nahestehen, zwar nicht anwesend, aber da sind.

Kati 05.05.2020, 18.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Mai

Unbeeinflusst von dem Wahnsinn, der draußen tobt, erlebe ich hier im Garten gerade eine ganz wunderbare und friedfertige Zeit.
Ich habe Raum, Zeit und Muße, mich um meine Pflanzen und um die Gartenplanung zu kümmern. Und so verbringe ich bei passendem Wetter jede freie Minute draußen.
Die Setzlinge erfreuen mich jeden Tag, die Obstbäume haben einen außergewöhnlich reichen Fruchtansatz und auch die baulichen Veränderungen im Garten gehen voran. Der Garten geht gerade riesige Schritte auf dem Weg zu dem, wie er in meinem Kopf schon seit vielen Jahren aussieht. Und das ist ganz wunderbar.
Die Hecke hat inzwischen die zwei Meter überschritten - dieses Jahr wird das erste sein, in dem die Nachbarn nicht mehr mühelos von ihrem Stellplatz ins Hasengehege blicken können. Es ist eine grüne dichte Mauer, die so voller Leben ist, dass ich mich daran gar nicht sattsehen kann.
Die Gemüsepflanzen haben endlich einen hasen- UND hundesicheren Platz, es nimmt alles allmählich Form an. Ich bin durch das gute Wetter perfekt im Aussaatplan und habe einen ganzen Kopf voller Ideen und auch die gesundheitliche Verfassung, sie alle umsetzen zu können.
Große Gartenliebe. Im Mai sowieso. Einer der besten Monate des ganzen Jahres!

Kati 04.05.2020, 18.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Erinnerungen

Lieber Opa,

es ist gerade etwas seltsam hier.
Vor 11 Tagen habe ich noch mehr als sonst an dich gedacht, weil wir da den ersten Geburtstag des kleinen Eisbären, der mal ein Hund werden möchte, gefeiert haben und dieser so schicksalsträchtig auf deinem Geburtsdatum liegt.
Der Kirschbaum war an diesem Tag voller Knospen, wie jedes Jahr.
Und wie jedes Jahr wird er in 5 Tagen - an deinem Todestag - in voller Blüte stehen.
Du bist in diesem Jahr 11 Jahre tot und immer noch so lebendig für mich wie du es immer warst.

Ich würde dir so gerne von deinem Sohn erzählen und davon, wie er seinen Frieden findet und wie ich meinen Frieden mit ihm mache, aber das weißt du vermutlich längst. 

Der psychopathische Mann im Anzug, vor dem du mich beschützt hast, aber nie retten konntest, der ist schon lange weg. Wir schaffen gerade etwas Neues, das ich bislang nur aus der Beziehung mit dir kenne. Ich frage mich, wie er so viele Jahrzehnte ein Leben leben konnte, das anscheinend so wenig seinen innersten Bedürfnissen entsprochen hat.
Und ich glaube, da liegt viel in deiner Verantwortung. Nicht Schuld. Aber Verantwortung.

Du warst immer so stolz darauf, dass er sein Leben lang verleugnet hat, was er wirklich wollte: Natur, Abgeschiedenheit und seine Ruhe. Natürlich hat ihn die Chemie interessiert, aber eher das Bombenbauen. Nicht der Teil mit Anzug, Vorstandsetage und internationalen Verhandlungen.

Den wolltest nur du für ihn. Und darauf warst du mehr als stolz. Das bessere Leben, das du immer für ihn wolltest, das hat er gelebt. Mit Luxus, Reichtum, Ansehen, perfekter Familie. Und es hat ihn unglücklich gemacht.

Inzwischen lebt er allein im Wald. Mit minimalen sozialen Kontakten. Mitten in der Natur. Versorgt sich selbst, hat seine Ruhe und ist ... glücklich. Ich wünschte so sehr, du könntest ihn so erleben. Und ich frage mich, ob dich das stolz machen würde. Oder ob das bessere Leben, das du für ihn wolltest, diesen Aspekt nie vorgesehen hatte. 

Er war in all seinem Unglück ein sehr schlechter Vater. Und ich glaube, du warst ihm auch einer.

Kati 14.04.2020, 18.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Danke.

Wir haben in den vergangenen Jahren viele schmerzhafte Lektionen gelernt.

Ich glaube, ich habe mich nie richtig bei dir dafür bedankt, dass du um uns gekämpft hast, als ich uns schon fast aufgegeben habe.
Dass du ausgehalten hast.
Mich.
Dich.
Uns.
Den Schmerz. 
All meinen Hass, die Wut und die Dunkelheit. 

Dass du dich jeden Tag der schmerzhaften Auseinandersetzung mit mir gestellt hast, ohne jemals dein Rückgrat zu verlieren.

Du hast dort gestanden, aufrecht, stark, unbeugsam und ... demütig.

Wir sind andere, als wir davor waren und das ist etwas Gutes.
Wir haben es geschafft, unser Licht vor der Dunkelheit zu bewahren.
Das ist zum größten Teil dein Verdienst.

In all der Zeit hast du niemals an uns gezweifelt. Bist nie auch nur einen Schritt zurückgewichen. Egal, wie sehr ich getobt habe.
Und dafür bin ich dir unendlich dankbar. 

Man sagt, die besten Männer erwachsen aus ihren größten Fehlern. 

Danke, dass du da bist. Dass du zu mir gehörst. 

Ich liebe dich.

Kati 25.03.2020, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

Corona

Es ist immer wieder erstaunlich, wie Menschen es schaffen, mein Bild von dem, was wir so euphemistisch "Zivilisation" nennen, noch weiter nach unten zu korrigieren.

Ich bin zurzeit so fertig mit meinen Mitmenschen und meine Nächstenliebe ist weit über das normale Maß hinaus erschöpft. Die angespannte Situation fordert ihren Tribut, die Nerven der meisten Leute liegen blank und ich bin so unendlich dankbar, dass ich meine Kinder hier bei mir haben kann und sie nicht rauslassen muss.

Ich bin dankbar für Haus und Garten und ganz ganz viel Abstand zu den vielen Irren, die da draußen anscheinend nur noch von ihrem Reptiliengehirn gesteuert werden.

Kati 16.03.2020, 12.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Die Tüte am Tor

Wir haben eine Nachbarin, von der niemand von uns weiß, wie sie heißt, wo genau sie nun "oben auf dem Berg" wohnt oder wie ihre Lebensumstände sind.

Wir wissen nur, dass sie früher auch einmal Kaninchen hatte und beim Anblick unserer Tiere im Garten, wenn sie hinten über den Zaun schaut, viel Wehmut verspürt.
Es ist Jahre her, dass wir das erste Mal über die Tiere gesprochen haben und sie mich fragte, ob sie denn von Zeit zu Zeit ein paar Grünabfälle bringen dürfte - für die Tiere. Oder trockene Brötchen. Ihre hätten so gerne trockene Brötchen gegessen. (Unsere tun das natürlich auch liebend gern.)

Und aus "von Zeit zu Zeit" wurde schnell "regelmäßig ein bis zweimal die Woche" und ich freue mich von ganzem Herzen jedes einzelne Mal, wenn ich die Haustür öffne, und eine kleine Tüte am Tor hängt.
Mal sind es nur die Schale und die Blätter von einem Kohlrabi, mal getrocknete Brötchen, manchmal aber auch ein halber Salat und ein halber Blumenkohl. Ich verspüre sehr viel Zuneigung für diese Form von Zwischenmenschlichkeit.

Manchmal habe ich das Glück, sie rechtzeitig zu sehen und wir reden eine wunderbare Weile über Gott und die Welt, aber in den meisten Fällen hängt da nur diese Tüte, die Sinnbild für so vieles ist, was ich an diesem Leben liebe.

Kati 10.03.2020, 09.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Stolpern

Die wohl umfassendste Erkenntnis dieser Tage ist jene, dass ich Menschen lieben kann, ohne sie zu mögen. Liebe ist für mich persönlich ein existenzielles Gefühl von Zuneigung und Zärtlichkeit, das anscheinend in keinster Weise mehr davon beeinträchtigt wird, dass man dem Verhalten eines Menschen, seinen Wert- und Moralvorstellungen und seinen Entscheidungen ablehnend gegenübersteht.
Und diese Erkenntnis erlöst von der schier unmenschlichen Aufgabe, das, was ein Mensch mit diametralem Wertesystem tut, mit der Liebe für ihn unter einen Hut bringen zu müssen. Dass diese zwei Gefühlsstränge unabhängig voneinander exisiteren können, ist mir neu.
Ich bin ein Mensch, der die Dinge am liebsten schwarz und weiß betrachtet. Entweder oder. Alles oder nichts. Sieg oder Tod. Das sind die Dinge, an denen ich mich seit 4 Jahrzehnten orientiere.
Mein Wandlungsprozess der letzten Jahre macht Dinge möglich, die ich für unvereinbar hielt.
Und ich finde das momentan nicht einmal schlimm. Im Gegenteil. Ich erfreue mich an einer Liebe und an meiner Zuneigung für Personen, während ich mich gleichzeitig von ihnen abgrenze. Ein Paradoxon, das mir gerade den Weg öffnet, in Liebe weitergehen zu können, ohne meine eigenen Grundwerte zu verraten.

Kati 02.03.2020, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: KinderKinder

Der Kiosk

Als ich hier vor 15 Jahren ankam, mit nur einem Kind, einem Hund und so viel Gepäck, Habseligkeiten und Möbeln, wie in einen kleinen Honda passte, da war der Kiosk noch eine Tankstelle.
Er sollte in den Jahren danach noch Pizzeria sein, Frittenbude, Privatwohnung, Dönerstand und war zwischendurch immer mal lange Monate verlassen.

Vor einigen Jahren nun zog eine türkische Familie hierher, die sich des Kiosks angenommen hat. Morgens um 6 Uhr werden die Monoblocks vor die Tür gestellt, der Tisch kommt in die Mitte und dann holt man sich von der gegenüberliegenden Bäckerei erst einmal Frühstück.
Wenn ich zum Sport gehe, stehen bereits einige Aufsteller draußen und die Familie ist zu Kaffee und Zigaretten übergegangen.

Innen ist der Kiosk ein Kiosk, wie ich ihn aus meiner frühesten Kindheit kenne.
Eng, vor allem.
Man muss aufpassen, dass man beim Drehen nicht die halbe Ladenenrichtung herunterreißt, überall stehen Bonbongläser, Zigaretten, Zeitschriften und billige Spielsachen. Für meine Kinder ist dieser kleine Ort eine Goldgrube.
Man bekommt grundsätzlich bei jedem Besuch einen Lolli geschenkt - egal ob man nun etwas gekauft hat oder nicht.
Wenn man nicht genug Geld dabei hat, dann werden schon mal ein paar Cent erlassen und alles in der warmherzigsten Atmosphäre, die man sich nur denken kann. Unterricht im Grundwortschatz Türkisch inklusive.
Die Kinder kommen regelmäßig mit den weißen Papiertütchen voller Süßigkeiten von dort wieder, die auch ich noch aus meiner Kindheit kenne. Ich war einige Male mit, wurde mit offenen Armen empfangen, die Kinder liebevoll sofort mit ihren Lieblingssüßigkeiten versorgt und ich hätte mich am liebsten zu der Familie um den Tisch inmitten von Aufstellern mit Vuvuzelas und Merchandizing-Artikeln von 2006 dazugesetzt.

Ich hoffe, dass dieser Kiosk, der mit soviel Liebe und Herzblut betrieben wird, einmal einen besonderen Platz in den Kindheitserinnerungen meiner Kinder haben wird.

Kati 27.01.2020, 18.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Gute Reise

Heute hat uns ein ganz wundervolles Tier verlassen.
Unsere Ausbrecherkönigin, unsere Abenteurerin. "The Explorer" hat der Mann sie immer genannt und es hätte wohl keinen besseren Namen für sie geben können. 

Als die Kinder ihre ersten "eigenen" Tiere bekommen haben, war sie ganz vorne mit dabei.
Das große Tochterkind suchte sie aus und sie und ihre beiden Kaninchenschwestern zogen bei uns ein.
Jahre später war sie die tollste Mutter für den allerschönsten Babykeks auf diesem Planeten. Und es ist schön, dass ein Teil von ihr mit ihrer Tochter hierbleibt.

Als ich sie heute Morgen im Stall gefunden habe, schon steif und kalt, aber noch bekuschelt von ihrer Gruppe, da suchte ich nach Krankheitsanzeichen, aber da war nichts. Alles sauber, alles entspannt. Sie muss im Schlaf gestorben sein und vielleicht war es in ihrem Alter einfach an der Zeit. Wer weiß das schon... 

Ich bin traurig. Aber versöhnt mit ihrem Leben hier bei uns. Es war rund und gut, wie es war. 

Und so saß heute Mittag die Kriegerprinzessin mit wütenden Tränen und einem toten Tier im Arm neben mir in der Küche und vergrub ihr Gesicht in dem weichen duftenden Fell, während ich Suppe für uns kochte. 

Leben und Tod sind manchmal so eng beieinander, dass es mich fast körperlich schmerzt, diesen nur scheinbaren Widerspruch auszuhalten und zu ertragen.

Die Unfähigkeit, das Leben festzuhalten, macht mich auch heute noch hilflos. 
Aber nicht mehr so hoffnungslos wie noch vor Jahren.

Kati 21.01.2020, 16.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Nachlass

Ein Tagebuch ist etwas zutiefst Persönliches.

Und wenn man ein Fremdes in Händen hält, ist es eine ebenso persönliche Gewissensfrage, ob man wirklich erfahren möchte, was darin steht. Es gibt mitunter Dinge, die man vielleicht lieber nicht gewusst hätte.
Und Wissen kann man nicht zurückgeben, das ist das einzig Tragische daran.

Ich habe wie geplant meine Tagebücher (die, die ich nicht weggeworfen oder gelöscht habe, weil sie irgendwann zu belastend für mich selber wurden) Korrektur gelesen, mit einigen wenigen fehlenden Bildern versehen und in vernünftige Buchform gebracht.

Im Moment kommen sie alle nach und nach aus der Druckerei und wandern in meine Nachlasskisten.
Dort finden sich für jedes Kind einzigartige Erinnerungsstücke, Mutterpässe, Briefe, die ich seit Jahren schreibe und nun eben auch meine gedruckten und nach Jahren sortierten Tagebücher.

Ich versuche so zu leben, dass ich meine Kinder jeden Tag mit Geschichten aus ihrem und meinem Früher und mit bleibenden Erlebnis-Erinnerungen versorge, aber vielleicht ist es irgendwann gut, wenn man etwas zum Anfassen hat, an dem man sich auch mal festhalten kann.
Oder es ungelesen verbrennt.
Aber das liegt dann nicht mehr in meinen Händen.

Kati 14.01.2020, 18.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Das Türplakat

An der Haustür ist bei uns viel Platz für Kalender, Stundenplände, Fotos, etc.

Nachdem es letztes Jahr für die Kinder schon so gut geklappt hat, mit einem großen Türkalender den Überblick über das "große Ganze" im Jahr nicht zu verlieren, habe ich mich dieses Jahr für die noch umfangreichere Variante entschieden.
Wozu groß, wenn man es auch gigantisch machen kann?

Also habe ich ein Plakat mit den Maßen 90x120 cm gestaltet, auf dem nicht nur ein Kalender mit Beschriftungsmöglichkeiten aufgedruckt ist, sondern auch noch freie Flächen für Familienunternehmungsfotos, Eintrittskarten, Andenken.

Meine Kinder neigen dazu, bei jeder Gelegenheit zu behaupten, wir würden ja "nie" was machen und bei Erinnerung an die letzten Erlebnisse, sind diese für die Kinder "schon ewig her", also hilft es uns (also den Kindern...) auch, uns im richtigen zeitlichen Zusammenhang zu erinnern.

Mit vielen Menschen und vielen Interessen und ebensovielen Freunden und eigenen Freitzeitvorstellungen als Familie etwas gemeinsam zu unternehmen, ist eine Herausforderung, die ich auch in diesem Jahr wieder gerne annehme.

Mindestens eine große Familienunternehmung jeden Monat, Platz ist noch für einige mehr.

Kati 09.01.2020, 19.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Testosteron am Tier

Der kleine Eisbär, der mal ein Hund werden möchte, hat neuerdings ein paar hormonbedingte Unarten entwickelt.
Das Pöbeln und manipulative Weinen sind nur zwei davon.
Grundkommandos? Ach, das ist doch Schnee von gestern...

Leider ist man selber auch nicht gegen diese Art der umgedrehten Konditionierung gefeit und so heißt es üben, üben, üben.
Wir haben wieder Alltag und ich damit auch die Zeit, mit den beiden Bären in aller Ruhe und ohne Hektik zu üben, wie wir auch in der Öffentlichkeit ein harmonierendes Dreiergespann bilden können.

In letzter Zeit habe ich die Variante bevorzugt, mit nur jeweils einem Hund fürs Training unterwegs zu sein, weil ich mich alleine doch teilweise sehr überfordert fühlte, aber das kann ja auch nicht ewig so bleiben.

Der erste Schritt ist getan und wie immer steht und fällt alles mit meiner Grundhaltung.
Da ich heute anscheinend noch eine ganze Menge Unsicherheit zeigte, musste ich mit den aufgeregt um mich herumhopsenden Hunden noch eine geschlagene Viertelstunde im Kofferraum sitzen und sie erst zu Tode (und damit zur Ruhe) langweilen, bevor wir überhaupt loslegen konnten. Hat aber alles gut geklappt.

Bis auf den größenwahnsinnigen Eisbären, der versuchte, eine komplette Schulklasse aus 9.-Klässlern zu verbellen und dafür für 5 Minuten in die Autobox wanderte, waren wir erfolgreich.

Wir haben mit einer guten Leistung aufhören können und ich habe mich weder in den Leinen verheddert noch mich auf die Nase gelegt. Ich schaff das!

Kati 08.01.2020, 18.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Bären

Bonbonladen

Da die bürokratischen Grenzen bezüglich meiner finanziellen Bewegungen jetzt doch wesentlich weiter gefasst sind, als wir das bislang dachten, komme ich mir momentan noch vor wie ein Kind im Bonbonladen, das sich nicht entscheiden kann, welche Sorte es nun zuerst probieren soll. Startkapital habe ich auch diesmal keines, also schauen wir doch einfach mal, wo der Weg mich hinführt.

Kati 07.01.2020, 12.00| (4/4) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in:

Wortlos

Es gibt diese Art von Enttäuschung im Leben, für die man keine Worte findet, weil sie so tief geht, dass sie das Innerste eines Menschen berührt.

Vielleicht gibt es auch einfach Dinge, die besser unausgesprochen und unangetastet bleiben.

Kati 06.01.2020, 22.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Vorstufe Alltag

Der Mann ist den ersten Tag wieder arbeiten und bevor wir ab morgen auch neben der Schule gleich mit massig Arztterminen in den Januaralltag starten, ist heute noch Ruhe. Die Kinder haben sich zurückgezogen und hängen ihren Gedanken nach, es ist ganz still im Haus und scheint, als würde jeder noch die letzten Ferienruhegefühle in sich aufsaugen. Ich lasse sie und starte ein wenig "Alltag light" mit Einkaufen, Hundetraining und Haushalt und vielleicht gibt es heute sogar zu einer Zeit eine Form von Essen, die dafür gesellschaftlich vorgesehen ist. Der Sport darf auch noch einen Tag länger auf mich warten.

Kati 06.01.2020, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Träume und Realität

Seit einiger Zeit sind meine Träume sehr wirr, aber realitätsnah.
Nicht erschreckend oder Traumata wieder hochholend, wie ich das kenne, sondern aufarbeitend.
Lösungsorientiert.

Es scheint, als würde all das, was ich in den vergangenen Monaten gedanklich bearbeitet habe, nun an seinen vorgesehenen Platz fallen.

Das riesige Thema "Tochterkind" wird umso kleiner, je mehr ich von ihrem Vater und ihrer Stiefmutter über sie erfahren habe. Viele Dinge ergeben nun endlich einen Sinn. Da sind keine diffusen Ängste mehr, manchmal scheint mir eher, dass sie sich nun an genau dem Platz befindet, der der Richtige für sie ist und wo sie hingehört.
Mit mir hat das schon lange nichts mehr zu tun.
Ihre Verhaltensweisen, die mich als Mutter verletzt haben, die ich aber immer wieder aus falsch verstandener Mutterliebe verziehen habe, sind für mich als Person untragbar geworden. Und da ich in Bezug auf sie kaum noch innerhalb meiner ehemaligen Mutterrolle agiere, muss ich auch nicht in dieser reagieren. Das ist schwer, mit dieser Abnabelung, wenn man keine Zeit zum Üben im Alltag hat, sondern nur den Bruch. Sehr schwer. Die Träume von einer reibungsintensiven Abnabelung im Alltag haben mir zu Erkenntnissen verholfen, die ich hier nicht gewinnen durfte.

Das große Zusatzkind im gleichen Alter hat seinen Platz zwar auch noch nicht gefunden, steht aber mit beiden Beinen fest im Leben und hat Sprünge gemacht, die ich noch vor einem Jahr für undenkbar gehalten hätte. Ich bewundere sie sehr für diese persönliche Weiterentwicklung. Dass wir den Schritt in die Zweitwohnung mit ihr gegangen sind, in dem unsicheren Gefühl, dass es zwar das Richtige für sie ist, aber nicht sicher, ob sie dem Alltag "begleitet alleine" gewachsen sein würde, war goldrichtig. Ein Jahr später haben wir keinerlei Bedenken mehr, dass sie einen guten Weg gehen wird. Ob der eine Beteiligung unsererseits enthalten wird, ist noch unklar, aber das wird sich finden.

Was sein wird, wird sein.

Der Zusatzsohn hat aufgrund seines Talents eine sehr begehrte Ausbildungsstelle hinterhergetragen bekommen, die bereits in trockenen Tüchern ist. Auch hier eine Sorge weniger. Autismus ist keine Kranheit, kann aber eine sehr alltagseinschränkende Behinderung darstellen, die hier in diesem Fall schon viele Türen zugeschlagen hat. Umso schöner, dass sich nun so eine Wichtige geöffnet hat.

Ich habe letztes Jahr viel Herzblut und Energie und Gedanken in Menschen investiert.
Wie in jedem Jahreszyklus ist auch hier ein Punkt erreicht, an dem das Fass einfach voll ist.
Ich spüre wieder mehr Ekel vor Menschen im Allgemeinen und brauche sehr viel Distanz und Einsamkeit, um meine Akkus wieder richtig aufladen zu können.

Der Alltag wird das Seine dazu beitragen.

Kati 05.01.2020, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Kurz vor Alltag

Wir genießen die letzten Ferientage als Familie ohne Zeitplan oder Termine, sind ganz eng und ganz dicht zusammengerückt und verbringen eine wunderbare Zeit miteinander. Mein Kalender für 2020 kam heute so spät wie noch nie aus der Druckerei - ich hatte vorher einfach keinen Druck verspürt, ihn schon fertigzumachen. Ich nehme diese geschenkten Tage vor Beginn in ein umwälzendes 2020 gerne an und sauge alles auf, um möglichst lange von diesem Ruhegefühl zehren zu können.

Dieses Jahr werden zwei Kinder volljährig, ein Weiteres beginnt eine Ausbildung, die Kleinen sind so selbständig wie nie zuvor und ich habe weitreichende Pläne für meine persönliche und berufliche Zukunft.
Alles fühlt sich gut und richtig an wie es gerade ist.
Herausfordernd - ja.
Schwierig - bestimmt.

Aber gut und richtig.

Kati 04.01.2020, 21.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

20

Auf geht's!

Kati 01.01.2020, 09.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 24

Nr. 24 - Ich

Dieses ist das wichtigste Türchen.
Es handelt sich um den allerwichtigsten Menschen in meinem Leben - mich selber. 

Ich bin in diesem Jahr an vielem gewachsen, das ich mir selber ausgesucht habe.
Und noch mehr an dem, das ich mir nicht ausgesucht habe.

Ich habe meine Vorsätze für dieses Jahr bis auf Einen alle erfüllt.
Ich bin denen gerecht geworden, die mir wichtig waren.
Ich habe mich nicht verletzt.
Ich habe alle depressiven Phasen ausgehalten.
Ich habe trotz Angst und Panik abwarten können.
Ich habe meine Gefühle in Worte gefasst statt sie in mich hineinzufressen.
Ich konnte Fehlschläge wegstecken ohne das Handtuch zu werfen.
Ich habe eine neue Sprache gelernt.
Ich habe Sport gemacht.
Ich bin gesünder geworden.
Ich habe mich Menschen geöffnet.
Ich habe mein Muttersein zugunsten meines Ichseins zurückgeschraubt, damit ich die Kinder nicht erdrücke.
Ich habe oft Nein gesagt.
Ich habe neue Freunde gefunden.
Ich habe geholfen, mich aber nicht darin verloren.
Ich war offen, aber habe mich nicht verkauft.
Ich kenne meine Fehler und zähle sie nicht mehr zu meinen Schwächen.
Ich habe weniger gehasst und mehr geliebt.

Ich bin dankbar für meinen Weg, mein Leben und meine Erfahrungen.
In diesem Jahr wurde ich 41 Jahre alt und bin der beste Mensch, der ich heute sein kann.

Kati 24.12.2019, 06.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 23

Nr. 23 - Du

Du bist der Mensch, dem nicht nur meine tiefe Liebe und alle Loyalität gilt, sondern auch meine Dankbarkeit.

Du bist der Grund für mein Bestreben, jeden Tag ein besserer Mensch werden zu wollen.
Du bist mein Wegbegleiter, Gefährte, Vertrauter, Verbündeter, bester Freund, Liebhaber. Ein Bild von einem Mann.
Jede Fantasie beginnt und endet mir dir. Satyr. Dunkler Engel.

Intellektuell ebenbürtig, aber als Gegenpol, nicht als Gleicher.
Du treibst mich in den Wahnsinn mit deiner Pedanterie, scheinst erst einmal in vielen Dingen ganz grundsätzlich anderer Meinung zu sein, liebst Diskussionen so sehr wie ich sie hasse und schaffst es, mich trotz allem immer wieder liebevoll auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.
Die Landung ist weich, denn absichtlich weh tun würdest du mir niemals.

Trotzdem sind wir durch tiefe Täler geschritten. Beide blutend, beide verwundet.
Wir sind auch im tiefsten Schmerz an der Seite des Anderen geblieben und dies auszuhalten, hat uns lange Zeit all unsere Kraft abverlangt.

Wir haben zusammen getrauert, zusammen gelacht, zusammen gekämpft.
Auch miteinander gekämpft.
Gerungen, um jeden Zentimeter Boden.

Dieses Jahr hat uns viel Zeit und Raum eröffnet, uns wieder einander zuzuwenden statt Seite an Seite oder Rücken an Rücken unser Leben nur zu bewältigen.
Das war ein großes Geschenk.

Ich bin dankbar, dass du gewillt bist, das große Abenteuer Ehe mit mir zu erleben.

Ich kann mir mein Leben auch ohne dich vorstellen.
Aber ich will es nicht. 
Ich will nur dich.
Für immer.

Kati 23.12.2019, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 22

Nr. 22 - Das Städtchen

Wir haben uns viele Gedanken zu dem Thema gemacht, an welchem Ort wir unsere Kinder großziehen möchten.
Dass es unser Haus in genau dieser Kleinstadt geworden ist, hat viele gute Gründe.

Wir erreichen alles fußläufig - Kindergärten, Schulen, Arbeitsstelle.
Die Kinder haben ihre Freunde vor Ort.
90% unserer Stadtfläche sind Wald. Es ist immer grün.
Unsere Stadt ist an einem Fluss entlang erbaut worden und in ihrer Mitte thront eine imponierende wunderbare Burg auf einem Berg.
Alle Schulformen sind vertreten, wir haben alles, um in unserer Freizeit jeden Sport zu machen, den wir wollen.
Wir haben ausreichend Einkaufsmöglichkeiten und sind doch trotz allem so wenige, dass hier fast jeder jeden kennt.
Wir haben einen großartigen Bürgermeister, den ich sehr bewundere.

Alles in allem ist dies der perfekte Ort für unseren momentanen Lebensabschnitt und ich bin sehr dankbar, dass wir ihn gefunden haben und hier so gut integriert sind.

Kati 22.12.2019, 22.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 21

Nr. 21 - Rechtliches

Ich bin ein Mensch, der allem voran auf Sicherheit bedacht ist. Ich mag meine Angelegenheiten gerne geordnet.

Wir sind schon sehr gut abgesichert, wir haben einen fachlich kompetenten, gelassenen und menschlich ganz wunderbaren Notar und Anwalt, der uns von allem abschirmt, was in rechtlicher Hinsicht auf uns zugekommen ist und noch zukommen könnte und der seine Feuertaufe längst hinter sich hat.

Wir besitzen ein umfangreiches Testament, Vorsorgevollmachten, Lebensversicherungen, haben von A-Z so ziemlich alles geregelt, was man nur regeln (lassen) kann. Mich lässt das gut schlafen.

Das Einzige, vor dem wir uns die letzten Jahre ein wenig gedrückt haben, war der Ehevertrag. Eheverträge unterschreibt man am besten nicht in der ersten Verliebtheit und auch nicht erst kurz vor der Scheidung. Eine Ehe, die nach 14 Jahren und mit etwas Abstand zur letzten Katastrophe in relativ ruhigen Gewässern segelt, ist ganz gut dafür geeignet.

Also hat unser Notar uns auch in dieser Hinsicht beraten, Vorschläge gemacht, Denkanstöße gegeben. Wir sind in die sehr absurde Diskussion eingestiegen, wie wir uns das eigentlich vorstellen würden, so ohne einander, auch wenn wir doch das Gegenteil geschworen haben.
Das war seltsam aber für unser Miteinander sehr befreiend.

Ende 2019 kann ich sagen: Wir haben unseren Scheiß geregelt.
Und das ist ein gutes Gefühl.

Kati 21.12.2019, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 20

Nr. 20 - Katzentiere

Ich bin längst nicht mehr der gleiche fanatische Katzenmensch, der ich vor 20 Jahren war, aber sie sind nach wie vor ein sehr schöner Teil meines Lebens.

Das große Tochterkind ließ ihre Tiere zurück, unter anderem den dicken MaineCoon Kater, den wir ihr Anfang 2013 geschenkt haben. Ich habe mich oft schwer mit ihm getan in diesem Jahr. Es war ihr Kater und hat mich lange durch seine bloße Anwesenheit an ihren Weggang erinnert. 

Aber die Kriegerprinzessin hat mit viel Einsatz und Herz ihren Platz in seinem Leben erobert. Er schlief schon länger bei ihr, sie baute ihr Zimmer katzengerecht um, ist lange Wochen immer mit einem Leckerli in der Tasche herumgelaufen und ist nun auch ganz offiziell "sein Mensch". Balsam auf unser aller Seelen.

Im Schlafzimmer wohnt nach wie vor unsere alte Katzendame.
Mit 16 Jahren, zahnlos und immer noch sehr wütend, macht sie tagsüber nicht mehr allzuviel.

Unser Schlafzimmer ist hier Hauptwohnort, ins Erdgeschoss geht sie wegen der Hunde überhaupt nicht mehr, aber durch die Ruhe in diesem Jahr hat sie wieder angefangen, sich durch die Mitteletage zu bewegen. Fledermäuse holt sie nach wie vor souverän aus der Luft, wenn die sich aus unseren Mauern mal wieder ins Schlafzimmer verirrt haben.

Nachts ist sie unterwegs und macht die Kinderzimmer unsicher - den dicken Kater hasst sie immer noch wie die Pest, aber das geht ihr mit allen anderen Lebewesen so und außerdem ist er nachts ja weitestgehend draußen, sich mit seinen Kumpels treffen. 

Sie ist wohl das mürrischste Haustier, das ich je kennengelernt habe, aber vielleicht bin ich gerade deswegen so dankbar für sie.
Sie ist eine echte Charakterkatze und ich bin froh, dass es ihr immer noch so gut geht.

Kati 20.12.2019, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 19

Nr. 19 - Arbeitszimmer

Das hat sich erst auf den letzten Metern von 2019 ergeben, aber gehört definitiv und auf jeden Fall zu den großartigsten Dingen, die in diesem Jahr passiert sind und für die ich dankbar bin.

Ich habe einen eigenen Rückzugsort bekommen. Eines der größten Zimmer im ganzen Haus, das nun nur mir gehört.

Der kleine Sohn bekam das Zimmer angeboten, tat sich aber sehr schwer mit der Entscheidung, aus der Oberetage wegzuziehen. Schließlich sind dort alle Geschwister, die man so schön ärgern kann und in der Mitteletage hatte man doch ohnehin nur gewohnt, als man "klein" war. Also hat er nach langen Wochen des Nachdenkens und Abwägens die Entscheidung getroffen, dass er oben bleibt. Die Kriegerprinzessin war nur so mäßig angetan, dass sie sich nun doch nicht auf zwei Zimmer ausbreiten kann, aber ich habe mich umso mehr gefreut, dass ich von der Treppengalerie, wo unsere Computer stehen, in ein geschlossenes Zimmer ziehen kann.

Endlich Privatsphäre, endlich Platz, endlich Raum und endlich Ruhe, wenn ich sie brauche. Bislang musste ich mich dafür ins Schlafzimmer zurückziehen, konnte dort aber natürlich währenddessen nicht arbeiten. Das alles wird sich nun ändern und wird sicherlich seinen Teil zu meiner Ausgeglichenheit beisteuern.

Im Moment räume ich noch um und genieße das Durcheinander und Kuddelmuddel sehr.

Kati 19.12.2019, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 18

Nr. 18 - Die Kriegerprinzessin

Motte, Naturgewalt. Große kleine Tochter.

Sie kämpft um jeden Zentimeter, kann es kaum erwarten, noch größer, noch kräftiger, noch schneller, noch älter, noch erfolgreicher, noch ... alles zu werden.

Die Kriegerprinzessin war auch in diesem Jahr eine große Herausforderung für meine Geduld und mein Nervenkostüm. Mit jedem Tag fordert sie mehr vom Leben, ist trotziger, wilder und unbändiger als je zuvor und ich bin so unendlich dankbar, dass dieses Kind genau so ist, wie es nunmal ist.

Selbstbewusst mit mehr als nur einem Hauch von Größenwahn.
Intelligent im immerwährenden Spagat zwischen Genie und Chaos.
Mit wild loderndem inneren Feuer und der Tendenz zu Brandwunden.
Nicht durch Wasser löschbar.

Es ist ein besonderes Geschenk, einen solchen Menschen begleiten zu dürfen. Sie spiegelt mich, ist mir so ähnlich und treibt mich mit genau dem Verhalten zur Weißglut, das ich selber an den Tag lege.
Sie ist mein Augenstern. Vereint so viele Gegensätze in sich, dass man nur ehrfürchtig staunend zusehen und auf Gott vertrauen kann.

Dieses Kind lehrt mich das Loslassen im Vertrauen darauf, dass schon alles gut werden wird. Meine schwerste Lektion.

Kati 18.12.2019, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 17

Nr. 17

Hier war (ist) Platz für jemand Besonderen.

Allein - ich könnte diesen Text zurzeit nur mit dem Kopf schreiben, weil in meinem Herzen neben der Dankbarkeit noch so viele andere widersprüchliche Gefühle existieren, die auch ohne ihre Verschriftlichung nur schwer zu ertragen sind.

Also lasse ich es.

Auch etwas, das ich in diesem Jahr weiter üben durfte.
Gefühle aushalten.
Ihre Berechtigung akzeptieren.
Sie nicht erklären, kleinreden, mich nicht für sie rechtfertigen.

Sie dürfen sein und ich darf sie mögen oder auch nicht, aber ich kann sie aushalten, ohne mich oder andere zu verletzen.

Kati 17.12.2019, 22.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in:

Adventskalendertürchen Nr. 16

Nr. 16 - Der Kobold

Uff. 

Es fällt mir sehr schwer, dieses Kind angemessen in Worte zu fassen.

Mein Schrei-Kobold, mein großer Sohn, mein Bulldozer, mein emotionaler Ausnahmezustand.
Ich hatte in diesem Jahr einen Sohn an meiner Seite, der den Spagat vom vierten Kind zum Ältesten schaffen musste. Einer, der von "einer von den Kleinen" zum "Großen" aufgestiegen ist, und das alles innerhalb weniger Monate.

Mein Kobold ist nur noch wenige Zentimeter kleiner als ich - er misst momentan 1,70m in der Höhe und es ist kein Ende in Sicht. Manchmal erhascht man schon einen Blick auf den Mann, zu dem er sich gerade formt, manchmal noch Einen auf das kleine Kind, das er eigentlich schon hinter sich gelassen hat.

Niemand bringt mich so zum Schmunzeln wie er. Seine Parodien von Freunden, Familienmitgliedern - von mir im Besonderen - lassen mich immer wieder fast auf dem Boden liegen vor Lachen. Dank ihm kenne ich leider auch jeden schmutzigen Witz dieses Universums.

Es ist fast unmöglich, ihm etwas abzuschlagen. Als der Charme verteilt wurde, hat er gleich mehrfach hier geschrien, dafür ließ er Aufmerksamkeit, Gelassenheit und Ernst leichten Herzens links liegen.
Es ist schwer, ihm böse zu sein, auch wenn er das Kind ist, das zum Haareraufen Mist machen kann.
Er geht nach wie vor keiner Auseinandersetzung aus dem Weg und provoziert oft und gerne seine Mitmenschen.
Es ist ihm von meiner Seite immer leicht verziehen, denn er misst sich grundsätzlich nur an Menschen, die entweder größer und stärker sind als er oder ihm mindestens ebenbürtig.

Sein ausgeprägter Schutzinstinkt gegenüber Schwächeren oder hilfsbedürftigen Tieren oder Menschen macht ihm zu jemandem, der auch gegen den Strom schwimmen kann und will, um seine Ziele zu erreichen. Ich bewundere ihn sehr dafür, dass er Unrecht als solches sofort brandmarkt. Immer, jederzeit. Auch, wenn es ihm zum Nachteil gereicht.
Ist er im Unrecht, besitzt er die Größe, sich mit Stolz und Würde aufrichtig zu entschuldigen.

Ich liebe es, ihn mit dem Mann kämpfen zu sehen. Wenn diese beiden langen und kräftigen Menschen aufeinandertreffen und miteinander ringen - der junge heißblütige Hitzkopf und der gelassene erfahrene Kämpfer - dann möchte ich vor Stolz einfach nur platzen, dass ich diese beiden Männer zu meinem Leben zählen darf. Ich frage mich, wann der Punkt erreicht sein wird, an dem sich das Kräfteverhältnis ins Gegenteil verkehrt. Ich sehe zwar, dass dieser Punkt noch in weiter Ferne liegt, aber ich bin gespannt, wie das sein wird.
Es bleibt zu hoffen, dass der Kobold bis dahin noch ein wenig von dem Langmut und der Gelassenheit seines Vaters übernimmt.

Ich bin so dankbar, diesen lebensfrohen Menschen auf seinem Weg ins Erwachsensein begleiten zu dürfen, auch wenn er in meinem Herzen immer noch der kleine vorlaute Kobold ist, der mich in seinen ersten Jahren vor so viele Herausforderungen gestellt hat. An keinem Kind bin ich so gewachsen wie an ihm. Und auch dafür bin ich unendlich dankbar.

Kati 16.12.2019, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 15

Nr. 15 - Der närrische kleine Tuk 

Nesthäkchen, besonderes Kind, ewiger Kleinster der Familie, Butzemann, närrischer kleiner Tuk.

Der kleine Sohn hat viele Namen und ich kann jedes gängige Vorurteil über die jüngsten und letzten Kinder nur bestätigen.
Er käme niemals auf die Idee, dass sich die ganze Welt nicht nur um ihn drehen würde.

Wir haben in diesem Jahr das erste mal fast vollständige Hörfähigkeit attestiert bekommen. Der letzten Operation im nächsten Frühjahr steht damit nichts mehr im Wege. Seine Herzfehler sind weitestgehend unauffällig und er entwickelt sich nach dem Rückstand der ersten Jahre einfach nur prächtig.

Die Entscheidung, ihn trotz allem schon zwei Jahre nach Beginn des Spracherwerbs und der Hörfähigkeit einzuschulen, hat sich als goldrichtig erwiesen. Er gehört zu den Besten seiner Klasse, macht genau so viel Quatsch wie für sein Alter und den Lehrer vertretbar ist und hat jede Menge guter Freunde gefunden.

Er ist und bleibt mein Sonnenscheinchen, mein Strahlemann. Ich kann nicht umhin, immer wieder die Parallele zu ziehen, dass mit seiner Geburt meine gesamte Welt in der Finsternis versank.
Monate, Jahre.
Wo Licht ist, ist immer auch Schatten.

Heute erfreue ich mich sehr an diesem vorlauten Kind, das ununterbrochen redet, alles besser weiß und wissen will, ständig in Bewegung ist und seinen Platz als kleiner süßer Unschuldsengel sehr wohl behaupten möchte. Er ist herausfordernd, aber ich zweifle nicht daran, dass er seinen Weg gehen wird.

Eine Welt ohne ihn wäre undenkbar.

Kati 15.12.2019, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 14

Nr. 14 - Raketenhühnchen

Alles fing vor einigen Jahren damit an, dass die Kriegerprinzessin einen Artikel gelesen hat, wie unwürdig Legehennen gehalten werden und sie mich darum bat, keine Eier mehr zu kaufen. Das gestaltete sich als etwas schwierig, also musste logischerweise ein Huhn her.

Da ich nun Hühner so überhaupt nicht mag (Vorurteile, alles Vorurteile, aber eben meine), sind wir irgendwann auf Wachteln gestoßen. Ein Brutgerät und einige Bruteier später sind wir dann in die Welt der Geflügelbesitzer eingetaucht. Was war das für ein Fest, als wir 6 Wochen später unser allererstes Ei hatten! Niemand hätte stolzer auf die Raketenhühnchen sein können als wir!

Viele Eier und Jahre später gehören die Raketenhühnchen fest in meinen Alltag. Leider haben sie im Winter eine etwas längere Legepause, aber auch darüber habe ich mir schon Gedanken gemacht, die den Mann vermutlich zu dem ein oder anderen Augenrollen verleiten werden.

Wir haben nach diversen Provisorien und Unfällen ("Familie Jadekompendium, könnten Sie mal rüberkommen? Wir haben da eine Ziertaube im Garten!") eine gute und stabile Voliere gebaut, die weder Räuber hinein- noch Raketenhühnen hinauslässt. Sie tragen ihren Namen schließlich nicht zu Unrecht, denn bei jedem Schreck können diese Viecher bis zu 4 Meter in die Höhe schießen und dann wegfliegen. Weit. Wir haben das gelernt...

Meine geliebte Bernadette ist Anfang des Jahres von einem Räuber getötet worden und das hängt mir noch sehr nach. Die neue Brut hat keine derartigen Charakterköpfe hervorgebracht, aber ich bin dankbar, überhaupt kleine Raketenhühnchen in meinem Leben zu haben.

Kati 14.12.2019, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 13

Nr. 13 - Supervision

Wir haben vor fast 4 Jahren mit Supervision angefangen, als abzusehen war, dass die Mutter der Zusatzkinder bald sterben würde.

Wir brauchten dringend jemanden, mit dem wir unseren ganzen Gedankenwust mal besprechen konnten. Jede sonstige Institution erwies sich als völlig ungeeignet, weil jede davon nur ihre eigenen Interessen vertrat. Das sollten wir in den Jahren, die danach folgten, deutlich zu spüren bekommen.
Wir hatten Kontakt mit dem Jugendamt, mit Anwälten, Familienangehörigen, mit Sachbearbeitern, mit Pflegeeltern, mit der Psychiatrie, später bei Uroma mit Betreuern, Pflegeheim, Gericht, meinen Eltern... mit ... ach, es waren so viele.
Und jeder versuchte, uns in eine andere Richtung zu schubsen.

Es war sehr schwer, und bedurfte oft all unserer Kraft, gemeinsam das Steuer zu halten. Auf den Ausguck steigen konnte da keiner von uns beiden mehr.

Zu Beginn all dieser Stürme kamen wir durch Zufall an unsere jetzige Supervisorin, die schon bei unseren Kindern in Kindergarten und Grundschule verschiedene Anti-Mobbing- und Mut-Programme geleitet hatte. Ich kannte sie bereits seit dem Kindergartenalter meiner großen Tochter und mochte ihre direkte und hemdsärmlige Art in den Nachbesprechungen von Anfang an sehr.

Unser erstes Gespräch dauerte fast 3 Stunden. Und seit jenem Gespräch ist es ein sehr wichtiges und liebgewonnes Ritual geworden, dass wir als Ehepaar einmal im Monat bei dieser unglaublichen Frau sitzen und über alles sprechen, was uns gerade bewegt.
Das sind inzwischen weniger die Zusatzkinder und Uroma natürlich auch nicht mehr, aber es sind Themen, die unser Gefühlsleben bewegen. Wir tauchen manchmal tief in die Vergangenheit ein, mal bei dem Einen, mal bei dem Anderen. Manchmal plätschert das Gespräch dahin, bis sie einhakt und man merkt, dass man vielleicht doch auf einem Auge blind war.

Immer hat sie einen objektiven, sehr liebevollen Blick auf uns als Individuen aber auch als Ehepaar. Sie ist über 60, besitzt reichlich Lebenserfahrung und ist eines meiner weiblichen Vorbilder im Leben. Davon habe ich generell nicht viele, in dieser Alterskategorie noch mal weniger und umso wertvoller ist mir dieser Mensch.

Ich freue mich auf jeden Termin bei ihr und ich bin ihr unglaublich dankbar dafür, dass sie uns so kompetent, humorvoll und zugewandt begleitet.

Kati 13.12.2019, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 12

Nr. 12 - Herzensmenschen

Ich bin in diesem Jahr wieder offener geworden.

Habe ich die letzten Jahre einen Großteil meiner Energie darauf verwenden müssen, mich selber zu schützen, konnte ich in diesem Jahr deutlich mehr mit meinen Herzensmenschen interagieren. Es war wieder Kraft da, über das bloße Existieren hinaus etwas in Beziehungsarbeit zu investieren, was nicht unmittlbar Familie und Ehe betraf.

Ich habe mich zum Sport verabredet, mich mit Menschen getroffen, habe endlich jemand Besonderen aus dem Internet in mein Leben geholt, viele neue Leute kennengelernt, war spazieren und habe Gespräche geführt, die auch mal gar nichts mit Arbeit, Ehe, Selbstreflexion, Ehrenamt oder Kindern zu tun hatten.

Und all das habe ich in diesem Jahr als sehr bereichernd empfunden.

Kati 12.12.2019, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 11

Nr. 11 - Leere 

In diesem Jahr hat mein Interesse an Dingen weiter nachgelassen. Wir haben unseren Besitz weiter reduziert. Alles, was wir weggegeben, verkauft oder auch auf den Sperrmüll gepackt haben, schuf mehr Raum für eine Art von Leere, die ich inzwischen sehr beruhigend finde. Ginge es nur nach mir, würde ich noch viel mehr ausmisten, aber so lange die Kinder noch bei uns wohnen, ist das nur sehr begrenzt möglich.

Ich genieße die relativ leeren und ungeschmückten Räume im Haus. Die bunte Wandfarbe wich einem hellen Grau, das diesen Zustand noch weiter unterstützt. Wir konnten durch den Auszug der großen Kinder eine spürbare Anzahl an Dingen reduzieren - und wenn es nur die riesigen Töpfe sind, die nicht mehr bei jeder Mahlzeit auf dem Herd stehen müssen. Jedes weggegebe oder ausgezogene Teil verschaffte mir mehr Luft und mehr Raum zum Atmen und Leben. Ich hätte nie gedacht, wie frei das macht.

Im nächsten Jahr möchte ich diesen Weg gerne weitergehen.

Kati 11.12.2019, 12.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 10

Nr. 10 - Kaninchen

Meine Herzenstiere - meine wunderbaren hoppelnden Flauschbälle.

Die Liebe zu Kaninchen ist so alt wie ich selbst. Mein Großvater züchtete Deutsche Riesen und diese Tiere gehören untrennbar zu meinen frühesten schönen Kindheitserinnerungen. Der Geruch, der mir in die Nase steigt, wenn ich den Stall betrete, lässt meinen Herzschlag sinken, mich entspannen und lächeln und plötzlich ist alles nicht mehr ganz so schlimm. Wenn dann noch fast ein Dutzend Tiere auf mich zugerannt kommen, die mich anstupsen, mich ablecken, um Leckerlis betteln oder mit mir spielen wollen - dann bin ich ganz allumfassend glücklich.

Das ist nicht mit den Hunden zu vergleichen, die eher meine Gefährten im Alltag sind.
Die Kaninchen sind wie eine flauschige duftende Wolke aus purer Glückseligkeit.
Und so schaffe ich mir über Tag immer wieder Momente, in denen ich einfach im Stall sitzen kann oder mich zu ihnen in den Garten setze und genieße.
Wir haben dieses Jahr vier weitere Tiere aufgenommen, deren Besitzer sie aus verschiedenen Gründen nicht mehr halten konnten oder wollten.
Ein Kaninchen ist dieses Jahr verstorben und so sind es momentan 11 Tiere.

Im Mai haben wir eine sehr aufregende Großgruppen-Vergesellschaftung erleben dürfen, die zum Glück deutlich weniger stressig für die Tiere verlief als befürchtet.
Wir haben eine funktionierende Gruppe aus gut zueinander passenden Charakteren.
Der kleinste Zwerg hat genauso seinen Platz gefunden wie der behinderte Onkel Hasi, der körperlich deutlich eingeschränkt ist. Die Mädchen haben die Jungs fest im Griff. Das schwarze Klößchen hat seine Aggression in den Griff bekommen und ist trotz schlechter Haltung inzwischen eine Seele von Hase; der große Goethe mit seinen 8 Kilo nimmt Rücksicht auf die Kleineren und Schwächeren.

Einer meiner liebsten Wege jeden Morgen ist der Gang in den Stall, um die Kaninchen in den Garten zu lassen.
Wenn eine Meute aus weichem Fell und vorwitzigen Nasen und wippenden Riesenlöffeln darauf wartet, endlich wieder rauszustürmen.

Das ist nicht nur Dankbarkeit, das ist Liebe.

Kati 10.12.2019, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 9

Nr. 9 - Haus und Garten

Wie jeden einzelnen Tag bin ich auch in diesem Jahr sehr dankbar für Haus und Garten.
Das Haus ist endlich wieder meine Burg geworden, in der ich Kraft tanken und mich um mich selber kümmern kann.
Die jahrhundertealten Mauern halten uns im Sommer kühl und im Winter warm. Keine Hauswand berührt eine Grundstücksgrenze und wir können hier tun und lassen was wir wollen. Mehr Freiheit geht nicht.

Der Garten hat in den letzten Jahren sehr unter der Vernachlässigung durch "keine Zeit, keine Kraft" gelitten und dieses Jahr konnte ich wieder richtig etwas machen. Ich habe stundenlang in der Erde gebuddelt, gepflanzt, geräumt und umstrukturiert, konnte einige Ideen verwirklichen und das große Hasengehege erweitern.
Ich habe viel geschaukelt und endlich haben wir ein Dach für meine Hollywoodschaukel gefunden, dass so groß ist, dass ich auch bei strömendem Regen beim Schaukeln nicht nass werde. Ich habe viel im Garten geschlafen und zwar im Sommer zu selten draußen übernachtet, aber sehe auch, dass das gar nicht so oft nötig war, um mich wieder in meine Mitte zu bringen. Auch dafür bin ich dankbar.
Wir haben Obst und Gemüse aus dem Garten gegessen, die Kinder haben im Haus durch die neue Zimmereinteilung wieder deutlich mehr Platz zum Leben und Spielen und das wirre Bunt an den Wänden weicht auch dieses Jahr immer weiter dem hellen Grau, in das ich mich verliebt habe.

Ich bin an diesem Ort rundum glücklich und zufrieden und voller Dankbarkeit für diesen Platz zum Leben.

Kati 09.12.2019, 06.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 8

Nr. 8 - Ärzte

Das ist im Grunde ein sehr profanes Thema, aber für einen Ärztephobiker wie mich ist es unglaublich wichtig, im Alltag (in Notfällen ist es ja eher wurscht) die richtigen Ärzte an meiner Seite zu haben.
Ärzte, die positiv und bestärkend mit mir umgehen und in der Lage sind, mir zugewandt auch unangenehme Wahrheiten mitzuteilen.
Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Ein guter Arzt muss für mich in erster Linie männlich sein (Fachliche Eignung erwähne ich nicht extra, weil ich die voraussetze). Als jemand, der von seiner Mutter (und damit einer Frau) die Kindheit über sexuell missbraucht wurde, ist es für mich persönlich nicht gut möglich, mich einer Frau in Themenbereichen, die meinen Körper betreffen, anzuvertrauen. Das schränkt die Auswahl schon mal etwas ein. Wenn dann noch Empathie und die Fähigkeit, über das eigene Fachgebiet hinausschauen zu können, hinzukommen sollen, hat man nicht mehr allzuviele Optionen.

Aber inzwischen begleitet mich in Gesundheitsfragen ein Team aus genau solchen Menschen und dafür bin ich bei jedem Arztbesuch sehr sehr dankbar.

Kati 08.12.2019, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 7

Nr. 7 - Finanzen

Dieses Jahr war eine unserer verlustreicheren Phasen.

Durch den überraschenden Weggang der großen Tochter mussten wir nicht nur den vierstelligen Berg Ausgaben, den sie kurz vorher verursacht hat, sondern von einem auf den anderen Tag plötzlich durch fehlende Zuschläge in Gehalt, Baufinanzierung, etc. monatlich einen Verlust von 1.000 Euro auffangen. Durch das Anmieten der Zweitwohnung und Bereitstellen diverser Dinge für das große Zusatzkind verlieren wir monatlich noch mal einige hundert Euro.

Das hat weh getan. Und tut es noch. Sehr.

Zusätzlich schwebte über meinen Gedanken monatelang das Damoklesschwert, dass ich mit all meinen psychischen und physischen Problemen gezwungen sein würde, zusätzlich noch extern arbeiten zu gehen. Das hat mich dieses Jahr gleich mehrfach in ein tiefes dunkles Loch geschubst.

Und ich bin gerade deswegen unglaublich dankbar, für das, was wir haben. Das alles bringt uns nicht an den Rand unserer Existenz. Wir haben noch Luft nach unten und auch wenn wir unseren Lebensstandard drastisch reduzieren mussten - es geht.
Wir sitzen in unserer Burg, wir haben einen Garten und Tiere und Kinder und wenn etwas unreparabel kaputt ist, ersetzen wir es.
Damit sind wir reicher als viele andere Menschen.
Das ist bei aller positiver Betrachtungsweise ein zweischneidiges Schwert und ich entscheide mich sehr bewusst für die Seite, die mir weniger Kummer bereitet.

Die Dankbarkeit für das, was bleibt.
Es kommen auch wieder andere Zeiten.

Kati 07.12.2019, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 6

Nr. 6 - Christus, der lustige große Mann aus dem Handy

Der große Mann in meinem Handy heißt natürlich nicht Christus, ist aber trotzdem ein großer Mensch mit einem noch großartigeren Sinn für Humor.

Und da er heute Geburtstag hat, ist das heutige Türchen natürlich auch ihm gewidmet.
(Und Christus heißt er, weil die Kinder sich Namen anscheinend grundsätzlich nicht richtig merken können.)

Wie das im Internet so ist, gibt es Menschen, die einfach mehr in einem berühren als Andere. Und als wir uns letztes Jahr kennenlernten, war er genau so ein Mensch.

Seit diesem Jahr haben wir unseren Kontakt auf die private Ebene verlagert und das ist das Beste, das mir passieren konnte. Ich habe einen Begleiter im Alltag dazugewonnen, der mir quasi Bruder und Freund gleichermaßen geworden ist.
Wir leben in so unterschiedlichen Welten und kommen doch immer wieder auf einen gemeinsamen Nenner.
Ich bewundere ihn sehr für sein breit gefächertes Wissen und hole mir gerne Ratschläge von ihm ab - egal, ob es nun um Pflanzen oder ums Kochen oder was ganz anderes geht.

Ich bin dankbar, einen so liebevollen, zugewandten, sanftmütigen und wunderbaren Menschen in meinem Leben zu haben!

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! 

Mögest du gesegnet sein
mit Wärme in deinem Zuhause,
Liebe in deinem Herzen,
Frieden in deiner Seele
und Freude in deinem Leben.

Es ist so schön, dass es dich gibt!

Kati 06.12.2019, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 5

Nr. 5 - Dad 

Ich bin auch in diesem Jahr unglaublich dankbar dafür, mit meinem Vater wieder Kontakt zu haben. Das ist seltsam, denn ich lerne den übermächtigen Mann aus meiner Kindheit anders und ganz neu kennen. Wir stehen in regem Kontakt, ich erfahre Neuigkeiten aus seiner Welt in Schweden und er aus meiner hier. Er ist interessiert, schickt den Kindern und mir Geschenke und ich bekomme Fotos von den Elchen in seinem Garten, wir tauschen uns übers Kochen, übers Gärtnern und viele andere Dinge aus.

Nichts davon wäre ohne den frühen Tod meiner Mutter möglich gewesen. Ich freue mich über jede Nachricht, auch wenn mein eingerostetes Schwedisch mich manchmal stolpern lässt. 

Er hat uns unlängst eingeladen, ganz vielleicht mal im Sommer bei ihm vorbeizuschauen und ich weiß, dass wir gegen den Krebs und gegen die Zeit rennen, aber ich werde nichts übers Knie brechen.
Was sein wird, wird sein.

Momentan ist diese zarte Beziehung zu ihm ein Geschenk, das ich manchmal kaum zu berühren wage, aus Angst, dass ich träume und es sich beim leisesten Windhauch in Luft auflösen könnte. Aber ich glaube daran, dass es das nicht tun wird und vielleicht ist das etwas, wofür ich ihm am dankbarsten bin: Dass ich jetzt - mit 41 - noch einen Vater bekomme.

Kati 05.12.2019, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 4

Nr. 4 - Die Frau mit Facetten

Jetzt erschrickt sie vermutlich erst einmal beim Lesen, aber das ist in Ordnung. Ich bin dieses Jahr für zwei Menschen in meinem Leben besonders dankbar und einer davon ist die Frau mit Facetten.

Wir kennen uns seit fast 15 Jahren (!) aus dem Internet und trotz zahlreicher Blogumzüge haben wir uns nie aus den Augen verloren. Ich habe damals nur 30 Kilometer von ihr entfernt gewohnt und schon damals hatte ich das Gefühl - das ist was! Inzwischen wohne ich 300 Kilometer von ihr entfernt und wünschte, ich hätte damals schon den Mut besessen, sie zu treffen.
Aber alles kommt zu seiner Zeit...
Und so schrieb sie mir Anfang des Jahres irgendwann den Vorschlag zu einem Treffen Ende September. September - das war noch verdammt lange hin und dementsprechend leichtfertig sagte ich zu. Würde schon schiefgehen, irgendwie... 

Was dann allerdings passierte, ist besser, als ich mit Worten ausdrücken kann. WhatsApp sei Dank hatte ich plötzlich eine Freundin im Alltag dazugewonnen. Warum haben wir das nicht vorher gemacht? Als ob 15 Jahre gegenseitige Sympathie auf der Lauer gelegen hätten, um dieses Jahr zu sagen: So. Jetzt machen wir mal was Ordentliches damit!
Als Freundin, Ratgeber, Herzausschütt-Person und Vorbild möchte ich sie nicht mehr missen.

Und als wir uns dann getroffen haben, widerfuhr mir weder der erwartete emotionale Meteoriteneinschlag noch irgendetwas ganz schrecklich Furchtbares, sondern es war, als wäre es nie anders gewesen und als würde diese wunderbare große schöne Frau jede Woche mit mir in meinem Esszimmer sitzen und mit mir Gespräche führen.
Das ist dieses Jahr ein unglaubliches Geschenk gewesen. Zu wissen, da ist jemand, der einfach da ist. Für mich, mit mir. Der sich mit mir freut, Anteil nimmt, mir im Denken so ähnlich und doch ganz anders ist.

Danke, dass es dich gibt!

Kati 04.12.2019, 06.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 3

Nr. 3 - Hunde

Da muss ich nicht viel zu schreiben und könnte doch gleichzeitig Bücher mit meinem Glück und meiner Dankbarkeit füllen.

Der kleine Braunbär, der mal ein Hund werden wollte, ist in diesem Jahr in einem Umfang charakterlich gereift, dass ich ihn abwechselnd knuddeln, mit Keksen vollstopfen und anbeten möchte.
Er hat den Sprung vom Junghund zum erwachsenen Hund mit einer Klasse vollzogen, die ihresgleichen sucht. Ich bin so dankbar für diesen Gefährten.

Und als ob das nicht schon völlig ausreichen würde, haben wir in diesem Jahr Zuwachs bekommen. Mein Herz will einfach nur überlaufen vor lauter Glück.
Der kleine Eisbär, der in einer Zeit der Umwälzung zu uns kam, der eigentlich als Traum von mir schon ad acta gelegt wurde, und dann aber als das beste Hochzeitstagsgeschenk aller Zeiten Wirklichkeit wurde.

Der trotteligste kleine Welpe des Universums ist vor 7 Monaten hier eingezogen und stellt seitdem unsere und Ludwigs Welt auf den Kopf. Ich weiß noch nicht genau, was er mal werden möchte, wenn er groß ist - ich hoffe ja immer noch, ein Hund - und es ist alles anders als ich mir das vorgestellt habe, aber ich liebe jeden einzelnen Moment davon.

Zwei solche Begleiter im Leben haben zu dürfen, erfüllt mich nicht nur mit Dankbarkeit sondern auch mit großer Demut. Jeden Tag wieder.

Kati 03.12.2019, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 2

Nr. 2 - Familienleben

Wir haben harte Jahre als Familie hinter uns. Die Aufnahme der Zusatzkinder 2016. Einzug von Uroma 2017, katastrophaler Weggang des großen Kindes 2018, Zweitwohnung für das große Zusatzkind in Ausbildung Anfang 2019. Wir haben einen ziemlichen Streifen mitgemacht. Die drei Kleinen sind durchgeschüttelt und gerüttelt worden, aber auch wir als Erwachsene waren oft kurz davor, einfach alles hinwerfen zu wollen.

Seit Anfang diesen Jahres können wir wieder atmen. Das Haus gehört zu großen Teilen wieder uns, es ist nicht mehr alles so eng und beklemmend, die Streitereien sind mit dem Zusatzkind ausgezogen genau wie die ständige Alarmbereitschaft in Bezug auf Suizidversuche oder Angriffe.
Das macht nach den letzten Jahren vor allem eines: frei.

Ich bin wahnsinnig dankbar, dass unser Kern von all den Stürmen unberührt blieb. Wir fünf sind näher zusammengerückt. Nachdem ich Mitte des Jahres aus meiner Trauer um die Flucht der großen Tochter aufgetaucht bin, kann ich endlich wieder klarer auf das blicken, was ich habe: eine ganz wunderbare Familie. Dass sie gerade nicht dazugehören möchte, ist ganz allein ihre Entscheidung, die ich inzwischen akzeptieren kann.

Wir haben viele Regeln in diesem Trauerprozess einfach über Bord geworfen. Unser Umgang miteinander ist sehr viel freier, ehrlicher und lockerer geworden. Ich habe erkannt, dass ich sehr wohl einen großen Teil Verantwortung trage und in anderen Bereichen dafür aber nicht die Schuld, die mich fast erdrückt hätte.

Ich bin dankbar für jeden Tag, den ich mit den Kindern verbringen darf. Und ich glaube, ich bin heute die beste Mutter, die ich je war. Auch wenn das ganz anders ist als ich mir immer vorgestellt habe.

Kati 02.12.2019, 06.00| (2/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Adventskalendertürchen Nr. 1

Dieses Jahr war so voll, so umwälzend, so anstrengend, dass ich die Adventszeit nutzen möchte, mir zu vergegenwärtigen, wofür ich in diesem Jahr besonders dankbar bin.

Nr. 1 - Körper

Ich bin unglaublich dankbar für meinen derzeitigen Gesundheitszustand.
Mein Körper hat mich in diesem Jahr ganz anders gefordert als in den Jahren zuvor. Es ging nicht um Schadensbegrenzung oder um Symptomlinderung - es ging das erste Mal nach langer Zeit um Aufbauarbeit.

Seit März bin ich im Fitnessstudio und trainiere 3-5 Mal die Woche regelmäßig alle Muskelgruppen. Das Laufen musste ich wegen dem Arthroseknie zwar reduzieren, aber auch hier bin ich fit wie schon lange nicht mehr. Die schwere Entzündung von Ende letzten Jahres ist nach 6 Monaten ausgestanden gewesen. Ein paar Kilometer laufen? Kein Problem.
Mein Körper fühlt sich gut und kräftig an.

Die Lordose der Halswirbelsäule ist durch Training, Orthopädenbesuche und Änderung der Lebensführung komplett verschwunden. Auf dem Niveau kann ich nun endlich die erforderliche Gewichtsreduzierung angehen, die ich dieses Jahr nicht auch noch umsetzen konnte, aber ich übe mich in Nachsicht (ein eigenes Türchen, vermutlich).

Ich bin ärztlich in den besten Händen, habe gute Begleiter, alle Vorsorgeuntersuchungen dieses Jahr absolviert und bin bis auf die chronischen Krankheiten gesund. Ganz allumfassend.

Ich hoffe sehr, dass hier im nächsten Jahr dann auch "schmerzfrei" stehen wird.

Kati 01.12.2019, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Wenn du nicht tot wärst...

... dann hättest du heute Geburtstag.

Hört man im Tod auf, Geburtstag zu haben?

Auf jeden Fall wohl nicht für die Lebenden. Und so wird auch für mich dieser Tag Zeit meines Lebens immer mit deinem Geburtstag verbunden sein.
Du bist jetzt fast 2 Jahre tot. Die Umstände deines Sterbens haben mir den Abschied von dir leicht gemacht. Dein Schweigen war immer leichter zu ertragen als der offene Hass. Weh tat beides.

Ich war noch keine 10 Jahre alt, als ich aufhörte, Mama zu dir zu sagen. Dieses Wort kam nie wieder über meine Lippen und auch in Gedanken nenne ich dich niemals so. Ich habe im Grunde keinen richtigen Namen für dich. Vielleicht hätten wir noch einen gefunden, wenn wir die Chance auf ein letztes Gespräch gehabt hätten... Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass ich seit fast 2 Jahren meinen Vater wiederhabe. Neu kennenlerne. Anders kennenlerne. Das wäre nicht geschehen, wärst du nicht so früh gestorben. 

Manchmal besuchst du mich noch in meinen Träumen. Nicht mehr so bedrohlich wie früher. Es ist inzwischen okay. Ich kann dich dort lassen. Deine Macht war endlich.
Das begreife ich aber auch erst jetzt.

Vor einigen Wochen habe ich das allererste Mal in meinem Leben etwas Schönes von dir geträumt. Es war eine Abschiedsszene. Dein Gesicht war freundlich, zugewandt. Ohne Hass, ohne Bitterkeit. Du entferntest dich von mir und ich war lange unschlüssig, was ich tun sollte. Du warst so freundlich. Echt. Authentisch. So kannte ich dich nicht. Und irgendwie wusste ich, dass dies ein Abschied für immer sein würde. Also richtete ich mich irgendwann auf und schrie: "Ich liebe dich!" hinter dir her. Worte, die mir in unser beider Leben nie über die Lippen gekommen sind. Aber ich brüllte sie aus tiefster Seele. So laut ich nur konnte. Du musstest sie einfach hören. Und ich glaube, das tatest du. Du hast gelächelt. Mich angelächelt. Wie es eine Mutter getan hätte. Dann warst du verschwunden und ich blieb zurück.

Wo auch immer du nun bist, ich wünsche dir vor allem eines: Frieden.
Und dass du loslassen konntest, was dich innerlich zerfressen hat.

Kati 22.11.2019, 18.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Versprochen ist versprochen

Ich mache nicht gerne Versprechen.

Und ich bekomme auch nicht gerne welche.

Mein Leben und meine Erfahrung zeigen mir, dass nur die allerwenigsten Menschen achtsam mit dem umgehen, was sie zusagen. Und ein Versprechen - die stärkste und wohl erwartungsbehaftetste Form der Zusage - ist oft den Atem nicht wert, der darauf verschwendet wird, sie auszusprechen.

Mir stellen sich die Nackenhaare zu Berge, wenn Eltern von ihren Kindern Versprechen einfordern - wie soll Kindern möglich sein, woran die meisten Erwachsenen scheitern? Umgekehrt ist es so, dass ich meine Kinder, die alle in einem gewissen Alter die Floskel "Ich verspreche es" mal mir gegenüber formuliert haben, mit Händen und Füßen davon abhalte, genau das zu tun. Ich will keine Versprechen. Ein Versprechen muss erfüllt werden. Wird es das nicht, war es nichts wert. Sind Worte irgendwann nichts mehr wert. Und dagegen wehre ich mich.

Ich bin ein sehr verbindlicher Mensch. Ich tue, was ich sage. Dass das unter Umständen nicht mit der Lebensrealität der Anderen übereinstimmt, ist erst einmal nicht mein Problem. Wenn ich ein Versprechen gebe, dann halte ich es. Um jeden Preis. Da ich um den Druck weiß, den das auslöst, mache ich nur sehr sehr wenige davon. Nur die, die ich will. Und von denen ich weiß, dass ich sie erfüllen kann und werde.
Ich verspreche den Kindern nur selten etwas, anderen Menschen schon mal gar nicht und dem Mann nur Eines.

Das ist gleichzeitig das umfangreichste Versprechen von allen und ich habe es vor Zeugen abgelegt. Verbindlicher geht wohl nicht mehr.

Kati 12.11.2019, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Mein bester Freund, das Sofa

Ich dachte, nach der langen Grippeerkrankung nehme ich mir noch mal zwei, drei Wochen Zeit für eine große Muskelverletzung im Rücken. Ich verbringe meine Tage also entweder im Bett liegend, weil das die einzige Möglichkeit ist, schmerzfrei zu sein - oder ich sitze mit dem Hund auf dem Sofa und langweile mich zu Tode. Auf dem Sofa sitzen ist nach Im-Bett-liegen nicht mit solchen Schmerzen verbunden, dass ich mich vom Dach stürzen will, also verbringe ich dort ebenfalls sehr viel Zeit. Ich habe die Kinder genötigt, die xBox aus dem Partyzimmer wieder ins Wohnzimmer zu bringen, wo ich dann in Decken eingepackt Supermutanten erschießen, Sims heiraten lassen oder Challenges spielen kann. Meine Freuden im Leben...
Nach dem letzten Besuch beim Orthopäden und einer Spritze mit wirklich extrem langer Nadel, die munter in meinem Rücken herumstocherte, geht es langsam aufwärts. Betonung auf langsam, aber immerhin aufwärts.
Ich kann das Sofa allmählich nicht mehr sehen, ich möchte arbeiten, etwas tun, produktiv sein, aber so lange ich mich nach dem duschen oder staubsaugen erst mal ne Stunde hinlegen muss, weil ich so erschöpft bin, wird das noch nicht wirklich was.

Kati 11.11.2019, 12.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Einundvierzig

Am Samstag war es soweit - ich hatte Geburtstag!

Da ich mich immer noch von einer über drei Wochen andauernden Krankheit erhole, gingen wir es ruhig an. Lieblingskuchen zum Frühstück, Geschenke auspacken, Faulenzen.

Ein wenig konnte ich bereits mein Lieblingsgeschenk ausprobieren - den lang ersehnten Elektrotacker. <3 

Es war herrlichstes Herbstwetter - alle Blätter verfärbt, strahlender Sonnenschein, warmer Wind. Und so nutzen wir die Gelegenheit zu einem ausführlichen Spaziergang mit den Hunden auf dem Berg durch Wiesen und Felder.

Alles in allem der schönste Tag seit langem mit der Sehnsucht, bald endlich wieder mehr unternehmen zu können.

Kati 28.10.2019, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Neue Wege

Jeder kennt den Spruch mit dem "Wenn du das tust, was du immer tust, bekommst du das, was du immer bekommen hast". Und das kreist seit vielen Wochen in meinem Kopf.

Meine Selbstdefinition als Mutter und Hausfrau steht gerade sehr auf dem Prüfstand. Ich war nie jemand, dem es vom Kopf her gereicht hat, Kinder zu erziehen und zuhause zu sein, also pflastern unzählige Aktivitäten und Projekte und ehrenamtliche Arbeiten diesen Weg. Geschenkt. Meine Hauptaufgabe waren trotz allem meine Kinder. Immer und an erster Stelle. Mir war es wichtig, zuhause zu sein. Immer ansprechbar. Mit all meiner Liebe und aus tiefstem Herzen frei gewählt.

Ich hatte mit 6 Wochen das erste Kindermädchen und im Laufe meines ersten Lebensjahres noch etwa ein halbes Dutzend weitere davon. Kam früh in die private Kinderbetreuung, wurde mehr gefordert als gefördert, durch alle Hochbegabtenprogramme gehetzt und landete dann irgendwann sehr früh in der Schule.
Meine Eltern haben Karriere gemacht.

Die Zeit, die ich mit ihnen verbracht habe, war durchzogen von Leistungsnachweisen. Höher. Schneller. Weiter. Es gibt keine zweiten Sieger, nur Verlierer. Gewinnen kann nur Einer, und das bist du. Sei immer besser als alle anderen. Du musst nur einmal öfter wieder aufstehen als der Zweite.
Na klar kann ich jetzt alles, aber der Preis, den ich gezahlt habe, war hoch.
Ich kann jagen, fischen, töten, eiskunstlaufen, reiten, rollschuhfahren, in der Wildnis überleben, spreche mehrere Sprachen, kann handwerken genauso wie kochen, backen, nähen, stricken, häkeln, mauern, Möbel bauen, ein Dach decken, schreiben, gärtnern, kann Elektronik auseinandernehmen und zusammenbauen, Schach spielen, boxen, Feuer machen, surfen, programmieren, Drogen herstellen, löten, schweißen, mit jeder Art von Tieren umgehen, schwimmen, Wasserski fahren, habe Führerscheine, kann Motorboote fahren, Möbel herstellen, spiele mehrere Instrumente und noch die anderen zwölf bis vierzig Dinge, die man mir im Laufe meiner Kindheit so aufgezwungen hat.

Bilder von mir kannte ich eher aus Zeitungen als von Familienalben. Ich weiß, wie es ist, vor großem Publikum aufzutreten und ich habe den Applaus immer gehasst. Weder der schönste Sprung beim Eiskunstlaufen noch das Klatschen von mehreren Tausend Menschen nach dem Beenden eines fehlerfrei gespielten Musikstücks war irgendwann etwas wert.
Mir. Etwas wert.
Es war eher so, dass ich in diesen Momenten etwas wert war. Nämlich meinen Eltern.

Nichts davon ist schlecht. Vieles hat Spaß gemacht.
Heute bin ich dankbar für all meine Fähigkeiten und vermisse trotzdem eine liebevolle Kindheit.
Das kann und darf nebeneinander existieren.

Und so wundert es vielleicht nicht, dass ich mich dieser Bewertung und diesem Leistungsgedanken mit 18 so allumfänglich entzogen habe, wie es nur ging. Nach mehreren Studienversuchen, die mir allesamt zu langweilig waren, stürzte ich mich in das Leben, das ich nie kannte. Jenseits von Reichtum und Wissen und Ruhm und Glanz. Ich fing an zu arbeiten. Und es begann die aufregendste Zeit meines damaligen Lebens. Ich habe alles gemacht, war mir für nichts zu schade und habe jeden Moment davon genossen. Das war häufig auch am Rande der Legalität oder auch etwas darüber, wer weiß das schon so genau, aber ich spürte mich das erste Mal selber. Mich. Nur. Mich.

Heute scheint mir das schwieriger zu sein.
Ich kann nicht auf einem Schiff irgendwo anheuern und für drei Monate weg sein.
Ich kann keine Autorennen mehr fahren.
Ich habe ein Haus und Familie und Tiere und will vor allem auch gar nicht von alledem weg.
Aber es scheint mir gerade alles aufzubrechen, alles Alte wegzubrechen, so dass ich ein ähnliches Gefühl habe wie damals, vor 22 Jahren.

Mein jüngstes Kind ist 8, die größten Beiden sind nächstes Jahr volljährig.
Und meine Verantwortung wird zwar nicht geringer, doch sie erfordert schon einige Jahre nicht mehr die vollumfängliche Präsenz, die ich all die Jahre mit kleinen Kindern zeigen musste.

Auch ich löse mich aus dieser gewählten Rolle.
Nur habe ich keine Ahnung, wo es hingehen wird.

Kati 08.10.2019, 18.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Parallelwelten

Beide großen Mädchen wären jetzt mit 17 beide auf dem Gymnasium und mitten in der Abiturvorbereitung. Sie hätten beide einen Führerschein und auch ein eigenes kleines Auto zum Üben bekommen. Sie wären vielleicht weiter zusammengewachsen, sich näher gekommen, vielleicht wäre es die beste Zeit überhaupt geworden. Für sie, für uns, für alle. Vielleicht hätte die Eine wieder mehr Licht sehen können. Und die Andere mehr Frieden gefunden. Aber zusammen wären wir gewesen. Als Familie.

Nach all den Jahren harter Arbeit und Schmerz und Aufopferung und Kampf und Energieverschwendung auf genau diese beiden Kinder.

Manchmal sitze ich träumend auf der Schaukel und tauche ein in diese rosa Welt, wie ich sie mir für die letzten Jahre hier zuhause mit ihnen gewünscht hätte. So viel Hoffnung, dem einen Kind so etwas wie eine Mutter sein zu dürfen und dem anderen ein ebenbürtiger Partner bei der Ablösung, die auch in der Parallelwelt härter für mich gewesen wäre als alles zuvor.

Wie sehr hing ich an diesem Kind. Meinem Kind. Meiner Erstgeborenen. Die andere Erstgeborene wäre dabei an unserer Seite gewesen. Zu dritt.
Rosa Blase.
Seifenblase.
Illusion.

Heute sitze ich auf der Schaukel und mein Leben ist mir fremd geworden. Es nahm einen Verlauf, der niemals vorgesehen war. Der mich bitter gemacht hat. Und mich an Vielem zweifeln ließ, das vorher meine Glaubenssätze darstellte.
Mein Leben passt mir nicht mehr richtig.

Die Trauer hat den Blick über ein Jahr lang getrübt, doch jetzt, wo die Klarheit zurückkehrt, merke ich nur eines mit aller Deutlichkeit: Ich bin falsch hier.

Kati 27.09.2019, 18.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Schlüsselkind

Ich setzte wie jeden Tag meinen Schulranzen ab und holte den Haustürschlüssel mit der kleinen Kuhglocke heraus. Mein Vater hatte mir diesen Schlüsselanhänger aus der Schweiz mitgebracht und ich liebte das leise Klingeln, wenn man das Glöckchen schüttelte. Ich war stolz, dass ich meinen eigenen Haustürschlüssel zur Einschulung bekommen hatte. Ich schloss auf und keiner war da. Es war nie jemand da. Ich stellte den Ranzen in mein Zimmer und ging in die Küche um zu sehen, was ich mir heute kochen würde. Ich war gerade 5 geworden, früher eingeschult, wie alles, was ich früher machte als alle anderen. Kochen gehörte wohl auch dazu. Nach dem Essen und den Hausaufgaben würde ich zu meinem besten Freund gehen und mit ihm spielen. Er war furchtbar arm, wohnte in einer winzigen Wohnung mit Eltern und Geschwistern und es war überall unordentlich und chaotisch und ... liebevoll. Warm. Dort roch es immer nach gekochten Mahlzeiten und nach Leben. Ich schälte Kartoffeln und überlegte, ob ich mich heute wieder am Backen versuchen würde. Das letzte Mal ging furchtbar schief und ich hatte keine Ahnung warum. Es schmeckte grauenhaft und ich musste alles in den Müll werfen. Ich würde beim nächsten Besuch meiner Großeltern Oma doch noch mal genauer über die Schulter blicken müssen.

Vier Jahre später. Das Gymnasium war ziemlich beängstigend. Sehr groß, ich kannte niemanden, wir waren in den letzten Jahren wieder drei Mal umgezogen. Ich kam mittags nach Hause in das neue riesige Haus, das wir gekauft hatten und keiner war da. Wie immer. Die Mittagsroutine fing an. Essen vorbereiten - meine Mutter arbeitete nun weniger und kam irgendwann gegen 15 Uhr nach Hause, war dann hungrig und wollte etwas essen und danach nur noch schlafen. Mein Vater aß ohnehin bei der Arbeit, dort gab es jeden Mittag gutes und leckeres Essen. Ich war ein paar Mal mit dort, mir meinen zukünftigen Arbeitsplatz ansehen. Er hatte viel mit mir vor. Hausaufgaben machte ich schon lange nicht mehr. Wozu auch. Wenn ich wusste, es würde kontrolliert werden, machte ich morgens noch schnell das Erforderliche. Ansonsten hatte ich frei.
Ich ging in die Wälder, streifte durch Felder und ging den Bach entlang. Ich hatte Zeit. Alle Zeit der Welt.

Oberstufe. Zur Schule ging ich schon lange nicht mehr regelmäßig. Es interessierte ja auch niemanden. Ich lieferte Leistung, wenn es gefordert war und lebte ansonsten mein Leben. Ich verließ zeitgleich mit meiner immer hektischen und beschäftigten Mutter und mit meinem anzugtragenden Vater jeden Morgen das Haus, sein "Sei immmer etwas besser als alle anderen!" im Ohr, und entschied mich meistens erst im Zug, was ich an diesem Tag machen würde. Vielleicht ein wenig Schule, um mich wieder blicken zu lassen? Meine Lieblingsfächer besuchte ich sowieso immer. Die anderen - weniger. Zu Tests und Arbeiten erschien ich und damit hatte sich die Sache. Ich war ja gut. Ich hatte Narrenfreiheit. Vielleicht würde ich ein wenig durch die Stadt bummeln und Geld ausgeben.
Ich brachte meiner Mutter gerne Bildbände von Ländern mit, in die sie noch reisen wollte. Das freute sie, wenn zusätzlich zum Mittagessen noch ein Geschenk dort lag. Ich war früh wieder zuhause. Keiner war da. Wie immer.
Ich versorgte meine Tiere, schrieb, malte, spielte am Computer, sah fern.
Manchmal nahm ich das Fahrrad und fuhr durch die Weinberge. Nur ich und der Fahrtwind in meinem Gesicht.

Einmal blieb ich über Nacht weg. Versteckte mich in meinem Lieblingsversteck auf dem Berg. In den Holunderbüschen. Sie würden nach mir suchen und dann wäre alles wie in den vielen Büchern, die ich gelesen hatte, wenn ein Kind ausriss. Tränenreiche Umarmungen, Aussprachen, Liebesbekundungen. Als ich am nächsten Tag wieder nach Hause kam, schloss ich die Tür auf und keiner war da.

Irgendwann konnte meine Mutter aus Krankheitsgründen ihren Beruf nicht mehr ausüben. Ab da war immer jemand da.
Sie konnte jetzt den ganzen Tag lesen und schlafen und die Putzfrau und die Bügelhilfe und mich herumscheuchen und immer war jemand da, wenn ich das Haus betrat. 

Ich hatte mich noch nie so alleine gefühlt.

Kati 26.09.2019, 12.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Wissen

Heute ist er wieder da. Ich sehe ihn häufig. Er macht dasselbe wie ich, wenn ich auf dem Supermarktparkplatz stehe. Er sitzt im Auto, spielt am Handy, frühstückt, ruht sich aus. Ein Moment der absoluten Ruhe, wenn draußen das Chaos tobt. Eine Oase, die jeden Tag für einen kurzen Moment verfügbar ist.

Dünn ist er geworden.
Noch dünner.
Eingefallene Wangen, traurige Augen.

Er wird gerade seine drei Kinder in Schule und Kindergarten gebracht haben, so wie jeden Tag. Später wird er zur Arbeit fahren. Wie jeden Tag. Irgendwann nachmittags muss er wieder nach Hause. Die Kinder von der Schwiegermutter abholen, die sich um sie kümmert, wenn Schule und Kindergarten aus sind. Und dann wird zuhause seine Frau auf ihn warten.

Die Depression auch. Die Krankheit. Der Tod seines zweiten Kindes. Ihre psychischen Erkrankungen. Ihre Wut. Ihre Trauer. Ich kenne sie gut und bin froh, dass ich inzwischen keinen Kontakt mehr habe.

Ich habe ihre Tränen gesehen. Und seine Blutergüsse. Ihre unbändige, unkontrollierte Wut. Ein schwarzer destruktiver Strudel aus Dunkelheit und Intensität. Meine Mauern waren zu meinem eigenen Schutz immer ganz oben, wenn ich mit ihr umgehen musste.

Ich warte.
Er sieht mich nicht und blickt sich von Zeit zu Zeit suchend um.
Es vergehen fünf, zehn Minuten.
Und ich warte.
Auf diesen einen Moment, den ich inzwischen schon so oft gesehen habe.

Wenn sein Gesicht sich aufhellt und alle Traurigkeit einem sanften Lächeln weicht, das herzzerreißender nicht sein könnte. Sie öffnet die Beifahrertür und setzt sich neben ihn. Küsst ihn zärtlich auf den Mund. Lange. Streichelt seine Wangen, sein Gesicht. Fährt durch seine Haare. Es ist keine Leidenschaft. 
Nur unendliche Zärtlichkeit und Liebe. Wissen.

Ich gehe einkaufen und als ich wiederkomme und meine Sachen einlade, sitzen sie dort immer noch. Ihr Kopf lehnt an seiner Schulter, während er redet. Sie lächelt. Er auch.

Wie jedes Mal denke ich an meinen Lieblingswunsch: 

"Möge der erste Sonnenstrahl des Tages heute das Auge des traurigsten Menschen treffen, den ich kenne."

Und ich glaube, das tat er.

Kati 24.09.2019, 12.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Ein Jahr Schnuppe

Heute vor einem Jahr war Montag und wir warteten schon seit Tagen sehnsüchtig darauf, ob eine unserer Häsinnen tatsächlich Junge zur Welt bringen würde. Nest war gebaut, Unruhe war da, viel ziegiges Verhalten gegenüber den anderen Häsinnen und eine Zutraulichkeit uns gegenüber, die wir bis dahin nicht kannten.
Und an diesem Morgen ging ich nach draußen, um die Hasen rauszulassen und kontrollierte wie jeden Tag die große Wurfbox, die im Stall stand, und der sich schon seit Tagen kein anderer Hase mehr nähern durfte.

Eine hektische Mama, die mir folgte und mir den Weg in die richtige Ecke zeigte, verriet schon die Neuigkeit: Ein dicker, properer Milchkeks lag da geschützt in haufenweise Wolle gepackt trocken, satt und leise schnaufend im Nest.
Wir hatten ein Hasenbaby.

Heute ist Schnuppe eine ansehnliche junge Hasendame, die ihre eigene kleine Gang anführt. Ihre Best Buddies sind der hektische Frodo und der trottelige dicke Zombit. Als Dreiergespann haben sie den höchsten Scheißelkramfaktor im Gehege. Aber auch mit der Mama und dem Papa unternimmt sie noch viele Ausflüge oder kuschelt sich zwischen die beiden. Ihre Ziehtanten und der dicke Onkel Hasi, der sie mit aufgezogen hat, sind eher ein sicherer Hafen, aber keine Partner. Da sieht man den Altersunterschied sehr deutlich. Mit den Bezugshasen wird gekuschelt oder dort Schutz gesucht, mit den Kumpels unternimmt man Ausflüge oder halbherzige Putschversuche.

Es gibt wohl nichts Schöneres, als ein Tier in einer stabilen Gruppe aufwachsen zu sehen und beobachten zu dürfen, wie es in das soziale Gefüge integriert und von jedem ein wenig miterzogen wird. So soll es sein und so ist es ganz wunderbar.

Kati 17.09.2019, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: tierisch

Der kleine Trottel

Der kleine Eisbär, der mal ein Hund werden will, ist ... nicht die hellste Kerze im Leuchter. Ich weiß nicht genau, was bei ihm schiefgelaufen ist, aber er ist der Inbegriff des liebenswürdigen begriffsstutzigen Trottels. Ich tue das, was man bei Kindern niemals tun sollte: Ich vergleiche die Hunde miteinander. Der kleine Braunbär, der einmal ein Hund werden wollte, war in diesem Alter schon sehr viel agiler, aufmerksamer, lernfreudiger und temperamentvoller. Und größer. Wesentlich. Man sollte meinen, wenn man zwei reinrassige Hunde derselben Rasse vergleicht, sollten es nicht solche Unterschiede geben, aber es gibt sie. Beide Väter stammen aus der Arbeitslinie, sind große stolze Rüden und beide Mütter sind ein traumhaftes Abbild ihres Rassestandards. Trotz gleicher augenfälliger Charaktereigenschaften im Welpenalter ist der Braunbär ein dominanter, selbstbewusster und temperamentvoller Hund mit der Fähigkeit zu eigenständigen Entscheidungen, der auch die kleinste Abweichung vom Protokoll sofort registriert und erst einmal skeptisch beäugt - und der kleine Eisbär ist eher so der pummelige, leicht aufsässige und manchmal auch sehr selbstverliebte Klassentrottel, der einen Einbrecher vermutlich auch dann nicht bemerken würde, wenn dieser ein Schnitzel nach ihm werfen würde.

So oder so. Ich lieb die beiden und bin so dankbar für jeden Tag, den ich mit ihnen verbringe.

Kati 16.09.2019, 18.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Bären

Fallen

Die Dinge, die uns lange Jahre so unverrückbar, unbezwingbar, unantastbar erschienen - sie fallen. Sie zerfallen, zerfasern, lösen sich auf. Und ungläubig staunend sehe ich zu, wie die Dinge sich ordnen. Eins ums Andere.
Lange Zeit konnten wir nur Weichen stellen, ohne jemals die zukünftige Strecke auch nur erahnen zu dürfen.
Wir haben monate- und jahrelang auf etwas zugearbeitet, das wir nicht sehen und kaum greifen konnten.
Jetzt sind wir dort. Und sehen. Begreifen, wofür es sich gelohnt hat.

Die Trauer um die Vorstellung, wie wir es uns als Familie gewünscht hätten, ist allerdings blass geworden.
Wir gehen nun eben einen anderen Weg als wir uns vorgestellt haben.

Und vielleicht ist alles gut so, wie es passiert ist.

Kati 13.09.2019, 18.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Was trägt

Ich kann gar nicht so viele Worte um diese Sache machen, wie ich möchte.
Es hat sich vor Monaten eine neue Beziehung in mein Leben geschlichen, die paradoxerweise so spektakulär wie selbstverständlich für mich ist. Von einem auf den anderen Tag einfach "da" und seitdem auch nicht mehr wegzudenken. Ich bin kein Mensch, der leicht in persönliche Alltagsbeziehungen einsteigt und noch weniger Einer, der es für nötig oder erstrebenswert hält, Freunde zu haben. Ich bin ja mit den vielen Bekannten hier in meinem Leben schon leicht überfordert, von denen mich viele sicherlich ohne zu zögern als Freundin bezeichnen würden, mit denen ich aber niemals auf diese Fahrt gehen würde. Und nun hat sich nach all den Jahren einfach klammheimlich eine Routine mit einem anderen Menschen in mein Leben geschlichen, die ich um keinen Preis der Welt mehr missen möchte.

Kati 06.09.2019, 12.00| PL | einsortiert in: KinderKinder

Flashbacks

Dieser Tage reicht ein Blick auf die Uhr, um vor 17 Jahren festgebrannte Erinnerungen in Echtzeit wiederauferstehen zu lassen. Nicht von ungefähr kommt das Kratzen im Hals, die Kopfschmerzen, die Magenschmerzen, das Unwohlsein. Die Erinnerungen an das Durchlebte, die als absolut erfahrene Einsamkeit, die Schmerzen, die Hilflosigkeit. Selten ist etwas so klar und scharf umrissen wie in diesen ersten Septembertagen.
Dieses Mal wiederholt sich sogar die Wochentagfolge von damals.
Der Montag, der Dienstag, der Mittwoch. 

In 20 Stunden werde ich zweimal bei der Geburt meines ersten Kindes gestorben sein.
In 24 Stunden werde ich vom Chefarzt im Aufwachraum darüber informiert worden sein.
In 26 Stunden werde ich meine seit 6 Stunden laut schreiende Tochter das erste Mal in den Arm genommen haben und dann 18 Monate lang wortwörtlich nicht mehr loslassen.

Und ich kann sie morgen nicht einmal in den Arm nehmen, um ihr und mir zu ihrem Geburtstag zu gratulieren.
Weil sie weg ist.

Kati 03.09.2019, 12.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Das Glückskind

Die Kriegerprinzessin ist in vielerlei Hinsicht ein Glückskind. Das fing vielleicht schon damals an, als sie mitten in der Nacht mit halbem Glückshäubchen, einem Herzfehler und tiefblauem Gesicht (und einer Nabelschnur, die sich mehrfach um ihren Hals gewickelt hatte), im größten Gewitter des damaligen Sommers geboren wurde. Sie ist das Kind, das wir am häufigsten in ein Krankenhaus fahren oder von dort abholen mussten. Egal, ob sie sich einmal die gesamte Lippe gespalten hatte und mit zwei Jahren stoisch - ihren Lieblingsesel an sich gedrückt - das Nähen der gesamten Lippe über sich ergehen ließ - mir trotzig in die Augen blickend und willens, diese Prozedur durchzustehen - oder ob wir eines Tages nach Hause kamen, den Kobold in heller Aufregung vorfanden, die Polizei sei dagewesen, die Motte sei vom Auto angefahren worden. Auch da holten wir später ein leicht trotziges und aufrecht stehendes Kind aus dem Krankenhaus. Nicht ohne bleibende Schäden, aber seelisch unversehrt.
Ich stehe voller Ehrfurcht vor diesem einen Kind, das mir so ähnlich ist und mich so sehr zur Weißglut bringen kann wie kein anderes. Mit dem ich mich bis aufs Blut streiten kann. Das gleichzeitig eine Sanftmut gegenüber anderen Lebenwesen an den Tag legt, die ihresgleichen sucht.

Und ich sehe voller Dankbarkeit und Staunen, wie das Leben und das Schicksal immer wieder ihre Hände über dieses willensstarke Geschöpf halten.

Wenn jemand etwas gewinnt, dann ist sie es. Wenn jemand etwas findet, an dem wir alle vorbeigelaufen sind, dann ist sie es. Wie beim Fahrradfahren, als wir alle über einen 20 Euro Schein gefahren sind und sie ihn sah und aufhob. Wie sie jeden Getränke- oder Essensautomaten überprüft und immer eine Münze findet. Zwei Euro hier, einen Euro dort, einen Schein auf der Straße... Kranke oder verletzte Tiere - findet nur sie und bringt sie mit nach Hause.
Sie ist das Kind, das ich Lose aussuchen lasse und mit jedem davon gewinne.

Sie ist auch dasjenige, das sich den gefährlichsten Situationen aussetzt. Das Kind, das am höchsten klettert, am tiefsten fällt, hundertprozentig den Dornenbusch oder das Brennesselfeld trifft, wenn wir anderen in der Buchenhecke landen. Sie ist heimlich an den Fluss gegangen, während er Hochwasser führte, reingefallen, kam wieder heraus. Sie ist abends zum Sportplatz geschlichen, eingesperrt worden, in der einsetzenden Dunkelheit über drei Meter Gitter geklettert.

Sie tanzt im zarten weißen Spitzenkleid mit ihren schimmernden rotgoldenen Haaren und schlägt unerbittlich zu, wenn sie sich verteidigen muss.
Niemand nimmt diesem Kind irgendetwas weg.

Wer viel Helligkeit in sich trägt, zu dem gehört auch die Dunkelheit.
Aber vom Schicksal geküsst - immer.

Kati 17.07.2019, 12.00| (3/3) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

Lauf!

Ich bin bereit. Das Laufband setzt sich langsam in Bewegung. Nur ein bisschen. Das Knie meckert, heute nur langsam. Aber ich muss laufen, ich muss die Gedanken loswerden, die Albträume der Nacht abschütteln. Ich muss mich bewegen. Uve Teschner wird mir die nächste Stunde vorlesen mit dieser Stimme, die in mir eine Ruhe hervorruft, die ich sonst nur in der Nähe des Mannes empfinde. Ich laufe. Meine Gedanken wandern von der Grenze zwischen Thailand und Burma immer wieder in die nahe Zukunft. Ich muss mich einem Menschen stellen, den ich mehr als jeden anderen verabscheue. Von dem ich dachte, ihn nie wiedersehen zu müssen. Ich versuche, mich auf die Stimme in meinem Ohr zu konzentrieren und wieder in meine Geschichte einzutauchen. Vielleicht laufe ich einfach etwas schneller. Das Knie wird mitziehen müssen. Mir wird warm. Gut. Noch ein bisschen Steigung dazupacken. Nicht denken. Den Kopf frei laufen. Burma. Die Aufständischen. Mein Held mit einer Mission im Dschungel. Weiter gehts. Überall Drohnen. Gefahr von oben. Regen, Nebel und hohe Temperaturen. Ich werde schneller. Der Körper schreit nach Forderung. Das Knie ist noch stabil, auch wenn es weh tut. Ich bin in einer abgelegenen Hütte in der Nacht. Die Erinnerung trifft mich wie ein Schlag. Die Fesseln. Der Ledergürtel. Der Schmerz. Der unendliche seelische Schmerz, der niemals von der körperlichen Versehrtheit eingeholt werden kann. Niemals. Schneller! Lauf schneller! Die ersten Schweißperlen stehen auf meiner Stirn. Burma. Wir haben die Grenze überquert. Der Fluss. Wir müssen noch über den Fluss! Ein Drohnenangriff. Verletzte, Tote. Blut. Der Schweiß, der mir am Hals herabläuft, fühlt sich plötzlich an wie Blut. Das Blut von damals. Seine Schläge. Sein Lachen. Das Wissen um das, was kommen würde, jetzt wo er maximal erregt war. Ich schließe die Augen und laufe weiter. Schneller. Wir kümmern uns um innere Blutungen, aber es ist klar, dass hier noch mehr Menschen sterben werden. Meine Erinnerung vermischt sich mit den Hass- und Gewaltphantasien, die ich mir schon so lange Jahre versage. Der Hass ist roh und kalt. Ich will das nicht. Nebenan startet der Sportkurs und harte laute Rhythmen dringen hinter der Erzählung an meine Ohren. Die Bässe geben meinen Laufschritt vor, noch ein paar Minuten durchhalten, nur noch ein bisschen. Selbst Uve Teschners Stimme erhebt sich. Die Ereignisse im burmesischen Dschungel überschlagen sich. Ich will nicht mehr an ihn denken. Nicht mehr daran, wie ich mich nass und blutig und wund endlich in der Dunkelheit zusammenrollen konnte, die mich mit sanften Armen umfing. Jedes Mal. Ich habe jeden Verrat überlebt. So viel Schmerz. Ich will nicht mehr. Weiterlaufen. Schneller. Weiter. Nur weiter. Gegen den Schmerz. Gegen die Erinnerung. Gegen den Ekel. Gegen den Hass. Völlig erschöpft steige ich nach einer Stunde vom Laufband und trockne mit dem Handtuch mein Gesicht ab. Ich blicke darauf und sehe kein Blut. Es ist Schweiß. Nur Schweiß. Mein Herz pumpt und ich fühle mich leer. Leergelaufen, leergefühlt. Der Held der Geschichte hat das Schlimmste hinter sich und kämpft nun nur noch gegen die Versuchung. Enttäuschend, dass selbst ein gutes Buch diesen billigen Aspekt nicht auslassen möchte. Ich weiß, er wird scheitern. Wir alle scheitern irgendwann an unseren niederen Instinkten. Ich ziehe mich um, packe zusammen und gehe nach Hause. Weiter. Immer weiter.

Kati 16.07.2019, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Zeugnistag

Ist es nicht erst ein paar Tage her, dass es Halbjahreszeugnisse gab?
So ewig lang uns die Zeit bis zum Sommer noch vorkam, so schnell ist sie dann doch vergangen. Sommerferien, endlich. So dringend nötig für uns alle.
Die Kinder haben heute ihre Zeugnisse bekommen und was soll ich sagen?

Ich bin so stolz auf sie, dass sie allesamt wieder ein Jahr Schule absolviert haben.
Auf jeden etwas anders und jeder ist in diesem Jahr mal wieder über sich hinausgewachsen.

Der Kobold hat seinen Drang zur Unterrichtssabotage inzwischen weitestgehend unter Kontrolle und hat das Lernen für sich entdeckt. Leider unterrichten einige seiner Lehrer immer noch nicht für alle Wahrnehmungstypen gleichwertig, sondern hauptsächlich visuell und auditiv, aber das können wir zuhause abfangen. Mit den Berufswünschen Polizist oder Youtuber kann ich hervorragend leben, denn der Kobold geht seinen Weg auf seine Weise. Wir werden sehen, wo er uns hinführt. Notentechnisch hat er sich in fast allen Fächern um eine Note verbessert und das ist eine Leistung für ihn, die man mit Worten kaum angemessen beschreiben kann.

Das ehemals gehörlose kleine Kind, das ein Jahr früher eingeschult wurde und das entgegen der Empfehlungen nicht auf eine Sonderschule sondern auf eine Regelschule geht, hat auch das zweite Schuljahr mit Bravour gemeistert. Überflieger, in jedem Fach, in jedem Bereich. Es liegt einfach in ihm. Sein Paradefach Mathematik ist ihm oft zu leicht, löst er doch die Gleichungen des Achtklässlers hier genauso leicht wie ihm das Bruchrechnen mit der Sechstklässlerin fällt.

Die Kriegerprinzessin hat ihr erstes Jahr am Gymnasium ebenfalls hervorragend gemeistert. Kein Straucheln, keine Zweifel, nichts. Öfter mal ist sie mit ihrem Dickkopf an (Lehrer-)Wände gestoßen, aber das darf auch sein. Sie behauptet sich. Das berühmte "Absacken" der Noten im ersten Jahr des Gymnasiums blieb auch bei diesem Kind aus. 

Jetzt endlich Schulsachen in die hinterste Ecke, Konsolen raus, Strandlaken auf die Gartenliegen, Wasser in den Pool, Eiscreme ins Gefrierfach. Sommerferien, wir kommen!

Kati 12.07.2019, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: KinderKinder

WMDEDGT - 05. Juli 2019

Heute ist Was macht du eigentlich den ganzen Tag bei Frau Brüllen und da der Tag schon früh morgens das Potential hat, so richtig bescheuert zu werden, mache ich mal mit.

Mein Tag beginnt um 01:22 Uhr - da bekomme ich nämlich eine Nachricht einer befreundeten Mutter, die sich bedanken möchte, dass ich ihren Sohn mit zum Treffpunkt der Klassenfahrt genommen habe. Mein Handy liegt um diese Uhrzeit normalerweise eine Etage tiefer und ist leise - heute allerdings liegt es neben meinem Bett auf Kopfhöhe und ist maximal laut, weil der Sohn zu diesem Zeitpunkt auf der Fähre nach England ist und ich auf Nachricht warte, dass sie drüben angekommen sind.
Ich bin wach, also kann ich ihr auch kurz antworten, leider findet das helle Display ein riesiger Nachtfalter ziemlich geil und fliegt mir mitten ins Gesicht.
Ich kann gerade noch an mich halten, nicht laut loszuschreien (weil - der Mund muss zubleiben!) und versuche, das Ding mit meinem Handy zu erschlagen.
Gelingt auch und ich schnippse es zur Seite, das kann die Schlafzimmerkatze fressen.

Durch die Bewegung und das Adrenalin ist meine Kiefernaht wieder aufgebrochen und blutet mir lustig den Mund voll. Die Schmerzen sagen - hinlegen geht jetzt erst mal nicht mehr. Ich gehe also auf Toilette, werfe meine verschriebenen Schmerzmittel ein und kehre zurück ins Bett, wo ich mich halbsitzend hindrappiere. Der Mann hat von alledem anscheinend nichts mitbekommen.

Um kurz nach 6 Uhr verlässt der Mann das Haus und zieht die Mülltonnen auf die Straße. Das ist laut. wie jeden Freitag.
Über mir ist die Kriegerprinzessin wach und macht anscheinend Kampfyoga mit Gewichten oder übt vielleicht auch einfach martialische Tänze. Wir haben Holzdecken.

Ich schlummere wieder weg und werde 10 Minuten später von der wild fauchenden Schlafzimmerkatze geweckt. Ich reiße die Augen auf und sehe direkt auf eine dicke schwarze Eisbärschnauze. Der kleine Eisbär, der mal ein Hund werden möchte, ist unerlaubt in die Mitteletage geklettert und macht nun Katzenjagd. Ich schimpfe ein bisschen, stehe auf (ohne den Wecker exakt 4 Mal auf Schlummern stellen zu können - der Tag wird also Scheiße) und trage ihn ins Erdgeschoss. Dort pinkelt er mir erst mal auf die Füße.

Mein Kiefer pocht, ich habe Kopfschmerzen, der närrische kleine Tuk springt fröhlich trampelnd die Treppe runter (wir haben Holztreppen...) und erzählt mir erst einmal, dass der kleine Eisbär auch schon im Obergeschoss war. Ich wische die Pfütze weg und schicke die Hunde in den Garten.

Im Medikamentenschrank wühlend überfällt mich das kleine Kind von hinten weinend, es würde jetzt ganz plötzlich ganz schrecklich den großen Bruder vermissen. Trösten, Tabletten runterschlucken, wie ein Mantra wiederholen, dass es doch meistens viel besser ist als damals, als sie noch alle klein waren.
Ich gehe in die Gartenküche und will Frühstück machen. Hundeknurren von der Terasse - die Hunde kämpfen um den Badezimmervorleger, der aus irgendeinem Grund gerade unter dem Kirschbaum zerrissen wird.
Atmen.
Badezimmervorleger aus zwei Hundeschnäuzchen entfernen, weiter gehts mit Frühstück.

Wir haben kein Brot mehr. Warum haben wir kein Brot mehr? Nichts. Nichts zum Aufbacken, zum Auftauen, zum als-Notlösung-essen, nichts.
Atmen.
Kopfschmerztabletten wirken langsam.
Ich setze mich ins Auto und fahre zum Bäcker, hole die leckeren Brötchen, die es sonst nur ausnahmsweise gibt, weil sie so schweineteuer sind.
Wieder zurück begrüßt mich eine neue Pfütze in der Diele und zwei Hunde, die um einen Badezimmervorleger kämpfen (hallo?) und zwei Kinder, die etwas irritiert sind, weil das mit dem Brot noch nie vorkam.

Kinder aus dem Haus schubsen, Tierrunde. Alle Tiere rauslassen, durchzählen, Gesundheitszustand überprüfen und Tierarztliste im Kopf erstellen. Den Welpen aus dem Blumenbeet pflücken. Duschen. Pfütze wegwischen. Restliche Mülltüten aus dem Haus zusammensammeln und mit in die Mülltonnen nehmen, einkaufen fahren.
Auf dem Parkplatz kommt die ersehnte Nachricht vom Sohn, Land in Sicht! Sie legen gerade in Dover an. Das Handy scheint immerhin nicht über die Reling gefallen zu sein. Der kleine Kobold ist in England. Sehr viel inneres Seufzen. Jetzt ist es nur noch eine halbe Stunde bis aufs Universitätsgelände und dann werde ich wohl die nächste Woche nichts mehr von dem Sohn hören. Und das ist auch gut so.
Der Einkauf gleicht eher einem Spießrutenlaufen von Bekanntschaft zu Bekanntschaft - anscheinend haben alle gerade ein überwältigendes Mitteilungsbedürfnis und ich komme da gerade recht. Ich habe heute eindeutig die ganz falsche Einkaufszeit erwischt. Kurzer Informationsabgleich mit einer befreundeten Mutter, deren Kind ebenfalls mit auf Englandfahrt ist. 
Wieder zuhause angekommen schleppe ich meine Beute die Treppe hoch (der Kiefer pocht, das Knie ist meckerig, der Kopf hat auch noch was zu sagen) und blicke über das Gartentor als erstes auf einen Hasen. Einen Hasen, der meine Lieblingsblumen frisst. Ich muss unbedingt herausfinden, wo die geheime Ausbruchsmöglichkeit ist, die anscheinend nur dieses eine Tier kennt. Der Hase verschwindet hinter der nächsten Hecke und ich begrüße die beiden Bärchen, die so tun, als wäre ich vier Tage weggewesen. Mindestens. Ich nehme ihnen den Badezimmervorleger wieder weg und wische eine Pfütze aus der Diele. An mir rennt ein weißer Flauschball mit einer Rolle Panzerklebeband in der Schnute vorbei in den Garten. Ich renne hinterher. Es pocht. Ich schicke den großen Hund mit Befehl, mir entweder den kleinen Hund oder mein Panzerklebeband wiederzubringen in den Garten und lasse mich auf einen Stuhl sinken. Der kleine Braunbär, der mal ein Hund werden wollte, lässt mir die Rolle Klebeband in die Hände fallen und legt seinen schweren Kopf auf meinen Schoß. Empörtes Welpenfiepen im Hintergrund.
Ich erledige das Nötigste im Haushalt, da ruft es von vor dem Haus. Die Postbotin, die Angst vor Treppen und Hunden hat, schreit von draußen, sie traut sich nicht an den Briefkasten (der AUSSEN am Tor hängt). Ich gehe ihr die halbe Treppe entgegen, sie klammert sich ängstlich an das Geländer und wagt den Abstieg. Mein Mitgefühl wird heute von einer gewissen Entnervtheit überlagert und das mag ich an mir selber überhaupt nicht.
Post vom Ordnungsamt, bitte NOCH ein bisschen mehr Geld für den RIESIGEN gefährlichen Hund bezahlen, den ich mir da ins Haus geholt habe. Ich lasse die Hunde im Garten spielen und mache mich an die Buchhaltung. Die nächste Klassenfahrt will auch schon wieder bezahlt werden.
Das Gartentor geht quietschend auf und ich bin schon halb am Fenster mit dem Satz: "ACHTUNG! Die HUNDE!" (unser Paketbote mit Angst vor Hunden hat das heraushängbare Schild letztens übersehen und wurde plötzlich von beiden beschlabbert), aber es war die Kriegerprinzessin, die heute nur drei Stunden hatte, was mir total entfallen war. Fertig mit Schule - nächste Woche geht sie nur noch auf Klassenfahrt und dann sind Sommerferien.
Neben Bürokram bekomme ich Nachrichten von mehreren Eltern, dass sie ihre Kinder nicht erreichen können. Ich bin kurz froh, dass es früher keine Handys gab, aber meine Eltern hätten mir ja eh nicht hinterhertelefoniert. Also wäre es für mich egal gewesen, aber ich fand diejenigen unter uns schon sehr peinlich, die mit 18 auf Studienfahrt einmal am Abend aus einer Telefonzelle in der Toskana ihre Eltern anrufen mussten.
Irgendwann entscheide ich mich, mit der Kriegerprinzessin ein wenig Hecke und Bäume zu schneiden und zu häckseln. Der Mann kommt heute auch früh, also können wir endlich mal wieder einen Nachmittag gemeinsam im Garten arbeiten. Den Häcksler aus seinem Versteck gerollt, ich schneide, die Tochter häckselt. Wir holen den Welpen aus dem Verlängerungskabel, in dem er sich heillos verheddert hat.
Der Mann schreibt mir eine Nachricht, dass seine Tochter mal wieder in die Notaufnahme muss und er jetzt nach Hause kommt, um dann mit dem Auto ins Krankenhaus zu fahren. Ade, Gartennachmittag. Wir holen den Welpen wieder aus dem Verlängerungskabel und machen weiter. Ein Hase schießt durch den Garten, ein großer brauner Hund (deutlich langsamer, aber immer noch wahnsinnig schnell) rennt hinterher. Wir bringen die Hunde rein. Als wir einige Hecken und einen ganzen Baum gehäckselt haben, fangen wir Hasen ein und machen die vermutete Ausbruchsstelle noch unpassierbarer. Ich wische Pfützen aus der Diele. Der Mann wird bereits in der Maschinerie der Notaufnahme verwurstet und wandert mit dem ZusatzKind von Station zu Station.

Ich schreibe ein wenig an diesem Blogartikel und denke, das ist ja super Content für einen WMDEDGT-Eintrag, da ploppt im Ticker die Meldung hoch, dass ein Krankenhaus brennt. Genau das Krankenhaus, in dem der Mann sich gerade befindet. Super. So langsam reicht es jetzt für diesen Tag.
Ich schneide noch die Hecke zum Nachbarn, die langsam unseren Garten frisst, bespaße ein wenig das kleine Kind, das sich etwas vernachlässigt fühlt und außerdem den großen Bruder vermisst und falle dann in einen Stuhl.
Der Mann kommt abends nach 5 Stunden Notaufnahme wegen gar nichts (Ach, doch, wegen Drama, Baby!) wieder nach Hause und wirkt leicht ungehalten. Verständlich. Ich koche Abendbrot für die Kinder, danach bringen wir alle Tiere wieder in die dafür vorgesehenen Ställe und füttern sie. Der Garten müsste noch gegossen werden, das lagere ich heute aber auf den Mann aus. Der Kiefer schmerzt ohne Ende und Hinlegen hätte mir heute gut getan. Egal, bald geschafft.
Ich nehme den Hunden noch diverse Kinderschuhe, Dreckwäsche und andere Dinge weg, der Mann wischt weitere Pfützen weg, ich freue mich sehr über eine seltsame Nachricht von meinem Sohn aus England, über einen lieben Menschen, der plötzlich in meinen Telefonkontakten auftaucht und denke noch ein wenig über ein Thema nach, das mich heute Morgen kalt erwischt hat, nicht loslässt und zu dem ich noch so viel zu sagen (schreiben) hätte. Aber nicht mehr heute, heute hat genug wehgetan.

Jetzt gibt es gleich Sofa mit den Lieblingsbärchen und dem Mann, ein wenig Netflix und morgen wird ein besserer Tag.

Kati 05.07.2019, 19.50| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Gebranntes Kind

Manchmal lohnt es sich, noch mal einen Schritt Richtung Feuerstelle zu wagen um dann festzustellen, dass es nur noch die Asche der Vergangenheit ist, die einem Angst machte.

Kati 02.07.2019, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: KinderKinder

Agonie

Wenig in meinem Leben erreichte je die bittere Intensität jenes Schmerzes, den ich zurzeit empfinde. Versagen, Wut, Enttäuschung und Liebe reichen sich die Hand und weinen gemeinsam. Ich bin nicht die, für die ich mich hielt. Ich strauchle mehr als ich jemals für möglich hielt. Ich kämpfe nicht so unfair wie ich mir geschworen hatte. Ich liebe mehr als ich ertragen kann. Ich verabschiede mich langsamer als mit gut täte. Mein Herz blutet stärker als ich erlauben wollte. Ich sehe das ersehnte Lebewohl vor mir, wenige Meter nur, so nah und gleichzeitig unerreichbar.
Fehlt mir der Mut? Die Kraft? Das Wollen? Wo ist meine Selbstachtung? Wann richte ich mich endlich auf und sperre aus, was mir absichtlich so weh tut? Kann ich das? Tut es danach noch mehr weh als jetzt? Kann es doch eigentlich nicht. Aber es ist vieles passiert, das ich nie für möglich hielt.
Ich will diesen Kampf nicht mehr. Ich will nicht mehr und ich kann nicht mehr.
Wenn man um eine Liebe kämpfen muss, dann ist es keine.
Quod me nutrit, me destruit.

Kati 01.07.2019, 18.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

Hund x 2

Das einzige Wort, das der momentanen Situation mit zwei Hunden gerecht werden kann, lautet wohl: Glück. Aber natürlich gibt es noch so unendlich viel mehr dazu zu sagen, wenngleich man es auf genau dieses Wort herunterbrechen könnte und damit alles gesagt hätte, was wichtig ist.

Der kleine Eisbär, der mal ein Hund werden möchte, ist ein Geschenk des Himmels. Er ist frech, aufsässig, wild und wunderbar. Und der kleine Braunbär, der mal ein Hund werden wollte, trotz aller meiner Bedenken, Ängste und Befürchtungen seit der ersten Sekunde der beste Hundeonkel, den ich mir hätte wünschen können. Im Moment des Kennenlernens, den ich mit bangen Gedanken begleitet habe, lösten sich alle meine Zweifel in Luft auf. Mein großes braunes Bärchen ist mit all seiner Dominanz und all seiner ungestümen und rohen Art von einer Zärtlichkeit gegenüber dem Welpen, dass mir die Tränen in den Augen stehen, wenn ich die Zwei beobachte.

Was wurde mir abgeraten, zu einem dominanten intakten Rüden einen Weiteren zu holen. Und wenn, dann nur einen ganz ruhigen, unterwürfigen. Das Bauchgefühl des Mannes hat bei unserem ersten Besuch des Wurfs sofort auf den Chef im Ring gezeigt, ohne dass wir das vorher gewusst hätten. Und da ich nie gegen Bauchgefühl argumentiere, haben wir auch genau diesen Welpen ausgewählt.

Es war eine gute Entscheidung. Er ist stabil und selbstbewusst genug, auch mal ein paar Rempler einzustecken und lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Der Große ist von einer Sanftmut, die ich nur von unser beider Zusammensein kenne. Beißt sich der Welpe in seinem Fang fest, macht er geduldig leise Geräusche, bis er loslässt. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, erzieht und maßregelt dort, wo es nötig ist und ist ansonsten ein Ausbund an Liebe und Langmut.

Ich liebe diesen Hund, der bei all seiner Wildheit einen Charakter hat, den man in Gold nicht aufwiegen kann. Und nun auch diesen Kleinen, der aus einer perfekten Zweierbeziehung eine ebenso wunderbare Dreierbeziehung gemacht hat.

Kati 12.06.2019, 12.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Bären

Vorfreude

Und dann geschehen Dinge in einer derart liebenswürdigen Nonchalance, dass man zunächst zweifelt, ob sie nicht vielleicht nur einem wirren, anderthalb Jahrzehnte alten Wunschtraum entsprechen. Aber nein, tun sie nicht. Und jetzt freue ich mich auf Ende September. Sehr.

Kati 04.06.2019, 18.00| (3/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Schlaflose Nachlese

Ich bekomme deutlich zu wenige Stunden Nachtschlaf, habe deswegen Dauerkopfschmerzen, mir tut alles weh und ich bin gleichzeitig glücklich über die traumhafte erste Begegnung der beiden Hunde und etwas ängstlich, weil ich ab Montag den Alltag gleich alleine mit Hundewelpen, Kindergeburtstag und Partyplanung starte.

Bei der Vorfreude und Aufregung, die wir die letzten Wochen erlebt haben, wunderte es mich sehr, dass neben Hochzeitstag und Babyhund abholen tatsächlich 5 von 6 Kindern an den Vatertag gedacht haben, zumal wir das eigentlich nicht in diesem Sinne "begehen". Gefreut habe ich mich natürlich trotzdem sehr über die Gesten und Geschenke der Kinder.

Den gestrigen Tag haben wir mit dem Aufbau des neuen Grills, abwechselndem Etappenschlafen, Einkauf, viel Seufzen und Filmen der Hunde verbracht und kamen eigentlich zu nichts.
Trotzdem habe ich momentan das Gefühl, die Tage haben unendlich lange und ermüdende 48 Stunden. Mindestens.

Aber: eigentlich alles egal, weil die Glückshormone schon sehr stark in mir sind.
Da ist er, der Traum, von dem ich schon dachte, mich endgültig verabschieden zu müssen.

Kati 01.06.2019, 12.00| (2/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Bären

14 Jahre

Mein geliebter Mann

heute Abend ist es 14 Jahre her, dass ich dich das erste Mal gesehen, das erste Mal berührt und das erste Mal erlebt habe, wie es sich anfühlt, wenn eine Seele auf ihre andere Hälfte trifft.

Wir sind fernab jeder Realität aufeinander getroffen und alles was ich wusste, war, dass ich diese Erinnerung ein Leben lang mit mir tragen würde. Als wir zwei Tage später auseinander gingen, war es ein Lebewohl, das schmerzhafter war als alles, was ich bis dahin erlebt hatte. Es würde reichen müssen. Unsere Leben warteten wieder auf uns.
Das Band zwischen uns war jedoch schon so stark, dass wir beide gegen jeden Widerstand, gegen jeden Umstand und gegen jede Vernunft alles hinter uns ließen, was bis dahin unser Leben bestimmte.

Als wir geheiratet haben - heute vor 12 Jahren - hat der Standesbeamte den Nachsatz weggelassen: "Bis dass der Tod euch scheidet" stand bei uns nie zur Debatte.
Wenn, dann ewig.

Du kennst meine schwärzesten Abgründe und Gedanken, die ich nie vor irgendjemandem außer dir offenbaren würde. Du kennst meine besten Seiten und auch meine verzweifeltsten Momente. Wir haben vier Kinder gemeinsam auf die Welt gebracht und Eines davon beerdigt. Jedes davon habe ich in deine Hände geboren.

Du bist mein Fels in der Brandung, die starke Schulter, die immer da ist, wenn ich sie brauche.
Und auch als wir vor Jahren am Abgrund standen und aller Glaube, alles Vertrauen, alle Hoffnung plötzlich verschwunden schien - die Liebe war immer da.
Wir haben uns am tiefsten Punkt unserer Beziehung dasselbe versprochen wie in unseren leichtesten Zeiten.

Wahrheit. Treue. Loyalität. Freundschaft.

Du bist mein Regulativ, die Stimme der Vernunft, wenn ich die Bodenhaftung verliere. So wie ich deine Flügel sein darf, wenn du dich im Pragmatismus verlierst.

Ich begehre dich - genauso und unendlich mehr als am ersten Tag. Ich habe in deinen Augen niemals etwas anderes als reine Bewunderung, Begierde, Zärtlichkeit, Liebe, Verständnis und Leidenschaft gesehen.

Du bist alles für mich.
Ich liebe dich.
Jetzt.
Und für immer.

Kati 30.05.2019, 06.00| (6/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Morgen!

Kati 29.05.2019, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in:

Diverses

Der Tag beginnt mit einem lange geplanten Zahnarzttermin und das ist für mich ziemlich bescheuert. Dort angekommen ist der Zahnarzt zwar immer noch großartig, entscheidet sich aber in letzter Sekunde, von zwei Baustellen nicht die Geplante zu nehmen, sondern die Andere. Das ist für jemanden, der sich seelisch sehr auf solche Besuche vorbereiten muss, eher ungünstig. Es war dann (wie immer) halb so wild, aber unangenehm und 45 Minuten später war ich wieder draußen.

Die Hand heilt. Langsam, aber beständig. Ich hoffe, ich kann auch die verbleibenden drei Pflaster am Donnerstag abmachen, wenn der kleine Eisbär, der mal ein Hund werden will, abgeholt wird. Die Haut ist noch sehr empfindlich und ich fürchte, ich werde noch einige Wochen mit den Nachwirkungen zu kämpfen haben.
Ich hoffe, dass ich ab morgen endlich wieder ins Fitnessstudio gehen kann, das fiel wegen der Hand jetzt nämlich auch eineinhalb Wochen aus.

Der Hundekeks hat endlich einen Namen, mit dem wir alle einverstanden sind und der für ihn einfach perfekt ist.
Ich freue mich unendlich auf Donnerstag.
Ob der kleine Braunbär, der mal ein Hund werden wollte, das genauso sieht, ist zumindest fraglich, aber ich vertraue auf sein Wesen und seinen Charakter. Und Begeisterung erwarte ich ja auch gar nicht.

Der Mann und ich haben eine Entscheidung getroffen, die genauso unspektakulär wie wichtig ist. Wie immer auf unserer Schaukel, wo ohnehin die besten Entscheidungen getroffen werden können.

Die Hasen-Vergesellschaftung ist nach wie vor ein voller Erfolg. Es bilden sich erste neue Freundschaften und Schwärmereien und das Sozialverhalten von Kaninchen ist etwas, das für mich wohl nie von seiner Faszination verlieren wird. Die ganzen kleinen wie großen Gesten berühren mich zutiefst. Schnuppe und ihr Vater Kasimir, den sie ja bislang nicht kannte, haben sich gesucht und gefunden. Sie machen das Gehege unsicher, verbünden sich gegen andere Kaninchen und streiten sich auch durchaus mal, bis das Fell fliegt. Eine der berührendsten Gesten bei Kaninchen ist die, die der Entschuldigung und dem Waffenstillstand gleichermaßen dient: Beide Kaninchen sitzen voreinander, keines unterwirft sich, sondern die Köpfe sind auf gleicher Höhe. Dann senken beide zeitgleich ihren Kopf und drücken für einen Moment die Stirn aneinander. Wann immer ich einen dieser seltenen Momente miterleben darf, geht mir das Herz auf. Ich liebe diese Tiere einfach.

Während der Hasen-Vergesellschaftung haben wir insgesamt 800 Kilogramm Beton-Estrich angerührt und den Boden des Gesindehauses neu gegossen, während die Hasen auf neutralem Gebiet weilten. Das ganze sehr angeschlagen mit kaputter Hand, aber mit vereinten Kräften und der ganzen Familie geht eben auch das.

Die Familie hat entschieden, dass wir nach dem Einbruch des unbekannten Tieres in das Wachtelgehege noch einmal neu brüten werden. Die verbleibenden Wachteln sind recht einsam und für zwei Eier am Tag lohnt sich die Haltung dann auch nicht. Das Bild der getöteten Tiere verfolgt mich nach wie vor. Es ist schwer für mich, den Verlust von besonders Bernadette zu verarbeiten. Ich habe dieses verrückte Huhn so geschätzt.

Die Party des großen Sohnes war sehr erfolgreich, in einer Woche legen wir eine weitere Party für die Kriegerprinzessin nach.

Danach wird es zum Glück ruhiger und ich kann mich voll und ganz auf den Hundekeks konzentrieren.

Kati 27.05.2019, 18.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Verarbeitung

Vielleicht besteht ein nicht unerheblicher Teil von Aufarbeitung in dem Eingeständnis, dass man bestimmte Dinge einfach nicht verstehen wird.
Egal wie oft man sie ans Licht zerrt, betrachtet, zu Tode analysiert.
Vielleicht bleibt für diese Bereiche nur die Akzeptanz.

Kati 23.05.2019, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Von Heimat und Wahlheimat

Wir sind vor einigen Tagen, als wir den kleinen Eisbären, der mal ein Hund werden möchte, ausgesucht haben, nach langer Zeit mal wieder in eine Gegend gefahren, die so platt war wie meine ehemalige Heimat.
Wann immer wir bislang nach Norden fuhren - je platter das Land, desto wohler fühlte ich mich.
Berge waren in meinem Leben nie wirklich existent bis ich vor 14 Jahren hierherzog. Und damals dachte ich, ich werde mich niemals an dieses Gefühl des Eingesperrtseins gewöhnen. Überall nur grüne Hänge, Berge, Wände aus Fels und Bäumen, ich rutschte direkt in eine ausgewachsene verzweifelte Depression, weil ich nicht mehr hunderte von Kilometern über die Ebene sehen konnte. Das blieb auch lange Jahre so.
Und als wir die letzten Male gen Norden fuhren, merkte ich schon, dass das hüpfende Herz erst reagierte, als auf dem Rückweg die ersten Berge des Sauerlands wieder zu sehen waren. Diese üppige Vegetation an Felshängen und auf Bergen, das umgebende Grün, kein flaches Ackerland, das mir plötzlich so seltsam trostlos erschien, als es auf der Hinfahrt vor uns auftauchte.
Und genauso war es vor einigen Tagen. Das flache Land ist nicht mehr länger der Auslöser für diese Art von Sehnsucht.
Es ist eine liebe und wertvolle Erinnerung an ein früher geworden, das es heute nicht mehr gibt. Und das ist völlig okay so. Meine Heimat ist nun hier.

Kati 22.05.2019, 18.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Hasen - Vergesellschaftung

Das letzte Wochenende hatte es in sich. Neben Geburtstagsvorbereitungen und der geplanten Renovierung des Gesindehauses haben wir unsere bestehenden drei Hasengruppen - die fünf Großen im Gesindehaus, die drei Männchen und die beiden von einer Freundin übernommenen Zwergkaninchen - zusammengeführt.
Eine Vergesellschaftung von insgesamt 10 Hasen hat mir neben sehr viel Vorfreude auf eine große Gruppe auch einiges an Bauchschmerzen bereitet, besonders die Größenunterschiede von Deutschen Riesen zu den winzigen Zwergen hat mir etwas Sorgen gemacht.
Wie immer kam alles anders als gedacht.

Im neutralen Wohnzimmer haben wir die 10 Kaninchen zeitgleich aus den Transportkörben gelassen und nach dem ersten vorsichtigen Beschnuppern ging das große Jagen, Treten, Besteigen und Beißen los. Eine Stunde (und sehr viele Fellbüschel) später lagen alle Hasen erschöpft im Raum und konnten nicht mehr.
Das männliche Zwergkaninchen entpuppte sich schnell als kleines Terrorhäschen, das es auf die großen Riesen abgesehen hatte und bis auf die zwei Führungsweibchen auch alle ganz gut attackieren konnte.
Der bissige Zombit - ein Deutscher Widder, der seinem Namen bisher alle Ehre gemacht hat - lag ab der ersten Begegnung eigentlich nur flach auf dem Fußboden und unterwarf sich allem und jedem, der auch nur in seine Nähe kam. Das Verhalten hat er bis jetzt beibehalten und manchmal überraschen sie einen eben doch, die Viecher.
Die Führunsspitze ist wie erwartet unverändert, die beiden ältesten Weibchen halten das Zepter fest in den Pfoten und daran wird auch nicht gerüttelt.
Die Mitte ist noch sehr dynamisch, aber es bahnen sich erste neue Freundschaften und Kuschelgefährten an.

Alles in allem hätte es besser nicht laufen können, kein Kaninchen wurde verletzt, und ich freue mich auf den Sommer mit allen 10 Flauschbällen in einem einzigen Gehege.

Kati 21.05.2019, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: tierisch

Mein Kobold

Der Kobold wird heute 13 Jahre alt. Mein erster Sohn und das Kind, das ich als Erstes selber auf die Welt bringen durfte. Ich verfalle schon lange nicht mehr in jede Erinnerungswehmut, die mich durch die Kleinkindjahre der Kinder begleitet hat, sondern es ist Raum für etwas Neues, Größeres gewachsen.
Das ehrfürchtige Staunen, einen Jugendlichen auf dem Weg zum Erwachsensein begleiten zu dürfen. Mein großer Sohn ist ein Mensch mit unglaublich viel Humor. Einer, der mich zum Lachen bringt. Mit einem extrem feinen Sinn für Situationskomik. Ich liebe es, wenn er seine langen schlacksigen Arme um mich legt und ich mich frage, wie lange es wohl noch dauert, bis er mich an Körpergröße überholt hat. Er ist das Kind, das mir wohl am meisten Kopfzerbrechen bereitet hat und dasjenige, bei dem sich die meisten meiner Grübeleien und Sorgen irgendwann einfach in Luft auflösen. Ich bemühe mich, gelassener zu sein, mehr Nachsicht zu haben und ihm vor allem mehr Zeit zu geben, weil er kein Freund von Eile ist. Es ist, als würden für ihn die Uhren immer einen Tick langsamer laufen, so wie sie für mich immer einen Tick schneller zu laufen scheinen. Das ist sehr herausfordernd.
Ich sehe in keinem anderen Kind so sehr meinen Vater als kleinen Jungen und meinen Großvater in seinen Gesichtszügen.
Ich liebe es, mit welcher Vehemenz er seine Freunde und seine Geschwister verteidigt.
Wie er im Laufe der Jahre mit wachsender Kraft und Körpergröße den Mann immer weiter mit Angriffen herausfordert und an diesem Kräftmessen wächst. Wie er gelassener wird und lernt, seine enorme Körperkraft zu zügeln. Ich bewundere sehr, dass er völlig in seiner eigenen Zeit und Realität versinken kann, aber sofort spürt, wenn es wichtig ist und er Präsenz zeigen muss.
Er hat es in den letzten Jahren nicht leicht gehabt - vom zweiten Kind zum Vierten herabgestuft zu werden. Trotzdem hat er diese Situation bewältigt. Und die Rolle rückwärts - zum Ältesten in unserem Alltag - die hat er ebenfalls mit Bravour gemeistert.
Mein Baby, mein Kobold, mein wunderbarer großer Sohn.

Kati 20.05.2019, 19.54| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: KinderKinder

Vorfreude

Heute in zwei Wochen kennen und lieben der Mann und ich uns 14 Jahre. Sind dann verheiratet seit genau 12 Jahren. Holen an diesem Tag einen kleinen Eisbären ab, der mal ein Hund werden möchte und der am Geburtstag meines verstorbenen Großvaters geboren wurde. Ich glaube, dieser Tag in zwei Wochen wird sehr sehr nahe an perfekt rangieren. Und ich freue mich unglaublich über diesen Kurs, den unser Leben gerade einschlägt. So viel Sehnsucht, so viel Vorfreude, so viel Glück.

Kati 16.05.2019, 12.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Bären

Ausrichtung

Ich bin jemand, der sich mit Veränderungen sehr schwer tut, wenn diese nicht von mir ausgehen. Ich weigere mich lange und standhaft, Dinge zu aktzeptieren, die ich nicht akzeptieren will. Aber - und das ist in meinen Augen eine meiner größten Stärken - wenn ich etwas hinter mir lasse, dann liegt es auch tatsächlich genau dort: hinter mir. Wenn ich mit etwas fertig bin, dann lasse ich innerlich los. Konsequent und allumfassend. In den letzten Wochen durfte ich dabei zusehen, wie mein Fokus sich von dem Blick in den Rückspiegel langsam löste und wieder anfing, sich nach vorne auszurichten. Stück für Stück, mit Rückschlägen, schmerzhaft, langsam aber beständig. Mein Alltag richtet sich allmählich wieder nach meinen Plänen und Leidenschaften aus und wird nicht mehr von meinem Leid und meinen Befindlichkeiten bestimmt.

Kati 14.05.2019, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Muttertag

Duftender Flieder und Geschenke zum Frühstück. Drei wunderbare Kinder, die mich als Mutter anscheinend recht gerne mögen. Drei Stunden Autofahrt, auf der wir dank abgestürztem Navi beinahe die niederländische Grenze überqueren. Ein wunderbarer Besuch bei Hundemenschen. Mein Hochzeitstagsgeschenk aussuchen. Glücklich sein. Zwei Stunden zurückfahren (ohne auch nur in die Nähe der Grenze zu kommen). Aufgedrehte Kinder umarmen. Eis essen. Schlafen gehen.

Kati 12.05.2019, 22.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Organisatorisches

Die Zeit, die die Dinge benötigt haben, um sich neu zu ordnen, uns zu verändern und unserem Leben eine andere Richtung zu geben, war unglaublich hart. Die Verzweiflung ist inzwischen (meistens) der kalten Erkenntnis gewichen, etwas Wertvolles unwiederbringlich verloren zu haben. Vertrauen, Vertrautheit, Beziehung, Glaube, Hoffnung, Zukunft.
Den letzten Schritt haben wir vor einigen Wochen getan, als wir unser sehr umfangreiches Testament mit ausdrücklichen Nachlassregelungen an die veränderten Umstände anpassen mussten. Wir haben das lange vor uns hergeschoben, lange gehofft, aber nun ist es erledigt.
Die Unterschriften unter diesen Nachsatz haben das Kapitel auch rechtlich für uns geschlossen.

Kati 09.05.2019, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Von der Sehnsucht

Diese Tage, an denen die Sehnsucht so laut ruft, dass es körperliche Schmerzen verursacht. Brutal auf den Boden der Realität gerissen werden, die hämisch lachend das verhöhnt, was man für sein Leben geplant hatte. Die Sehnsucht bleibt.

Kati 08.05.2019, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Bären

Ausgelaugt

Ein Tag, der mit Zahnarzt anfängt, kann eigentlich nur besser werden, aber das wusste der heutige Tag wohl leider nicht.
Mein neuer Zahnarzt ist immer noch großartig und leider hat sich mein Bauchgefühl, dass ich meinen geliebten alten Zahnarzt verlassen muss, weil er aufgrund seiner gesundheitlichen Verfassung nicht mehr in der Lage ist, seinen Beruf auszuüben, bewahrheitet.
Wir versuchen jetzt, den angerichteten Schaden nach und nach zu beheben.
Leider wurde aus "eine Baustelle ausbessern" gleich "oh, davon sind jetzt mindestens drei Zähne betroffen" und es sind die Nerven ziemlich gereizt und das umliegende Zahnfleisch ziemlich wund.

Auf dem Weg nach Hause wollte ich nur noch kurz einkaufen und dann ins Bett, habe aber eine Freundin getroffen und erfahren, dass deren Welt gerade zusammenbricht.
Also habe ich sabbernd und mit zunehmenden Schmerzen zwei Stunden mit ihr verbracht und keine Sekunde davon bereut, aber meine Kraftreserven näherten sich dem Ende.

Zuhause angekommen und mit inzwischen einem Schulkind zuhause kam der nächste Anruf und eine liebe Freundin kündigte spontanen Besuch an, den ich aus Gründen auf gar keinen Fall verschieben wollte. Sie hatte ihre Tochter - eine der ehemals besten Freundinnen des großen Tochterkindes - dabei und Begegnungen mit diesen 17jährigen wunderbaren Geschöpfen tun immer noch und immer wieder sehr sehr weh.
Ganz tief in der Seele.

Nachdem sie gegangen waren, lohnte hinlegen auch nicht mehr und ich fing mit Mittagessen an und weitere Schulinder trudelten ein.
Die Betäubung war inzwischen weg und alles tat furchtbar weh, also stieg ich auf Schmerzmittel um.
Beim Mittagessen kamen wir über Umwege auf die Suizidbekundungen der Stieftochter und was das drei Jahre lang mit uns gemacht hat.
Wieviel durch diese fatale Entscheidung eigentlich kaputt gegangen ist. Wie nachhaltig der ständige Anblick der Schnittwunden und ihre Aggressivität und ihre destruktive Art die Kleinen beeinflusst haben.
Meine Güte, was haben wir unseren Kindern nur angetan.
Nach einer intensiven Diskussion über Suizid und selbstverletzendes Verhalten und Sterbehilfe, in der ich wie immer sehr darauf achten musste, sowohl den Großen ein angemessener Gesprächspartner zu sein und gleichzeitig für die Kleinen das Thema so kindgerecht wie möglich zu besprechen, hat es mich dann dahingerafft und ich bin ins Bett gefallen.

Aus komatösem Schlaf weckte mich der Anruf des Mannes, dass die nötige Autoinspektion wohl 800 Euro kosten würde - deutlich mehr als geplant.
Für ein Auto, das wir gekauft haben, um eine große glückliche neunköpfige Familie mit passendem Fahrzeug zu sein.

Nach dem Auszug des Tochterkindes fehlt uns ohnehin jeden Monat so viel Geld an Kindergeld und Kinderzuschlägen beim Gehalt des Mannes, dass ich manchmal nicht mehr weiß, was ich noch tun soll.
Der langersehnte Urlaub nach Österreich im Herbst, den wir so dringend nötig hätten nach den letzten drei Jahren, wird mit der Werkstattrechnung dann wohl gestrichen werden.
Im Urlaub waren wir 2011 das letzte Mal.
Ich traue mich nicht, das laut auszusprechen, die Kinder freuen sich so sehr.
Es ist in den letzten Monaten so viel nicht Reparierbares kaputt gegangen, dass kombiniert mit den (schlussendlich sinnlosen) Ausgaben des letztes Sommers für das große Tochterkind alle unsere finanziellen Reserven aufgebraucht sind.

Ich will nicht meckern und noch weniger undankbar sein, aber der Einschnitt ist einfach schmerzhaft spürbar.
An Tagen wie diesen hält sich mein Durchhaltewillen dann auch mal in Grenzen.

Ich freue mich jetzt darauf, dass der Mann mir Milchreis kocht - der ist für die Seele - und dass morgen unsere neue Waschmaschine geliefert wird, weil die Alte vor drei Tagen den Geist aufgegeben hat.
Ich bin dankbar, dass wir das finanzieren können, auch wenn es gerade sehr weh tut.

Die Tiere und der Garten haben mir heute den Trost gegeben, den ich nirgendwo sonst finden kann, ich habe einen großartigen besten Freund und Mann, sehr geschätzte Menschen in meinem Leben und vielleicht wird es morgen in mir auch wieder ein bisschen heller.

Kati 02.05.2019, 21.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

10 Jahre

Lieber Opa.

Heute sind es 10 Jahre, die du nicht mehr hier bist. Vor 10 Jahren lagst du schon seit zwei Tagen im Krankenhaus, weil es dir nicht so gut ging. Nichts Wildes. "Alles gut", sagten die Ärzte. Und trotzdem war ich schon seit Tagen unruhig. Trotzdem konnte ich deinen letzten Blick zum Abschied nicht vergessen, als wir dich erst zwei Wochen zuvor besucht hatten. Und an diesem Tag um 21:15 Uhr hatte ich das unglaublich beunruhigende Gefühl, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Der Mann rief für mich im Krankenhaus an und die Schwester sagte nur leise, sie würde das Telefon zu Oma bringen. Sie war an diesem Tag nicht wie sonst um 18 Uhr nach Hause gefahren, sondern blieb bei dir. Und hielt die ganze Zeit deine Hand.
10 Minuten vor unserem Anruf bist du gestorben, nachdem du ihr Lebewohl gesagt hattest. Wir packten noch in der Nacht Kleidung und alle Kinder zusammen und fuhren zu euch. Es sollten noch zwei Tage vergehen, bis ich dich bei der Aufbahrung ein allerletztes Mal in meine Arme schließen durfte. Den allerletzten Kuss auf deine Stirn - so wie du mich als kleines Mädchen immer auf die Stirn geküsst hast.

Opa, ich vermisse dich.
Du warst ein großartiger Opa. Der Beste. Mein Held. Mein Riese.
Der Inbegriff von Stärke, Mut und Schutz.

Du hast in deinen letzten Jahren mal sehr wehmütig zu mir gesagt, es wäre kein schönes Leben gewesen. Der Krieg hat so viel in dir zerstört. Du musstest Dinge sehen und erleben, die dich niemals mehr losgelassen haben.

Aber weißt du was?

Du warst wichtig. Für mich.
Du hast den entscheidenden Unterschied gemacht.
Dein Leben und deine Liebe haben mir die Kraft gegeben, wieder aufzustehen. Weiterzumachen. Nur durch dich weiß ich, wie Liebe zu einem Kind aussehen kann.

Du hast das Feuer am brennen gehalten, als ich es löschen wollte.

Ich denke an dich, wenn ich die Kaninchen sehe, ich denke an dich, wenn der Kirschbaum wie jedes Jahr an deinem Geburtstag die ersten Blätter bekommt und wie jedes Jahr an deinem Todestag in voller Blüte steht.
Ich denke an dich, jedesmal wenn ich ein Werkzeug in die Hand nehme und einen Nagel einschlage, wenn die Kinder zu laut sind und ich gedanklich zu einem "Leiser!" ansetze. Dann höre ich deine tiefe dröhnende Stimme in meinem Kopf und bleibe still.
Ich denke an dich, wenn ich Vanilleeis kaufe und bei Himbeeren. Wenn wir Braten essen. Wenn jeden Tag dein und Omas Geschirr auf dem Tisch steht. Wenn ich im Garten grabe, wenn ich Eier sammle, wenn ein Kind nicht aufgegessen hat und wir grinsend darüber feixen, dass du dir den Teller schon längst geschnappt hättest.

Es ist so viel aus meinem Leben untrennbar mit Erinnerungen an dich und mich verknüpft, dass ich niemals ohne dich sein werde.
Und trotzdem fehlst du mir. So sehr.

Kati 19.04.2019, 21.15| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Umwege

Natürlich sind es nur noch 10 Minuten, die der Tierarzt geöffnet hat, als ich gestern an Kasimirs Operationsnarbe seine neueste Untat entdecke: Die Wunde aufgebissen, freigelegt, wundgeleckt.
Natürlich.
Eiter, Blut und zerfranste Wundränder machen es nötig, sofort alles zusammenzupacken und zum Tierarzt zu fahren, der zum Glück nur einige Straßen weiter ist.
Natürlich reicht das meinem Scheißelkram-Kaninchen nicht und so hat er heute Morgen erneut den Türmechanismus und die davorgestellte Blockade überwunden und rannte fröhlich durch den Garten, als ich vom Sport wiederkam.
Wir erinnern uns daran, was die Tierärztin sagte: Nur auf Handtüchern, auf gar keinen Fall Stroh als Unterlage oder den geschwächten Hasen gar in den Dreck lassen!
Natürlich.
Der gar nicht so geschwächte Hase mit der offenen Operationsnarbe rannte also hakenschlagend und matschig vor dem kleinen Braunbären her, der sich sehr freute, mit dem Kaninchen Fangen spielen zu dürfen. Auf mein Kommando rannte der Hund in sein Bett und der Hase zwischen die Regentonnen. Die Wunde sieht zum Glück noch sauber aus, aber Adrenalin hab ich dann für heute erst mal wieder genug gehabt.

Noch genau einen Monat, dann können wir alle Hasengruppen miteinander vergesellschaften und ich mache drei Kreuze, wenn wir das geschafft haben. Jetzt erst mal Krankenpflege und hoffen, dass die Heilung ohne weitere Komplikationen vorangeht.

Kati 17.04.2019, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: tierisch

Drei Jahre

Heute vor drei Jahren haben wir die schlechteste Entscheidung unseres Lebens getroffen.
Eine, die wir drei Jahre lang bitter bereut und teuer bezahlt haben.
Geistig, körperlich, seelisch.
In dem Bestreben, eine große glückliche Familie werden zu wollen, haben wir uns fast zugrunde gerichtet. Es war die richtige Entscheidung. Moralisch ohnehin - aber wir haben uns auch unserer Verantwortung gestellt, weil wir das wollten und aus tiefstem Gefühl heraus wussten, dass es das Richtige ist.
Ich würde diese Entscheidung in jener Situation immer wieder genau so treffen.

Leider war sie für alle Beteiligten falsch.
Wir haben zwei Jahre gebraucht, um mit viel Hilfe von Außen zu erkennen, dass auch das stärkste Wollen verhallt, wenn es auf das Nichts trifft.
Dass man auch mit dem Messer im Rücken rechnen muss, wenn man Herz und Heim öffnet.
Ein weiteres Jahr haben wir benötigt, um unser Leben wieder so weit auf Kurs zu bringen, dass wir überhaupt weitermachen können.
Verletzt, verwundet, mit schweren Verlusten, aber weiter.

Kati 13.04.2019, 21.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Fahrrad!

Ich übe seit einigen Wochen mit dem kleinen Braunbären, der mal ein Hund werden wollte, ordentlich am Fahrrad zu laufen. War er anfangs noch etwas verwirrt, weil "Fuß!" ja links von mir ist und "Fahrrad!" plötzlich hieß, rechts von mir zu laufen, wich das doch recht schnell großer Freude, dass ich mich endlich mal deutlich schneller mit ihm bewegen kann als sonst. Das Knie ist beim Fahrradfahren nämlich glücklicherweise still. Heute konnte ich das Fahrrad dann wieder vom Fahrradladen abholen, der es nach dem letzten (vierten...) und schwersten Unfall wieder zusammengeschraubt hatte. Wir üben das noch. Zum Glück haben wir einen großen Parkplatz mit Weg am Sportplatz in der Nähe und können dort morgens ohne Ablenkung unsere Runden drehen. Nur - sobald ein Hund kommt oder ein bescheuerter Mensch auf die irrsinnige Idee kommt, meinen Hund während der Fahrt anzusprechen, liege ich halt unten.

Es wird langsam besser und ich will mich nicht entmutigen lassen.
Von Straßenverkehr sind wir noch Lichtjahre entfernt und ich denke wegen der vielen Prellungen und Abschürfungen über Polsterung nach, aber es wird...

Heute sind wir tatsächlich (in nur mittelgroßem Bogen) an zwei Hunden vorbeigefahren, ohne uns auf die Nase zu legen, weil der kleine Braunbär anscheinend begriffen hat, dass das plötzliche Springen in die Leine bei laufender Fahrt immer so viel nerviges Geschepper zur Folge hat. Frauchen liegt dann auch blöd auf dem Fußboden und meistens geht es im Anschluss nach Hause, was ja auch doof ist. Immerhin.

Kati 10.04.2019, 18.00| (3/3) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Bären

Sport Woche 10

9 Wochen Sport im Fitnessstudio habe ich hinter mir, Woche 10 hat begonnen.

Inzwischen sind alle Abläufe vertraut, die meisten Personen bekannt und ich muss mich auch nicht mehr zwingen, sondern gehe gerne und fast automatisch dorthin.
Der Stolz ist geblieben.
Meine Haltung hat sich inzwischen auch für Außenstehende sichtbar verbessert, meine Muskulatur wächst spürbar und ich fühle mich insgesamt deutlich besser.
Die Kyphose der Halswirbelsäule ist so gut wie verschwunden - etwas, das vor 6 Monaten weder ich noch mein Orthopäde gedacht hätten.
Dauerhaft verschwunden sind auch Rückenschmerzen, Nacken- und Schulterschmerzen Lähmungserscheinungen, Taubheitsgefühle, Panikattacken und der Schwindel.
Keine so schlechte Bilanz für diese Zeit...

Das Gewicht rührt sich nicht vom Fleck, aber das wird auch noch. Ziel ist weniger Gewicht auf ein deutlich verbessertes muskelgestütztes Knie, damit ich die nächsten 20 Jahre bis zum neuen Kniegelenk noch einigermaßen gut überstehe.
Das Knie ist auch nach wie vor das Einzige, das richtig viel und richtig schmerzhaft Probleme bereitet.

Ich arbeite dran, dass auch das läuft.
[Achtung, schlechter Wortwitz.]

Kati 09.04.2019, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Vielleicht.

Wenn das eigene Verhalten in einer bestimmten Situation nicht dem entspricht, was Außenstehende von Einem erwarten, dann wird man innerhalb kürzester Zeit doch sehr einsam, merke ich. Es ist, als hätte ich kein Recht auf meine Gefühle.
Als wären sie ungehörig, schließlich ist doch niemand tot!
Nein, natürlich nicht.
Meine Großmutter ist vorletztes Jahr gestorben, meine Mutter, meine Ersatzmutter und meine Großtante letztes Jahr, aber die Tochter?

Nein. Die ist doch nur weg!

Du hast doch noch andere Kinder. Die brauchen dich!, höre ich.
Ich höre auch: Sie ist doch nicht verschwunden. Ihr könnt doch Kontakt halten. Das ist heute so einfach!
Gerne auch ungefragt: Sie kommt bald wieder. Sollst mal sehen. Irgendwann steht sie wieder vor der Tür!
Am schlimmsten sind Begegnungen, in denen unterschwellig Vorwurf und Neugierde gleichermaßen mitschwingen: Es hat immer ausgesehen, als hättet ihr eine so gute Beziehung? Ihr wart so eine Vorzeigefamilie.
Waren.
Natürlich.
Irgendwas muss ja dazu geführt haben, dass sie jetzt dort und nicht mehr hier ist.
Und wer könnte dafür besser verantwortlich gemacht werden als ich?
Der Geifer kocht in der puren Lust an der Sensation.
Ich kann sie nicht befriedigen, dachte ich doch selber, dass wir genau das wären, was wir schienen.
Dünne Haut.

Es fällt mir schwer, mein Kind loszulassen. Sie ist ausgerechnet zu dem Mann gegangen, vor dem ich sie immer beschützen wollte.
Ja, natürlich. Mir wurden diese Dinge angetan. Nicht ihr. Schon klar. Ich weiß. Sie ist nicht ich. Ich kenne die Argumentationskette.

Ich habe mein Kind verloren.
Eure Kinder sind nicht eure Kinder!, poltert es in meinem Kopf.
Vorwurfsvoll.
Ich hätte sie in einigen Jahren doch ohnehin gehen lassen müssen...
Auch etwas, das ich oft höre.

Ich bin all dem so überdrüssig.
Der Mann, der ihr jahrelang Gute-Nacht-Geschichten vorlas und zu dem sie Papa sagt? Egal. Geschwister? Egal. Zuhause? Freunde? Tiere? Egal. Ich? Egal.
Egalegalegal. Alles egal.

Ich würde so gerne verstehen.
Ich würde so gerne begreifen, wie ich von liebste Lieblingsmami zur Persona non grata wurde. Warum ich ignoriert werde.
Mein einziger Trost ist manchmal der, dass sie glücklich zu sein scheint. Dort. Ohne uns.

Ja, es ist Trauer.
Und ich arbeite mich jeden Tag durch diesen sumpfigen Morast aus Selbstvorwürfen, unbeantworteten Fragen und Verzweiflung.

Vielleicht wird sie hier eines fernen Tages nicht mehr fehlen.
Vielleicht wird es sich irgendwann nicht mehr anfühlen, als wäre mein Herz einfach kaputt.

Vielleicht ist es an der Zeit, dieses Kapitel endgültig zu schließen. Mit allen Konsequenzen.

Vielleicht.

Kati 08.04.2019, 18.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

Instagram

Vor einigen Monaten habe ich Instagram für mich entdeckt. War dies bislang für mich nur der Tummelplatz der Selbstverliebten, blieb meine Faszination irgendwann an der Überschaubarkeit eines einzelnen Lebens hängen.
Und neben Blog und privatem Tagebuch und Fotoordnern auf meinem Computer, die mir allesamt helfen sollen, nicht allzu tief im schwarzen Loch der Depression zu versinken - wenngleich dies manchmal auch nur retrospektiv gelingt - war Instagram so herrlich einfach gestrickt.
Handyfoto eines speicherwürdigen Augenblicks, kurzen Text oder auch nicht, bäm! - Erinnerung gespeichert.
So visuell, so verfügbar, so barrierefrei, dass selbst im dunkelsten Schwarz der kleine Lichtblick am Tag, der Moment der Überwindung, der Triumph über die Herausforderung Leben noch festgehalten werden kann.
Und so fing ich an, mir dieses Portal zunutze zu machen.
Gegen das Tief, gegen die Schwärze, gegen das Vergessen des Lichts.
Und an Tagen wie heute kann ich mich im Bett verkriechen, das Handy unter der Bettdecke anschalten und kann die Bilder durchgehen, noch während ich in der Dunkelheit festsitze.
Sehe das, was mich bewegt. Wofür ich dankbar bin. Das Schöne, das Helle, das Wunderbare in meinem Leben. Denn es existiert.

Kati 02.04.2019, 15.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Trauer

Die Tage, die in Trauer versinken, werden weniger, aber es gibt sie noch. Tage, an denen das Aufstehen einem Kampf um Leben und Tod gleicht. Das Weitermachen, das Kümmern, das Dasein mehr eine Existenzfrage denn Alltag ist. Tage, an denen ich mein Unglück und meine Trauer laut herausbrüllen möchte und doch stumm bleibe. Weil es niemanden gibt, der versteht. Kein Kind zurückkommt, nur weil ich es rufe. Unsere Zeit vorüber ist. Die Tage, an denen alles in Frage steht und nichts eine Berechtigung zu haben scheint bis auf das rohe blutige Gefühl von Hass, Verzweiflung, Wut und Trauer um etwas, das auf ewig zu mir zu gehören schien. Die Liebe sitzt katatonisch in ihrer Ecke und ist weder Ruf noch Echo. Nichts mehr. Nur Stille.

Kati 31.03.2019, 08.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

Schach

Der Mann hat vor einigen Wochen begonnen, mit den Kindern Schach zu spielen. Ich habe ein sehr zwiegespaltenes Verhältnis zu diesem Spiel. Ich spiele Schach, seit ich 3 Jahre alt bin. Gegen einen Vater, der hochintelligent, anspruchsvoll, perfektionistisch und hart war.

Ich habe das Spiel geliebt und das Spielen gehasst.

Das Warten auf seinen Zug, das vernichtende Urteil, wenn ich nicht mindestens 5 Züge im Voraus geplant hatte, Taktikbesprechungen, die Fehler, die nie verziehen wurden. Meine Niederlagen waren keine verlorenen Spiele, es waren Demütigungen. Er war immer besser als ich. Und als ich gelernt habe, so zu spielen wie er, damit ich gewinnen konnte, verlor ich jede Freude daran.

Natürlich ist Schach ein logisches Taktikspiel. Aber ich bin kein logischer oder taktischer Mensch. Ich treffe Entscheidungen aus dem Bauch heraus, ich verabscheue langes Nachdenken, ich spiele auch beim Schach für den Lustgewinn und erst in zweiter Linie für den Sieg. Gegen jemanden wie meinen Vater zu spielen bringt mir so viel wie gegen einen Schachcomputer zu spielen. Es langweilt mich zu Tode, wie so viele Dinge, die perfekt sind.

Jetzt ist es so, dass die Kinder mich gebeten haben, an mir üben zu dürfen, seit der Mann mit ihnen spielt. Nach einigem Zögern habe ich dem zugestimmt und sehr schnell meine Liebe zu diesem Spiel wiederentdeckt. Und ich darf das Echo der Begeisterung spüren.

So liefern wir uns wilde Schlachten um Türme, Pferde und Läufer von einer Seite zur anderen, die mitunter auch ohne Sinn und Verstand ablaufen, aber Spaß bringen. Und im Laufe der Wochen geschah etwas Bemerkenswertes: Sie veränderten das Spiel selbständig. Sie fingen an zu taktieren, mich einzuschätzen, Züge im Voraus zu planen und meine Schachzüge vorauszusehen. 

Der große Sohn spielt wie sein Vater nur um den Sieg und bringt mich inzwischen schon ins Schwitzen, wenn ich ihm nur gegenüber sitze. Die Kriegerprinzessin ist eine Chaotin vor dem Herrn, lernt aber inzwischen, wo ich meine Schwachstellen habe und verfolgt diese unerbittlich. Der kleine Sohn ist ein logisches Gehirn durch und durch. Er erfasst jedes meiner Vorhaben mit Leichtigkeit und es ist recht anspruchsvoll, ihn zu besiegen.
Und obwohl die Denkpausen länger werden und das Vorausplanen der eigenen Züge viel umfassender, verlieren wir bei alledem nicht den Kontakt zueinander.

Es wird mit Liebe gespielt und vielleicht ist genau dies der entscheidende Unterschied, den ich nie kennengelernt habe.

Kati 21.02.2019, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Die Fitness-Sache

Konnte ich vor einem Monat noch kaum laufen, weil das Knie seit Ende Oktober so weh tat und der ganze Rücken verzogen und die Wirbel verdreht waren, habe ich am Montag Woche 3 im Fitnessstudio begonnen. 5 Mal pro Woche je 60 Minuten Laufband und Geräteturnen für die Muskeln. Dazu immer noch Physiotherapie, um die neuen besseren Bewegungsabläufe unter Kontrolle zu erlernen. Und was soll ich sagen? Es läuft. Mein Trainingsbuddy, der 30 Jahre älter ist als ich und ohne zu schnaufen das 4fache meiner Gewichte stemmt, sorgt für den nötigen Wettbewerbsgedanken.
Anonsten hätte ich vor zwei Monaten noch Stein und Bein geschworen, dass ich (ich!) niemals (nie.im.Leben!) in einem Fitnessstudio irgendetwas tun würde. 
Tja. Erstens kommt es anders... 

Das Knie ist inzwischen stabil, wenn auch empfindlich, was ungewohnte Bewegungen oder Anstrengungen angeht. Aber ich schreie nicht mehr fast vor Schmerzen, wenn ich Treppen laufe oder mich drehe.

Und das tiefe schwarze Loch hat endlich einen sichtbaren Rand bekommen.
Geht gerade so, das Leben.

Kati 20.02.2019, 12.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Mirjam

Wie jedes Jahr, wie jeden Tag:
Danke, dass du da warst.

Kati 14.02.2019, 12.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Lebendige Erinnerungen

Seit ich denken kann, wurde bei meinen Großeltern das gute Geschirr nur zu besonderen Anlässen auf den Tisch gestellt. Das konnte ein großes Familienessen sein, bei dem das Besondere war, dass wir uns nicht zu fünft oder zu mehr in die winzige Küche quetschten, sondern ins auch nicht viel größere Wohnzimmer wanderten, wo der Couchtisch ausgezogen und mit Tischdecken geschmückt wurde.
Oder ein Weihnachts- oder Osteressen.
Zur goldenen Hochzeit stand natürlich das gute Geschirr auf dem Tisch, zur Diamantenen auch. Ansonsten blieb es im Wohnzimmerschrank.
Gemeinsam mit dem guten Besteck und den Kristallgläsern.
Diese Dinge hatten sie sich in jungen Jahren nach der Eheschließung zusammengespart.
18 Teller, Tassen, Suppenteller, Untertassen, Kuchenteller, mehrere Terrinen, Schüsseln in jeder Form und Größe.
Sauciere, Zuckerpott, Butterdose, was man sich nur vorstellen kann.
Ebenso 18 Mal jede Art von Kristallgläsern und Besteck.
Alles nur für gut.
Im Alltag gab es zusammengewürfeltes billiges Geschirr, das hässlicher nicht hätte sein können.

Als Uroma ins Heim kam, bat sie uns - falls wir es haben wollten - Geschirr, Besteck und Kristallgläser zu übernehmen.
Ich hatte besonders die Teller schon immer geliebt.
Dieses feine Porzellan, mit dem ich wohlig warme Erinnerungen an das Zusammensein mit meinen Großeltern verbinde. Liebevoll selbstgekochte Mahlzeiten mit frischen Zutaten waren etwas, das bei mir zuhause nur die Ausnahme war. 

Also übernahm ich es und tauschte mein Alltagsgeschirr dagegen ein.
Als Uroma uns das erste Mal besuchen kam, war sie schockiert, dass sie dort auf ihrem guten, jahrzehntealten Geschirr plötzlich Nutellabrote für einen Dreijährigen wiederfand.
Ich versöhnte sie ein bisschen mit der Welt, indem ich ein mehrgängiges Weihnachtsmenü auf den Tisch (und das Porzellan) brachte und damit meine Sünde ein wenig relativierte.
Wir sprachen trotzdem nie wieder davon.

Bis wir sie zu uns nach Hause holten, damit sie die letzten Monate vor ihrem Tod noch bei uns verbringen konnte.
Da fand sie plötzlich jeden Tag das gute Geschirr und das gute Besteck auf dem Alltagstisch einer nun 9köpfigen Familie wieder.

Und nach einigen Wochen gestand sie mir leise, dass es schön sei, zu erleben, dass wir ihr Geschirr jeden Tag hervorholten und davon aßen.
Sie würde so oft daran denken, dass damit ein Teil von ihr bei uns bleiben würde, wenn sie gehen würde.

Und so ist es auch. 

Jede Mahlzeit.
Jeden Tag.

Kati 04.02.2019, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Second Hand Tiere

Was erst mal irgendwie abwertend klingt, ist genau das Gegenteil davon. Tiere, die wir von einem Vorbesitzer bekommen, der schon lange mit ihnen lebte, haben meist eine ganz besondere Geschichte. Im Schlafzimmer wohnt eine sehr besondere alte Katzendame, die ich im Leben nicht mehr hergeben würde, auch wenn sie inzwischen nicht mehr gut sieht oder hört, nur noch wenige Zähne hat, meistens schlecht gelaunt ist und auch ansonsten gerne andere Lebewesen terrorisiert. Sie war schon einige Jahre alt, als wir sie abholen durften und ich habe das keinen Tag bereut. Ich glaube, dass die Entscheidung, ein Tier in andere Hände zu geben, zu den schwersten und schmerzhaftesten Entscheidungen gehört, die ein Tierhalter treffen kann. Umso mehr Respekt habe ich vor Menschen, die sagen: "So ist es nicht gut. Das geht nicht mehr." Ob für das Tier oder den Besitzer ist erst mal völlig unwichtig. 

Am Wochenende haben wir von einer ganz lieben Freundin zwei Kaninchen übernommen, die augenscheinlich erst mal so gar nicht in unsere Hasengruppe passen. Zwerge aus Innenhaltung, einer davon chronisch krank. Ich bin zuversichtlich, dass wir einen guten Weg gemeinsam gehen werden und dass im Frühjahr die Gewöhnung an das Draußen und schlussendlich auch die Vergesellschaftung mit der Gruppe gut verlaufen wird. Das Leben hat schließlich immer einige Überraschungen parat und ich freue mich darauf, sie in einigen Monaten draußen sehen zu können.
[Außerdem heißt es bei Kaninchen ja nicht umsonst: Je kleiner, desto giftiger. Da können sich die Riesen mal warm anziehen...]

Kati 28.01.2019, 12.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: tierisch

Mäh.

Und manchmal, da sieht Alltag eben auch einfach so aus:

Aufstehen, Frühstück machen, Kinder rausschubsen, wieder hinlegen, weil man solche Schmerzen hat, zum Orthopäden fahren, eingerenkt werden, eine halbe Stunde am Schmerzmitteltropf hängen, nach Hause fahren, eine Freundin mit ihrem Tier zum Tierarzt begleiten, einkaufen, Essen kochen, die Kinder in Empfang nehmen, Mittagessen, reden, Hausaufgaben begleiten, mit dem eigenen Hasentier zum Tierarzt fahren, mit den Kindern einen Spaziergang machen um neue Poketiere zu fangen, Essen für den Mann kochen, Abendbrot für die Kinder machen, Kinder ins Bett schicken, aufs Sofa fallen, Serien kucken, ins Bett gehen.

Kati 22.01.2019, 22.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Vier Monate

Schnuppe ist heute genau vier Monate alt und ich bin nach wie vor jeden Tag so unendlich dankbar, dieses Kindheitstraumgeschenk inmitten einer Hasengruppe aufwachsen sehen zu dürfen. 
Ihre Bindung an ihre Mutter ist nach wie vor sehr eng, aber allmählich fängt sie an, ziemlich frech zu werden. Sie möchte jetzt gerne auch in Verhandlungen über die Rangfolge mitmischen. 
Das klappt mal mehr und mal weniger gut - in den meisten Fällen gibt es eine kurze Jagd oder sogar einen reglementierenden Biss in den plüschigen roten Hintern, dann flüchtet das Baby wieder zu Mama und kuschelt erst einmal ein bisschen. 

Ist halt doch nicht so einfach, sich eine bessere Stellung zu verschaffen.
Putschversuche sind bei ihr momentan an der Tagesordnung und was der dicke Ziehvater noch gutmütig salatmümmelnd toleriert, duldet die Tante, die die Gruppe führt, nun mal überhaupt nicht. 

Es ist ganz wunderbar zu sehen, wie sie dort aufwachsen kann, spielerisch die Regeln lernt, die Kaninchen in Buchtenhaltung oder -zucht eben nicht nebenher mit erwachsenen nichtverwandten Tieren erarbeiten können.

Kati 17.01.2019, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: tierisch

Vergebung

Wenn man sich entscheidet, Jemandem zu vergeben, dann ist das Vergeben kein Vergessen.
Im Gegenteil: die Erinnerungen bleiben.
Wertvolles Mahnmal und qualvolle Fußfessel gleichermaßen.

Es ist ein machtvolles Instrument, dieses Vergeben. Dem Anderen wahrhaft zu verzeihen, bedeutet die bewusste Entscheidung, die Vergangenheit niemals mehr als Waffe gegen ihn einzusetzen.
Egal wie schwer das fällt. Egal, wie schwarz der Abgrund ist. Egal, wie tief der Morast und wie verlockend die Versuchung ist.
Man entlässt ihn aus dem eigenen Anspruch auf Reue und Wiedergutmachung, nicht aber aus der Verantwortung.
Was bleibt, ist der Schmerz.
Ins Unendliche gesteigert durch einen Vorgang, der Erlösung verspricht, aber allzu oft nur dem Anderen.
Es ist eine Verpflichtung, die aus Respekt sich selbst und manchmal auch aus Liebe dem Anderen gegenüber eingegangen wird.

Vergebung heißt nicht, dass es nicht mehr weh tut.
Es ist das Versprechen an die Zukunft, in der Gegenwart leben zu wollen, statt in der Vergangenheit zu versinken.

Kati 15.01.2019, 22.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Auf ein Neues, 2019!

Und vielleicht merkt man erst dann, wie wenig Luft einem nur noch zum Atmen blieb, wenn sie wieder da ist.

Kati 07.01.2019, 12.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Begreifen

Was zu Ende ist, ist zu Ende.

Kati 31.12.2018, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

22 Jahre Führerschein

Heute ist es soweit: Seit 11 Uhr bin ich genau 22 Jahre lang im Besitz eines Führerscheins. Praktisch unfallfrei, wenn man von dem einen winzigen Kratzer mal absieht, den ich einem unfassbar langsam abbiegenden Auto an den Kofferraum gefahren habe - vor 21 Jahren.
Heute vor 22 Jahren habe ich mich von dem komplett rothaarigen Tormund Giantsbane-Verschnitt, der mein Fahrlehrer war und mit dem ich für die Dauer meines Führerscheins eine kleine Affäre hatte, verabschiedet und habe den Prüfer zur Verzweiflung getrieben, weil ich jedes grenzwertig auszulegende Manöver in der Prüfung sehr gut begründen konnte.
Da ich bereits 18 Jahre alt war, habe ich mir meinen Führerschein aushändigen lassen, bin dann in mein eigenes Auto gestiegen und erst mal zu meinem Tätowierer und danach 600 Kilometer zu meinen Verwandten gefahren.
Bei Glatteis auf der Autobahn.

Da habe ich dann auch sehr schnell gelernt, was es heißt, ein Auto nicht mehr unter Kontrolle zu haben und kann behaupten, dass ich seit dieser Horrorfahrt ein recht umsichtiger Autofahrer bin. 

Autos bin ich viele gefahren. 
Vom Mini Cooper über den klassischen VW, von der Ente zum Kübelwagen, von einem Trabbi, bei dem ich nur durchs Beifahrerfenster einsteigen konnte bis zum großen Geländewagen war alles dabei.

Je älter ich wurde, desto vernünftiger wurden die Autos und je mehr Kinder ich bekam, desto größer wurden sie auch. 

Aktuell bin ich mit einem Auto von 5,40m Länge und einer Breite von 2,30m bei meiner vorläufigen Maximalgröße angelangt. Normale Parkplätze sind für uns nicht diskutabel, die meisten Parkhäuser auch nicht.
Aber ich liebe unseren giftgrünen Tourbus und möchte ihn nicht missen. Auch wenn die Kinder, die damit fahren, langsam weniger werden, hoffe ich, dass er uns noch lange erhalten bleibt.

Ich kann mir heute kaum vorstellen, jemals wieder auf ein "normales" Auto umzusteigen.

Kati 19.12.2018, 12.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Scherbenwege

Die Tage plätschern mal, mal fliegen sie dahin. Sie werden dunkler und ich bin froh und dankbar, wenn die Tage ab Samstag endlich wieder heller werden. Stück für Stück. Momentan kann ich frühestens ab 9 Uhr raus zum Arbeiten, weil es dann erst richtig hell ist und nachmittags muss ich bereits um 16 Uhr die Tiere alle wieder in die Ställe bringen, weil es dann dunkel wird und ich ungern tarnfähige Tiere mit Taschenlampe im Garten suche. Ich treffe nur wenige Menschen, denen es möglich ist, meinen Schmerz in Bezug auf die Tochter einfach anzunehmen und stehen zu lassen. Der Mehrheit scheint es unmöglich zu sein, ihre Allgemeinplätze und aufmunternden Isnichsoschlimms bei sich zu behalten. Das ist kräftezehrend und zermürbend gleichermaßen. Die Halbwahrheiten über mich und meine Familie, die die Tochter etliche 100 Kilometer von hier entfernt in die alte Welt entlässt, treffen mich oft hart und unerwartet. Ich frage mich mitunter, wie diese Betrachtungsweisen zustande kommen konnten. Verbote, die ich nie ausgesprochen habe, Umstände, die einfach nicht existent waren und die nun als Messerstiche hinterrücks zu mir kommen. Es ist bitter. Ganz allumfassend. Ich will eine Möglichkeit finden, diese Dinge mit ihr in einem persönlichen Gespräch zu klären, wenn sie zwischen den Tagen hier ist. Momentan entzieht sie sich jedem Dialog. Auch das ist bitter. Es scheint mir, als würde alles auf dem Prüfstand stehen. Mein Selbstbild als Mutter, meine Erziehung, meine Weltsicht, meine Vorstellung von dem, was ich als Familie aufbauen wollte, meine Beziehung zum Mann, meine Beziehung zu den Kindern. Habe ich mir all die Jahre etwas vorgelogen, was so gar nicht existiert? Das starke Band, das ich zwischen mir und der Tochter wähnte - wo ist es? Habe ich es mir nur so stark gewünscht und mir eingebildet, es sei so? Wo bin ich falsch abgebogen? Was habe ich so grundlegend verkehrt gemacht, dass die Dinge nun ausgerechnet diese Wendung genommen haben? Oder ist es mir in meinem Narzissmus nicht möglich gewesen zu sehen, wie sehr die Tochter unter dem litt, was sie als ihre Wahrheit betrachtet? Sie hat viel verbrannte Erde hinterlassen. Lebt ihr neues Leben, in dem wir augenscheinlich keinen Platz mehr haben. Was bleibt also? Ich will nicht in Gram und Kummer versinken. Ich will meinen Weg finden, mit der offenen Wunde zu leben. Ohne Groll. Das wird uns beiden nicht gerecht, auch wenn die Wut und Ohnmacht mich von Zeit zu Zeit noch sehr herausfordern. Unser Leben hat sich um fast 180 Grad gedreht. Dinge, die mir früher unglaublich wichtig waren, sind nun unwichtig geworden. Sie haben keine Bedeutung mehr, gemessen an dem, was passiert ist. Jedes Extrem ist gefährlich, ich weiß das. Und ich kann nur hoffen, dass ich irgendwann den Mittelweg finde, der für mich und meine Familie nun der Richtige ist.

Kati 17.12.2018, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Aufwärts

Die Erkenntnis, wie weit ich im Grunde genommen seit meinem nervlichen und körperlichen Zusammenbruch im Sommer gekommen bin, hat mir heute mein Orthopäde vor Augen geführt. Er las mir alle Beschwerden vor, die ich im September nach der Katastrophensituation mit der Tochter angegeben hatte.

Panikanfälle, Luftnot, Schwindelattacken, Angst, Mutlosigkeit, Depression, Muskelkrämpfe, Lähmungen, Kribbeln, Taubheit, chronische Schmerzen.

Bei jedem Punkt hat er mich gefragt: "Und wie ist das heute? Jetzt gerade?" 

Und ich konnte bis auf einen verkackten Punkt alle anderen verneinen.
Alle.Anderen.
Rückschläge verunsichern mich zwar noch stark, aber da ich einmal in der Woche dort bin und gute Rückmeldungen als auch meinen eigenen Anteil daran schonungslos vor Augen geführt bekomme, lerne ich langsam, etwas besser damit umzugehen.
Ich bin im Training, ich habe Spaß daran, ich glaube endlich daran, dass es aufwärts geht.
Auch wenn es weh tut. Körperlich und seelisch.
Auch ohne meine Tochter.

Sie hat ihre Wahl getroffen und ich werde damit leben können.

Kati 11.12.2018, 22.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Erkenntnisse [bitter]

Ich dachte, dass ich dein Zuhause bin.

Kati 09.12.2018, 18.00| PL | einsortiert in: KinderKinder

Drama, Baby!

Am Wochenende hatte die Kriegerprinzessin endlich ihren Auftritt als heimliche Geliebte des Landhausherren in ihrer English-Drama-Class. Durch das Üben in den letzten Monaten wusste ich zwar schon, worum es ging (und hätte auch den gesamten Text einfach mitsprechen können), aber sie dort zu sehen, war einfach wunderbar. Ich glaube, dass sie trotz holprigem Start gut in ihrer neuen Schule angekommen ist und freue mich auf die nächsten Jahre, die sie dort verbringt. So schön dieses Erlebnis war, so kalt erwischte mich das Wiedersehen mit vielen der Freunde des großen Tochterkindes. Die halfen nämlich an verschiedenen Orten in der Schule mit und sammelten für ihr Abitur. Der Schmerz, das Tochterkind dort nicht mehr miterleben zu dürfen, kam plötzlich und intensiv. Wie immer bleibt die Sprachlosigkeit.

Kati 03.12.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: KinderKinder

Baugrube

Wir haben seit einiger Zeit ein riesengroßes Trampolin für den Garten und nach dem Aufbau stellte ich sehr schnell fest, dass ich das auf gar keinen Fall in dieser Aufbauhöhe ständig würde ansehen wollen. Also beschloss ich kurzerhand, dass das Trampolin in den Boden muss. Die Fläche ist da, wir besitzen genug Spaten und Schaufeln und Schubkarren und Körperkraft und den Erdaushub können wir auch gut gebrauchen.

Was ich nicht so ganz durchdacht hatte (ich gebe zu, ich hätte es ausrechnen sollen, dachte aber arrogant, mit meiner Erfahrung könnte ich das in etwa schätzen...), wieviel Erdreich wir bei einem Trampolin mit 5 Metern Durchmesser und einer Höhe von über einem Meter würden bewegen müssen. Ja. Und jetzt schaufeln wir. Die Kinder und ich jeden Tag 10-15 Schubkarren. Das ist eine Stunde Arbeit für uns und wir haben inzwischen fast die Hälfte geschafft. Jetzt kommt leider der Bereich, in dem die große Hainbuche vor dem Haus ihre Wurzelausläufer hat. Der große Sohn schwingt die Axt und wir arbeiten uns Stück für Stück voran.
Spaß ist anders.
[Zählt aber als Sport.]

Kati 29.11.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Wichtelmist...

Ich kann verstehen, wenn ein Lehrer diese Wichtelidee schön findet. Es geht bloß total an der Realität vieler Menschen vorbei, kurz vor Nikolaus und Weihnachten (außerdem in einer Zeit, in der man meistens Winterschuhe und -kleidung kaufen musste) für jedes einzelne Kind ein "nicht zu teures, aber auch keinen Plastikschrott - bitte nicht nur Schokolade und bitte auf das Geschlecht, die Religionszugehörigkeit und die Vorlieben des zu Beschenkenden achtend von 5 bis maximal 10 Euro"-Geschenk zu kaufen. 
Das ist neben den Alltagsausgaben ein ganzer Batzen Geld. Je mehr Kinder, desto größer das Problem.

Und wenn ich eine Mutter treffe, die mir erzählt, dass sie lieber bei den Weihnachtsgeschenken für ihre Kinder spart, als ihre Kinder dadurch zu beschämen, dass sie ihnen zum Wichteln nur was Billiges mitgibt, dann ist das einfach nur verkehrt.
Mein Sohn hat letztes Jahr eine Tafel seiner Lieblingsschokolade bekommen und war extrem glücklich damit.
Auch wenn die "nur" einen Euro gekostet hat.

Ich bin dieses Jahr dankbar, dass ich viele der Wichtelkinder kenne, die meine Kinder gezogen haben und die Geschenkauswahl nicht allzu schwer war.

Wie jedes Weihnachtswichteln muss ich an die Begebenheit von vor einigen Jahren denken: Eines meiner Kinder hat ein Schmuckstück von unserem Juwelier hier bekommen, das einen Wert von knapp 40 Euro hatte. Da greife ich mir heute noch an den Kopf.
Denn schlussendlich: Es ist nur Schulwichteln. Keine Heiligabend-Bescherung.

Kati 28.11.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Überraschungen

Als wir Anfang des Jahres gesagt haben, wir holen uns unser Leben zurück, da war nur dieser unumstößliche Wille da, etwas zu verändern. Wir hatten keinen Plan. Es war nicht abzusehen, was das Jahr bringen würde und die Dinge, die es dann tatsächlich gebracht hat, die waren grausam. So grausam, dass ich manchmal beinahe daran gezweifelt hätte, dass unser Vorsatz sich erfüllen würde. Ich weiß aber auch um die Macht von Dingen, die man sich vorgenommen hat und an die man glaubt. Und nach der monatelangen tiefen Talfahrt fügt es sich nun auf den letzten Metern dieses Jahres. 
Der Mietvertrag für einen zweiten Wohnsitz wird übermorgen unterschrieben, ich habe eine sehr offene Konfrontation mit dem Tochterkind gewagt, im Alltag mit unseren Kindern ist wieder ein Frieden eingekehrt, den ich bittersüß von früher in Erinnerung habe. Wir leben in finanzieller Sicherheit. Gesundheitlich sind wir in fachlich kompetenten Händen, es geht langsam bergauf, auch wenn einige Diagnosen sehr unbequem waren. Unsere monatliche Supervision bei einer großartigen Frau ist nach wie vor der beste Denkanstoß, den wir bekommen können und die Paarzeit dort hilft uns, wesentlich klarer zu sehen.
Wir haben das Schiff wieder unter Kontrolle.

Kati 27.11.2018, 13.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Wahrheiten

Sprachlosigkeit bezieht sich manchmal nicht nur auf Worte. Sondern auch auf Gedanken. Das, was im Moment in meinem Kopf herumgeistert, schwebt, mich quält, tagaus, tagein, lässt sich weder greifen noch in Form gießen. Ich bin am Ende. Mit meinem Latein, mit meinen Nerven, mit meiner Hoffnung, und manchmal denke ich - auch mit meiner Mutterliebe. Kann ich jemanden lieben, den ich nicht kenne? Sie sind qualvoll, diese Gedanken. Sehr.

Kati 23.11.2018, 09.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

Erntezeit

Jedes der Kinder bekam im Frühjahr einen großen Pflanzsack und eine Kartoffel von mir in die Hand gedrückt. Und jedes der Kinder musste sich schon vor Monaten entscheiden, was es mit seiner Ernte für die Familie kochen würde. Vor einigen Tagen war es endlich soweit und die ersten Kinder machten ihre Pflanzsäcke leer.
Was zum Vorschein kam, waren ganz wunderbare goldgelbe Kartoffeln.
Und nun freue ich mich auf Kartoffeln mit Braten und Rotkohl, Kartoffelpüree mit Fischstäbchen, auf Pommes Frites mit Schnitzel, auf Kartoffelauflauf und einiges mehr.

Es gehört zu meinen schönsten Garten-Erinnerungen, wenn wir früher im Herbst den Kartoffelacker umgegraben haben und ich freue mich, meinen Kindern einen Teil dieses Wunders zugänglich machen zu können.
Die Ungeduld, über Monate hinweg nur diese blöde grüne Pflanze ansehen zu können, sie gießen und pflegen zu müssen, ohne zu wissen, ob es Früchte trägt. Die Zuversicht, die man aufbringen muss, um daran zu glauben, dass das Leben schon seine Arbeit tut. Und schlussendlich dieses ehrfürchtige Staunen, wenn aus der einen Kartoffel vom Frühjahr ein ganzer Haufen Kartoffeln für eine Mahlzeit geworden ist.

Kati 17.10.2018, 12.00| (4/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Die Geburt in der Kaninchengruppe

Seit die kleine Schnuppe auf der Welt ist, ist sie Teil der Kaninchengruppe.
Was leider immer noch völlig unüblich ist - die trächtige Häsin in ihrer Gruppe zu belassen - ist hier jeden Tag ein Wunder, das zu beobachten ein Geschenk ist. 

Der Nestbau hatte für einige Aufregung gesorgt - die Mama hat sehr klar gemacht, dass die große Wurfbox im Stall "ihr" gehört und auch kein anderes Kaninchen diesen Raum betreten darf. Das haben die anderen recht schnell kapiert - wer legt sich schon freiwillig mit einer werdenden Mutter an...

Nach der Geburt lag die Schnuppe in ihrem Nestchen und bekam zwei- bis dreimal am Tag Besuch von der Mama zum Milch trinken und putzen. Soweit, so gut.
Die anderen Hasen hielten sich weiter von der Box fern.

Als das Baby langsam mobil wurde und schon aus dem Nest krabbelte, das Stroh raschelte und sich auch hörbar etwas tat, wurden die anderen Kaninchen neugierig.
Da steckte schon mal einer den Kopf in die Box um zu sehen, was passiert. Mehr aber auch nicht. Meistens kam sofort die Mama angehoppelt und sah nach dem rechten.

Erst als das Baby gelernt hatte, nicht nur aus dem Nest, sondern auch aus der Wurfbox herauszupurzeln und den Stall erkunden konnte, wurde es aufregend.
Die anderen Kaninchen fanden das kleine flauschige Wesen zunächst nämlich äußerst irritierend.
Wann immer sich alle großen Tiere auf Strohballen, auf Tischen, in Pflanzkübeln und auf Baumstämmen in Sicherheit brachten, war klar: Der Keks ist gerade auf Tour.
Die Mama hielt sich immer in Reichweite, damit das Baby auch keinen Unsinn macht. Oder die anderen Hasen. Aber die sahen ja hauptsächlich von oben zu und fragten sich, was das für ein Ding sei.

Inzwischen sind 25 Tage seit der Geburt vergangen und die Schnuppe hat den Stall und auch schon fast das gesamte Außengelände erkundet. Sie ist ein selbstverständlicher Teil der Gruppe (und es passiert nur noch selten, dass sich mal einer erschreckt, wenn der Fellfloh in seinem Übermut jemandem auf den Po springt). Wann immer ein anderer Hase Kontakt zu ihr aufnimmt (so wie im Bild), unterwirft sie sich sofort. Legt die Ohren nach hinten, duckt sich und schiebt ihr kleines Köpfchen unter das Kinn der Großen. Als Belohnung wird ihr meistens ein- oder auch zehnmal über den Kopf geleckt.
Und wenn sie richtig Pech hat, bekommt sie eine Ganzkörperwäsche von einer der Tanten oder dem Ziehvater.

Bei der Mama hingegen ist sie ziemlich aufsässig. Rennt beim Putzen weg, versucht doch noch an Milch zu kommen, wenn Mama gerade frühstückt oder beißt ihr einfach frech ins Ohr. Schön, dass sich das zumindest auch bei Tieren so durchzieht...

Kati 12.10.2018, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: tierisch

Hej Dad.

Ich bin hier. Du bist dort. Und trotzdem haben wir Kontakt. Nicht so, wie andere Menschen Kontakt haben, aber es hängt ein ganz dünnes loses Band zwischen uns. Mehr ein Faden als ein Band vielleicht. Es sind nur Momente, nur ein paar wenige Zeilen, die manchmal den Besitzer wechseln. Es ist Kontakt. Es ist kein Dialog. Wird es vermutlich auch nicht. Ich habe so viele Gefühle, die ich dir nicht schreibe, das willst du nicht. Ich akzeptiere das. Keine Vergangenheit. Das sind deine Spielregeln. Ich habe keine. Ich habe mich entschieden, dass ich mich darauf einlasse, was sich so zart entspinnt und vielleicht niemals weiterentwickelt als bis zu diesem Punkt. Wir schreiben über das Wetter. Über unsere Gärten. Über Dinge, die niemals persönlich werden können. Aber wir schreiben. Ich möchte dir manchmal so viele Dinge sagen. So vieles, das mich beschäftigt. Dass ich inzwischen - mit fast 40 Jahren - manche Dinge endlich verstehen kann. Ich bin nicht du. Du bist nicht ich. Und doch bist du ein Teil von mir. Nicht mehr als bedrohlicher Patriarch, der mir so viel Gepäck in meinen Rucksack geladen hat. Sondern als mein Vater. Da ist ein winziger Platz in meinem Herzen, der nur für dich ist. Das ist viel mehr, als ich jemals für möglich gehalten hätte und es entzieht sich jeder Bewertung. Es ist wie es ist.

Kati 09.10.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe an...

Sieben

Der närrische kleine Tuk hatte Geburtstag.
Und ich merke, dass mit der Zeit die Erinnerungen an die Geburten der Kinder und die Zeiten danach nicht unwichtiger, aber deutlich leiser werden. Natürlich habe ich mich erinnert, wie wir es nicht mehr geschafft haben, die anderen Kinder zur Tagesmutter zu bringen. Natürlich weiß ich noch, wie die Frau von der Anmeldung das alte Ehepaar aus dem Fahrstuhl gezogen hat, damit wir zuerst hochfahren können.
Wie meine Hebamme in lilafarbenen Gummistiefeln und schwarzem Minirock auf uns wartete und unsere übrigen Kinder dem verdatterten Arzt in die Hand drückte, bevor sie ihm die Tür vor der Nase zumachte. Und wie ich gefühlt gerade ein paar wenige Minuten im Kreissaal stand, immer noch verdattert, dass mein Körper bei seiner letzten Geburt all die Arbeit ohne Wehentropf schon ganz alleine zuhause gemacht haben sollte und dann nach Wimpernschlägen nur dieser winzige Brocken in diese Welt plumpste.
Ich weiß auch noch, wie glücklich ich dort, in diesem Moment war. Wie der Mann unsere Hebamme sanft beiseite schob und leise sagte: "Nein. Das ist meine Aufgabe."
Es war ein Moment des absoluten Glücks und des absoluten Friedens. 
Dieser Eine nur, bevor mein Körper seinen Dienst versagte und die folgenden Monate in Schmerz, Depression und Dunkelheit versanken.
Ich habe Fotos gemacht.
Jeden einzelnen Tag.
Damit ich mich trotz allem an seine Entwicklung erinnern würde, obwohl die Tage so verdammt schwarz waren.

All das hat weder seine Bedeutung noch seine Berechtigung - sondern nur seine Lautstärke verloren. 

Laut sind heute nur noch die Erinnerungen an sieben prall gefüllte Jahre mit diesem besonderen Kind.
Erinnerungen an jedes Lachen, jeden Wutanfall, jede Irrung und Wirrung, die wir mit ihm gegangen sind.
Sein Charme, seine rasante Entwicklung, seit er endlich hören kann, seine unfassbar liebenswerte Art.
Unser Nesthäkchen.
Unser letztes Kind.
So viel Liebe.

Kati 08.10.2018, 12.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

Metamorphose - vom Keks zum Kaninchen


Der Milchkeks ist quasi über Nacht ein richtiges Miniaturkaninchen geworden. Er wiegt mit 400 Gramm zwar nur einen Bruchteil des Gewichts, das seine Mama auf die Waage bringt, aber er passt zum Wiegen schon nicht mehr in die 1-Liter-Eisdose.
Zu viel Fell, zu viel Milchbauch.
Seine Ausflüge aus der Wurfbox in den großen Stall sind für alle Kaninchen der Gruppe recht... anstrengend, aber es wird. Und zur Not können ja auch alle anderen auf das Außengelände flüchten. Da lässt die Mama den kleinen Keks nämlich noch nicht hin. Er wird nach jeder Runde im Stall von seiner Helikoptermami wieder in die Wurfbox gescheucht und ins Nest geschubst.
Manchmal bleibt er dann motzig darin sitzen, manchmal aber auch nicht.

Kati 05.10.2018, 12.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: tierisch

"Schöner Scheiß."

Das war vor zwei Wochen verständlicherweise nicht unbedingt das, was ich eigentlich von einem Arzt beim Blick auf die Röntgenbilder meiner Wirbelsäule hören wollte. Aber rückblickend betrachtet war genau das vielleicht das Richtige.
Eine Woche liegt hinter mir, in der ich statt 56 Mal Schmerzmittel genau 3 Mal Schmerzmittel genommen habe. Und dann auch noch nicht mal das, bei dem man blaue Einhörner sehen kann/darf/muss.
Anzahl der Angst- oder Panikattacken wegen drohendem Schwindel: Null.
Anzahl der Möglichkeiten, in denen ich schmerzfrei sitzen konnte: Einige.
Heute also erneute Sitzung beim Orthopäden, erneutes Vermessen, schieben, drücken, ziehen.

Ich habe endlich wieder das Gefühl, meine Beine sind gleichlang, die Hüft-, Kreuzbein-, Knie-, Schulter-, Nackenschmerzen sind ein weiteres Mal weniger geworden und trotz vollem Terminkalender heute gab es keinen Nervenzusammenbruch, kein Das-ist-mir-alles-zuviel-Gefühl, keinen Stress, nichts.

Ja, der Weg ist noch weit.
Aber ich kann ihn endlich sehen.

Kati 04.10.2018, 18.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Lichtblicke

Es sind dunkle Tage, die hier vergehen, doch vor 15 Tagen hat ein Hoffnungsschimmer das Licht der Welt erblickt. Ein großer Kindheitstraum ist damit in Erfüllung gegangen und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht vor Dankbarkeit und Demut vor diesem kleinen Wunder auf die Knie fallen und der Welt versichern möchte, wie schön das Leben sein kann. Schmerzen und dunkle Gedanken sind in diesem Momenten so unwichtig, so klein, wenn ich diese Handvoll Leben halten darf. Unter den aufmerksamen Blicken seiner Mutter, die mir soweit vertraut, dass sie diesen Kontakt duldet. Es gibt nichts Kostbareres.

Kati 02.10.2018, 12.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: tierisch

Tag der Entscheidung

Heute ist es soweit. Heute ist der Tag, bis zu dem das Kind mit seiner Entscheidung Zeit hatte. Ab heute Abend gilt es. Und so, wie es im Austausch mit ihr aussieht, stehen alle Zeichen auf "Neuanfang" in der Ferne. Mir blutet das Herz. Die Umzugskartons stehen oben in ihrem Zimmer und heute Abend hat das Warten endlich ein Ende. Entweder kommt sie nach Hause zurück oder wir können endlich etwas tun - umräumen, abmelden, umstrukturieren. Es tut alles so unendlich weh. Selbst wenn ich versuche, die Entscheidung nicht "gegen" mich, sondern "für" etwas anderes zu werten - es tut einfach alles nur so schrecklich weh. Ich bin so dankbar, dass die Wartezeit heute Abend zuende ist. Dass wir dann eine Entscheidung haben. Alles ist besser als Unsicherheit. Noch 6 Stunden bis zum Telefonat mit ihr. Die Chaoskinder wollen und werden dabei sein und sind in den vergangenen Tagen darauf vorbereitet worden, dass ihre große Schwester eventuell nicht mehr hierher zurückkehrt.
Wie sehr kann so ein Herz weh tun?

Kati 15.08.2018, 12.00| (3/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

Schockstarre

Es ist jetzt bald drei Wochen her, dass ich den Schwangerschaftstest gefunden habe und das Unheil seinen Lauf nahm. Drei Wochen, seit wir im Dunkeln zu Dritt im Wohnzimmer gesessen haben und Stück für Stück die Wahrheit aus dem Kind herausbrach. Nicht nur die Wahrheit in Bezug auf den Schwangerschaftstest. Auch die Dinge, die vor vielen Monaten ihren Anfang nahmen. Drei Wochen, seit ich am liebsten den Kopf in den Sand gesteckt hätte um nichts mehr sehen, hören oder fühlen zu müssen. Ich habe mein Sportprogramm einfach beendet. Nichts mehr getan. Sitze den ganzen Tag herum obwohl ich weiß, dass das Gift für meine Bandscheiben ist. Starre vor mich hin und überlege, was ich tun kann. Was ich falsch gemacht habe. Mache kaum noch etwas in Haus oder Garten, spüre mich selbst nicht mehr. Esse die falschen Dinge und tue Sachen, die mir nicht gut tun. Das Wissen um all dies sorgt für Selbstvorwürfe und die wiederum führen zu massiven Muskelverspannungen und Schmerzen. Ich steuere auf den nächtsten Totalausfall zu. Langsam aber sicher. Und das will ich nicht. Nicht noch einmal, nicht sehenden Auges. Ich muss mich um mich selber kümmern. Es ist egal, wie sie sich entscheidet. Es ist egal, wie es weitergeht. Ich muss dafür sorgen, dass es mir gutgeht.
Es ist an der Zeit, langsam wieder die Zügel in die Hand zu nehmen und weiterzumachen.

Kati 10.08.2018, 15.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Der verlorene Kater

Die Tage sind schwer. Wir warten auf die Entscheidung des großen Tochterkindes. Auf eine weitere Entscheidung... Sie hat so viele davon getroffen. Ohne unser Wissen. Oder wollten wir nicht sehen? Die Zweifel sind groß dieser Tage.

Beim Gedanken an die Dinge, die ich bislang erfahren habe, wird mir nach wie vor schlecht. Ich bin - irgendwo ganz weit hinten in meinem Gehirn - dankbar, dass ihr bei alledem nichts passiert ist.

Aber das vorherrschende Gefühl ist stumme Wut. Und weiter gedacht: Ist ihr denn wirklich nichts passiert? Wieviel Schaden haben diese Ereignisse in ihrer Seele angerichtet?
Gar keinen, könnte man meinen, wenn man diese trotzige stolze junge Frau ansieht.
Aber auch das wird nur Fassade sein.
Sie bedaure es, dass sie noch nicht 18 sei. Dass wir noch "in diese Sache mit reingezogen" werden.

Ich kenne diesen Menschen nicht.

Wie lange habe ich nur das Bild von ihr wahrgenommen, das ich hatte? Wann hat sie begonnen, sich so zu verändern? Werden wir jemals die ganze Wahrheit erfahren? Wollen wir das überhaupt? 

Ihr leiblicher Vater lockt mit seinen ewigen Versprechungen "Hier wird alles besser, hier ist alles schöner, hier kannst du neu anfangen".

Wir bleiben stumm.
Wir wollen uns nicht vermarkten.
Wir buhlen nicht.

Die Entscheidung, die sie zu treffen hat, sollte im Innersten getroffen werden. Die rosa-bunte Zuckerwattewelt, die er ihr verspricht, gibt es nicht. Das wird sie vielleicht erst dann erkennen, wenn es zu spät ist.

Bis dahin werden weiterhin Altlasten über Bord geworfen. Der Hase. Der Kater soll nun auch nicht mehr ihrer sein. Kein Interesse mehr.
Wir sind noch über. Aber auch wir passen nicht in ihr neues Leben. Sind spießige Überbleibsel der Welt, aus der sie zu fliehen versucht.

Es tut gerade alles so weh.
Die Liebe, die Enttäuschung, die Hoffnung.
Gefühle, zäh und klebrig wie Honig.

Ich habe Umzugskisten gekauft. Ich gehe davon aus, dass sie befüllt werden.

Kati 09.08.2018, 13.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

Wenn Worte fehlen

Irgendwann muss ich meine Worte wiederfinden. Auch die für das, was passiert ist, aber vielleicht nicht hier. Es ist zu weit jenseits dessen, was ich als möglich klassifiziert hätte.
Und so vergeht Tag um Tag in größter Sommerhitze.

Das angebaute Gemüse verkümmert bis auf ein paar Ausnahmen und selbst die Zuckererbsen schmecken bitter. Die Pflanzen welken vor sich hin, die vor zwei Jahren gepflanzte Hecke schafft es vielleicht nicht - ich kann nicht so viel gießen, wie es nötig wäre.
Und in welchem Verhältnis steht das alles, wenn gegenüber vom Haus am Berg der Wald brennt?
So viele Tage und Nächte.
Das fünfte Feuer ist heute Nacht ausgebrochen, der Sirenenalarm begleitet uns durch den Sommer.

Die Kinder sind im Ferienmodus angekommen, schlafen lange und leben in den Tag hinein.
Aus dem Haus, in den Pool, zum Eisschrank und wieder aufs Bett/in den Sessel/auf die Schaukel. Sie wissen nicht mehr, welchen Tag wir haben, oder welches Datum und das ist gut so. Besuchskinder kommen und gehen, schlafen hier, genießen die Zeit mit uns und wir mit ihnen.

Das große Tochterkind befindet sich derweil schon seit zwei Wochen beim leiblichen Vater. Die nächsten 8 Tage hat sie noch Zeit, darüber nachzudenken, ob sie die beiden Jahre bis zur Volljährigkeit dort verbringen will oder hierher zurückkehrt.
Mir blutet das Herz, aber wir sind an einem Punkt, an dem ich niemals sein wollte.

Das Doppelleben, das sie seit einem dreiviertel Jahr geführt hat, hat uns bis in die Grundfeste erschüttert. Ich bin schon oft betrogen und verraten worden, das bringt mein Alter so mit sich. Aber bis auf eine Ausnahme hat mich nichts davon so nachhaltig bis ins Mark getroffen.

Wir sind über normale Pubertätsrebellion weit hinaus und wenn sie hierher zurückkehrt, dann wird das Miteinander ein Neues werden müssen. Ich bin so enttäuscht, dass sie anscheinend alles verraten hat, was uns ausmacht.

Kati 07.08.2018, 16.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Sommerferien deluxe

Offizieller Tag 4 der Sommerferien und diesmal ist alles ein wenig anders. Das große Tochterkind hat einen Ausbildungsplatz und fängt in 13 Tagen mit der Arbeit an. Bis dahin sind noch so 3629 Dinge zu erledigen, für die man ein bisschen mehr Zeit hätte, wenn es ein paar Tage vor Ferienbeginn nicht plötzlich gehießen hätte: "Ach, ich mache übrigens doch kein Abitur!" Zusatzkind1 hat nach erfolglosen Gesprächen mit dem Jugendamt, der Psychiatrie, Freunden, Verwandten und Gott weiß noch mit wem erkannt, dass niemand sie hier herausholen wird, so unmenschlich wir auch sind, wenn wir verlangen, dass sie Dinge tut wie ... ihren Teller vom Tisch abräumen. Oder mal das eigene Zimmer saubermachen. Oder ähnliche Dinge, bei deren Kenntnis Amnesty International sofort eine Kampagne zur Rettung privilegierter 16jähriger starten würde. Also lautet ihr aktueller Plan: ausziehen. So schnell wie möglich. Das geht aber leider nur mit Ausbildung. Oder Geld. Und für beides muss man arbeiten. Das Leben ist schon verdammt unangenehm. Immerhin ist das Kind so auch endlich mal mit etwas beschäftigt. Eine Win-Win-Situation also. Kind4, 5 und 6 tun das, was sie am besten können: Chaos verursachen. Sich streiten, sich liebhaben, Abenteuer unternehmen und im Pool plantschen. Läuft. Das autistische Zusatzkind kann wie erwartet mit so viel freier  und unstrukturierter Zeit ohne minutiös ausgearbeitete Tagespläne überhaupt nichts anfangen und steht kurz vor dem Kollaps. Ich versuche, so etwas wie Entspannung in meinen Alltag zu bringen und erfreue mich fürs Erste jeden Tag daran, dass ich erst um 7 Uhr aufstehe. Wird.

Kati 19.07.2018, 15.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Das verrückte Huhn - eine Liebeserklärung

Bernadette ist so etwas wie die Marianne Dudelhuhn unter den Wachteln, die hier leben.

Als Nachzügler mit etwas Hilfe aus dem Ei geschlüpft, immer ruhig, immer freundlich und voller Vertrauen in sich und die Welt. Ich mache die Stalltür auf, um die Tiere rauszulassen? Bernadette balanciert bereits auf der Kante und sobald sie meine Hand sieht, lässt sie sich vertrauensvoll hineinfallen. Egal, ob aus 5 oder 50 cm Abstand. Ich fang sie schon. Da passiert schon nichts. Ich drehe mich gerade um, um den neurotischen Franz wieder einzufangen? Bernadette hüpft schon mal in den Garten und geht ein wenig spazieren.

Natürlich nicht im Außengehege der Wachteln, das wäre ja langweilig - nein, im Menschengarten. Der Hund schubst sie vorsichtig Richtung Wachtelstall, sie schmiegt einmal kurz den Kopf an seine Schnauze und wandert dann weiter.

Der kleine Braunbär, der mal ein Hund werden wollte, fiept etwas hilflos vor sich hin und verfolgt sie weiter. So sehe ich immerhin, wo sie sich gerade befindet, die Tarnfähigkeit von Wachteln ist nämlich schon enorm. 

Als wir vor einigen Wochen einkaufen waren, hat sie es irgendwie geschafft, aus dem Außengehege auszubrechen und saß erwartungsvoll auf dem Bürgersteig, wo sie darauf wartete, dass jemand sie die Treppe zum Grundstück wieder hinauftragen würde. Einen anderen Tag ist es ihr gelungen, ins Hasengehege einzubrechen. Die Hasen waren wenig begeistert. 

Bernadette indessen interessiert das herzlich wenig. Sie sitzt neben mir auf der Hollywoodschaukel und lässt sich ein wenig hin- und herschaukeln, sie hüpft auf den Hund, wenn der im Weg liegt, findet die Katze höchst interessant und Menschen sowieso. Nur wenn es an der Zeit ist, ein Ei zu legen, dann muss Bernadette in ihre eigens dafür angelegte Kuhle und zieht die Grashalme wie eine schützende Decke über sich, bis nur noch ein wirrer grüner Hügel mit Schnabel zu erkennen ist. 
Dort bleibt sie ein paar Minuten sitzen und bei erfolgreicher Eiablage macht sie ein Geräusch wie ein kaputter Keilriemen, nur in etwas leiser.

Danach geht es auf ins nächste Abenteuer.

Kati 17.07.2018, 14.00| (3/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: tierisch

Töten verlernt man nicht

Das Töten ist mir nie sonderlich schwer gefallen. Es gehörte Zeit meines Lebens dazu wie das Atmen. Willst du Fleisch essen, musst du vorher ein Tier töten. So einfach war das. Das Töten selber verlernt man auch dann nicht, wenn Jahrzehnte vergehen. Es sind immer die gleichen Handgriffe. Ein sanfter Griff, eine sichere Hand.
Alles zurechtgelegt, damit es niemals hektisch wird. Die Vorbereitung war immer mein Ritual. Mit jedem Schritt, mit jedem Atemzug werde ich ruhiger. Wenn ich alle meine Dinge beisammen habe, sind Herzschlag und Atmung vollkommen im Einklang. Alles muss ordentlich sein, alles ruhig. Es geht um Frieden in diesem grausamen Akt. Alles liegt bereit, alles nur einen Wimpernschlag voneinander entfernt.

Ich habe viele Tiere sterben sehen. Und hören. Viele haben grausam geschrieen, wenn sie herausgezogen wurden, an den Hinterbeinen hochgerissen, bis der Tod als Erlösung kam.

Ich war noch sehr sehr klein, als ich mir geschworen habe, dass kein Tier, das jemals durch meine Hand sterben würde, einen solchen Tod erleiden würde.

Und so kam es. 

Ich habe gegenüber meinem Vater und auch meinem Großvater früh eine Grenze gezogen, dass ihre Art des Tötens nicht die Meine sein würde. 
"Einen stillen Tod gibt es nicht, Kind!", sagte mein Großvater streng zu mir, bis er mir das erste Mal zusah. Danach haben wir nie wieder davon gesprochen

Was erst im Laufe meines Erwachsenenlebens hinzukam, ist die überwältigende Ehrfurcht.
Der Moment mit dem Tier zum Zeitpunkt seines Todes.
Die Intimität.
Die Dankbarkeit.
Demut.

[Nachtrag: Interessanterweise war der Anlass für diesen Beitrag, dass ein Tier von seinen Qualen erlöst wurde. Nicht, um es zu essen.]

Kati 16.07.2018, 18.00| (3/3) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Der Kirschbaum

Vor einigen Wochen, als die Kirschernte begann, sind wir von draußen nach drinnen geflüchtet. Unsere Terrasse befindet sich nämlich genau unter dem großen Kirschbaum in unserem Garten. Rückblickend betrachtet nicht meine allerbeste Idee, aber die Gartenküchentür geht nun einmal genau dorthin auf. Zack, steht man unter dem Kirschbaum. Wo wir seit Monaten sitzen, war nun für einen Monat kein Auskommen mehr möglich. Tausende von Wespen machten sich über die Kirschen her, die unzähligen Früchte, die uns zu Beginn der Kirschernte in Nudeln, Eintöpfe, auf Teller, Köpfe und in Gläser gefallen sind, zähle ich hier gar nicht mit auf. Auch nicht die Vogelkacke der drei Dutzend Amseln und Eichelhäher, die den Baum im Sommer als Buffet nutzen. Die Wespen sorgten dafür, dass wir uns zum Essen wieder in unser Esszimmer zurückzogen. Einige Kilo Kirschen wanderten für die Weiterverarbeitung in meine Küche, der Rest war für die Vögel. Und die Wespen... Die Starkregenschauer der letzten Tage haben nun das Ende der Kirschenzeit eingeläutet, die letzten Reste wurden vom Baum gespült, die Zweige sind fast leer und der Terrassenboden übersät mit Resten. Und Wespen. Es ist abzusehen. Ein Besen und ein Schlauch werden in den nächsten Tagen dafür sorgen, dass die Sommerpause fürs Draußenessen vorbei ist. Und auch der Kirschbaum kann endlich wieder für das genutzt werden, wofür er das restliche Jahr dient: als Kletter-, Sitz- und Lesebaum.

Kati 12.07.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

OP-Hase

Der große Hasenmops ist neuerdings unser Sorgenkind. Verkapselung unter der Schnauze, gefüllt mit Eiter.
Eiter ist ja bei Hasen immer ein wenig kritisch. 
Also Operationstermin gemacht und alles großzügig weggeschnitten. Im Heilungsprozess bildete sich neben der Wunde eine erneute Verkapselung.
Neuer OP-Termin und diesmal bleibt die Wunde offen. Offen halten, spülen, alle zwei Tage zum Tierarzt.
Ich hoffe so sehr, dass diesmal alles gut geht. Fressen geht anscheinend nun deutlich besser (trotz halbem Lappen, der ihm aus der Wunde hängt), das Tier hat innerhalb von drei Wochen (vor OP 1: 5,3 Kilogramm) wieder sein Normalgewicht von knapp 6 Kilogramm erreicht. Das ist ... sportlich.

Kati 11.07.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: tierisch

Abschiede

Laut ist es in mir.
So laut, dass ich kaum Worte finde, die nach außen dringen können, um Ordnung in das Chaos zu bringen.
So viele Baustellen gleichzeitig, so viele Umstände, Zustände, Missstände... wir zerreißen uns und doch ist es nie genug.
Nie genug Zeit, nie genug Kraft, einfach nie genug...
Wir sind am Limit dessen, was wir bewältigen können.
Ich finde ein wenig Trost draußen, an der frischen Luft, bei den Tieren, an der Sonne, im Regen, im Grün des Gartens.
Das große Kind entgleitet mir und nicht so, wie ich mir das immer gewünscht habe.
Ich muss auch den letzten Rest noch loslassen und Vertrauen haben in das, was da vielleicht draus erwachsen kann.
In das, was wir gesät haben.
Die Familie verkleinert sich wieder, lange bevor ich dazu bereit gewesen wäre.
Frage mich, wo meine Schuld liegt. War ich zu streng? Zu nachsichtig? Zu... irgendwas?
Oder hat auch das alles gar nichts mit mir zu tun?
Ist das letzten Endes der Lauf der Dinge?
Meine Aufgabe ist es, bei mir zu bleiben.
Bei meinem Leben. Nicht als Mutter oder Frau. Sondern meinem ureigenen Leben als Mensch.
Das geliebte große Kind, das eigentlich noch gar nicht so groß ist, will nun selber erwachsen sein.
Ohne Rücksicht auf irgendetwas oder irgendjemanden.
Und auch hier heißt es: mein moralisches Wertesystem muss nicht Ihres sein.
Sie darf ein eigener Mensch sein. Auch einer, der lügt und betrügt.
Nur auf lange Sicht nicht mehr hier in unserem Haus.
Das ist für uns inakzeptabel.
Und das wird sie genauso akzeptieren müssen wie wir andersherum.

Kati 10.07.2018, 12.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

Puzzleteile

Die Kriegerprinzessin ist seit einer Woche am Meer auf Klassenfahrt. Und zusätzlich zum "es fehlt ein Kind" und "ich vermisse mein Kind", fehlt sie mir ganz besonders. Sie ist das Kind, das mir am ähnlichsten ist. Auch das, mit dem ich am häufigsten aneinander rassle, das liegt wohl in der Natur dieses Umstands.
Und sie ist das Kind, das die meisten meiner eigenen Leidenschaften teilt. Allen voran Tiere. Und so fehlte sie mir, als die neuen Küken geschlüpft sind, sie fehlte mir, als ich mit einem der großen Rammler zum Tierarzt musste, sie fehlt mir bei der abendlichen Fütterungsrunde und beim Erzählen der vielen großen und kleinen Begebenheiten, die den ganzen Tag so passieren. Egal, ob der Hund wieder ins Wachtelgehege eingebrochen ist, die Katzen Mist gemacht haben oder ich über Stallumbauten nachdenke. Keines der anderen Kinder hat auch nur annähernd so viel Interesse an anderen Lebewesen wie dieses Eine. Tiere, Pflanzen, Menschen - alle. Keines, das sowohl um das Wohl von Insekten besorgt ist als auch bissige Pferde hätschelt. Aus purer Liebe zu dieser Welt und allem, was darin lebt.
Das große Tochterkind findet alles niedlich, so lange es klein und flauschig ist und sie Abstand davon halten kann, der große Sohn hat Angst vor den meisten Tieren - wenn auch ein großes Herz für sie, der kleine Sohn liebt Eier sammeln und mit dem Hund spielen, ist aber noch zu klein für echte Verantwortung und dem autistischen Zusatzkind fehlt jede Art von Fähigkeit, sich mit Gefühlen oder Bedürfnissen anderer Wesen auseinanderzusetzen.
Ich bin sehr dankbar, dass dieses eine Puzzleteil am Ende der Woche wieder bei uns ist.

Kati 21.06.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Spätzchen, die zweite

Der Spatz, den die Kriegerprinzessin vor einiger Zeit mit aus der Schule gebracht hat, hatte sich innerhalb zweier Tage wieder so berappelt, dass er nicht mehr umfiel, in unserem Haus umherflatterte und endlich lautstark nach seiner Mutter rief.
Also haben wir ihn dorthin gebracht, wo sie ihn gefunden hatte und innerhalb von Sekunden holte ihn seine Mutter ab und sie flogen gemeinsam auf den nächsten Ast.

Das ist ein Glücksgefühl, das für mich kaum zu toppen ist. Wann immer die Kriegerprinzessin nun während der Pausenzeiten die Spatzen sieht, die um ihre Schule herum leben, muss sie an ihren Felix denken, sagt sie. Und ist froh, dass er seine Mama wiederhat.
So darf das sein.

Kati 20.06.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: tierisch

gescheitert

Es sind vielleicht die bittersten und zugleich erlösendsten Worte, die Eltern aussprechen können, wenn sie müssen. "Wir sind gescheitert." Gescheitert... woran? An dem Anspruch, ein Kind auf das Leben vorzubereiten. An dem Anspruch, aus einem Kind ein soziales Mitglied der Gesellschaft zu machen. An dem Anspruch, ein Kind dazu anzuleiten, sich selbst versorgen und glücklich machen zu können. Die "Krisenintervention", die hauptsächlich dazu diente, ein angeblich hochsuizidales Kind für 48 Stunden wergzusperren und uns dann mit allem wieder alleine zu lassen, hat viel in Bewegung gesetzt. In dem Kind, in uns, in der Familie. Wo vorher schon Unwohlsein war, ist jetzt offene Ablehnung. Das schale Gefühl, von einer narzisstischen 16jährigen einfach nur an der Nase herumgeführt worden zu sein, bleibt. Seit dem ist Vieles zerbrochen, von dem ich vorher nicht dachte, dass es schon angeschlagen sei. Ich habe mich geirrt. Mal wieder. Wir haben zwei Jahre lang versucht, einen psychisch anscheinend schwer gestörten Menschen in eine Familie zu integrieren, die gar nicht zusammenwachsen konnte, weil das auf mehr Ebenen sabotiert wurde als ich mir hätte vorstellen können. Jetzt sind die Fronten klar. So viel Bedauern über so viel vergeudete Lebenszeit und Energie.
Wir gehen weiter.

Kati 18.06.2018, 12.00| PL | einsortiert in: KinderKinder

Ein Lebewohl auf Vorstandsebene

Die letzten Nächte waren schlecht, die Tage nicht besser. Die Schritte aus dem Gebäude - der Abschied - die letzten Worte - die waren leicht. Beschwingt. Schwerelos, fast. Ich habe alle meine Posten geräumt, meinem Nachfolger alles Gute gewünscht und alle Aktenordner voll mit Unterlagen einfach dagelassen. Gezweifelt habe ich an der Richtigkeit dieser Entscheidung im letzten Herbst nie, nur die Gedanken an die letzte Zusammenkunft, die ich heute leiten muste, waren schwer. Jetzt ist alles Schall und Rauch. Und das fühlt sich gut an.

Kati 15.06.2018, 17.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

"vermutlich gutartig"

Die Worte "vermutlich gutartig" mit dem Nachsatz: "also schon wahrscheinlich harmlos" sind nicht besonders gut dazu geeignet, mein Kopfkino zu beruhigen. Das große Tochterkind hat am Knochen "vermutlich gutartige" Wucherungen von "irgendwas", was man aber genauer leider erst herausfinden kann, wenn man das operiert. Das machen wir morgen früh um eine sehr unchristliche Zeit und da das Tochterkind mit einer ganzen Palette von Besonderheiten aufwartet (Herzfehler und ähnliche Spässchen), bin ich etwas aufgeregt.
Sie nicht so.
Nebenher läuft der Alltag weiter - Klassenfahrten, Berufsberatung, Hobbies, Sport, Psychotherapie und der ganz normale Wahnsinn.
Noch genau ein Monat bis zu den Sommerferien, die die Kinder und ich weiß Gott dringend nötig haben. 

Kati 13.06.2018, 12.00| (3/3) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Mein erster Hummelstich

Inzwischen bin ich fast 40 Jahre auf diesem Planeten und bin schon von so ziemlich jedem Tier mal gebissen oder gestochen worden, das es hier in Europa so gibt.
Seit gestern Nacht, als ich eine pummelige kleine Hummel aus dem Wassernapf des Tochterkaters gerettet habe, kann ich auch den Stich einer Hummel dazuzählen.

Die Hummel mochte den Deckel, auf dem ich sie gerettet habe, leider gar nicht und kletterte schnurstracks auf meine Hand.
Auch nicht schlimm, ich transportiere Bienen und Hummeln auch ohne Probleme direkt auf der Hand, das ist noch nie schiefgegangen, aber diese hier war irgendwie motzig und als ich sie draußen in den Nachthimmel hielt, stach sie als Abschied einmal beherzt zu.

Und scheiße, tat das weh.
Bienen und Wespenstiche sind ja ein Dreck dagegen.

20 Minuten und sämtliche erste-Hilfe-Maßnahmen später konnte ich meine linke Hand bis zum Unterarm überhaupt nicht mehr spüren, erst kribbelte alles, dann wurde es taub.
Und tat dabei furchtbar weh.
Jetzt, eine Nacht später, fühlt es sich nur noch nach einem Zwischending zwischen "mir ist jemand mit einem Laster über die Hand gefahren" und "ich habe meine Hand 5 Minuten in kochendes Wasser gehalten" an.

Und ich fürchte, ich werde Hummeln wohl nie wieder als die flauschigen kleinen Pummelchen sehen können, die sie bislang für mich waren.

Kati 09.06.2018, 12.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Daten werden gelöscht...

Eine öffentliche Person zu sein, war nie mein Ziel.
Es hatte viele Vorteile und Annehmlichkeiten und mindestens genauso viele Nachteile.
Das Erkanntwerden ist nicht meins. Und jetzt, wo ich Ehrenamt, Engagement und Präsenz in der Öffentlichkeit aufgegeben habe, muss ich mir jeden Zentimeter Boden, auf dem ich beinahe unerkannt laufen darf, hart erkämpfen.
Es wird nicht mehr lange dauern, da werde ich in den Köpfen der Menschen in der Annonymität der Vergangenheit verschwinden, aber der Weg dorthin ist unangenehm.
Noch so viele Menschen, die der Meinung sind, mich zu "kennen", noch so viele, die da anknüpfen wollen, wo ich niemals echt war - das ist ein steiniger Weg und manchmal denke ich, es ist der Preis für diese Zeit. Sie hatte ihre Berechtigung und nun ist sie vorbei, weil mir klar wurde, wie sehr diese Öffentlichkeit an mir gezogen hat.
Mich verzogen hat.
Das Handy löscht gerade einen dreistelligen Teil meiner eingespeicherten Kontakte und das fühlt sich einfach nur großartig an.
Ein Stück Freiheit.

Kati 08.06.2018, 15.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Spätzchen

Die Kriegerprinzessin kam heute ziemlich aufgelöst aus der Schule.

In der Hand hielt sie ein Bündel Tier.
Ich dachte zuerst wieder an einen Frosch, eine tote Ratte, eine Maus, was auch immer dieses Kind normalerweise mit nach Hause bringt, aber es war ein Vogel.

Da sie genau weiß, wie fatal es ist, vermeintlich unbeaufsichtige Jungvögel mitzunehmen, war ich auf die Geschichte gespannt.

Der kleine Kerl ist vermutlich aus dem Nest geplumpst und hat sich dann in einem Drahtgitter verfangen. Dort hing er fest und lag entkräftet in der Sonne. Die Kriegerprinzessin befreite ihn vorsichtig und überprüfte dann, ob er schon fliegen kann. Konnte er nicht. Außerdem kippte er immer wieder um. In einem Stadtviertel, das vor streunenden Katzen nur so wimmelt, auch eher schlecht. So hat sie sich dann entschieden, ihn mitzunehmen.

Also wohnt hier jetzt ein kleiner Spatz, der alle halbe Stunde von seiner neuen Ziehmami gefüttert wird und inzwischen schon wieder ganz wach seine Umgebung beobachtet.
[und auf den ich morgen während der Schulzeit natürlich aufpassen muss...]

Kati 06.06.2018, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: tierisch

WMDEDGT 06/2018

Es ist der 5. des Monats und jeden 5. heißt es bei Frau Brüllen drüben: "Was machst du eigentlich den ganzen Tag?".

Der Tag beginnt relativ ungünstig mit migräneartigen Kopfschmerzen, die mich zweimal im Monat heimsuchen und bevor der Mann sich um 6 Uhr morgens zur Arbeit aufmacht, reicht er mir vorher noch zwei Tabletten ins Bett. Ich habe noch 10 Minuten, in denen ich hoffe, dass die Medikamente wirken (ein Hoch auf die Pharmaindustrie!), bevor ich aufstehen muss. Die Kinder dürfen aus Gründen erst ab 6:30 Uhr ins Erdgeschoss kommen und für das autistische Zusatzkind bedeutet "frühestens" eben jeden Morgen "exakt dann". Als ausgeprägter Morgenmuffel habe ich ganz gerne noch einige Minuten für mich alleine, bevor ich einem zwanghaften Tischdeck-Ritual beiwohne, das mich wahnsinnig macht. Ich sinke in die Kissen zurück, überlasse mich den Schmerzmitteln und kann 15 Minuten später tatsächlich einigermaßen aus den Augen kucken. Eine Etage über mir rumort es schon seit einiger Zeit.
Der närrische kleine Tuk ist dazu übergegangen, neueste Fußballtricks zu üben und ich höre von den anderen 3 Kindern, die mit ihm im Obergeschoss wohnen müssen, energische Zurechtweisungen.

Als Antwort schießt er mit der Nerfpistole auf Geschwister, die aus ihren Zimmern kommen. Ich höre Gekreische.
Ich stehe auf, hole den kleinen Braunbären, der mal ein Hund werden wollte, aus seinem Bett und wanke ins Untergeschoss. Der hochmotivierte Hund holt seine Frühstücksschüssel, scheppert damit an die Heizung, rast wie bekloppt einmal durch die Diele und rennt mich dann über den Haufen. Ich fülle sein Frühstück in die Schüssel, gebe ihm das Kommando, dass er es essen darf und rette mich ins Badezimmer. Ich höre bereits die ersten Kinder im Kinderbadezimmer oben und möchte einfach nur schlafen. Und keine Kinder haben.

Das Frühstück verläuft relativ undramatisch, die Kriegerprinzessin nimmt heute ihre Geburtstagsmuffins mit in die Schule, das autistische Zusatzkind bekommt den Auftrag, sich für diese Woche noch zu verabreden und wir üben noch ein paar Konversationsvarianten ein, der närrische kleine Tuk hat einen kurzen Heulanfall, weil er seine neue Deutschland/WM-Fußballkleidung nur im Sport und nicht gleich zum Unterricht anziehen darf und Zusatzkind1 hat anscheinend einen furchtbaren Tag, so wie immer. Ich überprüfe kurz, ob irgendwo neue Schnittverletzungen an ihr zu sehen sind und mache drei Kreuze, dass wir heute wieder Psychotherapiesitzung haben und nur noch 3 Wochen bis zur stationären Aufnahme zu überbrücken sind. Der Kobold tropft irgendwann mal wieder viel zu spät ins Esszimmer, starrt verliebt auf sein Handy, an dem anscheinend seine Freundin gerade wieder ein Herzchen geschickt hat, rennt gegen den Türrahmen und hat noch genau 10 Minuten für Tabletten, Frühstück, Anziehen, Zähneputzen und fertigmachen.
Der Heuschnupfen hat inzwischen seinen Höhepunkt erreicht und der arme Kerl kann kaum noch atmen.
Nebenher habe ich alle Butterdosen für den heutigen Tag fertiggemacht und die Kinder haben wie die Heuschrecken den Frühstückstisch leergegessen.
Nacheinander verabschieden sie sich und das Haus wird ruhiger.

Ich beginne meine Tierversorgungsrunde, füttere die Wachteln, suche nach Eiern, reiche ein paar Mehlwürmer an und lasse die Hasengruppe in den Garten. Der Hund weicht mir nicht von der Seite, bis er ein Stück Hasenapfel bekommt, den er dann empört wieder ausspucken kann. Jeden Tag das gleiche Spiel.
Der Kater des großen Tochterkindes hat inzwischen sein Frühstück beendet und geht wieder jagen. Meine alte Katzendame, die in unserem Schlafzimmer wohnt, sieht vom Fenster aus zu und maunzt laut.

Nach einer heißen Dusche, die den Rest Kopfschmerzen vertreibt, begrüße ich das Tochterkind, das verschlafen im Nachthemd die Treppe herunterkommt, weil es Dienstags nur von der 5. bis zur 10. Stunde Schule hat und fahre einkaufen.
Eine Stunde später lade ich die Einkäufe aus, verräume sie, stelle die 3. Waschmaschine und die 2. Geschirrspüle des Tages an und bereite das Mittagessen vor.
Dabei bespreche ich mit dem Tochterkind ihre Operation nächste Woche und ihren aktuellen Wochenplan. Sie hat sich vor drei Tagen endgültig entschieden, die Schule in vier Wochen zu beenden und das Abitur nicht zu machen und nun ... ist es doch sehr knapp mit Ausbildungsplätzen.
Ich möchte nicht mit ihr tauschen, war während der gesamten Diskussion "Team Abitur", weil ich weiß, wie gut mir gerade die letzten beiden Jahre vor dem Abi getan haben, aber hey, ihr Leben, ihre Entscheidung. Wird halt hart jetzt, aber sie muss da nicht alleine durch.
Ihr leiblicher Vater versucht gerade, ihr Steine in den Weg zu legen, wo es ihm möglich ist, das ist eine zusätzliche Belastung, die eine knapp 16jährige auch nicht mal eben wegstecken kann.
Auch da gibt es viel Gesprächsbedarf und mir wird einmal mehr klar, warum ich mich vor 14 Jahren von diesem Mann getrennt habe.
Achja, nebenher fällt ihr noch ein, dass sie vergessen hat mir zu sagen, dass sie morgen mit der Schule nach Köln fährt.

Ich mache unsere Buchhaltung - wie jeden Tag - und stelle meine Budgetplanung auf die neuen Umstände wegen der Ausbildung des Tochterkindes um.
Irgendwann verlässt dieses dann auch endlich das Haus, es ist 11 Uhr, eine der Schulen ruft an. Der Kobold könne unmöglich weiter am Unterricht teilnehmen, seine Augen seien so geschwollen, dass er nichts mehr sehen könnte.
Ich lasse alles stehen und liegen und setze mich ins Auto, fahre die 8 Kilometer zu seiner Schule und muss mich bemühen, beim Betreten des Sekretariats nicht laut loszulachen.
Der Kobold und zwei seiner besten Freunde - allesamt hochgewachsene kräftige Kerle in der Pubertät, die der ein oder anderen Prügelei nicht abgeneigt sind - sitzen da auf der Bank wie ein Häufchen Elend und halten sich Taschentücher an die tränenden Augen. 
Ich nehme Meinen mit und fahre nach Hause.
Dem großen zeternden Sohn verabreiche ich die Notfall-Augentropfen, die wie bescheuert brennen und verfrachte ihn bei geschlossenen Türen und Fenstern ins Wohnzimmer, bis sich alles beruhigt hat.

Wieder ins Auto - den närrischen kleinen Tuk abholen. Normalerweise läuft das Kind die zwei Kilometer, heute wird es wegen Psychotherapie des Zusatzkindes zu knapp. 
Spontan entscheide ich, den kleinen Sohn beim Kobold zu lassen, der ja jetzt ungeplant zuhause ist.
Dann muss das arme Kind nicht wieder eine Stunde mit mir im Auto unterwegs sein und eine weitere Stunde in einem Wartezimmer sitzen. 
Ich liefere den kleinen Sohn beim großen Sohn ab, gebe letzte Anweisungen bezüglich Hausaufgaben und fahre das Zusatzkind1 von seiner Schule abholen.

Um 11:50  Uhr steigt es ins Auto, um 12 Uhr stehen wir bei dem Mann vorm Büro und fahren zu dritt zur Psychotherapie.
Nach 15 Kilometern und einer halben Stunde Fahrzeit durch die Baustellen der Nachbarstadt kommen wir an.
Dass das Zusatzkind suizidal ist, ist bekannt, da leben wir jetzt schon einige Zeit mit, und als es dann erklärt, wie es sich in den Kopf schießen will, sehe ich mein Bauchgefühl bestätigt, dass es massiv schlimmer wird und bin froh, den Mann gebeten zu haben, heute mitzukommen. 

Eine Stunde später sitzen wir im 5 weitere Kilometer entfernten Krankenhaus in der psychiatrischen Notaufnahme und führen ein Gespräch mit einer furchtbar jungen aber recht kompetent erscheinenden Ärztin, die eine Aufnahme befürwortet.
Das Kind nickt erleichtert, wir nicken erleichtert, die nächsten 48 Stunden dürfen alle Seiten mal zur Ruhe kommen, mehr sieht diese Krisenintervention erst einmal nicht vor. 

Der Mann bleibt als allein Sorgeberechtigter mit ihr vor Ort, ich fahre 20 Kilometer nach Hause, sammle die 4 Kinder ein, die gerade dort sind (und sich alle ordentlich was zu essen und Hausaufgaben gemacht haben - ein Hoch auf größere Kinder!) und packe Sachen in eine Tasche.

Weil heute eine Freundin des großen Tochterkindes alleine vorbeikommt, wenn das Tochterkind noch in der Schule ist und diese dann vor verschlossenen Türen stehen wird (und ich auch keine Handynummer von ihr habe), packe ich Essen und Trinken in eine Kühlbox und schreibe einen großen Zettel, dass wir im Krankenhaus sind und sie es sich auf der Schaukel bequem machen soll bis die Tochter kommt. Der Hund wird noch einmal durch den Garten gejagt und dann werden alle Kinder ins Auto gepackt. 

Wieder 20 Kilometer durch die Baustellen zum Krankenhaus, wo das Kind schon auf Station ist und der Mann die vergangene Stunde an der Straße wartete.
Als wir zu ihr auf die Station gingen, um ihr eine ruhige Zeit und alles Gute zu wünschen, unterhielten sich Sohn1 und Zusatzkind2 lautstark über das Verbot von Schnürsenkeln und das Fehlen der Fenstergriffe im Gebäude und ich war kurz davor, die Hälfte der Kinder in unser Auto zu sperren.

Unser Erscheinen und das ihrer Geschwister löste prompt wieder einen großen Stressschub aus und so verabschiedeten wir uns recht zügig von ihr. 

Auf dem Nachhauseweg bekomme ich einen Anruf des großen Tochterkindes, was denn passiert sei.
Ich erkläre kurz, was los ist dass wir jetzt noch kurz etwas essen fahren würden und dann in einer Stunde da wären.
Sie bekommt einen hysterischen Lachanfall.
Sie hätte ihren Schlüssel vergessen. Ich wünsche viel Spaß im Garten und wenn sie mal müssten - vor dem Rhododendronbusch könnten sie gehen...

Eine Stunde später sind wir zuhause und zwei hibbelige Mädchen empfangen uns schon am Tor. 

Wir haben noch 5 Minuten, bis sie zum Kampfsport müssen und der Mann hat immer noch alle seine Sachen in seinem Büro liegen, weil er ja eigentlich nur während der Mittagspause mitgefahren ist und nach der Therapiestunde weiterarbeiten wollte.
Der Mann kommt gerade noch rechtzeitig, bevor das Gebäude geschlossen wird und kaum wieder zuhause, fährt er die Mädchen (die inzwischen frisch gemacht, satt und nicht mehr durstig sind und ihre Sportklamotten gepackt haben) zum Dojo.

Ich ziehe die allabendliche Tierrunde ein paar Stunden vor, verfrachte alle Tiere in die passenden Ställe, verteile Futter und frisches Wasser, wir scheuchen die Kinder durch die Dusche, Hunger hat keiner mehr und dann schieben wir sie in ihre Zimmer. Für heute ist Schluss.

Nicht für uns. Der Mann backt sich noch Brot für morgen, ich falte noch ein bisschen frische Wäsche weg.
Wir haben jetzt noch die Vorbereitung für die morgige Kassenprüfung vor uns und dann gibt es entweder noch einen Film oder einen gemütlichen Abend im Garten auf der Hollywoodschaukel.

Ein bisschen Redebedarf habe ich bezüglich des heutigen Tages nämlich auch noch.

Kati 05.06.2018, 18.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Gebundene Hände

Es ist endlich soweit. Post vom Anwalt und Notar ist da - das Amtsgericht hat den Erbschein ausgestellt.

Knapp 10 Monate nach dem Tod von Uroma. 
Aufgrund seines Wohnsitzes im Ausland hatte mein Vater 6 Monate Zeit, das Erbe auszuschlagen und hat diese Zeit auch genutzt. 

Den Rest der Zeit verbrachten wir mit eidesstattlichen Erklärungen vor einem Notar, Anträgen, Einreichungen, Beantragung meiner Geburtsurkunde bei einem Standesamt, das es gar nicht mehr gibt, dem Bezahlen von Gebühren, dem Hinterhertelefonieren hinter unseren Anträgen und ... Warten. 

Warten, warten, warten.

Nun der erlösende Brief, mit dem wir Omas rechtliche Seite bearbeiten dürfen.
Jetzt darf dieses Kapitel nach langer Zeit zu seinem Abschluss kommen. Auch wenn es hauptsächlich darum geht, alle Außenstände bezahlen und Omas gesammelte Aktenordner endlich schließen zu dürfen. Was lange währt...

Kati 25.05.2018, 13.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Pfingsten

Mir ist aufgefallen, dass ich keine einzige Pfingstrose in meinem Garten habe. Darum muss es heute das Bild einer Blüte eines meiner Rhododendren tun. Der Garten meines Großvaters war voller Pfingstrosen. (Und Rhododendren.) (Und aller anderen Pflanzen, die im Laufe ihres Lebens eine Blüte hervorbringen.) Meine Großmutter liebte Schnittblumen über alles und so pflanzte er über die Jahrzehnte hinweg alle ihre Lieblingsblumen in seinen Garten. Meinem Vater brachte er bei einem seiner Besuche bei uns einmal eine seiner Pfingstrosen mit. Eine Sorte mit riesigen dunkelroten gefüllten Blüten. Sehr beeindruckend und ich vermute, mein Vater hasste sie. So wie er alles andere auch hasste, was schön war oder von meinem Großvater kam. Mein Großvater schnappte sich unbeeindruckt der Einwände meines Vaters einen Spaten und grub sie einfach in unserem Garten ein.

Der Gedanke, dass sie vielleicht immer noch dort steht, wo er sie vor so vielen Jahren hingesetzt hat, ist ein schöner.

Kati 23.05.2018, 12.00| (3/3) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Wenn Träume platzen

Ich möchte nie wieder ein Tier haben. Ich verkrafte ihren Tod einfach nicht. Wenn dann in kurzem Abstand auch noch zwei von ihnen sterben - meine Liebsten - dann möchte ich einfach gar keine Tiere mehr halten. Nie wieder.

Kati 22.05.2018, 12.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: tierisch

Der Autismus-Spaziergang

Ich zweifle inzwischen sehr an der Tauglichkeit unseres neuen Kinderarztes. Mein liebster Lieblingskinderarzt schloss vor zwei Jahren seine Praxis und seitdem sind wir zu unserem Kardiologen gewechselt, von dem ich immer sehr begeistert war, wenn ich mit allen meinen Herzfehlerkindern einmal im Jahr dort auftauchte.
In der täglichen Praxis lerne ich ihn leider von einer ganz neuen Seite kennen. So habe ich mir im Beisein des autistischen Zusatzsohnes heute Morgen angehört, dass "sein" Autismus ja ohnehin kein "richtiger Autismus" sei, wo die "Leute so sabbern und so". Und dass er dann ja eine "Insel-Hochbegabung" hätte. Das sei doch super. Dann würde er eben später was mit Programmierung machen.

Der Zusatzsohn sah mich verstört an und ich schüttelte unmerklich den Kopf. Keine Panik hochkommen lassen, ich kenne das Kind inzwischen seit zwei Jahren und sehe, wenn sich etwas festsetzt. Womit wir dann auch noch Monate später zu kämpfen haben, wenn der liebe Herr Doktor leider nicht dabei sein kann, wenn das Kind innerlich kollabiert.
Ich habe die darauffolgende halbe Stunde Fahrzeit damit zugebracht, ihm zu erklären, dass er auf gar keinen Fall "was mit Programmierung" machen muss, sondern natürlich bei seinem Berufswunsch bleiben darf. Das hat ihn auch noch beschäftigt, als ich ihn vor der Schule abgesetzt habe. Vielen Dank.

Vielleicht lade ich unseren Arzt einfach mal ein, wenn der 14-jährige das nächste Mal einen Nervenzusammenbruch erleidet, weil es zu warm oder zu kalt ist, das Kuscheltier weg ist, ich die falsche Seife gekauft habe, das Badezimmer um "seine" Duschzeit besetzt ist oder er das nächste Mal denkt, er hat einen Gehirntumor, wenn er Kopfschmerzen hat oder querschnittsgelähmt ist, wenn er sich in den Finger geschnitten hat.

Oder ich wechsle einfach den Kinderarzt.

Kati 15.05.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Einkaufszettel

Im Nebel stochern

Es gibt Tage, an denen frage ich mich, warum ich das alles mache. Tage, an denen es nur so wenig Hoffnung gibt und alles nur um dieses eine Thema kreist. Und die Gedanken laut werden, dass das eigentlich gar nicht mein Problem sein sollte.

Kati 14.05.2018, 22.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Muttertag

Seit zwei Jahren Mutter zweier Kinder, die sich jeden Tag wünschen, dass ich anstelle ihrer Mutter tot wäre. Und mich das auch spüren lassen. Das ist etwas, das ich mir nicht ausgesucht habe und mit dem ich trotzdem leben muss. Weil die Entscheidung damals ... richtig... ? war.
Manche Tage sind schwerer als andere.
Muttertag heißt aber auch: Seit 16 Jahren Mutter der wundervollsten Kinder, die ich mir jemals wünschen konnte. Erden- wie Sternenkinder. So gesegnet.

Kati 13.05.2018, 09.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Von Kindheitsträumen

Mein geliebter Großvater hat - seit ich denken kann - Kaninchen gezüchtet. Nicht diese winzigen Viecher mit Schlappohren, sondern Deutsche Riesen zur Fleischgewinnung. Und jeder der seltenen und wunderbaren Besuche bei meinen Großeltern war geprägt von der Versorgung seiner zeitweise über 100 Tiere. Der Gang am frühen Morgen zu den Ställen, seine beruhigenden Lockrufe, wenn er nach den Jungen sehen wollte und eine garstige Mutter ihm den Weg versperrte, seine Erzählungen, was die Tiere für Eigenheiten haben - das war meine Welt, da war ich glücklich, da war ich zuhause. Seit ich 10 bin, halte ich selber diese Tiere. Und ich liebte und liebe jedes Einzelne davon. Große Kaninchen sind für mich Seelenbalsam. Inzwischen in ein großer Traum in Erfüllung gegangen, seit wir das Gesindehaus komplett zum Stall umgebaut haben und eine Kaninchengruppe dort lebt. Wenn ich früh morgens diese Tür öffne und unsere Kaninchen in den Garten hoppeln und ich von ihnen neugierig begleitet werde. Das ist das Allerschönste, das ich mir für meinen Garten vorstellen kann.

Kati 10.05.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: tierisch

Von der Selbstverständlichkeit der Mithilfe

Wir machen gerade Holz und ich liebe es, mit welcher Unermüdlichkeit die Kinder ihren Beitrag leisten. Selbst der närrische kleine Tuk schnappt sich jeden Tag seine Lieblingssäge und sägt seine zwei oder drei Stücke Holz in passende Abschnitte, damit das Holz gespalten und gelagert werden kann. Und so gehen wir jeden Tag den großen Holzstapel im Garten von den Baumfällungen an und tragen ihn ein Stückweit ab. Die Großen wie die Kleinen. Diese Dinge funktionieren einfach nur gemeinsam.

Kati 09.05.2018, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

Mehr Eier

Die neuen Küken sind am Wochenende geschlüpft und auch diesmal haben wir Einige verloren. Diesmal spielte der Kater dabei leider eine entscheidende Rolle. Die übrigen 14 Stück sind mobil, laut und hüpfen freudig in der Gegend herum. Zwei Sorgenküken sind noch dabei, die nächsten Tage werden zeigen, ob sie sich durchkämpfen. Natürlich hoffen wir auf möglichst viele weibliche Tiere, denn darum haben wir ja noch einmal gebrütet.
Unsere beiden großen Hähnchen sind mit der aktuellen Anzahl an Damen nicht wirklich ausgelastet und setzen ihnen doch sehr zu, da müssen wir etwas aufstocken.
Außerdem reicht die Eimenge für einen 8-Personen-Haushalt zurzeit noch nicht aus.

Kati 08.05.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: tierisch

Warten

Ich warte.

Ich warte auf die Kinder, dass sie mittags nach Hause kommen, ich warte auf den nächsten Brief von meinem Vater, ich warte auf das Eintreffen der Monatsbestellungen für diese achtköpfige Familie, ich warte, dass mein Körper weiter verheilt, ich warte auf meine langersehnte Schaukel, ich warte abends auf den Mann, ich warte...

In diesem Warten nicht das Agieren zu verlernen, sich nicht nur als Spielball äußerer Umstände zu begreifen ist dieser Tage die wahre Kunst.
Und so schaffe ich mir kleine Inseln in dem Meer von Ereignissen, auf deren Eintreffen ich warte, die dem reinen Selbstzweck dienen.
Dinge, die nur ich lenke, die nur ich bestimme, unabhängig von Zeit und Raum.

Der kleine Braunbär, der einmal ein Hund werden wollte, ist stets an meiner Seite. Beschnüffelt neugierig jedes neue Werkzeug, das ich in die Hand nehme, steht im Weg, setzt sich zu mir, stuppst mich an, lässt sich kraulen, ist Gefährte und Trost gleichermaßen. In der kleinen Pause, die mir noch bleibt, bis die ersten zwei Kinder wieder zuhause eintreffen und ich kochen, abwaschen, Hausaufgaben begleiten, erzählen, erklären und zuhören muss, teilen wir uns ein belegtes Brot.
Mit viel Curryketchup, so wie er es mag und mit viel Salat, so wie ich es mag.

Er spuckt den Salat wieder aus und blickt mich vorwurfsvoll an.
Ich seufze und lasse mich in den Moment fallen.

Ich höre das erste Kind den Weg zum Haus hinauf kommen. Singend.

Was für ein Glück. Was für eine Bürde.

Kati 09.04.2018, 15.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Vom Hinterlassen

Wer die Lebenden zurücklässt, sollte etwas von sich hinterlassen.
Das können Traditionen sein oder Erinnerungen von Erlebnissen, von Momenten.
Und für mich von besonderer Bedeutung sind die letzten Worte.

Worte, die ein Mensch bewusst für den Fall seines Sterbens hinterlässt.
Worte an geliebte Menschen. Partner, Kinder, Eltern, Freunde.

Als mein Großvater starb, hatte er solche Worte. Für mich.
Als wir alleine waren, in seinem Zimmer, und der Mann mit den drei Kindern schon rausgegangen war, da bekam ich seinen Segen für mein Leben. Seinen Stolz, seine Anerkennung und seine Liebe. Dankbarkeit für mich.
Dieser Moment war so tief, so bewegend, so rund und seelisch so sättigend, dass ich bis heute davon zehren kann.
Ich bewahre die letzte Begegnung wie einen Schatz in meinem Inneren.
Er wusste, dass er stirbt.
Es gibt dieses letzte Foto, auf dem seine Augen mich direkt anblicken.
Fast blauweiß, wissend, voller Liebe.
Ein Abschied.
Er hat sein Leben gelebt, voller Höhen und Tiefen.
Den Krieg nie vergessen.
Als er anfing zu fallen, konnte er alleine mit Oma nicht mehr leben und im Altenheim war es für ihn grauenhaft.
Also formulierte er, dass er das nicht wollen würde, da würde er lieber sterben, als so zu leben.
Und das tat er dann auch 4 Wochen nach seinem Umzug dorthin.
Im Beisein meiner Großmutter an seinem Bett.

Als die Mutter der Zusatzkinder starb, hatte sie davor zweieinhalb Jahre Erkrankung Zeit, ihre Dinge zu regeln.
Und damit meine ich nicht das Chaos und den Berg von Schulden, den sie ihren Kindern hinterlassen hat.
Das sind äußere Umstände. Die Inneren meine ich.
Das, was aus ihr heraus noch hätte weitergegeben werden können.
Sie hat sich dagegen entschieden.
Als sie im Februar ins Hospiz kam, hatte sie noch Zeit für fatale letzte Worte.
Sie hat zwei Monate an ihrer Grabrede gearbeitet, die so voller Bitterkeit war, dass ich immer noch schlucken muss, wenn ich mich an die Worte erinnere.
Kein Wort hat sich an ihre Kinder gerichtet. Keines.
Sie hat ihnen nichts hinterlassen, nichts geschrieben, sich nicht verabschiedet.
Keine Anweisungen für die Zukunft, keine Wünsche für Hochzeiten, Erwachsenwerden, Kinderkriegen, Meilensteine, kein letztes "Ich liebe euch", nichts.
Diese letzten Worte voller Verbitterung und ungelöster Wut und schwärendem Hass sind das letzte, das ihre Kinder irgendwann einmal von ihr lesen werden.
Wir haben Fotos zusammengesucht, entwickeln lassen, versuchen immer noch, ihre Erinnerung aus Erzählungen lebendig zu halten, aber es gelingt nicht gut.
Es ist, als wäre sie nie dagewesen. Die Kinder suchen im Nichts nach Etwas.
Und so verschwimmen ihre Umrisse immer weiter bis zur Grenze des Fassbaren für ihre Kinder.

Als Uroma starb, da ging dem ganzen Sterben ein rapider Verfall voraus. In Absprache mit dem Arzt hat sie sich für das Sterben entschieden.
Erst mehrere Wochen Medikamentenverweigerung, dann Essensverweigerung, dann Flüssigkeitsverweigerung und dann dauerte es noch einmal lange 6 Tage, die wir hier mit dem Tod verbracht haben, bis ihr Herz das letzte Mal schlug.
Und als es absehbar war, da habe ich mir so sehr noch einen Rat gewünscht.
Etwas, das sie mir mit auf den Weg gibt.
Auch meinetwegen ein Fazit aus ihrem Leben, aber da war nur Platz für die Enttäuschung  und verschmähte Liebe für ihren eigenen Sohn, der das letzte Versprechen gebrochen hat, zu ihrem 90. Geburtstag ein letztes Mal in seinem Leben nach Deutschland zu kommen.
Sie antwortete nicht mehr und alles, was wir hörten, war die Sehnsucht nach dem Tod. "Ich will endlich sterben", war alles, was wir über Wochen hörten.
Zum Schluss noch einmal den Namen meines Vaters.
Es war hart und es war für unser Weiterleben nicht gut.
Wir haben sie begleitet, aber sie hat sich von uns, von mir und vom Leben nicht verabschiedet.
Ihr Herz war schon lange gebrochen, als sie schließlich starb.

Als meine Mutter letzten Monat starb, hatte sie zuvor drei Monate Zeit, sich auf ihren Tod vorzubereiten.
Mein Vater schrieb mir, sie hat nichts hinterlassen außer dem Wunsch, dass ich nicht benachrichtigt werden würde.
Die Erinnerung an sie wird immer die bleiben, die ich so sehr fürchten und hassen gelernt habe.

Mein Vater indes regelt seine letzten Angelegenheiten im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich habe ein umfangreiches Regelwerk zugeschickt bekommen, wie ich die Klospülung in einem fremden Haus in einem fremden Land reparieren kann, wenn er stirbt.
Ich bin die Alleinerbin, ich habe mehrere Seiten Kontaktdaten, Übersetzungshilfen und Anweisungen bekommen, wie nach seinem Tod zu verfahren ist.
Das ist jetzt nicht das, was ich mir gewünscht habe.
Da steht nichts Persönliches, nichts Versöhnliches, kein Gefühl, kein Rückblick, nichts.
Nur ein 247-Punkte-Plan, wie ich mit Wasserleitungen im Winter, der Stromabmeldung und seinen Konserven zu verfahren habe.
Welche Erinnerung soll ich daraus mit mir in mein weiteres Leben tragen? Meine Versuche, meinen Vater als Erwachsene kennen- und verstehen zu lernen und damit auch einen anderen Blickwinkel auf meine eigene Kindheit bekommen zu dürfen, sind allesamt gescheitert.

Ich weiß nicht, wer dieser Mensch war.
Und was ihn bewegt hat.

Auf meinem Computer und dessen Sicherungen befinden sich meine letzten Worte an den Mann und die Kinder, sollte ich plötzlich aus dem Leben gerissen werden.
Ich überarbeite sie alle zeitlang und heule dabei Rotz und Wasser.
Es ist wichtig.
Es ist mir so wichtig, dass er sie lesen kann, wenn es mir nicht mehr möglich sein sollte, sie ihm selber zu sagen.

Und als Konsequenz der Ereignisse der letzten Monate habe ich angefangen, meine Tagebücher zu ordnen und lasse sie drucken.
Sie kommen an unseren sicheren Ort, so dass sie erst nach meinem Tod gelesen werden können.
Mein gesamtes Leben, meine Erlebnisse, meine Beweggründe, meine Gedanken. Mich.

Äußerlich haben wir alles geordnet und geregelt.
Wir haben ein ausführliches Testament, wir haben Vormünder bestimmt, Eventualitäten geregelt, einen Nachlassverwalter für die Kinder, sollten sie noch unter 25 sein.

Aber das werden unsere Kinder nicht im Herzen tragen.
Ein echtes Erbe braucht ein Stück eines Selbst, das man weitergeben kann, wenn man diese Erde verlässt.

Kati 02.03.2018, 12.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Durchbruch

Nach monatelangem Kampf an beiden Enden der Leine, kiloweise Leckerlies und vielen abrupten Kehrt-, Rechts- und Linkswendungen auf offener Straße, so dass inzwischen die halbe Bevölkerung unseres Städtchens denkt, ich wäre einfach nur bekloppt, haben wir einen Durchbruch erzielt.
Der kleine Braunbär, der eigentlich mal ein Hund werden wollte, hat sein Testosteron soweit beisammen, dass wir fast schon gesittet nebeneinander herlaufen können.

Kopf an meinem Knie, aufmerksamer Blick nach oben zu mir und sofortiges Hinsetzen, sobald ich stehen bleibe.
Da ist ein Knoten geplatzt.

Bislang ging das maximal 5 Minuten am Stück, bitte ohne Ablenkung und wenn eine langhaarige Hündin vorbeikam, war sowieso alles vorbei.

Heute schon der zweite Tag, an dem wir eine halbe Stunde Strecke nonstop so laufen konnten.
Kein Geschnüffel nach rechts und links, kein Totstarren anderer Rüden und Fußgänger hat er heute auch keine gefressen.

Es wird.

[Auch wenn möglichst niemand in seiner Schussbahn stehen sollte, wenn er danach das "Lauf"-Kommando bekommt und loshetzen darf.]

Kati 28.02.2018, 15.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Bären

Schall und Rauch

Als ich den Umschlag öffne, steigt mir kalter Zigarettenrauch in die Nase.
Abgestanden.
So wie es bei uns immer roch.
So wie er immer roch.
Entweder nach Bier oder nach Zigaretten.
Ich nehme 20 computerbeschriebene Seiten aus dem Umschlag und fange an zu lesen.
Mit jeder Seite steigt meine Fassungslosigkeit.
Ich setze mich.

"Mama?"

Als ich aufblicke, blicke ich in drei Gesichter, die mich fragend ansehen.
Besorgt.
Ich schüttle den Kopf und stecke die Seiten wieder in den Umschlag.

Später.

Kati 22.02.2018, 18.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Übergang

Meine geliebte Giftbeere hat es nicht leicht dieser Tage.

Die Hormone machen aus der jungen Frau, die einmal mein kleines Baby war, ein unberechenbares aggressives Nervenbündel, das nur allzuleicht von himmelhochjauchzend auf Wolke 7 in die Tiefen aller menschlichen Abgründe wechselt.

Es ist nicht leicht, ihr dabei sowohl eine Schulter zum Anlehnen als auch ein Sparringspartner im Ring zu sein und ich stehe staunend und stolz und wehmütig und besorgt zugleich vor diesem wunderschönen Wesen, das gerade seine Flügel ausbreitet und entweder voller Grazie durch die Lüfte schwebt oder zu nah an der Sonne fliegt und verletzt und verbrannt nach Hause zurückkehrt.

Zarte unschuldige Unsicherheit gepaart mit der überheblichen Arroganz der Jugend, alles tun zu dürfen.

Kati 21.02.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: KinderKinder

ungeschrieben

Wir schreiben miteinander. Nicht richtig, aber immerhin. Da ist eine Art von Austausch.
Ich weiß nicht, wie es dir geht und ich kann es dich auch nicht fragen.
Es erschiene mir vermessen, dir eine derart persönliche Frage zu stellen.
Sie ist zu intim, zu distanzlos.

Und ich weiß, dass du mir nicht die Wahrheit sagen würdest.
Ich weiß, dass Gefühle in unserer Beziehung keinen Platz haben.
Nie hatten.

Meine größte Errungenschaft als Erwachsene ist es, dir vor drei Jahren ganz klar und offen gesagt zu haben, wie sehr ich dich einmal geliebt habe. Ich habe das losgelassen. Du warst trotz allem mein Vater, auch wenn ich dich nicht so nennen konnte.

Ich sitze hier in meinem Zuhause, das du nicht kennst und höre unserem Lieblingssänger zu. Das heißt - ich weiß nicht, ob es noch Deiner ist. Aber ich erinnere mich an unzählige gewaltlose Stunden, in denen wir die Liebe zur Musik geteilt haben. Diese Erinnerungen sind so kostbar.

Inseln von Licht in einem Leben voller Schatten.

Meine Kinder, die du nicht kennst, sind in der Schule und ich liebe sie alle.
Ich habe ihnen heute Morgen allen gesagt, dass ich sie liebe, so wie jeden Tag.
Wir haben uns umarmt und ich freue mich darauf, sie heute Mittag und Nachmittag wiederzusehen.
Ich lebe ein glückliches Leben mit ihnen.
Mit ihnen und dem Mann, der an meiner Seite geht.
Den du kaum kennst und von dem du damals nur seinen beruflichen Erfolg sehen konntest.

Mit dem Mann, der meiner Seele ein Zuhause gegeben hat.

Vor drei Jahren habe ich dich in unsere Welt eingeladen. Du hast abgelehnt.

Manchmal frage ich mich, ob da irgendwo in deinem Innersten vielleicht noch ein Platz für das Schöne ist.
Für die Liebe.
Die Sehnsucht.
Hoffnung.
Oder ob du von den Menschen so enttäuscht bist, dass sich dieser Platz für immer verhärtet hat.
Vielleicht ist es auch nur die Beziehung zu mir.
Du hast deutliche Worte dafür gefunden, wie enttäuscht du von mir, meinem Lebensentwurf und meinen Entscheidungen bist.
Dass du mich nicht liebst.
Dass nur ganz früher, als ich sehr klein war, überhaupt so etwas wie Zugewandtheit da war.
Ich habe diese Worte gelesen.
Jedes einzelne wie ein Messerstich.

Und doch kann ich deine Ehrlichkeit anerkennen.
In der Welt aus Lügen, die meine Mutter ihr Leben lang um uns herum aufgebaut hat, sind sie eine Wohltat.

Jetzt sind nur noch wir übrig.

Wohin werden wir gehen?
Werden wir überhaupt irgendwohin gehen?

Oder kreuzen sich unsere Lebensbahnen nur noch ein letztes Mal durch den Tod meiner Mutter?

Kati 20.02.2018, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Bis in den Tod

Fassungslos starre ich auf meinen Posteingang. Da. Eine Nachricht von ihm. Ich sperre innerlich mein Kind weg, atme tief durch und klicke auf "öffnen". Ich muss blinzeln, um den Sinn der Worte zu erfassen, die dort stehen. Ja, es ist wahr. Meine Mutter ist gestorben. Nicht plötzlich, nicht überraschend. Sie hatte Zeit. Sie hatte Zeit, sich vorzubereiten. Sie hätte Zeit gehabt... Für... für was? Für eine Versöhnung? Für letzte Worte? Für überhaupt ein Zeichen, dass sie irgendetwas von meinem Schmerz anerkennt? Dass sie nur ein einziges Mal die Verantwortung für den größten Verrat übernimmt, den eine Mutter begehen kann? Ich blinzle Tränen zurück. Das innere Kind spickt über die Mauer. Das soll es nicht.

Ich hatte meinen Vater nicht gefragt, warum er mir nicht Bescheid gesagt hat. Er hat mir zwischen den Zeilen trotzdem geantwortet. Er habe sich bemüht, ihre letzte Wünsche bezüglich der Benachrichtigung über ihren Tod zu erfüllen. Der Geschmack in meinem Mund wird bitter. Hatte ich gehofft? Trotz allem? Auf was? Ich will das nicht.

Hier endet es also.

Die Geschichte ist vorbei.

Kati 16.02.2018, 12.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Fragen an den Tod

Ich habe es getan. Ich habe meinem Vater eine Mail geschrieben. Mit Fragen, die das ungeliebte Kind in mir wissen will. So sehnsüchtig. Ob ich eine Antwort bekomme?
Ich weiß es nicht.
Auf meine Mails von vor drei Jahren, dass ich mir Kontakt zu ihm wünsche, hat er auch reagiert. Zwar nicht so, wie ich mir das gewünscht habe, aber reagiert hat er. Über die Verachtung im Inhalt schweige ich an dieser Stelle. Vielleicht folgt auch diesmal nur Häme. Vielleicht nur eine nüchterne Information. Vielleicht auch gar nichts.
Ich bin gewappnet.
Und muss so nicht irgendwann bereuen, es nicht wenigstens versucht zu haben.

Kati 16.02.2018, 08.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Über sechs Ecken

Ein Anruf am frühen Samstag Abend.
Meine erste Schwiegermutter ist am Apparat.
Ihre Halbschwester hätte sie angerufen.

Ob wir informiert wurden, dass meine Mutter tot ist.

Es hämmert in meinem Kopf.

Sie ist tot. Meine Mutter ist tot.

Ich spüre, wie mein Herz sich weitet.
Ganz leise, ganz groß, ganz hell.

Meine Gedanken sind diffus. Warum? Wann? Wieso?
Sie ist noch viel zu jung zum Sterben.
Ich sehe die verhärmten Gesichtszüge meiner Mutter vor meinem geistigen Auge.
Den Hass, den Ekel und die Verachtung in ihren Augen.
Die Kälte, die in mir so viel zerbrochen hat.
Die Erinnerung wird hinweggeweht.
Einfach so.

Das letzte Mal, das wir sie am Telefon gehört hatten, ist ein halbes Jahr her, als Uroma starb.
Als wir meinen Vater darüber informierten, dass seine Mutter gestorben ist.

Irgendwann Ende Januar sei sie gestorben, höre ich. Das ist nun schon mindestens 14 Tage her.

Ich denke an meinen Vater. Er hat sich anscheinend entschieden, mich nicht zu informieren.
Das ist einerseits völlig nachvollziehbar, auf der anderen Seite.... ein geradezu kindischer Trotz streitet mit meiner Vernunft darum, ob ich ein Recht darauf habe, zu erfahren, ob meine eigene Mutter gestorben ist.

Das ungeliebte Kind fragt sich, ob es in ihren letzten Minuten oder Stunden noch eine Rolle in ihren Gedanken gespielt hat.

War da Sehnsucht?
Oder Reue?

Und würde das Wissen darum irgendetwas ändern?

Kati 14.02.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Konditionierung [selbst schuld]

Ich habe mir meine Gassi-Trainings-Schuhe angezogen und der Hund versteht die Welt nicht mehr.
Wehleidig fiepend steht er unten in der Diele und jammert - zu Halsband, Leine und Geschirr blickend - zum Steinerweichen.
Ich will nur die Kilometer bis zur Schule und damit zur heutigen Theater/Musical-Aufführung der Kriegerprinzessin ohne Unfälle im Neuschnee schaffen - dem Hund allerdings ist es schleierhaft, wieso ich seine Schuhe auch außerhalb von Hundetrainingszeiten anziehen kann.

Folglich weint er nun seit 10 Minuten ununterbrochen abwechselnd die Haustür, seinen Haken und die Treppe an.
Irgendwas muss ja funktionieren...

Und da ich gemein bin, nehme ich mir vor, beim nächsten Training einfach mal meine Lederstiefel zu tragen, um ihn völlig aus dem Konzept zu bringen.
Denn diese Art von Konditionierung finde ich eher unangemessen...

[Völlig erschöpft vom vielen Winseln hat er sich nun mit tiefem Schnaufen aufs Sofa fallen lassen.
Ich mag diese Hundeerziehung ja.
Meistens.]

Kati 07.02.2018, 10.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Bären

Dunkle Aussichten

Die Kriegerprinzessin wird dieses Jahr der großen Schwester aufs Gymnasium folgen.
Der jungen und ambitionierten Lehrerin ist das eher nicht recht - und das kommuniziert sie uns gegenüber auch so, weil das Kind in einem für sie äußerst wichtigen Punkt das Kreuzchen nicht auf "herausragend" hat. Sie kann keine Kritik annehmen und damit trifft sie sogar voll ins Schwarze.
Warum sie das bei überdurchschnittlichen Noten als eine der Besten in ihrer Stufe und bei herausragender Intelligenz für das Gymnasium disqualifiziert, weiß wohl nur der liebe Gott.

Gegen die Gymnasialempfehlung kann aber auch die Lehrerin nichts machen und so versucht sie zumindest, der Kriegerprinzessin den Besuch des Gymnasiums so madig wie möglich zu machen.

Nachdem wir nun einige Wochen mit "auf dem Gymnasium habt ihr kaum noch Freizeit" und "da bringt das Lernen keinen Spaß mehr" und "da sind alle Lehrer sehr streng" verbracht haben, gab es nun diese Woche eine Zugabe. Die zukünftigen Gymnasialschüler bekommen nun Hausaufgaben in einem Umfang, dass sie jeden Tag mehrere Stunden beschäftigt sind.

Einige Tage vor der verbindlichen Anmeldung. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die Kriegerprinzessin sitzt mit zusammengebissenen Zähnen hier und arbeitet sich durch seitenweise Aufgaben.
"Damit ihr schon mal sehen könnt, wie das am Gymnasium wird", sagte die Lehrerin heute.

Ich mustere meine kleine Tochter und sage nichts. Hat im Moment ohnehin keinen Sinn.
Ich spüre ihren Jähzorn. Heiß und brodelnd direkt unter der Oberfläche.

Am Abend steht sie neben der großen Schwester und schweigt lange.
"Was ist los?", fragt das große Tochterkind.
Sie wartet.
Langsam fließen die Gedanken der kleinen Tochter in Worte. "Sag mal... warum machst du eigentlich so gut wie nie Hausaufgaben, wenn du hier zuhause bist?"

Das große Tochterkind ist etwas verdutzt. "Unsere Lehrer legen alle Wert darauf, dass wir im Unterricht fokussiert sind und mitarbeiten. Wir bekommen eigentlich kaum Hausaufgaben."

Ich lächle still in mich hinein, als die Kriegerprinzessin triumphierend "Ha!" macht. "Ich wusste doch, dass da irgendwas dran nicht stimmen kann!"

Heute dürfen wir sie in der nächsten Schule anmelden und ich bin froh, wenn wir auch mit diesem Kind die Grundschule hinter uns haben.

Nur noch ein weiteres Kind, dann haben wir es geschafft.

Kati 02.02.2018, 15.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: KinderKinder

Lehrstunden

Der kleine Braunbär, der mal ein Hund werden wollte, ist nun über ein Jahr alt und mitten in der Pubertät. Was ich momentan bei vier von sechs Kindern aushalte, werde ich wohl auch beim Hund überleben, aber die Kinder haben ja auch weder Reißzähne noch den unbändigen Drang, jeder langhaarigen Hündin hinterherzurennen...

In weniger umnebelten Momenten klappt das alles schon ganz gut, aber mit Ablenkung wird aus meinem Kuschelkalb plötzlich ein tollwütig umherspringendes schnappendes Monster auf vier Beinen. Ist nicht schön, müssen wir durch.
Hormone sind halt überall kleine Scheißer.

Dafür ist er deutlich lernfähiger als der leicht trottelige Eisbär, den ich früher als Hund hatte und auch solche Sachen wie an der Ampel die Fußgängertaste drücken funktionieren einwandfrei. Einschließlich Publikum aus lauter faszinierend starrenden Schulkindern, die dem Hund mal das Pfötchen schütteln wollen.
Davon hat er immerhin noch keines gefressen...

Die große Frage nach der Kastration treibt mich derzeit um, ich werde mich beizeiten noch einmal mit unserer Tierärztin beraten. Sobald wir einen anderen intakten Rüden treffen, ist jedes Benehmen dahin und sein Gehirn schaltet in den absoluten Dominanzmodus. Da braucht es schon mehr als nur einen Rüffel von meiner Seite bis er sich wieder beruhigt und mit kaputter Halswirbelbandscheibe ist die Kraft, die mich das körperlich kostet, enorm.

Dafür traut er sich inzwischen ohne ängstliches Fiepen in den Hasenstall und springt auch nicht mehr panisch weg, wenn eines der Riesenviecher zu ihm gehoppelt kommt. Trotzdem ist er froh, wenn wir wieder draußen sind.

Katzen sind nach wie vor die schrecklichsten Tiere auf der ganzen Welt.

Kati 01.02.2018, 15.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Bären

Sicherheit

Manche Wunden heilen nie. Auch die Zeit vermag das nicht.

Kati 25.01.2018, 15.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Wahl

Das Tochterkind ist wie jeden Tag beim Praktikum. Sie ist dort wie auf der Schule auch begehrt, hochgelobt, außergewöhnlich - und bekommt das allumfassend rückgemeldet.
Auf der anderen Seite erfährt sie dort auch immer wieder, dass ihre Begabung und ihre Intelligenz auf so einem Arbeitsplatz "verschwendet" wären.

Mit ihren Fähigkeiten, mit Abitur, mit so viel Intelligenz... da kann sie doch "mehr" machen. Es ist ein Armutszeugnis unserer Gesellschaft, dass dieses Denken in so vielen Köpfen so tief verankert ist.

Die einzige Aufgabe oder Verpflichtung meiner Tochter sich selbst gegenüber ist es, nach all ihren Fähigkeiten ein glücklicher, sich selbst versorgen könnender Mensch zu werden.
Mehr nicht.
Wenn sie all ihr Talent, all ihre Begabung, all ihre Kreativität, all ihre Außergewöhnlichkeit dafür einsetzt, eine Arbeit zu erlernen, die sie glücklich macht, dann ist völlig egal, welche Art von Arbeit das ist.

Nur weil sie aussieht wie eine junge Göttin, weil sie anmutig, empathisch, selbstbewusst und charmant ist, weil ihr Intelligenzquotient jenseits jeder Vergleichbarkeit liegt, weil sie sportlich, leistungsfähig, kreativ und begabt in jeder nur denkbaren Hinsicht ist, weil ihr alles zufliegt, weil sie beliebt ist, zutiefst in sich ruht und einfach zufrieden ist, heißt das nicht, dass sie irgendetwas mit diesen Gaben tun muss, was weniger gesegnete Außenstehende ihr einreden wollen.

Das ist kein "Wegwerfen".

Das ist Freiheit.

Kati 19.01.2018, 12.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Wochenende - das Grauen in drei Akten

Das Wochenende startete Freitagmittag super mit Besuch und Party und vielen pubertierenden wunderbaren Jungs, die halbnackt mit Waffen durch mein Haus turnten. Ich lieb die so sehr. Alle.

Der Samstag war morgens von Alltag geprägt. Aufräumen, einkaufen, Besucher wegbringen, Planungen.

Mittags klappte der Mann ins Bett und murmelte was von Bauch und Schüttelfrost.
Ich kochte Hühnersuppe und hoffte, dass es überschaubar bleiben würde. Die Kriegerprinzessin und der närrische kleine Tuk fühlten sich auch nur so mittel.
Ich beschäftigte die Kinder mit Geheimagenten-Training und war eigentlich ganz guter Dinge, dass wir nicht alle von Bakterien oder Viren geentert werden.

Irgendwann am Nachmittag bekam der Sohn starke Bauchschmerzen und schlief einfach so auf dem Sofa ein.
Die Mädchen, der kleine Sohn und ich fuhren noch einmal einkaufen. Limo und Zwieback holen. Und Pizza für uns Gesunde.
Bei Film, Zwieback und Pizza war der Abend einigermaßen auszuhalten. Der Sohn wurde wieder munter, dem Mann ging es besser, die beiden großen Mädchen waren ohne Symptome.
Um 10 Uhr verabschiedeten wir die Kinder ins Bett und sanken in die Sofakissen.

Der große Sohn kam wieder runter. Bauchkrämpfe. Wir versuchten Badewanne, heißes Getränk, Wärmflasche, Bewegung - nichts.
Also Ablenkung und warten und alle 10 Minuten auf die Toilette. Wir spielten Runde um Runde Rayman Legends. Zwischendurch immer wieder ins Bad. Nichts.
Weit nach Mitternacht hatte sich alles so weit beruhigt, dass er mit Wärmflasche ins Bett gehen konnte.
Der Mann und ich saßen noch am Computer, bis im Obergeschoss Ruhe einkehrte und gerade als wir gegen halb 2 Uhr nachts ins Bett sinken wollten, eilte das große Tochterkind die Treppe runter Richtung Kinderbad.

"Ist dir schlecht?", rufe ich ihr im Vorbeigehen zu und sie nickt nur, mit der Hand vor dem Mund.
Eine halbe Stunde später ist die Pizza wieder draußen und das Kind geht mit Spuckschüssel wieder ins Bett.

Ich rechne halb mit dem nächsten Kind, schlafe dann um viertel nach 3 Uhr nachts endlich ein.

Um kurz vor 8 Uhr morgens steht das große Zusatzkind im Schlafzimmer - sie glaubte, ihr wäre schlecht und sie müsse sich übergeben.
Wir springen also aus dem Bett und reichen Schüssel, Waschlappen und Handtuch. Gerade noch rechtzeitig. Ich bin dankbar, dass wir wenigstens ein paar Stunden schlafen konnten.

Den Morgen verbringe ich mit Waschen, kümmern und Kinder ablenken. Inzwischen haben wir fast alle Kleinlinge bei Rayman befreit und ich nähere mich dem goldenen Kleinling. Ich merke, dass mein Magen auch langsam ungnädig wird, schiebe es aber auf den Stress.
Die Kinder sind bis auf das Zusatzkind alle wieder recht fit. Der Mann hat auch wieder normale Gesichtsfarbe. Nachmittags gebe ich einmal meine kompletten Mahlzeiten wieder von mir und bin extrem froh darüber, dass wir zwei Badezimmer haben, so dass mir eines jederzeit zur Verfügung steht.

Heute Morgen um halb sieben der Anruf, dass der beste Freund des Sohnes nicht zum vereinbarten Treffpunkt kommen kann - er hängt über der Kloschüssel.

Achja. Dieses Leben.

Kati 15.01.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Ein Freitag

Seit vielen Monaten darf heute bei uns mal wieder ein normaler Freitag sein.

Freitag - das heißt, es kommen Gäste. Viele Gäste. Die auch alle hier schlafen. Das bedeutet auch Unmengen an Essen, die ich für alle Kinder und alle Besucher anschleppe. Umräumen, zusammenrücken, den Tisch ausziehen, Filmnächte, Spiele-Battles, Raufereien und Kämpfe.

Da verlaufen die Grenzen zwischen Geschwistern und Freunden plötzlich fließend.
Da finde ich den besten Freund des Sohnes plötzlich bei der großen Tochter wieder, die ihm Computerdinge oder sein Handy erklärt, da gehen die Freunde des Sohnes plötzlich mit der Kriegerprinzessin in den Kaninchenstall und ich finde 3 laute Testosteronbolzen plötzlich uhhh, sind die flauschig-flüsternd im Garten wieder.
Da wirft sich der närrische kleine Tuk in Schale und attackiert in kompletter Ninja-Nerf-Gun-Ausrüstung in einem Überraschungsüberfall plötzlich die älteren Geschwister samt Freunden, die johlend durchs Haus flüchten und sich Verstecke suchen.

Das Haus ist laut - noch lauter als sonst, es vibriert förmlich vor Abenteuer und Energie und ich liebe es.

Als mein Bandscheibenvorfall so akut war, ging das nicht mehr.
Ich hatte solche Schmerzen, ich konnte kaum irgendjemanden ertragen.
Und dann schon gar nicht Besucher, die mir nachts entgegengeistern.
Nach zwei Monaten gingen Besucher über Tag wieder einigermaßen, aber nur einzeln.
Mehr konnte ich nicht ertragen, meine Nerven waren so unglaublich dünn.

Seit die Nervenschmerzen weg sind - seit Weihnachten - konnten die besten Freunde der Kinder wieder hier schlafen.
Ich kenne sie alle seit Jahren und die Monate ohne sie waren irgendwie seltsam.
Meine Kinder haben ihre Freunde zwar getroffen, aber eben nicht mehr hier.
Sie waren dann außer Haus und so notwendig das für meine Ruhe war, so seltsam war es eben auch.

Aber zurück zu den Freitagen.
Freitage sind besonders.

Kinder gehen, Kinder kommen, besonders der große Sohn veranstaltet Wochenend-Events, bei denen er zwei bis fünf Freunde einläd und dann halbstarke pubertäre Jungs durch mein Haus poltern, brüllen, auf ihre ganz eigene unnachahmliche Art und Weise Kuchen backen ("Alter, man muss das Ei 3 Minuten unterrühren, du Opfer! Sogar der Hund sieht, dass das Kacke ist!") und auch ansonsten jede Menge Spaß haben.
Wir sind das einzige Haus, das diese Veranstaltungen jede Woche möglich machen kann.

Anfang dieser Woche habe ich dem Sohn mitgeteilt, dass ich mich - glaube ich - bereit fühle, wenn seine Freunde diesen Freitag das erste Mal wiederkommen würden und ein großes breites Strahlen ging über sein Gesicht.

Ich weiß zwar noch nicht, wie es mir morgen geht, aber heute freue ich mich erst einmal darauf, sie alle wieder hier zu haben.

Kati 12.01.2018, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Das Erbe

Heute vor 5 Monaten hat sie ihren letzten Atemzug getan.
Und ich habe sie begleitet.

Das Prozedere danach war unschön.
Wir mussten meine Eltern verständigen - mein Vater ist der einzige Sohn und damit der Erbe meiner Großmutter.
Das Gespräch verlief so, wie meine Eltern nun mal sind. Ohne Gefühl und auf ihren eigenen Vorteil bedacht.
Kurz danach die Frage, wie viel Geld noch da sei und dass wir das doch alles wohl noch zu ihren eigenen Gunsten abwickeln würden...
Sie würden sich mit dem Papierkram nicht befassen wollen.

Der Mann - mein Schild - sagte ruhig "Nein." und das war es dann mit dem Gespräch.
Oma wurde abgeholt und wir hatten bereits vor dem Gespräch mit meinen Eltern unseren Anwalt informiert.
Wir haben aus der Vergangenheit gelernt.

Oma wurde beerdigt und meine Eltern verfügten irgendetwas Beliebiges mit billig, anonym und schnell. Weil uns klar war, dass wir dort nicht würden erscheinen dürfen, verabschiedeten wir uns hier zuhause ausführlich von Uroma.
Der Bestatter unterdessen bewies ziemlich viel Courage und ließ mich alle Entscheidungen fällen, die meine Mutter an ihn abgegeben hatte. Und so kam Oma sowohl zu ihrer geschmückten weißen Urne mit Rosen, die sie ihr Leben lang so sehr geliebt hatte, als auch zu einer Beisetzung, bei der wir alle anwesend sein konnten. Oder wie der Bestatter es ausdrückte: "Ich bin zu dieser Zeit an diesem Ort. Und wenn ich dort wie beauftragt allein für die Urnenbeisetzung stehe und es gesellen sich zufällig anteilnehmende Menschen dazu, dann ist das doch etwas Schönes, nicht wahr?"

Während meine Eltern sich vor, während und nach der Beerdigung mit unserem Anwalt auseinandersetzten und wir jede Mail von ihnen ignorierten, egal wie unverschämt sie war, packte ich Omas Sachen in Kisten. Mit viel Herzschmerz. Es gab so viel davon, was mir lieb und teuer war. Sie sagte immer, ich solle nach ihrem Tod behalten, was ich will, aber rechtlich geregelt haben wir das nie. Und mit jedem Teil, das mir so viele Erinnerungen bescherte, wurde mir das Herz schwer. Es gehörte jetzt nun einmal meinem Vater. Der würde es zwar wegwerfen oder verkaufen, aber wenn es fehlen würde, hätten wir innerhalb kürzester Zeit wieder ihre Anwälte auf dem Hals. Ich packte also alles sorgfältig in Kisten, verabschiedete mich auf diese Art von den greifbaren Erinnerungen an meine Großmutter. Alles wurde genau in Listen eingetragen, ich verbrachte mit den Kindern noch mehrere Tage in Uromas Zimmer. Bei jedem Stück, das mir eine Geschichte erzählte, gab ich diese an die Kinder weiter. Es war gut und es war heilsam.

Unser Anwalt übermittelte die genaue Auflistung von Omas Besitz an meine Eltern.
Und es passierte nichts.

Omas Sachen füllen ein großes Zimmer, das eigentlich unser Esszimmer ist.
Wir hatten Anfang letztes Jahres das Esszimmer ins Wohnzimmer verlegt, damit wir Platz haben.
Und nun stand dieses Zimmer mit Möbeln, Kisten, Rollstühlen und anderen Gegenständen voll.

Nicht lange, überlegten wir uns, sobald mein Vater rechtskräftig geerbt hätte, würden wir von ihm verlangen können, dass er die Sachen abholt.

Ich freute mich Ende August darauf, dass wir Weihnachten endlich wieder mehr Platz haben würden.
Endlich wieder Platz im Wohnzimmer, endlich den 1 x 2,50 m langen Esstisch wieder in einen eigenen Raum...
Endlich.

In der Zwischenzeit versuchten meine Eltern allerlei Dinge, um uns auf den wertlosen Sachen sitzen zu lassen, sehr wohl aber an verkaufbare Dinge zu kommen, ohne das Erbe offiziell anzunehmen oder auszuschlagen. Es funktionierte nicht.
Ich liebte den Mann und unseren Anwalt noch mehr als ohnehin schon, während ich versuchte, wieder gesund zu werden und bei jeder neuen Mail meiner Eltern nicht in Panik zu geraten.

Die Frist zur Ausschlagung des Erbes verlängerte sich von den erwarteten 6 Wochen auf unerträgliche 6 Monate, weil meine Eltern ihren Hauptwohnsitz im Ausland haben.
Dann - kurz vor Weihnachten - eine weitere Mail an uns, mein Vater würde das Erbe vielleicht annehmen, aber dann müssten wir uns um alles kümmern. Das wenige Geld nähmen sie, wir bekämen dann die Sachen, die zu nichts mehr zu gebrauchen sind. Zum Verkaufen. Oder zum Entsorgen. Oder so. Die Rechte an allem würde aber natürlich mein Vater behalten.
Es ist immer wieder bemerkenswert, wie ihre Welt sich dreht.

Der Anwalt schrieb einen wirklich feinen Brief zurück, dass ich den Teufel tun würde.
Ich lese diese Worte auch heute noch sehr gerne.

Die Zeit verging und wir feierten Weihnachten im Wohnzimmer mit unserem riesigen Esstisch und einem noch größeren Baum und ich hoffte einfach auf das nächste Jahr.

Ich stellte mich darauf ein, dass wir dann ab nächstem Monat die Räumung des Zimmers anmahnen würden.
Die Katzen schliefen inzwischen hoch oben auf Uromas riesigem Pflegebett und wir hatten zumindest ein paar Stühle ins Zimmer gestellt, die sonst im Weg waren.
Wir hatten uns nach fünf langen Monaten mit dem vollgestellten ehemals schönsten und hellsten Zimmer im Erdgeschoss arrangiert.

Und dann ging ich gestern zum Briefkasten, als ich mit dem Hund im Garten trainierte und zog Unmengen von Katalogen daraus hervor.
Dazwischen ein dicker Brief vom Amtsgericht.
Mein Herz klopfte laut, als ich ihn öffnete. Regen fiel auf den Text, der Hund sprang nass und dreckig um mich herum und da stand es, schwarz auf weiß:

Der erste Erbberechtigte hat die Erbschaft ausgeschlagen.

Ich stehe an zweiter Stelle der Erbfolge.

Als ich später am Abend eine der zugeklebten Kisten öffne, schlägt mir der vertraute Geruch meiner Großmutter entgegen.

Ich hatte eine Kiste mit Handtüchern erwischt.
Handtücher, an denen sich mein Großvater und ich nach unseren Abenteuern schon abgetrocknet haben.
Viele davon sind zerschlissen, einige sehen noch genauso aus wie vor 35 Jahren, als ich 5 war.
Handtücher, die mir von Kindesbeinen an so vertraut sind, weil sie mit Geschichten verknüpft wurden.
Mit Lachen, mit Geborgenheit, mit Spaß und Abenteuer, mit Müdigkeit und warmen Sommertagen im Garten.

Und nun gehören sie mir.

Und niemand kann sie mir mehr wegnehmen.

Kati 04.01.2018, 18.00| (2/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Alltag, eine Art von...

Seit drei Wochen ohne starke Schmerzmittel.
Seit zwei Wochen fahre ich jeden Tag 2 x 4 km Auto - das sind 2 Mal ca. 5-10 Minuten Autofahrt.

Die Präsenz im Alltag nimmt zu und mein Körper kommt mit.
Nicht immer ohne Murren, aber doch stabil.
Überlastungen versuche ich zu vermeiden, ich sitze brav, aber dennoch zu selten unter meiner Heizdecke für die Schultern, ich mache jeden Tag meine Übungen, ich achte auf mich.

Die Tage um Weihnachten und Silvester waren anstrengend. Die Kinder sprudeln über und die Tage sind dicht und eng und voll. Ich bin froh, dass sie vorbei sind und der Alltag wieder einziehen darf.

Das Jahr wird anstrengend.
Es stehen uns einige Veränderungen ins Haus - wir steuern auf eine sehr eindeutige Autismus-Diagnose des zweiten Zusatzkindes hin und wahrscheinlich werden wir uns mit dem Thema Wohngruppe auseinandersetzen.
Die Kraft, die diese Familie aufbringen kann, um das massive Fehlverhalten von zwei Kindern zu kompensieren, ist erschöpft.

Wir sind heute nach langer Pause das erste Mal wieder bei der Supervision. Nach Uromas Tod und meinem Zusammenbruch war an die Fahrt und das Sitzen dort lange nicht zu denken. Auch heute habe ich Angst davor, so lange im Auto zu sitzen. Ich weiß nicht, wie die Bandscheibe darauf reagiert.
Ich strukturiere den Alltag so um, dass ich damit zurechtkomme.
Ich merke, dass meine Reserven nicht mehr vorhanden sind - es wurde so gut wie jedes Fünkchen Wollen und Können im Kampf gegen die Schmerzen aufgebraucht.

Also schaue ich auf die kleinen Dinge, die so existenziell wichtig geworden sind.

Ich kann seit letzter Woche nach über einem halben Jahr wieder schmerzfrei auf der Seite schlafen - meiner Lieblingsschlafposition.
Ich kann manchmal für einige kostbare Momente wieder im Arm des Mannes liegen.
Ich kann den Kopf wieder drehen - in jede Richtung, die ich will.
Ich kann sitzen. Durchaus auch schon wieder eine halbe Stunde am Stück.

Für den Moment ist das alles, was zählt.

Immer nur einen Schritt vor den anderen...

Kati 03.01.2018, 07.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Die Woche vor Weihnachten

Natürlich ist der Großteil der Geschenke bereits seit Wochen verpackt und natürlich habe ich bei insgesamt 8 Personen in den letzten Tagen vor Weihnachten trotzdem noch einiges einzupacken.

Die Kinder müssen die komplette Woche noch in die Schule gehen, also habe ich trotz Physiotherapie und Übungen und meinem Schneckentempo noch ausreichend Zeit, dachte ich.

Die letzte Woche vor Weihnachten beginnt dann spontan mit einem kranken Kind. Das Kind, dessen Lehrer gerade alle wegen Magen-Darm-Grippe zuhause sind. Ich bin also in erhöhter Alarmbereitschaft, gebe Schüssel und Tücher aus und reduziere das Nahrungsangebot. Sehr zum Leidwesen des Kindes, dem ja "nur ein bisschen schlecht und vielleicht muss ich mich übergeben" ist.
Haha.
Nein.
Da bin ich eher nicht so der risikofreudige Typ. Ich verbringe meinen Vormittag statt mit Geschenkpapier also mit Putztüchern und Desinfektionsmittel und hänge Kuschel-Verbotsschilder aus. Bei unseren Kindern der wichtigste Schritt, damit nicht 8 Leute gleichzeitig kotzen müssen. Die schmusen sich nämlich andauernd und für Bakterien und Viren ist das hier das reinste Eldorado.
Es stellt sich schnell als Fehlalarm heraus, das Kind ist wieder munter und kann am nächsten Tag zur Schule gehen.
Die Geschenke warten in ihren Verstecken auf mich. Immer noch.

Der Dienstag beginnt mit meiner Physiotherapie und einem langen Spaziergang und ich freue mich aufs Einpacken der letzten 10-20 Geschenke. Dann hab ich es geschafft. Ich werfe alles von mir, hole mir eine Buttermilch aus dem Kühlschrank und das Telefon klingelt. Die große Tochter ist dran und verkündet weinend, dass sie in der Freistunde nach Hause käme. 15 Minuten später ist sie da, und ich habe nach dem ersten Zuhören das starke Verlangen, ihre Arschkrampe von Freund mit einer Axt zu besuchen.
Der kleine Braunbär übernimmt den Seelentröster und als sie auf dem Sofa sitzt, das Kalb von einem Hund auf dem Schoß hat und Eiscreme löffelt, erfasse ich das ganze Ausmaß dessen, was da passiert ist.
Ich verbiete ihr, an diesem Tag noch einmal die Schule zu besuchen und wir reden erst zwei Stunden lang und spielen dann xBox-Spiele gegeneinander.
Für den Seelenfrieden.
Aber die Geschenke sind immer noch nicht verpackt.

Am nächsten Tag will sie sich eigentlich todesmutig dem Feind stellen, bekommt dann aber direkt vor der Haustür einen Panikanfall und ich beschließe, dass das kein guter Zeitpunkt oder Zustand ist, sich einer geliebten Person und dem Verrat in blond zu stellen.
"Ich kann doch nicht einfach schwänzen.", murrt sie schluchzend und ich sage schlicht: "Doch. Kannst du."
Ich schwänze an diesem Tag das Geschenke einpacken...

Inzwischen ist es Donnerstag, mit Unterstützung all ihrer Leute aus ihrer Clique legt das große Kind einen souveränen Auftritt in der Schule hin und ich bin verdammt stolz auf sie. Auf sie und ihre großartigen Freunde, die die letzten beiden Tage damit verbracht haben, einen riesigen Geschenke-Liebeskummer-Wirsindfürdichda-Korb zusammenzustellen.
Die jede Aktion des neuen Pärchens so kommentieren, dass es beim Erzählen sogar für ein paar Schmunzler bei der Tochter reicht.
Sie hatte die Größe, ihm ihr Weihnachtsgeschenk zu geben. Ganz ruhig und mit stolzen Worten zum Abschied. Ich bete dieses Kind einfach an.

Zurück zu den Geschenken.
Für den Donnerstagmorgen zerschlugen sich meine Hoffnungen recht schnell, denn die Schulen hatten abwechselnd keine Lehrer, einen Sporttag, Theateraufführung oder Unterrichtsausfall.
Das bedeutete, das erste Kind ging um 7 Uhr aus dem Haus, das letzte um 11 Uhr. Um 11:45 Uhr kamen die ersten Kinder dann wieder nach Hause.
Haha.
Der große Sohn war voller Panik, weil er weder seine Busfahrkarte noch seinen Schülerausweis fand und der Meinung war, er hätte sie verloren.
Die Kriegerprinzessin maulte den ganzen Tag herum, dass die Weihnachtsferien für sie gelaufen seien, wenn sie heute nicht ihr Lieblingspferd reiten dürfte, der kleine Sohn war ein Pulverfass, das mir hinterher eskalierte.
Es war nicht schön.

Also musste der Mann alle Kinder mit zum Reiten nehmen, damit ich eine Stunde am Nachmittag für die Geschenke hatte. Inzwischen war ich in genau der prämenstruellen Phase angekommen, an dem alle meine Gelenke und der Rücken wie blöd weh tun und ich bei jeder Bewegung Schwindelanfälle bekam. Ich packte in einer Stunde ca. 3 Geschenke ein.

Der Abend war auch nicht viel besser - erst war das Lieblingspferd heute an ein anderes Kind gegangen und man selbst hatte den ollen Klepper, der nur im Schneckentempo galoppiert, dann waren die Chaps kaputt und nach dem Abendessen hatte das große Zusatzkind einen Nervenzusammenbruch zum Thema Minderwertigkeitskomplexe.
Zwei Stunden seelische Aufbauarbeit später sind wir dann mit noch einer Folge "The last Ship" ins Bett gefallen und meine Rückenschmerzen erreichten ihren traurigen Höhepunkt.

Die Nacht verlief grauenhaft und heute habe ich noch genau zwei Stunden Zeit am Morgen - sofern kein Kind krank wird, früher nach Hause kommt oder sonstiges passiert - meine Geschenke einzupacken.
Mittags kommt wieder Besuch bis morgen, nachmittags feiern, dass wir Weihnachtsferien haben, dann geht der Mann mit Kindern in den neuen StarWars-Film, das Tochterkind mit Freundinnen in "Coco", der Hund müsste eigentlich noch zum Impfen, aber das kann ich auch auf nächste Woche schieben.

Morgen folgt um 7 Uhr morgens der Großeinkauf für die Weihnachtsfeiertage, ich habe immer noch keine Ahnung, was wir an allen Tagen essen sollen (bitte keine süßen Tiere auf dem Tisch, die mal Fell oder Federn hatten für die Kriegerprinzessin, bitte nicht so viel Gemüse für 4 von 6 Kindern, bitte nur Nudeln mit Ketchup für 1 von 6 Kindern, bitte möglichst festlich mit Ente und Hase und allem Zipp und Zapp für 2 von 6 Kindern, die Erwachsenen wollen einfach nur schlafen und vielleicht mal nen Döner holen...), mittags stehen die traditionellen Weihnachtsfotos der Kinder an und nach dem Mittagessen kommt der Vater des großen Tochterkindes mit ihrer Stiefmutter zu Besuch und feiern schon mal Vorweihnachten.

Zwischendurch kommen immer mal wieder Päckchen und Pakete von drei verschiedenen Verwandschaftskreisen, die 6 Kinder von insgesamt 4 Elternteilen nun mal haben. Das sorgt nicht gerade für geschwisterliche Eintracht, aber übt immerhin in Selbstdisziplin und Großmut...

Der Sonntag ist der heilige Abend und dort hat das Beisammensein seinen Platz, da will ich nichts mehr einpacken. Wir gehen zum Gottesdienst, spielen zusammen, schauen vielleicht einen total schnulzigen und rührseligen Weihnachtsfilm und feiern den Geburtstag von Jesus.
Geschenke packen wir zum Glück seit vielen Jahren erst am traditionellen Weihnachtsmorgen des ersten Weihnachtsfeiertages aus.

Dabei werde ich dieses Jahr vor Erschöpfung vermutlich einfach auf dem Sofa einschlafen.

In diesem Sinne - ich bin dann mal packen.

Kati 22.12.2017, 12.00| (4/3) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Begegnungen

"Huch.", sagt sie, nachdem wir uns begrüßt haben und sie an mir heruntersieht.
Ich bin komplett in dicke Winterkleidung gehüllt - insgesamt vier Schichten und sehe aus wie ein gigantischer schwarzer Marshmallow.
"Du bist so wenig geworden."


Ich blicke sie verblüfft an.
Niemand außer dem Mann hat die 20 Kilo Gewichtsabnahme bemerkt.
Niemand.

Ich hatte alle meine Bankgeschäfte erledigt und wollte gerade wieder den längeren Weg nach Hause im Nieselregen antreten, als ich ihr begegne. Was auf ihre nüchterne Feststellung folgt, sind 30 Minuten reines Seelengespräch.
Sie ist nervlich zusammengeklappt und stellt gerade ihr gesamtes Leben um und schmunzelt, als ich ihr von meinem Bandscheibenvorfall und meiner Arbeit am Gesundwerden erzähle. "Ausgerechnet du.", sagt sie nur trocken und ich weiß so gut, was sie damit meint. Mein Alltag war so minutiös durchgeplant, so voll, so komplex, dass den meisten Menschen schwindelig wurde, wenn sie davon mal einen Ausschnitt miterleben durften. Und sie kennt mich seit nun fünf Jahren nur so. Immer noch ein Projekt, immer noch mehr, immer perfekt, immer alles im Griff, immer...immer...immer...

Mein Leben der letzten Jahre auf den Punkt gebracht.
Und nun stehe ich da mit ihr im Regen und sie fragt ungläubig, wie ich es seit drei Monaten ohne Auto aushalten würde. Sehr schlecht, grinse ich schief. Jeder, der mich kennt, weiß, wie sehr ich das Autofahren liebe. Und wie mein Mann das verkraften würde?  "Was denn?", frage ich zurück. Die Arbeit im Haus, Garten, den Tieren, dem Haushalt, den Ehrenämtern und mit den Kindern und die ganze Organisation und den Vollzeitjob und alles, was er sonst noch übernehmen musste? Nein, lächelt sie, sie meine, wie gut er mich seit drei Monaten in diesem Zustand ertragen könne...

Ich denke den gesamten Rückweg über das Gespräch nach.
Es hat mir gut getan.
Ich mag es, wenn Menschen kein Blatt vor den Mund nehmen.
Und ich mag sie, auch wenn wir eine schwierige Vergangenheit haben.
"Die Arbeit mit dir war einfach nur grässlich.", sagte sie mir irgendwann einmal und ich weiß das
Ich bin kein Teamplayer, das war ich nie. Meine Stärken liegen woanders.

Als wir uns verabschieden, umarmen wir uns kurz, aber innig.
Wir wünschen uns frohe Weihnachtsfeiertage und jede der anderen einen guten Weg für das, was wir gerade mit uns herumtragen.

"Ich weiß, dass du das schaffst. Auch ohne OP. Du bist ein Mensch, der schon aus reinem Trotz wieder ganz gesund wird, weil er sich selbst beweisen muss, dass er das kann.", sind ihre letzten Worte an mich und ich drehe mich nachdenklich um und gehe zum Fluss hinunter, meinen Heimweg antreten...

Kati 21.12.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Der eine Moment

Ich hatte gerade wieder einige Kilometer Langstrecke hinter mir und besuche noch kurz meinen Lieblingssupermarkt - aber auch nur, um mir morgens um 8 Uhr mein Lieblingsheißgetränk abzuholen.
Ich will gerade beschwingt den Laden betreten - da sehe ich sie, wie sie herauskommt.

Mein Herz macht einen Hüpfer.
Wir haben uns die letzten Jahre jeden Tag beim Kinderwegbringen im Kindergarten gesehen und oft und viel miteinander geredet.
Vor drei Jahren nahmen wir beide an einer Weiterbildung zum Thema "Gewaltfreier Umgang mit Kindern" teil, bei der sie mir sehr ans Herz gewachsen ist.

Ich war ihr Partner. Und ich spielte ihren Mann - die Aufgabe war, über die Erziehung der Kinder einen Konsens zu finden.

Wir saßen uns also gegenüber und innerhalb weniger Momente wurde aus einer Übungssituation etwas, das ich sehr gut kannte.
Meine Aufgabe war, sie zu provozieren, damit sie üben konnte, ihm gelassener zu begegnen.
Sobald wir das Gespräch begannen, sank sie zusammen.
Sie wurde beim Sprechen ein winziges Häufchen Elend, das alle Tätereigenschaften in mir triggerte.
Ich sah diese wunderbare weiche Frau verblüfft an, die mir plötzlich alle Opfereigenschaften präsentierte, die man sich nur vorstellen kann.
Auf ihrer Stirn stand ein großes dickes "Sei gemein zu mir!".

Ich - in der Rolle ihres Mannes - sagte genau die Sätze, die sie mir vorher vorgegeben hatte und starrte sie an.
Sie hatte Angst.
Vor mir.
Adrenalin rauschte durch meine Adern. Wie viele tausend Male habe ich genau diese Situation in meiner Kindheit miterlebt, wie oft war ich früher sowohl Opfer als später auch Täter.
Mein Gehirn blinkte knallrot auf.

Stopp!, sagte ich laut.
Die Kursleiter und anderen Teilnehmer sahen mich verständnislos an.
Hatte es denn keiner gesehen? Ich sah ihr in die Augen.
Eine Träne kullerte über ihre Wange und ich nahm sie in den Arm.
Ganz fest.

Wir gehen mal eben nach draußen., sagte ich mit fester Stimme.

In der kalten Winterluft holte sie tief Atem. Unsicher blickte sie mich an. "Danke.", sagte sie leise.

Er schlägt dich?, fragte ich ruhig. Sie nickte. Ich lächelte sie traurig an.

Willst du meine Hilfe?

Sie schüttelte den Kopf. Vorsichtig. "Ich kann ihn nicht verlassen.... ich..."

Ich nickte. Ich weiß schon. Das musst du ja auch gar nicht. Das würde auch nur gehen, wenn du tatsächlich bereit dazu bist. 

Dankbar sah sie mich an.
Nach diesem Tag haben wir nie wieder darüber gesprochen.

----------------

All dies schießt mir durch den Kopf, als ich sie freudig begrüße und in die Arme schließe.
Ich hatte sie seit Monaten nicht mehr gesehen.

Sie sieht mich unsicher an. "Ich habe ihn verlassen.", sind ihre ersten Worte an mich.

Ich strecke vorsichtig die Hand nach ihrem Gesicht aus und berühre sie ganz sachte an der Wange.
Dort, wo die Haut nur noch gelblich schimmert, direkt unter dem Auge.
Du bist eine starke Frau., flüstere ich und uns beiden laufen Tränen über das Gesicht.

Und so stehen wir da, nur in unsere Welt versunken, während die Menschen um uns herumgehen. Es ist alles egal. Das Hier und Jetzt ist so groß, da ist kein Platz für irgendetwas anderes mehr. Eine halbe Stunde stehen wir dort, ich lasse sie erzählen, von den Zweifeln, von dem einen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, als er sie mitten in der Nacht betrunken aus dem Bett zerrte und sie vor den Kindern an den Haaren durch die Wohnung schleifte. Sie schlug. Immer und immer wieder. Wie die Kinder geweint haben. Und wie ihr großer erwachsener Sohn mit der Polizei nach Hause kam und ihr seit diesem Tag nicht mehr von der Seite wich. Wie er sie zum Gericht begleitet hat, damit ihr Mann sich ihr nicht mehr nähern darf.

Und davon, wie verloren sie sich nun fühlt, wo alle ihr gratulieren und sie einfach nur einsam ist.

Ich kann sie so gut verstehen.
Oft hört Hilfe für Opfer genau dort auf, wo sie beginnen, sie zu brauchen.
Es ist nicht plötzlich alles gut, nur weil man mit dem Täter nicht mehr zusammen ist.
In den Köpfen der meisten Menschen ist ein Happy End, was für diese Frauen der Beginn der einsamsten Reise ihres Lebens ist.

Als wir uns verabschieden, drückt sie mich noch einmal ganz fest an sich. "Du hast mir sehr geholfen. Du weißt schon, damals? Ich hatte das erste Mal im Leben das Gefühl, dass mich jemand sieht. Und ab da konnte ich mich plötzlich auch sehen."

Der Gedanke, dass sie trotzdem noch drei weitere Jahre jeden Tag geschlagen wurde, bis sie bereit war, ist bitter. Ich schiebe ihn beiseite.

Sie hat es geschafft. Und das ist für diesen einen Moment alles, was zählt.

Kati 20.12.2017, 12.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Bergauf

Die Bässe von "Black Betty" hämmern in meinen Ohren, als ich meinen Körper unerbittlich den Berg hinauftreibe. Es tut weh. Alles. Die Beinmuskeln schmerzen unerträglich, aber die Nerven sind ruhig. Ich werde härter. Überall. Das Fett schmilzt in der selben Intensität wie sich alles an mir verhärtet. Nicht nur Muskeln, auch mein Wille. Es ist der unbändige Wille, nicht in diesem Zustand zu verharren. Weiterzugehen. Nicht in Aufopferung und Selbstverleugnung meine eigenen Grenzen übertreten, sondern sie ausdehnen. Nicht weil ich muss, sondern weil ich will. Aber nicht mehr für andere. Sondern nur noch für mich.

Es ist viel auf der Strecke geblieben seit ich Ende September zusammengeklappt bin. Seit ich laut weinend in der Küche saß und den Mann anschrie, dass ich dieses Leben nicht mehr ertragen kann. So gut wie alle Bekannte sind aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich habe über 800 Kontakte in meinem Handy und ich kann an drei Fingern abzählen, wem es nicht einfach nur scheißegal war, dass ich zusammenbreche. Das ist hart. Sehr. 

Ich habe die Einladung des Bürgermeisters immer noch im Regal an der Treppe liegen. Es war mir wichtig, als sie vor einigen Wochen gekommen ist. Heute nicht mehr. Vielleicht hatte es nie Relevanz und ich erkenne dies alles erst jetzt, wo ich gesundheitlich und nervlich mit dem Rücken zur Wand stehe.

Die Frau, mit der ich die letzten Jahre so eng zusammengearbeitet habe und zu der ich eine persönliche Beziehung aufgebaut habe, wie ich sie mir für mein Erwachsenenleben gewünscht hatte, ist einfach weg. Die vielen hundert Stunden, die wir zusammengesessen haben und Berufliches wie Privates geteilt haben, bildeten anscheinend in genau dem Moment keine Grundlage für eine Beziehung mehr, in dem ich kommunizierte, dass ich für den Arbeitsteil leider nicht mehr zur Verfügung stehe.
Es ist bitter, dass gerade dies so zuende ging. Es sticht.

Aus dem dauerlächelnden Wesen der letzten Jahre ist etwas anderes geworden.
Und ich mag es.

Kati 19.12.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Hängepartie

Ich habe jetzt einfach keine Lust mehr.

Kati 10.12.2017, 15.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Zart

Heute Nacht habe ich das erste Mal seit 9 Wochen meinen Kopf für einige Sekunden auf die linke Seite drehen können, ohne vor Schmerzen halb ohnmächtig zu werden.
Der Arm wurde zwar sofort taub , aber der Schmerz blieb aus.
Es verändert sich.
Die ausgetretene Gallertmasse der Bandscheibe drückt nach wie vor auf den Nervenstrang links und das Rückenmark, aber das Dauerfeuer an Nervenschmerzen, das bislang meine Tage bestimmte, wird schwächer.

Seit letzter Woche nutze ich ausschließlich die retard-Version der Opioide, seit drei Tagen lasse ich ein weiteres Schmerzmedikament weg.
Langsam, ganz langsam geht es bergauf.

Das neue Körpergefühl ist noch sehr zerbrechlich.
Eine falsche Bewegung und ich hänge für Stunden mit stechenden Nervenschmerzen in den Seilen.

Der Mann schmeißt den gesamten Alltag und ich konzentriere mich auf das, was mir gut tut.
Vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben ohne zu versuchen, die Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen.

Kati 05.12.2017, 15.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Schilde

Wie immer , wenn meine Eltern Kontakt aufnehmen, geht es darum, so viel wie möglich zu vernichten.
Mit maximalem Kollateralschaden.
Dafür leben sie, davon zehren sie.

Die jüngsten Kontaktaufnahmen beantwortete der beste Anwalt dieser Welt: unserer.
Vorgestern wieder ein weiterer Versuch und ich merke, wie ruhig ich inzwischen dabei bleiben kann. Der Mann ist mein Schild gegen die beiden Soziopathen. Und unser rechtlicher Schild ist unser Anwalt.

Es hat viele Jahrzehnte gedauert, bis ich mich von der Angst nicht mehr steuern lasse. Zu viel ist vorgefallen, als dass mein Überlebensinstinkt nicht reagieren würde - in meiner Kindheit war das ein bitter nötiger Reflex, um mich zu retten - doch er löst nur noch selten kopflose Panik aus.

Trotzdem bin ich froh, wenn diese Sache hier ausgestanden ist und auch die allerletzte Verbindung zu meinen Eltern gekappt ist.

Kati 02.12.2017, 15.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Außer Betrieb [Der Techniker ist informiert]

Meine neue Kernkompetenz besteht darin, nicht mehr belastbar zu sein.

Die Verantwortung und Mentallast, die ich nun so viele Jahre immer aufrecht getragen habe, erdrückt mich nun.
Ich bin auf Hilfe von außen angewiesen, weil Körper und Geist diesem Umfang an Verantwortung völlig den Dienst verweigern.
Möglich macht es der einzige Mensch, in dessen Nähe ich entspanne.
Der Mann.
Und ich habe beim besten Willen keine Ahnung, wie ich ihm das je danken kann.
Es macht mich sprach- und fassungslos vor Dankbarkeit und Liebe, was er gerade für Kopfstände macht, um mir genau diese Verantwortung vollumfänglich abzunehmen.

Ich bin am Tiefpunkt meines Lebens und am Ende jeglicher Belastbarkeit angelangt und da ist jemand, der mich auffängt.
Hält.
Einfach nur, weil er mich liebt.

Kati 01.12.2017, 15.00| (3/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Puderzuckerwelt [Winter is coming]

Das Wetter hätte mir heute kein schöneres Geschenk machen können als dieses:

Der Mann verließ das Haus und es fing an zu schneien.
Nicht nur ein bisschen, sondern riesengroße weiche Schneeflocken, die vom Himmel schwebten und die Dunkelheit in jene gespenstische Helligkeit tauchten, wie nur Schnee es vermag.

Die Kinder waren außer Rand und Band und wir verließen alle deutlich früher das Haus als sonst, nur um nach draußen zu kommen.
Mit den beiden Kleinen rollte ich auf dem Weg zur Schule eine riesige Schneekugel zusammen, die uns als Unterteil des ersten Schneemanns dieses Winters diente.

Leicht war der erste Gang im Alltag - und schön.

Nach Physiotherapie und einem Minimum an Haushalt und Adventskalender vorbereiten ist die Kraft schon wieder erschöpft und Körper und Geist müde.

So müde.

Kati 30.11.2017, 15.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Tag keine Ahnung nach der Diagnose...

Keine Ahnung, wieviele Tage es inzwischen sind. 7 Wochen und ein bisschen.

Letzte Woche wurden die Nervenschmerzen in Dauerreizung wieder so schlimm, dass gar nichts mehr ging.
Nicht körperlich, nicht geistig.
Der Mann blieb schließlich eine volle Woche zuhause und ich ließ alles los.
Den Alltag, alle Aufgaben, restlos alles.
Ich schlief morgens aus, ließ den Tag so vor mir herplätschern und ging konsequent ins Bett, wenn mein Stresslevel meine Schultern wieder nach oben zog.

Meine Heilung machte vergleichsweise große Sprünge nach vorne und so ganz traue ich dem Frieden noch nicht.
Es gibt Stunden, in denen ich in der richtigen Haltung fast schmerzfrei bin und das ist etwas, das mir nach den letzten Wochen vor Dankbarkeit die Tränen in die Augen treibt.

Morgen geht der Mann den ersten Tag wieder zur Arbeit und ich habe bei Weitem nicht mehr so viel Panik davor wie noch letzte Woche, als das Aushalten von ununterbrochen starken Nervenschmerzen mir meine gesamte Kraft abverlangte.

Da war kein Platz mehr für Alltag oder die 6 Kinder und ihre Erlebnisse.
Es ging einfach nicht mehr.

Nun geht es voran. Langsam. Ganz langsam.

Das Autofahren ist nach wie vor in weiter Ferne, genau wie das Sitzen am Tisch oder das Arbeiten.
Von körperlichen Tätigkeiten ganz zu schweigen.

Aber ich habe Fortschritte gemacht.

Und alle Wünsche stehen hinter dem Einen zurück: keine Schmerzen mehr haben.

Kati 29.11.2017, 15.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Rückschläge

Der Rückschlag kam unerwartet, hart und gemein.
Was als Erkältung begann, steigerte sich zu Ohrenschmerzen, Mandelentzündung und Husten. Leider hat das verkrampfte nächtliche Husten mir nicht nur die Muskeln gezerrt, sondern anscheinend auch die ausgelaufene Bandscheibe so unter Druck gesetzt, dass die Nervenstränge wieder voll abgedrückt wurden.

Kurzfristige Höherstufung auf das Maximum an Morphin, das ich hier zuhause nehmen darf und ... warten.

Jetzt, zwei Wochen später, ist es ungefähr wieder so wie vorher.
Ich habe jeden Tag durchgehend Schmerzen, gehe aber nicht mehr die Wände hoch, weil ich es nicht mehr ertragen kann.
Ich kann sitzen, aber nicht wirklich lange.
Die Schmerzmitteldosis ist inzwischen wieder halbiert, aber noch nicht wieder dort, wo ich vor der Erkältung war.
Alles in Allem ist es frustrierend.

Meine Ausdauer steigt.
11 Kilometer in strammem Marschtempo waren es vor einigen Tagen und das ist ein gutes Tagespensum für jemanden, der sich vor zwei Monaten auch für 100 Meter Luftlinie ins Auto gesetzt hat, weil das Zeit spart.

Zeit habe ich dank der Schwere des Vorfalls ja nun mehr als genug.
Meine Tage bestehen aus Laufen, Übungen, Arztbesuchen, Physiotherapie, Ruhephasen, die ich im Bett verbringen muss, weil ich nur da einigermaßen schmerzarm bin und ein wenig Haushalt.
Ich darf nichts heben, nicht putzen, mich nicht überanstrengen.
Also habe ich alle Zeit der Welt, mich auf meine Heilung zu konzentrieren und fühle mich dabei isoliert genug, um langsam wahnsinnig zu werden.

Mann und Kinder halten sich dabei besser als ich.
Die Arbeit ist verteilt, auch wenn die Hauptlast auf dem Mann liegt.
Renovierungen wurden ausgesetzt und auch wenn mich das aufregt - es bringt ja nichts.
Loslassen und Entspannen sind meine Mantras und egal wie sehr ich sie hasse, sie bilden meinen Weg.
Die Kinder helfen im Haushalt mehr als vorher schon und meckern nur sehr selten.

Auf vier von sechs Wunschlisten steht, dass sie sich vom Weihnachtsmann wünschen, dass mein Rücken wieder gesund wird.
Sie bringen mir meine Wärmedecke, versorgen mich mit Wasser und trösten mich, wenn ich mal wieder Hunger habe und nichts von dem, was ich gekocht habe, mitessen darf.

Meine Nerven sind dünn.
Der große Sohn leidet sehr darunter, dass unser Haus von Freitag bis Samstag nicht mehr der allwöchentliche Treffpunkt für ihn und seine Freunde sein kann und ich fühle mit ihm.
Ich weiß, wie wichtig diese Treffen sind und wie sehr die Jungs davon profitieren.
Aber ich kann nicht.
Ich halte vier oder fünf pubertierende Halbstarke (zusätzlich zu den sechs Kindern im Haushalt) im Moment nicht gut aus.
Sein bester Freund war letzte Woche das erste Mal wieder über Nacht hier und das ging ganz gut.
Wir steigern das langsam.

"Es braucht Zeit", seufzt meine gesamte Umgebung unisono auf mein Klagen und ich tue mich so verdammt schwer damit, diese Zeit einfach verstreichen zu lassen.
Ich komme mir unnütz vor.
Abgeschieden.
Ausgegrenzt.

Meine körperliche Leistungsfähigkeit ist einer der Grund- und Eckpfeiler meines Selbstbildes.

[Gewesen.]

Kati 17.11.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Herbstferien [Liebe]

Die Herbstferien sind fast vorbei und es macht mich wehmütig, auf die nächsten Tage zu blicken.
Zwei Wochen mit den Kindern liegen hinter mir und ich habe sie sehr genossen.

Irgendwann in der Mitte der ersten Woche saßen wir gemeinsam am Tisch und die große Tochter seufzte: "Es ist so schön gerade. Wie früher."

Und ihre Geschwister stimmten ihr traurig nickend zu.

Mir blieb fast das Herz stehen vor lauter Schmerz.

Ja, es war wie früher. Die Harmonie, die Vertrautheit, die gemeinsamen Unternehmungen, das Verständnis untereinander.
Das ist die Familie, die ich kenne und geliebt habe.

Morgen kommen die Zusatzkinder wieder. Und die Giftigkeiten. Die Kommentare. Die Übergriffigkeiten. Die Urteile. Und ihre Verachtung für alles, für das wir stehen.

Abgrenzung wird wieder unser Thema sein, wo wir zwei Wochen lang einfach nur wir sein durften. Offen und verletzlich, wo nun wieder Schutzschilde hochgehalten werden müssen.

Irgendwann, in vielen Jahren werde ich ihnen sagen, wie unendlich leid es mir tut, dass wir eine derart falsche Entscheidung getroffen haben.
Und wie viele Tränen ich um uns geweint habe.

Und dann kann ich nur noch hoffen, dass sie mir das eines Tages vergeben können.

Kati 03.11.2017, 13.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

1 Monat

Es ist heute einen Monat her, dass die Schmerzen so unerträglich wurden, dass ich mir am liebsten den Arm abgehackt hätte. Alles, nur nicht mehr diese Nervenschmerzen, die wie eine Mischung aus Elektroschock und Messerstich die gesamte linke Seite lahmlegten.

Seit drei Wochen hab ich meine Diagnose, seit drei Wochen arbeite ich an dem Scheiß. Und ja, es wird besser. Jeden Tag ein klitzekleines Bisschen. Ich habe gestern eine halbe Stunde auf meinem Schreibtischstuhl gesessen. Ohne aufstehen zu müssen, ohne Krämpfe, ohne Einschlafen aller Gliedmaßen. Das ist gut. Und ich bin müde. Ich will das nicht mehr. Ich bin erschöpft vom Gesundwerden und ich habe Hunger und will eigentlich nur mein altes Leben zurück.

Aber will ich das wirklich?

Mir kommen die Worte meines Hausarztes in den Kopf.

Manchmal bekommt man eine Chance, die zuerst gar nicht wie Eine aussieht. Und dann hat man die Gelegenheit, sein Leben komplett neu auszurichten. Oder so weiterzumachen wie bisher. Es ist Ihre Entscheidung.


Ich starre trotzig auf meine Buttermilch, auf die Unmengen von Tabletten, die ich jeden Tag nehme, auf meine Erinnerung für meine Übungen.
Und dann mache ich einfach weiter.
Jeden Tag ein bisschen.
Und immer nur einen Schritt zur Zeit.

So müde.

Kati 02.11.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Fassungslos

Ich sehe immer noch jeden Tag auf deine Seiten.
Immer und immer wieder.
Es ist 7 Jahre her, dass wir uns voneinander gelöst haben.
Es war unschön. Sehr. Es ist viel passiert.
Das Jahr, das ich mit dir verbracht habe, war eines der intensivsten meines Lebens.
Ich habe dich so sehr geliebt. Vergöttert.
Unendlich begeistert, dass ich tatsächlich einen Gleichen gefunden hatte.
Niemals hätte ich das für möglich gehalten.

Wir haben uns gestützt. Hochgeholfen.
Und wehgetan. So furchtbar weh.
Meine Computerdateien zeugen von diesem Jahr.
Da sind nämlich keine.
Kaum Fotos, keine Blogeinträge, nur der Austausch mit dir. Das war alles, was zählte. Ich habe dir so viel zu verdanken. So.verdammt.viel.
Du warst ein Ausnahmemensch, nicht nur für mich.
Und du hast schwer an deiner Last getragen.

"Ich weiß, dass ich früh sterben werde."

Das ist ein Satz, der mich nie mehr losgelassen hat.
Ich habe ihn abgetan, ich konnte das nicht gut annehmen.
Und du hast ihn wiederholt. Eindringlicher.
 "Ich weiß, dass ich früh sterben werde."
Es war dir bitterernst.
Du hast mir von deinem Mann erzählt, der schon einmal seine Frau gehen lassen musste. Und dass du alles nur Menschenmögliche tun würdest, damit diese Geschichte sich nicht wiederholen würde.

Es ist dir nicht gelungen.

Und es lässt mich fassungslos zurück, wie das Leben so ungerecht sein kann.
Immer wieder.

Die vielleicht bitterste Erkenntnis des Lebens ist, dass nicht alle Geschichten gut enden.
Egal, woran wir glauben.
Egal, wie hart wir kämpfen.

Ich vermisse dich.
Seit 7 Jahren.
Seit fast zwei Monaten.
Schon immer.
Für immer

 Niemand nach dir, habe ich dir damals versprochen und das fällt mir leicht.
Du bist und warst einzigartig.

Kati 31.10.2017, 15.34| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Vom Lieben

Es ist nicht meine Gefühlswelt, die diese Gedanken hervorbringt und doch betrifft sie mein innerstes Empfinden und Erleben.
Wenn ein Kind zum ersten Mal in die aufregende und unschuldige Achterbahnfahrt der Gefühle einsteigt, dann betrifft das nicht nur dieses Kind, sondern die ganze Familie.

Wir müssen uns als Eltern erst einmal damit auseinandersetzen, was das für uns heißt.
Wie das unser Bild verändert, wenn das gerade erst geborene Kind plötzlich auf Wolke 7 an kleinen Geschwistern vorbeischwebt und nichts im Leben mehr Relevanz besitzt außer der nächsten Nachricht, dem nächsten Treffen, dem nächsten Körperkontakt.

Und das ist zumindest für mich sehr schwer.

Ich möchte ihr all diese Glücksgefühle lassen und gleichzeitig mit dem Schwert hinter ihr stehen, sollte er auch nur eine falsche Bemerkung machen, eine falsche Bewegung, einen falschen Zug tun.
Und ich will nicht, dass sie fällt.
Hier weniger als jemals zuvor in ihrem Leben.

Nun weiß ich aber auch, dass gerade der Fall elementarer Bestandteil ihres inneren Wachstums sein wird. Und dass Schmerz dazugehört.

Noch können wir sie trösten, noch können der Mann und ich heimlich die Augen verdrehen, wenn sie völlig überdreht nach Hause kommt und jeder Satz mit seinem Namen anfängt.
Noch ist sie hier und noch dürfen wir direkt Anteil nehmen.

Es ist ein Geschenk, das wehmütig macht.

Ich bin noch nicht bereit für diesen Schritt.
Aber sie ist es.
Also gehen wir ihn.

Kati 28.10.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: KinderKinder

Mutlos

Keine Ahnung, ob es daran lag, dass ich vor zwei Tagen begonnen habe, die Morphium-Sachen alle wegzulassen, weil es mir so viel besser ging (haha) oder ob ich mich die letzten Tage im Haushalt überlastet habe (vermutlich dabei, federleichte Sachen in Zeitlupe von A nach B zu transportieren) oder ob sich die Bandscheibe irgendwie verlagert hat, auf jeden Fall habe ich die letzten beiden Tage immer stärker werdende Taubheit in den oberen Extremitäten gespürt. Kribbeln, Stromstöße, Taubheit, permanenter Schmerz, der sich immer weiter steigerte.
Gestern Abend bin ich wieder zu den Tabletten zurückgekehrt und nach einer schrecklichen Nacht geht es heute Morgen wieder einigermaßen.
Ich habe zwar Kopfschmerzen aus der Hölle, aber zumindest nicht mehr das Gefühl, ich muss gleich von einer Brücke springen, weil ich es ansonsten nicht mehr aushalte. Es ist dunkel dieser Tage.
Ich bin erschöpft, ich bin mutlos und Kraft ist auch nicht mehr viel über. Ich habe Angst, dass ich doch noch ins Krankenhaus muss und mir einen Teil der Wirbelsäule versteifen lassen muss, den ich noch sehr beweglich brauche. Ich fühle mich hilflos und überflüssig. Ich kann nichts tun, was für mich von Wert oder Bedeutung wäre. Ich fühle mich isoliert und vom Leben ausgeschlossen. Gleichzeitig schreit alles in mir, dass es viele Menschen viel schlimmer haben und ich mich nicht so anstellen soll.

Kati 25.10.2017, 12.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Wenn es knallt, dann richtig...

Der Morgen war nach einer Tagesdosis Schmerzmittel und meinem Gang zum Physiotherapeuten eigentlich nicht mehr so schlecht.
Die Physiotherapeutin war angetan vom Zustand meiner Muskeln und gab mir ein enthusiastisches GO! für mein weiteres Training und stellte mir in einigen Wochen Beschwerdefreiheit in Aussicht, wenn ich so weitermache.
Massage tat heute kaum weh, obwohl diese zwar kleine aber sehr kräftige Person mit ganzem Gewicht in meinen Schultermuskeln hing.
Gutes Zeichen.
Fortschritt, wo ich in meiner tagtäglich gefühlten Isolation zuhause nur Stillstand wahrnehmen konnte.
Es geht weiter. Langsam. Aber weiter.

Zuhause öffnete ich freudestrahlend die Tür, weil ich das erste Mal den Berg zu unserem Haus im Eilschritt hochmarschieren konnte, ohne zu schnaufen oder von Rentnern mit Krückstock überholt zu werden und sah in vier weinende Kindergesichter.
Scheiße.

Zuhause hatte es in meiner Abwesenheit ordentlich geknallt und pubertäres Kompetenzgerangel ist nun mal eine hochexplosive Angelegenheit.
Die beiden Kleinen haben zuerst gepiesackt, als die Großen aneinandergerasselt sind und haben dann später aus Solidarität einfach mitgeweint, weil ihnen die Situation zuviel war.

Meine Enttäuschung war mir wahrscheinlich deutlich anzusehen und als ich alle leise bat, in ihre Zimmer zu gehen, damit ich mich abregen kann, funktionierte das ohne Murren.

Meine Schultern verkrampften schon wieder und ich entschied, trotz des schweißtreibenden Spaziermarschs noch ein paar Übungseinheiten für den Rücken und die Schultern zu absolvieren.
Als ich nach meinem Training nach oben an den Computer ging, lagen dort bereits erste Entschuldigungsbriefe.

Vielleicht ist es ja doch noch möglich, dass wir gleich alle zusammen meinen Geburtstagskuchen vorbereiten, ohne uns gegenseitig umzubringen.

Kati 24.10.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Von Traumfrauen

Es ist inzwischen über 20 Jahre her, dass ich in die gymnasiale Oberstufe kam.

Von einem Tag auf den anderen hatten wir keinen kuscheligen Klassenverbund mehr, sondern nur noch Kurse.
Ich fand das nicht gut. Ich mochte neue Gesichter noch nie.

Bis ich Ihres sah.

Meine erste Stunde Biologie-Leistungskurs fand im Labor statt und mein bester Freund saß schon neben seiner Freundin.
Ich suchte einen freien Tisch - es gab keinen mehr, ich war wie immer zu spät.

Aber es war noch ein Platz frei.
Neben ihr.

Ich stand in der Tür und starrte sie einfach nur an.
Sie war deutlich kleiner als ich.
Ein Gesicht wie eine Puppe.
Zarter, weißer Teint.
Ebenmäßige Haut.
Keine Schminke.
Ein kleines Stupsnäschen, große hellblaue Augen und ein tiefroter Schmollmund.
Ihre Figur so rund, dass ich das Gefühl hatte, eine alte Fruchtbarkeitsgöttin zu betrachten.
Wohlgerundete Hüften, weicher straffer Bauch, große Brüste. Die pechschwarzen glatten Haare glänzten und fielen ihr wie ein Wasserfall bis auf den Po.

Mein Biologielehrer fragte, ob ich vielleicht die Güte hätte, mich ebenfalls zu setzen und ich ging langsam auf sie zu.
Sie lächelte nicht. Wortlos nickte sie zu dem Platz neben sich.

Sie lächelte auch die nächsten 3 Jahren bis zum Abitur nur sehr selten.
Sie war eine ernste Seele, die sich völlig dem Lernen verschrieben hatte.
Astrophysik würde sie studieren (und ich weiß heute, sie hat auch) und dann die letzten wissenschaftlichen Rätsel der Menschheit lösen.

Es dauerte einige Monate, bis sie auftaute. Sie traute den Menschen nicht.
Das machte sie nur umso bezaubernder.
Wir wurden Freunde.
Richtige Freunde.
Stundenlang konnten wir nebeneinander sitzen und über unsere Zukunft sprechen, spinnen oder einfach nur beieinander sein.
Ich liebte ihren Geruch, ihre Weichheit, aber auch ihre Härte, die sie stets den anderen zeigte.

Sie liebte unglücklich meinen besten Freund.

Und ich liebte sie.

Drei Jahre später - kurz vor dem Abitur - zog ich in den Nächten vor den Prüfungen mit meinen Freunden durch die Clubs und feierte das Leben.
Sie saß zuhause und lernte.
Ich hatte Flirts und kostete meine Wirkung auf Männer in vollen Zügen aus.
Es lenkte mich ab.

Am Tag bevor ich meine Abiturarbeit in meinem Paradefach Deutsch und kurz bevor sie ihre in ihrem Lieblingsfach Mathe schrieb, fasste ich mir endlich ein Herz.

Ich gestand ihr vorsichtig meine Liebe.

Konnte nur noch daran denken, nur ein Mal diese wunderbaren Lippen küssen zu dürfen, von denen ich seit Jahren träumte.
In all den Jahren vorher hatte ich dieses Szenario unzählige Male durchgespielt.
Immer endete es mit einem Kuss.

Sie sah mich verständnislos an.

"Wie meinst du das?"

Ich hatte zuviel riskiert, um jetzt einen Rückzieher zu machen und hoffte so sehr, dass unsere Freunschaft das aushalten würde.

Ihr Gesichtsausdruck wandelte sich von Verständnislosigkeit zu Ekel.

Die Worte, die sie daraufhin aussprach, zerrissen mein Herz.

Es war unerträglich.

Meine Deutsch-Abitur-Arbeit vom Tag darauf ist mit 03 Punkten benotet worden.
Mein Abitur schaffte ich nur, weil ich in den mündlichen Prüfungen alles wieder ausgleichen konnte.

Sie hat seit diesem Tag nie wieder ein Wort mit mir gewechselt und schnitt als Jahrgangsbeste ab.

Kati 21.10.2017, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Brandschutzerziehung

Heute ist das große Finale der Brandschutzwoche in der Grundschule.

Seit vier Tagen wird gezündelt, geprobt, werden Fluchtwege abgegangen, wird auf dem Boden gerobbt, die Feuerwehr mit verschiedenen Telefonen (Taste, Wählscheibe, Spracheingabe) angerufen und Brandmeldungen abgesetzt.
Jedes.einzelne.Kind.

Was im Kindergarten schon sehr gut angefangen hat mit halbjährlichen Besuchen bei der Feuerwehr mit in-Brand-setzen und Löschen von verschiedenen Dingen, Fahren mit Feuerwehrautos und Rettungen von Dächern in 8 Meter Höhe und Fahren mit ausziehbaren Leitern und Ähnlichem, wird hier in aller Konsequenz fortgesetzt.

Seit vier Tagen sind es nicht die Lehrer und Lehrerinnen, die die Hauptrolle spielen, sondern Feuerwehrleute.
Alles dreht sich rund um einen Ernstfall, der auch als genau das dargestellt wird, was er ist, allerdings nicht in grauer Theorie.
Es geht um Erfahrung, ums Begreifen, ums Anfassen, um Erleben, um alles, was man Kindern nicht an einer Tafel mitteilen kann.

Und so wurde ich heute Morgen Zeuge eines spektakulären Schauspiels, auf das alle Grundschüler seit Montag hinfiebern.

Es ist 7:50 Uhr - alle Kinder spielen bereits auf dem Schulhof und warten auf das erste Klingeln - da wird der ganze Schulhof plötzlich in grell blinkendes Blaulicht gehüllt.

150 Kinder kreischen unisono auf und fangen an, Richtung Auffahrt zu rennen.

Es ist kein Chaos, aber die Luft vibriert förmlich vor Aufregung.

Ich sehe den ersten von drei Feuerwehrwagen.
Der Fahrer winkt aus dem geöffneten Fenster und mehrere Feuerwehrmänner hängen wie Popstars aus den hinteren Türen.

Die nächsten beiden Wagen kommen um die Ecke und rollen langsam auf den Schulhof.
Einige Kinder werden auf die Wagen gehoben und dürfen mitfahren.
Die Auserwählten kreischen begeistert.

Man sieht ganz gut, welche Kinder das Spektakel schon kennen - die Viertklässler ganz vorne, die Erstklässler stehen mit offenem Mund weiter hinten und können gar nicht so recht fassen, was dort geschieht.

Die drei Feuerwehrwagen sind inzwischen auf dem Schulhof aufgestellt und voll uniformierte Feuerwehrmänner heben die Kinder wieder aus den Wagen und andere hinein.
Sie baden förmlich in der Menge und man sieht, dass sie Spaß haben.

Die Kinder kennen die Männer schon aus der vergangenen Brandschutzwoche und haben keine Berührungsängste.

Ich sehe den närrischen kleinen Tuk, der mit riesengroßen Augen zwei Feuerwehrleute anhimmelt und lächle leise, als ich mich auf den Weg nach Hause mache.

Ja, so ist das gut und so sollte es sein.

Kati 20.10.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: KinderKinder

Tag 9

Heute ist nicht so mein Tag.

Es ist neblig und das ist weniger mein Wetter als alles andere.
Es ist kalt, es ist nass in der Luft und mir läuft nach dem Laufen kalter Schweiß den Rücken runter, mir ist heiß und ich friere gleichzeitig.
Das fühlt sich nicht gut an.

Ich konnte heute nur ein Drittel meiner Strecke machen, weil Kind5 krank ist und hier zuhause auf mich wartete.
Kind6 fehlte die gewohnte Begleitung zur Schule, also bin ich nicht nur bis zur Brücke sondern ganz mit zur Schule gelaufen und dann mit einem kleinen Schlenker wieder nach Hause zu Kind5, das mit hoch Fieber und dem kleinen Braunbären, der inzwischen genausoviel wiegt wie das Kind selber, auf dem Bauch auf dem Sofa lag und schlief.

Meine Kinder werden eigentlich nicht krank.
In 15 Jahren Mutterschaft bei vier Kindern haben wir 3 oder 4 komplette Magen-Darm-Episoden gehabt, jedes Kind hatte weniger Erkältungskrankheiten (Fieber, Schnupfen, Husten, Ohrenschmerzen) als dies.
Sie haben alle ein freies und untrügliches Körpergefühl und Krankheiten bringen sie - weil sie sie kaum kennen - ein wenig aus dem Konzept.

Aber nichts, was ein Sofa, ein Film und ein kuschelnder Riesenhund nicht richten könnten.

Kati 18.10.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Tag 8

Physiotherapie war heute endlich mal wieder weniger schmerzhaft, dafür produktiv entspannend.
Ich habe 2 neue Übungen für zuhause und das Gefühl, aktiv etwas tun zu können, hebt meine Stimmung.
Die Hiobsbotschaft kam eine halbe Stunde später beim Arzt.
Wir haben eine neue Baustelle.
Ich nehme zu schnell ab.
Was für die Bandscheibe grandios ist, ist für meine Harnsäurewerte augenscheinlich eine Katastrophe.
Die beiden Gichtgelenke fühlen sich grauenhaft an und ich habe das Gefühl, ich stehe kurz vor dem zweiten Gichanfall meines Lebens.
Dabei hatte ich mir vor drei Jahren versprochen, der Erste würde auch der Letzte bleiben.
Und zwar ohne Langzeitmedikation bis an mein Lebensende.
Der Arzt spritzt eine Unmenge Lidocain in meine Nackenmuskulatur, tätschelt mir aufmunternd die Schulter und schiebt mich zum Blutabnehmen.
Ergebnisse dann am Freitag.
Gott, finde ich das alles gerade doof.

Kati 17.10.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Tag 7 - Hoffnung

Der Tag begann damit, dass ich nach dem Duschen mit hämmerndem Herzen in meiner Brust auf dem Bett saß und mein Kopf laute Parolen schrie.

Du musst noch dein viertel Kilo Quark essen, bevor du losgehst!
Du musst noch einen halben Liter Wasser trinken!
Du musst noch unter die Wärmedecke, damit du den Weg schaffst!
Du musst noch die Kinder begleiten!
Du MUSST noch deine Nackenübungen machen!
Sieben Übungen, jeweils 4 - 6 Wiederholungen pro Übung, Entspannung zwischendurch! Beeil dich!
DU MUSST GLEICH LOS!!
DU MUSST DICH ENTSPANNEN!

Ich saß auf der Kante meines Bettes und mein Herz dröhnte in meiner Brust und mein Kopf schob Gedanken in Orkanstärke von links nach rechts.

Und dann merkte ich, was ich da tue.

Es geht mir besser.
Und immer, wenn es mir langsam besser geht, gehen Geist und Körper wieder in meinen Effizienzmodus über, der dazu geführt hat, dass es mir so schlecht geht, weil er alle meine Grundbedürfnisse einfach ausschaltet.

Ich ließ die Schultern sinken.

Der Stress ging dadurch nicht weg. Aber ich entschied, ihn zu ignorieren.

Der Weg zum Arzt hat mich heute nur eine halbe Stunde gekostet.

Ich schüttete meinem Lieblingsarzt meine Sorgen und Gedanken der letzten Tage, die Besserung meines Zustandes könnte nur von den vielen Medikamenten herrühren, einfach vor die Füße und er lächelte.

"Diese Art von Nervenzucken und Ausfallerscheinungen würden wir auch mit der doppelten Menge Morphium nicht ausschalten können."

Langsam sickert die Erkenntnis in mein Hirn.
Traue mich fast nicht, daran zu glauben, aber die Hoffnung glimmt unbeirrbar.

Die Gallertmasse der Bandscheibe drückt den Nervenstrang nach links nicht mehr vollständig ab.
Ich weiß nicht, wie es beim Rückgrat aussieht, ich weiß nicht, wieviel sich wohin zurückgebildet hat, aber für den Moment ist mir das egal.

Es bessert sich.

Kati 16.10.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Tag 4 - Zwischenzeit

Ich bin müde.

Meine Woche fing am Montagmorgen mit einem grauenhaften MRT an und steigerte sich bis zu diesem Freitag in Richtung völlige Erschöpfung.

Mein Körper reagiert. Auf alles.
Heute sind es 10 kg Gewichtsverlust, geringfügige Besserung der Nervenschmerzen, dafür Muskelverspannungen im gesamten Rücken.
Müdigkeit.
Erschöpfung.

Jeden Tag weit über 2 Stunden gelaufen, jeden Tag Haushalt, kochen, aufräumen in Zeitlupe mit 6 Kindern und Tieren, jeden Tag nicht aufgegeben.

Heute fällt alles schwer.

Das Frühstück bekomme ich kaum runter, die letzten Schlucke zum ersten Liter Wasser an diesem Tag lassen mich fast brechen, ich mag nicht mehr.

Selbst die Burg, die mir ansonsten jeden Tag das Gefühl von Ehrfurcht vor der Zeit abverlangt, sieht heute Morgen einfach nur hübsch aus, als die Sonne aufgeht.
Das epische Gefühl bleibt aus.
Ich begreife mich zurzeit nicht als Teil eines großen Gesamtgefüges, meine Zeit ist irgendwie stehengeblieben.
Ich fühle mich abgeschnitten, verlangsamt, isoliert, allein.

Als ob alle Menschen ihr normales Leben weiterleben könnten, nur ich nicht.

[Egozentrik konnte ich immer schon gut. Aber die Erkenntnis hilft jetzt auch nicht.]

Kati 13.10.2017, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Tag 3 - immer am Fluss entlang

Meine Nacht war besser als die letzte.
Das ist bei dem ganzen Schmerzmittel, das ich intus habe und dem Betäubungsmittel an meinen Rückennerven aber vielleicht auch kein großes Wunder.
Trotzdem sagt der Arzt heute Morgen: "Das hört sich doch gut an."

Ich klammere mich an diesen Strohhalm.

Ich bringe die Schulkinder bis zur Brücke und mache mich dann auf meinen Weg.
Immer am Fluss entlang, in die eine Richtung.

Ich komme mir vor wie in einem schlechten Film irgendwo zwischen Oh wie schön ist Panama und Als der kleine Tiger einmal krank war.
Erst zur Physiotherapie, wo ich eine Stunde lang mit Rotlicht bestrahlt, massiert und besportelt werde.

Wieder raus, wieder am Fluss entlang. Inzwischen ist es Tag und es liegt nicht mehr alles im Zwielicht. Ich bin erschöpft, ein alter Mann mit Hund und Krückstock überholt mich und es ist mir egal.

Der Fluss plätschert neben mir, ich kann das Wasser riechen und setze einen Schritt vor den anderen. Immer weiter.

Beim Arzt werde ich unkompliziert ins Spritzenzimmer gesetzt, bekomme meine Spritze und ein aufbauendes Gespräch und werde mit einem Bis morgen! verabschiedet.

Es liegen drei Kilometer Fußmarsch bis nach Hause vor mir.
Der Fluss ist meine Rettung.
Ich gehe mit den Wellen und dem Rauschen und den Enten einfach immer nur geradeaus, bis ich den Berg sehe, auf dem unser Haus steht.

Ich brauche dafür fast eine Stunde und falle zuhause einfach nur ins Bett.

Kati 12.10.2017, 15.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Tag 2

Ich kann noch laufen.
Also laufe ich.

Ich bringe morgens die Kinder auf den Schulweg - nur bis zur Brücke, denn der kleine Tuk ist ja schon groß.
Aber winken, wenn sie in 500m Luftlinie gegenüber der Brücke in den Waldweg einbiegen, das muss ich dann doch noch.

Danach noch drei weitere Kilometer bis in die Innenstadt - zum Arzt.
Jeden Tag ab jetzt.

Der weltbeste Hausarzt und wir haben einen Schlachtplan ausgearbeitet, bevor nichts mehr geht und ich mich doch ins Krankenhaus begeben muss.

Warten. Klingt profan, kann aber helfen. Damit Warten nicht ganz so schmerzhaft ist wie aktuell, gibt es reichlich Morphium und anderes.
Darum darf ich auch kein Auto mehr fahren. [Durch die Stadt torkeln schlendern ist aber erlaubt.]

Spritzen. Betäubungsmittel, Entzündungshemmer, weiß der Kuckuck was - es tut einfach nur höllisch weh, wenn es da so in den Nacken gespritzt wird, hilft aber.

Ernährung. Kein Zucker, keine Kohlenhydrate. Eiweiß. Aber kein Fleisch.

Bewegung. [Ich laufe ja eh...]

Sport. Physiotherapie zur Stärkung der Rückenmuskulatur.

Wärme. Schön, dass es eh Herbst ist.

Ruhe. Ein mittelgroßes Problem bei dem Pensum, das hier jeden Tag zu leisten ist. Ich bemühe mich.

Und ich habe Angst.

Kati 11.10.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Tag 1 nach der Diagnose

Gestern war scheiße.

Diagnose: ausgedehnter Bandscheibenvorfall zwischen Halswirbel 6 und 7.
Druck nach hinten aufs Rückenmark.
Starker Druck zur linken Seite und völlige Quetschung des linken Nervenstrangs.

Heute war auch scheiße.

Aber immerhin haben wir inzwischen einen Plan.

Morgen geht es weiter.

Kati 10.10.2017, 22.00| (2/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Aus der Art geschlagen

In einigen Tagen wird der närrische kleine Tuk sechs Jahre alt.
Unser Nesthäkchen, unser letztes Kind, unser Sonnenschein.
Und unser besonderes Kind mit all seinen speziellen Bedürfnissen, mit dem wir so viel durch haben.
Einschließlich Ärzte-Odyssee und Operationen.

Er ist wunschlos glücklich.
Er will nichts, er will keine Party, kein Fest, keine Gäste, keine Geschenke.

"Einen Schokokuchen, Mami. Aber bitte ohne Sahne."

Alle Kinder hier wissen, dass ich an ihren Geburtstagen die Welt für sie anhalte.
Weil mir das wichtig ist.
Das gesamte Haus mutiert auf über 200 Quadratmetern zu Spinnenhöhlen, Vampirgruften, zu Unterwasserwelten oder wird mit 5000 Luftballons gefüllt.
1000 Quadratmeter Garten verwandeln sich in die Welt von Minecraft, ich hebe Gräben aus und baue Weltraumkioske, hole Pferde, baue gigantische Drachen oder wir kämpfen als Pflanzen gegen Zombies.
Nichts ist unmöglich.
Wir verköstigen auf Geburtstagen ganze Heerscharen von Kindern, zu unseren eigenen sechs Kindern kommen normalerweise noch 2-4 Freunde von Geschwisterkindern (oft als Helfer in besonderen Rollen) und geladene Partygäste, von mindestens 6 bis hoch zu 16 weiteren Leuten.
Die Kinder haben schließlich alle unterschiedlich große Freundeskreise.

Und das kleinste Familienmitglied will ... nichts von alledem.

Das ließ mich erst einmal ratlos zurück.
Er liebt Partys und den Trubel darum, er hat Freunde und im Vergleich zu seinen Geschwistern nur wenig Spielzeug für sein Alter.

Bei genauerem Nachdenken hätte ich drauf kommen können.
Er ist hier als Kleinster mit seinen Besonderheiten so eingebettet in unsere Familie wie sonst kein Kind vor ihm.
Alle Geschwister lesen ihm jeden Wunsch von den Augen ab, er ist durch seine jahrelange Taubheit immer im Fokus gewesen.

Immer der Mittelpunkt, immer waren alle bemüht, ihn und seine Anliegen zu verstehen.

Er war der einzige, mit dem in Zeichensprache kommuniziert werden musste, alle großen Geschwister haben sich bei Problemen immer wie Löwenmütter vor ihn gestellt.

Egal, ob er auf dem Spielplatz von anderen Müttern oder Kindern doof angesprochen wurde oder ob die blöde Bäckereiverkäuferin meinte, bemerken zu müssen, dass er so komisch lallen würde.
Er bewohnte jahrelang nicht sein eigenes Zimmer, weil er nachts bei uns schlief und tagsüber immer in den Zimmern seiner Geschwister willkommen war.
Er braucht selber kaum Spielzeug, weil er Zugriff auf 3 weitere Kinderzimmer samt Spielzeug hat.

Er ist das Kind, das hier am meisten in sich ruht.
Das, das inzwischen auch einfach mal für Stunden im eigenen Zimmer verschwindet und die Ruhe genießt.
Das, das immer gut gelaunt ist, immer in seiner Mitte schwebt, großzügig und empathisch ist und so unglaublich viel Charisma besitzt.

Mein Baby.

Und wenn genau das sein Wunsch ist, dann werde ich den schönsten Schokokuchen ohne Sahne für ihn machen, den er sich nur vorstellen kann.

Und den Rest einfach loslassen.

Kati 05.10.2017, 15.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

Zwei Monate

Es ist zwei Monate her, dass wir den letzten Atemzug von Uroma begleitet haben.

Vieles ist leichter geworden seitdem.

Mein Alltag, vor allem. Ich kann wieder atmen, ich habe wieder Luft.

Vermisse ich dich, Oma? Ich weiß es nicht.

Ich hätte mir nie vorstellen können, was Pflege am Rand der Erschöpfung mit Beziehungen machen kann.

Das arbeitet noch in mir.

Kati 04.10.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

11 Jahre

Heute vor 11 Jahren habe ich dich geboren.

Heute vor 11 Jahren bist du gestorben.

Ich weiß noch, wie ich mittags nach Hause kam.
Ich spürte das charakteristische Gefühl im Unterbauch, das nur eine reißende Fruchtblase verursachen kann.

Ich rief deinen Vater an, dass er bitte ebenfalls nach Hause kommen solle, mir wäre gerade die Fruchtblase geplatzt.

Für den Herzschlag einer Ewigkeit freute ich mich - die Geburt würde losgehen.
Ich würde ein Baby bekommen.
Unser Baby.
So sehr gewünscht.

Bis der Kopf realisierte, dass dieses Reißen der Fruchtblase dein Todesurteil sein würde.
Deine beiden großen Geschwister hielt ich auf meinem Schoß und sang mit ihnen alle Lieder der "Anne Kaffeekanne"-CD durch.
Ich habe diese Lieder seit 11 Jahren aus dieser Familie verbannt.
Es ist mir nicht mehr möglich, sie zu hören.
Nie wieder.
Es tut einfach zu weh.

Ich schaukelte das große Tochterkind und den Kobold und sang und wartete darauf, dass der Mann nach Hause käme.
Irgendwo zwischen Hoffen und Bangen und Leugnen.

Zwei Tage zuvor erst hatte ich das Gefühl, es wäre etwas mit dir nicht in Ordnung.
Ich hatte das Gefühl, es stimmte etwas ganz und gar nicht.
Ich war bei meinem Frauenarzt.
Das CTG war prima.
Deine Tritte spürte ich ebenfalls.
Der Ultraschall zeigte dich, fröhlich umherrudernd.
Strampelnd.
Das Herz kräftig schlagend.
Ich ging wieder nach Hause.
Mit dem furchtbaren Gefühl, dass irgendetwas überhaupt nicht in Ordnung war.

Kurz nachdem der Mann zuhause ankam, hielt ich dich auf meiner Hand.
So winzig.
So perfekt.
So tot.

Alles war voller Blut.
Ich war in Panik.
Ich weiß nicht mehr, womit dein Vater die anderen Kinder abgelenkt hatte, aber alles, woran ich mich erinnere, ist, dass er wie ein riesiger Schild um mich herum war.

Ich sah nur noch dich, hörte nichts mehr.

Der Mann hielt mich.
Lange.
Fest umfangen.
Das ist das vorherrschende Gefühl, das ich heute habe, wenn ich an diesen Tag zurückdenke.
Die Festigkeit seiner Umarmung.
Das Gefühl von Schutz, das verhinderte, dass ich in meiner Verzweiflung ertrinke.

Irgendwann ging ich durch den langen Flur ins Badezimmer und hinterließ große Blutlachen und blutige Fußabdrücke.
Als ich aus der Dusche kam, war davon nichts mehr zu sehen.

Ich hatte Schmerzen.
Nachwehen.
Wir fuhren zum Arzt.
Wir fuhren ins Krankenhaus.
Wir warteten.

Mit einem toten Kind in einer Tasche.

Irgendwann war ich es leid, inmitten von starken Nachwehen mit meinem toten Kind und zwei kleinen Kindern in der Notaufnahme eines Krankenhauses auf eine Ausschabung zu warten.

Ich ging.

Nach Hause.

Ich bin heute noch sehr dankbar für den Weg, den das Schicksal für mich bereithielt.
Zuhause konnte mein Körper die Arbeit tun, für die er geschaffen wurde und heilen.

Du wogst zu wenig, um dich zu beerdigen.
Du wogst zu wenig, als dass wir dir einen Namen hätten geben dürfen.
Du wogst zu wenig, als dass anerkannt worden wäre, dass du existiert hast.

Ich habe dich so lange Wochen getragen und jeden Tag deine Bewegung gespürt und es war plötzlich, als hätte es all das niemals gegeben.
Das war das Schwerste.
Die Wochen und Monate danach waren schwarz.
So dunkel in meiner Erinnerung.
Nur der Mann hat dort seinen Platz als Fels in der Brandung vor einem Meer aus Tränen.

Vor einigen Jahren hat sich die Gesetzgebung geändert und so sind wir vor zwei Jahren mit klopfendem Herzen und einem Mutterpass in der Hand auf unser Standesamt gegangen.
Seit diesem Tag haben wir eine offizielle Urkunde.
Mit deinem Geburts- und Sterbedatum.
Mit deinen Namen für dich, für unser Kind.

Der Beweis, dass du da warst.
Hier bei uns, auf dieser Welt.
Gewollt, geliebt, geboren, gestorben.

Und heute ist es in Ordnung, so wie es ist.

Ich hätte dich so gerne kennengelernt.

Du fehlst uns.

Kati 28.09.2017, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Zerbrochenes

Und wieder einmal.

Die letzten Wochen mit all ihrem Terminstress, der Alltagshektik nach den Sommerferien und den neu zu findenden Abläufen ohne Uroma und mit inzwischen sechs Schulkindern haben mich wieder voll erwischt.
Schneller, höher, weiter, besser, effizienter.

Der letzte Zusammenbruch ist jetzt ein paar Tage her und er tat weh.
Nicht einfach nur die Schulter und der Hals und der Nacken und der Schwindel, sondern die Seele.

Die Belastung durch die Zusatzkinder hat ein Ausmaß angenommen, das wir auch mit familientherapeutischer Hilfe kaum etragen können.
Zu weit sind diese Welten voneinander entfernt, zu wenig Gefühl ist vorhanden und zu lange verweilten diese Kinder schon im Brunnen.
Ohne jede Wertung der Situation müssen wir feststellen, dass wir für uns gescheitert sind.

Nicht in den Rahmenbedingungen, sondern im selbstgesteckten Ziel.

Die Rolle der ungeliebten Stiefmutter ist keine, die ich jemals haben wollte, aber nunja, das Leben ist kein Wunschkonzert, sagte Uroma immer.

Meine primäre Aufgabe mit dem Mann besteht darin, die Haltung der Kinder so zu akzeptieren und ihnen somit zumindest Akzeptanz, Kontinuität und ein Zuhause zu bieten.
Sie schulisch und menschlich soweit zu unterstützen, dass sie in einigen Jahren mit abgeschlossenen Berufsausbildungen ihr eigenes Leben bewältigen können.

Und dafür, dass ich ihnen zumindest ein wenig Lebenstüchtigkeit beibringe, muss ich nicht gemocht werden.

Die Energie, die ich im vergangenen Jahr dafür aufgewandt habe, das hier für alle Beteiligten passend zu machen, kann ich nun besser nutzen.

Jedes Scheitern birgt auch einen Neuanfang.

Kati 27.09.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: out of order

Sie.

Sie ist die Schwester, die ich nie hatte.
Und nun habe ich sie wiedergefunden.

Vor so vielen Jahren haben wir uns aus den Augen verloren, 2005 der letzte lose Kontakt, danach ging sie ins Ausland, ich verließ Mann und Haus und machte mich auf zu neuen Abenteuern und wir sahen und hörten nichts mehr voneinander.

Die Liebe, die ich immer für sie empfunden habe, war von viel Neid geprägt.
Nicht auf das, was sie hatte oder konnte, sondern für das, was sie meiner Mutter war.

Sie ist ein halbes Jahr jünger als ich und meine Mutter liebte sie, wie sie mich nie geliebt hatte. Ich liebte ihre Mutter, wie ich meine nie lieben konnte und so gingen viele Jahre ins Land.

Gemeinsam sind wir aufgewachsen, unsere Mütter waren beste Freundinnen, so viele gemeinsame Urlaube, Besuche, gemeinsame Schritte in Pubertät und Jungs-Sachen.

Sie war der leuchtende Stern, den meine Mutter so gerne als Tochter gehabt hätte.

Sie konnte dieses und jenes viel besser als ich, war anmutig und zierlich und klug und witzig und der Star in der Schule, wollte weder Tätowierungen noch Piercings, liebte Auslandsreisen und man konnte so erwachsen mit ihr sprechen, sie wollte Architektur studieren und bekam ein Stipendium und ging ins Ausland und hatte so viel Erfolg.
Natürlich rissen sich alle Männer um sie und sie hatte einen vernünftigen ersten Freund, der vorzeigbar war und wollte in die Tanzschule und auf den Abiball und war der Stolz ihrer Eltern.

Und der Stolz meiner Mutter.

Wann immer sie mit ihrer Freundin gesprochen hatte, bekam ich unmittelbar danach auf dem Silbertablett serviert, was sie alles wieder erreicht hatte und warum in Gottes Namen meine Mutter nicht eine Tochter wie sie bekommen hatte sondern mich.

Meine Mutter nannte mich insgesamt 8 Jahre meines Lebens hauptsächlich "Kotzbrocken" und "Arschloch".
Ich war am liebsten zuhause in meinem Zimmer, wollte auf ein normales Gymnasium und nicht auf das tolle Elite-Internat, ich liebte meine Tiere und hasste Ausflüge oder Urlaube. Ich hatte Flugangst, Panik vor Schiffsreisen, fuhr nicht gerne lange Auto und sprach nur 4 Sprachen. Mein erster Freund war nicht der nette Junge von nebenan, sondern ein erwachsener Mann, vorbestraft, berühmt und damals 13 Jahre älter als ich. Ich wollte nicht in der Weltgeschichte herumreisen, so wie sie das gerne gemacht hätte, sondern einfach nur meine Ruhe haben.

Meine Fortschritte zählten nicht und meine Erfolge blieben ungesehen.
Natürlich hatte ich auch ein Abitur, aber nicht mit 1,0.
Natürlich war ich auch begabt, aber nicht so lieblich dabei.
Natürlich konnte ich auch Instrumente spielen, war aber nicht so musikalisch.
Natürlich hatte ich auch Freunde, aber nicht so Elitäre und Hochbegabte.
Natürlich konnte ich auch reiten/surfen/kanufahren/klettern/schwimmen/sonstiges, aber mir fehlte die Anmut.
Der Lieblingssatz meiner Mutter war: "Aber bei IHR sieht das alles so leicht aus..."
Kurzum: Egal, was ich tat, ich konnte ihr einfach nicht das Wasser reichen.

Mit unserer Freundschaft hat das erst nicht viel gemacht. Später jedoch, zu Beginn unseres jungen Erwachsenenlebens zog ich mich mehr und mehr zurück, um mir den Schmerz zu ersparen, den die Worte meiner Mutter wie Nadelstiche in meiner Seele hinterließen.

Gestern Abend habe ich sie durch Zufall im Internet gefunden.
Sie ist immer noch außergewöhnlich. Anmutig und wunderschön.
Sie ist beruflich äußerst erfolgreich und ihr Lebenslauf liest sich wie ein Bilderbuch.
Von Urlaubsfotos lächelt sie abwechselnd aus türkisfarbenem Wasser, von Sandstränden, aus Safari-Jeeps, von Klettertouren im Himalaya oder aus tiefem Schnee.

Genau wie ich wird auch sie bald 40 Jahre alt und ich habe mich gefragt, ob ich mein Leben heute anders leben würde, wenn ich noch einmal die Chance dazu bekommen würde.
Ob ich tauschen wollte.
Für mehr Glanz und Gloria und ohne Kinder und Mann und eine Visitenkarte, die mindestens in Gold eingefasst wird.

Ich wünsche ihr sehr, dass sie glücklich ist.

Wenn sie es ist, dann haben wir beide das erreicht, was wir schon als kleine Kinder immer wollten.
Ein Leben nach den eigenen Maßstäben leben.

Was meine Mutter angeht... Ich habe lange und intensiv darum getrauert, dass ich keine wirkliche Mutter hatte. Dass sie mich weder geliebt noch je respektiert hat.
Dass sie sich für sexuellen Missbrauch und psychische und physische Misshandlungen entschieden hatte.

Für ihre Anerkennung würde ich heute nicht mehr weit laufen.

Es ist schlicht nicht mehr von Bedeutung, ob sie auch nur irgendetwas aus meinem Leben gut oder schlecht findet.
Oder überhaupt davon weiß.

Der Mauszeiger indessen schwebt noch sehr unentschlossen über der "Nachricht schreiben"-Schaltfläche ihres Profils.

Kati 07.09.2017, 18.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

gegen Windmühlen

Er sitzt vor unserem Supermarkt und spielt Akkordeon.

Mein gesamtes Münzgeld wandert in den zerrissenen Karton, der vor ihm steht und ich lächle ihn an.
Er lächelt zurück.
Ich mag sein Instrument - es scheint schon viele Orte gesehen zu haben.
Ich höre den einen schiefen Ton und sehe das abgeschrabbelte Leder der Gurte.

Es erinnert mich an Uropas Akkordeon, das er mir vererbt hat.
Das Akkordeon war vor 35 Jahren mein erstes Instrument, das wirkliche Liebe zur Musik geweckt hat.

"Wozu gibst du ihm Geld?", reißt mich das eine Kind aus meinen Gedanken.

Ich schweige zunächst, weil ich noch darüber nachdenke, wohin es mit seiner Frage möchte.

"Mama fand Bettler immer doof."


Ja, das denke ich mir, sage es aber nicht.
Es ist so viel Menschenverachtung in diesen Kindern, die ich manchmal nur schwer ertragen kann.

"Er bettelt nicht.", antworte ich also nur ruhig. "Er musiziert. Ich habe meine Anerkennung in Form von Geld ausgedrückt."

"Du gibst aber auch Bettlern immer Geld."

"Ja, das tue ich. Weil ich es will und wichtig finde."


Ich überlege, ob ich ein weiteres Mal meine Einstellung zu diesen Dingen erklären soll.
Ich entscheide mich dagegen.

Meine Kinder kennen meine Sicht auf diese Welt und die Zusatzkinder haben in über einem Jahr sehr wohl mehr als nur einen flüchtigen Blick darauf werfen können.
Ich habe im vergangenen Jahr so viel geredet wie in den ganzen 14 Jahren Mutterschaft davor nicht.

Und irgendwann ist der Punkt gekommen, an dem das keinen Sinn mehr macht.
Ich muss ihre Leben nicht leben.

Sie entscheiden selber, was sie für Menschen sein wollen.

Kati 30.08.2017, 12.00| (3/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Der letzte Atemzug

Es ist heute genau 14 Tage her, dass ich wie jeden Morgen in Uromas Zimmer getreten bin und gehorcht habe, ob das "Gute Nacht, Oma, schlaf gut." am Abend zuvor das Letzte gewesen war.

"Einfach einschlafen und sterben!", war immer genau das, was sie wollte.
Und wie jeden Morgen dieser Tage hoffte ich, dass sie es endlich geschafft haben würde.

Heute war der 7. Tag ohne Flüssigkeit.

Sie schnurchte vor sich hin. Wie jeden Morgen.

Ich begann meine Morgenroutine und die Kinder tropften nach und nach ins Erdgeschoss

"Wie geht es Uroma?", fragten nacheinander 6 Kinder.

- "Unverändert.", war 6 Mal meine Antwort.

Die Tür zu Uromas Zimmer stand inzwischen immer offen, damit wir jede kleinste Äußerung von ihr auch mitbekommen würden.
Den Notfallknopf an ihrem Handgelenk konnte sie schon seit Sonntag nicht mehr drücken, den hatten wir irgendwann abgemacht.

Um 8 Uhr begann es.
Ich hatte schon viel darüber gelesen, konnte mir aber nicht wirklich etwas darunter vorstellen.

Rasselatmung.

Ich ging hinein und sofort danach entsetzt wieder aus dem Zimmer, weil ich meine eigenen Körperempfindungen kaum unter Kontrolle hatte.
Ich sammelte mich.

Das Geräusch ist kaum zu ertragen. Ich hatte permanent den Drang, mich zu räuspern, zu husten oder einfach nur weit wegzulaufen.
Es war grauenhaft.
Den Kindern ging es ähnlich.
Ich erklärte ihnen, was in Uromas Körper gerade vor sich ging.

Die Kinder räusperten sich permanent und ich sah, wie unwohl den meisten von ihnen war.

Ich erkannte recht schnell, dass sich die Fähigkeit, an Uromas Seite zu bleiben, nach ihrer Empathiefähigkeit sortierte.
Der sensible Kobold, der ohnehin über viel zu viele Spiegelneuronen verfügt, flüchtete panisch aus dem Zimmer und ich hörte ihn auch zwei Stockwerke weiter oben noch krächzen und husten.

Misstrauisch verbrachte er die nächsten Stunden im ersten Obergeschoss und fragte nur noch vom Treppenabsatz aus, ob "Oma noch so komisch atmen würde".

Der egozentrische kleine Tuk dagegen piekte Oma wie immer in die Seite und befühlte Temperatur und Konsistenz ihrer Hände. "Gutn Moaaaagn, Uaoma!". krähte er und für ihn war alles wie immer.

Es war aber nicht wie immer.

Wir begleiteten nun schon seit einer Woche das Sterben.
Der Tod war schon da.
Es würde nur noch Stunden dauern, bis er sie mitnehmen würde.

Wir waren bereit.
Lange Tage schon.
Wir hatten geweint, wir hatten getrauert, geklagt, gebeten.

Meine Tränen waren versiegt.

"Heute ist Freitag, der 4. August, Oma. Morgen wird Papa 70. Morgen."

Sie schlägt die Augen auf. Wie immer, wenn ich von ihrem Sohn redete. Mir tut es weh. Ganz elementar weh. Da ist so viel Hoffnung, so viel Sehnsucht.

"Es geht ihm gut. Er wird aber nicht hierherkommen. Du darfst gehen, Oma. Du darfst ruhig gehen. Hier ist alles in Ordnung."

Ich weiß nicht, ob sie mich hört. Sie hebt die Arme.
Atmet ruckartig ein.
Und nicht wieder aus.
Ich sehe ihre Halsschlagader pochen. Schnell. Endlose Sekunden vergehen.
Dann atmet sie wieder aus. Rasselnd.
Ich muss mich zusammenreißen, um das zu ertragen.

Der Arzt ruft wieder an.
Wie jeden Tag der vergangenen Woche.
Er erkundigt sich nach ihr, fragt, ob wir ihn brauchen, ob er etwas tun kann.
Ich verneine und schildere kurz ihre Symptome.
"Sie halten sich gut.", sagt er noch zum Abschied.

Am späten Vormittg wird Oma unruhig.

Die Atmung wird unregelmäßiger und ich hole die Kinder alle wieder runter.
Dem Mann schicke ich eine Nachricht und er packt auf der Arbeit zusammen und kommt nach Hause.

"Uroma stirbt jetzt bald.", sage ich und die Kinder stehen alle an ihrem Bett.
Ich erkläre ein weiteres Mal, dass wir nicht wissen, welcher Teil des Körpers zuerst aufhören wird zu funktionieren.
Vielleicht die Atmung.
Vielleicht auch das Herz.
Wir wissen es nicht.
Die Rasselatmung wird deutlich leiser.

Stattdessen schnappt Oma nur noch sachte nach Luft und atmet dann wieder aus.

Das Herz galoppiert an ihrem Hals wie verrückt.

Die Kinder fragen noch einmal nach, ob sie Schmerzen haben könnte, das ist ihnen das Wichtigste zu wissen.
Ich verneine.

Zeige noch einmal auf die hochdosierten Fentanyl-Pflaster auf Omas Arm, erkläre, dass sie heute Morgen erst wieder ganz viel Schmerz- und Beruhigungsmittel bekommen hat und dass sie überhaupt keine Schmerzen hat.

Ich kann nur zu Gott beten, dass das auch stimmt.

Es ist 11 Uhr.
Der Mann ist endlich da.

Die Kinder reagieren ganz unterschiedlich
Das große Zusatzkind weint.
Ganz schrecklich.
Ich weiß, dass sie hier gerade heilt.
Sie, die letztes Jahr von ihrer sterbenden Mutter weggehalten wurde und nun das erste Mal in ihrem Leben dem Tod in die Augen sehen darf.

Der Kobold flüstert leise: "Gute Reise, Uroma!"

Das Mottenkind bittet mich, die Fenster weit aufzumachen, damit Uromas Seele gut in den Himmel aufsteigen kann.
Ich erfülle ihr diesen Wunsch.
Wir öffnen im gesamten Erdgeschoss die Fenster und Türen.
Frische Luft weht durch das Zimmer und für einen Moment ist es ganz still.

"Tschüss, Uaomma!", kräht der kleine Tuk und streichelt ihre Hand.

Das große Zusatzkind ist erschöpft und möchte sich einen Moment zurückziehen.
Ich nicke und lächle ihr zu.
"Es ist alles gut.", flüstere ich. Sie nickt.

Die anderen Kinder ziehen sich ebenfalls stumm aus dem Zimmer zurück.
Leise gehen sie nach oben.

Nur das große Tochterkind bleibt dicht an meiner Seite.
Sie hat bislang nichts gesagt.
Keinen Ton.
Der Mann, sie und ich sitzen, stehen an Omas Seite.
Es ist gleich viertel nach 11 Uhr.

Omas Atmung setzt aus.
Wir beobachten die Halsschlagader.
Sie pulsiert.
Langsamer.
Nach einer Minute wieder Atmung.
Mir laufen die Tränen über das Gesicht.
Ich kann nicht mehr.
Ich kann das alles nicht mehr ertragen.

"Wir sind hier, Oma. Wir sind hier bei dir. Es ist alles gut."
Mit letzter Kraft verlassen die Worte meinen Mund.

"Du darfst gehen, Oma.", sagt der Mann leise. "Machs gut!"

Die Atmung setzt wieder aus. Ich warte. Meine Nerven sind zum Zerreißen gespannt.

Das Tochterkind weint leise. "Gute Reise, Uroma."

Wir blicken auf die pulsierende Halsschlagader.

Noch ein Herzschlag.

Noch einer.

Ruhe.

Ich schlinge die Arme um meine Tochter. Wir alle weinen.

Ein kräftiger Windstoß weht durch das Zimmer und die Bäume vor dem Haus rascheln.

Gute Reise, Oma.

Kati 18.08.2017, 11.00| (2/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Einäscherung mal anders

"Was meinsu mit: Der Gestatter nimmt Uroma gleich mit, Mami?"

Der närrische kleine Tuk steht wie ein Häufchen Elend vor mir und sieht mich entsetzt an.

Ich bin verwirrt.
"Der Bestatter kommt gleich mit starken Männern und dann packen sie Uroma ein und nehmen sie mit zum Krematorium.
Uroma muss ja auch beerdigt werden. Wir können sie nicht noch länger hierbehalten."


Ich sehe Unverständnis auf seinem Gesicht und merke, dass ich den Kernpunkt seiner Frage anscheinend nicht begriffen habe.

"Aber... Aber..!" Tränen stehen in seinen Augen.

"Butzemann. Was ist denn los?"

"Aber Uroma will doch verbrannt werden!", bricht es aus ihm heraus. Er schluchzt.

Ich sehe ihn verständnislos an.

"Ja. Deswegen kommt ja auch der Bestatter. Im Krematorium kann Uroma dann verbrannt werden."

Er wirft sich verzweifelt in meine Arme und weint.

"Aber... Ich dachte, das könnten wir hier im Garten machen!"

Kati 10.08.2017, 12.00| (3/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Zeit hat sich verändert, seit Uroma tot ist.

Sie vergeht nur noch langsam und sie scheint keine Eile mehr zu kennen.

Ich stehe morgens auf und muss mich nicht wappnen gegen das, was ich gleich hören, sehen und riechen werde.
Ich stehe dort, am Fuße der Treppe und lausche in die Stille.

Was kann ich tun?

Was will ich tun?

Eine Frage, die ich mir schon lange nicht mehr gestellt habe.

Was muss ich tun?

Die Frage ist schon vertrauter.

Die Uhr, die seit einigen Tagen wieder an ihrem angestammten Platz hängt, tickt.
Langsam.

Kinder toben an mir vorbei.

"Wir machen uns selber Frühstück!", kreischen sie.
"Mit viel Nutella!!", kräht das kleinste Kind.

Ich spüre, wie das "Pscht, Uroma schläft noch." meinen Hals hinaufkriecht.
Und spüre, wie das schlechte Gewissen hochploppt wie ein Springkastenteufel.
Wie jeden Tag der letzten fünf Monate.

Nichts von beidem hat noch Relevanz.
Uroma schläft für immer und die Kinder können so laut sein wie sie wollen.

Meine Schultern senken sich wieder und ich atme aus.
Die Uhr tickt.

Was muss ich jetzt tun?

Toilettenstuhl, waschen, Windelhose wechseln, saubermachen, umlagern, Essen vorbereiten, pürieren, kochen, dreimal in die Küche zurückbringen, weil es nicht das Richtige ist, von A nach B hetzen, dazwischen noch Termine für 8 weitere Familienmitglieder koordinieren, umlagern, Tabletten vorbereiten, füttern, Trinken anreichen, saubermachen, Bettwäsche wechseln, Kinder ermahnen, umlagern, saubermachen, alles desinfizieren, saugen, putzen, Wäscheberge waschen, putzen, umlagern, Essen machen, sich anmeckern lassen, sich hilflos fühlen, wütend werden, Wut runterschucken, die Ungeduld spüren, umlagern, saubermachen, putzen, Essen machen, saubermachen, aufräumen, saubermachen, Essen machen, saubermachen, umlagern, weinen, warten, dass der Mann abends nach Hause kommt, zusammenklappen, weinen, ins Bett fallen, zu wenig schlafen und fünf Stunden später das Ganze von Vorne.

Ich atme wieder ein.

Was muss ich jetzt tun?

Nichts.

Ich lächle.

Kati 09.08.2017, 12.00| (2/2) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Chaotenkinder

Die beiden chaotischen Mittelkinder prügeln sich durch den Garten.

Natürlich erst, nachdem sie die letzten 10 Minuten damit verbracht haben, sich über die Regeln zu streiten.

Soweit ich erkennen kann, haben sie sich geeinigt und gehen nun mit vollem Körpereinsatz aufeinander los.
Ich sitze mit dem großen Tochterkind auf der Terrasse und betrachte das Schauspiel.

Der kleine Braunbär, der mal ein Hund werden wollte, liegt neben mir und fiept aufgeregt, wird aber von mir angeranzt, dass er liegenbleiben muss.
Ich weiß nur zu gut, wohin es führen würde, wenn jetzt auch noch 40 Kilogramm Muskeln mit Reißzähnen in das Geschehen eingreifen würden.

Der Kobold hat einen enormen Reichweitenvorteil durch seine langen Gliedmaßen.
Er ist untergewichtig, besteht aber nur aus Muskelmasse.
An Schnelligkeit und Wendigkeit ist er ihr weit überlegen.

Die Kriegerprinzessin ist fast so groß wie er, wiegt aber über 10 Kilogramm mehr.
Sie hat Masse und kann sie einsetzen.

An Kraft sind die beiden sich ebenbürtig.

Er kann Seine zwar besser und gezielter einsetzen, nimmt aber auch immer noch Rücksicht auf die vermeintlich kleine Schwester.
Ich habe selber schon mit ihm gerungen und weiß, wie es sich anfühlt, wenn er mit voller Kraft dabei ist.
Er ist im Moment zwar noch etwas kleiner als ich, aber da muss ich langsam an den Mann abgeben, weil ich ihm kein guter Trainingspartner mehr bin.

Die Kriegerprinzessin nutzt den Vorteil, den sie durch seine Rücksicht hat, hemmungslos aus.
Ich sehe, wie sie ihn zu Boden gedrückt, ihm die Arme auf den Rücken gedreht hat und verschwitzt und mit völlig zerzausten hüftlangen Haaren lautes Triumphgeheul anstimmt.
Der Hund winselt leise vor sich hin.

Der Kobold keucht und flucht und dreht sich aus ihrer Umklammerung.
Kaum, dass er seine Arme befreit hat, stemmt er sich hoch und steht langsam auf.
Mit ihr auf dem Rücken.
Sie kreischt empört und schlägt von oben auf ihn ein.

"Motte!"
, ermahnt er sie sachte. "Keine Schläge auf Kopf oder Hals!"

Ich grinse.
Regeln sind nun mal Regeln.

Sie schäumt vor Wut, umklammert ihn und lässt sich mit ganzem Gewicht nach hinten fallen.
Beide stürzen zu Boden, beide keuchen auf.
Ein Knäuel aus Gliedmaßen und Haaren rollt über den Rasen und ab und an jault einer der beiden schmerzerfüllt.
Wir haben mal wieder einen Punkt erreicht, an dem keiner der beiden Sturköpfe nachgeben kann.

Das große Tochterkind und ich sind mit unserem Frühstück auf der Terrasse fast fertig und unterhalten uns leise.
"Da heult gleich einer!", stellt sie fachmännisch fest.
Ich nicke.

"So!", rufe ich laut, "Wer räumt mir denn jetzt mal die Geschirrspüle aus?"

Beide drehen den Kopf in meine Richtung.
Sehen sich kurz an und verdrehen die Augen.
"Muss das sein?"

Ich nicke bestimmt.

Beide humpeln murrend ins Badezimmer um sich zu waschen.
Als sie wiederkommen, haben sie sich geeinigt, dass Einer die Unter- und Einer die Oberetage ausräumt.

Die Kriegerprinzessin verkündet lautstark, wieviel Glück der Kobold hätte, dass sie jetzt die Geschirrspüle ausräumen müssten.
Sie hätte sonst bestimmt gewonnen.
Ich lächle milde.
Als sie fertig sind, schmust der Kobold kurz an mir vorbei und flüstert in mein Ohr: "Danke, dass du die Motte gerettet hast. Ich hätte sie ja sonst besiegt. Und dann hätte sie wieder geweint."
Ich muss mir mein Schmunzeln verkneifen und nicke ernsthaft.

Als die beiden lautstark zwei Etagen nach oben turnen, um irgendein neues Projekt zu starten, sieht das große Tochterkind mich grinsend an.

"Du Fuchs!"

Kati 08.08.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: KinderKinder

Gelähmt

Wir warten.

Die Wartezeit wird abwechselnd in stoischer Gelassenheit, Wut, Zweifel, Geduld und Verzweiflung begangen.

Es schmerzt, nichts tun zu können.
Es ist unerträglich, auf den Tod zu warten.
Einfach nur zu warten.

Die Marschrichtung ist klar.
Mit jeder Minute, die verstreicht, weicht mehr Leben aus ihr, doch sie ist zäh.

Sie schläft. Meistens.

Manchmal macht sie die Augen auf und blickt mich an.
Aber sie sagt nichts.
Sie reagiert nicht auf meine Bitte um ein Zeichen.
Ein Händedruck, ein Blinzeln, irgendetwas.

Ich bin wütend.
Auf eine Sterbende.

"Papa wird nicht kommen."
, habe ich ihr vor einigen Tagen weinend gesagt.
Denn das wird er nicht.
Nicht für mich und nicht für sie.
Weil er weder mich noch sie jemals geliebt hat.
Ich habe das irgendwann vor Jahren begriffen.
Sie hat die Hoffnung nie aufgegeben.

Ich bin so wütend.
Auf ihn, auf sie, auf diese Kackwelt.

Sie hat gesummt.
So wie früher, wenn sie es besser wusste.

Ich möchte sie anschreien, wie sie da liegt und so weit weg ist.
Jede Flüssigkeit verweigert, jede Kommunikation, jede Antwort.
Sie will nicht mehr auf dieser Welt sein und ich akzeptiere das.

Aber wir - wir sind noch hier.
Und wir können ihr Sterben weder beschleunigen noch verschönern.
Nur aushalten.

Ich habe mir das anders vorgestellt.

Sie vermutlich auch.

Kati 03.08.2017, 10.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Sterbewache

Ich bin unruhig.

Ich wasche Uromas Wäsche, was angesichts der Umstände völlig bescheuert ist.
Aber so wichtig für mich.
Ich räume auf, ich sortiere ihre Wäsche in den Schrank - ich habe das Gefühl, so wenigstens irgendetwas unter Kontrolle zu haben.

Um 1 Uhr nachts das letzte Horchen auf ihre Atemzüge, um 6 Uhr morgens das erste.
Sie atmet noch. Anders als gestern, anders als vorgestern.

Wir halten Sterbewache.
Abwechselnd.

Die Kinder suchen sich 5 oder 10 oder 15 Minuten aus und sitzen an ihrem Bett.
Ab und zu setzt die Atmung aus, dann geht es wieder weiter.

Es ist absehbar.
Aber ob wir noch 2 Stunden oder noch einen weiteren Tag wachen, das weiß nur der Tod.

Ich sitze an ihrem Bett, wenn die Kinder ihre Wachen beendet haben.
Ich wünschte, sie würde noch sprechen.
Ich bräuchte das noch.
So dringend.
Aber so bleibt nur, ihr zu versichern, dass wir da sind.

Und wenn ich wieder eine Pause brauche, gehen wir alle aus dem Zimmer.
Es muss auch der Raum und die Zeit da sein, wenn sie alleine sterben möchte.
Wir wissen es nicht.
Wir werden es sehen.
So lange wachen wir gemeinsam.

Gleich bin ich wieder dran.

Kati 01.08.2017, 09.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Agonie

Ich bin wach.

Deutlich vor meiner Zeit bin ich wach.

Ich betrete leise ihr Zimmer.
Das erste, das mir auffällt, ist der Geruch.
Dem Hund auch.
Leise jaulend steht er in der Tür und fiept mich an.
Er dreht sich um und flüchtet.

Es riecht... süß. Und faulig.
Es ist eine einmalige Kombination, und ich kenne sie.

Uroma schnurchelt leise vor sich hin.
Schnelle Atemzüge.
Augen, Schläfen und Wangen sind eingefallen, die Gesichtshaut fahl.
Aber sie sieht friedlich aus.

Ich lasse sie noch einen Moment schlafen.
Oder wird es mehr als ein Moment sein?

Ein Todeskampf ist das nicht.

Für heute Morgen wünsche ich uns Ruhe.
Einfach nur Ruhe.

Worauf wartet er?
Oder wartet sie?

Kati 31.07.2017, 06.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

gebären [Warten auf den Tod]

Wir warten.

Er ist schon hier. So greifbar, so spürbar. Überall.
In jeder Bewegung, in jedem Moment, in jedem Atemzug.

Sie keucht mehr als das sie atmet.
Von Zeit zu Zeit gehen die Augen auf.

"Wasser, Uroma?"

Nein. Die Bewegung ist kaum wahrnehmbar.
Aber es ist ein Kopfschütteln.
Sie ist klar in diesen Momenten.
Sie weiß, wohin der Weg führt und sie muss ihn nicht einmal mehr gehen.
Nur warten.

Er sieht uns zu.

Heute Nacht, als ich um halb 2 Uhr in ihr Zimmer geschlichen bin, um zu sehen, ob sie noch atmet, habe ich ihn spüren können.

Nicht kalt, nicht erschreckend.
Nur dort.
So wie er auch während meiner Geburten spürbar war.
Leben und Tod gehören untrennbar zusammen.

Er steht an ihrem Bett und wartet.
So wie wir warten.
Und sie.

Die Kinder gehen abwechselnd in ihr Zimmer.
Das Zusatzkind, das der eigenen Mutter letztes Jahr beim Sterben nicht zusehen durfte, holt hier nach, was ihre Seele braucht.
Heilung.
Sie erzählt. Von Gott und der Welt.
Hält ihre Hand und weint.
So kostbar, diese Tränen.

Das große Tochterkind bricht seinen Urlaub ab und wird gleich mit seinem Vater und der Stiefmutter hier sein.
Und mit uns warten.

Die kleinen Kinder streicheln Uroma, gehen um ihr Bett und horchen auf ihre Atmung.
Horchen auf ihren Herzschlag.
Begreifen den Tod ohne es zu wissen.

Wir warten. Gemeinsam.

Kati 30.07.2017, 14.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Mein freier Tag

Die drei Chaoskinder sind momentan über Tag alleine mit mir und Uroma zuhause und haben sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen.

Meinen freien Tag.

Nach 15 Jahren Mutterschaft gibt es nur zwei Sachen, die alle meine Alarmglocken gleichzeitig klingeln lassen: Wenn "nichts passiert!!!" ist und wenn ich "nichts machen muss".

Ich bekomme also von dem 11jährigen Kobold, der 9jährigen Kriegerprinzessin und vom 5jährigen närrischen kleinen Tuk eine Liste mit Fragen vorgelegt, in der ich alles eintragen soll, was ich essen und trinken möchte und was getan werden muss.

"Abba nicht Uroma den Popo saubermachen!", kräht das kleinste Chaoskind und ich nicke ernst. "Abba sonst alles!"

Alle 10 Tiere versorgen, Frühstück, Mittagessen und Abendbrot machen, saugen und aufräumen und die Geschirrspüle aus- und einräumen.
Donnerwetter.
Die Drei hatten einen Plan.

Bislang kannte ich nur halbherzige Bekenntnisse und verschmierte Dinge, die in meinem Bett ausgekippt wurden, weil "alle Mamis lieben Frühstück im Bett, Mami!".
Aber sie hatten sich wirklich Gedanken gemacht.
Einschließlich des Punktes: Mama darf in Ruhe frühstücken wo sie will.

Ich greife mir einen Kugelschreiber und grinse. Das könnte gut werden.

"Und ich darf den ganzen Tag machen, was ich will?"

Drei Köpfe nicken.

"Also - außer, es ist was mit Uroma. Dann kannst du natürlich nicht im Bett liegen oder so."

"Na klar.", sage ich.

Ich fülle das Formular gewissenhaft aus und freue mich ein wenig.

Der freie Tag bricht an und ich falle in der Morgendämmerung erst einmal von Omas Notrufklingel aus dem Bett.

Aber gut, dann ist der freie Tag ja umso länger. Auch nicht schlecht.

Die drei Chaoskinder stehen fertig angezogen und gewaschen mit Leergut und Einkaufstüten und einem Portemonnaie vor mir, als wir aufbrechen wollen.
Der Kobold hakt die Checkliste ab und fragt mit strenger Stimme seine kleinen Geschwister ab:
Leergut? Check.
Tüten? Check.
Geld? Ich reiche lächelnd einen großen Schein in die Runde. Check.
Einkaufszettel? Check.

Wir fahren in unseren Lieblingssupermarkt und ich übe mich in Vertrauen, als ich die Drei völlig planlos durch die Gänge schliddern sehe.
Wir sind dort natürlich sehr bekannt und mir geht das Herz auf, als ich sehe, dass sie sich ordentlich an die Mitarbeiter wenden, wenn sie Hilfe brauchen.

Ich beschließe, noch ein Stück weiter loszulassen.
Ich kaufe mir ein paar Pflanzen, die es heute im Angebot gibt, lasse an der Kasse noch kurz die Information zurück, dass ich heute einen freien Tag hätte und die drei Kleinen gleich allein an die Kasse kommen würden und ich draußen im Auto warten würde, wenn was wäre. Gluckengefühle.

Die Kassiererin lächelt warm und winkt dem kleinsten Kind zu, das gerade mit einer großen Packung Eiscreme an der Kasse vorbeieilt und den Namen des großen Bruders ruft.
"Ihre Kinder sind so wunderbar."
Ich nicke. Ja, das sind sie.

20 Minuten später kommen die Drei endlich aus der Tür und schieben stolz ihren Einkaufswagen zum Kofferraum.
"Wir haben alles bekommen!"

Mir wird ein Berliner und ein heißer Kakao gereicht und bedeutet, ich könne ruhig auf dem Fahrersitz sitzenbleiben und mein Hörbuch weiterhören, während sie einpacken.

Große Liebe.

[geschrieben beim Brunch am Computer mit einem Laugenbrötchen mit Mayonnaise (sehr viel) und Käse (zu wenig), einer Flasche Wasser, weil sie das falsche Getränk gekauft haben und einem weiteren Berliner. Mit Musik und fast ungestört bis auf einen Notfall, als der Hund fast einen halben Liter Cola getrunken hätte und viermal Notfallklingel zwischendurch von Uroma, weil sie immer noch nicht gestorben ist. Läuft.]

Kati 28.07.2017, 18.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

Zerfaserung

Es sind Sommerferien.

Ich erhole mich langsam von meinem Schwindel von vor drei Wochen und arbeite an der Stressreduktion.

Es ist 7 Uhr morgens.

Die Notfallklingel klingelt. Laut.

Ich falle aus dem Bett und hetze zum Empfänger, um ihn auszuschalten, bevor die Ferienkinder davon wach werden.

T-Shirt an, Hose an, bei Uroma rein.
Mit Lächeln auf dem Gesicht.
Es fällt an vielen Tagen inzwischen schwer, aber das muss außer mir ja niemand wissen.

"Guten Morgen, was kann ich für dich tun?"

- "Weiß ich nicht."


Gesicht zur Wand gedreht, mehr ein Krächzen als ein Flüstern.
Augen zu.

Es ist wieder einer dieser Tage.

Vor genau einem Monat hat sie ihren 90. Geburtstag gefeiert.
Seit drei Jahren wartete sie auf diesen Tag, weil mein Vater hoch und heilig versprochen hat, er würde sie dann noch einmal besuchen kommen.
Er kam nicht.

Zwei Tage später wurde sie bettlägrig.
Eine Woche später war der Arzt da.
Höhere Medikamentendosierung, Mobilisierung, Physiotherapie, Ergotherapie, weiß der Kuckuck was noch alles.
Verweigerung auf ganzer Linie.
Verweigerung bei der Körperpflege, Verweigerung bei der Lagerung, passive Aggression.
Jeden Tag ein bisschen weniger.
Eine, zwei, drei, vier Wochen.
Nahrungsverweigerung.
Und dann schließlich: Medikamentenverweigerung.

Unser Hausarzt befragt sie und erklärt ihr die Konsequenzen.
Wir klären die rechtliche Lage, die persönliche, die emotionale.
Freier Wille. Ihre Entscheidung.
Und ja, wir begleiten das..

Hier stehen wir nun und sehen dem Verfall zu.
Im Hinterkopf fragt mich eine müde Stimme, warum ich jetzt aufstehen musste.

Ich straffe die Schultern und lächle.

Wie jeden Morgen.

"Oma, du hast gerade geklingelt. Was können wir denn mal für dich machen?"


Schulterzucken. "Will sterben."

"Ja, ich weiß."
, antworte ich.

Sie schweigt.

Wie jeden Tag.

Kati 27.07.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Mein geliebter Held,

als ich noch klein war, da hast du immer gesagt:

"Wenn Oma mal tot ist und ich ganz alt bin, dann komme ich zu dir. Du kümmerst dich dann um mich."


Und ich sagte jedesmal: "Na klar. Aber jetzt bist du ja noch fit!"

Dann nicktest du und deine großen Pranken schlossen sich wieder sanft um mich.

Jetzt ist 30 Jahre später, Opa.

Du hast dein Versprechen gebrochen.
Du hast gesagt, du stirbst nicht, bevor ich nicht bereit dafür bin.
Und du bist als erstes gestorben.

Oma wohnt jetzt hier.

Als wir vor fünf Monaten die Entscheidung getroffen haben, sie zum Sterben zu uns zu holen, da war es auch der Tribut an dich, der mir diesen Weg so leicht machte.

Ich glaube nicht, dass du Oma allein lassen wolltest.
Aber du bist eben auch schon 8 Jahre tot.

Also beschloss ich, dass ich nun für sie da sein würde.

Sie lag in den letzten Zügen. Hat sich verabschiedet.
Und ja, ihre letzten Tage sollte sie nicht in diesem tristen Heimzimmer verbringen, in dem sie seit einigen Jahren lebte und seit Ende letzten Jahres nur noch vor sich hinvegetierte.
Eine Begleitung auf den letzten Metern. Absehbar.

Das ist nun vier Monate her und ich weiß inzwischen gar nicht so recht, wer hier mit uns lebt.

Es ist nicht die Oma, die ich von früher kenne.
Es ist auch nicht die Oma, mit der du verheiratet warst.
Der wir beide so viele Schandtaten beichten mussten, die meine Kindheit so bunt gemacht haben.

Ich unterhalte mich manchmal mit ihr über dich, aber es scheint, als hätten wir nicht denselben Menschen gekannt.
Als wäre nur ich da, die dich so abgöttisch geliebt hat.
Sie hat es nicht getan.
Wenn sie über dich spricht, zerreißt es mir mein Herz. Das bist nicht du.
Den Mann, der du für mich warst, den kennt sie nicht.

Es ist gerade schwer für mich.

Kati 15.07.2017, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Briefe an...

Zeugnistag

Letzter Schultag, Zeugnistag.

Die Zeugnisgeschenke sind verpackt und liegen hier.
Nicht für gute Noten, sondern für die täglich absolvierte Arbeit.

Für Pflichtbewusstsein und die Fähigkeit, auch mal an bescheuerten Tagen und ohne viel Lust den Schulalltag absolviert zu haben.

Kind6 mault ununterbrochen, dass es ja nun eigentlich schon ein Schulkind sei und mokiert, noch kein Zeugnis bekommen zu haben.
Dabei fällt mir ein, dass ich ihn mal dazu zwingen sollte, mit mir endlich mal Schulranzen begutachten zu fahren...

Das Zeugnis von Kind5 habe ich schon vor einigen Tagen gesehen, es ist und bleibt wie erwartet ein absoluter Überflieger.
Kann alles, weiß alles, ist beliebt, hat Freunde, hilft und lebt den jähzornigen Dickkopf anscheinend nur hier zuhause in schöner Regelmäßigkeit aus.
Genie und Wahnsinn und so.
Sie ist ein Kind, das sich gerade in Tiere so gut einfühlen kann, dass mir manchmal vor Ehrfurcht die Luft wegbleibt. Das bezieht sich zwar weniger auf den Chaosbruder, aber auf alle anderen Wesen. Sie kann mit bissigen Pferden so gut umgehen wie mit Hasen, Hunden, Katzen, sammelt grundsätzlich jedes noch so zerfledderte Tier ein und hat große Fortschritte darin gemacht, den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren.

Kind4 hat sein erstes Jahr auf der weiterführenden Schule gut überstanden und mein Sorgenbaby hat es geschafft, vom schulehassenden MotzKobold zu einem in sich ruhenden sensiblen Fast-Teenager zu reifen, der viele gute Freunde hat (die hier mitunter fast wohnen) und der auch in der Schule gut mitkommt. Mal gibt es eine Fünf, mal gibt es Einsen, im Normalfall pendelt er zwischen guter und befriedigender Leistung.
Er behauptet sich auf dem Schulhof auch gegen große Fieslinge und stellt sich aufgrund seiner körperlichen Überlegenheit auch vor seine Freunde.
Er ist großartig. Hochsensibel und endlich in seiner Mitte.

Kind3 - Zusatzkind2 - wird auch hier wieder versuchen, nicht aus der Masse hevorzustechen.
Ich erwarte viele Dreien und Vieren und keine besonderen Bemerkungen.
Er ist einer von Vielen und möchte auch nichts Besonderes sein.
Darauf wurde er in seinem früheren Leben programmiert und daran arbeiten wir mit der Familientherapeutin.
An Interesse, Gefühl und dem Gespür für das eigene Ich. Der Weg ist noch lang.

Kind2 - meine strahlende Erstgeborene und Dramaqueen, Giftbeere und Kronprinzessin - ihr Zeugnis wird sie wiederspiegeln.
Einsen, wo ihr Interesse brennt, Dreien, wo sie keine Lust hat.
Und endlich eine Oberstufenschülerin.
Sie besucht eine Schule, deren Anspruch hoch ist und ich bin sehr zuversichtlich, dass sie die letzte Strecke zum Abitur mit Bravour absolviert.
Ihr Freundeskreis ist über die Jahre gewachsen und gefestigt, ich liebe und schätze alle ihre guten Freunde sehr.
Sie kann ihre Bedürfnisse kommunizieren, ist ein absoluter Kopfmensch mit viel Herz.
Sie treibt mich zur Verweiflung und in den Wahnsinn und ihr 10-Jahresplan mit Auszug nach dem Abitur und Studium und Wohnungseinrichtung und Nebenjobs erfüllt mich mit Stolz und Wehmut gleichermaßen. Sie ist doch noch so klein...

Kind1 - Zusatzkind1 - hat einen ähnlich schweren Rucksack zu tragen wie Zusatzkind2.
Sie wird ein absolutes Vorzeigezeugnis mit nach Hause bringen.
Nur Einsen und vielleicht in Sport eine Zwei oder Drei, für die sie sich innerlich zerfleischen wird.
Sie hat die Gabe, schreiben zu können, hoffentlich endlich für sich angenommen und kommt langsam aus sich heraus. Ihr Fokus liegt auf Träumereien und allen Dingen, die nicht Gefahr laufen, Realität werden zu können. Sie ist in der Lage, komplexe Zusammenhänge aus jedem Wissensgebiet schriftlich darzulegen, aber sobald man sie etwas fragt, das auch nur im Entferntesten die Gefühlsebene streifen könnte, verwandelt sie sich in ein kleines schwarzes Mäuschen, das man unter Androhung von Schlägen in einer Fremdsprache nach dem Weg gefragt hat.
Auch hier bin ich dankbar für die Frau, die uns inzwischen schon ein Jahr als Therapeutin begleitet.
Ihr Weg wird deutlich länger werden, auch darum bin ich glücklich über das zusätzliche Jahr, das ihr nächsten Sommer durch den Schulwechsel auf die höhere Schule zu Kind2 geschenkt werden wird.
Es wird sicher nicht immer einfach sein, eine Klasse unter der eigentlich jüngeren Stiefschwester zu sein, aber ich bin zuversichtlich, dass wir das gut begleiten können.

Ich bin heute sehr dankbar für diesen letzten Schultag.

Ich freue mich darauf, 6 Wochen lang NICHT jeden Tag morgens bis zu 11 Frühstücks- und Mittagsdosen herrichten zu müssen und auch einfach mal bis 7 Uhr morgens liegen bleiben zu können.

Ich war noch nie so urlaubsreif wie dieses Jahr.

Kati 14.07.2017, 12.00| (3/3) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Vom Schwindeln

Vor fünf Tagen wachte ich auf und meine Welt kippte.
Ich öffnete die Augen und hielt mich voller Panik am Bett fest.

Ich hatte das Gefühl, nach oben gezogen zu werden und nach unten zu fallen.
Nichts war mehr in Ordnung.
Einen halben Tag lang konnte ich mir einreden, dass es vielleicht neue Zyklussymtome seien.
Oder einfach nur ein Scheißsonntag.
Wer weiß das schon.

Am nächsten Morgen und mehrere Panik- und Heulanfälle später war ich bereit, zum Arzt zu gehen, wohin mich der Mann auch auf schwankendem Boden verfrachtete.
Ich saß in einem kippenden Wartezimmer und sah nur noch verschwommen und betete, dass es irgendwas Harmloses sei.
Nacken? Schulten? Rücken? Waren die ersten Fragen des Hausarztes und ich verneinte, weil alles nur normal weh tat.
Da hätte es vielleicht schon klingeln können.
Eine halbe Stunde später hatte ich eine Überweisung zum HNO-Arzt und immerhin Tabletten gegen Schwindel, die bewirkten, dass ich todmüde wurde und die Schränke nur noch von links nach rechts schwankten.

Nachmittags saßen wir dann beim HNO-Arzt in der Praxis und ich tastete mich an den Wänden entlang Richtung Behandlungszimmer.
Nach lustigen Spielchen mit einer Brille sagte der Computer, dass mit meinem Gleichgewichtssinn alles in Ordnung sei.
Der Arzt machte noch mehrere Tests und erzählte mir irgendetwas, das ich nicht verstand. Drückte mal hier, mal dort und erklärte mir, dass meine Augen zucken, wo sie nicht zucken sollten, wenn ich etwas fokussiere.
Stress, stellte er mehr fest als dass er fragte.
Ich nickte beklommen. Joah, schon.
Er nahm seinen Daumen und drückte mir zielstrebig in die Halsseiten.
Alle meine Nervenenden schrieen gepeinigt auf.
Ha!, machte er triumphierend und freute sich.
Ich mich nicht so.
Ich wurde in ein anderes Zimmer gebracht und auf einen Stuhl verfrachtet.
Spritzen. Betäubungsmittel für die Nervenstränge, die sich da in meiner total verhärteten Nackenmuskulatur eingeklemmt hatten und dafür sorgten, dass ich liegenblieb, weil meine Welt sonst schwankte.

Die Lektion kommt so lange wieder bis wir sie verstanden haben.


Bei der ersten Spritze dachte ich, ich muss ihm schreiend vom Stuhl springen und dann machte der Muskel plötzlich "ping" und meine Welt hörte auf, sich zu bewegen.
Die Entspannung war kaum zu ertragen.
Er kippte den Stuhl in Liegeposition und sagte: "Genießen Sie es!".

Was folgte, war ein Gespräch über meinen Stress. Nicht, dass ich dieses Gespräch nicht schon jedesmal mit jemandem geführt hätte, wenn mein Nacken oder meine Schultern oder mein Rücken mal wieder bis zur Besinnungslosigkeit wehgetan haben. Aber es war, als würde ich das erste Mal zuhören können.

Meine Welt kippt.

Und ich bin die Einzige, die etwas dagegen tun kann.

Ich kann die Umstände nicht ändern. Ich kann die Probleme nicht wegzaubern.
Aber ich kann entscheiden, mit beidem anders umzugehen als bisher.

Kati 13.07.2017, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Außer Betrieb

Ich wünschte, ich hätte die Worte für das, was in mir vorgeht.
Ich scheine auch sie verloren zu haben, wie so vieles im Laufe der letzten 12 Monate.
Ich wünschte, ich hätte die Worte, dem Mann zu sagen, wie tief meine Dankbarkeit für ihn geht.
Ich wünschte, ich hätte mich nicht selbst verloren auf dieser Reise, die nicht meine ist.
Ich bin in die falsche Richtung gegangen.
Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem es kein weiter und kein vorwärts mehr gibt.
Mein Körper und mein Geist haben die Waffen gestreckt.

Kati 11.07.2017, 22.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: out of order

Enttäuschung

Mehr gehofft, zuviel erwartet und doch richtig geschätzt.
Nein, so eine Beziehung hätten wir nicht. Aber danke für alles.
Es piekt.

Kati 08.07.2017, 12.34| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Glaubensfrage

"Mamaaaa, wo wohnt Gott noch mal?"

Das kleinste Kind kräht mich noch halb verschlafen beim Frühstück an, weil es gerade über Weltall und Himmel und Wolken und Luft und Sonne und überhaupt sinniert hat.
Dabei kam ihm irgendwie in den Sinn, dass es den Platz für Gott wohl vergessen haben muss.

Bevor ich noch irgendetwas sagen kann, keift ihn das Zusatzkind mal wieder reflexhaft an und belehrt ihn überheblich: "Es gibt keinen Gott!"

Ich seufze müde. Was hat man diesen Kindern nur angetan, dass sie anderen nicht ihre eigene Sicht der Dinge lassen können?

Das kleinste Kind zieht unbeeindruckt eine Augenbraue hoch.
Überartikuliert wendet es sich an die große Stiefschwester:
"Darum habe ich auch nicht dich gefragt,", erklärt es langsam, als würde es es mit einer äußerst ärgerlichen Form von Begriffstutzigkeit zu tun haben, "sondern Mama."

Ich entscheide mich, ihr abfälliges Seufzen und Augenrollen so früh am Morgen zu ignorieren.

"Gott ist überall, Butzemann. In mir, in dir, in allen Menschen, in jeder Blume, in jedem Tier, an jedem Ort. Im Weltall genauso wie hier auf der Erde."


"Das ist so schön, Mami!", freut sich der kleine Sohn und springt auf.

Ja. Das ist es.

Kati 06.07.2017, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Vom nach dem Sterben

Der weltbeste Notar und Anwalt öffnet uns die Tür und ich bin wie jedesmal
ein bisschen verliebt.
In das alte Haus, in die Stuckdecken, in seine weißhaarige alte Agentenfilm-Sekretärin und in ihn.
Seine Stimme, seinen Geist und sein enormes Fachwissen, das es nicht geschafft hat,
die Menschlichkeit aus seinem Herzen zu verdrängen.

Die letzten Jahre hat dieser Mann uns bei so vielen Dingen begleitet.
Beim Hausverkauf, beim Hauskauf, in den Auseinandersetzungen mit Exmann und Exfrau um Kindesunterhalt.
Beim Sorgerechtsprozess um die Zusatzkinder, kurz: in allen rechtlichen Belangen.

Und natürlich hat auch er unser Testament verfasst.

Hier leben sechs Kinder, zwei erwachsene Menschen und eine pflegebedürftige Person.
Wir haben drei Kinder. Der Mann hat fünf Kinder. Ich habe vier Kinder.
Zwei der Kinder sind Halbwaisen.
Ein sorgeberechtigter Elternteil lebt nicht in diesem Haushalt.

Es geht um Immobilienbesitz, Erbanteile, Pflichtteilsansprüche, Vorsorgevollmachten und Vormundschaften.

Er hat es geschafft, all unsere Wünsche auf vier Seiten Testament unterzubringen.

Die Unterschrift kommt mir fast bedeutender vor als damals bei der Eheschließung.
Dies hier fühlt sich schwerer an.
Erwachsener.
Der Mann setzt seine Unterschrift unter meine.
Der Notar seine darunter.

Er lächelt uns an:
"Auf dass diese Papiere möglichst lange in der Schublade bleiben!"

So möge es sein.

Kati 05.07.2017, 12.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Muße

Ich brauche Zeit.
Nicht einfach nur mehr Zeit.
Ich brauche Zeit ihrer Selbst wegen.
Ruhe, Muße.
Nicht die zehn Minuten zwischendurch, die ich zwischen Toilettenstuhl, Einkauf, Putzen und Kochen hektisch am PC durch das Weltgeschehen surfen kann um nicht völlig durchzudrehen.
Nicht die fünf Minuten, die mir bleiben, bevor ich eines oder zwei oder drei von sechs Kindern von A nach B oder C bringen muss.
Nicht die halbe Stunde am Abend, wenn endlich alle Kinder im Bett sind und die Küche gemacht ist, bevor ich wieder hoch muss, weil ich eine hilflose bettlägrige Person für die Nacht vorbereiten muss.
Sondern Zeit.
Zeit, die keine Begrenzung kennt, keine Minuten zählt oder auf Stunden hofft.
Zeit, die mir zur Verfügug steht und die ich nutzen kann oder auch nicht.
Die mir nicht zwanghaft mit jedem TickTack in Erinnerung bringt, dass ich jetzt nur noch 20, 15, 10, 5... Minuten zur Entspannung habe bevor dann wieder das Chaos ausbricht.
Ich mag mein Hamsterrad gerade gar nicht.
Wir haben diesen Zustand selbst gewählt und selbst herbeigeführt.
Und wir haben eine Menge Fehleinschätzungen zu verbuchen, die letztendlich dazu geführt haben, dass wir die falsche Entscheidung getroffen haben.
Aus Fehlern lernt man, heißt es.
Ich kann darüber nur noch müde lächeln.
Wir versuchen, an unseren Fehlern nicht seelisch zugrunde zu gehen.

Kati 04.07.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Sieben

Noch sieben Mal.

Noch sieben Mal das kleinste Kind morgens in den Kindergarten fahren.

Nur noch sieben Mal.
Im Sommer wird es vorzeitig eingeschult und ich darf, kann.. endlich... nach 12 unendlich langen Jahren mit Kindergartenkindern morgens eine neue Routine anfangen.

Ich bin müde. Und sehnsüchtig.
Die Entscheidung für kein weiteres Kind ist unumstößlich.
So richtig.
Und doch sind sie da, die Momente, in denen ich von dem Mann, der der Mann heute ist, so unglaublich gerne noch einmal schwanger wäre.
Noch einmal in meinem Alter mit der heutigen Erfahrung ein Kind austragen würde.

Obsolet sind sie, diese Gedanken.
Zu viele Argumente sprechen dagegen, zu hart haben wir gekämpft und zu viele Kinder haben wir verloren.
Die Zeit des Kindergebärens ist vorbei.

Sieben Male noch.
Dann habe ich sechs Schulkinder.

Ich fühle mich alt.

Kati 27.06.2017, 22.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Verwaltungsirrsinn

"Ist der/die Pflegebedürftige orientiert?"

Ich sitze an meinem Schreibtisch an der Seite 4 des Formulars des medizinischen Dienstes, der in Kürze feststellen wird, ob die knapp 90jährige mit Pflegestufe 2, die wir aus dem Altenheim gerettet geholt haben, eventuell nicht plötzlich doch wieder laufen, springen und sich selbst versorgen kann.
Haha.
Der Mann winkt beschwichtigend ab.
"Das müssen die kontrollieren, sonst könnte man ja sonstwas machen."
Achja? Was denn? Sie im Keller anketten und das ach so hohe Pflegegeld kassieren?
Mir fehlt da der Sinn für Humor, um nachvollziehen zu können, warum hier ein bestehender Pflegegrad kontrolliert werden muss.
Zumal es für die Pflegekasse deutlich billiger wird, weil ich ja umsonst arbeite.
Immerhin wird es auf meine Rente angerechnet. Hurra.
Vielleicht komme ich - nachdem ich seit 15 Jahren 6 Kinder großgezogen und eine Großmutter gepflegt habe - ja sogar auf 200 Euro Rente im Monat.
Später, wenn ich alt bin. Hossa, da freue ich mir aber einen Ast.
Mein Lebensmodell rentiert sich für alle, aber nicht für mich.

Zurück zu Frage 27.

Orientiert? Hm.

Als ich sie vor vier Tagen geweckt habe, hat sie Adolf Hitler ein Geburtstagsständchen gesungen.
Ja, sie weiß, welcher Tag da war.
Den Todestag meines Großvaters am Tag zuvor hatte sie vergessen.
Nach dem aktuellen Jahr fragt sie öfter mal, kann mir aber genau sagen, was das amerikanische Staatsoberhaupt für ein Arschloch ist.
Mit genau diesen Worten.
Ich werde entweder mit dem Namen meiner Mutter oder dem Namen meiner ältesten Tochter angesprochen.
Als meine große Tochter letztens ins Zimmer kam, wollte sie für ihre Physiotherapie unbedingt einen blauen Seidenblouson anziehen und fragte meine Tochter, warum sie denn nicht zum Termin gekommen sei.
Gestern hat sie mir eine halbe Stunde etwas von Harald erzählt.
Und was sie mit ihm besprechen möchte, wenn er gleich nach Hause kommt.
Nach ungefähr 20 Minuten habe ich gemerkt, dass sie von meinem Exmann redet, von dem ich seit 10 Jahren geschieden bin.
Ist die Frau orientiert?
Ich kann "Ja" ankreuzen oder "Nein".
Mehr nicht.

Ich verkneife mir gerade noch, beide Antworten durchzustreichen und in Großbuchstaben eine unflätige Bemerkung auf das Formular zu schreiben.

Kati 24.04.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Kaffeekränzchen mit dem Tod

"Kind, vielleicht sterbe ich heute. Ich bin schon seit Tagen so müde und könnte nur noch schlafen."

Ich sehe sie skeptisch an.

"Und Hunger habe ich auch ü-ber-haupt keinen. Nicht mal Appetit."


Ich schiebe die Schale mit Erdbeeren zur Seite und fange an, das Mittagessen abzuräumen.

"Die Erdbeeren nicht. Die lass mir mal für nachher noch da."

Ich grinse in mich hinein. "Und das Sterben?"

Sie blickt irritiert. "Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es gar nicht das Sterben. Vielleicht bin ich ja doch nur müde. Ich bin ja noch nie gestorben, wer weiß schon, wie sich das anfühlt..."

Die Kriegerprinzessin kommt herein und hört ihre letzten Worte. "Stirbst du heute schon?" Sie beißt von ihrem Muffin ab und wartet auf Antwort.

Uroma beäugt den Muffin. "Was isst du da?"

"Einen Kaffeemuffin von Papa, warum?"

Ich ahne schon, was kommt.

"Dann hol mir auch mal einen."

Ich nehme den leergegessenen Teller vom Tablett. "Möchtest du einen Kaffee zu deinem Muffin, Oma?"

"Ach, eigentlich habe ich ja überhaupt keinen Appetit. Aber bevor er mir so trocken im Halse stecken bleibt und ich dann daran sterbe... Das ist ja auch kein schöner Tod."

Als sie mit Kaffee und Kuchen in ihrem Bett sitzt, uns huldvoll  herauswedelt weil sie ihre Ruhe haben möchte und wir das Zimmer verlassen, flüstere ich dem kleinen Tochterkind zu: "Ich glaube, heute stirbt Uroma eher nicht."

Sie zwinkert mir zu:
"Naja. Zumindest nicht, so lange wir ihr genug Kaffee und Süßkram bringen..."

Kati 05.04.2017, 18.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Der vorletzte Umzug

Interessiert sehen die älteren Damen mich an, als ich einen Umzugskarton nach dem nächsten aus Uromas Zimmer durch den Flur an ihnen vorbeitrage.

Sie sitzen auf den Sesseln im Empfangsbereich der zweiten Etage und blicken mir wortlos nach, als ich Karton um Karton in den Fahrstuhl trage.
Als ich kurze Zeit später mit den ersten Möbeln auf einem Rollwagen vorbeikomme, fasst sich eine von ihnen ein Herz und spricht mich direkt an.

"Hat sie's endlich geschafft?"

Mit anteilnehmender Miene und gleichzeitig voller Neugierde wartet sie auf meine Antwort.
Ich bin irritiert.
"Hat... was geschafft?"
, frage ich verwirrt.
Ich bin es ja gewohnt, dass hier andere Regeln für zwischenmenschliche Kommunikation gelten, doch die Dame vor mir macht eigentlich einen geistig recht fitten Eindruck.

"Na, ihre Großmutter. Hat sie es endlich geschafft? Mein Beileid."


Der Groschen fällt.
"Nein."
, grinse ich sie an. "Sie zieht nur um. Zu uns nach Hause. Das Heim ist einfach nichts für sie."

Es geht ein kollektives Seufzen durch die Sesselreihen neben mir.
Langsam tätschelt die alte Frau meinen Arm.
"Gott segne sie. Wir würden alle lieber zuhause sterben. Aber unser nächster Umzug ist der zum Friedhof."
Sie lächelt mich traurig an und mein Herz fließt fast über vor lauter Mitgefühl.

Die Sehnsucht nach einem Zuhause wohnt uns allen inne.
Und wenn es ans Sterben geht, dann sollte man an einem Ort Abschied vom Leben nehmen dürfen, der diesen Namen auch verdient.

Als ich wieder in Uromas Zimmer zurückkehre, wo sie mit dem großen Tochterkind bereits die nächste Kiste gepackt hat, blickt sie mich an und lächelt leise.
Ja.
Es war die richtige Entscheidung.

Kati 03.04.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Das taube Kind

Es ist jetzt bald vier Jahre her, dass der schrecklichste HNO-Arzt der Welt mit gleichgültiger Stimme verkündete: "Das Kind ist taub. Operiere ich selber, nächste Woche, mal sehen, ob er dann hören kann oder blöde bleibt. Ist halt keine schöne Sache."

Es ist auch bald vier Jahre her, dass wir statt im Hinterhof des HNO-Arztes in einem großen Zentrum für HNO/Pädaudiologie alle zusammen um 6 Uhr morgens auf den Chirurgen warteten, der den närrischen kleinen Tuk zur ersten Operation seines Lebens abholen würde.

Erst ein Jahr ist es her, seit die letzte Operation vorgenommen wurde und das dumme taube Kind endlich ein einem gesunden Kind gleichgestelltes Hörvermögen bekam.

Wo die meisten Menschen abschalteten, weil sie sein Gelalle nicht verstanden haben, hatten wir an den richtigen Stellen Menschen, die gelernt haben, sein Gelalle zu deuten und ihn zu verstehen.

Eine beste Kindergartenfreundin, die über ein Jahr lang jedes Lallen in vollständige Sätze für die anderen Kindergartenkinder verwandelt hat. Weil sie ihn verstand.

Erzieherinnen, die Zeichensprache nutzten, Fortbildungen auf Gehörlosenschulen besuchten und geduldig jede Äußerung seinerseits interpretierten, bis sie wussten, was er meinte. Inklusive regelmäßiger Anrufe, dass er sich gerade "sehr doof fühlen würde", weil ihn niemand verstünde und bei denen ich kurz mit ihm sprechen konnte, bis es wieder ging.
Seit einem Jahr eine Logopädin, die in den ersten beiden Stunden so ratlos war wie selten in ihrer Laufbahn, wie sie mir versicherte.
Die heute Morgen, nach insgesamt nur 38 Stunden Logopädie sagen musste: "Unsere Wege trennen sich jetzt."

Auf unserem Weg lagen auch sehr sehr viele wohlmeinende Menschen mit sehr viel Meinung für sehr wenig Wissen.
Aber die zählen nicht.

Aktuell liegen all seine Testergebnisse weit über 90 %.
Er wird in diesem Jahr vorzeitig eingeschult.
Hat ein extrem großes Faible für Buchstaben und Zahlen.
Zählt im 10.000er Raum, rechnet im Hunderterraum, buchstabiert, liest und schreibt.
Und das ist nicht im letzten Jahr passiert, seit er hören und sprechen kann.
Das war schon immer in ihm.

Und dass wir seinen Weg mit Menschen gegangen sind, die ihm geholfen haben, diese Fähigkeiten auch ausdrücken zu können - lange, bevor er sprechen konnte - dafür sind wir jeden Tag so unglaublich dankbar. Und voller Demut.

Kati 28.03.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

89 Jahre ohne Nutella

Eine Woche ist sie nun schon bei uns.
Eine Woche inklusive Schimpfwörter, wie nur fast 90jährige sie von sich geben können, eine Woche Kriegserzählungen, eine Woche Anderswelt für die Kinder.
Eine Woche Arbeit, Stress und Sich-finden-müssen.
Eine Woche, die gut war.

Der Kobold hört sich tapfer alte Kriegsgeschichten an, Sirenen, die von Bombenangriffen künden, zerbombte Häuser, erfrorene Kinder, tote Fallschirmjäger, die in den Bäumen hängen.
Hitler, der plötzlich lebendig wird und so sehr im Kontrast zu dem geschildert wird, was in der Schule trocken in Büchern steht.
Erlebte Geschichte.

"Uroma, das ist ja alles supergruselig.", verkündet er.
Ich vergesse manchmal, dass ich von Klein an damit aufgewachsen bin und meine Kinder dieses Vorwissen nicht haben.
Alles ist neu, alles groß und erschreckend und auf erschreckende Weise auch faszinierend.

Wir sitzen beim Abendbrot.
Der Kobold hat natürlich Nutella auf seinem Platz stehen und natürlich schmiert er sich ein halbes Kilogramm davon auf sein Brot.
Wie könnte es auch anders sein.
Uroma sieht aus, als würde sie die Augenbrauen hochziehen, wenn sie noch welche hätte. Hat sie aber nicht.
"Dieses Nougatding hatten wir ja auch nie."

Der Kobold erstarrt.
Er versucht zu begreifen, was sie ihm da gerade erzählt. "Was meinst du damit?"

Uroma verkündet, dass sie noch nie in ihrem ganzen Leben Nutella probiert hätte und ich kann sehen, wie dem Kobold alles aus dem Gesicht fällt.
Fassungslos und entsetzt starrt er sie an und bemüht sich, die ganze Tragweite ihrer Aussage zu erfassen.
Langsam sickert es in sein Gehirn.
Er erschauert. Fast ehrfürchtig stellt er die Frage.

"Du meinst - du hast jetzt 89 Jahre lang ohne Nutella leben müssen?"


 Ich sehe, wie der Schrecken der vorangegangenen Kriegsgeschichten langsam der völlig verstörenden Erkenntnis weicht, dass es einen Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung gibt, der fast 90 Jahre lang auf Nutella verzichtet hat.
Neunzig.
Jahre.

Während ich am nächsten Morgen das Frühstück vorbereite, kommen sechs Kinder nacheinander zu mir in die Küche und animieren mich dazu, Uroma doch auf jeden Fall ein kleines Brot mit Nutella zu schmieren.

[Es schmeckt ihr]

Kati 27.03.2017, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Wut

Es gibt Tage, an denen so viel Wut hochkocht.
Wut, Hass, Trauer, Frust.
Aber vor allem: Wut.
Wut auf massive Versäumnisse und Erziehungsfehler einer Frau, die keine Antworten mehr geben kann, weil sie tot ist.

Kati 21.02.2017, 12.00| PL | einsortiert in: Gedankenchaos

Wie ich einmal einem Internettroll die Stützstrümpfe hochzog

Es passiert ja eher selten, dass Oma sprachlos ist.

Aber als die neue Zimmernachbarin im Krankenhaus laut schimpfend und um sich schlagend in einem Rollstuhl ins Zimmer gefahren wurde, blieb selbst ihr der Mund offen stehen und sie hörte mitten im Satz auf zu reden.

"Ich kann nicht hierbleiben! Ich muss an meinen Computer!"


Die große Frau, die im Rollstuhl saß, hatte wirres graues Haar, eine dicke Warze und eine Lesebrille auf der Nase, einen babyblauen Strickpullover, eine Windel und Stützstrümpfe an.
Sonst nichts.

"Ich.muss.an.meinen.Computer.", erklärte sie dem Pfleger, als wäre dieser geistesgestört. "Sie hatten einen Schlaganfall. Sie müssen jetzt im Krankenhaus bleiben und sonst nichts. Wir rufen ihre Angehörigen an, die können ihren Computer ja ausschalten.", antwortete er freundlich und es war, als hätte er in ein Wespennest gestochen.

"Sind Sie WAHNSINNIG???", brüllte die alte Frau ihn an. "Ich habe meine Texte von heute noch nicht abgeschickt!"

Der Pfleger hob sie mit einer Kollegin ins Krankenbett und mir wurde klar, dass das Tochterkind, Uroma und ich gerade sehr unhöflich starrten, als wären wir Schaulustige bei einem Autounfall.

Ich räusperte mich.
"Oma, wir gehen mal kurz raus, damit die Frau sich hier einrichten kann."
Oma sah mich entgeistert an.
"Dann verpasst du doch das ganze Schauspiel hier, Kind!"


Es muss schön sein, sich mit 90 keine Gedanken mehr über Umgangsformen machen zu müssen, denke ich so bei mir und schiebe das Tochterkind kurzerhand aus dem Zimmer.

Als immer mehr Schwestern und Pfleger ins Zimmer eilen und ich immer lauteres Gebrüll von drinnen höre, überlege ich kurz, ob ich Oma vielleicht retten sollte, aber das würde sie mir im Leben nicht verzeihen.
Nach einer viertel Stunde ist Ruhe. Ich sehe Klinikpersonal leicht derangiert aus dem Zimmer kommen und durchschnaufen.
Ich lächle den Pfleger aufmunternd an, der mir zunickt, wir könnten jetzt gerne wieder zu Oma gehen.

Leise und vorsichtig betreten wir das Zimmer.
Die Frau liegt in ihrem Bett, Bettwäsche und Kissen liegen im Zimmer verstreut. Sie scheint sie wütend rausgeworfen zu haben.
"Dieser Saftladen.", murmelt sie mit ihrer herben, dunklen Stimme vor sich hin. Allerdings schon längst nicht mehr so laut wie vorhin. Ob sie ihr ein Beruhigungsmittel gegeben haben? "Ich werde denen schon zeigen, was ich davon halte. Die werden schon noch sehen...", brummelt sie und scheint in einen Dämmerzustand zu wechseln.

Ich sehe Oma an.
Missbilligend schüttelt sie den Kopf. "Wie kann man sich mit 91 Jahren nur so aufführen?"

Ich ziehe die Augenbrauen hoch.

Oma thront in ihrem Zuhälter-Bademantel aus Leopardenplüsch und Fellbesatz an Kragen und Ärmeln in ihrem Bett und hat ihrer anderen Zimmernachbarin, die immer nur schläft, anscheinend wieder den Joghurt geklaut.
Sie löffelt gedankenverloren vor sich hin. "Schlimm, schlimm."

---

Einige Stunden später sind wir wieder im Krankenhaus.

Die Frau neben Oma ist wach - sehr wach - und hat Besuch. Ihr Sohn, vermute ich.

Die Art, wie sie den geschätzt fast 70jährigen durchs Zimmer scheucht, spricht Bände.

"Manfred. Du musst dir aufschreiben, wie die Leute hier heißen. Dann kann ich Beschwerden schreiben. Ich muss wieder an den Computer. Im Internetz kann man das machen. Ich brauche Namen!" Sie sieht erschöpft aus. "Namen, Manfred! Hörst du?"
Der Mann hat hochrote Wangen und sieht aus, als würde er sich extrem unwohl fühlen. "Du musst auch deinen Kindern Bescheid geben. Sie können mich heute Abend besuchen. Hörst du? Ich kann nicht lange hierbleiben! Ich muss unbedingt bald wieder nach Hause an den Computer."

Der Mann reicht ihr eine Tupperdose mit geschälten Äpfeln, die sie mit einer Zange herausnimmt und sich in den Mund steckt. "Das Essen hier ist so furchtbar. Ich muss nach Hause. Muss..."

Oma ist derweil nicht in ein Gespräch zu verwickeln, weil sie völlig fasziniert starrt. Und ab und zu den Kopf schüttelt.
 
Der Mann versucht mehrfach, sich zu verabschieden. "Du willst mich doch nicht unglücklich machen, und schon gehen, oder Manfred?" Er sieht sich hilfesuchend um. Fängt aber nur Omas Blick auf, die ihn neugierig ansieht.

Nach einer weiteren halben Stunde schafft er es endlich. Er hat noch einen Termin. Einen wichtigen. Und ja, er wird sich gleich die Namen der Schwestern aufschreiben. Und ja, auch die des Pflegers, der sie so grob misshandelt hätte.

Als er geht, ist es kurz still im Zimmer.
Die Frau fängt wieder an zu brummeln und mit sich selbst zu sprechen. Dass sie nicht hierbleiben könne. Und dass sie dem Krankenhaus mehrere schlechte Bewertungen schreiben würde. Die würden schon sehen, was sie davon haben.
Sie wälzt sich im Bett herum und strampelt die Decke weg.
Einer ihrer Stützstrümpfe ist heruntergerutscht und sie versucht, ihn mit steifen Armen wieder hochzuziehen.
Es klappt nicht.
Sie fängt an zu weinen.
Oma boxt mich sehr entschlossen in die Seite und schubst mich. "Geh mal helfen, Kind. Du siehst doch, dass sie das nicht schafft."

Ich sehe sie skeptisch an. Aber ihr Blick duldet keine Widerworte. Also gehe ich ein Bett weiter und warte, bis ich die Aufmerksamkeit der Frau habe. "Darf ich Ihnen helfen?", frage ich vorsichtig und mache mich darauf gefasst, dass sie etwas nach mir wirft.

Stattdessen strahlt sie mich an. "Das ist ja sehr nett von Ihnen. Sie sind doch keine Schwester hier, oder?"
Ich schüttle den Kopf. "Nein."
"Ja, dann machen Sie mal."
Ich ziehe ihr vorsichtig den Stützstrumpf hoch und sie lächelt erleichtert.
"Hach, das ist schön. Können Sie die Decke noch aufschütteln?"

Im frisch aufgeschüttelten Bett lässt sie sich in die Kissen sinken und wendet sich uns zu.

"Hier werden alle noch bereuen, dass sie mich so behandeln." Sie blickt Oma an. "Sind Sie auch im Internetz unterwegs?"

Oma antwortet, dass sie mit dem neumodischen Kram nichts am Hut hat.
Sie würde Fernsehen kucken.
Die alte Frau schüttelt den Kopf.

"Im Internetz ist es viel lustiger, als ständig vor der Röhre zu hängen. Ich bin den ganzen Tag da drin. In unserem Alter haben wir ja Zeit, nech? Morgens mache ich mir einen Kaffee und dann schreibe ich Kommentare. Auf Forummen. Auf Homm-Päitsches! Auf Blocks! Das ist so lustig! Niemand weiß, wer ich bin. Und dann regen sich alle auf und ich habe den ganzen Tag was zu lesen!"

Sie strahlt überglücklich und ich sehe sie fassungslos an.

Ich habe mich meine gesamte Internet-Zeit über gefragt, was Internettrolle wohl für Menschen sind.

Jetzt weiß ich es.

Kati 15.02.2017, 09.00| (3/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Neun?

Natürlich haben der Mann und ich überlegt, ob wir sie nicht einfach hierher holen können. Auch unter diesem Aspekt beobachte ich sie während der Tage, die wir in der großen Stadt sind.

Schätze ab, wieviel Hilfe sie benötigt. Ob ich das leisten könnte.
Zusätzlich zu den eigenen vier Kindern, den zwei Zusatzkindern, Haus, Garten, Tieren und Ehrenamt.

Ich springe ins kalte Wasser. Ausziehen, anziehen, umziehen, waschen, zur Toilette bringen. Ich habe vorher Youtube-Videos angesehen, wie man das macht. Für irgendwas muss das ja gut sein.
("Die machen Tutorials für ALLES, Mama!", erklärte mir das große Kind professionell und so ist es tatsächlich)

Es ist überschaubar, aber fordernd. Wenn sie aktiv ist, ist sie es im wahrsten Sinne des Wortes. Aufstehen, zum Tisch, auf den Stuhl, einmal essen, trinken, Tabletten, zur Toilette, waschen, wieder zurück. Über das Weltgeschehen diskutieren, über Donald Trump herziehen, die Flüchtlingssituation erörtern, großer Bogen zum zweiten Weltkrieg,  als sie im Februar des letzten Kriegsjahres die Weserbrücken zerbombt haben. Zurück in die Gegenwart und in den Krankenhausalltag.

Wenn sie dann erschöpft ist, dann kippt ein Schalter um, der sie in den Dämmermodus versetzt. Zack. Noch kurz ins Bett, winken, bis später.
Dann gehen das Tochterkind und ich für drei Stunden in die Innenstadt, essen, bummeln und haben Spaß und finden sie beim Ankommen im Krankenhaus genau so, wie wir sie verlassen haben.

Das ginge dann auch nicht mehr.
Wenn sie hier zuhause wäre.
Oma kann nicht alleine bleiben.

Können wir das leisten? Wir haben eine absolut belastende Situation mit den Zusatzkindern hier und sind aus-gelastet. Andererseits läuft für Oma die Zeit. Ich will nicht, dass sie auf Dauer wieder ins Heim zurück muss. Wir würden denselben Zyklus von Depression, Verfall und Aufpäppeln im Krankenhaus doch immer wieder erleben. Alleine leben kann sie auf gar keinen Fall mehr. Zu viel ist vorgefallen.

Der Mann und ich sind ratlos, alle beide.
Auf der einen Seite steht der Kopf, auf der anderen Bauch und Herz.
Wer wird Recht behalten?
Für das Richtige plädiert bei uns keiner mehr.
Das ist letztes Jahr schon schief gegangen.

Kati 14.02.2017, 09.00| (3/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Der Tod lässt ausrichten, er sei verhindert

"Ich werde jetzt sterben. Habt Dank für alles und macht es gut."

Das waren die letzten Worte, die wir von ihr hörten. Altenheim und Ärzte bestätigten die Situation.
Depressionen, Nahrungsverweigerung, massiver Gewichtsverlust, absoluter Verfall, Krankenhaus.

Das Tochterkind und ich fuhren also auf große Fahrt in die Stadt, die so weit von uns entfernt ist. Zumindest noch persönlich Lebewohl sagen, einmal noch in den Arm nehmen, einmal noch die Hand streicheln, einmal noch...
Es sollte anders kommen.

Die Fahrt dorthin war grauenhaft. Halb rechnete ich damit, dass uns unterwegs der Anruf erreichen würde, dass sie gestorben sei, dass wir zu spät kämen und der Tod schon vor uns da gewesen sei.
Wettlauf gegen die Zeit mit dem Tod.
Großes Lebenskino.

Nur schnell ein paar hundert Kilometer fahren, schnell ins Hotel, schnell die Sachen aufs Zimmer bringen, Schlüssel einstecken und ab ins Krankenhaus.

Wir stürmten halb ihr Zimmer und auf einem riesigen Krankenhausbett saß klein, schrumpelig und weiß, in einem viel zu großen Nachthemd mit lila Punkten darauf: meine Großmutter.

"Wir sind es!", stellte ich das Offensichtliche fest und nahm sie in den Arm.

"Ich will dir mal eins sagen, Kind!", zeterte sie als Begrüßung los: "Der Tod will mich anscheinend nicht!"

Ich schnaufe ein wenig amüsiert, als ihre Bettnachbarin zusammenzuckt und murmelt: "Das sagt man doch nicht..."

"Die ist noch grün hinter den Ohren. Erst 86. Hier!"
, fuchtelt Oma mit ihrer Leberwurststulle vor meiner Nase herum. "Setzt euch und erzählt mir, warum ihr hier seid!"

"Ähm. Oma. Du hast gesagt, du stirbst jetzt einfach? Das geht doch nicht ohne tschüss zu sagen..."  Sie lacht.
Das Tochterkind sammelt sich ob einer sehr fidelen und motzigen Urgroßmutter, die weit von dem entfernt ist, auf das ich sie auf der Fahrt hierher schonend vorbereitet habe.

Sie isst. Trinkt. Bewegt sich.
Es scheint besser zu gehen als im Heim, in dem sie sich auch nach drei Jahren noch nicht eingelebt hat.
Trotz Medikation gegen ihre Depressionen, trotz Ablenkung. Es ist nicht ihres.
Sie hat es sich nicht ausgesucht, von meinen Eltern dort hineingesteckt zu werden und dann nichts mehr von ihnen zu sehen.

Sie will seit langen Monaten nur noch sterben, ich weiß das.
Wir sprechen jedes Telefonat darüber, doch es klappt einfach nicht.

Doch noch nie war es so ernst wie dieses Mal.
Sie hat alles verschenkt, alles geregelt, sich von allen verabschiedet.

Ein hellwacher Geist in einem langsam verfallenden Körper.
Es ist ein Alptraum, der sie nicht mehr loslassen wird.

"Ich gehe nicht mehr zurück ins Heim.
Kuck mal, ob man die Fenster öffnen kann. Das ist doch der 6. Stock, oder?"

Ich seufze. "Du kommst doch nicht mal aufs Fensterbrett, Oma."

"Ach Scheiße!"
, flucht sie laut und ihre Zimmernachbarin starrt sie mit weit aufgerissenen Augen entsetzt an. 

Kati 13.02.2017, 13.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Vom Ziehen lassen

Der kleine Sohn streitet sich mit dem großen Bruder.
Wir haben mal wieder eine Phase der absoluten Vergötterung gepaart mit kontinuierlichem Sägen am Stuhl des Großen.

Also habe ich hier morgens zwei sehr sportliche, sehr mobile und laute Wettkämpfer, die durch mein Erdgeschoss toben, wüten, schreien, springen und spielen. Der große Sohn übt Nachsicht und lächelt milde, als der kleine Bruder zum wiederholten Male aus dem Hinterhalt angreift und auf seinen Rücken springt.
Ich liebe ihn sehr für dieses Lächeln.

Die Schulzeit naht und während sich der große Sohn seine riesigen Schuhe schnürt, ist der kleine Sohn mal wieder beim "Du hast aber...!"-Spiel angekommen. "DU hast aber gesagt, dass...", brüllt es in piepsiger Stimme durch die Diele und als Anwort kommt nur noch ein beruhigendes "Nein, das habe ich nicht gesagt, mein Süßer." vom großen Sohn, dessen bester Freund schon vor dem Gartentor steht und auf ihn wartet, damit sie gemeinsam zum Bus gehen können.

Das Nesthäkchen holt zum vernichtenden Schlag aus:
"Wohl! Dein linker Fuß hat das gesagt!"


Der Große sieht mich erst entgeistert an und grinst dann sein verschmitztes Lächeln, in das ich mich auch bei seinem Vater sofort verliebt habe.
"Mama, da fällt mir jetzt leider auch nichts mehr zu ein, das musst du jetzt mit ihm klären."

Spricht es, umarmt mich, küsst mich so beiläufig auf die Wange, wie wohl nur pubertierende Jungen es tun können und ich ahne, welch großartiger Mann mein Sohn einmal sein wird.

Der Kleine springt ihn von der Seite an und jault ein wehklagendes "Bis heute Nachmittag!" in sein Bein, während ich ihn vorsichtig von seinem großen Bruder löse und auf den Arm nehme.
Er weint, als wir hinter ihm herwinken und jammert - wie jeden Morgen - "Ich will nicht, dass er jetzt geht!" in meine Halsbeuge.

Und ich verstehe ihn so gut.
Nichts in diesem Leben tut so weh wie das Loslassen geliebter Menschen.
Und nichts ist wichtiger.

Kati 07.02.2017, 09.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

Training

Vielleicht habe ich ein ganz klein wenig vergessen, wie zeit- und fokusintensiv es ist, einen Junghund auszubilden. Vielleicht.

Es ist eine angenehme Erschöpfung, die sich in mir ausbreitet, wenn der kleine Braunbär, der eigentlich ein Hund werden wollte, und ich nach einer anstrengenden und erfolgreichen Trainingseinheit erschöpft aufs Sofa sinken und 15 Kilogramm Temperament plötzlich ganz weich und anschmiegsam werden.
Wenn der schwere Hundekörper sich an mich drückt und so lange in meinem Arm herumrakt, bis er wie ein Baby dort hängen kann und seine warme Schnauze genau in der Beuge zwischen Hals und Schulter zu liegen kommt.
Ein wohliges Seufzen, ein tiefes Ein- und Ausatmen und dann ist der kleine Kerl auch meistens schon im Land der Träume verschwunden.
Ich spüre sein Herz an Meinem und seinen Atem auf meiner Haut.

Zuhause. Einen kostbaren kurzen Moment lang.

Kati 13.01.2017, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Bären

Vegetarisch

Es zeichnete sich ab. Lange schon.
Schon als die Kriegerprinzessin klein war, behagte ihr das von mir immer offen kommunizierte Prinzip von "Wir müssen ein Tier töten, wenn wir Fleisch essen wollen" nie.
Gleichzeitig gibt es kein Familienmitglied, das so gerne Fleisch isst wie sie.

Nach weit über 8 Jahren stand vor zwei Wochen ihr Entschluss dann endlich fest.
"Ich möchte kein Fleisch mehr essen, Mama."
Die Tränen schossen ihr in die Augen.
"Ich lieb das so, Fleisch zu essen."

Ich nickte verständnisvoll.
"Aber ich kann das einfach nicht mehr, Mama."

Ich lächelte ihr zu.
"Dann machen wir das so, Motte. Ich helfe dir dabei."

Sie nickte stumm. Erschöpft.

Ich sehe den Zwiespalt in ihr. Jeden Tag.

Wir haben uns in den vergangenen Wochen auf die Suche nach Alternativen gemacht und ich fühle, wie schwer es im Alltag für sie ist.
Sechs von acht Familienmitgliedern essen Fleisch.
Der große Lieblingsbruder steht völlig fassungslos vor dieser Entwicklung und kommuniziert das auch unbarmherzig. "Aber Motte, du liebst doch Fleisch! Das willst du alles nicht mehr essen?"
Und schon sind sie wieder da, die Tränen.

Doch, natürlich will sie.
Und genau das macht die Größe und Tragweite dieser Entscheidung aus.

Kati 11.01.2017, 11.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: KinderKinder

Therapiehund

Als die Züchterin uns begrüßte, hatte ich eigentlich nur Augen für das Welpengewusel hinter ihr. Und war sehr gespannt auf "unser" Baby. Wir konnten ihn uns nicht aussuchen, sie hatte ihn ausgewählt, nachdem sie hörte, dass wir eine achtköpfige Familie sind, mit Katzen, Hasen, großem Haus und Garten. Ich gebe zu, ich wollte einen süßen, verträumten, tapsigen Welpen.
Nur für mich, ganz alleine.
Das hatte ich mir verdient nach dem Alptraum der letzten Monate.

Sie kam mit einem kleinen Tornado auf dem Arm wieder und drückte ihn mir an die Brust. "Das ist Ihrer."
Ich war heilfroh, Kontaktlinsen und keine Brille zu tragen, denn die wäre kaputt gewesen. Für Entsetzen oder Enttäuschung hatte ich kaum Zeit, denn das wilde kleine Ding biss mir erst vor lauter Aufregung ins Gesicht, versuchte dann, mit dreckigen und nassen und kratzigen Pranken meine Haut am Hals aufzubuddeln, während es an meinem Ohr kaute.
Das flauschige Erlebnis, das ich wie beim ersten Hund damals vor 20 Jahren erwartet hatte, blieb aus. Stattdessen setzte ich das Energiebündel auf den Boden, um es mir in Ruhe ansehen zu können. Mit Milch-Reißzähnen am Ohr ging das schließlich nur schwer.
Ich redete mit ihm und nach ca. 2 Sekunden Aufmerksamkeit wetzte es davon. Raste einmal unter dem Tisch durch, nahm Decken, Schuhe und Vorleger mit, sprintete zum Sofa, riss ein wenig an dem Kuhfell, das auf dem Boden lag und versuchte dann, in den Kamin zu klettern.
Als ich in die Hocke ging, es ansprach und die Arme ausbreitete, schoss es wie von der Tarantel gestochen auf mich zu, schnappte nach meiner Hand und riss mich fast zu Boden.
So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Ich sollte in den folgenden Wochen und Monaten lernen, mit welcher Berechtigung die Züchterin ausgerechnet diesen Hund für uns ausgesucht hatte. Hochintelligent, schnell von Begriff und lässt sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen.
Die Kinder, die nun alle auch schon ein gewisses Alter haben, dass sie nicht mehr unbeholfen mit Tieren umgehen, lernten sehr schnell, dass auch Milchreißzähne fest zubeißen können, wenn man Mist mit dem Hund macht. Dass Gekreische und Gehampel den Hund aufdrehen und dazu führen, dass man seine Beine und Füße in Sicherheit bringen muss.
Und - dass ein Tier kein Spielzeug ist. Gerade mit dem Hang des Zusatzkindes, Tiere sehr übergriffig zu behandeln, ein Segen.

Mich dagegen zwingt der Hund, mein eigenes Handeln immer auf Ruhe, Logik und Konsequenz zu überprüfen. Was macht er, wenn ich mich wie verhalte? Er ist ein Spiegel und Regulativ meines Verhaltens gleichermaßen. Ich merke, je angespannter ich werde, desto gestresster reagiert er. Wenn meine Nerven zum Zerreißen gespannt sind, dann macht er eben alle fünf Minuten eine Pfütze in den Flur, obwohl er stubenrein ist. Ich brauchte einige Zeit, um diesen Zusammenhang zu realisieren. Inzwischen verordne ich den Kindern Zimmerzeit, bevor es soweit kommt.
Schnappe mir den Hund und trainiere mit ihm, kaspere mit ihm herum oder lausche nur seinem Herzschlag an meinem.
Je trauriger ich werde, desto näher kommt er. Stupst mich mit seiner großen Schnauze an oder knabbert mir zärtlich am Arm.
Er ist ein guter Gradmesser, wo ich mich gerade befinde. Je besser es mir geht, desto weiter kann er sich von mir entfernt hinlegen. Je schlechter es mir geht, desto näher versucht er, sich an mein Herz zu kuscheln.
Und er erdet. Immer und überall.
Da ist kein Platz für Panikattacken, für Angst, für Zweifel.
Immer nur für das Hier und Jetzt. Und für das Atmen.

Kati 04.01.2017, 11.00| (2/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Bären

Zersetzung

Als ich so darüber nachdachte, wie ich die momentane Familiensituation hier beschreiben würde, waren meine ersten Gedanken: Es ist weder gut noch schön, aber es läuft einigermaßen. Und noch vor einem Jahr wäre alles in mir auf die Barrikaden gegangen, dass das kein Maßstab für ein Zusammenleben im Schutzraum Familie sein dürfte, aber ich bin müde geworden. Habe mich müde gekämpft. So viele Illusionen verloren. Gemeinsam mit dem Mann so viele Gespräche geführt, so viele Tränen geweint, so viel Reue empfunden. Wir bemühen uns. Womit wir nicht gerechnet haben: Dass wir unsere Kinder schützen müssen. Vor Lügen. Vor Manipulation. Vor Übergriffen. Vor Gewalt. Wir sind müde. Wir gehen zu einer Familientherapeutin, wir versuchen, unsere Kinder stark zu machen, wir versuchen, sie zu schützen, uns zu schützen vor dieser Situation, die uns mehr abverlangt als wir geben können. Wir versuchen nur noch zu überleben. Und das ist etwas, wo ich nie wieder hinwollte. Der Mann und ich haben so viele Jahre in den Aufbau eines sicheren Rückzugortes investiert und müssen nun zusehen, wie er langsam vergiftet wird.

Kati 02.01.2017, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: KinderKinder

Psychologensitzung beim Zahnarzt

Ich warte, dass die Betäubung wirkt. Normalerweise verlässt der beste Zahnarzt dieser Welt währenddessen den Raum, damit ich mich noch einmal etwas beruhigen kann und die wunderbarste Zahnarzthelferin des Universums kramt hier und dort etwas um mich herum, streichelt meinen Arm, über meinen Kopf, murmelt beruhigende Worte oder verwickelt mich in ein Gespräch über Belanglosigkeiten. Nicht so diesmal. Der große russische Bär, der nebenberuflich mein Zahnarzt ist, bleibt sitzen. "Jetzt erzählen Sie mal." Abwartend blickt er mich an. Flüssig schildere ich die Fakten, wie in den letzten sechs Monaten so häufig. Ich kenne mein Verslein. "Nein!", unterbricht er mich. Er tippt mir auf die Brust. Ein erbostes "Da!", kommt in schleppendem russischen Akzent aus seinem Mund. "Können Sie das DA tragen? Oder ist zuviel?" Mir schießen die Tränen in die Augen, wie so oft, wenn mich jemand tatsächlich sehen kann. "Ich versuche es.", flüstere ich und beschließe, auf gar keinen Fall vor meinem Zahnarzt zu heulen. Die beste Zahnarzthelferin reicht mir Taschentücher, die eigentlich für die Behandlung gedacht waren und streichelt mir über den Arm. Nach einem langen Gespräch sind mein Kiefer und meine Lippe längst taub, als er sich brummend an die Arbeit macht und ich merke, wie ich innerlich zusammensacke. Es ist selten, dass wir mit jemandem offen darüber sprechen können, was diese Situation für unser Leben bedeutet. Die normale Reaktion unseres Umfeldes ist ein "Och, also ich könnte das nicht." oder ein wohlwollendes "Ihr schafft das schon.". Wirklich wissen, welchen Preis wir zahlen, will kaum jemand. Als er fertig ist und ich mit halb taubem Gesicht in den Spiegel blicke, nickt er entschlossen. "Wir machen Termin mit allen Kindern. Ich sehe mir Kinder und Zähne an. Dann wir sehen weiter." Ich grinse schief und muss wie jedesmal an meinen Großvater denken, dem dieser Mann und diese Situation sicherlich völlig normal vorgekommen wären.

Kati 21.12.2016, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Daily

Vom Lügen

Natürlich habe ich eigentlich keine Zeit. Und natürlich habe ich etwas anderes vor. Und natürlich liegt ihr Zuhause nicht auf meinem Weg. Nicht mal ein bisschen, nicht einmal fast. Aber als ich die Tränen in ihren Augen sehe, ihre Hilflosigkeit, ihren Trotz, ihre Wut, ihre Trauer und die Unfähigkeit, eine gute Tat auch einfach als Geschenk anzunehmen, lüge ich. Es ist wie eine zweite Haut, ich kann das gut, auch wenn ich mich vor langen Jahren dagegen entschieden habe. "Wirklich?", fragt sie mit erstickter Stimme und ich nicke lächelnd. Es ist mir egal. Und so fahre ich Kilometer um Kilometer in eine Richtung, in die ich nicht fahren wollte, dränge die Gedanken um den kleinen Braunbären alleine Zuhause zur Seite und höre zu. Niemand sollte bei einem Nervenzusammenbruch alleine sein. Niemand mit Angst, niemand in Not. Schon gar nicht, wenn es um die existenzielle Angst geht, ein weiteres Kind zu verlieren. "Der Tod hat doch schon eins!", bricht es trotzig aus ihr heraus. Ich kann nichts sagen. Nur zuhören. Als wir schon längst vor ihrer Haustür stehen, sitzen wir noch eine weitere Stunde nebeneinander, in der sich die Worte, die Tränen und all der Schmerz aus ihr in meine Welt ergießen. "Danke", flüstert sie leise, während sie ihre Maske wieder aufsetzt. Das laute Knallen der Beifahrertür durchbricht meine Gedanken. Ich fahre los. In die Richtung, aus der ich gekommen bin. Vielleicht hat das Leben einen Plan. Aber wer weiß das schon.

Kati 19.12.2016, 11.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Schwere [Verrat]

Es ist zwei Jahre, drei Monate und 19 Tage her, seit das kostbare, zart schimmernde und zerbrechliche Gefäß namens Sicherheit und Vertrauen in meinem Herzen implodiert ist. Lange Zeit. Kurze Zeit. Eine Zeit voller Schmerz, Hass und... Liebe. Vor allem Schmerz und vor allem Liebe. Aber das negiert nicht den Hass. Das Gefäß ist im Laufe dieser zwei Jahre wieder zusammengeklebt worden. Immer und immer wieder ausgebessert. Es füllt sich nicht mehr so gut wie vorher. Es sind an vielen Stellen kleine Löcher geblieben, deren Scherben wohl unwiederbringlich verloren gegangen sind. Die Klebe- und Bruchstellen geben unter Druck nicht mehr so leicht nach wie noch vor einem Jahr oder einem halben, aber das Gefäß ist nicht mehr das, was es vorher war. Die Aussicht darauf, dass es das auch niemals mehr sein wird, bringt mein Herz an manchen Tagen schier zum Zerreißen.
Wissen kann man nicht zurückgeben.

Kati 05.12.2016, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Ehe

Stille [Insel]

Es ist still im Auto. Es ist der einzige Moment des Tages, an dem in meinem Leben wirkliche Stille herrscht. Alle großen Kinder in der Schule, das Kleinste im Kindergarten, der Mann bei der Arbeit. Der Einkauf liegt hinter mir und ich sitze in meinem Auto. Vor mir liegt die Adventsausgabe unserer Kirchenzeitschrift. "Hoffnung braucht Nahrung" schreibt dort unsere Pfarrerin über die Adventszeit und das, was uns die Dinge aushalten lässt. Ich lese mich durch die Texte und beiße ab und an von meinem Brötchen ab, das ich mir gerade gekauft habe. Im Kofferraum liegt der kleine Braunbär, der mal ein Hund werden wollte und dann doch irgendwo falsch abgebogen ist. Er schläft.
Ich kenne meine To-Do-Liste für den Tag. Ich kenne jede Aufgabe, jede Sprosse meines Hamsterrades. Aber dieser Moment gehört mir.
Ich sitze hier und genieße es, die geschäftigen Leute um mich herumeilen zu sehen. In den Supermarkt, aus dem Supermarkt, zur Caritas, auf den Parkplatz, mit dem Hund spazieren, den Kinderwagen schiebend, ein oder mehrere Kinder hinter sich herziehend oder vor sich herscheuchend und in meinem Auto höre ich nichts davon. Die Welt schrumpft auf mich, mein Brötchen und ab und zu ein leises Babyschnarchen des Hundes zusammen. Es geht mir gut.
Fünf Minuten später ist es eiskalt im Auto. Das Brötchen aufgegessen, die Zeitschrift durchgelesen und der Hund aufgewacht. Es geht weiter.
Bis morgen. Morgen früh wird dieser Moment wieder mir gehören. Ich freue mich darauf und halte mich verzweifelt daran fest, während der Tag wieder meinen Namen schreit.
Ja. Hoffnung braucht Nahrung.

Kati 28.11.2016, 06.00| (1/1) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Daily

Von der Sehnsucht [Opa]

Ich spürte seine Anwesenheit hinter mir, bevor ich ihn hörte. Und ich musste mich umdrehen.
Musste sehen, musste fühlen, dass nicht er es war, sondern ein anderer.

Ich hörte das tiefe, volle, tönende Lachen und ich sah in ein lachendes Gesicht. Er ist es nicht., flüsterte eine atemlose Stimme in mir. Er ist tot. Lange schon. Geh weiter.
Aber ich konnte nicht. Ich sah.

Und ich stand mittem im Gang eines Supermarktes, starrte diesen Mann an und konnte mich nicht rühren. Er sah mich. Fragend, wundernd sah er mich an. Lächelte.
Ich lächelte zurück und sah ihm hinterher, wie er an mir seinen Wagen vorbeischob und sich lauthals mit seiner Frau über die Angebote unterhielt.
Dieselbe Stimme. Dieselbe Haltung. Ähnliches Aussehen. Und diese Liebe. In allen Worten diese Liebe.
Heiße Tränen schossen mir in die Augen und ich wandte mich dem Regal mit Schokolade zu, wo ich blinzelnd versuchte, meine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen.

Eine halbe Stunde bin ich hinter ihm und seiner Frau hergeschlichen.
Habe mir beim Einkaufen Zeit gelassen und habe jedes Lachen, jedes Necken, jedes Wort in mein Herz geschlossen.
Ich kam mir albern vor. Gestört. Verstört. Verstörend. Aber ich konnte nicht anders.
Als wir an der Kasse waren, warf ich einen langen letzten Blick auf ihn und winkte innerlich ein leises Lebwohl.
Wie damals schon.

Du fehlst mir. So sehr. Auch nach all den Jahren noch.

Kati 25.11.2016, 06.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Erinnerungen

Erbsenstein

Die Träume sind wieder da.

Seit einigen Wochen nun schon setzen sie sich dunkel, verstörend und destruktiv in meinen Nächten fest.
Nächte, die nicht mehr erholsam sein können. Nächte, die gefürchtet sind, wenn die Stunde naht. Träume, aus denen ich schweißgebadet aufwache, voller Panik, Angst und Hass. Schwärend.

Vor vier Tagen ist nun mein geliebtes Tier gestorben, das mir in den Stunden mit der Nase in seinem steingrauen Fell so viel Frieden schenken konnte, seit unser Leben nicht mehr unseres ist.

Immer noch oben drauf, immer noch mehr, immer schwerer, immer tiefer.

Seit vier Tagen brennt die Kerze ununterbrochen.
Trotz Sturm, Regen und Hagel.
Vier Tage, seit wir ihn in sein nasses, dunkles Grab gelegt haben.
Vier Tage schon.
Vier Tage erst.

Ich mag nicht mehr in den Stall zu den anderen Tieren gehen.

Mir fehlt das Grau.

Kati 19.11.2016, 12.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Auf den Hund gekommen [Ludwig]

Seit drei Wochen ist er nun hier.

Der kleine Kerl, nach dem der Mann und ich uns schon so lange sehnten und den wir uns wegen "der Umstände" so lange verboten haben, bereichert nun unser Leben und schafft es, meinen Fokus ganz spielerisch von all den Problemen wegzulenken, die mich immer tiefer in den schwarzen Abgrund ziehen.

Zwischen Kinderpsychiatrie, Supervision, Angst und Überforderung und einem Alltag, der für acht Menschen erst einmal organisiert werden will und in unserem speziellen Fall auch durch viel Morast bewältigt werden muss, ist der kleine braune Schokokeks mein Licht, das mich nach oben sehen lässt.

Loslassen ist meine größte Herausforderung.

Und wenn ich morgens weinend in der Küche stehe und für einen weiteren Tag weder ein noch aus weiß, dann sitzt da jemand, der - meistens mit einem meiner Schuhe in der Schnauze - ganz unmissverständlich fordert:

Ich bin hier. Komm du auch zurück ins Hier und Jetzt.

Kati 18.11.2016, 06.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Bären

Supervision [Hoffnung. Erleichterung.]

Gestern war es soweit. Der Mann und ich hatten unsere erste Supervision.

Wir sind jetzt nach drei Monaten am Ende unserer Kräfte und ehrlich genug, das auch einzusehen.
Die Therapeutin lauschte uns gestern über eineinhalb Stunden lang, bis wir alles einmal auf den Tisch gepackt haben.

"Das ist viel."
, sagte sie. "Sehr viel."

Was jetzt folgt, sind Hilfen, die wir von außen bekommen.
Für das, was die Kinder mitgebracht haben, stehen große und furchtbare Worte im Raum.
Und all das ist inzwischen zu groß für unser Zuhause, für uns als Paar, für unsere Familie, für unsere Kinder.

Wir wollen Eltern sein.
Keine Trainer, keine Psychotherapeuten, keine Verhaltenstherapeuten, keine Freunde, kein Fachpersonal.
Eltern.

Ich freue mich über die Wege, die uns aufgezeigt wurden.
Nicht nur für die Kinder, sondern auch für uns.

Für mehr Zeit zu Zweit, um unser neues Leben zu sortieren, zu ordnen und vielleicht sogar mögen zu lernen.

Kati 29.09.2016, 06.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: KinderKinder

Gute Reise [Schwiegervater]

Ach, ich habe so lange überlegt, was ich dir schreiben soll.
Ob ich dir schreiben soll.
Ich habe mich dagegen entschieden.
Du warst mir auf den ersten Blick sympathisch.
Ich dir nicht.
Jetzt ziehst du weg.
Ich bin in deinem neuen Zuhause nicht willkommen.

Vielleicht hören wir uns noch einmal.
Vielleicht auch nicht.
Es ist ja nicht so, dass du jemals etwas über mich wissen wolltest.
Nimm die Lügen, die du über mich geglaubt hast, mit.
Es ist wie es ist.
Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du dort glücklich wirst.
Leb wohl.

Kati 23.09.2016, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe an...

Das andere Ende [Uroma]

"Kind, ich bin soweit, dass ich jetzt sterben kann. Aber das Leben lässt mich ja nicht."

Sie seufzt. Ich seufze mit. Was soll ich auch schon sagen?

Oma, ich möchte nicht, dass du stirbst? Wie bescheuert.
Natürlich möchte ich nicht, dass sie stirbt, aber wer bin ich, dass ich mich darüber erhebe, was für sie das Richtige ist?
Das Leben ist für sie nicht mehr lebenswert und das ist ihre ganz persönliche Sache, die ich respektiere. Zu einem selbstbestimmten Leben gehört auch ein selbstbestimmter Tod.
Ja. Leider geht das nicht immer so, wie man sich das vorstellt.

"Meine Nachbarin, die ist ja einfach gesprungen. Natürlich haben sie uns gesagt, es war ein Unfall. Aber wie unbeabsichtigt kann man über ein Geländer klettern und aus dem Fenster springen? Naja, ist auch nicht verkehrt. Aber ne Riesensauerei." Ich muss schmunzeln. Ja, das ist eher nichts für meine Großmutter. Alles, was mit einer Sauerei verbunden ist, scheidet schon mal aus.

"Aber jedesmal wenn ich mich hinlege und mir vornehme, ich sterbe jetzt - was glaubst du, was dann passiert? Genau. Ich wache einfach am nächsten Morgen wieder auf. So ein Schiet."
Ich lache laut los.
Wir diskutieren ausführlich über verschiedene Sterbearten und über das Altwerden im Allgemeinen und über ihre grauenhaften Mitbewohner im Heim.

Das Übliche und ich spüre, wie ihre Stimmung sich etwas aufhellt. Sie fragt nach den Kindern.
Ich erzähle aus unserem Alltag und von unseren Problemen und den Fortschritten, die wir machen.
Sie lauscht andächtig, fragt zwischendurch immer wieder nach und ich höre, wie sehr sie Anteil nimmt.

Es ist so furchtbar, dass sie soweit weg wohnt.
Wir haben so viele Möglichkeiten durchdacht, aber wir schaffen es einfach nicht, sie hierhin zu holen.
Ein Heim in der Nähe wäre nicht das Richtige und ein Platz hier zuhause ist kaum realisierbar.
Selbst wenn wir es emotional schaffen würden, was in unserer momentanen Situation auch schon fraglich ist - der Umbau wäre zu umfangreich, um ihn bezahlen oder selbst realisieren zu können. Der mangelnde Platz ist ein weiteres Problem.

Ich seufze erneut. Sie seufzt mit. "Ach Kind."

"Ach Oma.", sage ich und sie summt ein bisschen, wie ich es schon aus Kindertagen von ihr kenne.

Mir tut das Herz weh. Ich weiß, worauf sie wartet.
Sie wartet auf meinen Vater.
Und ich weiß, dass sie vergeblich auf ihn warten wird.

Kati 22.09.2016, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Oma mit der Uhr dran

Alles hat seine Zeit [Kerstin]

Das Leben hat ein verdammtes Scheiß-Händchen für Bühnenbild und Beleuchtung.
Es ist früh, es ist kalt, wir stehen auf einer Bergspitze inmitten all unserer Kinder unter freiem und strahlend blauem Himmel.
Der Ausblick ist atemberaubend und die Sichtweite endlos.
Es ist das Leben. Pur, klar, rein.
Und in all dem Gekreische und Gejohle schrumpft unsere Welt plötzlich auf unsere beiden Augenpaare zusammen.
Ich sehe in Augen, wie ich sie grauer und schmerzerfüllter noch nie gesehen habe.
"Du hast zwei Kinder dazubekommen?" Ich nicke.
"Sie hat es nicht geschafft?" Ich schüttle stumm den Kopf.
"Ich muss auch bald sterben", sagt sie leise und ich kann sie nur fassungslos anblicken.
Das Blut rauscht durch meine Adern und ich höre nur noch meinen Pulsschlag und sehe nur noch ihre Tränen.
"Nein.", ist das Erste, das ich sage, "Deine Zeit ist noch nicht gekommen."
Ich kenne diese Frau nicht. Nicht wirklich.
Ich öffne die Arme und drücke diesen zierlichen kleinen Menschen an mich.
Das darf nicht sein, das kann einfach nicht sein. Nicht schon wieder.
Und so stehen wir dort und weinen.
Jeder für sich und doch miteinander. Die Worte, die wir wechseln, kommen und gehen von Herz zu Herz.
Es gibt nur wenig, das den Kontakt zwischen zwei Menschen ehrlicher macht als der Tod.

Viel später wandern meine Gedanken zu der Frau, die ich so viel besser und so viel weniger kenne.
Was macht das Leben da?

Kati 21.09.2016, 06.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: vom Leben und Sterben

Freundschaften [Unterschiede]

Der Sohn hat seit mehreren Tagen seine beiden besten Freunde hier.
Das bedeutet im Wesentlichen: leerer Kühlschrank, verwüsteter Garten, viel Geschrei, blaue Flecken, Blut und zwei Stunden xBox zur freien Verfügung am Tag.

Gerade spielen alle drei gemeinsam mit der Kriegerin ein Spiel, in dem sie deutlich besser ist als der Kobold.
Der Sohn hat in dieser Hinsicht eine eher geringe Frustrationstoleranz und meckert und motzt sie an, was das Zeug hält.

Sie kennt ihn ihr Leben lang und weiß das ganz gut zu nehmen.
Grinsend versetzt sie ihm einen weiteren Schlag und kichert.
Er wirft wütend seinen Controller auf Sofa.

Besuchsfreund1 sieht ihn interessiert an und sagt beruhigend:
"Lass dich doch nicht ärgern! Das ist alles Fleiß, Übung, Spaß und schlussendlich ist es sowieso nur ein Spiel."

Besuchsfreund2 schubst ihn fassungslos vom Sofa und brüllt:
"Alter! Lass dich doch nicht so von deiner kleinen Schwester abziehen! Da kannst du ja gleich sterben gehen!"


Ich lieb sie.
Alle miteinander.

Kati 12.08.2016, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: KinderKinder

Vom Großwerden

Das wunderbare große Kind macht heute sein zweites Praktikum und ich sehe ehrfürchtig auf dieses hochgewachsene wunderschöne Menschenkind, das ich doch erst gestern neugeboren in meinen Armen hielt.
Es geht mir zu schnell und gleichzeitig genieße ich sie so sehr, wie sie sich verpuppt und schon bald aus ihrem Kokon schlüpfen wird, bevor sie dann die Flügel ausbreitet und in die Welt davonfliegt.
Sie strahlt von innen heraus und ich könnte manchmal einfach nur dasitzen und ihr zusehen und sie dabei anhimmeln.
Natürlich reiben wir uns aneinander, natürlich findet sie mich manchmal doof und ich sie mindestens genauso, aber ohne diese Ablösung wäre ein Verpuppen ja auch gar nicht möglich.
Also genieße ich einfach jeden Tag mit ihr und beobachte mein erstes Kind, wie es sich langsam auf den Weg macht.
Meine geliebte kleine Giftbeere.

Kati 04.07.2016, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: KinderKinder

You‘ll never walk alone...

Es ist ein wunderschöner Tag heute.
Kalt, sonnig.
Strahlend blauer Himmel.

Heute ist deine Beerdigung.

Wo ich meine Kinder gerade mit einem Kuss, einer Umarmung und einem Ich liebe euch verabschiedet habe, stehen deine Kinder heute ein achtes Mal ohne Mutter auf.

Ich wünschte... Ich wünschte vor allem, dass du mehr Zeit gehabt hättest.
Egal, was war.
Das ist ein Gedanke, der mich die zweieinhalb Jahre, die du nun gekämpft hast, nie losließ.

Ich wünschte, du hättest deine Kinder ins Erwachsensein begleiten können.
Ich wünschte, du hättest mehr Zeit gehabt.

Und ich wünschte, ich könnte mehr Verständnis für deine Entscheidungen aufbringen.

...don‘t be afraid of the dark.

Machs gut.

Kati 21.04.2016, 06.00| (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Briefe an...

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Die Hasenvilla

Kati 01.01.2000, 12.00| PL | einsortiert in: tierisch

Henriette

Schwarzer Wirbelwind.

Abrakadabrador. 
Schnapprador.

Hochbegabt, schnell, fleißig und immer gut gelaunt.

Lässt sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen.
Arbeitet sich in der Rangfolge hoch und scheitert (noch) am Bollwerk Ludwig.

Theatralisch mit Hang zur Dramatik.
Ist einer herzhaften Rauferei mit den Jungs nie abgeneigt.
Piesackt sie für ihr Leben gerne.

Jägerin mit Ambitionen.



Kati 01.01.2000, 12.00| PL | einsortiert in: Bären

Asgard

Dr. Lämmi Arztgard.
Das Lämmlein.
Tiefbegabt, chronisch ratlos.

Wenn Rantanplan und Odie einen Sohn hätten, dann hieße er Asgard.
Sitzt in Dingen.

Fragt sich den Großteil seiner Zeit, wer er ist, wo er sich befindet, warum jemand mit ihm spricht und wo das Essen steht.
Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.


Der lebendige Beweis dafür, dass Liebe nicht an Leistungsfähigkeit gekoppelt ist.
Ist das Gegenteil von Ludwig und oft genug dessen Nemesis.

Hat nie sein Babyfell verloren und fühlt sich an wie ein Lamm.
Ignoriert die Tatsache, dass er zu groß ist, um auf den Arm genommen und herumgetragen zu werden.

Weint gerne. Vergisst aber meistens, warum.



Kati 01.01.2000, 12.00| (1/0) Kommentare (RSS) | PL | einsortiert in: Bären

Ludwig

Bulldozer.
Mami.
Berserker.
Seelenhund.

An Ludwig kommt man ohne Erlaubnis nicht vorbei.
Außer, man hält ein Hasenbaby in der Hand. Dann kann man eigentlich machen, was man möchte, während der Mutterinstinkt in diesem Hund alle Mannschärfe ausknipst.

40 Kilo Kuschelbär.
40 Kilo Muskeln mit Zähnen.

Verzweifelt regelmäßig an Asgard und versucht, Henriette zu einem sozialen Wesen zu formen.
Braucht sein Decki, um manchmal die Welt draußen zu lassen.

Die unangefochtene Nr. 1 im Rudel.
Kontrolliert alles und kann machen, dass auch unsportliche Menschen rennen.



Kati 01.01.2000, 12.00| PL | einsortiert in: Bären



Das Tragische an diesem Leben ist nur, dass es auf einer wahren Geschichte beruht.

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you want. It doesn't matter anyway.